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Der Kri-Ticker #60

Diesmal mit dabei: Der letzte Henker vor der Autobahn, Black Hole #6, Alter Ego, Queen & Country #4 – Operation: Blackwall, Pascin, Lin_c #2, Grimms Märchen, Baobab #2, Hyde, Extra Muros #1-3, Die kleine Welt des Golem, Sin City #6: Bräute, Bier & blaue Bohnen und Die Offenbarung.

Besprochen von Frauke Pfeiffer (fp), Benjamin Vogt (bv) und Thomas Kögel (tk).

DER LETZTE HENKER VOR DER AUTOBAHN
henkerAchterbahn
Als ich zum ersten Mal von diesem Buch hörte, traute ich meinen Augen kaum. Denn demnach sollte ein gewisser Timo Würz hauptverantwortlich für diesen querformatigen Hardcover-Band sein. Und nach kurzer Recherche war mir klar: Es handelt sich tatsächlich um den selben Timo Würz, der früher so malerische Comics wie Black Metal (Infinity) oder XCT (Carlsen) fabrizierte. Prinzipiell ist es einem Künstler ja hoch anzurechnen, wenn er seinen Stil zwischendurch ändert und neue Projekte in Angriff nimmt, im Falle von Würz und seiner neuen Cartoonsammlung Der letzte Henker vor der Autobahn ging die Rechnung letztlich nicht so auf, wie ich es mir vorgestellt hätte. Der letzte Henker, also der grimmig drein guckende Mann auf dem Cover, betätigt sich als Leitfigur der meist sehr knappen Strips oder Onepager. Schlechte Angewohnheiten, Dreistigkeit und die gnadenlos machohaften Züge dieses Charakters, sowie die ironische Grundtendenz der Texte zielen auf die Lachmuskeln der Leser ab. Leider zu oft mit den Vorschlaghammer und mit zu flachen Witzen, bei denen beim Betrachter zwischen „kenne Witzigeres“ und „witzig, ist aber uralt“ wohl nur selten wirklich ein Schmunzeln aufkommen dürfte. Natürlich entstammen manche Szenen auch einer tollen Idee und man sympathisiert am Ende doch ein wenig mit dem eigentlich extrem unsympathischen Henker, aber letztlich ist der Gesamteindruck neben aktuellen Cartoon-Publikation, etwa von Flix, Ruthe oder Sauer einfach als inhaltlich zu seicht zu bezeichnen. bv  

BLACK HOLE #6 blackhole
Reprodukt

Mit der sechsten deutschen Ausgabe ist die brillante Serie von Charles Burns endlich abgeschlossen. Die Geschichte um eine wachsende Epidemie, die Jugendliche befällt und teils gravierende Mutationen und Missbildungen nach sich zieht, steuert auf ein dramatisches Ende zu. Die Gemeinschaft der „Aussätzigen“, darunter die Hauptprotagonisten von Black Hole, Chris, Dave und Keith, wird von Burns noch einmal in erschreckender Manier in Szene gesetzt, wobei eine Liebesbeziehung und ein Mörder die finalen Knackpunkte darstellen. Schlussendlich ist Black Hole mehr als nur ein simples Jugenddrama, wahrscheinlich sogar weit mehr als die metaphorische Verdeutlichung der isolierten Gefühlsebene einer heranwachsenden Generation. Es scheint, als skizzierte Burns im Nachhinein gesehen ein psychologisches Abbild zwischenmenschlicher Probleme und Außenseitertum, eingebettet in die von ihm kreierte schwarz/weiß-Welt, in der es unmöglich ist, zwischen überzeichneter Realität und verspielter Fiktion zu unterscheiden. Am Ende steht ein Gesamtwerk, das man auf vielerlei Weise versuchen kann zu deuten. Und wer jetzt beschließt, sich dieses nun komplett vorliegende Comicerlebnis zu besorgen, der sollte auch schauen, dass er noch einen passenden, von Reprodukt eigens produzierten Schuber ergattern kann. bv

ALTER EGO: ALLE COMICZEICHNER KOMMEN IN DEN HIMMEL alterego
Ein unscheinbares Heftchen im Querformat, mit einem Umschlag aus braunem Packpapier, in Mini-Auflage im Selbstverlag erschienen: Das ist Alter Ego von Alex Gellner (den einige sicher von seinen Arbeiten für INKplosion kennen, besonders für Versus, zusammen mit Mana). Ähnlich wie Versus hat Alter Ego eine ziemlich durchgeknallte Geschichte, die vollkommen „over the top“ daherkommt und sich nicht groß um Logik oder Sinnhaftigkeit schert. Das ist dem Autor und Zeichner aber vollkommen bewusst, und er weiß sehr schön damit zu spielen. In Alter Ego geht es um Zeitreisen: Alex steht nach seinem Tod als alter Mann vor dem Himmelstor und kommt nicht rein, weil Comiczeichner in die Hölle gehören. Also muss er zurück in die Zeit reisen und den jungen Alex daran hindern, Comiczeichner zu werden. Das führt zu einigen kurzweiligen Verstrickungen, bei denen man, wie gesagt, nicht allzu viel Logik erwarten sollte. Dafür eine Menge witziger Ideen, cooler Oneliner und hemmungsloser Spinnereien. Außerdem bietet Alter Ego einen der tollsten Sidekicks seit Langem: einen schwebenden Wombat, der Kung-Fu kann!
Zeichnerisch verwendet Gellner einen schwarz-weißen Stilmix mit Elementen aus Manga und Cartoon, ähnlich rasant wie das Erzähltempo des Heftes. Sicher kein Meilenstein der Comicliteratur, aber eine sehr unterhaltsame und flüssig erzählte Geschichte für kleines Geld, die sehr viel Spaß macht. Was für eine deutsche Eigenproduktion nicht selbstverständlich ist. tk
www.gellnerism.de

QUEEN & COUNTRY #4 – OPERATION: BLACKWALL queen
Modern Tales

Im vierten Band um Tara Chace wird die britische Geheimagentin diesmal in Wirtschaftskriminalität hineingezogen. Ein einflussreicher Geschäftsmann wird von einem französischen Unternehmen erpresst. Allerdings gestaltet sich die Sache schwieriger als gedacht, denn auf einmal spielen persönliche Belange von Tara eine Rolle…
Autor Greg Rucka will nicht einfach einen weiblichen 007-Verschnitt in Comicform präsentieren, sondern auch die Alltäglichkeiten in diesem Beruf ausloten. Dabei kommen, wie in diesem Band, mitunter eher stillere Geschichten heraus, die einem fast schon unheimlich sind, da sie sich echter anfühlen als das für das Spionagegenre übliche Rumgeballere, bei dem eine angenehme Distanz vorhanden ist. Dieser Band wurde übrigens 2004 für den Eisner-Award nominiert. Eine Leseprobe findet sich hier. fp

PASCIN
pascinAvant-Verlag
Joann Sfar erzählt nicht die Lebensgeschichte des expressionistischen Malers Julius Mordecai Pinkas, genannt Pascin, der von 1885 bis 1930 lebte. Dieses Buch besteht vielmehr aus einer losen Reihe von ausdrücklich fiktiven Episoden, die aus dem Leben von Pascin stammen könnten oder eben auch nicht. Die Szenen, in denen auch berühmtere Zeitgenossen wie Marc Chagall, Oskar Kokoschka oder Ernest Hemingway auftauchen, drehen sich um zwei Obsessionen: Malen und Sex. Sfar spielt mit dem Klischee des ausschweifenden Bohème-Lebens im Paris der 20er Jahre und übersteigert es bis zur Karikatur. Das Buch spart nicht mit expliziten Sexszenen — dass man es trotzdem nicht als pornographisch bezeichnen kann, dafür sorgt schon der Zeichenstil: skizzenhaft, krakelig, manchmal absichtlich schlampig und ziemlich uneinheitlich. Das passt zum Inhalt, der sich auch immer wieder mit dem Wesen der Schönheit auseinandersetzt: Wann ist ein Bild schön, wann ist ein Mensch schön, und wer definiert das? Überhaupt enthält Pascin eine Menge interessanter Gedanken zu Malerei und Zeichenkunst. Wer sich privat oder beruflich damit beschäftigt, findet hier eine spannende und ungewöhnliche, zum Teil auch witzige Lektüre. Wer dagegen gute Unterhaltung oder auch nur eine stringente Handlung sucht, ist mit anderen Titeln aus Sfars umfangreichem Werk wohl besser bedient. tk

LIN_C #2 linc
Mit der rot durchsetzten Silhouette einer Helnwein-Fotografie von Marilyn Manson auf dem Cover geht das österreichische „Heft für Comics und Bildliteratur“ ins zweite Jahr. Wie das Frontbild bereits andeutet, legt Initiator Gottfried Gusenbauer die Begrifflichkeiten, die das Konzept charakterisieren, großzügig aus. Lin_c ist eine Zusammentragung diverser Medien, die sich bebilderter Elemente bzw. Stilmittel bedienen. Dabei ist die nunmehr zweite Ausgabe sogar noch vielfältiger als die erste , sind die Kategorien doch in ihrer Zahl kaum überschaubar: Zu den Comic- bzw. die dem Comic ähnelnden Themen (Manga, Karikatur) gesellen sich Artikel zu Theater, Musik, Streetart, Trickfilm, Musik usw. Gusenbauers Projekt beweist mithilfe großer Bandbreite eindrucksvoll den aktuellen Stellenwert wie auch die Möglichkeiten der österreichischen Szene. Wobei man sich fragen muss, wo diese anfängt, wenn sich zwischen einem Haderer, Helnwein und Mahler newcomerisches Gekritzel beäugen lässt. Aber gerade dies ist Teil des Reizes. Die auf der einen Seite vorherrschende Nichtfestlegung auf eine bestimmte inhaltliche Richtung, damit einhergehend der freie Überblick über künstlerisches Potential, Publikationen und Vielfalt, auf der anderen Seite der Versuch als Schnittstelle variabler Medien zu fungieren, gepaart mit einem internationalen Part (langes Interview mit der türkischen Künstlergruppe „Nomad“ aus Istanbul) lässt das Projekt Lin_c nicht nur zu einer wichtigen Plattform der vorrangig österreichischen Szene erscheinen, sondern macht es auch zum Bestandteil eben dieser. bv
www.lin-c.net

GRIMMS MÄRCHEN grimm
Ehapa Comic Collection

Eigentlich hat sich der Ehapa-Verlag ja von frankobelgischem Material weitestgehend verabschiedet, trotzdem veröffentlicht er immer mal wieder kleine Leckerbissen wie diesen, von französischen Künstlern gestalteten Sammelband mit Grimms Märchen. Philip Petit, Mazan, und Cecile Chicault überzeugen in ihren vier Geschichten, obwohl es etwas komisch ist, neben den bekannten „Hänsel und Gretel“ und „Das tapfere Schneiderlein“ mit „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ und „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ zwei Adaptionen weniger geläufiger Märchen präsentiert zu bekommen. Die drei Künstler passen sich der Thematik perfekt an, zeichnen nicht zu kindlich und interpretieren die Handlung ein Stück weit nach ihrer eigenen Vorstellung.  Da ich persönlich nie ein großer Fan von Märchen war, überwältigt mich auch dieser Band nicht, bzw. ganz große Überraschungen bleiben aus. Die Aufmachung im kleinformatigen Hardcover, sowie die ungezwungene und frische Herangehensweise bei gleichzeitig respektvollem Umgang mit dem klassischen Stoff ist dennoch als gelungen zu betrachten. Es lohnt sich also mal reinzuschauen.  bv

BAOBAB #2
baobab2Avant-Verlag
Igorts Handlung macht im zweiten Abschnitt seiner Erzählung (Besprechung des ersten Bandes hier) den erwarteten Sprung und verlegt das Szenario somit von Japan nach Südamerika. Dabei erläutert uns der Italiener die Geschichte von Celestino Vilarosa, dem angehenden Comiczeichner aus Papassinas noch mal genauer. Celestino, fasziniert von den Möglichkeiten des Mediums Comic, ist zwischen einer möglichen Karriere in den USA und Heimatbezogenheit und der Liebe zu seiner Schwester hin- und hergerissen. Igort schildert Celestinos Begeisterungsfähigkeit und die respektvolle Anlehnung an ihm bekannte Comicerzähler, vor allem an Little-Nemo-Erfinder Winsor McKay, die sich in seiner eigenen Arbeit als Comiczeichner widerspiegelt. Außerdem berichtet Celestinos Geschichte auch von der Schwierigkeit, um das Jahr 1910 eine Veröffentlichungsform für seine Zeichnungen zu finden und mit ernsten Comics abseits von Karikaturen und Strips wahrgenommen zu werden. Als Celestino erkrankt, bricht die Handlung schließlich, der Protagonist begegnet in fiebrigen Visionen seinen eigenen Comicschöpfungen, versucht die Bilder zu interpretieren und entschlüsselt am Ende sogar deren Kernbotschaft. Baobab führt ist eine gezeichnete Charakterstudie, die Hauptperson leidet unter den eigenen Zweifeln, der fehlenden künstlerischen Ausdrucksmöglichkeit, schließlich unter der von Träumen begleiteten Krankheit, in der er sein Leben aufarbeitet. Igort führt damit eine Erzählung fort, die erst im weiteren Verlauf alle Zusammenhänge herstellen wird. Bis dahin ist es auch weiterhin bemerkenswert, wie uns zwei Künstler hier fesseln: Celestino mit seiner interessanten Lebensgeschichte, Igort mit der ruhigen und klugen Darstellung eben jener. bv

HYDE hyde
Infinity

In diesem One-Shot variiert Autor Steve Niles ein Thema, das in der Popkultur schon unzählige Male durchdekliniert wurde: die Geschichte von Doktor Jekyll und Mister Hyde. Hier gibt es den Dr. Jekyll gleich doppelt: als Paar von Zwillingsbrüdern, die bei einer Pharmafirma an der Entwicklung einer Lifestyledroge arbeiten und sich selbst als Versuchskaninchen gebrauchen. Ob zwei Jekylls auch zwei Hydes bedeuten, soll hier nicht verraten werden…
Niles erzählt routiniert seine Geschichte, die zwar recht spannend ist, aber dem Mythos Jekyll/Hyde kaum interessante oder überraschende neue Facetten hinzufügt. Besonders wird Hyde erst durch das Artwork von Nick Stakal. Dessen Stil erinnert an Vorbilder wie Ted McKeever oder Bill Sienkiewicz und schafft mit seinen schroffen Strichen und der schmutzigen Farbgebung eine düstere, fesselnde Atmosphäre. Gleichzeitig hält dieser Stil den Betrachter auf Distanz: Die Figuren bleiben dem Leser seltsam fremd, und die teilweise recht exzessiven Gewaltdarstellungen haben kaum schockierende Wirkung.
Insgesamt kein Muss, aber eine solide Sache für Thriller-Fans. Leider hat die deutsche Fassung ein schweres Manko, die das Lesevergnügen erheblich einschränkt: Für Mister Hydes Dialoge wählte man eine rote Outline-Schrift auf schwarzem Grund, die je nach Lichteinfall nur sehr schwer oder überhaupt nicht zu entziffern ist. Und das ist dann wirklich gruselig. tk

EXTRA MUROS #1-3 extramuros
Ehapa Comic Collection

Jetzt liegt die neue Albenreihe von Daniel Hulet also komplett bei Ehapa vor. Hulet, dessen zuletzt auf deutsch veröffentlichtes Werk Immondys man noch als gigantisches Fantasiegebilde erklären konnte, schuf mit Extra Muros eine Geschichte, die den Leser mit extrem unklaren Verwicklungen und Handlungsschichten schlicht und einfach überfordern dürfte. Leider wirkt sich das so aus, dass das zu Beginn vorherrschende Grübeln über die mysteriösen Vorgänge recht schnell in eine gelangweilte Betrachtungsweise umschlägt, einfach weil man vor der überladenen Story kapituliert. 
Es dreht sich alles um das kleine französische Dorf Mordange, in dem seltsame Dinge vor sich gehen und Menschen mit unterschiedlichen Zielen den jeweils anderen in die Quere kommen wollen: Eine Gruppe jugendlicher Rollenspieler, der Freak mit der Affinität zur Knochenfiguren-Bastelei, Geschäftsleute, die einen Freizeitpark bauen wollen, ein Zauberlehrling, ein Auftragskiller, Außerirdische und Tempelritter, in deren Zeitebene die Protagonisten auch hin und wieder abzutauchen scheinen. 
Hört sich verrückt an, ist auch so. Und wahrscheinlich wird sich auch nach dem zweiten oder dritten Lesen noch nicht die komplette Handlung erklären lassen, zu abgehackt und spontan sind dafür die einzelnen Szenen. Die Serie ist zwar Hulet-typisch gestaltet und bekannt konfus, aber in diesem Fall hätte der Künstler doch lieber etwas weniger Verwirrung einbauen sollen, wenn er die Story schon vor historischen Hintergrund anlegt. bv

DIE KLEINE WELT DES GOLEM golem
Avant-Verlag

Joann Sfar spielt in diesem Comic mit seinen selbst erschaffenen Figuren, er lässt sie miteinander in Kontakt treten und kleinere Abenteuer bestehen. Ursprünglich auf mehrere Ausgaben des französischen Magazins Lapin verteilt, verlegt der Avant-Verlag die kurzen Episoden versammelt in einem Band. Und was man darin finden kann, liest sich wie ein früher Testballon des Joann Sfar. Durch die durchgängig schwarz-weißen Zeichnungen und die auf die Charaktere reduzierten Geschichten entsteht beim Leser der Eindruck, beim Entwicklungsprozess des Sfar'schen Figuren-Kosmos teilzuhaben. Inspektor Mazock, Desmodus der Vampir und andere nehmen hier ihren Anfang, die Stories, in die sie hier verwickelt werden, reichen aber nicht an die Hintergründigkeit und ausgeprägte Erzählintelligenz bereits auf deutsch bekannter Comics von Joann Sfar. Allerdings müssen sie das auch nicht zwingend, denn Die kleine Welt des Golem macht vor allem Spaß und ist von Seite zu Seite inhaltlich unberechenbar. Außerdem kann man damit Sfars Ideenreichtum und damit einhergehend den Grundstein späterer Meisterwerke ein Stück weit besser nachvollziehen. Auch deshalb ist Die kleine Welt des Golem eher für Anhänger des Künstlers eine Investition wert. Aber das auf jeden Fall.  bv

SIN CITY 6: BRÄUTE, BIER & BLAUE BOHNEN
sincityCrossCult
Elf Kurzgeschichten erzählen von Basin Citys verborgenen Sünden. Frank Miller inszeniert dabei geschickt die Rückführung bekannter und beliebter Charaktere wie Marv, Dwight oder Goldie in neue Situationen, die auf den ersten Blick recht überflüssig erscheinen, aber letztlich viele kleine Puzzlestücke der Handlungen vorheriger Storylines ergänzen. Miller experimentiert bei den einzelnen Episoden deutlich: Marvs fast stumme Wintergeschichte erzählt er in groß angelegten Splashpages und auffälligen Nahaufnahmen des Charakters, die Damen bekommen farbige Nuancen und ein paar der Geschichten stellen bisherige Nebenpersonen in den Vordergrund oder kommen gar gänzlich ohne altbekannte Gesichter aus. Dabei wird die Intensität der Serie und die Ausdrucksstärke der Protagonisten zwar erfolgreich aufrechterhalten, allerdings merkt man auch, dass eine durchgehende Handlung, wie in den Bänden 1 bis 5 zu finden, genau das letzte Fünkchen bietet, das Bräute, Bier und blaue Bohnen zuweilen vermissen lässt. Der Schwachpunkt ist dabei nicht die Qualität der einzelnen Beiträge, sondern das Konzept der Kurzgeschichten, welches Sin City für zwischendurch zwar auch nicht schlecht zu Gesicht steht, aber einfach nicht so mitreißend wirkt wie gewohnt. So bleibt für diese Ausgabe letztlich die Wertung „ganz nett“, Frank Millers künstlerische Höchstleistung der vorhergehenden Erzählungen erreicht sie jedoch nicht.  bv

DIE OFFENBARUNG
offenbarungCarlsen Comics
Für alle Fans von Der Da-Vinci-Code oder Das Geheime Dreieck (Ehapa) ist dieses Buch ein Muss. Zwar ist die thematisierte konspirative Verwicklung im Vatikan (es geht um das mysteriöse Ableben eines hochrangigen Kardinals), die man aus der Sicht des ermittelnden Charlie Northern erzählt bekommt, nicht sonderlich innovativ, trotzdem ist der Band von Autor Paul Jenkins und Zeichner Humberto Ramos wunderbar gelungen. Zu allererst ist dieser Umstand Jenkins' handwerklich einwandfreiem und äußerst spannendem Handlungsbogen zuzuschreiben, sowie der gelungen Inszenierung der Hauptperson. Charlie Northern ist zwar ziemlich archetypisch für einen Ermittler und wandelt deshalb auch immer zwischen Coolness, detektivischem Gespür und einem Schuss Sarkasmus, dennoch sind gerade seine Monologe und sein Charme perfekt gelungen. Das letzte Stückchen zum Must-Read liefert dann neben einer der besten Arbeiten von Jenkins, Humberto Ramos' Artwork. Obwohl er in seinen Zeichnungen ja stets einen Touch Manga mit einbringt, was für manche auch gewöhnungsbedürftig ist, zeigen sie sich hier von ihrer realistischsten Seite. Sie passen hervorragend zur religiösen Mordaufklärung mit unbedingtem Drang zur mutmaßlich großen Verschwörung. So bleibt bei einem tollen Band lediglich das Ende, von dem man mehr hätte erwarten können, als etwas enttäuschend festzuhalten. bv

Bildquellen:comiccombo.de, sammlerecke.de, avant-verlag.de, infinity-verlag.de

Scott McCloud: Making Comics (US)

makingcomicsScott McCloud hat mit seinen Büchern Comics richtig lesen und Comics neu erfinden zwei moderne Klassiker über das Verständnis und die Grundprinzipien von Comics geschrieben. Seit kurzem ist sein neues Werk, Making Comics – Storytelling Secrets of Comics, Manga and Graphic Novels, erhältlich, in dem er Künstlern Tipps für die gute Darstellung ihrer Geschichten gibt. So behandelt er u.a. die richtige Auswahl von Szenen für die einzelnen Panels, die Beinflussung der Leserichtung und gute Körpersprache, aber auch, wie man überzeugende Protagonisten und gute Dialoge schreibt.

Auf den Anfangsseiten beschreibt er, was ihn selbst von der Masse der anderen „Wie zeichne ich dies und das“ oder „Zeichne deinen eigenen Comic“-Bücher heraushebt. Es geht ihm in diesem Buch nämlich nicht darum, wie man ganz bestimmte Dinge zeichnet, sondern er zeigt, welche Faktoren die Idee und Durchführung eines Comics bestimmen können. Dabei geht er detailliert auf das Zeichnen, Erzählen und Arrangieren ein, denn um einen überzeugenden, fesselnden Comic hinzubekommen braucht es nun mal mehr, als einfach irgendwas hinzuzeichnen, was halbwegs zu dem Skript passt.

Er verfolgt damit ein Ziel: Man soll zum Zeichenstift greifen und loslegen. Und dieses Buch schafft es wirklich. Nachdem ich damit fertig war, erfasste mich die kreative Zeichnerwut, obwohl ich kein Stück zeichnen kann. Das Durcharbeiten macht einfach Lust auf Comics. So wie in seinen vorherigen Werken betrachtet McCloud alles aus einer geeigneten Distanz, um dem Leser Techniken und Prinzipien beizubringen. Die hier besprochene englischsprachige Ausgabe (eine deutsche Veröffentlichung ist noch nicht erschienen) ist allerdings mit vielen Fachwörtern bestückt, so dass man als Normalleser manche Passagen zweimal lesen muss. Die Bilder helfen, auch bei Nichtverstehen des Textes, dabei – wie es sich für die Thematik gehört.
Da viel erklärt werden muss, sind die Panels größtenteils wortlastig, was aber nicht problematisch ist, da es ja nicht darum geht, eine Geschichte zu erzählen, sondern den Gegenstand „Comic“ differenziert auszuleuchten.

In seinem dritten Sekundärwerk löst der Autor das Problem der Fußnoten, die in „Comics neu erfinden“ schon mal störten, indem er nach jedem Kapitel ein paar Seiten mit erweiterten Notizen einfügt. Zudem folgen nach diesen Notizen Anregungen zu praktischen Übungen, die das Geschriebene weiter vertiefen soll.
Er selbst macht keinen Hehl daraus, dass er im realistischen Zeichnen nicht perfekt ist und dass er dieses Buch dazu nützt, um seine eigene Zeichenkünste zu verbessern. Dies stellt ihn clevererweise auf eine Stufe mit dem Leser, denn der will ja ebenfalls dazu lernen, und macht Scott McCloud umso sympathischer. Seine Erklärungen sind präzise und gut strukturiert, so dass sich das Beigebrachte schnell einprägt.

Auch wenn der Zeichenstil des Comics nicht ganz so wichtig ist, da die Botschaft klar im Vordergrund steht, soll erwähnt werden, dass er deutlich besser ist als in Comics neu erfinden, der teilweise ein wenig hingeschludert aussah. In diesem Comic tendiert er wieder zum Stil seines ersten Buches Comics richtig lesen, der diesem Werk angemessen ist. Im inhaltlichen Teil lassen sich ein paar Anlehnungen an Comics richtig lesen finden, diese sind aber selten und wenn, dann werden die damaligen Erkenntnisse erweitert und vertieft.

Wenn es dem Leser darum geht, perfekt zeichnen zu können, ist dies sicherlich nicht das richtige Buch. Wenn man aber grundlegende Kenntnisse zur Herangehensweise und kompletten Durchführung eines Comics sucht, ist Making Comics die allererste Wahl.

Scott McCloud ist übrigens mit Sack und Pack (sprich: mit der gesamten Familie) seit diesem Monat bis August 2007 auf einer Tour quer durch alle 50 Staaten der USA, um mit Hilfe seines neuen Werkes den Leuten das Comicmachen näher zu bringen. Die Daten und Termine sind hier auf seiner Website abrufbar, und im Familien-Blog über die Tour kann man dieses Mammutprojekt mitverfolgen.

Making Comics – Storytelling Secrets of Comics, Manga and Graphic Novels
Text und Zeichnungen: Scott McCloud
Verlag: HarperCollins
englisch; 264 Seiten; 17,45 Euro
ISBN: 0060780940

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Mundkopf

mundkopfNachdem ich Katrin Baumgärtners Mundkopf zum ersten Mal gelesen hatte, fühlte ich mich nicht in der Lage, sofort eine Rezension zu schreiben. Der ganze Comic ließ mich mit einem extrem starken „What the fuck?“-Gefühl zurück, das dafür sorgte, dass ich beschloss den Comic nicht zu rezensieren, ehe ich ihn nicht ein zweites Mal gelesen hatte. Das habe ich nun getan.

Aber ehrlich gesagt, selbst nach dem zweiten Lesen fühle ich mich von Mundkopf noch überrumpelt. Das ist in diesem Fall aber durchaus nichts Schlechtes, es ist dieselbe Art von Verwirrtheit, die ich etwa mit einem Film wie Lost Highway in Verbindung bringe. Was vielleicht gar kein so schlechter Vergleich ist, denn wenn ich Mundkopf einem Genre zuordnen sollte, dann wäre „Lynchean mindfuck“ wohl der Begriff, den ich wählen würde.
Dass Katrin Baumgärtner dem Leser zu keinem Zeitpunkt hilft, das, was er da auf den Seiten vor sich sieht, zu begreifen, ist eine gute Entscheidung, die der Handlung des Comics zuträglich ist. Denn der Mix aus dreckiger Erotik, Kannibalismus und einem Abstieg in den Wahnsinn, der nicht mehr als schleichend bezeichnet werden kann, würde in jedem anderen Fall viel von seiner Durchschlagkraft verlieren.

Mundkopf bleibt über die gesamte Handlung (die damit anfängt, dass man erfährt, dass sich die Mutter des Protagonisten Manuel in seiner Jugend erschossen hat, dass er jetzt arbeitslos ist und seine Exfreundin in einer Kneipe trifft) hinweg äußerst dicht an der Gedankenwelt Manuels. Das Resultat ist, dass die verwischenden Grenzen zwischen Realität und Wahnsinn für den Leser ähnlich abrupt und fließend sind wie für Manuel. Jede Distanz, die eine erklärende Zwischenebene schaffen könnte, würde dem Comic viel von seiner grimmigen, direkten Wirkung rauben.
Die Frage, was nun real ist und was nicht, stellt sich für den Leser dadurch genau so, wie sie sich für Manuel stellt.

Die Wahnsinnsebene ist besonders im visuellen Bereich sehr schön umgesetzt worden. Der Comic setzt auf zwei Farben: Ein blutiges Rot und ein eiskaltes Blau. Beides Farben, die symbolisch sind für die Welt, in der Mundkopf spielt. Ein dreckiger Strich, der mich gelegentlich an Paul Popes Zeichnungen erinnerte. Die Wiederholung einer Schlüsselszene mit minimalen Änderungen und verschwurbelte Perspektiven tun ihr übriges, um dem Leser effektiv den Boden unter Füßen wegzuziehen. Oh, und dann sind da natürlich noch die namensgebenden Mundköpfe… bizarre Gestalten…

Eines sollte ich allerdings relativ deutlich sagen: Wer Mundkopf kauft, sollte sich im Klaren sein, dass er einen Comic erwirbt, der emotionalen Punch besitzt, der aber gleichzeitig extrem verwirrend ist. Wer gewillt ist, sich mit dem, was er liest, auseinander zu setzen, wer darüber nachdenkt, was da vor sich ging, wer bereit ist, ein wenig zu interpretieren und damit leben kann, dass er sich dann immer noch irgendwie überfahren fühlt, der wird mit Mundkopf gut klarkommen.

Wer simple und leicht verdauliche (no pun intended) Ablenkung sucht, der sollte den Comic aber meiden. Dafür ist wohl schon alleine das Grundthema zu finster. Wenn einen ein wenig Kannibalismus und ein paar durchaus harte Momente aber nicht abschrecken (und wie mir die DVD-Hülle von Ravenous verriet „Wenn du bist, was du isst, dann sind nur Kannibalen echte Menschen“), dann bekommt man mit Mundkopf eine verwirrende, trotzdem extrem wirkungsvolle Geschichte geboten, die einen verstörenden, aber (nicht nur visuell) interessanten Blick in die Psyche eines Mannes am Abgrund wirft.
Ein Comic, an dem sich vermutlich die Gemüter spalten werden – entweder man liebt ihn oder kann überhaupt nichts mit ihm anfangen.

 

Mundkopf
Zwerchfell Verlag, 2006
Text & Zeichnungen: Katrin Baumgärtner
61 Seiten, farbig; 7,- Euro
ISBN: 3-928387-78-2

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Der Kri-Ticker #59

Diesmal mit dabei: Breakfast After Noon, Ikarus, Supreme Power: Nighthawk
Sticks & Fingers, Schimäre #1, Wasteland #1(US-Ausgabe), Monipodio #3: Utopia, Kulla, Rocco Vargas: Die Ballade von Dry Martini und X-Men Sonderheft #6: Generation M.

Besprochen von Frauke Pfeiffer (fp) und Benjamin Vogt (bv).

BREAKFAST AFTER NOON

 Modern Tales 
Auf 200 Seiten führt uns Andi Watson durch die ganze Palette menschlicher Emotionen. Rod und Louise, ein Paar in England, sind mit alltäglichen Problemen und eigentlich nebenbei noch mit den Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt. Doch das ändert sich, als beide ihren Job bei der Porzellanfabrik verlieren. Von da an schildert Andi Watson uns brillant, wie jene Schicksalswendung auf die beiden wirkt und wie sie damit umzugehen versuchen: Während Louise realistisch genug bleibt, um beruflich nach vorne zu sehen, verliert sich Rod zunehmend in falsche Vorstellungen und Starrsinnigkeit. Schlussendlich führen die betrübliche Situation und Robs depressive Grundstimmung sogar zur großen Bestandsprüfung ihrer Beziehung. Breakfast After Noon nimmt das Thema Arbeitslosigkeit auf, wie es jeden betreffen könnte, und schildert bravourös deren Auswirkungen, die emotionale und finanzielle Vergiftung des Alltags zweier junger Menschen, für die vormals die Arbeit der Rückhalt für das gemeinsame Leben gewesen ist. Andi Watson zeigt mit seinem Comic zwei unterschiedliche Seiten auf: Die eine akzeptiert und sucht Alternativen, die andere will nicht wahrhaben, klammert sich an Strohhalme und lässt sich hinunterziehen. Beide Darstellungen in den nur wenigen Strichen heben Watsons Werk so nach vorne, dass es beklemmend und hoffnungsvoll zugleich ist. bv

 
IKARUS
 Avant-Verlag
Dädalus und sein Sohn Ikarus werden als Strafe von König Minos im Labyrinth des Minotaurus auf Kreta gefangen gehalten. Sich durch die Irrwege kämpfend, steht bereits ein weiterer Plan für die beiden: Sie wollen mit selbstgebauten Flügeln von der Insel fliehen… Im hier und heute erforscht der junge Architekt Georg Faust das Labyrinth. Dabei verliert er sich mehr und mehr in seiner Arbeit, die langsam zur Besessenheit wird. Seine Freundin Silvia ersucht deshalb den Doktor um Rat, doch von da an scheint sie eine rätselhafte Frau zu verfolgen, die ihren Übergang in die altertümliche Zeit von Dädalus und Ikarus zu begleiten oder gar zu forcieren versucht. Manuele Fior gestaltet die Übergänge zwischen den beiden Handlungsebenen clever, schlussendlich werden Silvia und Faust selbst Teil des mythologischen Ursprungs und die Geschichte leitet mit der beginnenden Flucht von Vater und Sohn in der nunmehr allein existierenden Welt des Altgriechischen die Schlusssequenz ein. Trotzdem behält sich Fior etwas Undurchschaubares in seiner Erzählung vor, er spielt phasenweise mit den bewusst unvollkommenen Charakterisierungen und kokettiert gleichermaßen mit der fast stillstehenden Langsamkeit seiner Plots. Großformatige Panels, in denen oft geschwiegen wird, unterstützen diesen Eindruck. Zudem nimmt sich der Italiener die Zeit, Anfang und Schluss mit einer jeweils nachdenklicheren Vater-Sohn-Passage zu bestücken, was die Bedeutung oder Nicht-Bedeutung des wechselseitigen Intermezzos im mittleren Teil schön umklammert und das Album zu einer runden Sache macht.
Manuele Fiors Seiten benötigen nur die beiden Farben Schwarz und Rot. Kräftige Pinselstriche umreißen seine Bilder lediglich grob, während rote Schraffuren quasi als Füllfarbe fungieren, die die Zeichnungen erst zum Leben erwecken. Auch diese gewohnheitsbedürftige Darstellung macht Ikarus zu einem spannenden Unterfangen. bv  
 

 
 
SUPREME POWER: NIGHTHAWK
nighthawk Panini Comics/Marvel Deutschland
J. Michael Straczynski hat zusammen mit Zeichner Gary Frank bei Marvel das Supreme-Power -Universum aufgebaut, welches der Justice League of America nachempfunden ist – wofür auch immer das gut sein soll.  In den ersten drei Sammelbänden, die mir richtig gut gefallen haben, ging es um Hyperions Geschichte, nun bekommt Nighthawk, der ähnlich Batman ein Millionär ohne wirkliche Superkräfte ist, einen eigenen Band. Unterschiede sind eigentlich nur in der Hautfarbe und der Tatsache, dass Nighthawk auch vor Mord nicht zurückschreckt, ersichtlich. Selbst sein Widersacher scheint einem bekannt vorzukommen, ein Clown erinnert doch unwillkürlich an den Joker. Aber wo der Joker charismatisch ist, da ist dieser Schurke ein unmotivierter Schluffi, der in seiner Ausdrucks- und Emotionslosigkeit fast schon Mitleid erregt. Auch die anderen Figuren inklusive Protagonist wirken blutleer (wohl, weil mitunter einiges an Blut fließt) und distanziert. Zur Komplettierung der Serie ist's kein herausgeworfenes Geld, aber eine wirklich packende Geschichte liest sich anders. fp 
 
 
STICKS & FINGERS
 Ehapa Comic Collection
Sieht aus wie ein klassisches Funny-Album aus dem frankobelgischen Raum, ist aber ein Comic von Jan Reiser, einem Deutschen. Das Merkwürdige ist dabei, dass Reiser nicht mal nur eben ein paar Elemente aus Spirou, Asterix usw. abguckt, sondern in fast allen Belangen mit eben jenen Klassikern mithalten kann. Allerdings darf und sollte man auch nicht zuviel von der Geschichte erwarten, diese bedient nämlich ausnahmslos das humoristische Genre, wobei Reiser dabei so konsequent vorgeht, dass man sich über das Ergebnis des Bandes nur positiv wundern kann. In Sticks & Fingers geht es um die beiden titelgebenden Freunde, die nach dem Bewältigen von allerlei Alltagsproblemchen unbedingt Sex, Drugs & Rock'n'Roll erleben wollen, also die große Bekanntheit ihrer neu gegründeten Band suchen. Stereotype werden ausnahmslos bedient, so gibt es neben den beiden Hauptcharakteren u.a. den Freund und Roadie mit schlichtem Gemüt, den schrulligen Manager mit Akzent und natürlich eine gut aussehende Frau, die auch irgendwie in die Band rutscht. Achja, selbstverständlich gibts auch so was wie den bösen Nebenbuhler der Geschichte, dem so richtig eins reingewürgt wird, bevor am Ende alle zusammen feiern können. Sticks & Fingers ist lustig, die Situationskomik zündet, der Handlungsbogen ist vorhersehbar aber gerade deswegen sehr ausgefeilt und passend für das Genre. Zudem wirken die Zeichnungen wohltuend detailverliebt und sind vor allem eins: lustig.
Da der Comic auch noch eine deutsche Eigenproduktion ist, verdient er nicht nur die Wertung „gut“ sondern obendrein „bemerkenswert“. bv
  

 
SCHIMÄRE #1
 Avant-Verlag 
Das auf drei Bände angelegte neueste Werk des Altmeisters Lorenzo Mattotti kann vermutlich als einer seiner undurchsichtigsten gelten. Mattotti, der durch abstrakte Comics wie Spartaco , Feuer oder Jekyll & Hyde bekannt ist, experimentiert in dieser beinahe sprachlosen Erzählung mit schwarzen Linien, die er zu Beginn schwungvoll in verschiedene ineinander übergehende Formen kreisen lässt, bevor sie sich zu stärkeren Verdichtungen tiefschwarz zusammenrotten. Schimäre erhielt vom italienischen Künstler lediglich einen kurzen Einleitungstext, den Rest überlässt Mattotti seiner grafischen Verspieltheit, die ein träumerisches Märchen eindrucksvoll einleitet. Schimäre ist ein ungewöhnlicher Comicband, der am ehesten über eine individuelle Interpretation, als subjektive Vision des Lesers verstanden werden kann. Zumindest wirkt es bislang so, mal sehen, wie die Geschichte weiter geht. Allein wegen der optischen Gestaltung kann man allerdings jetzt schon zugreifen. bv

  
 

WASTELAND #1
(US-Ausgabe)
wasteland Oni Press
Großes Kino, kann man da nur sagen zur neuen Serie Wasteland. In der ersten Ausgabe, einer 48-seitigen Doppelnummer, wird man eingeführt in eine Welt 100 Jahre nach der großen Flut. Eigentlich scheint alles schon mal dagewesen zu sein: ein mürrischer Einzelgänger, eine raue Welt in Endzeitstimmung, in der es nur ums Überleben geht, gefährliche Wesen, die kein Motiv brauchen, um anzugreifen,… Und doch macht dieser erste Band wahrlich Lust auf mehr. Die ersten Seiten kommen dabei noch etwas schleppend daher, dafür wird man aber bald entschädigt mit einer fesselnden Geschichte. Antony Johnston gelingt es, sehr schnell ungelöste Fragestellungen auftauchen zu lassen, über die man unbedingt mehr erfahren will. Sehr gut gefällt mir, dass man bei manchen Sachen nochmal zurückblättert und auf einmal Dinge wichtig sind, die man zuvor übersehen oder einfach nur zur Kenntnis genommen hat. Zu dem Comic gibt es noch eine Seite einer Kurzgeschichte, die in den Folgeausgaben fortgesetzt wird. Soweit ich das nach dem ersten Band beurteilen kann, könnte Wasteland ein ähnlich großes Ding wie The Walking Dead werden. Mal abwarten, wie es weitergeht. fp
 
 
MONIPODIO #3: UTOPIA
 Das italienische Independent-Magazin Monipodio legt seine dritte Ausgabe vor. Wiederum wurde dieser eine konzeptionelle Thematik zugrunde gelegt. Demnach behandeln gut ein Dutzend Künstler das Thema Utopia bzw. den, laut Verlagstext so schön betitelten, „rise and fall of utopian thinking“. Obwohl alle Beiträge in s/w erscheinen, bieten sie eine unheimliche Vielfalt. Besonders beeindruckend fand ich in dieser Hinsicht z.B.  die altertümliche Umsetzung des klasischen Abenteuercomics von Francesco Trifogli, die feinstrichige Soldatengeschichte von Marco Polenta und Andrea Riccadonna oder Matteo Cuccatos Anklang an stilistisches Familienleben a la Chris Ware. Auch positiv auffallend: Die utopischen Vorstellungen der Künstler werden in drei Kapitel unterteilt, die „past“, „present“ und „future“ lauten, sich also in der präsentierten Zeitebene unterscheiden. Monipodio 3 ist wieder mehr als lesenwert, und macht, dank der englischen Übersetzung, auch ohne ausreichende Kenntnisse der italienischen Sprache wenig Mühe und viel Spaß. Allerdings fand ich die Qualität der vorigen Ausgabe (Babel-Thema) im Durchschnitt dann doch besser. Trotzdem, ob Band 2 oder 3, zugreifen sollte man bei beiden. bv

www.monipodio.net
 

 
KULLA
 Schwarzer Turm
Ein Buch, das so süß ist, das es mich beinahe zu Tränen rührte (was zuletzt beim Lesen von Asterix 33 der Fall war, aber da war es eher vor Ungläubigkeit). Vorab: Kulla ist kein Comic, aber Anne Pätzke erzählt mithilfe von Bildern und Texten eine Geschichte und außerdem erscheint der Band beim Comicverlag Schwarzer Turm. Grund genug für mich, das Projekt hier etwas zu analysieren. Kulla, das ist eine Wohlfühl-Story mit dem gleichnamigen kleinen Häschen, das in einem von Menschen unberührten Wald lebt. Mit dabei: Feen, Mondfische und die lichterfreudigste Gesamtharmonie, die man sich unter Waldbewohnern nur vorstellen kann. Kulla stellt ein modernes Märchen über Freundschaft, Wünsche, Miteinander dar, das zauberhaft von der Künstlerin inszeniert wurde. Die Ausdruckskraft ihrer perfekten, auf Leinwand gemalten Acrylbilder zieht den Betrachter unweigerlich in ihren Bann. Möchte man zuerst annehmen, ein Kinderbuch vor sich zu haben, ist Kulla in Wahrheit für alle Altersklassen ein Augenschmaus und ein magisches Märchen von einer grundoptimistischen Vorstellung der Neudefinierung unserer Werte. Die Atmosphäre einer besseren Welt auf Papier gebannt, ein wunderhübsches Buch. Kulla 2, ich warte schon! bv

  

 
 
ROCCO VARGAS: DIE BALLADE VON DRY MARTINI
 Edition 52
Auch dieses, vielleicht letzte Album der Serie Rocco Vargas wirft Fragen auf. Wie ist die titelgebende Figur konkret zu definieren, bzw. welche Rolle spielt er in Torres' verworrenen Erzählungen? Eben jene Geschichten über Moral und gesellschaftliche Werte in einer technisierten Zukunftswelt sind es, die die Serie prägen. Insofern ist nicht Rocco Vargas, sondern die Handlung an sich der Star. In Die Ballade von Dry Martini thematisiert Torres weiterhin konsequent den Disput über Besitzansprüche und Rechte der künstlichen Lebensformen, der Biomecs. Der Spanier behält es sich dabei bewusst vor, das Ende so offen wie möglich zu gestalten. Die Wirkung hallt beim Leser, der sich schon allein wegen Torres unklarem, fast passivem Erzählstil Gedanken machen muss, einige Zeit nach. Dem Anspruch, moralische Verwürfnisse einerseits der Bevölkerung, andererseits des Helden (?) nicht mit dem Holzhammer zu vermitteln, sondern auf kompliziertem Umwege mittels einer schwerpunktmäßig wissenschaftlichen Science-Fiction-Story, kommt diese Albenreihe auch im achten Band nach. Daniel Torres gelingt es, seine Zukunftsvision wie klassischen, fast altmodischen Stoff wirken zu lassen und sich mit stilistischer Klarlinigkeit eine besondere Einzigartigkeit auf dem Comicmarkt zu sichern, eine zeitlose Inszenierung. bv
 
 
X-MEN SONDERHEFT #6: GENERATION M 
 Panini Comics/Marvel Deutschland
Nach den Ereignissen im Crossover House of M werden die Nachwehen jenes Events wiederum unter dem Titel Decimation präsentiert, der sich durch einige Reihen und Miniserien der Marvel-Mutanten zieht. Generation M von Paul Jenkins ist so eine Miniserie und sie ist überraschend gut. Natürlich ist es schwer, Worte über den Inhalt zu verlieren ohne zuviel aus dem zugrunde liegenden House of M zu spoilern. Also zumindest so viel: Millionen Mutanten aus aller Welt stehen plötzlich vor dem Scherbenhaufen ihrer Existenz. Paul Jenkins benutzt ein bereits bekanntes Konzept, um deren Probleme und Stand innerhalb der Gesellschaft zu porträtieren, denn mit der Journalistin Sally Floyd, die eine Kolumne über Mutanten schreibt, erinnert der Comic stark an Brian Bendis' The Pulse. Interessant ist auch, dass seine Geschichte fast ohne die bekannten X-Men auskommt, dafür sehr ernüchternd und einfühlsam zugleich die alten Charaktere des Teams Generation X zu Grabe führt (bildlich gesprochen). Und der riesige Pluspunkt: Der Plot ist nahezu komplett unabhängig zu lesen, so dass auch im X-Universum nicht so bewanderte in dieses großartige und im Verhältnis sehr günstige Heft reinschnuppern können. Minuspunkt: Die gezwungene Nebenhandlung um den Mutantenmörder und der dann doch unvermeintliche Auftritt von Wolverine und Kollegen. Ansonsten schrieb Paul Jenkins hier viel Besseres als das, was so durchschnittlich bei Marvel erscheint. bv
 

 
 
Bildquellen: comiccombo.de, onipress.com, monipodio.net

Love as a Foreign Language 1

lasfl1 Der Eidalon-Verlag hat vor kurzem sein Programm aufgesplittet – Manga für das jüngere Publikum erscheinen weiterhin dort, während die „anspruchsvolleren“ Comics wie Queen & Country oder Courtney Crumrin nun durch das Unterlabel Modern Tales verlegt werden. Und obwohl Love as a Foreign Language vom Zeichenstil sehr asiatisch angehaucht ist, hat es im Programm des neuen Verlags durchaus seine Berechtigung.

Ich gestehe: der kitschige Titel der Serie sowie das Cover hätten mich nie dazu veranlasst, diesen Band zu kaufen. Da wäre mir allerdings eine der angenehmsten Comicüberraschungen entgangen, die das Jahr bisher zu bieten hatte.

Der junge Kanadier Joel arbeitet als Englischlehrer in Korea. Er weiß allerdings nicht wirklich warum, denn er fühlt sich unglaublich unwohl in diesem Land. Er versteht kaum etwas von dem, was die Leute dort sagen bzw. machen, an das Essen will er sich nicht unbedingt gewöhnen und seine sechsbeinigen Zimmergenossen sagen ihm auch nicht so richtig zu. Seine einzigen Bezugspersonen sind seine Kollegen in dem Fremdspracheninstitut – ein etwas anstrengender amerikanischer Koreaner und eine Engländerin.  
Und so hadert Joel mit seiner Situation und vergeht fast vor Heimweh und Selbstmitleid.
Bis er in einem Restaurant zufällig Hana kennen lernt, die sich ein wenig später als neue Sekretärin des Fremdspracheninstituts entpuppt. Auf einmal kann Joel Korea doch etwas Positives abgewinnen. Die Vertragsverlängerung, die ihm sein Chef vor kurzem angeboten und die er im Geist bereits abgelehnt hatte, bekommt einen unerwarteten Beigeschmack…

Autor J. Torres und Zeichner Eric Kim, beides Kanadier, harmonieren hervorragend. Kims Zeichenstil wirkt, auch durch die Verwendung von Rasterfolie, asiatisch angehaucht, hat aber einen sehr lockeren und trotzdem ausdrucksstarken, eigenständigen Stil. Mimik und Gestik beherrscht er problemlos, und mitunter bietet er wunderbare filmische Einstellungen. Torres packt in seine Geschichte von Komödie über Liebesgeschichte bis hin zur Auseinandersetzung mit der Einsamkeit alles rein, trotzdem wirkt sie nie überladen. Mühelos behält er die Balance und zieht den Leser mit in seine Welt, lässt ihn mitleiden und mitlachen.
Er traut sich sogar, einen unerwarteten Cliffhanger zu bringen. Seien wir gespannt auf Band 2!

Eine beim ersten Durchblättern scheins oberflächliche, lockerflockige Geschichte, die beim Anlesen schnell mehr Tiefe zeigt und ihre Stärken präsentiert: elegant, komisch, unaufdringlich und doch mitreißend.

Mit dieser sympathischen Serie beweist eidalon/Modern Tales wiederum ein gutes Händchen bei der Auswahl ihrer Comics.
Absolute Kaufempfehlung!

Eine Leseprobe (zwölf Seiten online bzw. 31 (!) Seiten als PDF zum Runterladen) findet Ihr übrigens hier bei uns.

Love as a Foreign Language 1
Modern Tales
Text: J. Torres
Zeichnungen: Eric Kim
136 Seiten; Softcover, s/w; 11,90 Euro
ISBN: 3936686963

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links

Website von J. Torres

Website von Eric Kim

Battle Academy – ein Webcomic von Eric Kim

Homepage von Modern Tales


1602 – Die neue Welt

1602neueweltNeil Gaiman ist ein hervorragender Geschichtenerzähler. Mit »1602 – Die neue Welt« tritt Greg Pak nun in seine Fußstapfen. Die neue farbenfrohe Miniserie von Marvel verpufft jedoch. Was da Siedler, Superhelden und Dinos im frühneuzeitlichen Roanoke so treiben, lässt den Leser kalt.  

Entgegen der Gewohnheit, dass im Superhelden-Universum alles immer gigantischer, bunter und ausgeflippter werden muss, schaltet Marvel mit »1602« einen Gang zurück. Das Leserauge freut sich über Abwechslung. Statt Hochhausschluchten oder Raumstationen dient die junge Siedlung Roanoke als Hauptort der Handlung. Eine kleine Anzahl Hütten, ein paar Siedler im besten Pilgrim-Look und ein paar Indianer – fertig ist das Setting von »1602«.

Nun gut, ganz so einfach ist es nicht. Es fehlen schließlich noch die Superhelden. Die grundsätzliche Idee von »1602« folgt dem inzwischen altbekannten Motto »Alte Helden in neuem Gewand«.
Die Idee ist ganz erfrischend, Spider-Man, Hulk und Ironman in die frühe Neuzeit zu versetzen, als Amerika noch Kolonie war, als noch niemand den Dollar kannte und als die ersten Stars-and-Stripes noch genäht werden mussten.

Erfinder dieses Paralleluniversums war Neil Gaiman (Sandman, Die Bücher der Magie), seines Zeichens begnadeter Comicautor und Schriftsteller. In einer achtteiligen Miniserie (100% Marvel 4 und 6) erzählte er die Geschichte, wie Captain America an den Anfang des 17. Jahrhunderts geschleudert wurde und die Realität veränderte. Durch seinen Zeitsprung schuf er eine neue Zeitlinie: Colonization goes Superhero. Ach ja, und die Dinosaurier leben noch.

Mit »1602 – Die neue Welt« hat Gaiman bestenfalls noch soweit zu tun, dass er die Weichen für das neue Marvel-Universum gestellt hat. Was Greg Pak und Greg Tocchini mit ihrer fünfteiligen Fortsetzung geschaffen haben, ist nur noch mäßig unterhaltsam. Irgendwie beschleicht den routinierten Comicleser das Gefühl, einem Produkt aus der Retorte gegenüber zu stehen. Da wird ein Eingangskonflikt angerissen, der am Ende aufgelöst wird. Da werden verschiedene Nebenfiguren eingeführt, und einer nach dem anderen entdeckt seine übernatürlichen Kräfte. Schließlich kommt es zu einem großartigen Zusammenstoß zwischen den Engländern und den Indianern, einem Showdown mit viel Feuerwerk. Die Superhelden geben ihr Bestes, und am Ende bekommt sogar noch der fiese König James im fernen England auf die Mütze.

»1602 – Die neue Welt« leidet daran, dass es den Leser bis zur letzten Seite darüber im Unklaren lässt, wohin die Geschichte eigentlich will. Es fällt schwer, einen Hauptprotagonisten auszumachen. Ständig springt das Auge hin und her, ohne zu wissen, was es eigentlich suchen soll. Die frühe Neuzeit dient dabei als Lokalkolorit, nicht mehr. Was nach dem Lesen übrig bleibt ist das vage Gefühl, dass Autor Greg Pak selbst nicht genau wusste, was er eigentlich mitteilen wollte. Und wer nichts zu sagen hat, sollte besser schweigen.

1602 – Die neue Welt (100% Marvel 23)
Panini
Text: Greg Pak
Zeichnungen: Greg Tocchini
132 Seiten, Softcover, farbig; 16,95 Euro

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