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Alunys‘ Expedition durch Troy

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Cover Alunys' Expedition durch TroyWie es bei groß angelegten Projekten oft so droht: Es gibt Wiederholungen, die Luft wird manchmal dünn und dann geht sie den Autoren auch öfters mal aus und sie können irgendwann kaum mehr Neues bieten, sondern variieren nur noch das, was sie bislang immer schon im Laufe des Monumentalwerkes geboten haben. Fans freut das natürlich bisweilen, da sie wissen, was sie erwarten können und nicht oft enttäuscht werden. Das Besondere geht dann allerdings verloren. Alunys‘ Expedition durch Troy ist ein neuerlicher One-Shot, der in Christophe Arlestons ausuferndem Troy-Universum angesiedelt ist. Dabei ist dieses weitere Spin-Off beileibe nicht schlecht – ganz im Gegenteil, es ist wieder sehr witzig geraten und hat vor allem einige sehr schöne satirische Seitenhiebe zu bieten.

Der titelgebende Alunys ist einer der Weisen von Troy, der am Konservatorium von Eckmül lehrt. Als eines seiner Experimente schief geht, muss er sich Teile seines Charakters und seiner Erinnerungen mit seiner Katze teilen. Ausgerechnet jener Teil, der weiß, wie man die Folgen umkehren kann, liegt aber nun im Katzenhirn. Also entschließt sich Alunys, eine Expedition zu wagen, um die einzigen Wesen zu finden, die alle Sprachen des Universums zu sprechen vermögen. Begleitet wird er von einer jungen Frau, die gerne die erste Weise von Troy werden möchte, und einem eitlen arroganten Studenten.

Seite aus Alunys' Expedition durch TroySchon anhand dieser Inhaltsangabe ahnt man: Die Story ist nicht gerade ausgefeilt. Hier wird keine Saga erzählt, sondern einfach nur eine vergnügliche Abenteuergeschichte mit vielen Seitenhieben. Vor allem die Psychoanalyse und der Feminismus bekommen hier ihr Fett weg. Wobei gerade im letzteren Fall deutlich zu merken ist, dass sich Arleston die Schreibfeder mit einer Frau teilt, da hier das kritische Potential nicht deutlich ausgeschöpft wird. Als ob sich der männliche Autor nicht recht traute, weil ihm eine weibliche Autorin zur Seite stand. Dafür ist die Troy’sche Neuerfindung der Psychoanalyse sehr gut gelungen und es ist urkomisch, wie die Studentin einer Vergewaltigung durch Piraten entgeht, indem sie den Kapitän analysiert. Eindeutig eine der besten Szenen nicht nur diesen Bandes, sondern der gesamten Troy-Saga.

Erstaunlicherweise ignorieren Arleston und Melanyn einige Eigenarten der Welt von Troy. Dass jeder Einwohner eine spezielle Zauberkraft besitzt, spielt nur in einer einzigen Sequenz eine Rolle (dort aber auf sehr effektive Weise, da es die Figur zusätzlich lächerlich macht). Manch anderes hätte man aber gerne etwas ausführlicher gesehen, wie etwa die Reibereien zwischen zweien der Helden, aber dennoch macht der Einzelband Laune. Was auch daran liegt, zum Vor- als auch Nachteil, dass der Humor hier deutlich wichtiger ist als die eigentliche Story. Vor allem Katzenliebhaber wird das freuen.

Die Zeichnungen von Eric Cartier können viel Witz im Detail aufbieten und so betrachtet man sie durchaus etwas länger –auch weil einige Panels etwas unübersichtlich geraten sind, besonders beim Kampf gegen ein Monster. Letztendlich gehört dieses Album zwar nicht zu den besten aus dem Troy-Universum, ist aber sehr unterhaltsam und lustig und demnach zu empfehlen.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Nicht die beste Troy-Geschichte, aber sehr unterhaltsam und lustig, wobei man manches gerne ausführlicher gesehen hätte.

 

Alunys‘ Expedition durch Troy
Splitter Verlag, September 2013
Text: Christophe Arleston / Melanyn
Zeichnungen: Eric Cartier
Übersetzung: Tanja Krämling
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-417-8
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Der Seewolf

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Cover Der SeewolfMit seinem aktuellen Comicwerk geht der französische Künstler Riff Reb’s keine Experimente ein: Die Geschichte ist eine getreue Adaption des Romanklassikers Der Seewolf von Jack London, stilistisch baut er auf seinem früheren Comic An Bord der Morgenstern (Carlsen) auf.

Über 100 Jahre hat die Vorlage von Jack London bereits auf dem Buckel, dennoch ist sie auch heute hochaktuell und frisch. Erzählt wird vom Schiffbruch des gebildeten und wohlhabenden Literaturkritikers Humphrey van Weyden, der vom exzentrischen Kapitän Wolf Larsen aufgelesen wird und auf dessen Robbenfänger Ghost landet. Van Weydens Wunsch, an nächstgelegener Küste abgesetzt zu werden, verweigert Larsen und zwingt seinen unfreiwilligen Passagier zu Zwangsarbeit als Küchenhilfe. Wie der Rest der Crew ist er damit weniger Arbeiter als vielmehr Gefangener des tyrannischen Larsen. Doch hinter der Grobschlächtigkeit und Brutalität des Kapitäns verbirgt sich überraschenderweise ein tiefsinniger Kern. Weyden und Larsen diskutieren über Philosophie und Literatur und während Weyden lernt, sich dem rauen Überlebenskampf anzupassen, entspinnt sich zwischen den beiden eine undurchsichtige Beziehung aus Hass und gegenseitiger Bewunderung.

Seite aus Der SeewolfLeider ist in Riff Reb’s Comicversion nicht allzu viel Platz, um diese Beziehung in aller Ausführlichkeit darzustellen (trotzdem sind bereits die Ansätze dahingehend faszinierend). Anstelle dessen steht hier die wundervolle Grafik im Vordergrund. Von der unbändigen Gestalt Larsens bis hin zur brachialen Natur des wogenden Meeres gelingt dem Zeichner die Erschaffung einer sogartigen Atmosphäre. Tatsächlich fühlt man sich direkt an Bord der Ghost versetzt, einer Art schwimmenden Hölle mit Larsen als Teufel. Die detaillierten Bilder des Franzosen sind meisterhaft und dürften nach dem ersten Durchblättern für viele der Hauptgrund für eine Kaufentscheidung sein.

Wie in dem thematisch verwandten An Bord der Morgenstern setzt Riff Reb’s auf eine eher seltene Farbwahl: Jedes Kapitel ist unterschiedlich koloriert und besteht nur aus jeweils einem einzigen Grundton. Das verschafft eine imposante Optik, ist aber leider auch einer der Gründe, warum die Seiten, selbst bei den hellen Farbtönen, insgesamt recht finster geraten sind. Und das wiederum entpuppt sich dann als Nachteil, wenn man den Band als kleinformatiges Splitter-Book druckt. Carlsen hatte An Bord der Morgenstern ebenfalls in einem ähnlichen Format vorgelegt, was ich schon damals angesichts des Detailreichtums der Zeichnungen und der finsteren Kolorierung als eher suboptimal empfunden habe.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

In Ansätzen überzeugende Charakterzeichnungen, allerdings sind die starken Bilder prägender

 

Der Seewolf
Splitter Verlag, Juni 2013
Text und Zeichnungen: Riff Reb’s (nach Jack London)
Übersetzung: Tanja Krämling
136 Seiten, farbig, Hardcover mit Schutzumschlag
Preis: 24,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-636-3
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche 34/13

Unsere Links der Woche, Ausgabe 34/2013:

 

Kulturstaatsminister begrüßt Comicstiftung
Der Tagesspiegel, Lars von Törne
Ziemlich genau einen Monat nach der Verkündigung des Comic-Manifests, das seither mehrfach Thema an dieser Stelle war, gibt es eine offizielle Reaktion des in der Bundesregierung zuständigen Kulturstaatsministers, Bernd Neumann. Der hält die dort erhobene Forderung nach finanzieller Förderung der Comickunst für legitim, verweist aber gleich mal darauf, dass individuelle und direkte Förderung von Künstlern Sache der Bundesländer sei. Besonders begrüßt Neumann den sich in Gründung befindenden Verein Deutsche Comicstiftung. Weiter zitiert der Tagesspiegel den Minister: „Aus meiner Sicht kommt es für die Szene jetzt darauf an, dass spezielle Fördermöglichkeiten und -kriterien entwickelt werden, die auf die Stärken des Mediums Comic bezogen sind und sich dadurch von der klassischen Literatur- oder Kunstförderung unterscheiden.“

Fünf Fragen: Dr. Regina Uhtes | Helene-Lange–Gymnasium Dortmund
graphic-novel.info
Wie bereits in den letzten Links der Woche berichtet, bekommt das Dortmunder Helene-Lange-Gymnasium den Deutschen Lesepreis für ein Leseförderungsprojekt mit Comics. Die Website graphic-novel.info befragt dazu die zuständige Lehrerin.

An Open Letter To Young Freelancers
Thrillbent Blog, Mark Waid
US-Autor Mark Waid, ein Veteran des Comicbusiness, der derzeit u.a. mit großem Erfolg die Marvel-Serie Daredevil schreibt, gibt Tipps für freiberufliche Autoren und Zeichner, die Comics machen wollen. Darin geht es weniger darum, wie man den Einstieg in die Karriere findet, sondern vor allem darum, wie man mit dem nicht immer angenehmen Feedback von Redakteuren und Auftraggebern umgeht.

Adapting Graphic Novel for the Stage
The Wall Street Journal, Lizzie Simon
Verfilmungen von Comics aller Art kennen wir mittlerweile zur Genüge, eher selten ist dagegen eine Adaption als Musical. Bekannt geworden ist das Spider-Man-Musical am Broadway, aber auch ernsthafte Stoffe lassen sich adaptieren: Eine Musical-Version von Alison Bechdels autobiographischem Comic Fun Home hatte am 30. September im New Yorker Public Theater.

Fanfare
Aude Picault
Lustige Spielerei von Comiczeichnerin Aude Picault: Bau dir deine eigene Hymne! Kopfhörer auf und losklicken!

From The Gutters: Episode 101 – Matt Wagner, Part I
YouTube, From The Gutters
Der neue YouTube-Kanal From the Gutters will regelmäßig ausführliche Interviews mit Comickünstlern bieten. Gastgeber ist Jamie S. Rich, der als ehemaliger Redakteur von Dark Horse und Oni Press ein langjähriger Kenner der US-Szene ist. Sein erstes Gespräch führt er in der Küche und im Zeichenstudio von Matt Wagner, der vor allem durch seine Grendel-Comics aus den 1980er/90er Jahren bekannt wurde. Und zum Schluss wird dann noch gemeinsam gekocht.

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Wonder Woman // a short by Rainfall Films
Rainfall Films, Sam Balcomb
Von Fans gemachte Trailer für nicht existierende Comicverfilmungen hat man inzwischen vielleicht schon ein wenig zu oft gesehen, aber dieser hier sieht wirklich sehr schick aus:

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Alle Filmreferenzen in Guillermo del Toros Simpsons-Intro
Moviepilot, Stefan Tiess
Das wundervolle Intro zur aktuellen „Treehouse of Horror“-Folge der Simpsons, die heute im US-Fernsehen läuft und von Regisseur Guillermo del Toro (Hellboy, Blade, Pan’s Labyrinth, Pacific Rim) stammt, habt ihr bestimmt alle schon gesehen, weil der Clip seit Tagen im Netz herumgereicht wird wie kaum was anderes. Neu ist aber vielleicht diese Version, die versucht, möglichst alle Anspielungen zu erkennen und zu erklären, die del Toro in seinem Couchgag untergebracht hat.

Interview with Luke Pearson

Luke Pearson beim Comicfestival München (CC Siegfried Scholz)Hildafolk, the first comic book by cartoonist and illustrator Luke Pearson, published in 2010 through the small British publisher Nowbrow Press, was a surprising success. Its protagonist, a little girl who lives very naturally in a world full of trolls, giants and other fantasy creatures, doesn’t have to go on a classic hero’s journey but rather has some accidental, very charming little adventures which appeal to readers of all ages. This debut was followed by a series of hardcover books with two volumes so far. Aside from Hilda, Pearson draws illustrations for magazines and short comics for various anthologies, and in 2011 Nobroiw published Everything We Miss, a dark story about relationships, loneliness and loss.

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When German publisher Reprodukt published the first Hilda album in German in spring 2013, it earned much praise from critics. In summer 2013, Luke Pearson visitied some events in Germany like the Comicfestival in Munich, where we met him for an interview. Björn Wederhake (BW) and Thomas Kögel (TK) talked with Luke not only about Hilda and her world, but also about his other work, vinyl toys and his fear of „being found out“.

[Hier geht’s zur deutschen Version!]

 

BW: How many interviews did you already give this weekend?

Luke Pearson: Not many. Only two.

 

BW: Did you have a chance to enjoy the weekend and see some of the sights? I heard you were very jetlagged when you came over here.

LP: I wasn’t really jetlagged. I jetlagged myself. I mean, my flight was only two hours long. I just didn’t sleep very well. And I haven’t seen that much. I’ve pretty much just been stuck in these buildings and it’s been raining.

 

TK: Sorry for the weather.

LP: I feel like it’s my fault. I brought it with me.

 

BW: We thought: “British.” So you’d feel like home with a little bit of rain.

LP: Yeah, yeah.

 

TK: So, it hasn’t been too much stress for you. Are you going to be happy if it’s over?

LP: No, no. It’s been really good. All the signings have been kind of fun. Probably busier than any other place I’ve been. And I’ve definitely signed more books than I have at other festivals, I’d say. It’s been really nice. I’ve enjoyed it.

 

TK: And you have other dates in Germany in the next few days or months, I heard?

LP: Yeah, I’m here for two weeks overall, more or less. I’m going to Frankfurt after this, then Berlin, briefly. And then I’m going to Oslo for OCX festival there and I’m going there with Nobrow. And then I’m coming back for an event at the Literaturhaus in Hamburg with Ulf K. And that’s it. Then I’m going home, finally. It’s kind of a long trip, the longest trip I’ve done related to comics.

 

BW: Did you expect this when you started drawing and started doing comics, that this would all of a sudden be your lifestyle? For three weeks, you don’t see the cities, you’re just going through the motions.

LP: No, not at all. It’s been really cool. It’s kind of the last thing I expected to come out of doing comics to be honest. It’s probably the only chance I’ve had to go to different places and, yeah, that’s interesting. If I get the chance to go somewhere off the back of comics, then I try and take it. I mean, I really should be at home, doing work. I’m horrifically behind on a number of things, but … whatever. Like, I’ve never been to Germany before and I like to see all these cities and who knows when I’m getting the next chance.

 

Cover HildafolkTK: You mentioned Nobrow already. That’s your publisher in England. How did you come together and how did all these projects come along?

LP: Well, I discovered them while I was was studying illustration. And they held an illustration competition at some point, I think while I was in my last year. And that was just the kind of thing I was doing at that time, just entering competitions. Like, I wasn’t getting work, I was just looking for any excuse to do stuff, so I entered it and they kind of contacted me immediately after that. So, I guess they’d looked at my blog and I’d done some comics that I’d put online but I hadn’t self-published anything yet. And they were just starting their 17 x 23 series which is what Hildafolk is a part of. I think they’d done a couple of titles in that format previously. So I was basically given that format and I just had to come up with something to do for it. And Hilda wasn’t a fleshed out character but she was kind of a character I’d designed and drawn a few times and I’d had a really vague idea of the world that she lived in.

I kind of needed to come up with something quickly, basically, and I guess she was probably just lying around. Maybe I’d just been thinking about that picture recently, so I just sort of sent in this one picture. I said “maybe this?” and they gave me some other ideas as well, so I kind of left it to them at that point. But they were into that. So I did that and then, kind of quite soon afterwards, I did Everything We Miss. Maybe half a year afterwards? Because they were quite accomodating and keen on me doing something else. And at that point I made a point that I wanted to do a more adult book. Because the tone and voice that I’m using in Everything We Miss is kind of the place I felt like I was at that time, that was the kind of comics I expected to be making at that time. Because Hilda was almost a surprise to me. I didn’t really see myself as doing children’s comics or all ages comics at that point in time. I was maybe interested in it, but that wasn’t necessarily  what I was mostly thinking about.

 

BW: Basically, when your Hilda comics get reviewed, it’s like: “Kids will like it, but adults will too.” But when I read Hildafolk, I felt like: I’m not sure if I would give this to a kid. When I read this, I felt like there is also a lot of bleakness in Hildafolk, when I think of the woodman and what he says. I felt like this is beautiful, but it’s also quite depressing in a way. [LP laughs] Maybe melancholia is the term I would use.

LP: Yeah, I guess that was kind of conscious. I wasn’t really thinking that I wanted it to be bleak, but I wanted it to be … I’m not sure what the word is… like “dry” or like “matter of fact”. Like, I knew I wanted to kind of populate it with these fantasy elements, but she should kind of take everything in her stride. She doesn’t react in awe or particularly surprised to the stuff that’s happening. And I wanted it all to be kind of quiet and maybe a little bit melancholy.

 

Seite aus HildafolkBW: You said, you’ve got the world of Hildafolk pretty much in your head. Why did you choose this setting, his kind of pseudo-Scandinavian, “Peer Gynt”-ian place?

LP: Well, it’s just something I was interested in at the time. The seeds were planted in a project I did at university where we were asked to illustrate a map of a country. We were given a country and I was given Iceland, I think. And as a result of that I started reading up about Icelandic folklore. And I was already kind of loosely interested in that stuff. I just really liked the kind of vibe I was getting from that, about these little people who live alongside people in a kind of everyday way. I don’t know, that stuff was just in my head and I was reading up a lot about it and lots of the stuff in Hilda’s world is kind of drawn from that, but at the same time also mixed up with stuff I just made up, so it’s not a direct translation. But it is of the primary, heavy influence. The elves are pretty much lifted straight from that. And obviously visually, I was trying to capture the feeling that I got from reading those stories.

And I think, one of the reasons why Hildafolk is kind of melancholy or something to that effect is because I wanted to try and replicate the tone of those folk tales. Because they were kind of like oral folk tales that were just passed down and weren’t written, or they were written in a very plain language that’s really straightforward and not really descriptive. And they’re really short as well. They’ll just basically list these events, these crazy, surreal events but in an almost disinterested way. And they tell a story and then it just ends abruptly. Hildafolk had an even abrupter ending. I mean, it’s quite short anyway, so it was always going to be a brief comic. But I think I ended it even more abruptly in the first draft. But we decided to make it a little bit more exciting. At the start, there wasn’t any kind of threat from the Troll at all. It just kind of ended.

 

Seite aus Hilda und der MitternachtsrieseBW: Is this matter-of-fact, this dryness also the reason why you chose such a muted palette colourwise?

LP: I don’t know if it’s connected to that. I think, it’s just something that I’ve done. For some reason that’s just how I colour. That seems to be my thing, you know? I’m not entirely sure where that comes from.

 

BW: But you’re not interested in something where you’d be saying: “Let’s go completely the other way. Let’s work with popping colours”?

LP: Not really. When I’m colouring I don’t even really think of this as muted. I felt like Hilda was quite a colourful comic. I intentionally wanted to use a kind of limited palette. I don’t know, I don’t like a lot of full colour comic books. They just don’t interest me aesthetically if they use colours too thoughtlessly or something. I just like it to look like it’ll make sense. And that seems to have resulted in a way that’s kind of muted.

 

BW: We know Hildafolk is this format, because that’s how Nobrow works with this series. Now, if you take a look at the formats that you use: Why do you use them and is there any format where you say, I’d like to experiment with that a bit? Like, if you take a look at Chris Ware who goes completely bonkers with formats? Are these formats specifically chosen? Are there complete ideas behind that or is it like “okay, Hilda and the Midnight Giant is also for kids, so let’s do it a bit bigger” and Everything We Miss is just a standard format?

LP: Everything We Miss is another standard format, basically. Like at that time, Nobrow were doing a little series of books that would fit together. And they kind of gave me a choice. I didn’t really know what I was gonna do next and they just suggested a few things and I liked the idea of doing something that was about that size. They had done a couple of others that would fit, that had basically exactly the same dimensions. So that really was just the reason, which is not really interesting.

But the Hilda books? I guess partially, it’s bigger because it’s for kids. I just felt nostalgic for this album size. At that point I knew that I wanted to do a series. The first book was never intended necessarily to be part of a series. It might have been at the back of my mind that it was kind of a pilot or something. I was thinking back to reading Tintin and Asterix when I was a kid and I liked the idea of just playing to that tradition, you know? I think, if I was a French cartoonist or something I wouldn’t have been as interested in doing that because when you see those in a shop there, they disappear among all those other albums. They completely fit in. But it felt like in the UK it was an interesting thing to do because you usually don’t get those apart from in the European Imports section. So that does actually stand out. So that is why I wanted to do that.

 

BW: You said you felt nostalgic about Tintin and Asterix. So is that where you’re coming from comics-wise?

LP: Partially. I feel like I come from a fairly … I don’t know. I come from all over the place, really, as most people probably do. But Asterix is probably one of my earliest comics memories. My uncle had a big bookshelf, I think he probably had all of them. And I’d read those before I was old enough to really understand what they were and I’m sure they played a big part in my development somehow. I was thinking about those a lot when I was thinking about the panel structure and the layouts of these comics. Which is interesting, because they are very traditional comics.

But you mentioned Chris Ware and it feels weird to me, because that kind of thing is exactly what I was thinking about doing and hoping to do and kind of was doing with my other work prior to this, with my one-off comics and stuff in anthologies. And I still kind of experiment like that in those places. It’s almost by accident that I ended up doing these comics and I’m really relishing making them quite traditional, you know? But it’s interesting that just before this I was talking to Nobrow about a really big book that I wanted to do … like a one-man anthology kind of thing. Loads of different, massive pages with complicated, crazy layouts. That’s what I wanted to do. And I possibly still want to do, it just happened that I got started with this and now I’m into this and I want to see it through to a certain point.

 

Cover Everything We MissBW: Who are your inspirations? Because, now we mentioned Chris Ware. When I took a look at this page [from Everything We Miss], I felt like there’s a lot of Chris Ware in there and some other pages, I felt like there’s a bit of James Kochalka in there. Who are the people that influence your style?

LP: I don’t know, lots of people. Chris Ware definitely, he’s always in there a little bit. I always end up listing off the same people when I answer this question, even if I haven’t been thinking about them that much lately. I always say Chris Ware and then … and I don’t know how big of an influence he actually is now, but he always is kind of there.

But, yeah. Kochalka. I would never think to say that, but definitely. Like, I used to read American Elf every day for quite a few years. So, yeah, he influenced me quite a bit. And Kevin Huizenga, I feel that he’s a big influence on the look of Everything We Miss.

 

TK: Yeah, you’re right. The faces look very similar.

LP: … and all the guys on the What Things Do site. Jordan Crane is probably a big influence as well. But I feel like my influences are different from book to book. Obviously, I feel like these guys don’t particulary apply when I’m doing Hilda, at all. Maybe a little bit, sort of subconsciously. But I’m kind of drawing off a different pool of stuff there. Quite a different tradition of cartooning, maybe.

 

Seite aus Everything We MissBW: You said when you did Everything We Miss, that it was actually more what you wanted to do, because you felt this was in you at that time. So, what is the reason for Everything We Miss? Because this is really dark, so what’s the place that came from?

LP: In a big way, I think the place that came from is the place of having just done Hildafolk and wanting to prove some kind of a point [laughs]. It’s darker than … like, my head wasn’t in a particularly … I wasn’t having a breakdown or anything. I’m thinking people assume that it’s very autobiographical and it’s not particularly. It is as much as kind of anything is, but not directly. So, I wasn’t in a particularly unpleasant place at all. In fact, I was in a really good place when I was drawing it. When I made it, I maybe had the one of the best and nicest experiences I’ve had in drawing anything, way more pleasant and easy-going than drawing a Hilda book. She’s weird.

 

BW: Can you imagine doing something that’s played completely straight? Because even in here, you’ve got those little magical moments, you’ve got the funny moments, you’ve got the creatures that throw the asteroids. I was thinking about how to call this. Is this already Magical Realism or something else?

LP: Maybe.

 

BW: So, can you imagine going to a book where you say: Okay, I’ll leave all those cute elements or all those weird elements out and I’m going to tell a straight story?

LP: Yeah, I can. I’d like to.  I think, to be honest, the reason I haven’t is … it just honestly comes from my insecurities as a writer, maybe? Like, I think I use those elements as a crutch, maybe? For a straight, real life story it’s really gotta stand up to scrutiny. I mean, anything should, but if you throw some mysterious elements in there, it just adds another layer of interest. It’s probably a little bit where it comes from.

But that’s not really why that [fantastic] stuff is in Everything We Miss, because obviously that stuff is a big part of the book, you know? And I just like that stuff. It’s interesting to draw and it seemed right for that.

But yeah, I would like to do something straight at some point. And my next book, my next adult book — whatever that may be — may be that. But I haven’t settled on what that’s going to be, apparently.

 

Cover Hilda und der Mitternachtsriese BW: Do you want to feel in control with your comics? Because you’re writing and drawing them or can you also imagine writing a book for somebody else or drawing a story that somebody else sends you and says “I think you would be the right artist for this”.

LP: Hm. I think I like to be in control, to be honest. There’s been a couple of times where I’ve been close to drawing someone else’s story. But ultimately, I’m not particularly interested in that. I’d be interested in doing that in short bursts for maybe a four page comic or something. That’s actually something I’d be really interested in. And I have done that in fact. Like, I did a comic with Philippa Rice, who’s my girlfriend now. That was actually a fun experience, doing that. But for a whole book, I wouldn’t be interested. It wouldn’t feel like my thing. It’d feel like too much work and too much time to put into something that wasn’t mine. That I wouldn’t necessarily feel particularly connected to or proud of.

As far as writing goes: Potentially, I’d be interested in that but I really don’t see myself as a particularly good writer at this point. Like, maybe in the future if I felt more confident at that. But I always feel like that’s the weakest part of my work and that bothers me. That’s the part I worry most about, I think. So, yeah. I wouldn’t have the nerve to ask someone to draw my stories.

 

TK: If you say you want to improve in writing, do you read literature about writing? Books about script-writing or something like that? Or does it have to evolve naturally?

LP: I haven’t really, to be honest. No. I am reading a book at the minute about film directing. I don’t have any particular aspirations to be a director. But I do sort of have in the back that it’s got quite a lot about story structure and I’m thinking about it like that. And I’m gleaning some stuff from it. But that’s closely connected to Hilda, because I want those books to be quite tight, complete storylines and to be quite coherent and for everything to be rounded up. I want them to be quite controlled like that.

Whereas other work … If I was to do other work, I wouldn’t necessarily be particulary bothered or interested about that kind of traditional story structure or like closing of all the loose ends.

 

TK: On your website I saw a few works about music. So we thought it’s interesting: Do you listen to music while you’re drawing or writing or would you recommend music for the readers which they could listen to while they’re reading your works?

LP:  Not really, I don’t know. I always feel insecure and embarassed about my music taste. [laughs] Like, I never talk to anyone about it because I don’t know what’s cool. [laughs] I don’t know, I always feel weird about it. I do listen to music. [pauses] I guess I don’t listen to music when I draw. I kind of feel I have to work in silence a lot of the time, maybe more than some people. And I get very distracted. I feel like I can’t think if I’m hearing anything. Like, it does definitely affect me.

 

TK: So, you like to focus on the page.

LP: Yeah. I mean, I listen to stuff while I’m inking. I guess because it’s slightly more of a mechanical process. And colouring as well, because that’s a very mechanical process.

 

BW: How do you cope with the things that have happened to you in the last year? I mean, the press basically loves your stuff, I haven’t read a bad word about it anywhere.

LP: [laughs]

BW: You’re coming to those festivals and you’re treated as a guest of honor, you’re treated as someone special. And you seem really, really … well, rather quiet, rather withdrawn. I mean, just the way you’re sitting.

LP: [laughs]

BW: It’s fine, I do the same thing. But… does it feel natural to you? You just don’t seem the type that says: “Yes! Great! Here I am!”

LP: [laughs] Erm, eh. I don’t know. [pauses] I think anyone who lets … [pauses] too much praise in comics get to their head would be a fool. It’s all really nice and I’m really grateful. I’m really super pleased that people like my work. But at the same time, it’s also like it’s weird. A sort of alternate world. It’s only comics people who care about this stuff and it’s only a small pocket of comics people who care about this particular stuff. I feel like a lot of it is just smoke and mirrors.

 

BW: But still, have you become more self-assured? Because you always talk about your insecurities and things you feel you’re not quite that good at?

LP: No, if anything I feel like I’m constantly on the verge of being found out. Like I’ve tricked and pulled one over on everyone. I guess at some point the tide is going to turn and people are gonna realize it’s been some kind of mistake.

 

Hilda VinylfigurBW: Let’s move on there, because I don’t want to embarass you too much. It was just something that popped into my head.

Have you been approached about Hilda merchandising? Because: Cute animals, plushes, money. Is that something that you could consider or is that something where you say: Artistic integrity — or whatever — so: no!

LP: Well, we have done some Hilda merch. But Nobrow have no interest in getting anyone else to do it, but we’ve done a Hilda vinyl toy recently.  It’s just cool. It’s fine. I wouldn’t want there to be too much merch, I mean the thing about that toy is, that it’s a really nice figure. I really was just keen on… it was just fun to design and then see it appear. That was also really weirdly like a useful drawing exercise because I had to draw her all the way round.

 

TK: In three dimensions.

LP: And I had to learn how to actually draw things that I had been faking, like her hair. That’s actually the reason why she looks like this now [points towards the cover of Hilda and the Bird Parade]. That’s basically: I draw her as the toy. I realized, I can draw that hair from any angle if it’s a kind of a weird blob but I’d always drawn it just blowing vaguely in one direction in Hilda and the Midnight Giant.

 

Cover Hilda and the Bird ParadeTK: Now she also looks a little more like animation.

LP: Yeah.

 

TK: Which brings me to my next question. Is that anything that you can imagine: Some animated TV stuff or a movie about Hilda?

LP: Yeah, maybe. I’d be open to that. But that just depends on how things go. It wasn’t designed with that in mind. But at the same time, I’m into animation and in a way that’s kind of an influence on her design and the way I draw stuff. Like, I always wanted her to feel like quite a physical character who looks like she could … erm, how to explain it? I wanted her to have a certain weight to her and looks like she is actually moving. And I’m inspired by animation in that way.

 

BW: So, what’s the next non-Hilda-related thing you either have in your head or are already working on?

LP: I actually don’t have a big project that I’m aiming towards, currently. I do lots of other comics for anthologies or different sorts of publications. I tend to take any chance I can get, like when it’s a thing that seems interesting to me or something I’d like to be a part of. I quite like to use that as an excuse to do one to four pages of comics. And they’re usually quite varied, like I shift my style around and try different stuff out.

And I’ve done some sort of other comics related stuff, like I just did this big sort of comic for an exhibition for the V&A in London. Just like a big sort of five metre long comic on a wall, which is interesting. But that was to someone else’s script. But I don’t have a book in mind, necessarily.

I always think that I’d quite like to do some sort of collection of short stories, maybe. But I definitely don’t have a graphic novel in me, currently. Or at least I haven’t found anything that I feel strongly enough about to dedicate a few years of my life to. But that will probably happen at some point.

 

Cover SZ-Magazin vom 4.10.2013TK: You also do illustration jobs for magazines and stuff, New Yorker covers. Recently, I  saw you in the Süddeutsche Zeitung Magazin in Germany with an illustration.

LP: Yeah.

 

TK: I think it’s also necessary for you money-wise to do that and to balance the work, comics stuff and illustration stuff. How do you manage the balance of these things?

LP: Erm. [pauses] I enjoy doing illustrations. And I don’t particularly see it like: This is my boring day job and I’m just waiting to do comics.

TK: … because some comic guys do that …

LP: Yeah. I mean, sometimes, a little bit, I do. But I mean, I studied illustration and until right at the end of that I was fully ready to just do illustration. So, I am kind of fine with it and I enjoy it. And to be honest, I don’t actually do loads of illustration. I’ve been really lucky, really. I don’t have to work too hard to seek it out. I usually find that whatever the last thing I did kind of advertises me and so brings the next thing in. It seems to be mostly interesting stuff that comes my way. I’ve been fortunate. There’s never been a job that was like really well-paying but I didn’t have any interest in at all, that I took. It’s all been cool stuff. And a lot of the time there’s a weird cross-over. Now it seems a lot of the people who want illustrations want something in the style of a comic that I’ve done or even something that is a comic.

Although, one thing I definitely don’t do or always turn down is a promotional comic or a comic that would be an advert or something like that. Because that would be kind of soul destroying. I couldn’t do that. But I quite enjoy the surprises of just having one picture to do and making it as interesting and useful as possible.

But as far as balancing the time between them, I don’t balance it very well. I’m always tripping up and an illustration job will come up and totally destroy my schedule for that week. And I think, I’ll be able to just do it in a couple of days and it will roll on for days longer. And I feel like I’m constantly behind and being chased.

 

TK: I think that’s the problem of any artist.

LP: Yeah.

 

TK: So, I think basically we’re done. Thank you very much!

 

Images: © Luke Pearson / Nobrow Press / Reprodukt / Süddeutsche Zeitung Magazin
Photo: © Siegfried Scholz/Splashcomics, CC BY
-NC-SA 3.0)

 

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„Hilda ist seltsam“ – Interview mit Luke Pearson (OmU)

Luke Pearson beim Comicfestival München (CC Siegfried Scholz)Der britische Comiczeichner und Illustrator Luke Pearson traf im Jahr 2010 einen Nerv, als er beim kleinen Londoner Indie-Verlag Nobrow Press den märchenhaften Comic Hildafolk veröffentlichte, dessen Hauptfigur ein kleines Mädchen ist, das ganz selbstverständlich in einer fantastischen Welt voller Trolle, Riesen und anderer Fabelwesen lebt, dabei aber keine groß angelegte Heldenreise zu bewältigen hat, sondern eher kleine und zufällige, dafür umso charmantere Abenteuer erlebt, die Leser allen Altersstufen berühren und begeistern können. Aus diesem Debütband wurde später eine Serie im Albenformat, von der bisher zwei Ausgaben vorliegen. Daneben zeichnet Pearson Illustrationen für Magazine und Kurzcomics für verschiedenste Anthologien, außerdem liegt bei Nobrow Everything We Miss vor, eine düstere Geschichte über Beziehungskrisen, Einsamkeit und Verlust.

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Bei Reprodukt erschien im Frühjahr das erste Album der Hilda-Reihe (Hilda und der Mitternachtsriese) und erntete zahlreiche euphorische Kritiken. Im Oktober folgt die deutsche Ausgabe des Debütcomics Hildafolk (Hilda und der Troll). Im Sommer war Luke Pearson auf einigen Veranstaltungen in Deutschland zu Gast, unter anderem beim Comicfestival München, wo wir ihn zu einem ausführlichen Interview treffen durften. Björn Wederhake (BW) und Thomas Kögel (TK) sprachen mit Luke Pearson natürlich über Hilda und ihre Welt, aber auch über seine anderen Arbeiten, Spielzeugfiguren aus Vinyl und die Angst, als Schwindler enttarnt zu werden.

[Click here for the ENGLISH VERSION!]

 

BW: Wieviele Interviews hast du dieses Wochenende schon gegeben?

Luke Pearson: Nicht viele. Nur zwei.

 

BW: Konntest du das Wochenende genießen und ein paar Sehenswürdigkeiten besuchen? Ich habe gehört, du hattest ziemlichen Jetlag hattest, als du hier angekommen bist.

LP: Eigentlich nicht. Ich habe mir selbst Jetlag gemacht. Ich meine, mein Flug hat nur zwei Stunden gedauert – ich habe nur nicht besonders gut geschlafen. Und ich habe nicht sonderlich viel gesehen. Die meiste Zeit saß ich in diesen Gebäuden fest und es hat die ganze Zeit geregnet.

 

TK: Das mit dem Wetter tut uns Leid.

LP: Ich glaube, das ist meine Schuld. Ich hab’s mitgebracht.

 

BW: Wir haben gedacht: “Britisch.” Dann wirst du dich mit einem kleinen bisschen Regen ganz wie daheim fühlen.

LP: Ja, ja.

 

TK: Es war also nicht zu stressig für dich. Wirst du trotzdem froh sein, wenn’s vorbei ist?

LP: Nein, nein. Es war bisher wirklich gut. All die Signierstunden haben irgendwie Spaß gemacht. Hier ist vermutlich mehr los als an jedem anderen Ort, wo ich sowas bisher gemacht habe. Ich denke, ich habe auf jeden Fall mehr Comics signiert als bei jedem anderen Festival, auf dem ich war. Es war bisher wirklich nett. Ich hab’s genossen.

 

TK: Und ich habe gehört, du hast in der nächsten Zeit noch weitere Termine in Deutschland.

LP: Ja, ich bin insgesamt für etwa zwei Wochen hier. Zuerst geht es nach Frankfurt, dann kurz nach Berlin. Und dann fahre ich zum OCX-Festival nach Oslo, zusammen mit Nobrow. Danach komme ich zurück und nehme an einer Veranstaltung im Hamburger Literaturhaus mit Ulf K. teil, und dann fahre ich endlich heim. Ist irgendwie schon eine lange Tour, die längste, die ich bisher in Sachen Comics gemacht habe.

 

BW: Hast du sowas erwartet, als du angefangen hast zu zeichnen und Comics zu machen? Dass sowas mal dein Leben sein würde? Dass du drei Wochen lang keine Städte siehst, sondern nur das Programm abspulst?

LP: Nein, gar nicht. Es war alles wirklich cool. Wenn ich ehrlich bin, habe ich das am wenigsten erwartet. Das ist vielleicht die einzige Chance für mich, an diese verschiedenen Orte zu kommen und ja, das ist interessant. Wenn ich die Chance bekomme, wegen meinen Comics irgendwo hinzufahren, dann versuche ich, die auch wahrzunehmen. Und ich weiß, eigentlich sollte ich wirklich zuhause sein und arbeiten. Ich bin mit ‘ner ganzen Menge Zeug im Rückstand, aber … was soll’s. Ich war zum Beispiel nie zuvor in Deutschland und ich mag es, all diese Städte zu sehen. Wer weiß, wann ich die nächste Gelegenheit bekomme.

 

Cover HildafolkTK: Du erwähntest bereits Nobrow, den Verlag, bei dem deine Comics in England erscheinen. Wie habt ihr zusammengefunden und wie sind all diese Projekte entstanden?

LP: Nun, ich habe sie entdeckt, während ich Illustration studiert habe. Sie haben mal einen Illustrationswettbewerb abgehalten, ich glaube, das war in meinem letzten Studienjahr. Und das war genau das Ding, das ich zu der Zeit gemacht habe, einfach nur an Wettbewerben teilnehmen. Also habe ich teilgenommen und sie haben mich fast sofort danach kontakiert. Sie haben sich wohl auch mein Blog angeguckt, auf dem ich schon ein paar Comics veröffentlicht hatte, aber ich hatte noch nichts selbstverlegt. Nobrow startete gerade mit der Reihe 17 x 23, von der Hildafolk ein Teil ist. Man hat mir also im Grunde das Format vorgegeben [17 mal 23 Zentimeter, die Seitengröße der Buchreihe, Anm. d. Red.] und ich musste mir jetzt etwas ausdenken, was ich damit machen wollte. Hilda war da noch keine vollständig ausgearbeitete Figur, aber ich hatte sie schon entworfen und ein paar Mal gezeichnet, und ich hatte eine sehr vage Idee von der Welt, in der sie lebte.

Ich musste mir also schnell etwas einfallen lassen und ich schätze, Hilda lag da gerade einfach rum. Vielleicht hatte ich erst kurz davor an das Bild gedacht, also habe ich einfach dieses eine Bild an Nobrow geschickt. Ich sagte: “Das hier vielleicht?” Und dann haben sie mir auch ein paar Ideen vorgeschlagen, ich habe es also zu dem Zeitpunkt ihnen überlassen. Aber ihnen hat das alles gefallen, und so entstand Hildafolk. Und ziemlich schnell danach habe ich Everything We Miss gemacht, vielleicht ein halbes Jahr später. Nobrow war nämlich sehr entgegenkommend und sehr darauf aus, dass ich noch etwas anderes mache. Und zu diesem Zeitpunkt wollte ich einen erwachseneren Comic machen. Die Stimmung und der Tonfall, den ich in Everything We Miss verwende, spiegelt wider, wie ich mich zu jener Zeit fühlte. Solche Comics wollte ich damals machen. Hilda war nämlich fast so etwas wie eine Überraschung für mich. Ich habe mich eigentlich nicht als Zeichner von Comics für Kinder oder “all ages”-Comics gesehen. Ich hatte da vielleicht Interesse dran, aber das war nicht unbedingt das, woran ich die meiste Zeit dachte.

 

BW: Im Grunde ist es ja so, dass in Rezensionen deiner Hilda-Comics eigentlich immer steht: “Kinder werden das mögen, Erwachsene aber auch.” Aber als ich Hildafolk gelesen habe, war ich mir gar nicht so sicher, ob ich das einem Kind geben würde. Da steckt schon viel Düsteres drin, vor allem wenn ich an das Holzmännchen denke und daran, was es sagt. Ich fand das schon alles sehr schön, aber auch irgendwie ziemlich deprimierend. [Luke lacht.] Vielleicht würde ich den Begriff “Melancholie” verwenden.

LP: Ja, ich schätze, das habe ich schon bewusst so gemacht. Ich wollte es nicht gezielt düster gestalten, aber es sollte …  wie soll ich sagen … sehr nüchtern und selbstverständlich wirken. Ich wollte die Welt mit diesen fantastischen Elementen bevölkern, aber Hilda sollte sich durch nichts davon irritieren lassen. Sie zeigt keine große Ehrfurcht oder ist besonders überrascht von dem, was da passiert. Und ich wollte, dass alles irgendwie ruhig ist und vielleicht ein wenig melancholisch.

 

Seite aus HildafolkBW: Du hast gesagt, dass du die Welt von Hildafolk schon ziemlich weit im Kopf entwickelt hattest. Wieso hast du dieses Setting gewählt, diesen pseudoskandinavischen Ort, der ein wenig an Peer Gynt erinnert?

LP: Das ist einfach etwas, das mich damals interessiert hat. Die Saat wurde in einem Projekt gestreut, das ich an der Uni gemacht habe, wo wir die Karte eines Landes illustrieren sollten. Jedem wurde ein Land zugeteilt und ich bekam Island, glaube ich. Und dadurch fing ich an, mich in isländische Volkssagen einzulesen, ich hatte ohnehin schon ein lockeres Interesse daran. Mir hat einfach die Stimmung sehr gefallen, die das abgab. All das über diese kleinen Leute, die Seite an Seite mit normalen Menschen in ganz alltäglicher Weise leben. Ich weiß nicht, diesen Kram hatte ich im Kopf und ich habe mir viel darüber angelesen. Vieles von dem, was sich in Hildas Welt findet, stammt daher. Aber es ist gleichzeitig mit Dingen vermengt, die ich mir einfach ausgedacht habe. Es ist also keine direkte Umsetzung der isländischen Sagen, aber die sind schon der zentrale, größte Einfluss. Die Elflinge zum Beispiel sind ziemlich direkt davon übernommen. Und offensichtlich habe ich versucht, das Gefühl, das ich beim Lesen dieser Geschichten hatte, visuell umzusetzen.

Und ich glaube, Hildafolk ist deswegen irgendwie melancholisch, weil ich versucht habe, die Stimmung dieser Geschichten nachzubilden. Das sind nämlich mündlich überlieferte Volkssagen, die einfach nur nacherzählt wurden und nicht aufgeschrieben. Oder, wenn sie aufgeschrieben wurden, dann in einer sehr schlichten Sprache, die sehr direkt und nur wenig beschreibend ist. Und sie sind auch sehr kurz. Da werden einfach nur Ereignisse aufgelistet, verrückte, surreale Ereignisse, aber auf eine fast desinteressierte Art. Sie erzählen eine Geschichte und dann endet die einfach urplötzlich. Hildafolk hat sogar einen noch abrupteren Schluss. Der Comic ist ja sowieso kurz, also war von Anfang an klar, dass es keine lange Geschichte werden würde. Aber ich glaube, im ersten Entwurf habe ich es sogar noch plötzlicher enden lassen. Aber dann haben wir beschlossen, es etwas aufregender zu gestalten. Am Anfang gab es da gar keine Bedrohung durch den Troll. Die Geschichte hat einfach irgendwie aufgehört.

 

Seite aus Hilda und der MitternachtsrieseBW: Ist diese Sachlichkeit, diese Trockenheit auch der Grund, warum du so eine gedeckte Farbpalette gewählt hast?

LP: Ich weiß nicht, ob da ein Zusammenhang besteht. Aus irgendeinem Grund ist das einfach die Art, in der ich koloriere. Das scheint einfach mein Ding zu sein. Ich bin nicht ganz sicher, woher das kommt.

 

BW: Aber du hättest auch kein Interesse, auch mal zu sagen: “Jetzt mache ich es mal ganz anders und arbeite mal mit knalligen Farben”?

LP: Eigentlich nicht. Wenn ich koloriere, dann kommen mir die Farben eigentlich gar nicht gedeckt vor. Ich fand, dass Hilda ein sehr farbenfroher Comic war. Ich wollte ganz bewusst eine eingeschränkte Farbpalette verwenden. Ich weiß nicht, ich mag die meisten sehr bunten Comics nicht. Die interessieren mich ästhetisch nicht, wenn sie Farben verwenden, ohne darüber nachzudenken. Mir gefällt es, wenn alles so aussieht, dass es zusammen Sinn ergibt. Das hat dann wohl zu etwas geführt, das gedeckt wirkt.

 

BW: Wir wissen ja jetzt, dass Hildafolk dieses Format hat, weil Nobrow das für diese Reihe vorgibt. Wenn du dir jetzt die anderen Formate deiner Comics anguckst: Warum hast du die ausgewählt und gibt es Formate, mit denen du gerne mal ein wenig experimentieren würdest? Wenn man zum Beispiel sieht, wie Chris Ware in Sachen Format völlig ausflippt? Hast du diese Formate gezielt ausgewählt? Also, gab es da komplette Ideen dahinter oder war das nur “Hilda und der Mitternachtsriese ist auch für Kinder, also machen wir’s ein bisschen größer” und Everything We Miss ist einfach das Standardformat?

LP: Everything We Miss ist im Grunde nur ein weiteres Standardformat. Nobrow hatte zu der Zeit eine kleine Reihe von Comics rausgebracht, die zusammenpassen würden. Und sie haben mir quasi die Wahl gelassen. Ich wusste nicht so recht, was ich als nächstes machen wollte, sie haben mir ein paar Sachen vorgeschlagen und mir gefiel die Idee, etwas zu machen, dass ungefähr diese Größe hatte. Sie hatten schon ein paar andere Bücher mit den gleichen Maßen gemacht, zu denen das gut passen würde. Das war also einfach der Grund, was nicht sonderlich interessant ist.

Aber die Hilda-Comics? Ich schätze zum Teil sind die einfach größer, weil sie sich an Kinder richten. Ich habe eine gewisse Nostalgie für diese Albengröße verspürt. Und zu dem Zeitpunkt wusste ich, dass es eine Serie werden soll. Der erste Band war nie als Teil einer Reihe gedacht. Ich hatte vielleicht höchstens im Hinterkopf, dass es eine Art Pilot sein könnte. Ich habe mich daran erinnert, wie ich Tim & Struppi und Asterix gelesen habe, als ich ein Kind war, und ich mochte die Idee, mit dieser Tradition zu spielen. Vermutlich hätte ich das nicht so interessant gefunden, wenn ich ein französischer Comiczeichner wäre, denn wenn man [die Hilda-Alben] dort in einem Laden sieht, gehen sie unter all den anderen Alben irgendwie unter. Aber ich dachte, dass es in Großbritannien eine interessante Sache wäre, die man machen könnte, weil man dieses Format dort normalerweise nicht sieht, außer in der Abteilung für europäische Importcomics. Es sticht also wirklich hervor, deshalb wollte ich das so machen.

 

BW: Du sagst, du empfindest Nostalgie für Tim & Struppi und Asterix. Sind das die Comics, die dich auf den Weg gebracht haben?

LP: Teilweise. Mich haben alle möglichen Comics auf den Weg gebracht, wie das vermutlich bei den meisten Leuten so ist. Aber Asterix ist wahrscheinlich eine meiner frühesten Comic-Erinnerungen. Mein Onkel hatte ein großes Bücherregal und ich glaube, er hatte alle Bände. Und die habe ich gelesen, bevor ich alt genug war um wirklich zu verstehen, was ich da eigentlich lese. Bestimmt haben sie irgendwie eine große Rolle in meiner Entwicklung gespielt. Beim Nachdenken über Panelstruktur und Layouts für [die Hilda-Reihe] habe ich viel an diese Comics gedacht. Was ganz interessant ist, weil das ja sehr traditionelle Comics sind.

Aber du hast Chris Ware erwähnt und das fühlt sich seltsam an, weil solche Arbeiten genau das sind, was ich tun wollte und immer noch zu tun hoffe und was ich in meinen Arbeiten vor Hilda versucht habe, in meinen Kurzgeschichten und Beiträgen in Anthologien. In solchen Comics bin ich immer noch am Experimentieren. Es ist fast schon versehentlich passiert, dass ich die Hilda-Comics gemacht habe und ich genieße es wirklich, sie ziemlich traditionell zu gestalten. Interessanterweise habe ich kurz vorher mit Nobrow über einen wirklich großen Comic gesprochen, den ich machen wollte … so eine Art Ein-Mann-Anthologie. Ganz viele unterschiedliche, riesengroße Seiten mit komplizierten, irren Layouts. Das wollte ich machen. Und vielleicht will ich das immer noch, aber jetzt gibt es zufällig diese Serie und die ist jetzt mein Ding, das ich bis zu einem gewissen Punkt durchziehen möchte.

 

Cover Everything We MissBW: Wer sind denn eigentlich deine Vorbilder, jetzt wo wir Chris Ware schon erwähnt haben? Wenn ich mir diese Seite aus Everything We Miss anschaue, dann habe ich schon das Gefühl, dass da viel Chris Ware drinsteckt. Einige andere Seiten erinnern ein wenig an James Kochalka. Welche Künstler beeinflussen also deinen Stil?

LP: Ich weiß es nicht, das sind viele. Chris Ware auf jeden Fall, der steckt immer ein wenig in meinen Zeichnungen drin. Ich zähle immer die selben Leute auf, wenn ich diese Frage beantworte, auch wenn ich mich in letzter Zeit gar nicht mit ihnen beschäftigt habe. Ich sage immer Chris Ware, und dann …? Und ich habe keine Ahnung, wie groß sein Einfluss jetzt noch ist, aber er ist immer irgendwie da.

Aber ja, Kochalka. Wäre mir nie in den Sinn gekommen, das zu sagen, aber es stimmt definitiv. Ich habe jahrelang jeden Tag American Elf gelesen. Also ja, der hat mich schon ziemlich geprägt. Und Kevin Huizenga – ich habe das Gefühl, dass der einen sehr großen Einfluss auf den Look von Everything We Miss hatte.

 

TK: Stimmt, die Gesichter sehen sehr ähnlich aus.

LP: Und dann sind da noch die Leute, die bei What Things Do mitmachen, so wie Jordan Crane, der vermutlich auch ein großer Einfluss ist. Aber ich glaube, dass meine Einflüsse sich von Comic zu Comic unterscheiden. Ich habe eindeutig nicht das Gefühl, dass diese Jungs besonders relevant sind, wenn ich Hilda zeichne. Vielleicht ein kleines bisschen, unterbewusst. Aber da ziehe ich meine Einflüsse aus einem anderen Referenzpool. Vielleicht aus einer ganz anderen Tradition der Comickunst.

 

Seite aus Everything We MissBW: Du hast gesagt, Everything We Miss war etwas, was du damals machen wolltest, weil du das Gefühl hattest, dass das gerade in dir drin steckte. Was ist also der Grund für Everything We Miss? Denn das ist ja wirklich finster, also wo kam das her?

LP: Vor allen Dingen glaube ich, das kam daher, dass ich gerade Hildafolk fertiggestellt hatte und etwas beweisen wollte [lacht]. Es ist finsterer als … also, mein Kopf war damals nicht besonders … ich hatte jetzt keinen Zusammenbruch oder sowas. Ich glaube, die Leute halten es für autobiographisch, aber das ist es eigentlich nicht. Es ist so autobiographisch, wie alles ist, aber höchstens indirekt. Es ist also nicht so, dass ich damals besonders schlecht drauf gewesen wäre. Tatsächlich ging es mir sogar sehr gut, als ich es gezeichnet habe. Das Buch zu machen, war vielleicht eine der besten und angenehmsten Erfahrungen, die ich je beim Zeichnen hatte, viel angenehmer und entspannter als beim Zeichnen irgendeines Hilda-Comics. Hilda ist seltsam.

 

BW: Kannst du dir vorstellen, etwas zu machen, dass völlig realistisch ist? Denn auch in Everything We Miss stecken ja diese kleinen, magischen Momente, die komischen Szenen, wie die Wesen, die mit Asteroiden werfen. Ich habe überlegt, wie ich das nennen soll. Ist das schon Magischer Realismus oder ist das etwas anderes?

LP: Vielleicht.

 

BW: Also, kannst du dir vorstellen, einen Comic zu machen, bei dem du sagst: „Okay, ich lasse all diese niedlichen und seltsamen Elemente weg und erzähle ein ganz schlichte Geschichte“?

LP: Ja, kann ich. Das würde ich gerne. Um ehrlich zu sein, der Grund, warum ich das nicht getan habe, ist … wahrscheinlich liegt das an meinen Unsicherheiten als Autor? Vielleicht verwende ich diese Elemente als eine Art Krücke. Eine geradlinige, realistische Geschichte muss einem ganz genauen Blick standhalten. Ich meine, das sollte jede Geschichte, aber wenn man ein paar mysteriöse Elemente mit reinwirft, schafft man damit eine weitere Ebene, auf der die Erzählung interessant ist. Daran wird es bei mir vermutlich liegen.

Aber das ist nicht der eigentliche Grund für die fantastischen Elemente in Everything We Miss, denn die machen offensichtlich einen großen Teil des Comics aus. Und ich mag diese Dinge einfach. Es ist interessant, sie zu zeichnen und sie erschienen da einfach angemessen.

Aber ich würde schon irgendwann gerne etwas Schlichtes machen. Mein nächster Comic für Erwachsene – was auch immer das sein mag – könnte so etwas werden. Aber wie’s aussieht, habe ich mich noch nicht entschieden, was es wird.

 

Cover Hilda und der Mitternachtsriese BW: Möchtest du das Gefühl haben, die ganze Kontrolle über deine Comics zu besitzen? Immerhin schreibst und zeichnest du sie. Oder kannst du dir auch vorstellen, eine Geschichte für einen anderen Zeichner zu schreiben oder die Geschichte von jemand anderem zu zeichnen, der sie dir zuschickt und sagt, du wärst der richtige Künstler dafür?

LP: Hm, ehrlich gesagt mag ich es, die Kontrolle zu haben. Ein paarmal stand ich kurz davor, die Geschichte von jemand anderem zu zeichnen. Aber letztendlich habe ich da kein sonderliches Interesse dran. In kleinen Portionen kann sowas interessant sein, vielleicht bei einem vierseitigen Kurzcomic oder sowas. Und das habe ich tatsächlich schon getan. Ich habe einen kleinen Comic zusammen mit Philippa Rice gemacht, die jetzt meine Freundin ist. Das war eine sehr spaßige Erfahrung. Aber auf Buchlänge würde mich das nicht interessieren. Ich hätte nicht das Gefühl, dass es mein Ding wäre. Für mich wäre es zu viel Arbeit und zu viel Zeit, für etwas, was nicht meins ist. Für etwas, mit dem ich mich nicht besonders verbunden fühle oder worauf ich besonders stolz wäre.

Was das Schreiben angeht: Das wäre möglicherweise interessant, aber ich sehe mich zurzeit nicht als sonderlich guten Autor. Vielleicht später mal, wenn ich mehr Selbstsicherheit darin habe. Aber ich habe immer das Gefühl, dass das der schwächste Teil meiner Arbeit ist, und das stört mich. Das ist der Teil, über den ich mir die meisten Sorgen mache, glaube ich. Also, ich hätte nicht die Nerven, jemanden zu bitten, dass er meine Geschichten zeichnet.

 

TK: Wenn du deinen Schreibstil verbessern willst, liest du dann Bücher über das Schreiben? Drehbuch-Ratgeber oder so etwas?

LP: Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich lese gerade ein Buch über Filmregie, wobei ich nicht anstrebe, Regisseur zu werden. Aber ich habe im Hinterkopf, dass das viel mit der Struktur von Geschichten zu tun hat, und auf die Art denke ich darüber nach. Und ich übernehme ein paar Sachen davon. Aber das ist eng mit Hilda verbunden, weil ich da ziemlich kompakte, abgeschlossene Geschichten erzählen möchte, die sehr kohärent sind und wo alles rund und sehr kontrolliert ist.

Bei meinen anderen Arbeiten hingegen … da würde es mich nicht sonderlich stören, wenn keine traditionelle Struktur vorhanden wäre oder wenn es am Ende noch lose Fäden gäbe.

 

TK: Auf deiner Website sind ein paar Arbeiten über Musik zu sehen. Daher würde mich interessieren: Hörst du beim Zeichnen und Schreiben Musik oder würdest du den Lesern Musik empfehlen, die sie zu deinen Comics hören können?

LP: Eher nicht, ich weiß nicht. Ich fühle mich immer sehr unsicher und peinlich berührt, wenn es um meinen Musikgeschmack geht [lacht]. Ich rede eigentlich nie darüber, weil ich nicht weiß, was cool ist [lacht]. Keine Ahnung, das finde ich immer seltsam. Ich höre schon Musik [pausiert] … aber nicht, wenn ich zeichne. Ich habe meistens das Gefühl, dass ich in einer stillen Atmosphäre arbeiten muss, vielleicht mehr als andere. Und ich lasse mich sehr leicht ablenken. Ich kann nicht denken, wenn ich irgendetwas höre. Das beeinflusst mich auf jeden Fall.

 

TK: Du konzentrierst dich also lieber ganz auf die Seite.

LP: Ja. Ich höre schon mal Musik, wenn ich tusche. Wahrscheinlich, weil das ein etwas mechanischerer Vorgang ist. Und beim Kolorieren auch, denn das ist ein sehr mechanischer Vorgang.

 

BW: Wie gehst du mit den Dingen um, die dir im letzten Jahr passiert sind? Ich meine, die Presse liebt deine Comics, ich habe bisher noch kein schlechtes Wort darüber gelesen.

LP: [lacht]

BW: Du kommst zu diesen Festivals und wirst als Ehrengast behandelt, als jemand Besonderes. Und du wirkst sehr … naja, eher still, eher zurückhaltend. Ich meine, schon die Art wie du da sitzt …

LP: [lacht]

BW: Das ist in Ordnung, ich mach’s ja nicht anders. Aber … fühlt sich das für dich natürlich an? Du kommst mir nicht vor wie ein Typ, der sagt: “Jawoll! Super! Hier bin ich!”

LP: [lacht] Ähm, tja. Ich weiß nicht. [pausiert] Ich glaube, jeder, der sich Lob im Comicbereich zu sehr zu Kopf steigen lässt, ist ein Narr. Das ist alles wirklich schön und ich bin dafür dankbar. Ich bin superglücklich, dass den Leuten meine Arbeit gefällt. Aber gleichzeitig ist das auch seltsam. Eine Art Parallelwelt. Es sind nur Leute aus der Comicwelt, und auch nur aus einer bestimmten Nische davon, denen meine Sachen etwas bedeuten. Ich habe das Gefühl, dass vieles davon nur Schall und Rauch ist.

 

BW: Aber trotzdem: Bist du selbstsicherer geworden? Du sprichst ja viel von deinen Unsicherheiten und von Dingen, bei denen du findest, nicht so gut darin zu sein.

LP: Nein. Wenn überhaupt, habe ich das Gefühl, als stünde ich die ganze Zeit kurz davor, dass mir jemand auf sie Schliche kommt. Als hätte ich alle ausgetrickst und getäuscht. Ich schätze, irgendwann wird die Welle brechen und dann werden die Leute merken, dass das alles ein Fehler war.

 

Hilda VinylfigurBW: Lass uns das Thema wechseln, ich will dich nicht zu sehr in Verlegenheit bringen. War nur etwas, das mir gerade in den Sinn kam.

Hat man dich auf Hilda-Merchandising angesprochen? Weil: Niedliche Tiere, Stofftiere, Geld. Ist das etwas, was für dich in Frage käme, oder würdest du es wegen künstlerischer Integrität – oder was auch immer – ablehnen?

LP: Naja, wir haben schon etwas Hilda-Merchandising produziert. Aber Nobrow will nicht, dass das irgendeine andere Firma macht. Aber wir haben kürzlich eine Vinylfigur von Hilda gemacht. Die ist einfach nur cool. Das ist schön, aber zu viel Merchandise würde ich nicht wollen. Bei der Vinyl-Hilda ist es so, dass es eine wirklich schöne Figur geworden ist. Ich hatte wirklich Lust darauf … es hat einfach Spaß gemacht, so etwas zu entwerfen und dann zu sehen, wie es Wirklichkeit wird. Außerdem war es auf eine seltsame Art eine wirklich nützliche Zeichenübung, weil ich sie einmal in ihrer Gänze zeichnen musste.

 

TK: Dreidimensional …

LK: … und ich musste lernen, Dinge zu zeichnen, um die ich mich bisher herumgemogelt hatte: ihre Haare zum Beispiel. Das ist tatsächlich der Grund, warum sie jetzt so aussieht. In Hilda and the Bird Parade sieht sie jetzt im Grunde so aus, wie ich sie als Spielzeug gezeichnet habe. Mir wurde klar, ich kann ihr Haar aus jedem Blickwinkel zeichnen, wenn es so ein seltsamer Klumpen ist. Aber bisher habe ich es immer nur vage in eine Richtung wehend gezeichnet, so wie in Hilda und der Mitternachtsriese.

 

Cover Hilda and the Bird ParadeTK: Sie sieht jetzt mehr nach Zeichentrickfilm aus.

LP: Ja.

 

TK: Das führt mich zu meiner nächsten Frage. Ist das etwas, das du dir vorstellen kannst: eine Trickfilmserie im Fernsehen oder eine Verfilmung von Hilda?

LP: Ja, vielleicht. Dafür wäre ich offen. Aber das hängt davon ab, wie sich die Dinge entwickeln. Hilda wurde nicht mit einer Film- oder Fernsehadaption im Hinterkopf designt. Aber gleichzeitig habe ich Interesse an Animation und irgendwie hat das auch ihr Design und meine Art zu zeichnen beeinflusst. Ich wollte immer, dass sie sie sich wie eine körperlich existierende Figur anfühlt, die so aussieht, als könnte sie… ähm, wie erkläre ich das? Ich wollte, dass sie ein gewisses Gewicht hat und so aussieht, als wenn sie sich wirklich bewegt. Auf diese Art werde ich schon von Animation inspiriert.

 

BW: Also, was ist das nächste Projekt, das du im Kopf hast oder an dem du schon arbeitest, das nichts mit Hilda zu tun hat?

LP: Ich habe tatsächlich gerade kein großes Projekt, auf das ich hinarbeite. Ich arbeite an vielen anderen Comics für Anthologien oder andere Veröffentlichungen. Ich neige dazu, jede Chance zu nutzen, die sich mir bietet, wenn es mir interessant erscheint oder wenn es etwas ist, wovon ich gerne ein Teil wäre. Ich nutze das gerne als Vorwand, um Comics von ein bis vier Seiten Länge zu machen. Und die sind normalerweise sehr unterschiedlich. Ich verändere da oft meinen Stil und probiere verschiedene Sachen aus.

Ich habe noch ein paar andere Sachen gemacht, die mit Comics zu tun haben, zum Beispiel diesen großen Comic für eine Ausstellung im Victoria and Albert Museum in London. Das ist so eine Art großer, fünf Meter langer Comic an einer Wand, das fand ich interessant. Aber das war nach dem Skript von jemand anders. Ein neues Buch schwirrt mir aber gerade nicht im Kopf herum.

Ich denke immer, so eine Sammlung von Kurzgeschichten wäre schön. In mir steckt zur Zeit jedenfalls keine Graphic Novel. Oder zumindest habe ich nichts gefunden, das mir so sehr am Herzen liegt, dass ich damit einige Jahre meines Lebens verbringen würde. Aber das wird sicher irgendwann passieren.

 

Cover SZ-Magazin vom 4.10.2013TK: Du übernimmst auch Illustratorenjobs für Magazine, Titelbilder für den New Yorker und ähnliches. Neulich habe ich eine Illustration von dir im SZ-Magazin gesehen.

LP: Ja.

 

TK: Ich schätze, dass du auch aus Geldgründen zwischen Comics und Illustrationen abwechslen musst. Wie schaffst du es, das im Gleichgewicht zu halten?

LP: Ähm … [pausiert] Illustrationen machen mir Spaß und ich sehe das überhaupt nicht so, dass Illustrator mein langweiliger Hauptberuf ist und ich nur darauf warte, endlich Comics zeichnen zu können.

TK: … wobei es bei einigen Comiczeichnern genau so läuft…

LP: Ja, manchmal geht es mir auch ein bisschen so. Aber, ich meine, ich habe Illustration studiert und bis ganz zum Ende war ich darauf vorbereit, einfach nur als Illustrator zu arbeiten. Darum habe ich da kein Problem mit und genieße es. Und ehrlich gesagt mache ich gar nicht so extrem viele Illustrationen. Ich hatte da wirklich viel Glück. Es fällt mir nicht allzu schwer, an Aufträge zu kommen. In der Regel funktioniert meine neueste Illustration immer als Werbung, die mir den nächsten Auftrag bringt. Es scheint so, als wenn hauptsächlich interessante Dinge ihren Weg zu mir finden. Da habe ich sehr viel Glück gehabt. Ich musste noch nie einen Job machen, der zwar richtig gut bezahlt war, aber an dem ich überhaupt kein Interesse hatte. Das waren alles coole Sachen. Und häufig gibt es da so eine seltsame Verbindung. Viele Auftraggeber scheinen jetzt Illustrationen im Stile eines Comics zu wollen, den ich gemacht habe, oder sogar etwas, das einfach ein Comic ist.

Obwohl, eine Sache, die ich definitiv nicht mache oder immer ablehnen würde, sind Werbecomics oder so etwas. Denn das würde irgendwie meine Seele vergiften. Das könnte ich nicht tun. Aber ich genieße die Überraschungen sehr, die es mit sich bringt, wenn man nur ein einzelnes Bild zu zeichnen hat, das man so interessant und nützlich wie möglich gestalten muss.

Aber was die Balance zwischen den Aufträgen angeht, die gelingt mir nicht sehr gut. Ich komme immer ins Straucheln und dann ergibt sich ein Illustrationsangebot und das zerschießt mir völlig den Zeitplan für die Woche. Ich denke dann, das schaffe ich in ein paar Tagen und dann dauert es doch einige Tage länger. Und ich habe das Gefühl, dass ich dauernd hinterherhinke und gehetzt bin.

 

TK: Das Problem hat wahrscheinlich jeder Künstler.

LP: Ja.

 

TK: Das war’s, glaube ich. Herzlichen Dank, Luke!

 

Abbildungen: © Luke Pearson / Nobrow Press / Reprodukt / Süddeutsche Zeitung Magazin
Foto: © Siegfried Scholz/Splashcomics, CC BY
-NC-SA 3.0)

Links der Woche 33/13: Leipzig is calling you, Leonard (and other cartoon characters)

Unsere Links der Woche, Ausgabe 33/2013:

 

Manga Comic Con Leipzig
Animexx/G’schichten ausm Laubhaufen, Soen
Die Ankündigung der Messe Leipzig, den Comic- bzw. Mangateil der Leipziger Buchmesse („Comics in Leipzig“) in Zukunft als eigene, parallel laufende aber räumlich getrennte Messe unter dem Namen Manga Comic Con Leipzig laufen zu lassen, hat in der Mangaszene für ein großes, zum Teil sehr kritisches Echo gesorgt. Viele Fans hatten den Eindruck, die Messe wolle das bunte, oft schrill kostümierte japanophile Volk loswerden und in ein eigenes Ghetto sperren, wo es den „normalen“ Buchmessebesucher nicht mehr stören kann. Mangazeichnerin Martina Peters (Lilientod) richtet sich in ihrem Blog gegen die reflexhafte Empörung: „Wenn ihr so sehr fürchtet, dass die Vermischung der Kundschaft durch die neue Halle nicht mehr statt findet, wäre es nicht sinnvoller sich _Lösungen_ zu überlegen, die dem entgegensteuern, statt sich wie ein kleines Kind auf den Boden zu werfen und mit den Beinen und Armen zu strampeln?“ Interessant ist auch die Diskussion unter dem Artikel, an der auch der Veranstalter selbst teilnimmt.

Impressionen von “Webcomics – Die Notwendigkeit zu Bloggen”
Blog der Stadtbibliothek Köln, cd
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe geeks@cologne fand in der Kölner Statdbibliothek ein Abend zum Thema Webcomics statt, bei der Leo Leowald, Flix und digirev alias Wolfgang Buechs zu Gast waren.

Helene-Lange-Gymnasium gewinnt Lesepreis 2013
Der Westen, Anna Gellner
Die Stiftung Lesen vergibt im Oktober erstmals den Deutschen Lesepreis für „innovative und nachhaltige Leseförderungsmaßnahmen“. In der Kategorie „Ideen für morgen” geht der Preis an das Helene-Lange-Gymnasium in Dortmund für das Projekt „Im Sog von Wort und Bild? – Zum Einsatz von Graphic Novels in der Leseförderung“.

Comic Book Girl #1: Sidekick
micomics, Nicky
In einer neuen Artikelreihe auf der Website „mainstream & independent comics“ schreibt eine Auszubildende, die ihre Lehre in der Konstanzer Comichandlung Seetroll absolviert.

‚2 Guns‘ Producer: Waiting for the Check, and Invoking Saint Peckinpah
The Hollywood Reporter, Ross Richie
Der letzte Woche bei uns angelaufene Film 2 Guns mit Mark Wahlberg und Denzel Washington basiert auf einem gleichnamigen Comic von Steven Grant, der bei Boom Studios erschien. Deren Chef Ross Richie, der auch zu den Produzenten des Films gehört, beschreibt in einer vierteiligen Kolumne beim Hollywood Reporter den langen Weg, auf dem der Comic zum Film wurde.

Batman The Dark Knight – 8 Bit Cinema!
YouTube, CineFix
Christopher Nolans Dark Knight-Film, nacherzählt in zweieinhalb Minuten im Stil alter 8-Bit-Videospiele:

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Das UPdate: Das UPgrade 2 im Comicgate-Kamingespräch

Als letztes Jahr der erste Band von Ulf S. Graupners und Sascha Wüstefelds zehnteiliger, deutsch-deutscher Pop-Superheldensaga erschien, waren die Comicgate-Redakteure Wederhake und Frisch hell begeistert. Nun liegt der zweite Band von Das UPgrade vor. Der Hamburger Comicmacher Till Felix und ein skeptischer Frisch wagen sich an eine Bestandsaufnahme.

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MARC-OLIVER FRISCH: Till, mir ist zu Ohren gekommen, du fandst Das UPgrade 1 nicht besonders. Woran lag das denn?

TILL FELIX: Ich fand Das UPgrade 1 in der Tat eher meh, als ich es letztes Jahr im Anschluss an den Comic-Salon in Erlangen las. Ich muss dazu sagen, dass mein Eindruck schon beim Salon letztes Jahr war, dass der Hype mich nervt: Alle sprachen davon, im Ausgezeichnet 1 war ein Preview drin. Als ich es dann in der Hand hatte, war ich zwar erst mal ob des höchst professionellen Eindrucks angetan. Aber dann kam ich aus der Festivalblase mit vielen Comics nach Hause, die ich alle nach und nach, teilweise auch mehrere an demselben Tag las (schlimmer Fehler!). Und da störten mich am UPgrade dann diese fiesen Details: alles bis ins Kleinste durchgestaltet, der Eindruck des zu Perfekten drängte sich auf. Dann auf dem Titel zwei Veredelungen (Sonderfarbe und Spotlack). Das Editorial ein bisschen zu gewollt witzig. Und dann diese fantastischen Zeichnungen zu einer Geschichte, die sich mir nicht auf Anhieb erschloss. Nach meinem Gefühl wurde es den (vielleicht zu hohen?) Ansprüchen nicht gerecht.

Doch damit war ich wohl ziemlich allein, denn auch danach überschlugen sich alle mit Lobpreisungen und überhäuften die Herren Graupner und Wüstefeld mit Preisen und ich dachte mir einfach immer nur: „Die haben eine Ausgabe von geplanten zehn rausgebracht. Die liest sich mehr wie gewollt und nicht gekonnt. Können die nicht alle mit ihren Jubelarien abwarten bis sangwama drei Ausgaben raus sind? Dann kann man doch viel eher abschätzen, ob die Reihe was taugt.“
 
Tja. Aber jetzt hab ich ja, wie gesagt, die erste Ausgabe auch nochmal gelesen und gemerkt, dass die wohl doch ganz gut ist. Wobei ich nicht ausschließen möchte, dass meine Kenntnisse aus der jetzt erschienen zweiten Ausgabe dazu beigetragen haben … doch das führt jetzt schon zu weit, non?
 
Wie fandst du denn die Premierenausgabe?

MARC-OLIVER FRISCH: Ich hatte ja eine von den Jubelarien zum ersten Heft gesungen.

Und nachdem ich beide Hefte jetzt noch einmal in einem Rutsch gelesen habe, finde ich das Debüt immer noch klasse. Ich bin tendenziell auch eher skeptisch, wenn die Leute zu schwärmen anfangen, aber in diesem Fall hat mich der Comic tatsächlich überzeugt. Die Geschichte geht zwar gleich sehr in die Vollen für ein Debütheft, aber die Art und Weise, wie Graupner und Wüstefeld das anstellen, macht Spaß. Ein ambitionierter deutscher Genre-Stoff, der seine Leser nicht für doof hält? Der die deutsch-deutsche Geschichte nicht nur aufgreift, sondern sie zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens macht? Der grafisch aussieht wie die Mischung aus Ware und Disney und es erzählerisch mit den besten US-Genre-Sachen aufnehmen kann? Bitte mehr davon.

Das ist genau die Art Comic, an der es in Deutschland mangelt.

Dass die Autoren Perfektionisten sind, schadet dem Comic ja nicht. Im Gegenteil: Genau deshalb sind die Lorbeeren gerechtfertigt, denn in Das UPgrade 1 steckt mehr Feinarbeit und Können drin als in mancher hochgelobten Graphic Novel.

„Genre“ läuft mir in Deutschland viel zu oft entweder auf muffige Klischees oder runtergerotzten Trash hinaus. Das ist hier anders. Etwas zugespitzt könnte man sagen: In der Art, wie sie Pop und Anspruch miteinander verbinden, sind Graupner und Wüstefeld so etwas wie die Lennon und McCartney des deutschen Comics.

Du bist mit dem zweiten Heft also eher warm geworden als mit dem ersten?

TILL FELIX: Ja, das zweite Heft war für mich dann wohl der Augenöffner, der für viele Leser schon die erste Ausgabe war. Die Verortung in die von dir angesprochene deutsch-deutsche Geschichte fand ich auch schon in der ersten Ausgabe interessant (wenn auch teilweise mit dem Vorschlaghammer dargereicht … musste zwingend Erich Honecker in der ersten Ausgabe auftreten? Ja, musste er natürlich, ich weiß, weil Weltfestspiele), in der zweiten Ausgabe entwickelt sie aber einen viel subtileren Charme, weil die typisch (ost-)deutschen Elemente nicht mehr so zentral in der Geschichte stehen. Es gibt immer wieder was fürs Auge, wo vor allem von Sascha Wüstefeld viel Liebe in die Details im Hintergrund gesteckt wird (hier mal ein altes Radio in Ronnys altem Zimmer, dort mal ’ne Kaufhalle). Aber das Gefühl des Aufgesetzten ist irgendwie weg, anders als noch in Ausgabe 1.
 
Was mich an der zweiten Ausgabe richtig begeistert hat, war die Tatsache, dass man nie wusste, was einen als nächstes erwartet. Weil Graupner und Wüstefeld mich mit immer neuen faszinierenden Ideen überrascht haben. Und das beziehe ich nicht nur auf die Geschichte, da komm ich noch zu.
 
Ich meine auch dieses Durchgestylte, das mich bei der ersten Ausgabe noch so furchtbar genervt hat. In der zweiten spielen sie schon mit dem Design, brechen aus dem ersten Heft Bekanntes wieder auf und bieten stattdessen Sketchbook-Anmutendes auf der ersten Doppelseite, was aber bei genauerem Hinsehen schon wieder Story-Inhalt ist. Dann diese „5 Initiali“-Doppelseite, darauf eine Doppelseite, die Schlaglichter für die bevorstehende Geschichte (und Zurückliegendes) wirft, eine darauf folgende wahnsinnig gut gestaltete Doppelseite mit dem New-Order-Zitat und dann… eine Titelseite, die einem das Gefühl gibt, gerade ein James-Bond-Intro gelesen zu haben.
 
Und all das in einer aus dem ersten Heft bekannten und, auch wenn man’s (wie ich) nicht direkt gemerkt hat, geliebten Gestaltung, die alles zusammenhält. Dass die Geschichte zu diesem Zeitpunkt auch schon nicht so schlecht war, trug natürlich dazu bei, dass ich nach diesem Intro ein williger Leser war.
 
Ich nehme an, dass dich die Ideenvielfalt, auch inhaltlich, nicht mehr so überrascht hat, nachdem die erste Ausgabe schon einen so guten Eindruck hinterlassen hat?

MARC-OLIVER FRISCH: Überrascht war ich nicht, aber durchaus beeindruckt, dass der erste Band wirklich nicht zu viel versprochen hat. Ein starkes Debüt ist schon selten genug, und oft ist es leider so, dass das Niveau danach nicht gehalten wird.

Das UPgrade 2 schaltet aber keinen Gang zurück, sondern bestätigt den Eindruck, dass Graupner und Wüstefeld genau wissen, wo sie mit ihrer Geschichte hin wollen. Auch, was die Erzählweise angeht, gibt’s keine Kompromisse – wieder nimmt die Handlung sieben verschiedene Zeitebenen ein, wieder findet man ein Seitenlayout und -design, das in dieser Form schlicht einzigartig in Deutschland ist: innovativ, stylish und verspielt, dabei aber immer vor allem auch leicht zu lesen. Die Story greift Aspekte aus dem ersten Band in einer Weise auf, die vermuten lässt, dass der ganze Plot der Serie schon bis zum Ende steht, und Figuren wie Surfrocker Cosmo Shleym oder die enigmatische Frau Bellmann werden weiter vertieft.

Und die ganzen Details, das ist der Wahnsinn. Das Blatt Endlospapier aus dem Nadeldrucker am Anfang, die zahllosen Zigarettenschachteln, Magazincover, Schilder und so weiter … Du sprichst Ronnys Zimmer an, da hab ich auch erst mal gestaunt. Ich will gar nicht wissen, wie viel Zeit allein diese Darstellungen gekostet haben. Und, was man auch immer wieder betonen muss: Der Detailreichtum überfrachtet die Erzählwelt nicht, sondern gibt ihr zusätzliche Tiefe. Das ist auch nicht selbstverständlich, sondern eine Kunst für sich.

Du bist ja selbst Comiczeichner und hast da wahrscheinlich einen ganz anderen Blick als jemand wie ich, der keinen geraden Strich ziehen kann. Gehst du so mit meiner Einschätzung d’accord, was das Storytelling angeht, oder gibt’s auch Stellen, wo du sagst, das hätte man vielleicht besser oder klarer lösen können?

TILL FELIX: Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass die Herren Graupner und Wüstefeld einen ziemlich genauen Plan haben, wohin die Reise geht. Dafür sprechen die einfach zu vielen Zufälle in der vorliegenden Ausgabe: Wie kommt es, dass Cosmo Shleym den ‚Translokaten‘ anrufen kann, woher hat er seine Nummer? Warum ist eine Frau Bellmann ausgerechnet dann vor Ort bei Ronnys alter Schule, als eben jener mit Cosmo im Gepäck dort auftaucht? Sie wird wohl kaum die ganze Zeit dort im Schnee gesessen und auf genau diesen Moment gewartet haben, vor einer Schule, die abgerissen werden soll? Das wäre arg willkürlich, und genau das erscheint mir eben in keiner Sekunde beim Lesen der Fall gewesen zu sein.
 
Ich hab irgendwo gelesen, dass die zweite Ausgabe vom UPgrade wirke wie ein Schlachtschiff ohne richtigen Kapitän, also ordentlich Feuerpower ohne jemanden, der richtig zielt. Ich bin eher vom Gegenteil überzeugt: Graupner und Wüstefeld zielen extrem wuchtige Salven von „Aaahs“ und „Ooohs“, mit denen sie mich immer wieder an die Seiten gefesselt haben, ohne mir dabei das Gefühl zu geben, den Überblick zu verlieren. Das ist bei den von dir angesprochenen vielen Zeitebenen (ich zähle übrigens nur sechs?) nicht hoch genug zu bewerten.
 
Auch ein Indiz aber beispielsweise für eine genaue Idee hinter der Geschichte ist die Auflösung des anscheinenden Suizid-Versuchs aus der ersten Ausgabe, einer jener Punkte, die du ansprachst. Wir denken nochmal schnell zurück: Die Premierenausgabe begann mit einer Splashpage des stürzenden Ronny Knäusel im Feinripp, darauf folgte eine Großaufnahme-Doppelseite von Ronnys Gesicht in Panik … und am Ende schloss der Band mit dem scheinbaren Selbstmord, weil er statt seiner geliebten Neues Leben die Coupé geliefert bekam. Uns wurde das damals so verkauft, dass man denken könnte, der Bub möchte nicht mehr leben in einer Welt, die nicht mehr die DDR ist. In der vorliegenden Ausgabe wird genau die Szene mit Hintergrund versehen, wir lernen, dass es gar kein Selbstmordversuch ist. Wir lernen von dem Kontakt zu Cosmo Shleym, dass er zufällig auf das Dach teleportiert und am Ende mehr runtergeweht wird als absichtlich springt.
 
Solche schlauen Dinge lassen mich sehr wohl vermuten, dass da jemand ’ne Kapitänsmütze aufhat. Und sie bieten ja auch darüber hinaus unfassbar viel Stoff, den sie weiterspinnen können. Die Bellmann-Höhle, zum Beispiel. Mexiko. Die Initiali sind bisher auch nur angerissen, Ronny ist womöglich eines … aber die anderen vier?
 
Deswegen ist es sehr müßig, hier jetzt drüber nachzudenken, was man vielleicht etwas anders oder besser machen könnte. Ich als Comiczeichner/-macher hätte sicherlich etwas mehr Energie in einen ordentlichen Abschluss des Bandes gesteckt. Das ist tatsächlich etwas, was mich mit einem etwas mauen Gefühl zurückgelassen hat: Ich hatte nicht den Eindruck, als ob die Geschichte jetzt erst mal wieder für eine Weile ruhen muss (was sie ja wird, denn der nächste Band ist für den Sommer 2014 angekündigt) und ich entsprechend verabschiedet werde, sondern die letzte Seite hört einfach auf. Ich hab nichts gegen Cliffhanger, aber auch die wollen entsprechend hergeleitet werden. Das hätte ich anders gelöst, denke ich. Allerdings weiß ich, weil ich das den Herren auch schon schrieb, dass das dort genauso gesehen wird.
 
Ich überleg die ganze Zeit, wo ich das Ding insgesamt einordnen soll, und du schreibst von der Einzigartigkeit vom UPgrade in Deutschland. Mittlerweile bin ich für mich an dem Punkt angelangt, die Reihe vorläufig als den deutschen Comic für mich abzulegen. Die Geschichte ist, wie schon von dir angeführt, deutsch-deutsch, der Grad der Professionalität beängstigend akribisch und das alles in einem Zeichenstil, der seine Wurzeln bekanntermaßen in dem (ost-)deutschesten Comic überhaupt hat. Oder würden Dir zumindest optisch spontan Anleihen aus angrenzenden Ländern oder Übersee einfallen?

MARC-OLIVER FRISCH: Ja, stimmt absolut. Was die Figuren oder das grafische Erzählen auf der Seitenebene angeht, sehe ich Chris Ware als starken Einfluss, den die beiden ja selber nennen. Ansonsten erinnern mich Farben und Ästhetik auch an John Kricfalusi, Steve Purcell, den Stil von The Incredibles oder Disney-Produktionen im Allgemeinen. Aber Mosaik ist natürlich schon deutlich als prägender Einfluss erkennbar, allein schon bei Ronnys Darstellung. Das ist sicher auch durch Graupners und Wüstefelds persönliche Zeit bei dem Magazin bedingt.

Insofern also, wie du sagst, auch in diesem Punkt ein unverwechselbar deutscher Comic, was ebenfalls bemerkenswert ist.

Die sieben Zeitebenen in der Story sind 1989 (das BTX-Dokument am Anfang), 2736 v. Chr. (die „Fünf Initiali“), 1974 (Volksschul-Ronny), 1966 (Ronnys Geburt), 1992 (Gammel-Ronny), 1988 (NVA-Ronny) und 1528 (die Tenochtitlan-Episode). Im ersten Heft gab’s sogar acht: 2012 (das Editorial), 2736 v. Chr. (die „Fünf Initiali“), 1992 (Gammel-Ronny), 1988 (NVA-Ronny), 1965 (Ronnys Empfängnis), das 16. Jahrhundert (Collage auf S. 22/23), 1966 (Ronnys Geburt) und 1973 (die Weltfestsspiele). Das Editorial im ersten Band, für das ein gewisser Generalmajor Kolk verantwortlich zeichnet, ist somit also auch der bislang einzige Teil der Story, der in „unserer“ Gegenwart spielt; der Rest der Geschichte liegt schon mindestens 20 Jahre zurück. Da können wir uns wohl noch auf einiges gefasst machen.

Auch hier sieht man wieder: Ohne einen ziemlich ausgefeilten Masterplan wäre das Spiel mit so vielen Zeitebenen über eine Serie hinweg kaum möglich – außer man macht es wie bei Lost, wo die Autoren selber keinen Schimmer hatten und ihr Publikum einfach so lange an der Nase herumführten, bis die Serie vorbei war. Den Eindruck hab ich hier aber nicht.

Die Zufälle, die du erwähnst, fand ich auch recht plausibel. Cosmo sagt, er suche Ronny seit zehn Jahren, und eine Telefonnummer ist letztlich nicht so schwer zu bekommen, wenn man erst einmal einen Namen hat. Und von Bellmann wissen wir ja, dass sie sowohl Cosmo als auch Ronny schon seit Jahrzehnten beobachtet; sie wird also irgendwie erfahren haben, dass die beiden auf dem Weg zur Schule sind.

Was das Ende angeht, da gebe ich dir wiederum recht, das hätte auch runder sein können, gerade bei einer Serie, die nur einmal im Jahr erscheint.

Mein größtes Problem bis hierhin ist eigentlich Ronny selbst. Der kriegt zwar diesmal sehr viel mehr Zeit im Scheinwerferlicht als im ersten Heft, aber so richtig greifbar wird er für mich immer noch nicht, trotz solcher Andeutungen wie dem BTX-Protokoll oder dem Foto einer offenbar Verflossenen. Mir ist nach wie vor nicht klar, was ihn während seiner Zeit als junger Superheld antreibt oder wieso er sich später so hängen lässt, und ich finde auch den plötzlichen Sinneswandel am Ende des Hefts nicht einleuchtend. Ich verstehe zwar teilweise intellektuell, warum er etwas tut – oder kann’s zumindest vermuten –, aber insgesamt ist mir Ronny als Figur noch nicht schlüssig genug, um mich auch wirklich in ihn einfühlen zu können.

Wie siehst du das?

TILL FELIX: So gesehen kann man Ronny tatsächlich noch nicht richtig fassen, das stimmt. Im Moment ist er eher derjenige, mit dem man als Leser die Geschichte erlebt, als derjenige, der sie aktiv vorantreibt. Wobei ich seine Motivation beispielsweise, warum er sich nach dem UPgrade, der Wiedervereinigung, so hängen lässt, aus dem ersten Band noch durchaus präsent habe. Auch wenn die darauf folgende Suizid-Szene schlussendlich eine Führung aufs Glatteis war, so ist die Grundstimmung, dass er sich schlicht nicht mehr gebraucht fühlt, immer noch spür- und nachvollziehbar. Was ihn als junger Superheld antreibt, mag vielleicht noch etwas genauer im Laufe der Geschichte erklärt werden, sicherlich hängt das auch nicht zu kleinen Teilen mit Cosmo Shleym zusammen. Für den Moment reicht mir aber sein Gutmenschentum, nämlich DDR-Bürger, die keine mehr sein wollen, über die Grenze zu bringen, vollständig aus. Es mag vielleicht ein bisschen an meinem Hintergrundwissen zu den damaligen Umständen liegen (ich hab eine Frau aus dem weiten Osten, und schon viele Gespräche mit ihrer Familie über die DDR geführt, mich dazu auch eingelesen), um einschätzen zu können, wie viel Ronny damit riskiert und wieviel Gutes er damit für die Menschen tut. Im wahrsten Sinne ein Superheld.
 
Hat man dieses Vorwissen nicht, sehe ich ein, dass es dann etwas schwammig für den Leser wird.
 
Aber auch das fände ich nicht mal schlimm: In der Geschichte passiert im Moment sowieso noch so viel schwer Zuzuordnendes, dass ich im Moment noch gerne genauso verwirrt bin wie der Hauptdarsteller. Der ja aber schon am Ende das Heft in die Hand nimmt und zumindest in irgendeine Richtung rennt … ob der Weg dann zielführend ist, erfahren wir nächsten Sommer.
 
Ich hab mir im Laufe der Zeit eh angewöhnt, eine Serie erst nach der dritten Ausgabe zu beurteilen, weil dann die Exposition eigentlich vorbei sein sollte und die tatsächliche Spannung aufgebaut wird. Dafür haben die Herren Graupner und Wüstefeld ’ne Menge Boden gelegt, um feste aufzutreten und durchzustarten. Ich hoffe jetzt halt, dass sie auch in der Lage sind, die ganzen Bestandteile der Geschichte ordentlich zusammenzubinden und einen Knoten in der Größe eines Morgensterns knüpfen, den sie uns dann (irgendwann im Sommer 2021) an den Kopf schmettern und wofür wir ihnen ewig zu Füßen liegen werden.
 
Die Zeitspanne bis zur vermeintlich letzten Ausgabe 10 ist noch eine große, fällt mir grad auf…

MARC-OLIVER FRISCH: Wie gesagt: Was die reinen Informationen angeht, wird schon kommuniziert, warum Ronny jeweils tut, was er tut. Aber „wissen“ ist eben nicht gleich „verstehen“. Ronny ist eine mal lustige, mal traurige Figur mit interessanter Biografie, aber es fehlt ihm noch etwas typisch Ronnyhaftes – ein roter Faden, der ihn auch über die reinen Fakten und den Plot hinaus authentisch macht. Die Sache mit dem Wandertag in Heft 2 zum Beispiel, wo er sich nicht entscheiden kann, ob jetzt „gutes Wetter“ ist oder nicht, geht in diese Richtung. Das fand ich ’ne sehr schöne, schön beobachtete Sequenz, die mir Ronny nähergebracht hat. Davon hätte ich mir nach zwei Heften schon mehr gewünscht.

Vor allem vom Ronny aus dem Jahr 1992 – ein Held, der keinen Sinn mehr im Leben sieht? Das ist ja zunächst mal keine Figur, sondern ein Klischee. Da fehlt noch was, wenn es Wiedererkennungswert haben soll. Darum kann ich dann auch seinen Sinneswandel nicht nachvollziehen – der kommt mir zu plötzlich und scheint ziemlich unmotiviert. Die Geschichte hat mir keine Möglichkeit gegeben, mich vorher in ihn hineinzuversetzen, und darum verstehe ich auch nicht, wieso er sich’s plötzlich anders überlegt und etwas macht, was er doch schon lange vorher hätte tun können. Irgendein Wunderelement im Kopf, das plötzlich ausgelöst wird, ist mir da zu billig – da muss schon was her, das aus der Figur selbst kommt. Das UPgrade bietet nun zwar genug andere faszinierende Einfälle, die solche Mankos auch mal kaschieren können, aber generell ist leider noch nicht klar, wie dieser Ronny so drauf ist, von den Eckdaten mal abgesehen.

Ich glaub auch, dass man sich ein Urteil darüber bilden kann, ob ein Stoff als Serie funktioniert, auch nach dem ersten Heft. Wenn die ersten zwei Ausgaben nur Exposition sind, dann haben die Autoren einfach einen schlechten Job gemacht. Ich erwarte, dass jede Szene in einem Comic als solche funktioniert und interessant ist, und mich nicht bloß mit irgendwelchem Hintergrundwissen überschüttet, das mich ohne eine entsprechende Geschichte gar nicht interessiert. Das UPgrade finde ich da insgesamt ganz gelungen.

Die Tatsache, dass Das UPgrade überhaupt als Heftserie erscheint, ist auch wieder faszinierend. Genre-Unterhaltung aus Deutschland, die nicht bewusst die Trash-Schiene fährt, sondern Anspruch und Unterhaltung verbinden will? Ist schon selten genug – als Heftserie gibt es das praktisch überhaupt nicht. Was merkwürdig ist. Der Wederhake meinte neulich, eine Serie wie Das UPgrade müsste eigentlich monatlich erscheinen, und da hat er recht. Wenn sich so was nicht verkaufen lässt, was denn dann?

Glaubst du, es würde sich lohnen, wenn ein großer Verlag wie Panini oder Egmont sich mal ein Herz fassen und eine Serie wie Das UPgrade konsequent und mit entsprechender Marketing-Power herausbringen würde?

TILL FELIX: Natürlich würde Das UPgrade Panini und Egmont gut zu Gesicht stehen, aber es wäre halt in der Form wie aktuell ein einziges Zuschussgeschäft: Das UPgrade lebt absolut von den Zeichnungen des Sascha Wüstefeld, die den Look & Feel der Serie tragen. Aber dieser Stil ist halt auch sehr aufwändig, Du hast die Detailfülle der Hintergründe angesprochen. Für eine häufigere Erscheinung müssten Panini und/oder Egmont 3-4 Menschen nahezu voll beschäftigen … und das ist halt leider trotz des tollen Comics, der am Ende rauskommt, nicht rentabel genug.

Daher: Ja, Meister Wederhake spricht wahr, aber seine Wahrheit ist halt leider nur die halbe.

Ich kann mich, um das noch mal zu sagen, im Moment noch sehr gut damit abfinden, dass der Knäusel bisher noch nicht so recht greifbar ist, weil einfach das Viele, was das UPgrade bietet, noch ausreicht, um mich zu begeistern. Das wird sich ändern, spätestens ab Ausgabe 4, und dann müssen die Herren auch in der Figurenentwicklung was vorzuweisen haben.

Aber bis dahin lass ich mich einfach noch gerne von goldenen Flugobjekten und multiplen Frau Bellmanns begeistern. Ich möchte hier auch gerne noch anführen, dass mich das Bild von Cosmo Shleym, der als Vib-Voxel-Nerd am Ende den Gang versperrt, laut kichern ließ … mehr verlange ich bei einer Serie an der Stelle erst mal auch nicht.

 

Das UPgrade 2
von Ulf S. Graupner und Sascha Wüstefeld
Zitty Verlag, 2013
50 Seiten, Softcover, farbig
Preis: 
€ 9,90
ISBN: 978-3-922158-10-3

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildung: © Graupner/Wüstefeld und Zitty Verlag

Segmente 1 – Lexipolis

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Cover Segmente 1Splitters neue Science-Fiction-Serie Segmente hat eine ganz gute Grundidee, auf der nicht nur das gesamte Konzept, sondern auch die Handlung aufbaut: Die bevölkerte Galaxis ist nach dem Prinzip der „Segmentation“ angelegt. Jeder Planet wird von Menschen bewohnt, die ein ganz bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal gemeinsam haben. Da gibt es den Planeten der Wissenschaftler, hier denjenigen des Krieges, dort den des Genusses. Jedes Kind muss in einem bestimmten Alter einen Test absolvieren, anhand dessen bestimmt wird, wohin es bei Volljährigkeit geschickt wird. Als unser Protagonist Loth Lungren jedoch seine Fähre zum Planeten der Kämpfer verpasst, gerät er in eine gefährliche Situation…

Aber von der ersten Überraschung über das Konzept abgesehen, kommen dem aufmerksamen Leser doch recht schnell Zweifel daran, ob das funktionieren kann. Was vor allem am Prinzip der Segmentation liegt, da dieses in Wirklichkeit nie und nimmer funktionieren könnte. Autor Richard Malka entwirft hier zwar eine Zukunftswelt, und in einer solchen ist prinzipiell alles möglich, aber es werden menschliche Persönlichkeitsmerkmale behandelt. Und die sind allzu sehr in der Realität verankert. Das Konzept kann allein schon deshalb nicht funktionieren, da jedes Individuum nicht nur einen vorherrschenden Charakterzug oder eine einzige Neigung hat. Man kann sowohl eine kreative Ader haben als auch eine wissenschaftliche und dennoch Genüssen wie Sex und Drogen fröhnen. Ein Mensch ist vielschichtiger, als dass man ihn auf ein einziges Merkmal reduzieren könnte.

Seite aus Segmente 1Natürlich erkennen das auch die Figuren im Comic und begehren auf gegen diese rigide Auffassung und das Herrschaftssystem. Das ist natürlich wenig überraschend und was nach der originellen, wenn auch letztlich unausgegorenen, Grundidee folgt, ist das typische Schema, wie man es aus vielen Science-Fiction-Geschichten kennt. Es wird eine alternative Welt entworfen, die nicht so toll ist wie man vielleicht meinen sollte, jemand lehnt sich dagegen auf, wird verfolgt, es kommt zum Kampf und so weiter.

Leider hat der erste Band des Dreiteilers weder genug Action noch genug Witz, um den Leser über die ganze Strecke bei der Stange halten zu können. Auch die Erotik hält sich in Grenzen und Zeichner Juan Gimenez kann hier die für ihn so typischen schönen Frauen nicht auf die Art  präsentieren wie er es gerne macht. Sprich: Es fehlen die zutünchenden Effekte, die die dürftige Story wenigstens oberflächlich verschönern könnten. Letztlich überzeugt der Start dieser Serie also nicht. Immerhin gibt es in den Details einige schöne Ideen, die man so aber auch schon besser bei Alejandro Jodorowsky gesehen hat. Gimenez (Die Meta-Barone, mit Jodorowsky als Autor) benutzt seinen typischen Stil, wobei er aber diesmal eher zurückhaltend agiert und sich ganz in den Dienst der Story Richard Malkas stellt. Schade.

 

Punkte: 4 von 10 Punkten

Die überraschende Grundidee ist bei näherer Betrachtung voller Fehler und es fehlen Effekte, um das zu kaschieren.

 

Segmente 1 – Lexipolis
Splitter Verlag, August 2013
Text: Richard Malka
Zeichnungen: Juan Gimenez
Übersetzung: Tanja Krämling
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 14,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-629-5
Leseprobe

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

 

Links der Woche 32/13: Und die fromme Seele ahnt

Unsere Links der Woche, Ausgabe 32/2013:

 

Steinbrück liebt Comics
Arte Journal, M. Wulf, O. von Kayser, T. Weihenhain
Dass SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück gerne Comics liest, ist schon lange bekannt und kein Wahlkampf-Gag. In der letzten Woche vor der Wahl lässt das Arte-Journal den Politiker in einem kurzen Fernsehbeitrag zu Wort kommen und von seinen Lieblingscomics erzählen. Unter anderem mag er Jacques Tardi, die Panzerknacker und – etwas überraschend – Sin City. Nun, bald dürfte er wieder mehr Zeit zum Lesen haben.

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Bortoluzzi kämpft gegen Aufklärungs-Comic
20 Minuten
Seit Ende 2012 vertreibt der Schweizer Schulverlag einen Sachcomic von Urs Plüss und Diego Balli namens Hotnights, der Jugendliche über Sexualität und sexuell übertragbare Infektionen aufklären will. Nun haben auch die Konservativen in der Schweiz davon Wind bekommen und sagen „Pfui“. Toni Bortoluzzi, Abgeordneter der rechtskonservativen SVP, reichte im Nationalrat eine „Interpellation“ ein, in der er vor allem kritisiert, dass der Comic durch das Bundesamt für Gesundheit mitfinanziert wurde, wo er doch „teils perverse Ausdrücke und Obszönitäten“ enthalte.

Comix Wettbewerb (Int.)
Fumetto
Wie in jedem Jahr schreibt das Luzerner Comicfestival Fumetto wieder einen internationalen Wettbewerb aus. In Partnerschaft mit dem Schweizer Bundesamt für Gesundheit (Vorsicht, Herr Bortoluzzi!) steht der Wettbewerb diesmal unter dem Motto „Genuss oder Sucht“.

Sex and Drugs and Rock’n’Roll in schwarz-weiß – Eine kleine Geschichte des Underground Comix
Zündfunk Generator, Markus Metz & Georg Seeßlen
Eine langes Radio-Feature des Bayerischen Rundfunks zu den Underground Comix von Robert Crumb und Co., das letzten Sonntag in Bayern 2 lief und auch als Podcast nachzuhören ist (MP3, 47 Minuten).

Dieser magische literarische Name K.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus
Die FAZ startet einen neuen Comicstrip: Er stammt von Ulf K. und adaptiert Bertolt Brechts Geschichten vom Herrn Keuner. Der Strip läuft bis Ende des Jahres sowohl in der Zeitung als auch online.

More on the Facebook demographics that reveal a surprising number of female comics fans
The Beat, Brett Schenker
Der Blogger Brett Schenker wertet regelmäßig Facebook-Daten der amerikanischen User aus, die Begriffe wie „comic books“ oder „graphic novels“ in ihren „Likes“ haben. Damit erstellt er recht interessante Statistiken, die Aufschluss geben, wie sich die Comicfans auf Facebook demographisch verteilen. Daraus ergibt sich zum Beispiel ein überraschend hoher Frauenanteil. Auf dem Comicblog The Beat erklärt Schenker nun etwas genauer, wie er zu seinen Zahlen kommt und wie man sie interpretieren kann.

Creating my KNOWLEDGE print
Todd’s Blog, Todd Klein
Handlettering-Meister und Logodesigner Todd Klein (der 16mal den Eisner Award in der Kategorie „Lettering“ gewonnen hat) erstellt regelmäßig aufwendige Drucke. Der neueste heißt „Klein’s Compendium of Calligraphic Knowledge“ und beschäftigt sich sehens- und lesenswert mit der Kunst der Buchstaben. In seinem Blog erklärt er, wie das Blatt entstanden ist. Kaufen kann man den Druck hier.

Saga 1

Cover Saga 1Drei Eisner-Awards (in den Kategorien „Bester neue Comicserie“, „Beste Comicserie“ und „Bester Autor“), dazu noch sechs Harvey-Awards und einen Hugo-Award: Die neue Comicserie Saga hätte kaum mit mehr Vorschusslorbeeren aus den USA zum deutschen Verlag Cross Cult schwappen können. Von einer Mixtur aus Star Wars und Game of Thrones war bereits im Vorfeld die Rede – hochtrabendere Vergleiche kann man sich kaum ausmalen. Dabei würde allein ein Blick auf den Namen des Autors, niemand geringerer als Brian K. Vaughan (Y – The Last Man, Ex Machina, Lost), bei den kundigen Lesern für die höchste Aufmerksamkeitsstufe sorgen.

Aber versuchen wir uns den ersten deutschen Sammelband dennoch möglichst unvoreingenommen vorzunehmen. Saga spielt in einer weit, weit entfernten Galaxie … Naja, oder so ähnlich. Es handelt sich jedenfalls um eine Sci-Fi-Welt, die von allerhand außerirdischen Rassen bevölkert wird und sich im Krieg befindet. Mitten drin stecken Marko und Alana, ein junges Paar, das sich mit seinem noch ungeborenen Kind auf der Flucht befindet. Alana gehört einem hochtechnisierten Volk von geflügelten Kriegern an, während Markos Rasse sich durch Hörner kennzeichnet und mit Magie umzugehen vermag.

Mit ihrem künftigen Mischlingsbaby, welches lustigerweise die Erzählstimme übernimmt, stehen die beiden zwischen den verfeindeten Lagern. In einem klassischen Romeo-und-Julia-Szenario kommt ihrer nicht gebilligten Liebe eine zentrale Rolle in dieser Space Opera zuteil. Nicht zuletzt werden Marko und Alana sogar von Kopfgeldjägern gejagt.

Seite aus Saga 1Die Handlung in diesem ersten Band ist noch etwas diffus und lässt sich vom Gefühl her tatsächlich vielleicht noch am ehesten als eine radikale Version von Star Wars bezeichnen. Zeichnerin Fiona Staples erschafft eine hervorragende, eigentümliche Welt, die sich auffällig stark auf die Figuren im Vordergrund und auf deren Charakterisierung fokussiert und die Hintergründe geradezu aufreizend gern vernachlässigt. Auch deshalb lässt sich Saga nicht so einfach in die Schublade „großes Weltraumepos“ stecken. Vielmehr benutzt Vaughan Sci-Fi und Fantasy lediglich als Bühne, um einen möglichst unvorhersehbaren, unbegrenzten Sandkasten zur Verfügung zu haben und die Figuren präzise ausarbeiten zu können.

Ohnehin sind nicht die Raumschiffe, die Metaphysik, ja nicht einmal die exzessiv vorgetragene Gewalt und Sexualität die Kernthemen. So wie es bei der TV-Serie Lost letzten Endes nicht um Mystery ging, sondern um die Entwicklung der Figuren oder Game of Thrones weniger reine Mittelalter-Fantasy als vielmehr komplexes Beziehungsgeflecht ist, so scheint auch Saga einen ähnlichen Schwerpunkt zu besitzen.

Aber ist die Serie wirklich so überragend, wie es Kritiken und Auszeichnungen aussagen? Da muss ich mit einem klaren „Jein“ antworten. Stilistisch ist Vaughan Überragendes gelungen. Die Handlung war für mich noch etwas unscharf und nicht richtig zu fassen, man muss allerdings klar sagen, dass der Autor eine exakte Vorstellung von jeder Szene zu haben scheint und auch den großen Plan bereits im Kopf hat. Insofern ist der Comic perfekt durchchoreographiert, er überrascht auf jeder Seite und scheut auch nicht vor radikalen Ideen zurück. Fiona Staples erweist sich dabei als echter Glücksgriff. Sie ist es, die den Figuren erst den perfekten Ausdruck verleiht.

Andererseits liegt mir bislang nur der erste Sammelband mit den ersten sechs US-Heften vor. Ob sich aus der Liebesgeschichten inmitten zweier verfeindeter Völker heraus ein Gesamtwerk auf ähnlichem Niveau entspinnen wird, bleibt abzuwarten. Erst dann kann man wirklich von einem modernen Klassiker oder einer „Saga“ (wie es der Titel verheißungsvoll ansagt) reden.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Zweifelsfrei einer der vielversprechendsten US-Serienstarts der vergangenen Jahre

 

Saga 1 
Cross Cult, August 2013
Text: Brian K. Vaughan
Zeichnungen: Fiona Staples
Übersetzung: Marc-Oliver Frisch
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22 Euro
ISBN: 978-3-86425-187-0
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Cross Cult

Disclosure/Klarstellung: Die deutsche Ausgabe von Saga 1 wurde von den CG-Redakteuren Marc-Oliver Frisch und Frauke Pfeiffer übersetzt bzw. lektoriert.