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Feynman – ein Leben auf dem Quantensprung

Cover zu Feynman – ein Leben auf dem QuantensprungNach Superman, Ironman und Spider-Man musste irgendwann auch Feynman kommen – eine Figur mit ganz besonderen Superkräften. Von seinen Comic-Kollegen unterscheidet er sich in erster Linie dadurch, dass er tatsächlich gelebt hat. Der US-Amerikanische Nobelpreisträger Richard Feynman gehört zu den Persönlichkeiten, die im zwanzigsten Jahrhundert die Physik völlig revolutioniert haben. Dass sein Leben nun vom Autor Jim Ottaviani auf etwas ungewöhnliche Weise erzählt wurde, nämlich in Comicform, passt gut: Feynman war eine ungewöhnliche Person mit einer ungewöhnlichen Biographie, der man mit einer ungewöhnlichen Erzählweise wohl am besten gerecht wird.

Eine Superheldengeschichte ist es allerdings nicht, und das ist gut so. Richard Feynman gilt in Physik-Kreisen zweifellos als einer der ganz Großen, als ein Genie auf Augenhöhe mit Einstein oder Heisenberg, doch was heißt das schon: „Wenn das der klügste Mann der Welt ist, dann Gnade uns Gott“, soll Feynmans Mutter gesagt haben. Er wird hier nicht als überstrahlender Superstar präsentiert, sondern als Mensch, der manchmal Glück hat und manchmal Unglück, der manchmal konzentriert arbeitet und manchmal Blödsinn macht, der weltbewegende Formeln ableitet und dann wieder lieber an brasilianischen Badestränden den Frauen hinterherblickt.

Beispielseite aus Feynman – ein Leben auf dem QuantensprungSchon als Kind wird Richard Feynmans Interesse für Wissenschaft von seinem Vater gefördert. Er studiert am Massachusetts Institute of Technology (MIT), später wechselt er nach Princeton, wo er seine Dissertation schreibt. Feynman ist ein Theoretiker, der gerne mit Formeln spielt, um zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Die praktische Anwendbarkeit seiner Ideen ist für ihn weniger wichtig. Trotzdem wird gerade seine theoretische Arbeit an der Quantenphysik zu einem hochpolitischen Thema. Der zweite Weltkrieg ist ausgebrochen, und man ahnt, dass die neu entdeckten Naturgesetze den Weg zu einer neuen Waffe ebnen können: Feynman wird Mitarbeiter am „Manhattan Project„, dem streng geheimen Forschungsprojekt, in dem einige der klügsten Köpfe der USA mitten in der Wüste von New Mexiko die Atombombe entwickeln (und welches momentan bei Image Comics als Basis für einen Science-Fiction-Comic dient, zu finden bei unseren Topcomics 2013.)

Nach dem Krieg leistet Feynman entscheidende Beiträge zur Quantenphysik, 1965 erhält er dafür den Nobelpreis. Doch niemals besteht Feynmans Leben nur aus Physik allein. Diese Erzählung – eine der ersten Veröffentlichungen im neu gegründeten Unterlabel „Egmont Graphic Novel“ – handelt nicht bloß über seine Forschung, sondern auch über seine Frauen, über sein Trommelspielen, über seine Tresorknackereien und andere Tricks, mit denen er manche Leute zum Lachen, andere zum Verzweifeln bringt.

Beispielseite aus Feynman – ein Leben auf dem QuantensprungEs ist eine Geschichte über einen Physiker, nicht über Physik. Vorgestellt wird in erster Linie der Mensch Richard Feynman, nicht seine Erkenntnisse und Theorien. Erst gegen Ende werden Feynmans physikalische Grundgedanken erklärt: Knapp dreißig Seiten lang wohnen wir einer Vorlesung bei, in der der Protagonist recht anschaulich skizziert, worum es in seinem wissenschaftlichen Lebenswerk eigentlich geht. Besonders tiefschürfend lässt sich die Quantenelektrodynamik in dieser kompakten Form natürlich nicht beschreiben, aber man bekommt zumindest eine Idee davon, was die zentralen Fragen waren, denen sich Feynman gewidmet hat.

 

Hier zwei Videos, die einen Einblick in Feynmans Leidenschaft geben, naturwissenschaftliche Sichtweisen und Phänomene zu erklären:

Ode to a Flower:

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BBC-Reihe: Fun to Imagine – Using physics to explain how the world works:

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Wer eine allgemeinverständliche Einführung in die Quantenphysik sucht, ist mit anderen Werken besser bedient – davon gibt es viele, zum Beispiel „Auf der Suche nach Schrödingers Katze“ von John Gribbin. Wer aber eine unterhaltsame und spannend erzählte Geschichte über eine faszinierende Forscherpersönlichkeit haben möchte, sollte dieses Buch kaufen. Feynmans Leben ist sicher eine der interessantesten Forscherbiographien, die es gibt, Jim Ottaviani hat ganz offensichtlich sehr ausführlich recherchiert und erzählt die Geschichte auf flotte und unterhaltsame Weise. Graphisch setzt das Werk keine neuen Maßstäbe – aber der eher schlichte Zeichenstil ist einer naturwissenschaftlichen Biographie sicher angemessen.

 


Wertung
: 8 von 10 Punkten

Ein empfehlenswertes Werk für Wissenschafts-Nerds, Hobbyhistoriker, Physik-Freunde und alle, die es werden wollen


Unser Gastautor Florian Aigner ist promovierter Physiker mit Schwerpunkt Quantenmechanik. Hauptberuflich arbeitet er seit 2010 als Wissenschaftsredakteur an der TU Wien. In seiner Freizeit schreibt der Österreicher für das Scienceblog und das naturwissenschaftliche Bildungsmagazin naklar.at, das er mitgegründet hat. Zusätzlich engagiert er sich als Vorstandsmitglied bei der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.).

 

Feynman – ein Leben auf dem Quantensprung
Verlag: Egmont Graphic Novel, Dezember 2013
Text: Jim Ottaviani
Zeichnungen: Leland Myrick
Übersetzung: Ebi Naumann
272 Seiten, farbig, Softcover / Hardcover
Preis: 24,99 Euro
ISBN: 978-3770455010

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Abbildungen © Leland Myrick, der dt. Ausgabe: Egmont Graphic Novel

Plume 1 – … wie eine Rauchwolke

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plumeaRache ist wie eine Rauchwolke (engl. „Plume“). Sie scheint greifbar, doch wenn du sie nehmen willst, fassen deine Finger ins Leere.

Diesen Satz bekam Vesper Grey einst von ihrem Vater, einem umtriebigen Archäologen, mit auf den Weg. Die junge Dame lebt bei ihrer vornehmen und strengen Tante und hadert mit ihrem langweiligen Leben. Als sie durch einen Unfall in Lebensgefahr gerät, taucht plötzlich ein weißhaariger Junge namens Corrick auf. Dessen Seele, so berichtet er selbst nach gelungener Rettung, ist seit Generationen an das Amulett gebunden, das Vesper um ihren Hals trägt.

Das Amulett entpuppt sich als eines von mehreren magischen Artefakten, die ihr Vater auf seinen Reisen gefunden und seiner Tochter nicht ohne Hintergedanken geschenkt hat. Dass diese den Schutz des mysteriösen Corrick tatsächlich gut gebrauchen kann, zeigt sich im späteren Verlauf: Nach der Rückkehr ihres Vaters nimmt er Vesper mit zurück in den Westen. Während der Fahrt wird ihre Kutsche von eine Gaunerbande überfallen, die es auf die wertvolle Fracht abgesehen hat.

Plume beinhaltet einen recht unausgegoren Stilmix. Die Story lässt sich in etwa als Teenie-Western mit Mystery-Touch beschreiben. Das Ganze läuft allerdings, vor allem optisch, vor einer cartoonistischen, mangaähnlichen Kulisse ab. Autorin und Zeichnerin K. Lynn Smith veröffentlicht Plume seit 2011 im englischsprachigen Original als Webcomic. Die Handlung funktioniert meines Erachtens online, in kleinen Häppchen rezipiert, durchaus aus besser als in Form eines Sammelbandes. Denn in Letzterem werden die erzählerischen Schwächen überdeutlich. So ist zum Beispiel das plötzliche Auftauchen des Vaters mitsamt seiner Geheimnisse im Gepäck wenig nachvollziehbar, Nebenfiguren wie der schurkische Dominic oder die Saloonbesitzerin Tegan bleiben blass und Vespers Wandlung vom Mauerblümchen zur coolen Westernamazone mit Colt wirkt seltsam.

Schade, dass K. Lynn Smith die philosophische Tiefe der eingangs zitierten Wolkenmetapher zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd wiederholt, sondern sich stattdessen auf eine recht austauschbare und oberflächliche Story versteift. Ein weiteres Problem ist, dass es der Künstlerin einfach nicht gelingt, diesen Western als solchen zu vermitteln. Der Plot könnte auch 1:1 auf jedes andere Genre übertragen werden, ohne dass es der Leser überhaupt merken würde. Der Eindruck verstärkt sich aber auch gravierend durch die Vernachlässigung von Hintergründen. Diese sind nämlich äußerst spärlich geraten. Hin und wieder kann man mal ein Pferd oder ein Haus erblicken, meistens agieren die Protagonisten aber doch eher in Nahaufnahme vor kargen und monotonen Kulissen. Das muss an sich kein negativer Kritikpunkt sein, aber er verfestigt das Gesamtbild eines doch eher dünnen Machwerks, inhaltlich wie zeichnerisch.

Seite aus Plume 1Dabei haben mir die Zeichnungen der Figuren an sich sehr gut gefallen. Auch wenn die Stärke von K. Lynn Smith nicht in der Dynamik der Actionszenen liegt, so sind gerade die emotionaleren und witzigeren Momente wirklich gelungen. Hier beweist sich in sehr vielen Augenblicken ihr Gespür und Timing für die jeweils passende Mimik.

Die Crux dieses Bandes liegt vielleicht auch darin, dass man ihn keiner bestimmten Zielgruppe richtig zuordnen kann. Was optisch wie ein kindgerechter Manga mit überzogenen Bildern und großen Kulleraugen daherkommt, liest sich am Anfang wie ein Teenieroman, bei dem zwei hübsche junge Menschen sich ihre Liebe eingestehen. Aber auch in diesem Eindruck sieht man sich schnell getäuscht. Denn anstelle von Liebe geht es um Rache. Und man findet sich in einem Genre wieder, das zu dem ganzen Setting irgendwie nicht passen mag: dem Western. Noch dazu ein Western, der aus heiterem Himmel mit äußerster Brutalität schockt. Spätestens dann ist vom kindgerechten Manga nichts mehr übrig. Einem hartgesottenen Western-Fan kann man diesen Band allerdings auch nicht wirklich in die Hand drücken.

Für Plume bleibt demnach eine Leserschaft, die sich im Bereich Teenie-Manga-Western-Mystery wohl fühlt. Was wesentlich einfacher wäre, wenn man jedes Genre-Teilstück nicht nur halbgar bedienen würde. Zumindest die Ausdrucksstärke der Figuren und die an vielen Stellen geglückten Dialoge bleiben positiv in Erinnerung und zeugen im Ansatz durchaus vom vorhandenen Talent der Künstlerin.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

Für das Lesen zwischendurch einen Blick wert, gerade erzählerisch aber kein wirkliches Highlight

 

Plume 1 – … wie eine Rauchwolke
Dani Books, Dezember 2013
Text und Zeichnungen: K. Lynn Smith
Übersetzung: Jano Rohleder
152 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 14 Euro
ISBN: 978-3-944077-31-4
Leseprobe

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © der dt. Ausgabe: dani books

Topcomics 2013 – Die Favoriten der Redaktion

Wenn das alte Jahr vorbei ist, schauen wir traditionell zurück auf die besten Comics, die wir im vergangenen Jahr gelesen haben. Die Comicgate-Redakteure haben wieder ihre ganz persönlichen Listen mit ihren Lieblingscomics des letzten Jahres zusammengestellt. Ganz subjektiv, mal mit und mal ohne Reihenfolge, mal als Top 3, mal als Top 5, mal als Top 10 – hier sind unsere Topcomics 2013!

Unsere Topcomics der Vorjahre: 200920102011 und 2012.

(Die Links hinter den Preisen führen zu Amazon (Partnerlink). Falls ihr dort kaufen wollt, bleibt ein bisschen was bei uns hängen. Noch mehr freuen sich aber eure freundlichen Comic- oder Buchhändler, wenn ihr bei ihnen kauft!)

 

DIE TOP 5 VON THOMAS KÖGEL

Hilda und der TrollHilda und der Mitternachtsriese
Hilda und der Troll
von Luke Pearson
Reprodukt
je 18 Euro

Kein anderer Comic konnte mich in diesem Jahr so berühren wie die unglaublich charmanten Hilda-Geschichten von Luke Pearson. Mit ihrer märchenhaften Atmosphäre, der sympathischen Hauptfigur, dem sanften Humor und dem allgegenwärtigen „Sense of Wonder“ sind sie ein großes Vergnügen für Leser jeden Alters und jeden Geschlechts. Man kann und will sie immer wieder lesen. Und obendrein sind die Bücher auch noch äußerst liebevoll aufgemacht und produziert.
[Rezension bei Comicgate]

 

VakuumVakuum
von Lukas Jüliger
Reprodukt
20 Euro

Coming-of-Age in der deutschen Provinz. Tristesse, Langeweile, Unsicherheit und Sich-woanders-hin-sehnen. Ein typisches Teenager-Leben eigentlich, das Lukas Jüliger da beschreibt, doch eine Tragödie an der Schule und ein surreales Element in der Geschichte sorgen dafür, dass Vakuum sehr viel befremdlicher, unbehaglicher und verstörender ist als andere Vertreter dieses Genres. In matten Farben bringt der Zeichner sehr stilsicher und ungemein wirkungsvoll eine Stimmung aufs Papier, die einem nach dem Lesen nicht mehr so schnell loslässt. Das Comic-Debüt des Jahres.
[Rezension bei Comicgate]

 

Panel aus The Long JourneyThe Long Journey
von Boulet
Webcomic, bouletcorp.com

Der Franzose Boulet alias Gilles Roussel dürfte mit seinem Comicblog The Bouletcorp zu den populärsten Webcomicmachern weltweit gehören. Das liegt nicht nur an seinen lesenswerten, autobiographischen Alltagsepisoden, sondern auch an den formalen Experimenten, die er zwischendurch immer wieder einstreut. So wie in The Long Journey: Da stellt er erstens seine Zeichnungen auf einen pixeligen 16-Bit-Computergrafik-Stil (aber mit viel mehr Farben!) um und bedient sich zweitens des „Infinite Canvas“, der unendlich langen Comicseite. Der Protagonist begibt sich auf eine Reise nach unten, Richtung Erdmittelpunkt, und der Leser folgt ihm durch Scrollen oder Wischen hinunter in eine fantastische Welt. Das ist als Idee nicht direkt neu, wird hier aber mit so viel (Meta-) Humor, guten Ideen und grafischer Brillanz umgesetzt, dass es eine pure Freude ist.

 

Panel aus Ronny (das Pony) und Walter 2Ronny (das Pony) & Walter 2
von Matthias Lehmann
Webcomic, comicmatscher.de

Der witzigste Comic des Jahres erschien, von der Comic-Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, über mehrere Monate hinweg in Fortsetzungen und kann inzwischen komplett am Stück gelesen werden: Frei von allen Genrekonventionen schickt Matthias Lehmann seine beiden Helden in ein haarsträubendes Abenteuer voll mit total absurden Wendungen, verrückten Ideen und albernen Witzen, bei dem man nie weiß, was als nächstes passiert. Mit von der Partie sind unter anderem eine Counter-Strike-zockende Großmutter im Rollstuhl, ein sentimentaler Superheld und Außerirdische in einem staubsaugerförmigen Raumschiff. Ein großartiger Spaß, der zudem auch noch gut gezeichnet und vor allem exzellent koloriert ist.

 

Hawkeye Vol. 1Hawkeye (US)
von Matt Fraction, David Aja et al.
Marvel Comics
bislang zwei Sammelbände, je 16,99 US-Dollar

„Hawkguy“ pflegt Autor Matt Fraction seine Hauptfigur zu nennen – das passt, denn im Mittelpunkt steht hier nicht der kostümierte Superheld, sondern ein Clint Barton jenseits der Avengers, der zwar immer noch actionreiche Abenteuer besteht, welche aber eher im Stil eines Agenten- oder Actionthrillers erzählt werden. Zudem spielt auch Hawkeyes Privatleben zwischen Küchenzeile und seinem Hund Lucky eine große Rolle. Fraction erzählt seine Stories mit einer ordentlichen Prise Humor, lässigen Sprüchen und mit großer Lust an formalen Experimenten, die vor allem dann zum Einsatz kommen, wenn Hauptzeichner David Aja an der Reihe ist. Am spektakulärsten ist dies in US-Heft #11, das komplett aus der Sicht von Hawkeyes Hund erzählt ist und mit Piktogrammen statt Sprechblasentexten arbeitet. Die unkonventionellste und damit wohl spannendste Serie, die Marvel Comics zur Zeit im Angebot hat. Im Sommer 2014 kommt bei Panini eine deutsche Ausgabe als dicker Megaband.

 

 

DIE TOP-GRAPHIC-NOVEL 2013 VON MARC-OLIVER FRISCH

Jimmy CorriganJimmy Corrigan: The Smartest Kid on Earth (US)
von Chris Ware
Pantheon Books
18 US-Dollar

Kotztüten raus. „Jahrhundertwerk“, „Geniestreich“, „perfekt“, „Klassiker“, „Weltliteratur“, „hochdiffizille [sic!] Prosa“ und, natürlich, immer und immer wieder: „Meisterwerk“. Man kann nicht behaupten, die deutsche Erstveröffentlichung von Jimmy Corrigan hätte aus der Grundapplausgeilheit der Rezensentenschaft – dem Gleitmittel des Graphic-Novel-Babybooms – nicht noch einmal ein paar Extra-Klimaxe herausgekitzelt. Und das, obwohl Chris Ware die Lieblingsthemen des deutschen Klickjournalismus (Sex, Holocaust, Krieg) geflissentlich ignoriert. Man darf – so weit ist es gekommen – sogar davon ausgehen, dass für Reprodukt dieses Jahr ein Max-und-Moritz-Preis in den Bereich des Denkbaren gerückt ist – zwar nicht der für den „besten Comic“, der wohl eher für den Boxer reserviert ist (Kleist, Holocaust, Carlsen), aber doch sicher der für die „internationale“ Gewichtsklasse. Ware sollte sich jedenfalls am besten auf einen Anruf von Denis Scheck einstellen, irgendwann im Juni dann, und die Veranstalter mögen der Vorsicht halber schon mal ein großes Loch ins Dach des Erlangener Markgrafentheaters bohren, damit es bei der offenbar kurz bevorstehenden Apotheose Dirk Rehms nicht zu schlimmen Blessuren kommt.

Zugegeben, das sind alles ziemlich gute Gründe, Jimmy Corrigan nicht zu mögen. Andererseits kann Chris Ware für den Zustand des deutschsprachigen Comics und seiner Verfechter nichts, und bloß weil Christian Gasser seinen Jimmy Corrigan gut findet, Andreas Borcholte oder der Tagesspiegel ihn als „Meisterwerk“ bezeichnen und die Badische Zeitung ihn gar zum „Jahrhundertwerk eines Genies“ ausruft, muss es ja per se noch nicht unbedingt schlechter Comic sein. Und auch, wenn das nun veranstaltete Brimborium ein bisschen albern ist angesichts der Tatsache, dass die deutsche Version schon jetzt kaum mehr als eine Fußnote ist – Ware hat sich inzwischen längst weiterentwickelt und einen noch ausgefeilteren, Jimmy Corrigan in jeder Hinsicht überlegenen Comic veröffentlicht –, bin ich doch gerade als Übersetzer etwas gerührt, wie viel Hirnschmalz, Akribie und Fleißarbeit man in die Umsetzung dieses Projekts zu investieren bereit war. (Disclaimer: I haven’t read the German one.)

Aber mancherlei Antipathie hat sich Ware freilich auch selbst zuzuschreiben, ganz unabhängig davon, wie das deutsche Feuilleton gerade auf ihn zu sprechen ist.

In unserem Innersten sind wir allein, und dann sterben wir. Weil Ware glaubt, dass es zu diesen wenigen Gewissheiten allen menschlichen Daseins noch einiges mehr zu sagen gibt, ist es schick, ihn anstrengend oder deprimierend zu finden. Man könnte den Leuten nun eine Therapie oder stärkere Medikamente empfehlen, um den Schmerz zu lindern. Aber Aufgabe der Kritik ist neben der Klarheit ja auch das Schaffen von Verständnis, also quasi: von geistiger Uneinsamkeit. Was wiederum bedeutet, dass sie mit ihren Gegenständen im Idealfall an einem Strang zieht, denn auch das Verdienst großer Literatur (cf. Shakespeare, Kubrick, Dylan, Beckenbauer) liegt in der Erhellung des menschlichen Zustands. Das ist bei Ware nicht anders.

Gerade durch sein gründliches, konsequentes, konsequent aufrichtiges Ausloten der Zeit zwischen den Momenten glücklichen Verbundenseins schafft Ware Verbundenheit, gerade seine schonungslose Bilanz des Versagens, der er eine generationenübergreifende zeitliche Dimension verleiht, bildet die Grundlage für das Erkennen der Auswege. Diese existieren durchaus, sind gar allgegenwärtig in Wares Comics, und nur dadurch, dass er uns ermöglicht, das Unglück seiner Figuren in seiner ganzen Tragweite zu erfahren, wird am Ende die Katharsis möglich. Ware ist einer, der dem Elend ins Auge schaut, bis der Schrecken vergeht, und zurück bleibt ein wirksamer Trost. Denn am Ende wissen wir, warum Jimmy da ist, wo er ist, und dass auch alles immer ganz anders hätte kommen können – und  kommen kann. Die gute Nachricht: Jimmy Corrigan lebt. Der „klügste Junge der Welt“ ist er zwar längst nicht mehr, aber für Deutschland reicht’s noch. 

 

 

DIE TOP 5 VON BENJAMIN VOGT

Dr. Grordborts glorreicher WegweiserDr. Grordborts glorreicher Wegweiser zum Triumph
von Greg Broadmore
Cross Cult
39,80 Euro

Greg Broadmores Gesamtwerk ist eine Ansammlung von Comics, Waffenverzeichnissen und Werbeplakaten. Inmitten der intergalaktischen Kolonisierung führt der aristokratische Lord Cockswain einen Krieg auf fremden Planeten. Intelligent, verrückt, überraschend. Der Band ist ein Füllhorn an kurzweiligen Ideen. Ein Sci-Fi-Steampunk-Retro-Kunststück, das man nicht verpassen sollte.
[Rezension bei Comicgate]

 

Saga 1
von Brian K. Vaughan, Fiona Staples
Cross Cult
22 Euro

Star Wars trifft Game of Thrones. Die neue Serie von Brian K. Vaughan (Y: The Last Man, Lost) ist eine fulminante Space Opera. Zudem ist sie wunderbar gezeichnet. Mit Preisen überhäuft, ist diese Comicserie bereits jetzt eine der heißesten US-Reihen der jüngsten Geschichte.
[Rezension bei Comicgate]

 

Jimmy CorriganJimmy Corrigan
von Chris Ware
Reprodukt
39 Euro

Das Buch, an dem in diesem Jahr die Feuilletons nicht vorbei kamen. Chris Ware umreißt mit einer einzigartigen Bildsprache auf nüchterne Art und Weise die generationsübergreifende Geschichte der Familie Corrigan. „Meisterwerk“ nennen das die einen, „Jahrhundertcomic“ die anderen. Ich würd‘ einfach sagen: Pflichtlektüre.

 

Hawkeye (US)
Matt Fraction, David Aja, Javier Pulido
Marvel Comics
bislang zwei Sammelbände, je 16,99 US-$

Die aktuelle Soloserie des Avengers-Mitglied Hawkeye ist ein vom Rest der Kontinuität weitgehend losgelöstes Experimentierfeld, in dem unkonventionelle Erzählweisen und eher die kleinen, persönlichen Geschichten dominieren. Dass man z.B. ein komplettes US-Heft nur aus der Sicht eines Hundes erzählt bekommt, ist mehr als befremdlich. Dass solche Einfälle innerhalb des mainstreamigen Superheldenkosmos Platz finden, ist noch überraschender. 

 

The Manhattan Projects Vol. 1The Manhattan Projects (US)
von Jonathan Hickman, Nick Pitarra
Image Comics
bislang drei Sammelbände, je 14,99 US-Dollar

Diese Serie dreht sich um die berühmte Forschergruppe um Einstein, Oppenheimer, Feynman, von Braun etc., die sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zusammenfindet, um visionäre Ideen zu verwirklichen. Was etwas trocken klingt, ist ein beeindruckendes Sci-Fi-Werk mit allerhand absurden Ideen, ausdrucksstarken Bildern und einem schier genialen Storytelling. Und nichts ist so wie es scheint, wenn sprechende Hunde, Aliens, Dimensionsreisen und schizophrene Identitäten thematisiert werden. Selten wurde Geschichte radikaler (und realitätsferner) aufgearbeitet.

 

 

DIE TOP 3 VON CHRISTIAN MUSCHWECK

VampirPlatz 3: Vampir
von Joann Sfar
Avant Verlag
29,95 Euro

Endlich gibt es Joann Sfars Geschichten über Ferdinand, den Vampir, auch auf Deutsch. Die sind ebenso poetisch wie humorvoll und Ferdinand ist auf entzückende Weise ein spröder und auch etwas nerdiger Typ. Irgendwie hat man das Gefühl, Sfar durch seine Vampircomics noch ein Stückchen besser kennen zu lernen, denn mehr als sonst hat er in Vampir auch seine persönlichen Vorlieben und Interessen in die Geschichten mit hineingepackt, Gastauftritte von Pascin, dem Golem, Professor Bell und vielen anderen Figuren aus dem Sfar-Kosmos inbegriffen. Sfars Comics wirken seit 2001 tatsächlich schon wieder etwas unmodern, aber das macht überhaupt nichts: Ferdinand selbst ist schließlich auch ein sehr altmodischer Vampir.

 

FlughundePlatz 2: Flughunde
von Ulli Lust
Suhrkamp
24,99 Euro

Nette Idee, einen schon halb vergessenen deutschen Roman aus den 90ern mittels einer Adaption wieder ins Gedächtnis zurückzuholen. Ulli Lusts Zeichnungen wirken übrigens nur auf den ersten flüchtigen Blick etwas krakelig (wenn überhaupt). Sobald man zu lesen beginnt, wirken die Bilder nahezu hyperrealistisch. Wäre der Roman nur mit einigen Bildern in diesem Stil illustriert, würde der vereinfachende Stil wohl irritieren, aber als eigenständige Adaption entwickeln die Bilder eine starke Sogwirkung. Gutes Timing und erzählerisches Können erledigen den Rest. Ganz große Arbeit.

 

Lance 5Platz 1: Lance 5
Warren Tufts
Bocola Verlag
17,90 Euro

Lance wird völlig zu Recht zu den besten und anspruchsvollsten Westerncomics aller Zeiten gezählt. Die Erzählform dieses amerikanischen Zeitungsstrips bietet einen interessanten Kontrast zu den bekannten europäischen Westernreihen und ist spürbar und ganz offensichtlich von Hal Fosters Prinz Eisenherz inspiriert. Trotzdem hat Warren Tufts eine völlig eigene Vision und ist formal und erzählerisch ein ganzes Stück abwechslungsreicher als das große Vorbild. Bocola ist es zu verdanken, dass diese großartige Reihe inzwischen vollständig auf Deutsch vorliegt. Man darf gespannt sein, was die Bonner als nächstes ausgraben.

 

 

DIE TOP 10 VON STEFAN SVIK

Platz 10: Before Watchmen: Dr. Manhattan
von J. M. Straczynski und Adam Hughes
Panini Comics
14,99 Euro

Neben Silk Spectre und Minutemen der gelungenste Teil dieser umstrittenen Reihe, die, seien wir ehrlich, letztlich völlig überflüssig ist, aber dennoch auch voller Neugierde erwartet, vielleicht sogar ersehnt wurde. Dr. Manhattan spielt mit dem Medium, ganze Seiten müssen auf den Kopf gedreht gelesen werden. Das ist erfrischend. Vor allem schafft es dieser Comic, Lust auf die grandiose Vorlage zu wecken, die allerdings um Welten besser ist als die Before-Reihe.

 

The Star Wars #1Platz 9: The Star Wars
von J. W. Rinzler, Mike Mayhew und Rain Beredo
Dark Horse Comics
je Heft 3,99 US-Dollar

Basierend auf dem Drehbuch von George Lucas aus dem Jahre 1974 zeigt diese Comicreihe ein etwas anderes Star Wars-Universum als das vertraute aus den Filmen. Deutlich näher an den 1930er und 1940er Jahren, sowohl vom Look als auch von der Story her. Faszinierend.

 

Platz 8: Spider-Man
von Dan Slott & Ryan Stegman
Panini Comics
je Heft 4,99 Euro

Marvel Now! Anders als der DC-Neustart wirkte diese Masche bei Marvel nicht überzeugend. Auch der neue Spider-Man (im Original: The Superior Spider-Man) ist eigentlich nur eine Mischung aus Haunt und den vertrauten Körpertausch-Komödien. Dennoch eine der unterhaltsamsten Mainstream-Superheldenserien derzeit.
[Rezension bei Comicgate]

 

WunderwaffenPlatz 7: Wunderwaffen
von Richard D. Nolane & Maza
All Verlag
15,80 Euro

Der Zweite Weltkrieg konnte bis ins Jahr 1946 fortgesetzt werden, dank der deutschen Wunderwaffen. Keine intellektuelle Meisterleistung, aber mit spektakulären Zeichnungen. Für Technik- und Flugzeugbegeisterte Leser sehr unterhaltsam. Die Story ist stellenweise unfreiwillig komisch, aber diese Bilder …!

 

Platz 6: U-Comix 182-184
von diversen Künstlern
Undergroundcomix.de
je 5 Euro

Ähnlich wie die Weissblech Comics überzeugt das neue U-Comix neben den Comics vor allem durch seine „Wir ziehen unser eigenes Ding durch“-Einstellung. Höchst sympathisch und eine enorme Bereicherung der Comiclandschaft!

 

Der KartographPlatz 5: Der Kartograph
von Jiro Taniguchi
Carlsen Verlag
16 Euro

Manga und Anime vermitteln mitunter den Eindruck, sie wären generell schrill, hektisch und laut. Ganz anders in diesem ruhigen, meditativen Comic für Erwachsene. Wie würde ein Vogel die Welt sehen? Diesen und anderen Fragen geht Taniguchi nach auf dieser Reise durch das Japan der Edo-Zeit. Haikus von Basho statt Nippes von den Pokémon. Eine Reflektion über Leben und Vergänglichkeit. Äußerst wohltuend, beruhigend und würdevoll, dieser Comic, Manga oder diese Graphic Novel – hier passen alle Begriffe. Wichtig ist das allerdings überhaupt nicht. Es ist alles eins und der Weg ist das Ziel.

 

Platz 4: Oh, Nick Knatterton
von Eckart Sackmann
Comicplus+
39 Euro

100 Jahre Manfred Schmidt – 2013 wurde der Schöpfer von Nick Knatterton gefeiert, etwa in diesem reich illustrierten Sachbuch. Ebenfalls empfehlenswert sind die gesammelten Strips und die Reisereportagen des Weggefährten und Freundes von Loriot.

 

DaytripperPlatz 3: Daytripper
von Fábio Moon & Gabriel Bá
Panini Comics
24,99 Euro

Für unter 25 Euro nach Brasilien reisen, das wird 2014 zur Fußballweltmeisterschaft am Zuckerhut schwierig. Alternativ bietet sich diese wunderbare Graphic Novel an. Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben – diese Stimmung lässt sich tatsächlich auch so darstellen, dass sie nicht deprimierend, sondern erhebend und wunderschön wirkt. Eine gefühlvolle Geschichte ohne Kitsch und mit Zeichnungen, die eine äußerst intensive Stimmung erzeugen, als wäre man selbst in Brasilien.

 

Platz 2: Harte Bilder: Cartoons auf Arbeit
von diversen Künstlern
Lappan Verlag
9,95 Euro

Lilli Bravo, Rattelschneck, Flix, Ralf Ruthe, Martin Perscheid, Ari Plikat … Sie alle und noch viele weitere Cartoonisten aus dem deutschsprachigen Raum sind hier versammelt und widmen sich dem Thema Arbeit aus den verschiedensten Blickwinkeln. Sehr lustig und überaus empfehlenswert!

 

MADs große Meister: Don Martin, Band 2: 1967-1977Platz 1: MADs große Meister: Don Martin, Band 2: 1967-1977
von Don Martin
Panini Comics
49,90 Euro

Don Martin. Muss man nicht weiter erklären, oder? Einer der ganz großen Meister der humorvollen Comics. Das Buch sieht im Regal prachtvoll ist und wird dort sicher keinen Staub ansetzen – jedes Mal wieder schön diese Gags zu erleben. Garfield-Erfinder Jim Davis, MAD-Kollege Sergio Aragonés und andere würdigen den stillen Surfertyp. Noch mehr Bonusmaterial wäre schön gewesen, aber auch so gibt es sehr viel zu entdecken und vor allem sehr viel zu lachen!

 

 

DIE TOP 5 VON BLUNA WILLIAMS

Masters of Alternative Manga Vol. 1Platz 5: Masters of Alternative Manga Vol. 1: Gold Pollen and Other Stories (US)
von Seiichi Hayashi
PictureBox
28 US-Dollar

Was die Übersetzung japanischer Comics angeht, war das Jahr 2013 gerade in den USA ein bemerkenswertes, und kein anderes Buch verkörpert das so wie dieses. Die vier hier enthaltenen Kurzgeschichten des Alternative-Manga-Pioniers Seiichi Hayashi (drei davon erschienen ursprünglich im bahnbrechenden Garo-Magazin) stammen aus den Jahren 1968 bis 1972 und erzählen mit einem Lyrismus, den man im Comic nur selten findet. In den oft semi-autobiographischen Stücken verhandelt Hayashi die schwierige Beziehung zu seiner Mutter, die Ambivalenz amerikanischer Einflüsse im Nachkriegsjapan und die umstürzlerischen Bemühungen japanischer Radikaler im 20. Jahrhundert. Seinen Lesern mutet er einiges zu, denn konkret wird es nur selten. Auch die Tatsache, dass die titelgebende und letzte Geschichte des Bands unvollendet bleibt, trägt nicht eben dazu bei, Gold Pollen zur leichten Lektüre zu machen. Hayashi dichtet und verdichtet, experimentiert erzählerisch auf Teufel komm raus, bedient sich stilistisch und ästhetisch in der Edo-Zeit, bei Pop Art und Nouvelle Vague, lässt Kinderlieder, Folklore und US-Superhelden in seine Comic-Poesie mit einfließen.

Abgerundet werden die 150 Comic-Seiten des großformatigen Hardcover-Buchs durch einen persönlichen Essay Hayashis sowie einen knapp 30-seitigen Aufsatz von Herausgeber und Übersetzer Ryan Holmberg, der das Werk Hayashis auf kultureller und persönlicher Ebene kontextualisiert, Aufschluss über den Werdegang des Künstlers gibt und seine Einflüsse und Themen überzeugend entschlüsselt. Dass man als westliche Leserin in den Genuss dieser vollkommen unkommerziellen Schatztruhe kommt, ist ein kleines Wunder. Wer Comics als Ausdruck experimentellen und lyrischen Erzählens schätzt, sollte schleunigst zugreifen, denn der kleine PictureBox-Verlag aus Brooklyn, bei dem Gold Pollen erschienen ist, hat Ende 2013 seine Pforten geschlossen. Nach dem Abverkauf der existierenden, wohl nicht besonders großen Auflage dürfte mit einem Nachdruck nicht zu rechnen sein. 

 

World Map RoomPlatz 4: World Map Room (US)
von Yuichi Yokoyama
PictureBox
20 US-Dollar

Eine der herausragenden Figuren des Alternative-Manga der Jetztzeit ist Yuichi Yokoyama, der ebenfalls von Ryan Holmberg übersetzt bei PictureBox erscheint. Dass Yokoyamas Comics nicht besonders süffig sind, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben. Allerdings bedeutet das nicht, dass der Mann nicht über einen grandiosen Humor verfügt. „An einer Wand steht ein Regal mit einer Vielzahl von Büchern“, heißt es in den „Notizen des Autors“, die World Map Room abschließen, als Erläuterung zu Seite 105. „Dieses Nebeneinander von Buchseiten und Überwachungsmonitoren ist ein häufiges Motiv in meinem Werk.“ Zu einer Figur auf Seite 155 erklärt Yokoyama: „Laut Enzyklopädie gab es einst einen Superkontinent namens Pangaea, als die Ozeane der Erde entstanden. Später teilte er sich, was zur Geographie der Gegenwart führte. Die Zahlen auf seiner Kleidung sind Zeitmesser. 33 bedeutet vor 3,3 Milliarden Jahren, 0 verweist auf die Kontinente, wie sie jetzt aussehen. Dieser Mann ist Charles Bronson nachempfunden.“

Inhaltlich lebt World Map Room vom gleichen kargen Charme. Wieder geht es um eine Gruppe mehr oder weniger bizarrer Gestalten – hier offenbar drei Männer –, die unvermittelt erscheinen, in eine Richtung zeigen („Da ist es.“), genau feststellen, was sie sehen („Eine Stadt, so weit das Auge reicht.“) und sich irgendwann auf den Weg machen („Auf geht’s.“), ohne dass die Leserin weiß, wer sie sind oder wohin genau sie wollen, geschweige denn warum. Ähnlich wie im Vorgängerwerk Garden ist es geografische Erkundungslust, die den narrativen Motor speist, aber Yokoyama baut hier – im ersten Band eines geplanten Vierteilers, wenn man seinen Notizen glaubt – überraschenderweise auch Spannung auf, wenn die Emotionslosigkeit seiner Figuren zum geringsten gerade noch spürbaren Anteil in Argwohn und Misstrauen kippt. Einmal mehr gelingt es ihm in einer gewagten Dekonstruktion der Konventionen, neue Ansätze des Erzählens aufzuzeigen. Das Resultat ist weiß Gott nicht massentauglich, aber allemal ein fesselnder Comic.

 

Ten Cent Manga Vol. 2Platz 3: Ten-Cent Manga Vol. 2: The Mysterious Underground Men (US)
von Osamu Tezuka
PictureBox
25 US-Dollar

In Romeo und Julia verblüffte Shakespeare sein Publikum einst mit einer Komödie, die als Tragödie endet. Ganz ähnlich geht Osamu Tezuka in The Mysterious Underground Men vor: Der Großmeister des japanischen Comics bezeichnete das 150-seitige, erstmals 1948 erschienene Frühwerk als seinen ersten „Story-Manga“, obwohl er schon zuvor vier längere Manga abgeschlossen hatte. Grund dafür ist die ausgeprägte Tragik der Geschichte, die mit einem Todesfall beginnt und mit einem weiteren endet. „Wirklich stolz bin ich darauf, tragische Elemente in den Manga eingebracht zu haben“, sagte Tezuka 1988. „Zuvor hatte das niemand getan. […] Alle Protagonisten sterben lassen, zum Beispiel, oder die Figuren weinen lassen. In einer Zeit, in der diese starke Annahme vorherrschte, dass Manga Spaß zu machen und lustig zu sein hatten, ha ha ha, […] konnte man einfach keine ‚Geschichte‘ erzählen. […] Eine wahre ‚Geschichte‘ ist mehr wie ein episches Drama oder gar ein Bildungsroman, mit dramaturgischen Höhen und Tiefen und einem Augenmerk darauf, was es heißt, Mensch zu sein.“ Und genau das tut Tezuka in The Mysterious Underground Men zum ersten Mal.

Der Comic beginnt damit, dass der Held Young John sich von seinem Vater verabschiedet, der bei einem Flugzeugabsturz tödlich verletzt worden ist. Am Sterbebett muss John versprechen, sich für die Erfindung eines Transportmittels einzusetzen, das sicherer ist als das Flugzeug. So entwickelt sich bald ein Science-Fiction-Abenteuer im Stile Jules Vernes oder H. G. Wells‘, das es sich aber auch nicht nehmen lässt, seinem Helden einen lustigen anthropomorphen Hasen als Sidekick zu verpassen. Auch hier trägt Ryan Holmberg als Herausgeber und Übersetzer wieder maßgeblich dazu bei, die ganze Faszination des Materials zu erschließen. Neben einem Nachwort Tezukas aus dem Jahr 1982 enthält das schmucke kleine Hardcover-Büchlein einen etwa 40-seitigen Aufsatz Holmbergs, der etwa anhand von Interview-Aussagen (wie auch der oben zitierten) und reichlich Bildmaterial all die vielseitigen westlichen Quellen aufspürt, die Tezuka bei seiner Geschichte beeinflusst haben. Und, auch das macht den Reiz dieser Ausgabe aus: Es ist ein Übersetzer-Text in Reinform. Einen so bedeutenden Comic aus dem Japanischen ins Amerikanische übersetzen und herausgeben zu können, der seinerseits zum Ziel hatte, amerikanische Kultur für ein japanisches Publikum zu adaptieren, das ist in mehrerlei Hinsicht ein Traumprojekt, und es ist darüberhinaus auch vorbildlich gelungen. In Deutschland wird, so scheint es manchmal, bei jedem Comic mit festem Deckel gleich überschwänglich von „edler Aufmachung“ geplappert. Ich empfehle den betreffenden Schreiberlingen, einmal dieses Kleinod in die Hand zu nehmen. 

 

PinkPlatz 2: Pink (US)
von Kyoko Okazaki
Vertical
17 US-Dollar

Ohne das entsprechende Vorwissen entgeht einem beim Lesen leicht die Tatsache, dass Pink schon beinahe 25 Jahre auf dem Buckel hat. Der Manga von Kyoko Okazaki, der 2013 erstmals auf Englisch erschien, kam ursprünglich 1989 heraus, zur Hochzeit der japanischen Bubble Economy. Die Liebesgeschichte zwischen der jungen Büroangestellten Yumi und dem Studenten und Möchtegern-Schriftsteller Haru funktioniert auf den ersten Blick nach dem Muster einer klassischen Screwball-Komödie: Die Figuren umkreisen und necken sich, es werden Niedlichkeit und Leidenschaft demonstriert, Yumi hält sich als Haustier gar ein lustiges, immerzu gefräßiges kleines Krokodil mit Lesebrille, bei dem man bis zuletzt nie so genau weiß, ob es tatsächlich da ist oder nur in der Fantasie der Figuren existiert. Doch der Comic strotzt nur so vor Zynismus. Denn Yumi verdingt sich nebenbei als Callgirl, um ihren Lebensstandard im Boomtown zu halten, und Haru beglückt seinerseits alte Damen für Geld – nämlich Yumis ungeliebte Stiefmutter. Sex, Liebe, Freundschaft, liebenswürdige Marotten und wildeste Emotionsausbrüche werden von den beiden Hauptfiguren plakativ ausgeliebt, doch hinter der überzuckerten Fassade lauert ein berechnender Opportunismus, der in seiner Beiläufigkeit das Blut in den Adern gefrieren lässt. Meisterhaft weckt Okazaki immer wieder Sympathien für ihre Helden, nur um sie konsequent an einer knallharten Realität zerschellen zu lassen, die nicht mehr ist als eine Kosten-Nutzen-Rechnung. „Jede Arbeit ist Prostitution“, zitiert Okazaki in ihrem Nachwort Jean-Luc Godard. „Und jede Arbeit ist auch Liebe. […] ‚Liebe‘ […] ist ein hartnäckiges, schwerwiegendes, furchteinflößendes und grausames Monster. Genau wie ‚Kapitalismus‘.“ Krokodile – auch die süßen kleinen – sind eben Raubtiere, aber das größte und gefährlichste bleibt der Mensch.

 

Sunny Vol. 1Platz 1: Sunny Vol. 1 & 2 (US)
von Taiyo Matsumoto
VIZ
je 23 US-Dollar

Zunächst wirkt Sunny etwas desorientierend: Es dauert etwas, ehe man sich an den erzählerischen Clash zwischen betulicher Handlung und teils hyperaktiven Figuren akklimatisiert hat und auseinanderhalten kann, welche Akteure gerade sprechen und was sie wollen. Im Mittelpunkt des aktuellen Fortsetzungsmanga von Taiyo Matsumoto (Blue Spring, Tekkonkinkreet) steht ein Kinderheim in der japanischen Provinz, irgendwann in den 1970er Jahren. Die Helden dieser Geschichte sind dessen Bewohner. Nach und nach bringt Matsumoto sie uns näher, jedes der zwölf bislang erschienenen, 30- bis 40-seitigen, jeweils in sich geschlossenen Kapitel nimmt sich einen von ihnen genauer vor. Und nach und nach, ganz ohne künstliche Geschmacksverstärker wie fantastische oder sonstige Genre-Elemente, lernt man die Kinder, ihre Betreuer und Eltern als authentische, scharf umrissene Figuren kennen, deren lapidares Alltagsleben und tägliche Entscheidungen fesselnd genug sind. Behutsam und aufmerksam, mal großzügig und mal schongslos begleitet Matsumoto sein Ensemble. Melodram und Anbiederung sind seine Sache nicht: Der Autor verlässt sich ganz auf seine Beobachtungsgabe und seine Fähigkeit, aufrichtig zu zeigen, wie seine Figuren mit sich selbst und miteinander umgehen. Sinnbildlicher Brennpunkt der Geschichte ist ein ausgemusterter Datsun Sunny, der auf dem Grundstück des Heims steht. Der gestrandete gelbe Sonnenwagen, dessen Symbolkraft die ganz und gar irdische Handlung grell überstrahlt, dient den Kindern als Rückzugsort, als Spielplatz, als Projektionsfläche für ihre Hoffnungen. Der dritte Band soll im März erscheinen.

 

 

DIE TOP 5 VON FRAUKE PFEIFFER 
(zuerst erschienen im Rahmen der Serie „Die besten Comics des Jahres“ beim Tagesspiegel)

Die Schönheit des ScheiternsPlatz 5: Die Schönheit des Scheiterns
von Andreas Eikenroth
Edition 52
12 Euro

Der Gießener Andreas Eikenroth ist seit vielen Jahren Teil der deutschsprachigen Comic-Independentszene. Bei Edition 52 erschien dieses Jahr seine halbbiografische Erzählung über Paul, der zwischen Jobroutine und Bandproben, Kumpels und Verknalltsein seinen Weg zu gehen versucht. Paul ist mürrisch, die Stadt wirkt kalt, die später Angebetete verwirrt ihn zunächst mit „Kunststudiergedöns“. So wie Paul mit der Zeit auftaut, so wächst auch beim Lesen die Sympathie für ihn. Dieser Comic biedert sich nicht an – er möchte entdeckt werden. Durch seine kleinen Anekdoten und Seitenhiebe umgarnt er einen trotzdem mit jeder Menge Charme.

 

EremitPlatz 4: Eremit
von Marijpol
Avant-Verlag
19,95 Euro

Schon ihr Debüt Trommelfels mochte ich sehr, und während dessen Handlung noch greifbar war, entwickelt Marijpol für ihre zweite Veröffentlichung eine ganz eigene Welt, die sich bezüglich Anatomie und physiologischer Vorgänge einige Freiheiten genommen hat. In Eremit gibt es nur noch wenige Kinder. Diese werden von den vielen alten Menschen wie rohe Eier behandelt und sind dementsprechend kreuzunglücklich in ihren goldenen Verliesen. Der titelgebende Eremit ist vor diesen Umständen geflohen, kann sich aber schlussendlich doch nicht komplett diesen Vorgängen entziehen. Marijpols Vision einer Zukunft, in der sich ein selbstbestimmter Tod mit exotischer Todesart buchen lässt wie heutzutage eine Luxusreise, drängt sich nicht auf, lässt einen aber gerade wegen der dargestellten Selbstverständlichkeit schaudern.
[Rezension bei Comicgate]

 

Billy Bat 4Platz 3: Billy Bat
von Naoki Urasawa und Takashi Nagasaki
Carlsen Manga
bislang 6 Bände, je 8,95 Euro

Alles fängt so harmlos an: Kevin Yamagata, Amerikaner mit japanischen Wurzeln, ist Ende der 1940er Jahre mit seinem fledermausähnlichen Detektiv „Bat Boy“ ein in Amerika recht bekannter Comiczeichner. Als er erfährt, dass Graffiti in Japan gesehen wurden, die seinem Titelheld sehr ähnlich sehen, begibt er sich aus Angst vor Plagiatsvorwürfen auf Spurensuche. Was als harmlose Forschungsreise gedacht war, entwickelt sich immer mehr zu einem gefährlichen Unterfangen, das nach jeder Ecke eine neue Untiefe bereithält. Dabei werden auch diverse historische Ereignisse in die Hintergrundgeschichte mit eingeflochten. Wer sich auf Billy Bat einlässt, muss nicht nur wegen der raffiniert verwobenen Erzählung Zeit mitbringen: Die zum Teil wunderschön detaillierten Zeichnungen lassen sich nicht einfach so weiterblättern. Aktuell sind auf Deutsch sechs Bände erschienen, weitere sind in Vorbereitung.

 

Wie ein leeres BlattPlatz 2: Wie ein leeres Blatt
von Boulet und Pénélope Bagieu
Carlsen Verlag
17,90 Euro

Da sitzt man auf einer Parkbank und weiß nichts mehr. Weder kennt man den eigenen Namen noch den Beruf, die Wohnung oder was man überhaupt auf dieser Bank zu suchen hat. Mit dieser Situation eröffnet Wie ein leeres Blatt seine Erzählung einer jungen Frau, die ihr Gedächtnis verloren hat und nun versucht, den entscheidenden Hinweis zu finden, um sich wieder an alles erinnern zu können. Schritt für Schritt baut sie ein Puzzle ihres alten Ichs zusammen, und der Leser begleitet sie dabei. Die Spurensuche fühlt sich dabei erstaunlich echt an, und in vielen Situationen konnte ich mir vorstellen, genauso zu handeln. Dabei ist die Geschichte lockerleicht gezeichnet und geschrieben und an einigen Stellen zum Brüllen komisch. Einmal angefangen, kommt man nur schwer wieder davon los.
[Rezension bei Comicgate]

 

Saga 1Platz 1: Saga
von Brian K. Vaughan und Fiona Staples
Cross Cult
bislang 2 Bände, je 22 Euro

Nachdem mir gestattet wurde, in meine Top 5 eine Comicserie aufzunehmen, an deren deutscher Version ich mitarbeite, landet sie direkt auf dem Spitzenplatz meiner persönlichen Lieblingsliste deutschsprachiger Comics 2013. Brian K. Vaughan ist mit Y: The Last Man, Ex Machina und Die Löwen von Bagdad einer meiner Lieblingsautoren, und Saga verstärkt diese Begeisterung noch. Mit einer abgedrehten Romeo-und-Julia-Geschichte lässt er seiner Ideen völlig freien Lauf, die von Fiona Staples äußerst ansprechend umgesetzt werden. Sein Fantasie-Universum schmückt er unter anderem mit einem Krieg zwischen zwei Völkern, Auftragskillern, kopulierenden Roboter-Adligen und lebendigen Baum-Raumschiffen aus. Und auf seine Paradedisziplinen – lebensnahe Dialoge und gutes Timing – kann man getrost wieder bauen. Saga ist Unterhaltung pur; wie eine Lok, die mit voller Kraft nach vorne drückt und von der man sich nur allzu gerne mitziehen lässt.
[Rezension bei Comicgate]

 

Django Unchained

Cover Django UnchainedDer afroamerikanische Filmregisseur Spike Lee war not amused, dass Quentin Tarantino mit seinem Django-Film das Thema der Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten aufgriff: Ausgerechnet der ewige Hipster Tarantino, dessen Obsession mit dem Schimpfwort „Nigger“ schon immer ausgeprägt war, selbst in seinem Debutfilm Reservoir Dogs, in dem gar keine Schwarzen vorkamen. Und Quentin Tarantino ist seit seinen frühen Jahren nicht sensibler geworden. Warum auch, erhält er doch inzwischen sogar von afroamerikanischen Stars wie Samuel L. Jackson, Pam Grier oder Jamie Foxx Rückendeckung. Letztendlich ist sein Django-Film – wie zu erwarten war – ein typischer Tarantino-Reißer geworden, was nicht bedeutet, dass Django Unchained ein schlechter Film ist. Im Gegenteil: Das Skript ist exzellent, viele Sequenzen zählen zum Besten, was Tarantino bisher inszeniert hat und gerade die Schauspieler liefern hervorragende Arbeit. Dennoch spürt man stets die manchmal etwas manierierte Handschrift des großen Meisters.

Ganz anders hingegen wirkt die Comicadaption, die der Produzent und Autor Reginald Hudlin zusammen mit Zeichner R.M. Guera und einer Reihe von Aushilfszeichnern gestaltet hat. Sie muss ohne die filmischen Stilmittel des Regisseurs funktionieren und erzählt dieselbe Geschichte daher mit schon beinahe entgegengesetzter Akzentuierung. So enthält der Comic zwar sämtliche Dialogsequenzen, wie sie auch im Film verwendet wurden, aber sie dominieren die Geschichte nicht so sehr wie im Film. Stattdessen haben die verantwortlichen Künstler viele Szenen weit epischer herausgearbeitet, die im Film eher beiläufig abgearbeitet werden. Allein für die Ku-Klux-Klan-Sequenz benötigt der Zeichner R.M. Guera zehn Seiten Raum, sechs davon fast ohne Worte. Der häufig lakonischen und sehr tarantinoesken Inszenierung setzt Guera hier eine geradlinige Actionregie entgegen, die der Story erstaunlich gut steht und den Comic zu einer völlig eigenständigen Erfahrung macht. Und selbst der Humor funktioniert im Comic ebenso gut wie im Film.

Seite aus Django UnchainedBei Tarantino ist die Inszenierung stets etwas ironisch und doppelbödig. Das ist beim bewussten Overacting der Schauspieler in vielen Szenen der Fall, aber auch beim Einsatz von anachronistischer Soulmusik und natürlich bei den absurd blutigen Schießereien, in denen die Blutfontänen wie Wasserbomben explodieren. Jede Szene schreit einem förmlich ins Gesicht, dass es Film ist, künstlich und allein um der Unterhaltung willen gemacht, und dass man das Gezeigte nicht ernst nehmen darf. Der Comic dagegen erzählt die Handlung mit den Mitteln der besten Actioncomics. Während Django beispielsweise im Film die Bacall-Brüder mit der Pistole recht lässig abknallt, bevor er aufbricht, um seine Broomhilda zu befreien, zelebriert der Comic diese Episode über viele Seiten hinweg als furiosen Rachefeldzug mit der Axt. Was Guera aus diesen Szenen herausholt, lässt den Film fast blass aussehen. Hier ist die Comicadaption richtig großes Kino, das einen förmlich vom Sitz reißt, während im Film Understatement vorherrscht. – Dennoch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass auch der Film in vielen Szenen einen starken Eindruck hinterlässt.

Seite aus Django UnchainedIm Übrigen erhebt der Comic ja noch den Anspruch, die Langfassung bzw. Urversion des Films zu sein. Auch hier überzeugt die Adaption, denn die Einflechtung der im Film weggelassenen Szenen bereichert die Geschichte um weitere wertvolle Handlungsbausteine. Wie eingangs schon erwähnt, hat R.M. Guera nicht die komplette Adaption gezeichnet, andere Zeichner haben ausgeholfen, um die Adaption zeitnah zum Film fertigstellen zu können. Das sorgt für einen recht heterogenen Stilmix, ist aber durchaus auch abwechslungsreich. So zeichnet Jason Latour beispielsweise seine Südstaaten-Snobs in einem herrlich karikierenden Stil, den Guera auf diese Weise sicher nicht hinbekommen hätte. Und auch Danijel Zezelj zaubert bewährt atmosphärische Szenen aufs Papier. Im Gegensatz zu Jason Latour, der konsequent alle Rückblenden zeichnet, kommt Zezeljs Einsatz allerdings unmotiviert und bewirkt einen recht krassen Stilbruch. Der vierte Zeichner, Denys Cowen, zeichnet konventionell und gut, und auch wenn er nicht ganz die Klasse von Guera erreicht, zählen einige seiner Seiten zu den wahrhaftigsten des Buchs. So müssen Westerncomics aussehen.

Dem Eichborn Verlag ist es zudem hoch anzurechnen, dass im Impressum erwähnt wird, welcher Künstler welche Seiten gestaltet hat. Die amerikanische Originalausgabe von Vertigo unterschlägt diese Info völlig, was ich für etwas respektlos halte. Den Bonusteil mit Skizzen und zusätzlichen Zeichnungen hat Eichborn nahezu vollständig übernommen, die Übersetzung ist durchgehend hervorragend.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Die Filmadaption von Django Unchained überzeugt durch eine eigenständige Inszenierung, die den Film noch einmal völlig neu erleben lässt. Großes Kino.

 

Django Unchained
Eichborn Verlag, Dezember 2013
Text: Reginald Hudlin, nach dem Originaldrehbuch von Quentin Tarantino
Zeichnungen: R.M. Guera, Danijel Zezelj, Denys Cowen, Jason Latour
Übersetzung: Dietmar Schmidt
272 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,99€
ISBN: 978-3-8479-0538-7

Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Eichborn Verlag

Kann denn Kochen Sünde sein? / In der Küche mit Alain Passard

Cover Kann denn Kochen Sünde sein?Zwei sehr unterschiedliche Comics übers Kochen: Das erste ist eher unterhaltsam und nahbar, das zweite etwas distanzierter und ganz dem Sujet Sterneküche verpflichtet. Trotzdem sind beide ein Genuss. (Entschuldigung, der musste raus.)

Guillaume Long schreibt seit 2009 für Le Monde das Blog À boire et à manger, und das Buch mit dem fiesen deutschen Titel Kann denn Kochen Sünde sein? ist eine gut zusammengestellte Sammlung dieser Blogeinträge. Warum der Titel fies ist? Weil das Buch zwei Seiten lang Long dabei zuschaut, wie er sich abmüht, einen anständigen Titel für das Buch zu finden. Von „Die Küche und ich“ über „Nur für Gourmets“ bis zu „Die kulinarischen Memoiren eines jungen Mannes von heute“ (wobei Long da selbstkritisch per Sprechblase anmerkt: „Vielleicht ’n bisschen dick aufgetragen“) mäandert er hin und her, bis er sich fragt, worum es in seinem Buch denn eigentlich gehen soll. Also schreibt er hin: Trinken. Essen. Sagt sich dann nölig: „Ich denk mir den Titel ein andermal aus.“ Und auf diese Seite folgt dann die Titelseite, auf der im französischen Original wunderschön pointiert steht: À boire et à manger – und im Deutschen eben die beknackte Frage nach der Sünde, die mit dem Rest des Buchs nichts zu tun hat. Ich ahne, dass da die Marketingabteilung einen Treffer landen wollte. Nur doof, dass damit der erste Witz des Buchs schon mal verhunzt wurde.

Seite aus Kann denn Kochen Sünde sein?Ansonsten gibt’s aber nichts zu meckern an der Übersetzung von Hans Kantereit, der bei einem Löwenzahnsalat entspannt „Leck mich am Arsch, ist das bitter!“ raushaut und auch sonst den eher umgangssprachlichen Kumpelton Longs wunderbar trifft. Die Geschichten selber bieten wie ein gutes Menü eine schöne Abwechslung: Mal zeichnet Long Rezepte der Saison (das Buch ist grob in die vier Jahreszeiten unterteilt), dann führt er uns durch seine liebsten Futterstellen in Budapest und Venedig, er erzählt uns, wie man richtig guten Kaffee macht, und außerdem trifft er Florian, einen Koch, mit dem er eigentlich schwimmen gehen wollte, dem er aber lieber Löcher in den Bauch fragt. Die Storys mit Florian waren meine liebsten im Buch, weil hier so schön der blubberige Gourmetfanboy Long und die „Was willst du von mir, das ist doch nur ein Job“-Wortkargheit vom Koch aufeinandertreffen:
„Hast du einen Trick beim Einkaufen von Fisch?“
„Frisch.“
„Ah, TOLL! Und wie macht man perfekte Nudeln al dente?“
„Du probierst.“
„UUU. Und für einen Schokokuchen?“
„Schwarze, keine weiße.“
„UUAAA … dich schickt der Himmel.“

Cover In der Küche mit Alain PassardIn der Küche mit Alain Passard von Christophe Blain liest sich ganz anders. Kein Wunder, denn Passard ist Sternekoch, und der FAZ-Genusspapst Jürgen Dollase stand Verlag und Übersetzer Ulrich Pröfrock laut Widmung hilfreich zur Seite. Deswegen geht es hier auch weitaus weniger launig zu, sondern präzise und professionell. Blain schaut dem Koch, seinen Angestellten und in einem Kapitel auch seinem Gemüsebauer über die Schulter und schreibt schlicht auf, was er sieht, riecht, lernt.

Die Rezepte haben ein deutlich anderes Kaliber als die schnelle Tagesküche bei Long, sind aber trotzdem nachkochbar. Noch ein Unterschied: Sie erscheinen meist doppelt in Text- und Comicform, während man sich bei Long beim Nachkochen durch seine Sprechblasen wühlen muss. Schon von der Optik her möchte Blains Werk also mehr als Longs: Es will nicht nur unterhalten, sondern auch als kleines Kochbuch dienen. Trotzdem bleibt es natürlich ein Comic, und die Beweglichkeit der Bilder, die mich persönlich schon bei Blains Quai d’Orsay begeistert hat, funktioniert auch hier. Man erfährt außerdem Spannendes über die Kunst des Kochens; meine Faszination für Gemüse ist jedenfalls nach dem Buch deutlich größer als vorher, und der Respekt vor den ausgezeichneten Zutaten schwingt in jedem Bild mit.

Seite aus In der Küche mit Alain PassardBeide Bücher schaffen es, ihrem eigenen Anspruch zu genügen, aber eine Sache hat mich bei beiden irgendwann doch genervt: Man bekommt das Essen nicht zu sehen. Ja, wir haben Zeichnungen und Farbe, aber gerade ein so außergewöhnliches und wahrscheinlich grandios aussehendes Gericht wie Passards „Rote Bete mit Purpur-Basilikum und zerdrückten Brombeeren“ würde ich gerne auf einem Foto bewundern. Der Vorteil an einem Comic ist natürlich, dass man – im Gegensatz zum Blättern in Kochbüchern oder dem Rumsurfen in Foodblogs – nicht ganz so hungrig nach dem Lesen ist, aber trotzdem ganz dringend in die Küche will.

 

Anke Gröner, 44, Bloggerin, Texterin, Autorin und seit kurzem Studentin der Kunstgeschichte, kocht und isst gerne und liest bei Comics am liebsten welche von Katharina Greve und Mike Mignola

 

Kann denn Kochen Sünde sein?
Carlsen Comics, September 2013
Text und Zeichnungen: Guillaume Long
Übersetzung: Hans Kantereit
144 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 24,90 Euro
ISBN: 978-3-551-78580-0
Leseprobe

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In der Küche mit Alain Passard
Reprodukt, Oktober 2013
Text und Zeichnungen: Christophe Blain
Übersetzung: Ulrich Pröfrock
96 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 17 Euro
ISBN: 978-3-943143-74-4
Leseprobe

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Abbildungen: Guillaume Long, Christophe Blain © der dt. Ausgaben: Carlsen, Reprodukt

Frisch aus der Druckerei: November 2013

altWir blicken wieder zurück auf den Vormonat und fischen für euch aus der großen Menge der Neuerscheinungen die interessantesten Comic-Titel aus allen Genres und Stilrichtungen heraus. Hier sind die wichtigsten Novitäten im November 2013:

HIGHLIGHT DES MONATS

Blau ist eine warme FarbeDer Comic Blau ist eine warme Farbe von Julie Maroh erschien in Frankreich im Jahr 2010, landete im Folgejahr auf der Auswahlliste des Festivals von Angoulême und gewann dort den „Prix du public Fnac-SNCF“. In diesem Jahr sorgte die Verfilmung des Stoffes, der die intensive Liebesgeschichte zwischen der 16-jährigen Clementine und der vier Jahre älteren Emma erzählt, für Furore beim Filmfestival in Cannes, wo er den Hauptpreis, die Goldene Palme gewann. Diese wurde erstmals aufgeteilt und ging an den Regisseur Abdellatif Kechiche sowie die beiden Hauptdarstellerinnen). Kurz vor dem Kinostart in Deutschland erschien bei Splitter die Comicvorlage, deren Autorin dem Film eher kritisch gegenüber steht, vor allem was die in ihren Augen falsche Darstellung von lesbischem Sex angeht. [Leseprobe]

EIGENPRODUKTIONEN

Captain Berlin 1Captain Berlin heißt eine Schöpfung von Filmemacher Jörg Buttgereit, die schon in mehreren Inkarnationen zu erleben war: als Kurzfilm im Jahr 1982, als Hörspiel und schließlich 2007 in einer Bühnenrevue, deren Mitschnitt auch auf DVD erhältlich ist. Buttgereit verrührt darin Superheldenklischees und Trashzutaten mit dem Schauplatz Deutschland, wenn er seinen Helden in den 1970er Jahren gegen einen wiederbelebten Hitler antreten lässt, der sich mit Graf Dracula verbündet hat. Das Cover zur DVD stammte von Rainer F. Engel, der gemeinsam mit Levin Kurio einen Captain-Berlin-Comic zum Booklet beisteuerte. Diesen gibt es nun, gemeinsam mit einer weiteren Story von Martin Trafford und Buttgereit persönlich, als Weissblech-Heft Captain Berlin #1. [Leseprobe]

Dann schwingen wir uns mal eben auf der E-zu-U-Skala zum anderen Ende des kulturellen Spektrums: Zu Der Mann ohne Eigenschaften, dem unvollendeten Großwerk von Robert Musil, das als einer der wichtigsten deutschsprachigen Romane des letzten Jahrhunderts gilt. Als Comic adaptiert, variiert und eingedampft (von 1000 Roman- auf 156 Comicseiten) wurde das Werk von Nicolas Mahler, der damit bereits seinen dritten Comic in der noch jungen Graphic-Novel-Schiene des Suhrkamp Verlags vorlegt. Für Thomas Hummitzsch ist Mahler hiermit „sein bislang dreistester Coup gelungen“ [Leseprobe]

Die Zwerge 1Eine ganz andere, eher klassische Form der Romanadaption, ist beim Splitter Verlag zu finden, wo man nach Kai Meyer einen weiteren deutschen Bestsellerautor aus dem Fantasygenre gewinnen konnte, um dessen Werke zu Comics zu machen: Der erste Roman der sehr erfolgreichen Reihe Die Zwerge von Markus Heitz wird in vier Comicalben neu erzählt. Die Adaption besorgt abermals Yann Krehl, der schon zahlreiche Genreromane als Comic umsetzte. Die Zeichnungen kommen von Che Rossié, der bislang vor allem als Illustrator für Rollenspiele tätig war. [Leseprobe]

In der Reihe Unheimlich – Lovecraftian Horror gab es vor ein paar Jahren einige Hefte mit Horrorgeschichten sowie eine Spin-Off-Reihe im Manga-Stil unter dem Titel Unheimlich: Asiatisch. Von diesem Spin-Off gibt es nach drei Ausgaben im Heftformat nun ein dickes Taschenbuch mit dem Untertitel Asia Lovecraftian Horror Mix. Die Anthologie enthält 12 Kurzgeschichten von Mitgliedern der Animexx-Plattform, teils in westlicher, teils in asiatischer Leserichtung. Bestellen kann man den Band auf lovecrafts.de.

Das Oh Magazin war mit seiner ersten Ausgabe 2012 der Sieger des großen Indiecomic-Wettbewerbs Comic Clash. Darin erzählten die Zeichnerinnen Lew Bridcoe, Caroline Ring und Asja Wiegand eine dreiteilige Geschichte von Autor Christoph Mathieu. Etwas später erschien die kleinere Ausgabe 1½ und im Sommer 2013 die Ausgabe 2, beide mit dem gleichen Konzept. Fürs dritte Heft wird man sich mit dem Zwerchfell Verlag zusammentun, der sich um Druck und Vertrieb kümmern wird. Vorher bringt Zwerchfell aber noch eine „Integral-Ausgabe“ von Oh Magazin 1 und 1½ auf den Markt. [Leseprobe]

Der Hannoveraner Zeichner Bernd Natke (Der kleine Tod) bringt in seinem Eigenverlag „Unser Verlag“ die Albenreihe Die Mooneys heraus, in der er humorige Geschichten mit einer Menge kleiner grüner Männchen erzählt, die auf dem Mond leben. Im November erschien der zweite Band „Mooneymania“, worin ein großes Rockmusikfieber ausbricht und jede Menge Beatles-Anspielungen gemacht werden. [Leseprobe]

Als „ersten Typo-Comic“ bezeichnet der Mainzer Fachverlag Hermann Schmidt das Buch Mr. Typo & der Schatz der Gestaltung von Alessio Leonardi. Der Autor ist Schriftgestalter und Designer und lehrt als Professor für Visuelle Kommunikation an der HAWK in Hildesheim. Sein Sachcomic vermittelt Grundlagen der Typografie auf unterhaltsame Art. [Leseprobe]

AUS SPANIEN

EntführtIn der enormen Masse von Comics, die Panini allwöchentlich auf den Markt wirft, drohen sie ein wenig unterzugehen, aber auch dieser Verlag hat gute, relevante, anständig produzierte, hoch-interessante Comics, die neuartig oder vielleicht einfach lesenswert sind, im Programm. Zu diesem Segment gehört Entführt, geschrieben vom Spanier Hernán Migoya und gezeichnet von Joan Marín. Migoya erzählt darin die wahre Geschichte seiner heutigen Ehefrau, einer Peruanerin die vor 16 Jahren als Studentin in Lima entführt wurde, um ein Lösegeld zu erpressen. Laut Verlag ist das Buch „eine Mischung aus klassischer Comic-Reportage und autobiographischer Fiktion“. [span. Leseprobe]

Vom spanischen Verlag Diábolo Comics, der seit etwa einem Jahr einige Titel in deutscher Sprache vertreibt, kommt die Horror-Kurzgeschichtensammlung Various Horror Visions von Santipérez. Der Band enthält sechs „Erzählungen vom alltäglichen Grauen“ (so der Untertitel). [Leseprobe]

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AUS GROSSBRITANNIEN

Bei den noch jungen British Comic Awards ging der Young People’s Comic Award (für Comics für Kinder und Jugendliche) in diesem Jahr an Garen Ewing für den ersten Zyklus seiner Serie The Adventures of Julius Chancer. Die in den 1920er Jahren spielende Entdecker- und Abenteurergeschichte ist im Stil der Ligne Claire gezeichnet, als Vorbilder nennt Ewing die Autoren H. Rider Haggard, Arthur Conan Doyle und Jules Verne sowie die Comiczeichner Edgar P. Jacobs und Hergé. Die Abenteuer von Julius Chancer 1: Die Regenbogenorchidee erscheint auf Deutsch bei Salleck Publications. [Leseprobe]

AUS FRANKREICH UND BELGIEN

VampirBeim Avant-Verlag erschien endlich der lange angekündigte dicke Sammelband von Joan Sfars Vampir-Geschichten, bestehend aus den ersten vier Alben der Serie Grand Vampire plus Zusatzmaterial. Der „große Vampir“ spielt in der gleichen Welt wie Sfars Kindercomicreihe Desmodus, der Vampir, richtet sich aber an erwachsene Leser. Trotzdem ist das hier kein Horror-Comic, sondern eine Sfar-typische, humorvolle und tiefgründige Genre-Spielerei. [Leseprobe]

Neu bei Carlsen ist der Band Der arabische Frühling von Jean-Pierre Filiu. Der Autor ist Wissenschaftler, Diplomat und Berater hochrangiger französischer Politiker, die Zeichnungen kommen von Cyrille Pomes. Ihr dokumentarischer Sachcomic berichtet von den Protestbewegungen in Tunesien, Libyen und Ägypten, die ab Ende 2010 weltweit für Aufsehen sorgten, und stellt wichtige Persönlichkeiten der Bewegung vor. [frz. Leseprobe]

Der Schweizer Verlag Virtual Graphics von David Boller, wo bislang hauptsächlich dessen eigene Comics erschienen sind, bringt mit In der Sekte von Pierre Guillon und Louis Alloing einen Comic, der sich – basierend auf einer wahren Begebenheit – mit einer Frau beschäftigt, die versucht, bei Scientology auszusteigen. [Leseprobe]

Zeitreisen im Semi-Funny-Stil gibt es in der neuen Serie Die Zeitbrigade beim All Verlag. In dem Comic aus dem belgischen Spirou-Magazin von Szenarist Kris (Die Welt von Lucie) und Zeichner Bruno Duhamel müssen die Agenten der Zeitbrigade in die Vergangenheit reisen, um gravierende Veränderungen der Geschichte zu verhindern. Im ersten Band geht es ins zurück ins 15. Jahrhundert, als Christoph Columbus Amerika entdeckte. [Leseprobe]

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Auf nach MathaJean-Claude Denis (Luc Lamarc) erzählt in Auf nach Matha von junger Liebe und jugendlicher Rebellion in den 60er Jahren. Salleck Publications bringt den autobiographischen Zweiteiler in einem Band auf Deutsch. (Ob man das dann gleich „Gesamtausgabe“ nennen muss, sei mal dahingestellt.) [Leseprobe]

Michael Moorcocks Antiheld Elric gehört zu jenen Klassikern der Fantasy, die schon mehrfach in Comicform adaptiert wurden. Die französische Adaption von Julien Blondel, die bei Splitter in vier Teilen erscheint, will dem Original von Moorcock treuer bleiben als andere Comicfassungen. Die Zeichnungen kommen dabei von einem Trio (Didier Poli, Robin Recht und Jean Bastide), das die Seiten arbeitsteilig erstellt. [Leseprobe]

Noch viel öfter erzählt, weil so schön mysteriös, ist die Geschichte von Jack the Ripper, jenem Serienmörder, der 1888 in London sein Unwesen trieb. Der Alben-Zweiteiler von Francois Debois und Jean-Charles Poupard, der als „Splitter Double“ in einem Band erscheint, stellt die Frage, ob nicht Chefermittler Inspektor Abberline der Mörder gewesen sein könnte. [Leseprobe]

Außerdem starteten bei Splitter Universal War Two [Leseprobe], die Fortsetzung der erfolgreichen SF-Serie Universal War One von Denis Bajram, sowie ein Spin-Off zur Science-Fiction-Reihe Orbital mit dem Titel Orbital – Aufzeichnungen, in dem Autor Sylvain Runberg mit verschiedenen Zeichnern Kurzgeschichten aus seinem Universum erzählt. [Leseprobe]

Mit Rückkehr in den Kongo erscheint bei Kult Editionen ein weiterer Comic vom Duo Yves H. und Hermann. Die Kriminalgeschichte spielt in den 1920er Jahren im Kongo, das damals noch belgische Kolonie war. [Leseprobe]

AUS DEN USA

Bei Egmont Graphic Novel erschien Sailor Twain oder Die Meerjungfrau im Hudson von Mark Siegel. Darin gerät die Crew eines Dampfschiffs, das 1887 auf dem Hudson River unterwegs ist, in den Bann einer Meerjungfrau. Der Comic wurde zunächst online als Webcomic veröffentlicht und erschien später als Buch beim Verlag First Second, dessen Programmleiter Siegel ist. [US-Leseprobe]

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Mister XRichtig groß war die Serie Mister X von Dean Motter nie, aber unter Kennern genießt sie großes Ansehen. Die in den 80er Jahren erschienenen Geschichten Noir-Krimigeschichten legen sehr viel Wert auf Design und Architektur des Schauplatzes, der fiktiven Großstadt Radiant City. Bei Schreiber & Leser gibt es nun einen dicken Sammelband der Serie, für die hochrangige Künstler wie Seth Dave McKean und Hernandez-Brüder gearbeitet haben. [Leseprobe]

Der Dauerbrenner bei Cross Cult ist Robert Kirkmans Zombieserie The Walking Dead, die mittlerweile bei Band 19 angelangt ist. Wer preisgünstig einsteigen will, liegt mit dem ersten Walking Dead Kompendium richtig, einem Taschenbuch im Ziegelsteinformat, das für 50 Euro auf 1050 Seiten (!) die ersten acht Sammelbände der Serie in einem dicken Klotz versammelt. [Leseprobe]

Mit Secret Service gibt es bei Panini schon wieder etwas neues von Mark Millar. Diesmal widmet er sich dem Agentengenre und hat sich dafür keinen geringeren als Watchmen-Zeichner Dave Gibbons an Bord geholt. Kick-Ass-Regisseur Matthew Vaughn, der einen Credit als „Co-Plotter“ bekommen hat, wird den Comic mit Michael Caine und Colin Firth in den Hauptrollen verfilmen. [Leseprobe]

Im November gab’s bei Panini zwei weitere Serienneustarts unter dem Label „Marvel Now!“ im Paperbackformat: In Secret Avengers von Nick Spencer und Luke Ross steht ein streng geheimes Avengers-Spezialteam unter Leitung von Nick Fury, Hawkeye und Black Widow im Mittelpunkt [Leseprobe]. Und Uncanny X-Men ist neben den All-New X-Men (die bei Panini als Heftserie erscheinen) die zweite X-Serie, die von Brian Bendis geschrieben wird – beide zusammen münden in Kürze in das Crossover „Battle of the Atom“. [Leseprobe]

Das letzte große Marvel-Crossover Avengers vs. X-Men, das Panini in der ersten Jahreshälfte in Heftform veröffentlicht hat, erschien nun nochmal als Sammelband [Leseprobe]. Und wer die ersten Bände der Marvel Zombies von Robert Kirkman und Sean Phillips (2007/2008) verpasst hat, kann jetzt zur Marvel Zombies Collection greifen.

Paninis DC-Comics-Sparte bekommt eine sechste Heftserie: Justice League of America erscheint im Zweimonatsrhythmus und enthält die Serie von Geoff Johns und David Finch, in der neben der bekannten Justice League (mit Superman, Wonder Woman und Co.) ein offizielles Heldenteam der US-Regierung gegründet wird. In den USA gab es für das erste Heft der neuen Serie 52 verschiedene Cover-Varianten (für jeden Bundesstaat eine), damit erreichte das Heft Platz 2 der Comic-Bestseller des Jahres. [Leseprobe]

Mit Kingdom Come legt Panini einen Superhelden-Klassiker neu auf. Die „Elseworlds“-Geschichte von Mark Waid und Alex Ross aus dem Jahr 1996, in der ein großer Konflikt zwischen den Helden des DC-Universums beschrieben wird, kommt als Sammelband mit mehr als 100 Seiten Bonusmaterial.

AUS ASIEN

Im neuen Action-Manga Btooom! von Junya Inoue (Tokypop) geht es um einen jungen Mann, der sehr erfolgreich ein Online-Kampfspiel am PC spielt, bis er eines Tages tatsächlich in die Welt des Spiels versetzt wird und dort ums Überleben kämpfen muss. [Leseprobe]

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Hyouka von Honobu Yonezawa ist eine Mysteryserie um einen jugendlichen Rätselclub. Ursprünglich als Romanserie entstanden, gibt es nun auch eine Anime- und eine Mangafassung. Letztere erscheint auf Deutsch bei Tokyopop. [Leseprobe]

Soul Eater Not! ist ein Ableger der erfolgreichen Action-Fantasy-Serie Soul Eater. Hier geht es um junge Nachwuchskämpfer, die noch in der Unterstufe der „Schule für Waffenmeister“ stecken.

SEKUNDÄRLITERATUR

Comic! Jahrbuch 2014Der Interessenverband Comic hat wieder sein sehr empfehlenswertes Comic! Jahrbuch vorgelegt. Die Ausgabe für 2014 hat, passend zur Weltmeisterschaft, einen Themenschwerpunkt „Comics und Fußball“, bietet aber auch viele weitere interessante Artikel und wie üblich ausführliche Interviews mit den Gewinnern des ICOM Independent Comic Preis. [Leseprobe]

Auch vom Jahrbuch Deutsche Comicforschung ist eine neue Ausgabe erschienen. Unter anderem geht es um Propaganda-Bildgeschichten im Ersten Weltkrieg, um „Film-Bild-Romane“ und den Werdegang von Rolf Kauka [Infos zum Inhalt]

Für Sammler und Spezialisten könnte die Sheriff Klassiker Chronik (Edition Comicographie) interessant sein. Hier findet man akribische Inhaltsangaben und Artikel zu den ersten Jahrgängen der Serie Sheriff Klassiker, die in den 60er Jahren beim Bildschriftenverlag erschien und Material aus verschiedenen amerikanischen Westerncomics abdruckte. [Leseprobe]

Links der Woche 45/13: I am just a copy of a copy of a copy

Unsere Links der Woche, Ausgabe 45/2013:

 

Ausgezeichnet – die besten Comics 2013
Tagesspiegel, Lars von Törne
Zum zweiten Mal hat der Tagesspiegel von einer neunköpfigen Fachjury die besten Comics des Jahres küren lassen. Jedes Jurymitglied (darunter auch Frauke Pfeiffer von Comicgate) durfte zunächst seine Lieblingscomics des Jahres vorstellen, ehe dann eine Auswahl von elf Comics von jedem Juror mit 0 bis 10 Punkten bewertet wurde. Spitzenreiter dieser Auswertung ist wenig überraschend die 13 Jahre nach dem Original erschienene deutsche Fassung von Chris Wares Jimmy Corrigan. Dahinter wird es dann erfreulich vielfältig und breitgefächert, wie man auch in der Bewertungstabelle sehen kann.

Noch mehr Best-of-2013-Listen gefällig? Da hätten wir diesmal auch welche aus Italien (Fumettologica), Großbritannien (Paul Gravett) oder Österreich (Profil). Dazu, US-zentriert, eine neue Liste von io9 („2013 Was an Absurdly Great Year for Comics„)

Überwachung in Entenhausen: Phantomias gegen die NSA
Spiegel Online, Judith Horchert
In der aktuellen Ausgabe von Lustiges Taschenbuch greift eine Geschichte den NSA-Skandal auf: Darin wird Entenhausen von der Firma „Nasweiser, Spicker und Ausspecht“ vollständig kameraüberwacht, so dass ein Superheld wie Phantomias nichts mehr zu tun hat.

Superpenner – Seine Muskeln sind fester als sein Wohnsitz
YouTube, Superpenner Berlin
Im Januar erscheint die nächste Ausgabe der Berliner Straßenzeitung Straßenfeger mit einer Comicbeilage: In Superpenner macht Zeichner Stefan Lenz einen Obdachlosen zum Superhelden, dazu gibt es einen aufwendigen Werbetrailer: 

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Shia LaBeouf Apologizes After Plagiarizing Artist Daniel Clowes For His New Short Film
Buzzfeed, Jordan Zakarin
Die Pappnase des Monats darf man mit Fug und Recht dem Schauspieler und erklärten Comic-Fan Shia LaBoef verleihen. Der hat 2012 einen Kurzfilm namens HowardCantour.com gedreht, der vor kurzem auch online veröffentlicht wurde. Wenig später fiel jemandem auf, dass die Handlung des Films mehr oder weniger komplett aus dem Kurzcomic Justin M. Damiano von Daniel Clowes geklaut ist, der aber nirgends als Autor erwähnt wird oder vorher gefragt, geschweige denn bezahlt wurde. Auf Twitter versuchte sich LaBoe daraufhin zu entschuldigen. Und zwar mit einem Text, dessen Wortlaut er ebenfalls wieder woanders geklaut hatte. Etwas später gelangte er dann zu der Einsicht:

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<blockquote class=“twitter-tweet“ lang=“en“><p>I fucked up.</p>&mdash; Shia LaBeouf (@thecampaignbook) <a href=“https://twitter.com/thecampaignbook/statuses/412852153649496064″>December 17, 2013</a></blockquote><script async src=“//platform.twitter.com/widgets.js“ charset=“utf-8″></script>
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Das Plagiieren scheint bei ihm jedenfalls System zu haben: Shia LaBeouf’s website ‘about’ page was also copied

It Happened To Me: I Was Sexually Harassed Onstage at a Comic Convention Panel
XOjane, MariNaomi
How to Discourage Women from Cartooning
The Comics Journal, Anonymous
Zwei weitere Kapitel in der leider langen Geschichte, die davon handelt, wie respektlos, sexistisch und arschlochig sich manche Männer in der Comicszene gegenüber Comicmacherinnen verhalten: MariNaomi, Zeichnerin von autobiographischen Comics, berichtet von einer Podiumsdikussion bei einer Comic-Convention, bei der ein Teilnehmer sehr unangenehm auffiel. Der hat sich kurz darauf selbst geoutet (es handelt sich um Marvel- und DC-Autor Scott Lobdell) und sich immerhin halbwegs anständig entschuldigt. Und das Comics Journal veröffentlicht den Artikel einer anonymen Comiczeichnerin, in dem sie von einem ziemlich gruseligen Brief berichtet, den ihr ein fremder Mann schickte, nachdem er ihr Foto auf einer Website gesehen hatte.

The Science Of Comic Strips 
Fast Company, Eric Jaffe 
Das neue Buch The Visual Language of Comics des Psychologen (und Ex-Comiczeichners) Neil Cohn beschäftigt sich mit dem Comic als Sprache, die eine eigene Grammatik mit bestimmten Regeln besitzt.

Peanuts Christmas Dance in NYC
YouTube, Mashable
Das Zeichentrick-Special A Charlie Brown Christmas aus dem Jahr 1965 gehört in den USA zu den absoluten Fernsehstandards an Weihnachten, wie bei uns Drei Nüsse für Aschenbrödel oder Der kleine Lord. Der Wiedererkennungswert bei diesem kleinen Flashmob in New York war also hoch:

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Die Links der Woche verabschieden sich in eine kleine Weihnachtspause und kehren voraussichtlich am 12. Januar zurück.

WW 2.2 – Der andere Zweite Weltkrieg 4&5

Cover WW 2.2 4Inzwischen fehlen nur noch zwei Alben zur Vervollständigung der Serie WW 2.2 – Der andere Zweite Weltkrieg, die der Frage nachgeht, was passiert wäre, wenn die Geschichte nicht so verlaufen wäre, wie wir sie kennen. Adolf Hitler fällt früh einem Attentat zum Opfer, Hermann Göring führt den Krieg in den frühen 40ern als Reichskanzler weiter. Allerdings verschieben sich ab diesem Zeitpunkt Fronten, Allianzen und politische Unternehmungen, was zu einem Zerrbild der Realität führt.

Nach der Lektüre des ersten Bandes war ich vom Konzept nicht wirklich begeistert, zu fahrig, zu langweilig war die Story um einen Trupp französischer Soldaten in Paris. Die Serie hat sich seitdem weiterentwickelt, ohne das grundsätzliche Konzept aufzugeben. Konsequent behandelt jede Ausgabe einen anderen Kriegsschauplatz, thematisiert in sich schlüssige Missionen, nachdem zu Beginn jedes Albums stets der aktuelle weltpolitische Status rekapituliert wird. Passenderweise rotieren dabei auch noch jedes mal die Autoren und Zeichner (was leider nicht zu stilistisch signifikant erkennbaren Einzelleistungen führt).

Seite aus WW 2.2 4Mittlerweile ist man im Jahr 1942 angekommen, Göring wurde weggeputscht und Heinrich Himmler hat dessen Platz eingenommen. Band 4 spielt im englischen Blackpool, wo die Deutschen gemeinsam mit den Russen (der Pakt mit Stalin ist in dieser Realität aufgrund von Hitlers Tod nie aufgekündigt worden) bis nach Großbritannien vorgerückt sind. Die Handlung fokussiert sich auf den sowietischen Top-Scharfschützen Wasili Saizew, der nicht wie die reale Persönlichkeit in Stalingrad gegen die deutschen Invasoren zum Einsatz kommt, sondern Seite an Seite mit diesen in England kämpft.

Autor Herik Hanna fügt dem alternativen Zweiten Weltkrieg mit diesem Einzelschicksal ein weiteres Fragment zu. Durch die verschiedenen Perspektiven und den beständigen Wechsel der Schauplätze ergibt sich ein interessantes Gesamtbild, das mir zum jetzigen Zeitpunkt ganz gut gefällt. Die narrative Form ist mutig, weil sie vollkommen auf Figuren verzichtet, die in mehr als einer Ausgabe auftauchen und damit eine gewisse Kohärenz herstellen könnten. Somit hangelt sich der Leser allein anhand der im Buchdeckel abgebildeten Weltkarte und der kurzen Updates auf den ersten ein bis zwei Seiten quer durch die Zeit und über die Kontinente hinweg. Am Anfang ist das etwas ermüdend (auch, weil nicht jede Story spektakulär geschrieben oder herausragende Comickunst ist), aber nach wenigen Alben baut sich Spannung auf.

Cover WW 2.2 5Nachdem sich Band 4 dank des real existierenden Wassili Saizew und der komplizierten Beziehung zwischen den Verbündeten Deutschen und Russen als höchst unterhaltsam beschreiben lässt, ist Band 5 mit dem Titel „Sizilianische Odyssee“ eine vergleichsweise ruhige Geschichte um einen vom Vatikan engagierten, italienischen Spion, der während des Angriffs englisch-amerikanischer Truppen auf Südeuropa geheime Dokumente wiederbeschaffen soll. Immerhin kann dieser Band mit der opulenten Bombardierung des Vatikans und einer schönen sizilianischen Kulisse aufwarten.

Fehlen also nur noch zwei Ausgaben bis zum Endes Krieges. Doch wie wird dieser nach dem völlig anderen Verlauf als in der Realität ausgehen?

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Mittlerweile ein spannendes Comicprojekt, das viele Perspektiven mit einbezieht

 

WW 2.2 – Der andere Zweite Weltkrieg
Diábolo Comics, 2013

Übersetzung: Tilman Zens
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: je 15,95 Euro

Band 4: Wassili Saizew beseitigen
Text: Herik Hanna
Zeichnungen: Ramon Rosanas
ISBN: 9788415839002
Leseprobe

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Band 5: WW 2.2 5: Sizilianische Oyssee
Text: Luca Blengino
Zeichnungen: Pasquale del Vecchio
ISBN: 9788415839231 (Band 5)
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Diábolo Comics

Asgard

Cover AsgardDie neueste Idee aus der Comicschmiede des Splitter-Verlags nennt sich „Splitter Double“. Unter diesem Banner werden zukünftig ausgesuchte, zweiteilige frankobelgische Serien in einem Komplettband veröffentlicht, statt in Einzelalben. Das bedeutet für den Leser einen verhältnismäßig angenehmen Preis und eine unbeschwerte Lektüre am Stück. Mit Asgard von Autor Xavier Dorison (Das dritte Testament, Heiligtum) und Zeichner Ralph Meyer (Tödliches Wiegenlied) debütiert ein handfester Historienkracher vor nordischer Kulisse.

Titelfigur Asgard, ein echter Wikingersohn, wurde als sogenannter Skraeling (ein Baby mit einer Missbildung) geboren. Als solcher gilt er der Sage nach als verflucht und muss sofort getötet werden. Doch sein Vater entschließt sich dazu, seinen Nachkommen leben zu lassen und benennt ihn, da seine Existenz dem Willen der Götter entgegenstrebt, trotzig nach dem Reich der Götter.

Als Erwachsener verdingt er sich nach der Zeit im Dienste der königlichen Armee als Söldner und Monstertöter. Aufgrund seiner aus Stahl gefertigten, künstlichen Beinkonstruktion wird er gemeinhin auch Eisenfuß genannt. Von besorgten Dorfbewohnern wird Asgard angeheuert, um ein gigantisches Seeungeheuer, das reihenweise Fischer ins Meer zieht, aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Doch leichter gesagt als getan, erweist sich die Riesenschlange doch als ungemein zäher und widerspenstiger Gegner. Unter den Gefährten Asgards geht gar das Gerücht um, es könne sich bei dem gesuchten Wesen um Jörmundgand, die legendäre Weltenschlange, handeln, die Ragnarök einleitet.

Seite aus AsgardDorisons Geschichte ist ein relativ klassischer Abenteuercomic, mit vielen Zitaten aus der nordischen Mythologie und einer stringenten Erzählweise, die sich entlang der Jagd nach dem Seemonster hangelt. Ihre Spannung bezieht die zweiteilige Story aus dem erbitterten Kampf zwischen Asgard und dem Monster, welcher sich fast durch den gesamten Band zieht. Die Bilder von Ralph Meyer sind nicht übermäßig spektakulär, aber kommen in Actionszenen immer wieder glänzend zur Geltung.

Die Hauptfigur Asgard „Eisenfuß“ mimt den alten, kampferfahrenen Haudegen, wie man ihn als grummeligen Antihelden aus zahlreichen Medien kennt. Dass sich hinter Asgards rauer Schale ein freundlicher Kern verbirgt, versteht sich unter dieser Prämisse schon fast von selbst. In dieser Hinsicht bietet der Comic wenig neue Ansätze. Als unterhaltsamer und grundsolider Genrevertreter, gerade auch für Wikingerfans, funktioniert das Konzept allerdings durchaus.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Guter Einstand der Reihe Splitter Double mit harter Wikinger-Action

 

Asgard
Splitter Verlag, November 2013
Text: Xavier Dorison
Zeichnungen: Ralph Meyer
Übersetzung: Thomas Schöner
112 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-678-3
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche 44/13: Volk, begnadet für das Schöne

Unsere Links der Woche, Ausgabe 44/2013:

 

Die Comics werden erwachsen? Schon wieder?! *stöhn*
Blogzeit, Harald Havas
Harald Havas, der selbst lange Zeit als freier Journalist in Österreich über Comics geschrieben hat, über die jetzt erst langsam nachlassende Scheu der österreichischen Öffentlichkeit vor dem Thema Comics: „Natürlich ist das Medium Comic auch in Deutschland alles andere als wirklich angekommen […] Aber die Eigen-Produktion und Wahrnehmung liegt locker Jahrzehnte vor der in Österreich.“

Asterix-Erfinder siegt vor Gericht über Tochter
Google News, AFP
Albert Uderzo ist ein „klar denkender Mann, der die volle Fähigkeit besitzt, Entscheidungen zu treffen“. Das hat er jetzt schriftlich, denn eine französische Staatsanwaltschaft hat mit dieser Begründung ein Verfahren eingestellt. Uderzos Tochter Sylvie, die seit Jahren im juristischen Streit mit ihrem Vater liegt, hatte Anzeige gegen Unbekannt gestellt, weil ihr Vater von seinem Umfeld wegen seiner „altersbedingten Schwäche“ ausgenutzt werde. Die Tochter war eine vehemente Gegnerin von Uderzos Entscheidung, die Asterix-Rechte an den Verlag Hachette zu verkaufen und ihn auch nach seinem Tod weitere Asterix-Geschichten produzieren zu lassen.

Animate Europe!
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Der europäische Comic-Wettbewerb der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung ist beendet. Der Hauptpreis ging an den Italiener Marco Tabilio für seinen Comic Erasmus and the Seal. Dieser Beitrag ist, neben vier anderen, die in die Endauswahl der Jury kamen, in einem Sammelband vertreten, den man hier als PDF herunterladen kann.

Das sind die besten Comics des Jahres 2013
Die Welt, Matthias Heine
In der Welt (und parallel auch in der Berliner Morgenpost) stellt Matthias Heine seine 10 liebsten Comics dieses Jahres vor.

The Best Comic Books Of 2013
Comics Alliance
Das US-Comic-Portal Comics Alliance ist vielleicht die Comic-Website mit dem inhaltlich breitesten Spektrum derzeit. Hier scheut man sich weder vor obskuren Minicomics aus Indieland noch vor anspruchsvollen Graphic Novels noch vor populärem Mainstream von Batman bis My Little Pony. Entsprechend lang und kunterbunt gemischt ist auch die (bis jetzt fünfteilige) Liste der besten Comics des Jahres. Hier zählt man nicht einfach eine Top Ten herunter, sondern erfindet großartige Kategorien und liefert gute Texte zu den ausgewählten Titeln. Erfrischende und lange Lektüre, die zwangsläufig zu noch mehr Lektüre führen wird, wenn man auch nur einem Bruchteil der Empfehlungen folgen möchte.

Noch mehr obligatorische Bestenlisten zum Jahresende gibt es im „Pop Candy“-Blog bei USA Today oder bei der Village Voice. Der A.V. Club von The Onion macht zwei Listen: eine für graphic novels and art comics, die andere für mainstream and superhero comics.