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Quintett 1 & 2

Frank Giroud ist zwar als Autor schon ein alter Hase – er textete seit 1982 die Serie Louis Lerouge, die zwischen 1989 und 1992 bei Ehapa erschienen ist -, doch gelangte er erst in jüngerer Zeit mit seiner Serie Die zehn Gebote (Comicplus+ 2001-2006) zu Bekanntheit und Ruhm. 2002 wurde ihm in Erlangen sogar der Max-und-Moritz-Preis als bester internationaler Szenarist überreicht. Seine Spezialität sind Thriller in historischen oder zeitgenössischen Settings mit politisch brisanten Kontexten. Die zehn Gebote feierten nicht zuletzt wegen ihres ungewöhnlichen Konzeptes so große Erfolge: Jeder der zehn Bände war von einem anderen Zeichner ausgeführt.

quintett1 Dieses Konzept wendet Giroud nun in der fünfteiligen Serie Quintett erneut an, wobei es hier nicht nur als eine unterhaltsame Raffinesse dient, sondern einen zentralen Aspekt der Serie illustriert. Die einzelnen Bände der Serie decken nämlich mit ihrer Erzählung immer wieder denselben Zeitraum und dasselbe Geschehen ab, eine Episode auf dem mazedonischen Militärflughafen Pavlos im Jahr 1916.

Dort formiert sich ein international zusammengewürfeltes Quintett aus Militärs (Leutnant Alban Méric an der Violine und der Mechaniker Elias Cohen Klarinette), einer griechischen Mandolinistin (ich lege meine Hand nicht ins Feuer, dass das eine Mandoline ist; es ist auf jeden Fall keine Gitarre – und so was hat zwei Semester Instrumentenkunde studiert, Schande!) und der Pariser Kabarettsängerin Dora Mars. Der Pianist wird (bisher) nicht namentlich genannt und ist auf den Bildern nie zu sehen.
Jedes Mitglied dieser Musiktruppe erzählt seine Version der Ereignisse in einem eigenen Band. Die individuelle Sicht auf die Ereignisse wird durch den Wechsel der Zeichner von Band zu Band sehr schön veranschaulicht. Es sind zwar immer dieselben Schauplätze und Figuren, aber diese erhalten in den unterschiedlichen Zeichenstilen verschiedene Ausprägungen und Eigenschaften. Das macht diese Serie ungeheuer interessant.

Im ersten Band wird “Die Geschichte der Dora Mars” erzählt. Nach einer leidenschaftlichen Nacht mit dem Flieger Armel Flamant in Paris ist die romantische Dora hoffnungslos verliebt. Als man ihr anbietet, auf einem Militärstützpunkt für die Soldaten zu singen, wählt sie Pavlos aus, ein mazedonisches Dorf, wo ihr Prinz stationiert ist. Und das, obwohl er ihre Briefe monatelang nicht beantwortet hat. Dort tritt freilich zunächst eine gewisse Ernüchterung ein, als sie realisieren muss, dass Armel ihre romantischen Vorstellungen von Liebe nicht teilt. Sie nimmt bei dem Mechaniker Elias Cohen Flugstunden, und als Flamant über deutschem Gebiet abgeschossen wird, startet sie eine von naiver Romantik motivierte Rettungsaktion, in die sie Cohen mit reinzieht. Es gelingt ihnen tatsächlich, Flamant zu finden, aber dabei geraten alle drei in Gefangenschaft. Dora spielt weiter die Heldin, indem sie auf die Bitte des deutschen Mayor Quantmeyers eingeht und ein Konzert für die feindlichen Soldaten gibt, eine Ablenkung, die die Gefangenen zur Flucht nutzen wollen.

Damit genug der Handlungsparaphrase, alles weitere würde zu Spoilern führen. Nur soviel: Es sind drastische Ereignisse vonnöten, um die Sängerin von ihrer Vorstellung zu heilen, der Krieg sei ein amouröses, romantisches Fliegerabenteuer. Da es ihre Geschichte ist, die in diesem Band erzählt wird, bekommt der Leser auch nur ihre Sicht auf den Krieg präsentiert. Dadurch bleiben viele militärische Details ungenannt oder unverständlich, der Leser erfährt nur das Nötigste – das, was Dora Mars interessiert.
In diesem Band zeigt sich Giroud von seiner besten Seite, ihm gelingen eine überzeugende Hauptfigur und die unterhaltsame Verquickung von Seelenleben und Abenteuerhandlung, von individuellem Schicksal und historischem Konflikt. Intelligent und kenntnisreich wird eine geschichtliche Epoche präsentiert, in der sich Figuren bewegen, die die emotionale Anteilnahme des Lesers sichern. Das Ganze abgerundet mit einer Prise Allgemeinplätze aus Thriller und Abenteuercomic, damit die Lektüre nicht nur anspruchsvoll, sondern auch unterhaltsam wird. Mit solchen Szenarien verdient man sich zu Recht den Max-und-Moritz-Preis.

Die Zeichnungen dazu liefert Cyril Bonin, die auch die Serie Fog (ebenfalls Comicplus+) gezeichnet hat. Während sie dort aber ein düsteres Jack-the-Ripper-London mit fahrigem, verzerrendem Strich evoziert, ist man hier erstaunt, dass sie mit ihrem Stil auch das sonnige Griechenland mit Atmosphäre zu füllen vermag. Die nachlässigen Konturen und eigentümlich verzogenen Gesichter der Figuren passen ausgesprochen gut zu der Geschichte der Kabarettsängerin, erinnern sie doch irgendwie auch an George Grosz und Otto Dix. Die Bilder wirken atmosphärisch, ausdrucksstark, aber nicht aufgeregt, ein schöner, kluger Stil, der weniger beim Überfliegen besticht als beim genauen Hingucken. Beachtenswert ist, dass sich die ordentlich gereihten Panels nur in vier Szenen, die für Dora besonders dramatisch oder erschütternd sind, kurzzeitig auflösen. Da bringen schiefe, unregelmäßige Vierecke die orthogonale Panelordnung genauso durcheinander wie das Geschehen das Leben der Dora Mars.

quintett2Als zweiter Band der Serie folgt “Die Geschichte des Alban Méric”, der mit Militär nicht viel anfangen kann, denn von Haus aus ist er Historiker. Mit seinem Burschen, dem griechischen Hirten Manolis, kann er viel mehr anfangen. Er ist die Liebe seines Lebens. Bei einem Schäferstündchen wird das Paar jedoch von Sergeant Grall fotografiert, der den wohlhabenden Méric anschließend mit dem Bildmaterial erpresst. Obwohl Méric ihm das geforderte Geld beschafft, zeigt sich Grall nicht zufrieden. Er möchte noch mehr rauskitzeln. Méric muss sehr einfallsreich werden, um an weiteres Geld heranzukommen. Er lässt sich sogar von den Deutschen gefangen nehmen, um mit seinem Bekannten aus Studienzeiten, dem Major Quantmeyer, einen lukrativen Handel zu machen. Doch die anderen Gefangenen, die mit Hilfe der Sängerin Dora Mars einen Fluchtversuch planen, durchkreuzen seine Pläne … Auch hier soll nicht gespoilert werden.

Die Figur des Alban Méric ist nicht ganz so differenziert wie die der Dora Mars, aber ebenfalls durchaus gelungen. Die Umschiffung von allzu Klischeehaftem gelingt Giroud hier allerdings nicht so gut. Die homoerotische Liebesbeziehung ist zwar schön dargestellt, aber hätt’s nicht auch ein Bäckers- oder Küchenjunge getan? Dass Mérics Schwarm ausgerechnet ein griechischer Schafhirte sein muss, frisch und lockig aus dem süßlichsten Arkadien entstiegen, das ist für meinen Geschmack ein bisschen dick aufgetragen. Die Schmierigkeit des Erpressers Grall verliert an Glaubwürdigkeit, je unersättlicher er wird. Dasselbe gilt auch für die Verzweiflung Alban Mérics, die mit jeder neuen Forderung Gralls größer wird.
Doch abgesehen von diesen Details ist die Story sehr gelungen, vor allem, weil man sie ja im Zusammenhang mit dem ersten Band lesen muss. Da ergeben sich faszinierende, neue Blickwinkel auf bereits bekannte Ereignisse und Figuren.
Schön ist zum Beispiel, dass Méric die Sängerin Mars kaum wahrzunehmen scheint. Ein winziges Detail im ersten Band, eine kleine Unstimmigkeit während einer Quintett-Probe, erfährt hier eine nähere, aber noch nicht vollständige Erklärung. Es gäbe noch mehr schöne Beispiele, aber die würden wieder spoilern …

Die Zeichnungen des zweiten Bandes aus der Feder des altgedienten Paul Gillon sind – vor allem im Gegensatz zu Band eins – sehr ruhig, beschaulich. Das macht sich bei den Hintergründen, vor allem der mazedonischen Landschaft, sehr schön, bei den Figuren führt es aber zu einer gewissen Steifheit. Insgesamt also eher solide und nichts Aufregendes. Es hat vor allem nichts mit dem hippiesken Paul Gillon aus Métal-Hurlant-Zeiten zu tun, der viel dynamischer und sexier war.

Obwohl die Handlungen der einzelnen Bände in sich abgeschlossen sind, entsteht das starke Bedürfnis, weiter zu lesen. Aber nicht, wie es weiter geht, ist hier die Frage, sondern ob das eine oder andere Detail im nächsten Band aufgeklärt oder umgedeutet wird oder nicht. Klug, spannend und unterhaltsam ist diese Erzählweise, das muss man erfreut feststellen.

In jedem Band gibt es am Anfang und am Ende jeweils eine Seite Rahmenhandlung, gezeichnet von Giulio de Vita. Das sollte man der Vollständigkeit halber noch erwähnen. Und: Der Seitenumfang beider Bände beträgt jeweils 64 Seiten. In vielen Katalogen steht fälschlicherweise 84, und die „6“ auf der letzten Seite ist tatsächlich so gedruckt, dass sie wie eine „8“ aussieht.

Die zehn Gebote haben freilich das reißerischere Thema, fahren mit Dan Brownschen Dimensionen auf, was die fiktiven Enthüllungen angeht. Quintett ist da vertrackter, thematisch unspektakulärer, aber genauso unterhaltsam, intelligent und ergreifend erzählt. Und es bietet ein überzeugenderes Konzept. Man muss natürlich abwarten, was die folgenden Bände der Serie (Band 3 ist für Dezember 2006 angekündigt) zu bieten haben. Bisher aber ist kein Grund ersichtlich, warum man Giroud den Max-und-Moritz-Preis wieder aberkennen sollte.

Quintett 1: Die Geschichte der Dora Mars
Comicplus+, Januar 2006
Text: Frank Giroud
Zeichnungen: Cyril Bonin, Giulio de Vita
64 Seiten, farbig, Softcover; 13,- Euro
ISBN: 3-89474-156-2

Quintett 2: Die Geschichte des Alban Meric
Comicplus+, Mai 2006
Text: Frank Giroud
Zeichnungen: Paul Gillon, Giulio de Vita
64 Seiten, farbig, Softcover; 13,- Euro
ISBN: 3-89474-159-7

 

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Quintett 1:
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Quintett 2:

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Bildquelle: comiccombo.de

 


Fun Home: A Family Tragicomic (US)

fun_homeWie sieht eigentlich ein anspruchsvoller Comic aus?
Würde es zum Beispiel ausreichen, die Comicseiten zusammenzukleben, sie zwischen zwei Buchseiten zu pressen und das Ganze mit dem Stempel „graphic novel“ zu versehen? Natürlich nicht, aber dennoch scheint das neue Jahrtausend dem vergangenen treu zu bleiben, indem es eben diesen Begriff für Qualität im Medium Comic benutzt, ohne wirklich festzulegen, welche Kriterien der Begriff beinhaltet. Während auf dem amerikanischen Comicmarkt immer wieder Titel kursieren, die das Prädikat graphic novel nicht verdienen, hat es die Künstlerin Alison Bechdel – Schöpferin des cartoon strips Dykes to watch out for – geschafft, den Begriff der graphic novel durch ihre Comicmemoiren wiederzubeleben. Ihr gelingt es, das Medium Comic zu benutzen und es sogar zu revolutionieren.

a_contract_with_god Die Geschichte der graphic novel begann bereits Ende der 1970er Jahre. Damals erschien Will Eisners A Contract with God, ein Comic, der mit dem Untertitel „a Graphic Novel“ veröffentlicht wurde. Obwohl Eisners Werk nicht die erste graphic novel war, wird der Comic zu Recht als Fahnenführer des Comicromans bezeichnet, da es sich um einen neuen Typus Comic handelte: vor allem seine Geschichte, die vorwiegend erwachsene Leser ansprechen sollte, aber auch seine spezielle abgeschlossene Erzählform, die an eine short story erinnert, machten den Comic zu einem Novum. Nach dem Erfolg des Comics schlugen mehrere Künstler den von Eisner vorgegebenen Kurs ein und produzierten in den 1980er Jahren Comics, die anderen Gesetzen folgten als die Comichefte der vorangegangen Jahrzehnte: Watchmen (Alan Moore), Dark Knight Returns (Frank Miller) etc. Viele dieser Comics verdienten das Prädikat graphic novel; andere gaben es sich schlichtweg selbst.

Trotz des erfreulichen Booms in der Comicbranche bleibt bis heute die Frage, was eine graphic novel eigentlich ausmacht, unbeantwortet. Ist die genuine Form eines Comics ausschlaggebend für die Nominierung in dieser Klasse oder ist es der Anspruch der behandelten Themen, die einen Comic aufwerten? Eisner selbst beantwortete diese Frage in seinem Sekundärwerk über Comics – Comics and Sequential Art – zugunsten des Inhalts, der nur für erwachsene Leser gedacht sei.

Wie aber ein solcher Begriff missbraucht wird, sehen wir in der heutigen Comicszene, die jeden Comic, der mehr als 20 Seiten stark ist, als graphic novel bezeichnet, auch wenn es sich dabei nur um ein Trade-Paperback der letzten X-Men-Serie handelt. Wie kann man heute noch von dem Genre der graphic novel sprechen, wenn der Begriff vom Markt vollends übernommen zu sein scheint?

Doch es gibt auch immer wieder Comics, die sich ernsthaft des Begriffs annehmen und ihn in der Weise nutzen, wie von Eisner in A Contract with God wegweisend gezeigt wurde. Ein Fortschritt der graphischen Novelle ist auf jeden Fall eine Veröffentlichung wie Blankets, das vor zwei Jahren ein graphisches Konzept mit einem inhaltlichen Anspruch verband und so einen neuen Prototyp der graphic novel für das neue Jahrtausend darstellt.

Seitdem hat man nicht mehr viel gesehen oder gelesen, was den Terminus gerechtfertigt oder sogar revolutioniert hätte. Was kann ein neuer Comic dann noch groß ändern? Vielleicht zeigt Alison Bechdel mit ihrem neuen Comicroman Fun Home: A Family Tragicomic, ob es möglich ist, den nächsten Schritt in der Entwicklung dieser Form zu tun.

Bechdels Fun Home präsentiert sich als graphic memoir, eine autobiographische Form der graphic novel also. Natürlich muss man sich fragen, ob mit American Splendor (Harvey Pekar) und Blankets (Craig Thompson) dieser Bereich nicht schon längst abgegrast ist. Deutlich wird aber gerade an diesem Beispiel, dass die thematische Komponente zwar eine wichtige Rolle spielt, sie aber nur in Verbindung mit der Form der Darstellung zu einem Ganzen wird. Das Thema schafft den Hintergrund, vor dem die Geschichte graphisch umgesetzt werden kann. Erst jetzt ist es möglich, mittels der comiceigenen Form über die Erzählung zu reflektieren. Erst bei längerer Lektüre des Comics wird deutlich, wie subtil und stringent Bechdel vorgeht. Ohne es zu merken, ist man schon nach wenigen Seiten in der Geschichte gefangen.

Promo Page Bereits der Schutzumschlag von Fun Home ist ein metaphorischer Hinweis auf die gesamte Form der Erzählung. Auf dem türkisen Schutzumschlag wird dem Leser der Titel des Bandes im wahrsten Sinne des Wortes auf einem Silbertablett präsentiert. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass sich hinter den Verzierungen des silbernen Tablettes noch etwas anderes verbirgt: sechs kleine Verzierungen auf dem Silbertablett deuten die eigentliche Farbe des Buches an. Interessiert entfernt man den Schutzumschlag und entdeckt darunter ein neonoranges Cover, das in einem harschen Kontrast zum Schutzumschlag steht.
Während Titel, Autor und Verlag auf dem Buchrücken in den Hintergrund treten, zeigt sich darauf ein Querschnitt durch das Fun Home und seine Bewohner, Bechdels Familie. So repräsentieren Einband und Cover die Vielschichtigkeit dieses Comic.

Blättert man weiter durch das beblümte Innenleben, dann stößt man als erstes auf den Namen des Verlages, der leichte Verwunderung auslöst: Houghton Mifflin ist nicht unbedingt ein Name, der bei den meisten Lesern amerikanischer Comics die Glocken läuten lässt. Er gehört nicht zu den bekannten amerikanischen Comicverlagen, die man erwartet hätte, wie z.B. Drawn and Quarterly oder Top Shelf. So bringt der Status graphic novel auch Verlage ins Boot, die sonst nur in anderen Bereichen zu finden sind – in diesem Fall ist der Verlag ein alteingesessenes Unternehmen aus Boston, das Geschichts- und Lehrbücher, aber auch Belletristik produziert.
Wenige Seiten weiter findet man ein Inhaltsverzeichnis – das Statussymbol eines jeden Romans. Der gesamte Comic ist in sieben Kapitel eingeteilt, aus deren Namen bereits das Tragikomische hervorgeht: „A Happy Death“; „ That old Catastrophe“ oder auch „The Antihero's Journey“. Diese Kapitel werden im Comic alle durch einzelne Bilder eingeleitet. Die Themen der Bilder wiederholen sich am Ende jedes jeweiligen Kapitels. Daraus ergibt sich für die Kapitel eine elliptische Struktur; sie bietet dem Leser einen kleinen Ausblick und führt ihn dann unvermeidlich an eben diesen gezeigten Punkt der Geschichte. Das soll aber nicht heißen, dass es sich bei den Bildern um Spoiler handelt, die die Geschehen vorwegnehmen, sondern eher um eine literarische Erzählform der Vorausschau.

 Was noch vor den graphischen Eigenheiten an Bechdels Stil auffällt, ist der Aufbau ihrer Panels und der dazugehörigen Texte. Bechdel scheint wesentlich stärker an ihren Texten als an ihren Bildern zu hängen. Während andere Comics ihre Stärke aus dem abwechslungsreichen Spiel von Wort und Bild ziehen, nimmt hier die Literatur einen dritten Aspekt ein, der das Verhältnis von Gezeichnetem und Geschriebenem zu Gunsten des Letzteren verlagert. So erstellt Bechdel in ihrem Comic immer wieder „Textbilder“: anstelle von einem Bild zeichnet sie Texte aus Büchern ab – von Lexika über den Addams-Family-Comic bis hin zu Zitaten aus der Weltliteratur. Diese Methode geht weit über Literaturanspielungen in anderen Comics hinaus (ein schönes Beispiel hierfür ist Jeff Smith, der seinen Helden Bone mit Hermann Melvilles Klassiker Moby Dick ausstaffiert). Vielmehr werden die Texte in Bildform abgezeichnet und ergänzen die Situation anstelle von einem Bild. Bechdel verwendet eben gerade nicht den Raum über dem Text für solche Zitate, sondern verdeutlicht auf diese Weise die Verbundenheit ihrer Familie – und ihrer eigenen Geschichte – mit der Literatur, indem sie sie zu einem Bestandteil der Erzählung macht. So bleiben Autoren wie James Joyce (Ulysses) und F. Scott Fitzgerald (The Great Gatsby) nicht als bloße Zitate im bebilderten Raum stehen, sondern werden von Bechdel als Kommentatoren ihrer Familiengeschichte eingesetzt. Es ist eben eine solche Strategie, eine Verbindung aus Erzählweise und Inhalt, die eine graphic novel ausmacht.

Diese Schwerpunktverlagerung auf literarisches Material soll natürlich nicht heißen, dass Frau Bechdel nicht zeichnen kann und deshalb eine Möglichkeit sucht, dieses ProblemBechdel Dekor zu umgehen. Gleich auf den ersten Seiten zeigt sich ihr beeindruckender Stil, den sie sich im Laufe einer zwanzigjährigen Karriere im Comicgeschäft angeeignet hat. Die ersten graphischen Eindrücke dieser bebilderten Novelle bestimmen auch den gesamten Stil des Comics: die Bilder sind in schwarz-weiß gestaltet. Während Bechdel mit blau-grüner Tusche ihren Zeichnungen sowohl Tiefe als auch Dekor hinzufügt, zeichnen sich durch die Farbwahl bereits auf den ersten Seiten die ersten Schatten ab, die sich über den Bildern und dem Familienschicksal auftun. In der Darstellungsform lässt sich die Liebe zum Detail erkennen, die Bechdel nicht nur ihren Protagonisten, sondern auch den Hindergründen zukommen lässt.

Diese Liebe spiegelt sich in der Figur des Vaters wider. So ist Bechdel in der Lage, die Emotionen der Figuren allein durch die Darstellung der Gesichtszüge zum Ausdruck zu bringen. Der gesamte Charakter der Vaterfigur ist aus dem kurzen Strich, der den Mund darstellt, auf der ersten Seite des Comics ersichtlich. Durch minutiöse Zeichnungen des Mundes bietet Bechdel so eine ganze Palette an Gefühlen an. So zeigt sich eine enge Verwandtschaft mit den cartoon strips von Charles M. Schultz, dem Schöpfer der Peanuts. Auch Bechdel arbeitet seit nunmehr 23 Jahren an ihrem cartoon strip Dykes to watch out for, der in mehreren amerikanischen Zeitungen veröffentlicht wurde und wird.

Der historische Hintergrund – die amerikanische Gesellschaft in den 1970er Jahren – dient als ein weiteres Stück im Dekor der gesamten Geschichte. So bietet Nixons Fernsehinterview als Antwort auf die Watergate-Affäre den perfekten Untertitel für die Affären, die die Bechdelfamilie zerrütten. Auch die Aufstände der Homosexuellen in New York (die Stonewall-Riots und der Christopher-Street-Day) erweitern das Spektrum der privaten Probleme, mit denen die Familie zu kämpfen hat. Ähnlich wie die oben bereits erwähnten Textbilder der Weltliteratur ergänzen hier die bebilderten Ereignisse das Thema des Comics. So entsteht ein subtiler Subtext, bei dem sich mehrere Exemplare auf der Spiegel-Bestsellerliste ruhig eine Scheibe abschneiden könnten. 

Bereits mehrfach wurden schon einige Elemente des Plots in diesem Artikel angedeutet, um zu zeigen, wie sich die Form der Erzählung mit dem Inhalt verbindet. Durch die gewählte Form der Autobiographie nimmt Bechdel bestimmte Erzählkritierien wie z.B. die korrekte Chronologie in Kauf, wandelt diese aber zu ihren Gunsten um. Natürlich gibt es gerade im Medium Comic, mit den bereits oben genannten Blankets und American Splendor, Alison Bechdel zwei Beispiele, die dieses Genre bereits ausgiebig beschrieben haben. Aber gerade an diesem Punkt gelingt es Bechdel, sich von ihren Kollegen abzuheben: bereits auf der zweiten Seite zerbricht sie das chronologische System, das sowohl in Blankets als auch in American Splendor die Geschichte strukturiert: Beim Lesen ihres Comics folgt man eben gerade nicht der Geschichte – gemeint ist hier die Historie und nicht die Erzählung – sondern nur den Gedankengängen der Heldin. So rechtfertigt Bechdel die Zitate aus der Literatur- und Kulturgeschichte und macht sie zum Teil ihrer privaten Erzählung. Und nur so kommt die Protagonistin zu den Schlüssen, die sie zieht; und nur so ergibt die Geschichte Sinn.

Bechdels Werk ist beeindruckend konzipiert. Während sie durch die Erzählform des Comics den Aspekt der „novel“ in graphic novel auf den Höhepunkt treibt, schafft sie es, die ganz eigene Form des Comics zu ihren Gunsten auszunutzen. Dieser Comic trägt meiner Meinung nach zu  Recht das Prädikat graphic memoir, da Bechdel in ihm über die bloße Autobiographie hinausgeht: sie verbindet auf geschickte Weise den Bereich des Öffentlichen, also Literatur und Zeitgeschehen, mit dem Bereich des Privaten, ihrer Autobiographie. Es ist ein Comic-Roman über andere Romane der Weltliteratur, aber auch über die Möglichkeiten des Mediums Comic.

Fun Home: A Family Tragicomic
Illustration und Text: Alison Bechdel
Houghton Mifflin Company
232 Seiten, Hardcover, 17,50 Euro
ISBN: 0618477942

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Bildquellen: pridesource.com (Cover), www.adlbooks.com (Promoseite), weirdsisters.org

Green Manor 1

green_manor1 Ich muss zugeben, dass ich bis vor kurzem gar nicht auf dem Schirm hatte, dass es die ZACK Edition gibt. Ich muss auch gestehen, dass ich das ZACK-
Magazin nicht lese, weniger aus Desinteresse als vielmehr wegen meiner Abneigung gegen Fortsetzungsgeschichten. Da stieß ich aber auf dieses schöne Album: Green Manor, dessen Inhalt bestens in ein Magazin nach meinem Gusto passen würde: der Band versammelt nämlich lauter abgeschlossene Krimi-Kurzgeschichten. Also nichts mit Fortsetzungen, alles wunderbar.

Ich muss zugeben, dass es mir ein wenig schwer fällt, hier einen Abriss des Inhalts zu geben, denn erstens handelt es sich ja um mehrere Handlungen und zweitens wollen wir hier nicht „spoilern“, was bei der Kürze der Geschichten gar nicht so leicht ist.
Ich versuche also, mich mit Andeutungen durchzumogeln: Das Green Manor ist ein feiner Club im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Hier wird sehr gern über verschiedene Mordfälle diskutiert, aber es werden auch welche ersonnen.

  • Ein „Angenehmes Schaudern“ wollen sich die Teilnehmer der großen Gesprächsrunde in der gleichnamigen Geschichte verschaffen, indem sie die Frage erörtern, ob ein Mord ohne Opfer oder ohne Mörder möglich ist. Die Antwort gefällt den Clubmitgliedern am Ende gar nicht.
  • „Postskriptum“: Der süffisant lächelnde Mr. Montgomery zweifelt den guten Ruf des scheinbar erfolgreichen Detective Johnson an und sagt ihm darum ins Gesicht: „Morgen Abend werde ich die hübsche Mrs. Rowe ermorden. Die Frage ist nun, ob Sie in der Lage sein werden, diesen Mord zu verhindern.“
  • In „Modus Operandi“ wird der Frage auf den Grund gegangen, wer der Serienmörder John Smith in Wahrheit ist. Er hinterlässt am Tatort immer eine Botschaft: „I will kill again“. Und das tut er dann auch.
  • Zwei Mitglieder des Clubs beklagen, dass Morde nicht mehr wie in der Antike große Kunstwerke seien. Das wollen sie ändern und planen einen spektakulären Mord um der Kunst willen. Doch die Geschmäcker der Kunstsinnigen scheiden sich an „21 Hellebarden“, die dabei zum Einsatz kommen sollen.

 

Ich muss zugeben, dass die Zusammenfassungen der Inhalte der letzten beiden Geschichten „Sutter 1801“ und „Der letzte Weg des Doktor Thompson“ mir hier etwas überflüssig erscheint. Die Storys sind allesamt ähnlich klug und amüsant konstruiert, man erlebt zwar keine Schocks und Überraschungen, aber ein angenehmes Krimi-Prickeln. Ein Erschreckendes aber haben diese Geschichten: es ist die menschenverachtende Lust, mit der die selbstgefällige, snobistische Clubgesellschaft über Morde spricht, sie gar plant und verübt. Hinter der wohligen, unterhaltsamen Anekdotenschleuderei steckt die Skrupellosigkeit einer brutalen, gelangweilten Gesellschaft. Charles Dickens lässt grüßen.

 

Ich muss zugeben, dass mir nicht einfällt, an welche Comics mich der Zeichenstil erinnert. Die Gesichter sind zwar stark karikiert, aber für einen Funny sind die Hintergründe zu opulent, die Kolorierung zu warm und „dick“. Es sieht alles schön, heimelig und harmonisch aus, nur hin und wieder tritt das Auge in eine nasskalte Pfütze, die daran erinnert, dass es außerhalb des Clubs eine armseligere Welt gibt. Die Bilder reißen nicht vom Hocker, aber sie missfallen auch nicht. Illustriert das etwa die Selbstgefälligkeit der Snobs?

 

Ich muss zugeben, dass mir nicht viel Gescheites zu diesem Comic einfällt, muss gestehen, dass ich nicht wüsste, wie man ihn recht loben sollte. Das ist seltsam, denn er gefällt mir, ich habe ihn mit Spaß gelesen, ich blättere immer noch gern darin herum. Ich glaube, das ist, weil er mich an frühere, kindlichere Comiclektüren erinnert. Denn er ist einfach, aber nicht anspruchslos, interessant, aber nicht spektakulär. Die Bilder sind so hübsch gefällig, das muss man einfach mögen. Ich bin gespannt, ob sich dieses angenehme Gefühl bei der Lektüre des angekündigten zweiten Bandes „Wer tot ist, hat weniger vom Leben“ nochmals einstellen wird.

 

Anzumerken ist noch, dass die Geschichten dieses Bandes bereits im ZACK-Magazin veröffentlicht wurden. Erstveröffentlichungen stellen nur die Geschichte „Sutter 1801“ und die von mir bisher – zugegebenermaßen – nicht erwähnte 4-seitige Rahmenhandlung dar.

 

Green Manor 1: Mörder und Gentlemen
Zack Edition, Juni 2006
Text: Fabien Vehlmann
Zeichnungen: Denis Bodart
Farben: Scarlett
56 Seiten, farbig, Softcover; 11,- Euro
ISBN: 3-932667-52-2

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limitierte Ausgabe von Green Manor (mit signiertem Druck) bei Comic Combo bestellen

 

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Comic! Jahrbuch 2007

icom2007Zum siebten Mal hat der ICOM (Interessenverband Comic e.V.) ein Jahrbuch herausgegeben, in dem er wie gewohnt durch viele Interviews und Artikel das vergangene Jahr Revue passieren lässt und Ausblick auf das kommende gibt.

Diesmal liegt der Schwerpunkt auf dem Mangamarkt in Deutschland. Dafür wurden die Verleger von Schwarzer Turm und Eidalon befragt (der Turm veröffentlicht seit diesem Jahr in enger Zusammenarbeit mit dem Animexx e.V. Manga aus Deutschland, während eidalon u.a. so genannte Amerimanga und „How to Draw …“-Zeichenlehrbücher herausbringt) sowie die Zeichnerinnen Christina Plaka und Hyde interviewt. Eingeleitet wird der Schwerpunkt durch den Artikel „Manga – Aspekte einer Erfolgsgeschichte“ von Andreas Dierks, abgerundet durch Interviews mit Verantwortlichen von Animexx (Andreas Vogler, Tobias Erlacher und Marcus Satzger) sowie den Gründern der MangaSzene, Steffi Holzer und Lars Erbstößer. In der hiesigen Mangakultur ist der Gemeinschaftsaspekt nicht hoch genug einzuschätzen, weshalb solche Portale und Magazine sehr wichtig für die Fans und natürlich auch die Produkte sind.

Auch andere Themen kommen im Jahrbuch 2007 nicht zu kurz. Neben dem genannten Schwerpunkt sind die weiteren Überthemen „Comic-Szene“, „Atelier“, „Internationaler Markt“, „Trickfilm“ sowie Interviews mit den aktuellen Preisträgern des ICOM Independent Comic-Preises 2006, der ihnen auf dem Comic-Salon im Juni verliehen wurde.

Unter anderem erfährt man durch Gespräche mehr über das Schaffen von Uli Stein, Jamiri und Hansi Kiefersauer, bekommt etwas über die Comicszene in Dänemark, den Niederlanden sowie den USA mit und wird auf Trends sowie interessante Exemplare bei Trickfilmen aufmerksam gemacht. Abgerundet wird das Ganze durch ein Personen- und Sachregister der letzten Jahre, Vorstellung der beteiligten Autoren sowie des ICOMs selber.

Als einzige Mankos fielen mir nur das „gewollt, aber nicht gekonnt“ wirkende Titelbild sowie der  unterschiedliche Umfang der Interviews, die dadurch mitunter etwas langatmig wurden, auf. Beides natürlich Geschmackssache. Wer erst mal reinschnuppern möchte: Auf der ICOM-Website gibt es eine ausführliche Auflistung aller Artikel/Interviews sowie jede Menge Leseproben.

In diesem über 230 Seiten starken, sorgfältig zusammengestellten und mit einem schönen Innenlayout versehenem DIN A4-Wälzer findet sich wirklich für jeden, der sich nur ansatzweise für die Hintergründe der aktuellen deutschsprachigen Comicszene (und darüber hinaus) interessiert, etwas Lohnendes.
Kaufempfehlung!

COMIC!-Jahrbuch 2007
Interessenverband Comic e.V. , Oktober 2006
Herausgeber: Burkhard Ihme
232 Seiten, DIN A4, Softcover s/w; 15,25 Euro
ISBN: 3888349370

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Bildquelle: http://www.comic-i.com

Mind the Gap 28: Previews 10/2006

previews Neue US-Comics müssen von Händlern jeweils etwa zwei Monate vor Erscheinen vorbestellt werden, was über den Katalog Previews geschieht, in dem die meisten US-Verlage ihre Produkte anbieten. Das Ziel von „Mind the Gap“ ist, euch bei dem Wust an monatlichen Veröffentlichungen einen groben Überblick zu verschaffen und die interessantesten Neuerscheinungen aus Previews hervorzuheben. Wenn der eine oder andere Tipp euer Interesse weckt, könnt ihr den entsprechenden Comic vorbestellen, indem ihr die Bestellnummer an den Comic-Händler eures Vertrauens weitergebt.

NEU AB DEZEMBER: Wunderliches von Bryan Talbot, Erschreckendes von Bill Gaines, Al Feldstein, Harvey Kurtzman et al., Apokalyptisches von Phil Hester und Brook Turner, Hochtouriges von Nicolas Mahler, Zuverlässiges von Jim Massey und Robbi Rodriguez, Gruftiges von Eric Wight, Neu-Universales von Warren Ellis und Salvador Larroca, Investigatives von Darwyn Cooke, Idyllisches von Gail Simone und Neil Googe und Unterirdisches von Paul Chadwick.

ALICE IN SUNDERLAND (Hardcover)
Dark Horse Comics | 328 Seiten | farbig | $ 29.95 | OCT06 0027

aliceDer Verlag wirft in seinem Infotext zu Alice in Sunderland mit schnatzen Attributpärchen wie „traditionell und experimentell,“ „skurril und polemisch“ und „opulent und vielschichtig“ um sich und bezeichnet die umfangreiche Graphic Novel als „berauschenden Cocktail aus Fakten und Fiktion“. Ausnahmsweise dürfte es sich dabei mal nicht um den printgewordenen Größenwahn eines uferlos auf- und übergefuchsten Werbestrategen handeln, sondern um eine akkurate Einschätzung der Sachlage. Was Bryan Talbot, Autor des einflussreichen The Adventures of Luther Arkwright und Urgestein der britischen Comicsszene, auf den üppigen 320 Seiten abliefert, sieht ersten Kostproben zufolge nach einer anspruchsvollen Bestandsaufnahme all dessen aus, was das Medium bis dato so erreicht hat – und das nicht bloß, weil Comic-Papst Scott McCloud (Understanding Comics) höchstselbst erscheint, um dem Cartoonisten in seinem eigenen Werk die Leviten zu lesen. (“Hi Bryan! Don't confuse the genre with the medium! Comics can be about anything. Any style, any subject!“)

Aber keine Angst: Es sieht nicht so aus, als ob Talbot sich dabei in technischem, intertextuellem Rumgewichse verirrt. Stil und Form werden in dem Band nicht um ihrer selbst willen zelebriert, sondern stehen im Dienst einer eigenständigen Geschichte. Alice in Sunderland beschäftigt sich mit dem englischen Schriftsteller Charles Lutwidge Dodgson, besser bekannt als Lewis Carroll, sowie mit Alice Liddell, die Dodgson als kleines Mädchen lange Jahre kannte und ihm als Inspiration für Alice's Adventures in Wonderland (Alice im Wunderland) gedient haben soll. Sunderland währenddessen ist eine Stadt im Nordosten Englands, in der Dodgson u.a. sein Nonsens-Gedicht „Jabberwocky“ verfaßt hat, und die für ihr vermeintlich verwunschenes Theater, das Sunderland Empire, bekannt ist. Auf diesen groben historischen Markierungen basiert Talbots größtenteils fiktive „Traumdokumentation“, wie er Alice in Sunderland nennt, deren Rahmenhandlung sich auf der Bühne des Sunderland Empire abspielt.

Darin eingewoben sind Dutzende mal kürzerer, mal längerer Erzählungen, die sich alle irgendwie im thematischen Dreieck Carroll-Liddell-Sunderland bewegen sollen und für welche Talbot von einem eindrucksvollen Repertoire unterschiedlichster Erzähltechniken und Stile Gebrauch macht, um den entsprechenden Stoffen gerecht zu werden. Schwarzweiß-Zeichnungen kommen beispielsweise ebenso zum Einsatz wie Monochrom- und Farbseiten, Wasserfarben, Collagen und digitale Bilder; allein die 24 Vorschauseiten lassen bereits eine Bandbreite erkennen, die es mühelos mit dem ganzen Rest des derzeitigen anglo-amerikanischen Marktes aufnehmen kann. Alice in Sunderland erscheint im Februar 2007 parallel bei Dark Horse Comics und dem Mainstream-Verlagsgiganten Random House und ist einer der ersten Anwärter auf den Platz des ambitioniertesten Comics 2007.

Links:
Wikipedia: Bryan Talbot
Wikipedia: Lewis Carroll
Wikipedia: Alice Liddell
Wikipedia: Sunderland Empire
Bryan Talbot: The Official Fanpage
Bryan Talbot: The Official Fanpage: 24 Seiten Vorschau auf Alice in Sunderland
Forbidden Planet International: Interview mit Bryan Talbot

EC ARCHIVES: TALES FROM THE CRYPT, Vol. 1 (Hardcover)
Gemstone Publishing | 212 Seiten | farbig | $ 49.95 | OCT06 3431

ec_archives“Death Must Come!“, „The Man Who Was Death“, „The Corpse Nobody Knew“, „Curse of the Full Moon!“ – die Titel der ersten vier von insgesamt 24 Geschichten des Bandes geben eine klare Marschrichtung vor. Tales from the Crypt war die bekannteste Horror-Serie des legendären US-Verlags EC Comics (“Entertaining Comics“), der unter seinem Chef Bill Gaines und den Redakteuren Harvey Kurtzman und Al Feldstein Anfang bis Mitte der 1950er bahnbrechende Erfolge feierte. Das Rezept: Mit Leserbriefseiten, Fanclubs und fiktiven Ansagern wie dem „Crypt Keeper“ erfand man eine neue, effektive Art der Leserbindung, lenkte im krassen Gegensatz zur Konkurrenz das Augenmerk des Publikums gezielt auf die Namen der einzelnen Zeichner, die man darüberhinaus zu stilistischer Vielfalt ermutigte, und legte vor allem Wert auf großartig illustrierte Geschichten mit überraschenden Wendungen und beißender Ironie, die sich nicht selten mit kontroversen sozialen Themen beschäftigten.

Natürlich war der Höhenflug von EC Comics den anderen Verlagen ein Dorn im Auge, weshalb man die Hexenjagd auf „jugendgefährdende“ Comics, die 1954 ihren Höhepunkt erreichte, ausnutzte, den unliebsamen Wettbewerber aus dem Markt zu kicken. Mit der Schaffung der sogenannten „Comics Code Authority“ – ironischerweise auf einem Vorschlag von Gaines selbst basierend – betrieb die US-Branche fortan Selbstzensur, um staatlichen Sanktionen vorzubeugen. Praktischerweise einigte man sich darauf, dass US-amerikanische Comics keine der für EC charakteristischen Merkmale mehr haben durften, um den CCA-Stempel zu erhalten. Begriffe wie „horror“ oder „weird“ hatten auf dem Titelblatt eines Comic-Hefts beispielsweise nichts mehr zu suchen, was als direkter Angriff auf die populären EC-Reihen The Vault of Horror, Weird Science und Weird Fantasy gewertet werden darf. Gaines versuchte zunächst, sich dem „Code“ zu entziehen, aber die Vertriebe weigerten sich daraufhin, seine Hefte zu verbreiten. Für die beliebten Reihen des Gaines-Verlags bedeutete dies schließlich das Aus.

Kaum hatte man Gaines in die Knie gezwungen, trat unter der Ägide von Redakteur Julius Schwartz 1956 in DC Comics' Showcase #4 mit einer überarbeiteten Version des Flash der erste Silver-Age-Superheld auf den Plan. Fünf Jahre später lösten Stan Lee und Jack Kirby mit Fantastic Four #1 schließlich einen neuen Superheldenboom aus, der sämtliche andere Comic-Genres in den Vereinigten Staaten dauerhaft auf die hinteren Plätze verwies und bis heute den US-amerikanischen Markt dominiert. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Publikationen von EC Comics zu einer Art modernen Mythos geworden sind, bei dessen Erwähnung einige der kreativsten Vertreter der Branche immer wieder glasige Augen bekommen und sich an die gute alte Zeit erinnern. Die Ironie, dass ausgerechnet die sonst so verpöhnten Fünfziger Jahre von progressiven Schöpfern wie Alan Moore oder Warren Ellis einmal als das „Goldene Zeitalter“ der US-Comics betrachtet werden würden, hätte Bill Gaines und seinen Leuten sicher gefallen.

Band Eins von EC Archives: Tales from the Crypt sammelt laut Verlags-Info die ersten sechs Ausgaben der eponymen Horror-Serie, die jeweils vier Geschichten enthalten. Geschrieben wurde das Material von Feldstein, Kurtzman und Gaines selbst, die Zeichnungen stammen von den Szenegrößen Wally Wood, Jack Kamen, Johnny Craig, Graham Ingels und gelegentlich auch von Kurtzman und Feldstein. Thematisch geht's um Zombies, Werwölfe, Flüche und Konsorten, und natürlich immer wieder Mord und Totschlag in allen möglichen Schattierungen – was das Horror-Genre eben so hergibt. Wenn man nur einen Bruchteil dessen glaubt, was Augenzeugen über die Qualität der EC-Geschichten erzählen, lohnt sich die Investition in das Buch.

Links:
Wikipedia: EC Comics
Wikipedia: Tales from the Crypt
Newsarama: Interview mit Herausgeber Russ Cochran

GOLLY! #1
Markosia Enterprises | 36 Seiten | farbig | $ 3.50 | OCT06 3555

golly“Was wäre, wenn die Apokalypse hereinbräche, und keiner bekäm's mit?“ Mit dieser faszinierenden Frage beginnt der Infotext zu Golly!. Schwupps, ich bin am Haken. Und es geht nicht minder spannend weiter. „Das Ende der Welt steht bevor, aber, mal ganz ehrlich, Himmel und Hölle haben jeglichen Enthusiasmus für alles verloren, was auch nur annähernd mit einer Endabrechnung zu tun hat. Der Schutzengel der Erde erwählt Golly Munhollen, Teilzeitrennfahrer, Teilzeitkirmesheld und Vollzeitvollidiot, zum Verteidiger der Menschheit gegen jene Elemente der Hölle, die immer noch ganz wild darauf sind, am Tag des jüngsten Gerichts irgendeinen Quatsch zu veranstalten. […] Golly bekommt dabei Unterstützung von seinen Kumpels: Vaughn, dem tätowierten Zweimeterzwanzigmann; Pig, der früheren Fat Lady einer Freakshow und heutigen Muskelfrau; Miguel, dem hochbegabten hundsgesichtigen Akrobaten; und Satan, dem ehemaligen Monarchen der Hölle, der schlechte Zeiten durchmacht und den Kirmesplatz abklappert, um Geld für Zigaretten zu schnorren.“

Golly!-Co-Schöpfer Phil Hester ist in erster Linie als Zeichner bekannt. Hester hat in der Vergangenheit u.a. Green Arrow illustriert und arbeitet zur Zeit an Robert Kirkmans The Irredeemable Ant-Man für Marvel. Mit Comics wie The Coffin, Firebreather, Deep Sleeper und The Atheist hat er sich aber auch als Autor bereits seine Sporen verdient. Hesters Geschichte wird realisiert von Zeichner Brook Turner, dessen Bibliographie sich bisher dadurch auszeichnet, dass sie nicht existiert, was in seinem Profil bei dem Comic-Kollektiv Shocktrauma Studios auch ausdrücklich betont wird. „Wegen Kraftausdrücken und kruden Humors wird diese Serie kindischen Erwachsenen wärmstens ans Herz gelegt“, heißt es weiter im Infotext. Hier bin ich.

Links:
Wikipedia: Phil Hester

LONE RACER (Paperback)
Top Shelf Productions | 98 Seiten | schwarzweiß | $ 12.95 | OCT06 3717

lone_racerWir schalten nach Österreich – nach Wien, um genau zu sein, wo der internationale Cartoonist Nicolas Mahler lebt, wohnt und wirkt. Mahler, dessen der, die, Das (Wieso, weshalb, warum?) Unbehagen den diesjährigen Max-und-Moritz-Preis für den „besten deutschsprachigen Comic“ abstauben durfte, hat seit 1996 an die 40 Comic-Bände produziert, die in Österreich, Frankreich und Kanada erschienen sind. Seinen Flaschko – Der Mann in der Heizdecke hat er in einer Reihe von Kurz-Trickfilmen animiert, die auf Filmfestivals und in deutschsprachigen Kinos gezeigt werden; sein Kratochvil machte in mehreren Ländern als Puppenstück die Runde; und 2004 erschien mit Van Helsing's Night Off Mahlers erster US-amerikanischer Band, eine Sammlung humoriger Geschichten mit bekannten Gruselfiguren. Im Dezember bekommen die Amis mit Lone Racer nun endlich einen Nachschlag.

Der Lone Racer ist – wieder mal – ein heruntergekommener Rennfahrer. Im Gegensatz zu Gollys ausgesprochen apokalyptischem Problem (Hinweis für Aufmerksamkeitsschwache, Gedächtnisgeschädigte und Guerrilla-Leser: siehe oben!) sind Racers Sorgen allerdings eher irdischer Natur. Der Arme hat seine Zukunft weitgehend hinter sich und will nach einer sehr kurzen zweiten Karriere als Bankräuberfluchtwagenfahrer endlich wieder zurück auf die Überholspur. Im Hause Top Shelf bezeichnet man Mahlers Stil als „skurril“, „gewichtig“ und „skizzenhaft“, bei der Verleihung des Max-und-Moritz-Preises attestierte man ihm laut Wikipedia „virtuos zwischen banal, absurd und kafkaesk“ zu pendeln. Das letzte Wort soll Herr Mahler selbst haben, so gesprochen im sympathischen, erfrischend bullshitlosen Pictopia-Interview auf die Kasperfrage hin, ob es denn eine Frage gäbe, die man ihm zu stellen vergessen habe, die er aber trotzdem gerne beantworten möchte: „Nein.“

Links:
Wikipedia: Nicolas Mahler
Nicolas Mahler@Comic.at
Nicolas Mahler@Electrocomics
Pictopia: Interview mit Nicolas Mahler
Silver Bullet Comics: Interview mit Nicolas Mahler

MAINTENANCE #1
Oni Press | 22 Seiten | schwarzweiß | $ 3.50 | OCT06 3599

maintenanceDoug und Manny haben einen harten aber spannenden Job: Sie sind Hausmeister bei TerroMax Incorporated, dem „größten und besten bösen Wissenschafts-Thinktank der Welt,“ wie uns der Infotext in Kenntnis setzt. „Wenn sie es mal nicht mit Giftmüllmonstern und sprechenden Menschenhaien zu tun haben, müssen sie sich immer noch mit durchgeknallten Wissenschaftlern, verrückten Möchtegern-Diktatoren und der süßen Kleinen von der Rezeption herumschlagen!“ Maintenance von Autor Jim Massey (Death Takes a Holiday) und Zeichner Robbi Rodriguez (Hero Camp), nach Wasteland eine weitere neue, fortlaufende Reihe der Qualitätsfetischisten von Oni Press, hört sich so ein bisserl nach einer Mischung aus Damage Control und Super Mario Bros. an und verdient sich mit dem originellen Ansatz schon mal erste Sympathiepunkte.

Jim Massey lässt sich im Interview mit Comic Book Resources nicht lange bitten, als man ihn auf seine Absichten mit Maintenance anspricht. Er ist davon überzeugt, dass die Serie äußerst unterhaltsam wird, „weil die Gags Hand und Fuß haben, die Figuren solche sind, die man mag und mit denen man Zeit verbringen will, und die Geschichte mitreißend ist“. An Selbstvertrauen hapert's also nicht. „Ich habe nicht vor, zu schockieren“, fährt Massey fort. „Ich will nicht, dass der Humor arrogant rüberkommt. Ich will kein postmoderner, postironischer, post-was-weiß-ich-für-ein Klugscheißer sein, der sich über lächerliche Genre-Elemente lustig macht, weil er offensichtlich über ihnen steht. Wir wollen euch eine Show bieten, und wir werden jonglieren und steppen und auf der Ukulele spielen und alles Erdenkliche tun, uns dabei vorzüglich zu amüsieren. Monster! Gelächter! Spaß!“ Lippenbekenntnisse klingen anders.

Links:
Ninth Art: Jim Massey über Jim Massey
Comic Book Resources: Jim Massey über Maintenance

MY DEAD GIRLFRIEND, Vol. 1 (von 3) (Paperback)
Tokyopop | 192 Seiten | schwarzweiß | $ 9.99 | OCT06 3652

my_deadDem jungen Finney geht es wie vielen Teenagern: Seine ganze Familie und all seine Schulkameraden sind tot, aber er selbst schafft es immer wieder irgendwie, dem Sensenmann von der Schüppe zu springen. Seine verblichene Mutter treibt das natürlich in den Wahnsinn. Als wäre das nicht schon schlimm genug, verliebt sich Finney auch noch unsterblich in seine Klassenkameradin Jenny. Problem: Jenny ist ein Geist. Selbst wenn Finney also den Mut aufbringt, sie zum Tag des Totentanzes einzuladen, wird er sie weder küssen noch mit ihr Händchen halten können – vom Tanzen ganz zu schweigen. Man hat's eben nicht leicht als lebendiger junger Hüpfer.

Die dreiteilige Liebeskomödie My Dead Girlfriend gehört zur Gattung der „original English language (OEL) manga,“ wenn man sich in bestimmten Kreisen umhört. Der Begriff ist nicht ganz ungeschickt gewählt, denn „Manga“ verkaufen sich nun mal großartig, während die guten alten „Comics“ es im Vergleich eher schwer haben. Von marketingtechnisch motivierten semantischen Spielchen mal abgesehen, ist das aber natürlich kompletter Schwachsinn: „Manga“ sind ja auch nix anderes als Comics, genauso wie die französischen bandes designées, die italienischen fumetti oder die anglo-amerikanischen comic books und graphic novels. Was man mit dem Nonsens-Etikett „Original englischer japanischer Comic“ also meistens ausdrücken will, ist schlicht, dass es sich um einen anglo-amerikanischen Comic handelt, der sich stilistisch, inhaltlich und in Sachen Format stark an Manga orientiert.

Bei My Dead Girlfriend ist das nicht anders. Der Comic stammt von einem US-Amerikaner und erscheint bei einem US-amerikanischen Verlag in US-Amerika. Autor/Zeichner Eric Wight hat bisher nicht nur an allen möglichen Zeichentrickserien mitgearbeitet, sondern steckt auch hinter einigen der fiktiven Comic-Serien, die speziell für die Fernsehserien Six Feet Under und The O.C. angefertigt wurden. Im Comic-Bereich ist Wight bisher vor allem durch seine Beiträge zur Dark-Horse-Anthologiereihe Michael Chabon Presents The Amazing Adventures of the Escapist bekannt, mit denen er vor zwei Jahren einen Russ-Manning-Award gewann. Wight verfügt über einen sehr attraktiven Zeichenstil, handwerkliches Können und ein goldenes Händchen für mitreißende Geschichten. Sollte er mit My Dead Girlfriend den großen Durchbruch schaffen, wär' das daher 'ne feine Sache.

Links:
Eric Wight@MySpace.com
Newsarama: Eric Wight über My Dead Girlfriend + Vorschau
IGN.com: Interview mit Eric Wight
Ain't It Cool News: Interview mit Eric Wight
USA Today: Interview mit Eric Wight

NEWUNIVERSAL #1
Marvel Comics | 22 Seiten | farbig | $ 2.99 | OCT06 2166

newuniversalNomen est omen. Gleich ein ganzes neues Universum heben der britische Autor Warren Ellis (Fell, Nextwave: Agents of H.A.T.E.) und Zeichner Salvador Larroca (X-Men) aus Spanien im Dezember aus der Taufe. Im Gegensatz zum regulären Marvel-Universum ist die Erde in Newuniversal bezüglich Menschen mit Superkräften noch völlig jungfräulich. Diese tauchen erst nach dem ominösen „Weißen Ereignis“ auf (die Milch macht's? Wir rätseln …), und selbst dann sind es nur „eine Handvoll.“ Ellis betont, dass er das Konzept der Serie eher in der Tradition der Science Fiction sieht als der der Superhelden. Der Autor will sich vorrangig mit der Frage beschäftigen, wie die Welt mit all ihren mehr oder weniger bodenständigen Problemen denn wirklich auf die Existenz von Superkräften reagieren würde.

Parallelen zu früherem Material, wie etwa J. Michael Straczynski's Rising Stars, drängen sich da natürlich auf, aber der Ursprung von Newuniversal liegt anderswo: Im Jahre 1986 machte sich der damalige Chefredakteur Jim Shooter anläßlich des 25-jährigen Bestehens des Marvel-Universums daran, nach dem Vorbild von Stan Lee und Jack Kirby ein neues Superheldenuniversum zu schaffen – das New Universe war geboren. Die neue Fantasiewelt erstreckte sich über acht Titel und sollte bis auf die wenigen mit Superkräften ausgestatteten Protagonisten möglichst realistisch bleiben. Schon bevor das erste Heft erschien, hatte Shooter eigenen Aussagen zufolge allerdings mit nahezu unüberwindlichen Hürden zu kämpfen, weil die Eigentümer des Verlags das Budget für die neue Sparte ständig nach unten korrigierten. Shooter und sein Team mussten dadurch ihre ursprünglichen Pläne wiederholt revidieren und den finanziellen Rahmenbedingungen anpassen, was dem Projekt, gelinde gesagt, schadete. Obwohl mit Autoren und Künstlern wie John Byrne, Peter David oder Mark Bagley durchaus fähige Köpfe an den New-Universe-Comics beteiligt waren, wurde das Unterfangen 1989 schließlich wegen schlechter Verkaufszahlen abgebrochen. Die meisten der Serien waren schon lange vorher auf der Strecke geblieben.

Seitdem hat es immer wieder Gastauftritte der New-Universe-Figuren gegeben, bevor man 2005 unter dem Titel Untold Tales of the New Universe eine Reihe von Sonderheften herausbrachte, die die Erinnerung der Leserschaft auffrischen und diese auf Newuniversal einstimmen sollten – und das, obwohl Ellis' Serie einen kompletten Neuanfang darstellt, der sich zwar einige Ideen aus dem bekannten „Neuen Universum“ borgt, aber ansonsten nach dem tabula-rasa-Prinzip vorgeht. Auf den ersten Blick scheint Newuniversal ehrlich gesagt nicht viel Originelles zu bieten; das Konzept ist eher etwas überstrapaziert, wenn man sich Watchmen und seine Sprößlinge The Authority, Supreme Power, The Boys und so weiter anschaut. Andererseits ist Warren Ellis immer für eine Überraschung gut, also sollte man Newuniversal auch nicht gleich abschreiben. Kostproben von Larrocas Zeichnungen, die zuletzt qualitativ eher gelitten hatten und durch produktionstechnische Experimente verhunzt worden waren, stimmen jedenfalls schon mal sehr positiv.

Links:
Wikipedia: Warren Ellis
Wikipedia: Salvador Larroca
Wikipedia: New Universe
Comic Book Resources: Warren Ellis über Newuniversal
The Pulse: Interview mit Salvador Larroca + 8 Seiten Vorschau

THE SPIRIT #1
DC Comics | 22 Seiten | farbig | $ 2.99 | OCT06 0226

spiritDie Figur des Spirit wurde geschaffen von Will Eisner, jenem renommierten Comic-Pionier, der mit A Contract with God and Other Tenement Stories 1978 zu den Gründungsvätern der amerikanischen Graphic Novel zählte und mit dem erstmals 1985 erschienenen Comics and Sequential Art das bis heute definitive Lehrbuch über das Medium Comic verfasst hat. Die üblicherweise siebenseitigen Abenteuer des Spirit erschienen ab 1940 als Hauptgeschichte eines speziellen Comic-Teils, den man als Beilage in bis zu 20 Sonntagszeitungen fand. Der „Spirit-Teil“, wie die Einlage bald genannt wurde, hielt sich bis 1952, aber auch danach gab es bis in die Gegenwart immer wieder Nachdrucke und gelegentlich neue Geschichten mit der Figur. Die letzte von Eisner selbst geschriebene und (mit Hilfe seines Schülers Alex Saviuk) gezeichnete Spirit-Story erschien postum im April 2005: In Michael Chabon Presents The Amazing Adventures of the Escapist #6 traf Eisners Detektiv auf Chabons Entfesslungshelden.

Der Spirit heißt in Wahrheit Denny Colt. In der Entstehungsgeschichte vom 2. Juni 1940 wird erzählt, wie Colt, ein gewiefter Polizist, im Kampf mit dem Schurken Dr. Cobra an einer mysterösen Chemikalie stirbt. Bald stellt sich jedoch heraus, dass Colt nur scheintot ist – bei Nacht und Nebel entsteigt er seinem Grab, streift sich eine Maske über und geht fortan als „Spirit“ seinem ehemaligen Vorgesetzten, Commissioner Dolan, zur Hand. Die Geschichte ist eher funktionell denn tiefgründig, und in den folgenden Strips geht es selten um Denny Colt selbst. Aber dies ist durchaus beabsichtigt. Obwohl die Figur über die Jahre hinweg Beziehungen zu wiederkehrenden Freunden und Gegnern entwickelt, sind es meistens die „kleinen Leute“, die genauer charakterisiert und unter die Lupe genommen werden. Der Spirit wirkt dabei oft weniger wie ein Protagonist im traditionellen Sinn, sondern wird eher als Werkzeug eingesetzt, das die Geschichten, die Eisner am Herzen liegen, vorantreibt und ihre Moral herausarbeitet. Wer sich mit Eisners Held vertraut machen will, dem sei der vor rund einem Jahr bei DC Comics erschienene Band The Best of The Spirit empfohlen, der 22 der interessantesten „The Spirit“-Strips enthält.

Autor und Künstler Darwyn Cooke (Solo, DC: The New Frontier), der auch schon für den Anheizer Batman/The Spirit im November verantwortlich zeichnet, will die Figur mit The Spirit in die Gegenwart transportieren, dabei aber den Grundpfeilern von Eisners Vision treu bleiben. Diese sieht Cooke zum einen in den „reichhaltigen menschlichen Dramen“, die Eisners Kurzerzählungen voller „Action, Verbrechen, Liebesgeschichten und Pathos“ auszeichnen; und zum anderen in den innovativen Erzähltechniken, die im ursprünglichen Strip ständig neu entwickelt und verfeinert wurden und das Medium auf unschätzbare Weise bereichert haben. Man kann sich streiten, ob ein Spirit ohne Eisners Mitwirkung Sinn hat, aber an einem Mangel von Enthusiasmus oder Können wird die Serie sicher nicht scheitern. Cooke ist einer der versiertesten und spannendsten Cartoonisten, die die amerikanische Branche zu bieten hat und man nimmt es ihm ab, dass er es als große Sache betrachtet, mit The Spirit das Erbe eines seiner Vorbilder anzutreten.

Sowohl Batman/The Spirit als auch The Spirit sollen übrigens schon vor dem Tod Eisners am 3. Januar 2005 in Planung gewesen sein und Eisners Segen erhalten haben. Seither hat Denis Kitchen, ein Freund und Partner Eisners, der nun dessen Belange verwaltet, ein Auge auf das Projekt.

Links:
Wikipedia: Will Eisner
Wikipedia: Darwyn Cooke
Wikipedia: The Spirit
Newsarama: Darwyn Cooke über The Spirit

TRANQUILITY #1
DC Comics/WildStorm | 22 Seiten | farbig | $ 2.99 | OCT06 0252

tranquilityMit Tranquility, der achten und vorläufig letzten der neuen „WorldStorm“-Serien, mit denen man bei DC seit September versucht, Jim Lees WildStorm-Universum aufzumöbeln, traut man sich nun doch noch, ein neues Konzept auf den Markt loszulassen. Autorin Gail Simone (Gen13, Birds of Prey) und Zeichner Neil Googe (Majestic) stellen in der fortlaufenden Reihe die US-amerikanische Gemeinde Tranquility vor, in die sich alternde oder des Kampfes müde Leute mit Superkräften zurückziehen, um in Ruhe ihren Lebensabend und ihr Familienleben zu genießen. Aber natürlich dauert es nicht lange, bis in der Kleinstadt Spannungen entstehen. Es kommt zu Ärger, Skandalen und Mord. Als ein Nachrichtenteam auftaucht, um einen Beitrag über Tranquility zu drehen, wird die Situation zum Alptraum für die örtlichen Behörden.

Das alles scheint genau Simones Kragenweite zu sein, und die Prämisse von Tranquility knüpft nahtlos an avantgardistischere WildStorm-Serien à la Sleeper, Wildcats Version 3.0 oder The Intimates an. Leider muss man jedoch kein Pessimist sein, um Tranquility langfristig geringe kommerzielle Erfolgschancen einzuräumen, denn die „WorldStorm“-Debütausgaben von Wetworks, Gen13, The Midnighter und selbst Grant Morrisons The Authority haben allesamt eher durchwachsene Kritiken geerntet. Die erste Ausgabe des kommerziellen Flaggschiffs Wildcats währenddessen wurde zwar wohlwollend aufgenommen, trudelte aber mit einem Monat Verspätung in den Läden ein – und damit nicht genug: Wildcats #2, ursprünglich für November 2006 vorgesehen, wurde kürzlich um vier Monate auf März 2007 verschoben. So sehr man Autoren wie Morrison, Garth Ennis oder Gail Simone den Erfolg auch wünschen mag – insbesondere wenn es um frische Ware wie Tranquility geht -, die Zeichen scheinen momentan eher gegen WildStorm zu stehen.

Links:
Wikipedia: Gail Simone
Newsarama: 5 Seiten Vorschau auf Tranquility

THE WORLD BELOW (Paperback)
Dark Horse Comics | 192 Seiten | schwarzweiß | $ 12.95 | OCT06 0032

world_belowDer mehrfach mit Eisner- und Harvey-Preisen ausgezeichnete Schöpfer von Concrete, Cartoonist Paul Chadwick, wollte 1999 mit The World Below eine monatliche, fortlaufende Reihe ins Leben rufen, mit der er sich zwischen den meist ausgedehnten Concrete-Erzählungen würde austoben können. The World Below sollte alle vier Wochen eine eigenständige, 20-seitige Geschichte enthalten. O-Ton Chadwick über The World Below: „Ich bin nicht in der Stimmung für Epen. Dieser Comic ist für Leute wie mich, die einen Aufmacher, eine Story und einen Schluss haben wollen, die sie in einem Zug durchlesen – und verstehen – können. Schlichtheit, Erstaunen, Cleverness – das sind meine Ziele.“ Unglücklicherweise spielten die Verkaufszahlen aber nicht mit, und The World Below – damals noch in Farbe – wurde bereits nach vier Ausgaben eingestellt. Mit The World Below: Deeper and Stranger kam von Ende 1999 bis Anfang 2000 dann nochmal eine vierteilige Fortsetzung in Schwarzweiß, aber danach verschwand die Reihe in der Versenkung.

Das Konzept von The World Below ist Chadwicks Zielsetzung entsprechend eher simpel und sehr förderlich für die Art Geschichten, die der Autor erzählen will: Im US-Staat Washington stolpert Charles Hoy eines Tages über eine winzige Flugmaschine, die aus einer Erdspalte aufsteigt. Hoy reißt sich das Gerät unter den Nagel und entdeckt bald, dass es nicht von Menschenhand gemacht ist. Nach einigen Irrungen und Wirrungen stellt er schließlich eine Expedition zusammen, die in die Erdspalte hinabsteigen und den Ursprung des Wunderdings erforschen soll. Dass es sich im Groben um eine Abenteuergeschichte in der Tradition von Poe und Verne handelt, ist unschwer zu erkennen, aber Chadwick gibt auch Jack Kirby als Einfluss an, woraus eine interessante Mixtur entstehen sollte. Der Infotext zum neuen Sammelband (übrigens im Taschenbuchformat) verschweigt die Tatsache, dass das Material schon einmal veröffentlicht wurde, was leider nichts neues ist für Dark Horse Comics. Geht man von der Seitenanzahl aus, ist aber mehr als genügend Platz für alle acht Hefte. Und, wer weiß, vielleicht legt man ja noch ein bißchen „Bonus-Material“ drauf.

Links:
Wikipedia: Paul Chadwick
Paul Chadwick's Comics: Interview mit Paul Chadwick

Der Heftchen-Ticker für Dezember

+++The Bakers Meet Jingle Belle von Paul Dini und Kyle Baker. (Dark Horse Comics, $ 2.99)+++Batman Confidential #1 von Andy Diggle und Whilce Portacio. (DC Comics, $ 2.99)+++Bye Bye Harvey: A Gun Theory Short Story von Daniel Way und Jon Proctor. (Bad Press, $ 1.99)+++Civil War: War Crimes von Frank Tieri und Staz Johnson. (Marvel Comics, $ 3.99)+++Criminal Macabre: Two Red Eyes #1 (von 4) von Steve Niles und Kyle Hotz. (Dark Horse Comics, $ 2.99)+++The Cryptics' Second Issue von Steve Niles und Benjamin Roman. (Image Comics, $ 3.50)+++The Darkness: Level 0 von Paul Jenkins, Geraldo Borges und Mattias Snygg (Image Comics/Top Cow, $ 2.99)+++The Darkness: Level 1 von Paul Jenkins, David Wohl und Stejpan Sejic. (Image Comics/Top Cow, $ 2.99)+++Iron Man/Captain America: Casualties of War von Christos N. Gage und Jeremy Haun. (Marvel Comics, $ 3.99)+++Justice Society of America #1 von Geoff Johns und Dale Eaglesham. (DC Comics, $ 3.99)+++Manhunter #26 von Marc Andreyko und Javier Pino. (DC Comics, $ 2.99)+++Marvel Holiday Special von Mike Carey, Roger Langridge, et al. (Marvel Comics, $ 3.99)+++Meltdown #1 (von 2) von David Schwartz und Sean Wang. (Image Comics, $ 5.99)+++Mike Carey's One-Sided Bargains von Mike Carey, Mike Perkins und P.J. Holden (Image Comics, $ 5.99)+++Mr. Stuffins #1 von Andrew Cosby und Lee Carter. (Boom! Studios, $ 3.99)+++New Avengers: Illuminati #1 (von 5) von Brian Michael Bendis und Jim Cheung. (Marvel Comics, $ 2.99)+++Outer Orbit #1 (von 4) von Zach Howard, Sean Murphy und Hans Rodionoff. (Dark Horse Comics, $ 2.99)+++Sandman Mystery Theatre: Sleep of Reason #1 (von 5) von John Ney Rieber und Eric Nguyen. (DC Comics/Vertigo, $ 2.99)+++Scarface: Scarred for Life #1 von John Layman und Dave Crosland. (IDW Publishing, $ 3.99)+++Spawn/Batman von Todd McFarlane und Greg Capullo. (Image Comics, $ 5.99)+++Spider-Man: Reign #1 (von 4) von Kaare Andrews. (Marvel Comics, $ 3.99)+++30 Days of Night: Spreading the Disease #1 von Dan Wickline und Alex Sanchez. (IDW Publishing, $ 3.99)+++Ultimates 2 #13 (von 13) von Mark Millar und Bryan Hitch. (Marvel Comics, $ 3.99)+++Ultimate Vision #1 (von 5) von Mike Carey und Brandon Peterson. (Marvel Comics, $ 2.99)+++Winter Soldier: Winter Kills von Ed Brubaker und Lee Weeks. (Marvel Comics, $ 3.99)+++Wonder Man #1 (von 5) von Peter David und Andrew Currie. (Marvel Comics, $ 2.99)+++Wonderlost #1 von C.B. Cebulski, Paul Azaceta, et al. (Image Comics, $ 5.99)+++X-23: Target X #1 (of 6) von Craig Kyle, Christopher Yost und Mike Choi (Marvel Comics, $ 2.99)+++

Der Bücher-Wurm für Dezember

+++Athena Voltaire: The Collected Web Comics (Paperback) von Steve Bryant und Paul Daly (Ape Entertainment, $ 13.95)+++Batman: Secrets (Paperback) von Sam Keith (DC Comics, $ 12.99)+++Batman: Year 100 (Paperback) von Paul Pope (DC Comics, $ 19.99)+++Doom Patrol, Vol. 5: Magic Bus (Paperback) von Grant Morrison, Richard Case, et al. (DC Comics/Vertigo, $ 19.99)+++Emily the Strange, Vol. 1 (Paperback) von Cosmic Debris (Dark Horse Comics, $ 19.95)+++Fallen Angel, Vol. 2: Down to Earth (Paperback) von Peter David, David Lopez und Fernando Lopez (DC Comics, $ 14.99)+++Garth Ennis' 303 (Paperback) von Garth Ennis und Jacen Burrows (Avatar Press, $ 19.99)+++Jack Staff, Vol. 3: Echoes of Tomorrow (Paperback) von Paul Grist (Image Comics, $ 16.99)+++The Mighty Skullboy Army, Vol. 1 (Digest) von Jacob Chabot (Dark Horse Comics, $9.95)+++Savage Dragon Archives, Vol. 1 (Paperback) von Erik Larsen (Image Comics, $ 19.99)+++

Anregungen, Lob oder Kritik sind wie immer herzlich willkommen. Schaut einfach im Forum vorbei oder schickt eine E-Mail.

Bildquellen: Previews – Diamond Comic Distributors; Alice in Sunderland, The World Below – Dark Horse Comics; EC Archives – Amazon; Golly! – Markosia Enterprises; Lone Racer – Top Shelf Productions; Maintenance – Oni Press; My Dead Girlfriend – Tokyopop; Newuniversal – Marvel Comics; The Spirit, Tranquility – DC Comics

Killer stellen sich nicht vor

tardi_killer „Ach, sei still! Trink deinen Scotch aus, geh duschen. Und komm vögeln!“
In Jacques Tardis neuester Romanadaption einer Vorlage von Jean-Patrick Manchette geht es im Prinzip so zu wie in Frank Millers Sin City. Sex, Gewalt und Rache sind bestimmende Elemente der Handlung, die Optik ist schwarz-weiß und trostlos. In den Details aber unterscheiden sich das von Tardi/Manchette gezeichnete Frankreich der Siebzigerjahre und die fiktive Stadt der blutigen Sünde gewaltig voneinander.

Während in Sin City eine fast schon rauschhafte, ästhetische Verklärung von Gewalt stattfindet, konzentriert sich „Killer stellen sich nicht vor“ mehr darauf, das Geschehen in einem Geflecht von Wechselwirkungen verschiedener Lebensbereiche zu zeigen, in einem Zusammenspiel von persönlichen, familiären, gesellschaftlichen, national- und weltpolitischen Ereignissen. Das Paris Tardis ist verstörender, in gewisser Weise hässlicher als Sin City.

Nun habe ich mich vor lauter Begeisterung zu inhaltsschweren Sätzen hinreißen lassen, sollte aber doch alles der Reihe nach abhaken. Darum erst mal die Handlung: Georges Gerfaut ist Ingenieur, der für seine Firma Elektrogeräte an den Einzel- und Großhandel verkauft. Sein Innenleben „ist dunkel und konfus, in groben Zügen erahnt man linke Ideen.“ Als er einmal mit seinem Auto unterwegs ist, beobachtet er, wie ein Citroen von einem Lancia von der Straße abgedrängt wird. Er bringt den schwer angeschlagenen Fahrer in ein Krankenhaus, ohne sich aber nach dessen Namen zu erkundigen.

Er ahnt nicht, dass die Killer Carlo und Bastien, die in dem Lancia saßen, ihn nun für einen Mitwisser halten. Mitwisser von was? Sie hatten nur von einem Monsieur Taylor – den wir vor einem aufgeschlagenen Playboy-Heft masturbierend kennen lernen: „Er fristete ein elendes Dasein. Er lebte völlig allein.“ – den Auftrag bekommen, den Fahrer des Citroens kaltzustellen. Nun heften sie sich Gerfaut an die Fersen, und drei Tage später, während er mit Frau und seinen zwei Kindern im Badeurlaub ist, versuchen sie ihn zu ertränken. Der Anschlag misslingt, doch Georges ist so verstört, dass er seine Familie sitzen lässt und zurück nach Paris fährt. Dort aber wird er von den Killern entdeckt und gejagt. An einer Tankstelle kommt es zu einer haarsträubenden Schießerei, bei der Carlo getötet wird.

Gerfaut flieht verletzt und versteckt sich in einem Güterzug, der allerdings schon von einem Penner besetzt ist. Der Penner schlägt ihn nieder, raubt ihn aus und wirft ihn in den Alpen aus dem Zug. Gerfaut wird von einem alten Kauz gefunden, der ihn bei sich in einer Hütte wohnen lässt. Obwohl er sich dort einen neuen Namen zulegt, wird er irgendwann von Bastien entdeckt. Wieder kommt es zu einer Schießerei. Da beschließt Gerfaut, den Auftraggeber zu finden und sich zu rächen.

 

Das vielschichtige, textreiche Szenario zeigt eindrucksvoll die Labilität einer auf den ersten Blick normalen Existenz. Gerfauts gesamtes Leben läuft aus dem Ruder. Nach dem ersten Angriff auf sein Leben kommt er erst nach fast einem Jahr wieder zu seiner Familie zurück. Das scheinbar normale Leben, das er danach wieder aufnimmt, ist aber eine Farce, denn mittlerweile hat er „mindestens zwei Männer getötet“.

Die Handlung wird immer wieder durch Details in den Bildern oder durch Zeitungszitate ins Verhältnis zum Rest der Welt gesetzt. Es ist erschütternd zu beobachten, wie indifferent Gerfaut dem politischen Klima seiner Zeit begegnet, obwohl sein Fall durchaus politische Komponenten hat, wie sich später herausstellt. So kehrt er nach seinem „blutigen Abenteuer“ wieder „in sein Nest“ zurück. Es hat sich nichts geändert, es ist alles nur noch ein bisschen unerträglicher geworden.

Ein Leitmotiv, das den Comic durchzieht, ist Jazzmusik. Da bin ich leider zu unbeleckt, um die Bedeutungsnuancen herauszufiltern, die sicher auch in der häufigen Nennung gerade zu hörender Jazzmusiker intendiert sind. Denn in den Panels von Jacques Tardi hat für gewöhnlich alles eine Bedeutung. Jedenfalls geht die Durchdringung des Comics mit Jazz so weit, dass das Röcheln eines Menschen, dem die Kehle zertrümmert wurde, mit Francois Mauriac und Roland Kirk verglichen wird …

Ein absurdes und komisches Moment – solche Momente fehlen eigentlich so gut wie nie bei Tardi – ist Bastiens Begeisterung für Superheldencomics. Diese Helden dürfen bei Tardi dann schon auch mal durch das akribisch recherchierte Siebzigerjahre-Setting spazieren. Und am Grab Carlos liest Bastien als Grabrede den Text des Vorsatzblattes von „Spider-Man“: „Bevor er zum Kämpfer wider das Unrecht und zum gnadenlosen Rächer wurde …“

Tardis kauziger Zeichenstil, seine Knollengesichter und die manchmal fast unbeholfen wirkenden Darstellungen von Bewegung und Kämpfen gehen eine ganz andere Richtung als zum Beispiel Millers durchchoreografierte Gewaltexzesse. Figuren, Bewegungen und Hintergründe, so detailgenau sie auch recherchiert sein mögen, sind bei Tardi immer zum Zeichenhaften, zur Literatur hin stilisiert. Das verleiht ihm im bunten, bildverliebten Comicland Frankreich sicher eine Sonderstellung, rückt ihn in die Nähe eines Hugo Pratt oder zahlreicher amerikanischer Underground-Zeichner.

Um es kurz und bündig abzuschließen: Tardi bestätigt seit ungefähr zwei Jahrzehnten mit jedem neuen Album, dass er zu den unbestreitbaren Großmeistern seiner Zunft gehört. Seine Comics sind kein Augenschmaus, dafür sind sie politisch, unbequem, verstörend, kritisch, humorvoll, bitterböse und – schwarz-weiß: „Gerfaut war still, trank seinen Scotch aus, ging duschen und kam vögeln.“

Killer stellen sich nicht vor
Edition Moderne, Oktober 2006
Adaption und Zeichnungen: Jacques Tardi
Nach einem Roman von Jean-Patrick Manchette
78 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover; 17,50 Euro
ISBN: 978-3-03731-008-3

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Bildquelle: editionmoderne.de