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Der Kri-Ticker #61

Diesmal mit dabei: Der alltägliche Kampf 3: Kostbarkeiten, Die Saga vom Dunkelelf 2: Exil, Die kleinen Mutterficker 5: Life @ St. Qentin, Tomb Raider: The greatest treasure of all, Marvel Exklusiv 62: Daredevil – Black Widow , Der Zauberer von Oz, Mister i , Samurai: Heaven & Earth (US), Oldboy 1 (US), Damn Nation (US)

Besprochen von Frauke Pfeiffer (fp), Bastian Richelshagen (br), Benjamin Vogt (bv) und Björn Wederhake (bw).

DER ALLTÄGLICHE KAMPF 3: KOSTBARKEITEN
alltaeglicher-kampf3Reprodukt
Manu Larcenet  hat mit Der Alltägliche Kampf eine wunderbare Serie um den Fotografen Marco geschaffen, der sich durch allerlei Irrungen und Wirrungen des Alltags kämpfen muss. Im dritten Band versuchen er und seine Familie, den Selbstmord des Vaters zu verarbeiten. Seine Mutter will alles Materielle, was mit ihm in Zusammenhang stand, entsorgen, sein Bruder lässt niemanden an sich ran, und Marco macht das Tagebuch seines Vaters zu schaffen, das anscheinend nur Banalitäten zu bieten hat – selbst die Geburt seiner beiden Söhne erwähnt er darin mit keiner Silbe. Dazu kommt noch der Kinderwunsch seiner Freundin Emilie, die ihn vor die Wahl stellt – entweder entscheidet er sich für ein Kind, oder sie ist weg. Aber auch Positives gibt es zu berichten: Marcos Fotografien über die alte Werft, in der sein Vater gearbeitet hat, sollen in einem Kunstband veröffentlicht werden …
Der knuffige, reduzierte Zeichenstil darf nicht zu der Annahme verführen, dass diese Reihe ein Funny sei. Sauber seziert Larcenet, was das Leben an Hochs und Tiefs mit sich bringen kann, ohne seine Protagonisten vorzuführen. Der Leser fühlt sich den Figuren verbunden, aber trotz aller Schwere schafft es der Autor immer wieder durch Marcos und Emilies sarkastische Art, ihm genügend Abstand zu gewähren.
Eine famose, zudem handgeletterte Serie, die einem gerade durch die unaufdringlichen, kleinen Wahrheiten sehr nahe geht. fp

 

 

VERGESSENE REICHE – DIE SAGA VOM DUNKELELF 2: EXIL dunkelelf2
Panini

Die Figur des Dunkelelfen Drizzt Do'Urden ist eigentlich der Rollenspiele von Dungeons & Dragons, genauer der Fantasie von R.A. Salvatore, entsprungen. Sie wurde so beliebt, dass es mittlerweile Bücher und sogar eine Comicreihe über den Abtrünnigen ist.
In der Fortsetzung des 1. Bandes (“Heimatland“), in dem sich Drizzt trotz sorgfältiger Erziehung durch seine Mutter und Schwestern nicht zu einem skrupellosen Mitglied ihres Clans formen ließ, dreht sich alles um sein Überleben in den dunklen Höhlensystemen, die er seit seiner Flucht ohne den Schutz seiner Familie durchwandert. Als Begleitung dient ihm nur der magische Panther Guenhwyvar, den (oder besser gesagt: die) er im 1. Band aus dem Bann ihres Schöpfers befreien konnte. Im Laufe der Geschichte erlangt er die Freundschaft des Zwergen, dem er im 1. Band das Leben gerettet hat. Während ihrer Reise gelangen sie in die Fänge eines merkwürdigen Volkes, das anderen ihren Willen aufdrücken und sie zugrunde richten kann – eine erstaunliche Analogie zum 1. Band der neuen Conan-Serie, die etwa zeitgleich erschien. Dummerweise tut dieser Vergleich der Dunkelelfengeschichte nicht gut. Während bei Conan das Verhalten des fremden Volkes hinterfragt wird, dient es hier nur als Aufhänger für eine Schlachtplatte und offenbart die doch recht oberflächliche Handlung des 2. Bandes.
Für die ordentlichen Zeichnungen zeichnet sich, wie auch schon im 1. Band, komplett Tim Seeley verantwortlich, was sehr lobenswert ist. Die Panini-Aufmachung ist, wie eigentlich immer bei den Trades, sehr gut. Insgesamt also solide Unterhaltung für Rollenspielfans; wer es von der Handlung etwas solider haben und trotzdem beim Fantasy-Genre bleiben möchte, sollte den o.a. Conan-Band, ebenfalls von Panini, ausprobieren. fp
 

 

DIE KLEINEN MUTTERFICKER 5: LIFE @ ST. QUENTIN
mufi5Zwerchfell
Die kleinen Mutterficker, liebevoll Mufis abgekürzt, wurden von den Dinter-Brüdern Stefan, Matthias und Jan für die Zeitschrift YAM! entwickelt und laufen dort als Stripserie unter dem Namen „Hangin' out“. Nach zwei Jahren Pause ist nun endlich der 5. Band mit dem Gangster-Wannabes Kevin, Heiko und Dennis aus Stuttgart-Heslach (“weiße Mittelstandkids aus'm Ghetto, was für'n Witz…“ – wer kann sich noch dran erinnern?) erschienen, und zwar mit einer durchgehenden Geschichte. Die drei Jungs wurden beim (versuchten) Besprühen einer Wand erwischt und sind nun stolz wie Oskar, gangstamäßig in den Knast zu wandern. Dummerweise geht's aber nur für drei Wochen auf den Jugendhof Sankt Quentin, so ganz ohne Handschellen, dafür mit eigenem Sozialarbeiter. Eine Schande. Aufregend wird's dann doch noch, als sich das scheinbar harmlose Personal als fiese Bootlegger herausstellt, die sämtliche Hippeldihopp-Musik zerstören könnten. Zum Glück sind die Ischen Impossible, eine real existierende Combo, auf Benefiztour durch die schwäbischen Jugendbesserungsanstalten. Gemeinsam versuchen sie, die Bösewichter zu stoppen… In einer zweiten, kürzeren Geschichte erfahren wir, wie Lilith (eigentlich Geli), die Goth-Schwester von Heiko, unterdessen versucht, mit ein paar Freunden dunklen Geschöpfen ihren kleinen Bruder zu befreien (damit sie ihn, wie bereits ausgemacht, zur Walpurgisnacht opfern können). Natürlich klappt das auch alles nicht wirklich wie geplant.
Es gibt wohl kaum eine Veröffentlichung, die derart extrem und treffend Jugendkulturen karikiert; sei es in ihrer Sprache (“Dein Plan saugt tiefe Kehle!“), ihren Wertevorstellungen oder ihrem Mitläufertum. Aufgrund ihre völligen Abstrusität wirkt die Knast-Geschichte mitunter etwas zäh, was aber ausgeglichen wird durch die scheins unendliche Vielfalt an kleinen Gags und Insiderwitzen, die es in fast jedem Panel zu entdecken gilt. Liliths Part ist da schon etwas zügiger unterwegs (Messieurs Dintères et Monsieur Clavél, welche wunderbare Aquarellzeichnungen Ihr da zwischengeschoben habt!). Wie auch schon bei Der Kosmopolit gibt es noch eine CD, natürlich von Ischen Impossible (drei Stücke, davon zwei exklusiv, sowie ein Video) dazu. Die CD würde übrigens falsch bedruckt mit „not to be sold seperately“, was korrekt „separately“ heißen müsste. Selbstironisch wurde diese Tatsache dann direkt in dem Neudruck (der zusätzlich Liliths Geschichte enthält) verwurstet. Daumen hoch! Aber, Jungs, dann müsstet Ihr das nächste Mal auch noch Euer „writed, drawed,… by the Dinter Bros“ und „who also done drawed the poster thing“ mit reinnehmen – ich alter Streber, ich.
Ein insgesamt sehr liebevoll gemachter Comic, bei dem einem der Spaß, den die Jungs beim Zusammenstellen hatten, auf jeder Seite entgegenkommt und in dem man auch beim dritten Durchblättern noch neue, und vor allem gute, Seitenhiebe entdeckt! fp

Die kleinen Mutterficker bei Zwerchfell bestellen

 

 

TOMB RAIDER: THE GREATEST TREASURE OF ALL
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Ich gebe zu, von diesem Comic habe ich nicht viel erwartet. Allerdings hat mich das Heft in meiner Erwartungshaltung getäuscht. Wenn ich an frühere Tomb-Raider-Comics denke, dann hatten die ein einfaches Handlungsschema: Lara Croft will ein bestimmtes Artefakt haben und muss dafür bestimmte Situation ertragen, bei der zufällig die Kleidung zerreißt/nass wird/verschwindet. Fazit aus diesen abenteuerlichen Erlebnissen war, dass man erkannt hatte, dass Lara wohl einen hohen Verschleiß an Kleidung haben musste und in einem Softporno auch gut aufgehoben wäre. Jetzt bin ich also doch noch zu einem Kritikpunkt gekommen. Aber als ich am Kiosk dieses Tomb-Raider-Heft aufschlug, wurden meine Augen ziemlich groß, denn ich hatte gedacht, dies sei ein Fotoroman. In einem Splashpanel springt mich ein geifernder Tiger an, zusammen mit Lara, die ein Messer in meine Richtung hält und die klare Botschaft verlauten lässt: „Töte!“ Für dieses Riesenbild brauchte ich nicht mal eine 3-D-Brille, denn es war so realistisch, dass ich zu Anfang wirklich zusammengezuckt bin. Und hier fiel meine Kaufentscheidung.
Das Schöne ist, dass dieser Realismus den ganzen Comic durch weiterverfolgt wird. Jedes Panel wirkt wie ein gemaltes Bild. Man könnte bemängeln, dass gerade dieser realistische Stil das Tempo des Comics herunterschraubt, aber dem Zeichner ist die Balance zwischen realistischer Präzision und Bild-Erzählung gut gelungen. Ganz ohne die typische Lara-Croft-Oberweite und die üblichen Posereien kommt zwar dieses Werk auch nicht aus, aber hier fallen diese Szenen nicht zu sehr ins Gewicht, weil die Zeichnungen so detailliert und realistisch sind.
Die Story ist zwar eine typische Lara-sucht-Schatz-Handlung, weiß aber durch verschiedene Zeitebenen und eine schöne Erzählstruktur zu überzeugen. So sind zahlreiche Flashbacks gelungen eingesetzt. Die Geschichte ist trotzdem relativ simpel, hat aber eine sehr überraschende und witzige Wendung. Auch witzig ist der Assistent von Lara, der sich immer wieder darum bemüht, Laras Herz zu erobern, aber meist zurückgewiesen wird. Einen Augenschmaus und Unterhaltung für zwischendurch bietet dieses Heft auf jeden Fall. Pluspunkte gibt es für das Zusatzmaterial, dem Making Of des Comics, indem gut gezeigt wird, wie der Zeichner Joe Jusko bei diesem Comic vorgegangen ist. Alles in allem lohnt sich die Investition in diesen Band, der mal eine angenehme Abwechslung ist zu den vorherigen Tomb-Raiderheften. P.S.: Ja, ich habe mir den Band ganz anders vorgestellt. br

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MARVEL EXKLUSIV 62: DAREDEVIL – BLACK WIDOW marvel-exklusiv62
Panini

Ein schön düsteres Cover mit einer etwas aufreizenden Black Widow glänzt mir entgegen und ich greife zu. Marvel Exklusiv widmet sich schon länger dem Mann ohne Furcht und zurecht: Was da passiert, ist ziemlich spannend. Matt Murdock, blinder Anwalt, ist nachts ein rotgehörnter Superheld, der in Hell's Kitchen superheldentypische Dinge erledigt. Seit längerem nicht mehr ganz: Daredevil hat den Kingpin besiegt und übernimmt das Viertel. Und seine Geheimidentität ist aufgeflogen. Matt Murdock hat alle Hände damit voll zu tun, sein Viertel zu regieren und seine zwei Identitäten klar voneinander abzutrennen. Die Schwarze Witwe hat ein paar kleinere Probleme, sie soll einfach nur einen Einsatz abbrechen. Sie merkt aber, dass an diesem Einsatzabbruch durch Nick Fury was faul ist, und versteckt sich bei Matt Murdock. Im Zentrum dieses Comics stehen viele Dinge: Alte Liebe, Beziehungen, Politik, Geheimidentitäten, Macht und vieles mehr, welche sich sich aber nicht im Weg stehen, sondern von Brian Michael Bendis gut eingebaut werden.  Der Comic ist sehr düster gehalten, die Farben von Matt Holingsworth und der Strich von Alex Maleev ergänzen sich hervorragend. Durch die vielen Schatten taucht man leicht in die dunkle Welt von Hell's Kitchen ein. Einzig die Wortlastigkeit in manchen Panels stört ein wenig den Lesefluss, diese aber werden wiederum durch längere stille Actionsequenzen wieder aufgefangen, in denen die Spannung im Vordergrund steht. Die weiteren Geschichten im Band drehen sich hauptsächlich um die Veränderung in Daredevils Leben. Von den Bildern herausragend ist die Geschichte aus der Sicht von Spider-Man, in der sehr realistisch gemalte Zeichnungen den Gedankenmonolog des Spinnenhelden untermalen. Desweiteren trifft Matt auf Captain America, Dr. Strange und den Punisher. Letztere Begegnung schwächelt ein wenig, weil sie einfach nur dazu dient, dass beide sich kurz mal bekämpfen.
Alles in allem lohnt sich aber der Kauf dieses Marvel Exklusivbandes, denn die Geschichten um die neuesten Ereignisse in Hell's Kitchen sind sowohl realistisch geschrieben als auch gezeichnet. Ein „Who is Who“ der beiden Hauptfiguren und die Coversammlung runden das Bild eines mit Liebe gemachten Comics ab. Kaufen! br

DER ZAUBERER VON OZ
zauberer_ozEhapa Comic Collection
Die Geschichte an sich mag wohl fast jeder kennen, diese neue Comicadaption des Klassikers „Der Zauberer von Oz“ ist jedoch neu. Bezaubernd wirkt das Märchen um die kleine Dorothy im wundersamen fremden Land auch hier erneut. Mit Hilfe der Kreativen David Chauvel und Enrique Fernandez gelang es, Dorothys abenteuerliche Suche nach dem weisen Zauberer beeindruckend in Comicform zu inszenieren. In optischer Hinsicht wirken Fernandez' Zeichnungen zwar zuerst zu überspitzt, vor allem was die Proportionen der Figuren anbelangt, schlussendlich ziehen sie jedoch, ganz märchen-like, den Leser in den Bann. Die Kolorierung ist 1a gelungen und passt sich hervorragend der mit sonderbaren Wesen bevölkerten Welt an. Anfangs war ich ja zugegebenermaßen skeptisch, was das Kleinbandformat der Ehapa-Ausgabe angeht. Wird die expressive Geschichte der französisch-spanischen Kombo damit nicht zu komprimiert dargestellt? Eigentlich nicht. Was bei Ehapas „Grimms Märchen „ funktionierte, klappt auch hier. Das Format unterstützt vielmehr sogar noch die kindlich-malerische Atmosphäre des Bandes. bv

 

 

MISTER I
mister_iReprodukt
Ein Phänomen, dieser Trondheim. Auf 48 Seiten lässt er sein kleines, strichförmiges Figürchen (Mister I) in klitzekleinen Panels 48 mal durch abstruse und/oder sich immer wieder kehrende zufällige Situationen voll gegen die sprichwörtliche Wand laufen. Mister I hat nämlich in vorderster Front erstmal eins: Hunger. Demnach ziehen ihn sorglos aufs Fensterbrett gestellte Kuchen magisch an oder er versucht Fische, Vögel oder Beeren zu ergaunern. Doch Trondheim, sein geistiger Vater, lässt das Pech an seinen Schuhen nur so kleben, weshalb auch noch so jeder spontane Plan des Mister I ihn letztlich doch nur in eine verfängliche Lage bringt. Nach Mister O (auch bei Reprodukt erschienen) liegt Trondheim also endlich die Geschichten seines Pendants vor. So simpel die völlig aufs Minimum reduzierten Zeichnungen auch erscheinen, so unfassbar viel Ausdruck lässt Trondheim doch mit einfließen. Und obwohl man am Ende jeder einzelnen Seite bereits weiß, was passiert und die Variation somit einzig und allein im „Wie?“ liegt, musste ich mal wieder so viel schmunzeln. wie das eigentlich nur beim Franzosen der Fall sein kann. Ein genial minimalistisches Werk. bv

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SAMURAI: HEAVEN & EARTH (US)samurai_he
Dark Horse

Mein erster Gedanke bei diesem Comic war: Ron Marz schreibt Comics? Also: Eigene Comics? Irgendwie hatte ich den Mann immer nur als einen dieser Superheldenautoren auf dem Radar, die solide Auftragsarbeiten erledigen, aber sonst wenig tun. Ein bisschen wie Chuck Dixon oder Dan Jurgens. Ein kompetenter, aber unauffälliger Autor. Samurai unterstreicht dieses Gefühl. Wer sich für Samurai und den fernen Osten oder Musketiere und das absolutistische Frankreich des 17. Jahrhunderts interessiert, der kann dieser Geschichte über einen Samurai, der seine entführte Geliebte sucht, mal angucken. Wer sich für Samurai und den fernen Osten oder Musketiere und das absolutistische Frankreich des 17. Jahrhunderts interessiert, aber sich Samurai nicht anguckt, der verpasst allerdings auch nicht wirklich viel. Luke Ross Zeichnungen sind zwar sehr nett, um Orte wie das frühneuzeitliche Frankreich, Japan oder China sehr hübsch in Szene zu setzen, aber wenn es gilt, die Dramatik eines Schwertkampfes einzufangen, wirken sie übermäßig hölzern. Alles in allem ein kompetenter, aber in jeder Hinsicht unspektakulärer Comic. bw

OLDBOY 1 (US)
oldboy1Dark Horse
Der erste Band von Oldboy (auf dem der gleichnamige koreanische Film basiert) ist eine klassische Einleitung. Die Figuren werden in Stellung gebracht, Ereignisse werden angedeutet und die Hintergrundgeschichte (ein Mann wird zehn Jahre seines Lebens in einem kleinen Raum eingesperrt und versucht nun herauszufinden, wer ihm das warum angetan hat) wird in groben Zügen skizziert, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Wirklich dramatische Ereignisse finden noch nicht statt. So weit wie Einleitungen allerdings gehen, macht Oldboy seine Sache allerdings ziemlich gut. Die Geschichte hat bisher einen netten Fluss, die Grundprämisse ist spannend und der Zeichenstil ist sauber und detailliert. Besonders gefallen hat mir dabei der Umstand, dass Kleinigkeiten, die sonst zwischen zwei Panels geschehen würden (z.B. Schuhe werden vor die Tür gestellt) oder einzelne Details der Umgebung (ein Heizstrahler, eine Blume), mit eigenen Panels bedacht werden. Das ist eine sehr dezente Art um daran zu erinnern, dass der Protagonist zum ersten Mal seit 10 Jahren außerhalb des engen Raums ist und darum jedes noch so kleine Detail für ihn Relevanz gewinnt. Seinen Job als Einleitung, nämlich mich dazu zu motivieren auch den nächsten Band zu kaufen, erfüllt Oldboy voll und ganz. bw

DAMN NATION (US)damn_nation
Dark Horse

Damn Nation ist wie einer dieser Zombiefilme, die offiziell keine „richtigen“ Zombiefilme sein wollen. So wie 28 Days Later. Was ein ziemlich guter Vergleich ist, da die Zombies, die hier die USA überlaufen haben, auch das Tageslicht fürchten. Da diese Idee aber schon in 28 Days Later nicht sonderlich neu war (man vergleiche das zum Beispiel mit The Omega Man), möchte ich hier Autor Andrew Cosby keinen direkten Ideendiebstahl unterstellen. Und, ähnlich wie 28 Days Later, bedient sich Damn Nation freigiebig bei dem, was das Genre so hergibt, ohne wirlich Neues hinzuzufügen. Die Story, die Charaktere, der Ablauf der Ereignisse: Das alles hat man so oder so ähnlich schon mal gesehen. Gerade bei den Protagonisten würde man sich dabei sogar wünschen, dass sich Cosby mehr Zeit nehmen würde, um sie uns zu präsentieren. Die Hauptfigur ist halbwegs ausgearbeitet, drei weitere Personen sind erkennbare Archetypen, die restlichen Menschen zwischen den Zombiehorden bleiben leere Flächen. Was es extrem schwierig macht, diesen Leuten gegenüber Mitgefühl zu entwickeln, wenn es mit ihnen ein schreckliches Ende nimmt.
That being said: Damn Nation mag kein sonderlich kreativer Zombiecomic sein, aber das, was er tut, macht er gut. Die größte Stärke ist dabei eindeutig J. Alexanders (u.a. Queen & Country: Operation Blackwall) Artwork. Sein abendliches Miami mit dem rot-orangen Himmel sieht schon ungeheuer apokalyptisch aus, bevor die Zombiepest einsetzt; und auch nach deren Beginn schafft es Alexander immer wieder, sehr hübsche Panels einzubauen, die die USA als gottverlassenes Ödland zeigen. Nur am Ende hatte ich einmal das Problem, dass ich nicht erkannte, dass eine Figur als Zombie zurückgekehrt war. Das merkte ich erst, als die Hauptperson dem Zombie ein „This time, you stay dead“, zurief … Bei der Story merkt man zwar, dass sie aus unzähligen anderen Horror- und Science-Fiction-Geschichten zusammengesetzt ist, angenehm lesen lässt sie sich aber trotzdem. Einfach weil sich diese Art von Geschichte inzwischen bewährt hat. Ein typischer Fall von „besser gut geklaut als schlecht selbst gemacht“. Damn Nation stellt ganz bestimmt keine Revolution im Zombie-Bereich dar, aber wer eine kurze und äußerst stimmungsvolle Genregeschichte sucht, der kann ohne zu zögern zugreifen. Womit wir dann schon wieder einen Vergleich mit 28 Days Later hätten. bw

Bildquellen:comiccombo.de, zwerchfell.de, ehapa-comic-collection.de, darkhorse.com

Old News from the New World – Eine lang überfällige Berichterstattung über das SPACE 2005

Verweilen wir zunächst einen kurzen Augenblick bei der Überschrift. Dort lässt sich die Information entnehmen, dass es sich bei diesem Artikel scheinbar um eine Neuigkeit handelt. Während unsere Englisch sprechenden Freunde automatisch bei „news“ von etwas Neuem, also etwas Aktuellem, ausgehen, bezeichnet man in Deutschland solche Informationen ganz simpel als „die Nachrichten“. Diese werden täglich in Form der Tagesschau ausgestrahlt. Obwohl also nur im Englischen der Aktualitätsgrad der Nachrichten durch ihren Namen selbst festgelegt ist, geht man natürlich auch in Deutschland davon aus, wenn man um 20.00 Uhr die Tagesschau einschaltet, dass man etwas Neues präsentiert bekommt. Was ich euch hier zu lesen gebe sind zwar Nachrichten, aber eben nicht wirklich neue.

Vielmehr handelt es sich, wie bereits im Titel geklärt, um alte Nachrichten aus der neuen Welt. Obwohl ich live und vor Ort beim SPACE 2005 in Columbus, Ohio gewesen bin, war ich leider nicht in der Lage, diese Geschichte als Neuigkeit zu präsentieren, da ich das ganze letzte Jahr damit beschäftigt war, zwecks meiner Magisterarbeit mir Gedanken über Dave Sims magnus opus Cerebus zu machen. Deshalb ist dieser Bericht sozusagen in Retrovision geschrieben – gestützt nur durch mein Gedächtnis, einige Notizen und meine Digitalbilder. Dann kann ich nur noch hoffen, dass ihr nach dieser langen Vorrede noch bei mir seid und mit mir die Geschichte des SPACE 2005 in Columbus, Ohio verfolgt.

Meine Reise begann leider nicht im nicht so hübschen Columbus, der Hauptstadt von Ohio, sondern in der noch weniger hübschen Stadt Detroit. Dort absolvierte ich in neun Monaten zwei Auslandssemester. Eine Entfernung von ungefähr 520 amerikanischen Meilen und somit eine Dauer von ungefähr 4 Stunden mussten überbrückt werden, um an der Comickonferenz teilnehmen zu können: ein Road Trip also. Während sich in amerikanischen Teenie-Filmen eine solche Fahrt immer als Abenteuer darstellt, verlief meine Fahrt eher unspannend: Zunächst musste ich in etwa 107 Meilen auf der I-75 Richtung Toledo fahren. Eine wunderschöne Strecke, wenn man ein Herz für die amerikanische Autoindustrie und schlechte Strassen hat. Raus beim EXIT 156 auf die US-23 nach Kenton und dann auf US-23-S. Nach etwa 66 Meilen bog in auf die I-270 East ab… Ich muss diese Beschreibung hier wohl nicht weiter ausführen, da Ihr Euch den Rest meiner spannenden Reise sicher vorstellen könnt.


Aber auch die Ankunft beim Holiday Inn in Columbus, in dem das SPACE statt fand, erinnerte nur sehr entfernt an das atemberaubende Finale eines Teenagerfilms: ein staubiger Parkplatz, halb gefüllt, bot eine Szenerie der Traurigkeit, in der ein 30 Stockwerke hoher Betonkoloss herrschte. Die Menschen, die aus ihren SUVs, Pick-Ups und anderen amerikanischen Wagen stiegen, sahen sichtlich erfreut aus, endlich hier zu sein, hier in der Mitte Amerikas. Wahrscheinlich war das nur die Freude sich nun in einem Rausch von Comics zu betäuben. Obwohl ich dabei nicht ganz Unrecht hatte, handelte es sich doch bei den meisten Reisenden nicht um Comicfans, sondern um die Künstler selbst, was sich ja nicht gegenseitig ausschließt. Denn im Vergleich zu anderen amerikanischen Comickonferenzen und deutschen Comicfestivals präsentiert sich das SPACE als eine kleine geschlossene Gesellschaft im Heartland von Amerika. Gleich beim Eintreten merkte ich, dass ich nach nur sieben Monaten in Detroit auch schon Teil dieser Gemeinschaft war, denn dort begrüßte man mich mit Handschlag. Dan Merritt, der Inhaber des Nummer-eins-Comicladens in Detroit, Green Brain Comics, kam mir sofort entgegen und freute sich, dass ich es doch noch geschafft hatte.

Best of Metro Times: Green Brain

Obwohl er nicht unter eigener Flagge hier auftrat (der einzige offizielle Händler beim SPACE war der ortsansässige The Laughing Ogre), unterstütze er seine Frau Katie mit Händen und Füßen. Diese kümmert sich seit mehreren Jahren nun schon um Friends of Lulu, eine Organisation, die sich stark macht für die Rolle der Frau in Comics. Nachdem ich versprochen hatte bald wieder bei Dan vorbeizuschauen, stürzte ich mich nun aber endlich ins Vergnügen.

lageplan Die Stände im Hotelinneren teilten sich in drei Räume auf: im Eingangsbereich, der einen riesengroßen Indoor-Swimmingpool beherbergte, fand man zunächst die Kasse, einige kleine Organisationen und auch schon die ersten Zeichner. Auf dem Weg zum Hauptraum änderte sich mit dem Geruch des Chlors in der Luft etwas, die Stimmung lud sich auf, nur um sich in einer langen Schlange vor einem kleinen Tisch wieder zu entladen. Wie jeder normale Deutsche reihte ich mich ordentlich ein und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Im Gegensatz zu allen anderen Signierwarteschlangen in denen ich bis jetzt gestanden hatte, war hier etwas grundsätzlich faul: die Männer, die vor mir standen, trugen zwar die obligatorischen Fan-Shirts, doch ihre Staturen ließen ausschließlich auf erwachsende Männer schließen. Dave SimMit Schrecken erkannte ich, dass alles falsch war.

Ich war noch nicht bereit für diese Schlange, denn dort vorne saß der Publikumsmagnet der Independentszene – Dave Sim und sein Helfer Gerhard, dessen fehlender Nachname wohl nie bekannt gegeben werden wird. Obwohl ich wusste, dass er anwesend sein würde, hatte ich keine Lust, ihm hier zu begegnen. Der Grund für meine Apathie hat mit einem Briefwechsel, ein paar Missverständnissen und meiner Magisterarbeit zu tun, die ich hier nicht länger beschreiben möchte. Es muss euch als Erklärung genügen, dass ich ihn nicht sehen wollte, obwohl er doch so freundlich rüberlächelte.

Hauptraum Ohne mich ein weiteres Mal umzusehen, stürzte ich in den nächsten Raum, den größten des SPACE 2005. Dort sah es nicht wirklich aus wie auf einer Comicmesse: es gab – mit Ausnahme der Simschlange – keine Menschentrauben vor den Ständen; Interviewer mussten keine Termine mit den Künstlern ausmachen. Man unterhielt sich angeregt über die Tische hinweg, auf denen ordentlich die Comics sortiert lagen. Dabei war es interessant festzustellen, wie viele der Künstler mir irgendwie bekannt vorkamen. Aber es waren eben nicht die Gesichter, die einem vom Wizard oder dem Comics Journal anlächeln. Viele der Comics und ihrer Erzeuger hatte ich bereits vor drei Monaten aus einer Ausstellung lokaler Künstler in der Nähe von Detroit, in Ypsilanti, bewundert. So bewegte ich mich langsam von Stand zu Stand und bekam allmählich das Gefühl, im falschen Film zu sein. Anstelle eines Comicfestivals handelte es sich hier vielmehr um eine Art Klassentreffen, bei dem man endlich Zeit fand, sich über alles Mögliche, aber nicht unbedingt über Comics zu unterhalten. Ich begann diesen falschen Film so langsam zu genießen und schaltete mich immer wieder in einige dieser kleinen Wiedervereinigungen ein.

arsenic_lullaby So kam ich sofort mit dem Zeichner und Autor von Arsenic Lullaby, Douglas Paszkiewicz, ins Gespräch. Inwieweit man hierbei von einem Gespräch reden kann, ist mir allerdings bis heute noch nicht klar geworden. Nachdem ich ihm erklärte hatte, dass ich aus Deutschland komme, ging es nämlich auch schon los mit der deutschen Phrasendrescherei des Amerikaners, der sich vor allem durch seinen schwarzen Humor auszeichnet. Bei seinen deutschen Formulierungen war es oft nicht ganz klar, ob er unbeabsichtigt unfreundlich war oder bewusst versuchte zu provozieren. Das breite Grinsen auf seinem Gesicht legte wohl eher die zweite Möglichkeit nahe. Auf meine deutsche Staatsbürgerschaft reduziert, verließ ich den Stand, doch Paszkiewicz schickte mir in gebrochenem Akzent noch ein standesgemäßes Auf Wiedersehen, mein Fräulein hinterher. Letzte Woche hatte ich wieder eins seiner Comics in der Hand und fragte mich, ob es ausreicht, einfach nur zu provozieren?

Phonzie Davis Mein nächstes Foto zeigt Phonzie Davis, einen jungen afroamerikanischen Künstler aus Columbus, Ohio, der mir damals erklärte, dass sein Ziel ein Vertrag mit Fantagraphics sei. Er scheint seinem Ziel heute schon einige Schritte näher gekommen zu sein, da seine erste Veröffentlichung in der amerikanischen Anthologie Meathaus #8: Headgames ansteht. Obwohl dieser Mann in seinem grüne Outfit an Lässigkeit wohl nicht zu übertreffen war, wurde seine Anwesenheit auf dem SPACE nicht wirklich wahrgenommen. Er war eben keine Teil der Gemeinschaft, die sich in Ohio zusammengefunden hatte. Auch dieses Problem hat der junge Mann aus Columbus scheinbar überwunden, denn heute erfreut sich Phonzie mit 581 Freunden bei myspace.com einer kleinen, aber feinen Fangemeinde.

 

Leider musste ich irgendwann den Hauptraum aus Zeitgründen verlassen, um auch den letzten Raum besuchen zu können, wobei mir die Anwesenheit von Dave Sim wieder einen Strich durch die Rechnung machte. Während ich gerade raus wollte, kam mir eine Horde von Comickünstlern und Fans entgegen. Um Sim ein weiteres Mal aus dem Weg zu gehen, schob ich mich vorbei an den Menschenmassen in einen kleinen bestuhlten Raum und fühlte mich für eine Sekunde in Sicherheit. Wie so oft trog auch hier der Schein, denn Sim war mir auf den Fersen und auf seinen Fersen die ganze hungrige Meute. Die Day Prize Verleihung war Grund der Aufregung. Diesen Preis hat Sim selbst ins Leben gerufen und ehrt damit nicht nur die Gewinner, sondern auch seinen Mentor, Howard Eugene Day, besser bekannt unter dem Namen Gene Day. Da ich nun schon mal hier war, konnte Matt Feazelich mir genauso gut aus sicherer Entfernung anhören, wer was gewonnen hatte. Der wichtigste Day Prize ging an Matt Feazel für seinen minimalistischen Cynical Man. Ihm wurde der Lifetime Achievement Award überreicht. Nach einer kurzen Fotorunde bemühte er sich zum Rednerpult und bedankte sich für den Preis. Auch hier stand die Familienveranstaltung im Vordergrund: er bezeichnete das SPACE sehr treffend als „room that is nothing but a big artist alley.“ Bei keiner anderen Preisverleihung hatte man das Gefühl, dass es eigentlich egal sei, wer den Preis gewinnt, solange man sich als Gemeinschaft fühlt. Weitere Preisträger und Nominierungen wurden durch Sims monotone Stimme angekündigt: Den eigentlichen Day Prize 2004 (der Preis wird natürlich rückwirkend vergeben) hat Andy Ruton für Owly gewonnen, der bei Top Shelf erschienen ist.

Nun war es endlich soweit, dass ich den letzten Raum der Convention, mit Ausnahme der Cafeteria, besuchen konnte. Im Gegensatz zum Hauptraum war die Stimmung hier eher sehr verhuscht. Während drüben Familienbande geschlossen wurden, war man sich hier noch nicht ganz sicher, was man vom Gegenüber zu halten hatte. Diese Künstler kamen aus einem ganz anderen Amerika. Bei vielen der Aussteller handelte es sich um Kunststudenten aus New York und kleine Eigenverlage aus dem Rest der Vereinigten Staaten. Um mich zu orientieren, ließ ich meinen Blick auf der Suche nach bekannten Gesichtern oder Comics durch den Raum schweifen. Dabei lächelte mich ein Mann mit aschblondem Haar gleich neben dem Eingang an. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände: „Kennst wohl auch keinen hier, oder?“ Die Comics, die vor ihm lagen, strahlten ein Gefühl von Vertrautheit aus. Jim Rugg war sein Name, wohl besser bekannt durch seinen bei Slave Labor Graphics erschienen Comic Street Angel. Ein kurzes Gespräch, das es nicht wert wäre es als Interview zu bezeichnen, bahnte sich an:

Jim Rugg

Frage: “How did you come up with that type of hero?”

Antwort: “I just figured out what Marvel and DC heroes look and act like and I summed it up as the complete opposite!”

(Auf die Frage, wie er auf seine Comicheldin gekommen sei, antwortete er, dass er einfach das genaue Gegenteil von typischen Marvel- und DC-Helden entworfen habe.)

Dann verriet er mir noch, dass er schon lange vor seinem Durchbruch mit Street Angel unter einem Pseudonym, das er mir nicht verraten wollte, bei Slave Labor arbeitete.

Mit durch das Gespräch mit Rugg gestärktem Selbstbewusstsein ging ich sofort auf den nächsten Künstler zu. Dieser nahm Unterricht an der New York School of Art. Ob sich sein Besuch auf dem SPACE überhaupt lohnen würde, wollte ich wissen. Er versuche Kontakt mit dem Comicbetrieb aufzunehmen, weil seine Kunst Comics sehr stark ähnele (wenn ich diesen armen Künstler rückblickend betrachte, scheint mir gerade das Verhältnis von Universität und Comics in Deutschland diese Hürde überwunden zu haben.) Ich räumte ihm bei diesem Vorhaben keine großen Erfolgschancen ein. Auch er wandte sich nach links und rechts und stellte konsterniert fest: „The artsy crowd is slim these days“. “Or maybe the crowd is too Sim these days” gab ich als Vorschlag zurück. Ich kaufte seinen Comic und wir verabschiedeten uns mit einem Händedruck. Die anderen Künstler in diesem Raum machten jetzt mit dem Gewinn oder auch mit der bloßen Nominierung für den Day Prize Werbung. Aber wie es sich auf einem Independent-Comicfestival gehört, interessierte ich mich mehr für die Underdogs und hatte noch einen kleinen Plausch mit zwei Kunststudentinnen, die einen Cowboykalender gestaltet hatten. Lonesome Cowboy hieß das gute Stück und hängt immer noch in meinem Zimmer, obwohl die Jahre ins Land gezogen sind.

Girls in Space!Meine letzten Stunden auf dem SPACE wollte ich mit einem netten Streitgespräch bei einer Panel Discussion beenden. Dafür schien mir Girls in Space! genau das richtige Thema zu sein. Organisiert durch die oben bereits erwähnte Katie Merrit, trafen noch folgende Comickünstlerinnen ein: Pam Bliss (Dog and Pony Show), Joanna Estep (Fractured Kisses), C. Tyler (Late Bloomer) und Wendi Strang-Frost (Hula Cat). Die Damen diskutierten vor allem über ihre Stellung in der Independent-Comicszene. Ohne dies im Vorhinein abwerten zu wollen, kam man bei der Diskussion nicht wirklich vorwärts. Ähnlich wie in anderen Feldern, in denen die Emanzipation vorangetrieben wird, versuchte man sich auch hier immer wieder von dem männlichen Geschlecht abgrenzen, anstatt einfach Comics zu machen. In der Diskussion kam man dann zum Glück auch zu dem Punkt, dass eine solche Unterhaltung überflüssig sei, da es im Vergleich zum Mainstream ohnehin eine viel größere Anerkennung für Frauen in diesem Feld gibt. Dennoch zog man einen Schlussstrich, der wiederum lustig sein sollte, aber genau das Problem widerspiegelte: „Find a rich husband!“ Ein besserer Vorschlag wäre wohl gewesen: „Just draw your own comics“.

Girls in Space! animatedSo endete das SPACE 2005 – „still Mid-West’s largest gathering of small press, alternative and creater-owned comic artists“ – dann doch wie jedes andere Comicfestival auch mit der Erkenntnis, dass man auch weiterhin Comics machen wird, mit allen Problemen, aber auch mit allen Freuden, die dieses Medium bietet. Und auch ich stieg wieder in meinen Honda Civic Station Wagon und machte mich mit einer vollen Tasche und ein paar Fotos im Apparat auf den langen Weg heim nach Detroit. Zwischen dem SPACE 2005 und dem heutigen Tag liegen nun schon Monate in denen ich mich schämte, dass ich nicht früher berichtet habe. So kann ich nur versprechen in Zukunft von etwas aktuelleren Neuigkeiten zu berichten.

Herrensahne 11

herrensahne_11 Das in Düsseldorf beheimatete Magazin Herrensahne brachte diesen Sommer schon zum elften Mal eine Sammlung von Comics diverser Künstler heraus. Das Prinzip solcher Anthologien ist ja meistens die Vorgabe eines Themas, an dem sich dann jeder Zeichner auf seine Weise abarbeiten darf. So entstehen interessante Stilmixturen, die viele Leser jedoch oft nur teilweise begeistern können. Manches mag man, manches mag man nicht.

Die elfte Ausgabe von Herrensahne mit dem Titel „Neues Spiel“ macht es anders: Die elf beteiligten Künstler erzählen eine durchgehende Geschichte. Zwar hat man es auch hier mit einer großen Palette von zeichnerischen und erzählerischen Stilen zu tun: Die Bandbreite reicht von der wortlosen Bildgeschichte bis zum bilderlosen Prosatext. Aber alle arbeiten an der gleichen Story, alles gehört zusammen. Von der Handlung kann man sich als Leser auch dann durch ein Kapitel tragen lassen, wenn man zu dem jeweiligen Stil keinen Zugang findet (was durchaus vorkommen kann, denn „mainstreamig“ sind die Zeichnungen in den meisten Fällen nicht).

Erzählt wird die Geschichte eines namenlosen Wesens, das am Anfang recht unförmig aussieht und einer Socke oder einer Wurst ähnelt. Ihm schwebt das Bild eines schönen Mädchens vor seinem geistigen Auge, und von nun an hat er ein Ziel: Er muss dieses Mädchen finden. Dabei stolpert er ziemlich unbeholfen durch verschiedene Welten, bekommt es mit diversen Gegnern zu tun, sammelt Gegenstände und entwickelt sich selbst körperlich immer weiter, bis er gegen Ende zu einem stattlichen Krieger geworden ist.

Der Titel Neues Spiel deutet es schon an: Wir sind in einem Videospiel. Mit jedem Zeichnerwechsel betritt der Held ein neues Level, eine neue Welt. Das Buch spielt sehr schön mit bekannten Elementen von Videospielen, z.B. wird regelmäßig eine Liste der bereits gesammelten Gadgets eingeblendet.

Ich weiß nicht, ob der Inhalt der jeweiligen Kapitel vorher festgelegt wurde, oder ob jeder Künstler frei herumspinnen durfte. Die Geschichte hat jedenfalls, trotz einigen Schlenkern und Abschweifungen, einen klar erkennbaren roten Faden. Dazu passt dann auch, dass das Anfangs- und das Schlusskapitel (das mit einer herrlich traurigen Pointe aufwartet) vom gleichen Zeicher, Tobi Dahmen, stammt.

Aufmachung und Gestaltung sind, wie immer bei der Herrensahne, vom feinsten. Der silberglänzende Umschlag mit der aufgeklebten Produktbezeichnung erinnert an das Outfit einer Spielkonsole, auch bei Druck und Papier wurde nicht gespart. Alles in allem beweist Herrensahne zum wiederholten Mal, dass man sich dem Prinzip der Anthologie auf vielfältige Weise nähern kann und legt einen originellen Band vor, dem der Spagat zwischen Kunst und Unterhaltung sehr gut gelingt.

 

Herrensahne 11: Neues Spiel
Herrensahne, Juni 2006
von und mit: Tobi Dahmen, 18 Metzger, Wil Borgmann, Alex Jahn, Steffi Pohl, Jörn Rings, Michael Blomeier, Christian Lessing, Kai Christmann, Till Lassmann, Max Fiedler, Marc Ewert
120 Seiten, s/w, Softcover; 8,- Euro

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Die Blueberry-Chroniken 3

blueberry-chroniken3 Ein wundervolles, sehr verdienstvolles Projekt sind die Blueberry Chroniken des Ehapa Verlages, die endlich alle Blueberry Geschichten, die von Jean Giraud entweder gezeichnet oder getextet wurden, in zwölf Hardcoverbänden vereinigt. Bisher musste man sich durch die teilweise verwirrende Nummerierung der Einzelalbenreihe ein wenig durchkämpfen, nun aber werden die Abenteuer des nimmermüden Helden in der Chronologie der Handlung präsentiert.

 
Die Reihe um Leutnant Blueberry beginnt also mit einem Sammelband mit Kurzgeschichten aus Die Jugend von Blueberry, entstanden Ende der Sechzigerjahre. Dann folgen die Leutnant Blueberry-Comics, die ursprünglich ab 1963 in verschiedenen Magazinen herauskamen und mit Pausen bis in die Achtzigerjahre fortgesetzt wurden. 1989 starb Jean-Michel Charlier, der bis dahin die Abenteuer Blueberrys getextet hatte, mitten in der Arbeit am letzten Leutnant Blueberry-Album „Arizona Love“. Giraud textete nun selber die drei Bände Marshal Blueberry, die von William Vance und Michel Rouge gezeichnet wurden, und schuf in jüngster Zeit mit Mister Blueberry einen Zyklus komplett aus eigener Feder.

 
Der mir vorliegende Band 3 der Chroniken, „Der verlorene Reiter“, versammelt die drei Alben „Das Halbblut“, „Die Spur der Navajos“ und „Der Sheriff“ (das sind die Bände 4 bis 6 der Ehapa-Albenreihe). Erstmals veröffentlicht wurden diese Geschichten 1965 und 1966.

 
„Das Halbblut“ und „Die Spur der Navajos“ sind die letzten beide Teile eines auf fünf Alben angelegten Erzählzyklus (die ersten drei Teile versammelt Band 2 der Chroniken). Die Armee ist im Krieg mit den Apachen, doch der Präsident möchte, dass mit dem Häuptling Cochise ein Frieden ausgehandelt wird. Das ist die Ausgangssituation von „Das Halbblut“. Leutnant Blueberry wird als Unterhändler losgeschickt, doch um zu Cochise zu gelangen, benötigt er seinen Freund als Führer, das Halbblut Crowe-Blaurock. Der verbitterte und rachsüchtige Apachenkrieger Einsamer Adler versucht Blueberry mit allen Mitteln von seinem Ziel abzuhalten. Doch zusammen mit dem versoffenen Prospektor Jimmy McClure gelingt es Blueberry, Crowe zu finden, der ihn nach Mexico zu Cochises Lager führen will.

Kaum sind sie in Mexico, geraten sie in die Hände des schurkischen Gouverneurs Armendariz, der mit Einsamer Adler im Bunde ist. Er plant, die Apachen mit einer großen Menge modernster Waffen zu versorgen. Der Krieg der Apachen gegen die US-Armee soll ihm den Weg nach Texas ebnen, das er Mexico wieder einverleiben möchte.

Nachdem die Helden sich befreien konnten, starten sie in „Die Spur der Navajos“ ein großes Projekt. Cochise wäre bereit, Blueberry anzuhören, aber einem Frieden würde er wohl kaum zustimmen, da Armendariz ihn bald mit den Waffen beliefern wird. Also macht Blueberry sich zu der verlassenen Mine auf, in der die Waffen gelagert werden, um das ganze Arsenal in die Luft zu sprengen. Nach einem turbulenten Showdown in und um die Mine kann der Friede endlich eingeläutet werden.

„Der Sheriff“ ist ein Einzelabenteuer, das nach dem fünfbändigen Marathon wie eine Erholung wirkt, zumal es auch etliche humoristische Züge hat. Die Bande um den Verbrecher Sam Bass terrorisiert den Ort Silver Creek, darum wird Blueberry von dem verzweifelten Stadtrat als Sheriff angefordert. Als Hilfssheriff fungiert die Schnapsdrossel McClure. Blueberry bekommt die Situation zunächst in den Griff, aber dann tappt er in eine Falle, und seine Helfer vermasseln den Rest. Doch Blueberry ist genau der richtige Typ für ausweglose Situationen, und so wird doch noch alles gut …

 
Diese ausweglosen Situationen sind geradezu ein Markezeichen Jean-Michel Charliers. Es gibt kaum einen, der seinen Helden so virtuos durch Hochs und Tiefs führt, dem es immer wieder gelingt, eine ungeheure Spannung aufzubauen, eine Story über fünf Bände so packend zu erzählen. Freilich folgt er einem Schema, wenn er Blueberry von Triumph zu Schlamassel führt und das immer wieder. Aber er ist dabei so einfalls- und variantenreich, dass es immer wieder Spaß macht.

 
Diese frühen Blueberry-Abenteuer sind Kinder ihrer Zeit, der Sechzigerjahre. Das heißt, sie kommen etwas betulich daher. Alles, was die Figuren machen, erklären sie dem Leser in den Sprech- oder Gedankenblasen, auch Offensichtliches. Die Bösen werden schön altmodisch „Schurken“ und „Halunken“ genannt, haben aber die Angewohnheit, dem gefesselten Blueberry ihre Pläne und Tricks ganz ausführlich zu verklickern, bevor sie ihn dann umbringen würden, wenn er sich nicht vorher schon wieder befreit hätte. Doch Charlier ist ein viel zu brillanter Szenarist, als dass diese Konventionen des Sechzigerjahre-Comics den Lesespaß beeinträchtigen könnten. Man kann diese Geschichten deshalb getrost als Klassiker bezeichnen.

 
Wer die Werke von Girauds Alter Ego Moebius im Kopf hat, mag vielleicht etwas enttäuscht sein von den auf den ersten Blick braven Zeichnungen. Und dennoch wird schon in diesen frühen Westernpanels Comicgeschichte geschrieben. Auf den ersten Seiten finden sich noch Steifheiten bei den Figuren in Dialogszenen, doch die Szenen mit Bewegung sind bereits auf der Höhe damaliger Comickunst. Ganz zu schweigen von den stimmungsvollen, detaillierten Hintergründen, hauptsächlich natürlich den Landschaftspanoramen.

 
Allmählich, von Band zu Band, wird die Grafik ausdrucksstärker, plastischer, virtuoser. Einer der Höhepunkte ist die Doppelseite 104/105, wo rechts die Explosion der Mine und links die Flucht Blueberrys durch die brennende Minenstadt gezeigt wird. Durch geschickte Lichtregie und Bewegungsakzente entsteht hier eine mitreißende Dichte und Dramatik. Mit der Figur des McClure gelingt Giraud in diesem Band auch sein erster herrlich grotesker Charakter. Es ist erstaunlich, auf diesen Seiten verfolgen zu können, wie sich ein solide gezeichneter Abenteuercomic allmählich in einen meisterhaften Augenschmaus verwandelt. Schier unglaublich ist dabei die Tatsache, dass dies erst der Anfang ist, dass die späteren Arbeiten Girauds bzw. Moebii (oder Moebiuses?) diese frühen Comics noch um ein Vielfaches übertreffen.

 
Die Blueberry-Chroniken bieten gegenüber den alten Albenausgaben eine neue – gute – Übersetzung, neues – besseres – Lettering und eine restaurierte – überhaupt kein Vergleich, geradezu eine Offenbarung! – Kolorierung, weshalb sich die Anschaffung auf jeden Fall lohnt, auch wenn man die Alben schon besitzt.

 

Die Blueberry-Chroniken 3: Der verlorene Reiter
Ehapa Comic Collection, Oktober 2006
Text: Jean-Michel Charlier
Zeichnungen: Jean Giraud
160 Seiten, farbig, Hardcover; 29,- Euro
ISBN 3-7704-3050-6


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Bildquelle: ehapa-comic-collection.de

Fallen Angel: To Serve in Heaven (US)

fallen-angel_sih_coverPeter David ist ein alter Hase als Autor – im Comicgeschäft (u.a. langjähriger Schreiberling für Hulk) über Fernsehserien (u.a. Skripte für Babylon 5) bis hin zu Bestsellerromanen zu Star Trek und diversen Comicfilmadaptionen.

Nachdem sein neues Projekt Fallen Angel bei DC nach 20 Folgen aufgrund von zu geringen Verkäufen abgesägt wurde (was nun wirklich kein Qualitätsmerkmal ist, s. Firefly), hat IDW die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und die creator-owned-Serie zu sich geholt. Eine gute Wahl. David, der sich bei DC mit der Vorgeschichte des gefallenen Engels aufgrund von möglichen Verknüpfungen zu anderen Serien (Supergirl), die sich der Verlag freihalten wollte, zurückhalten musste, kann sich nun bei IDW ausleben und erzählt in dem ersten Sammelband „To Serve in Heaven“, was es mit der Hauptfigur Lee auf sich hat.

Lee lebt in der Stadt „Brute Noire“ (frz. „schwarzes Biest“) und verfügt über besondere Fähigkeiten wie  große Stärke, die Fähigkeit zu fliegen sowie Energiestrahlen aus ihren Augen schießen zu lassen.
Tagsüber ist sie Sport-Lehrerin an einer Mädchenschule (“weil man dort lernt, Geduld zu haben und nicht alles mit Gewalt zu lösen“), nachts streift sie, in eine rote Kutte gehüllt, als „Fallen Angel“ durch die Gassen der unheimlichen, trostlos wirkenden Stadt.
Sie ist von sehr … nun, sagen wir, aufbrausendem Temperament. Peter David baute die Figur vielschichtig auf; man kann ihr Verhalten kaum vorhersagen, obwohl es nie unlogisch erscheint.
Dabei hilft sie einerseits Menschen, andererseits hat sie aber auch keine Probleme damit, Dinge zu zerstören.
Wie sich in diesem Sammelband, der zwanzig Jahre nach den Geschehnissen in der DC-Serie spielt, herausstellt, war sie früher ein Schutzengel, der, den Menschen unsichtbar, an ihre Seite gestellt wurde. Als sie hilflos miterleben muss, wie einer ihrer Menschen, ein kleines Mädchen, vertrauensselig zu einem Fremden ins Auto steigt und später von ihm ermordet wird, fängt sie zum ersten Mal an, ihre Rolle zu hinterfragen. Dies wird auch später seine Konsequenzen haben, weswegen sie nun als gefallener, sterblicher Engel auf der Erde wandelt.

Der Titel ist mit das einzig Kitschige an dieser intelligenten, zynischen Serie. Neben der kurzweiligen Rahmenhandlung um den neuen Magistraten (so etwas wie ein unantastbarer Bürgermeister) von Brute Noire stößt Peter David den Gedanken an, ob und wie sehr man anderen Personen Selbstbestimmung zugestehen muss. Darf man sich in ein Leben einmischen, wenn man sich sicher ist, dass dies das Beste für denjenigen sei, oder hat jeder Mensch das Recht darauf, seine eigenen Entscheidungen zu fällen, selbst wenn dies verheerende Konsequenzen hat?

fallen-angel_sihComics, die das Religiöse streifen, tendieren oft dazu, sie als Mittel zum Zweck zu nutzen. Die (oftmals christlichen) bekannten Elemente werden als gegeben genommen und darum irgendwelche Geschichten konstruiert. Bei Fallen Angel macht sich David seine eigenen Gedanken, ohne sie aufdringlich in den Mittelpunkt zu stellen. In einem Gespräch des neuen Magistraten Jude – und gleichzeitig Lees Sohn – mit seiner Mutter entstand einer der amüsantesten Abschnitte von „To Serve in Heaven“. Auf seine neugierige Frage, warum so viel Schlimmes auf der Welt passiere und was denn nun Gottes Pläne seien, erklärt der Engel, dass „der Boss“ eigentlich keinen Bock mehr auf den Mist auf der Erde habe und sich zurückziehen möchte, aber die endlosen Gebete und das Gejammer hielten ihn davon ab. Er wär deswegen schon ziemlich stinkig. Dem ausgebildeten Priester, dem sein Weltbild unter den Füßen weggerissen wird, vergeht dabei Hören und Sehen.

Diese Ungezwungenheit und Distanziertheit wirken auf mich sehr erfrischend und versöhnend mit der von mir ansonsten nicht gerade geliebten religösen Thematik. Andererseits gibt es öfters Bezüge auf die Bibel (Kain und Abel, Bete Noire als biblische Stadt; weiß Gott noch was), bei denen mir sicherlich einiges durch die Lappen gegangen ist, ich aber zumindest nie das Gefühl hatte, etwas zu verpassen.

Ein ganz anderer Trumpf dieses Sammelbandes ist das herausragende Artwork von J.K. Woodward, der zum ersten Mal für Fallen Angel arbeitet. Er tuscht nicht, sondern malt direkt auf seinen relativ groben Vorzeichnungen mit schwarzer und weißer Gouache. Das Bild wird dann später von ihm per Airbrush eingefärbt (er erklärt die Technik im Anhang dieses Bandes und betont, dass er den Computer nur für Spezialeffekte benutze, auch wenn seine Bilder oft für Digitalarbeiten gehalten würden – wie dies im Übrigen sogar im Wikipedia-Eintrag zu Fallen Angel behauptet wird). Die Zeichnungen glänzen besonders durch ihren Realismus und den hervorragend eingesetzten Lichtfall, der zu der stimmungsvollen, düsteren Atmosphäre erheblich beiträgt (elf Seiten aus dem Band sowie Hintergrundinfos sind hier bei CBR hinterlegt).

Dies ist mein erster Kontakt mit Fallen Angel, also kann ich guten Gewissens behaupten, dass man nicht die vorherigen DC-Hefte aus der Serie gelesen haben muss, um seinen Spaß zu haben. Wer schwarzem Humor, Paranormalem und ein wenig Tiefgang etwas abgewinnen kann, wird mit „To Serve in Heaven“, das die ersten fünf IDW-Bände sammelt, vermutlich glücklich werden. Leider ändert sich Woodwards Technik ab dem sechsten Band ein wenig, aber ich werde sicherlich weiter am Ball bleiben.

Fallen Angel: To Serve in Heaven (US-Ausgabe)
IDW Publishing, August 2006
Text: Peter David
Zeichnungen: J.K. Woodward
128 Seiten, komplett farbig, Softcover; 17,95 Euro
ISBN: 1933239778

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Das verlorene Paradies 1

verloreneparadies1 Der neue Splitter-Verlag startet sein Programm gleich mit zwei ersten Bänden einer Serie. Neben der Fantasy-Abenteuer-Serie Die Schiffbrüchigen von Ythaq wird mit „Hölle“ die Reihe Das verlorene Paradies eröffnet. Der Comic ist dem einen oder anderen vielleicht aus dem Magazin Magic Attack bekannt, und auch sonst sind die Künstler Ange und Varanda bereits durch diverse Veröffentlichungen in Deutschland eingeführt (Bloodline, Die Legende der Drachenritter, Elixier).

 
Das verlorene Paradies basiert auf altbekannten Horrorklischees: Unsere Welt ist nur eine Ebene von vielen, die durch Portale verbunden sind. Die Ebenen der Hölle sind im stetigen Konflikt mit denen des Himmels. Um Übergriffe zu verhindern, gibt es den Wächter Gabriel. Das ist nicht der Erzengel, sondern ein knallharter, aber romantischer Agent mit ein paar Spezialfähigkeiten (so kann er bei Bedarf Engelsflügel ausbreiten). Seine Auftraggeber im Himmel dagegen sind richtige Engel. In der U-Bahn, einem Portal zur Unterwelt, rauscht ein Höllenzug an ihm vorbei. Darin erblickt er seine einstige Geliebte (ganz genau weiß man aber nicht, was da lief …), Anya, die nun als Dämon in der Hölle haust. Gleichzeitig liest er aber auch noch den geheimnisvollen Jungen Julien auf, den es zu retten gilt.

Als er später aufbricht, um Anya aus der Hölle wieder rauszuholen, folgt ihm der Junge unversehens nach. Nun muss er sich und den Jungen sicher durch die Kreise der Verdammnis und ihre Dämonenheere bringen. Dabei ahnt er nicht, dass mit Julien etwas nicht stimmt. Oder warum nur haben beide Parteien so ein großes Interesse an ihm?

Was es mit Julien auf sich hat, wird in diesem Band nur teilweise erklärt, aber es gibt reichlich Andeutungen. Schicksal und Vorsehung spielen dabei eine große Rolle und werden von Teufeln wie Engeln häufig als Motivation und Erklärung bemüht. Das ist ein bisschen schade, weil die Handlung dadurch nicht organisch und zwingend, sondern vorgegeben wirkt. Dasselbe trifft auch auf die Figuren zu. So gibt es zum Beispiel gegen Ende eine brenzlige Situation, weil Anya „einem plötzlichen Impuls“ folgt. Andere Gründe für ihr Tun scheint sie (noch) nicht zu haben.

 
Die Zeichnungen sind dafür mitunter spektakulär. Varanda löst die Paneleinteilung ähnlich wie amerikanische Actioncomics auf, nutzt das aber nicht nur für knallige Effekte, sondern meist auch als intelligentes Erzählmittel. Richtungs- und Perspektivewechsel sind virtuos eingesetzt und an den teilweise ganzseitigen Panoramen kann man sich ordentlich satt sehen: Höllenlandschaften mit ihren Dämonenheeren oder überdimensionaler, menschenfeindlicher Technik. Und dagegen die gotisch gleißende Himmelsarchitektur.

Die Story ist angenehm trashig, bei weitem nicht schlecht, aber dennoch ist der Comic eindeutig weniger fürs Hirn als fürs Auge. Der optische Genuss ist allerdings auch ein eher deftiger, denn gesplattert wird in der Hölle schon auch mal.

Besonders erfreulich ist die Sorgfalt und Aufmachung, die der neue Splitter-Verlag seinem zweiten Erstling hat angedeihen lassen. Da freut man sich auf die schon bald angekündigten Folgebände, in denen Schicksal und Vorsehung uns hoffentlich erneut in Varandas über- bzw. unterirdische Fantasien führen werden.

 

Das verlorene Paradies 1: Hölle
Splitter, Oktober 2006
Text: Ange
Zeichnungen: Varanda
48 Seiten, Hardcover, farbig; 12,80 Euro
ISBN: 3939823007

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