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Gregory 1 und 2


Cover Gregory 1Christopher: Die beiden Gregory-Bände von Cross Cult sind besondere Kost. Auch für hartgesottene Comicfans. Wenn ich kurz umreißen müsste, worum es dabei geht, würde ich sagen, dass sich Autor Marc Hempel da anschickt, seinen Lesern beizubringen, was seiner Ansicht nach alles merkwürdig und seltsam, unerklärlich und völlig verrückt in unserer Welt läuft. Um solche alltäglichen Widersprüche greifbar zu machen, muss er einen Umweg über die Figuren machen. Da gibt es: Gregory, den Jungen in der Zwangsjacke, Herman Vermin, eine Macho-Ratte mit unendlich vielen Leben, und Wendell, die käsesüchtige Maus. Ein sehr persönlicher Comic. Ein Comic für Intellektuelle. Oder für Anarcho-Komiker. Hast Du gelacht, Ben?

Benjamin: Wenn ich ehrlich bin, nein. Aber das macht auch gar nichts, Gregory zielt in meinen Augen nicht darauf hin, dass der Leser laut loslacht. Aber „Anarcho-Komiker“, der Begriff gefällt mir, und Marc Hempel würde ich zu dieser seltenen Spezies zählen. Zum Schmunzeln bringt er mich damit allemal.

Gut, worum geht es? Ich würde sagen, wir erleben durch Gregorys Augen eine völlig neue, unaufgeregte Sichtweise auf die Welt. Er selbst bewegt sich zwar in einem einem recht verrückten und vor allen Dingen sehr eingeschränkten Universum, sozusagen in einem Mikrokosmos, ist aber sensibilisiert für kleine Veränderungen, Entdeckungen des Alltags. Und wenn meine Beschreibung recht ernsthaft klingt, so zeigt dies bereits die Vielschichtigkeit der Serie, denn im Grunde handelt es sich ja um humoristisch angelegte Geschichten. Insofern, Widerspruch, Intellekt, Anarchie, kann ich so unterschreiben …

Cover Gregory 2Christopher: Versuchen wir doch mal in medias res zu gehen, damit die Leser hier einen Eindruck bekommen, worum es bei Gregory geht und wie sich der Comic anfühlt. Die beiden Bände enthalten mehrere kurze und längere Episoden aus dem Leben des kleinen Anstaltsjungen. Er selber ist eine schwach umrissene Figur, eher ein Platzhalter, der für den Leser stehen kann. Spannend wird's, wenn die Welt und Gregory aufeinander treffen. Beispielsweise, wenn er aus der Irrenanstalt entlassen wird, zu einer Pflegefamilie kommt oder er in eine andere Gummizelle umziehen muss. Ich behaupte, Gregorys Leben wäre rundum prima, wenn ihn nicht ständig irgendwer oder irgendwas stören würde. Das Gefühl kennt wohl jeder … Vielleicht sollten wir mehr auf die anderen Figuren eingehen. Herman und Wendell sind schließlich etwas greifbarer als der brabbelnde Gregory.

Seite aus Gregory 1 Benjamin: Ja, Gregory bildet mit Herman und Wendell ein ungleiches Dreiergespann. Während der eine völlig unberechenbar durch die Gegend rennt oder sich in irgendwelche undefinierte Laute hineinsteigert (“Ik Gregory“), redet der selbsternannte Freund Gregorys, Herman Vermin, fortwährend und stirbt im wahrsten Sinne des Wortes tausend Tode. Wendell ist im Prinzip ein Anhängsel Hermans und bildet dessen ruhigen, von Käse besessenen Gegenpol. Dabei sind die drei Hauptfiguren aber gar nicht allein, Anstaltspersonal und Therapeuten kümmern sich um Gregory; ja sogar seine Zellenausstattung (Gullideckel, Gitter am Fenster, Tür) kann miteinander kommunizieren. Da man aber aber bevorzugt Gregorys Blickwinkel aufgezwungen bekommt und der in der geistig unbegreiflichen Welt lebt, sind sämtliche Sozialkontakte für den Leser befremdlich. Insofern kann ich deine Definition bestätigen, Gregory ist weitestgehend unbedarft und zufrieden mit seinem schlichten Dasein und ist auch vom ganzen Drumherum wenig zu beeindrucken.

Christopher: Sämtliche Sozialkontakte wirken befremdlich! Das kann man wohl sagen! Die Episode, in der sich die Zellenausstattung miteinander unterhält, hat mir übrigens gar nicht gefallen. Und die, in der sich Herman mit Gott unterhält, auch nicht. Dafür mochte ich die lange Episode, in der Gregory bei einer Pflegefamilie unterkommt. Der ganz normale Familienwahnsinn! „Obenei!“ Und mir gefiel die Gesprächsrunde mit dem Typen, der immer lauter behauptet, ganz normal zu sein, bis er abgeführt wird. Da wird die Realität einem Vernunftscheck unterzogen, das mag ich. (Irgendwie musste ich dabei an Eddy Current denken, auch so eine Geschichte, die dem Wahnsinn ein Plätzchen einräumt.) Im Großen und Ganzen hat mich an Gregory gefreut, dass man nie wusste, wie der Hase läuft bzw. was als Nächstes passiert. Der Humor ist speziell und nicht alle Kapitel funktionieren gleich gut, aber der Comic leistet für mich mehr als so manch andere oberflächliche Comedy. Denn es ist immer auch ein tragischer Beigeschmack dabei. Wie hast Du das empfunden?

Seite aus Gregory 1 Benjamin: Ganz ähnlich, ich war immer hin- und hergerissen, ob ich jetzt Mitleid für den kleinen Kerl empfinden soll oder ob er mir auf den Geist geht. Auf jeden Fall ist bei aller Komik auch ein wenig Tragik dabei und das gefällt mir in dieser ungewohnten Konstellation ganz gut. Bei den von dir angesprochenen Episoden kommt es auf den Kontext an, Marc Hempel gestaltet das sehr clever. Der Onepager mit der Zellenausstattung ist deshalb irgendwie lustig, weil man einfach nicht damit rechnet, dass Hempel Gegenstände personifiziert und die Zelle quasi mit sich selbst und über Gregory quatscht, sobald dieser mal kurz weg ist. Das ist in dem Moment völlig absurd. Dazu passt dann auch das Intermezzo von Herman, der mit Gott über seine (mal wieder) Reinkarnation verhandelt. Also mir gefällt auch diese Geschichte ganz gut. Aber ich habe einige Favorites, vor allem die Storys, die den Erzählstil unterbrechen und auch mit dem Leser spielen. Wie du gemeint hast, man weiß nie, was als Nächstes kommt, man ist der Unberechenbarkeit ausgeliefert.

Christopher: Was sind denn Deine Favoriten?

Benjamin: Richtig nett finde ich die „Die Therapeutin“. Da wird Gregory analysiert und einigen Tests unterzogen, um seinen aktuellen Geistes- und Leistungsstand festzuhalten. Der Leser bekommt dabei die Persepektive der Therapeutin und darf praktisch in die Aufzeichnungen linsen. Das ist einfach urkomisch. Ähnlich wird man bei der Story mit „Gregory-Vision“ eingebunden, die in der Egoperspektive spielt. Überhaupt werden viele künstlerische Grenzen aufgebrochen, da hat mir auch die Idee von „Gregorys neue Zelle“ sehr gut gefallen, wo das Geschehen von zwei unbekannten Zuschauern kommentiert wird, der Leser des Buches wird so ein Teil davon. Aber im Grunde gibt für mich gerade die Unterschiedlichkeit der einzelnen Episoden den Ausschlag, um Gregory als richtig einzigartig einzustufen.

Seite aus Gregory 1 Christopher: Das Spektrum, mit dem Marc Hempel da operiert, ist beachtlich. Auf den ersten Blick sieht Gregory wie ein aufgeblasener Cartoon aus; optisch, meine ich jetzt. Wenn man dann aber ins Detail geht, fällt schnell auf, wie vielfältig die Seiten angelegt sind. Ich glaube, auch da hat Marc Hempel ordentlich drauflos experimentiert, nicht nur inhaltlich. Wie war das neulich beim Zettgeist-Podcast? „Die einfachsten Striche sind oft die schwierigsten.“ Ich wette, Hempel weiß davon ein Lied zu singen…

Benjamin: Im Endefekt, das hat Marc Hempel ja auch selbst gesagt (s. Interview), ist Gregory mit keinem anderen Comic so richtig zu vergleichen. Klar, irgendwie ist die Serie humorig, aber zumindest mir ging es so, dass ich nicht lachen musste, vielmehr war ich fasziniert. Manche Parts sind auf den ersten Blick völlig stumpfsinnig, andere wiederum fallen sofort durch ihre hintergründige Herangehensweise auf. Das ist wirklich bemerkenswert und lässt sicherlich viele Leser verdutzt zurück. Aber obwohl es uns offenbar beiden recht gut gefallen hat, muss man fairerweise sagen, dass viele Menschen mit derartiger Lektüre so ihre Probleme haben dürften, Gregory ist wohl einfach zu krank, als dass er allen Lesern gefallen wird. Leider, denn aus meiner Sicht ist Gregory ein kleines Meisterwerk.

Christopher: Ich tue mich mit Worten wie „Meisterwerk“ immer etwas schwer. Aber ich finde, dass Gregory ein extrem gut gemachter Comic ist, der sich jenseits des Mainstreams bewegt. Extrem gut gemacht, weil Hempel in keine Routine gerät und man auch beim x-ten Mal Lesen noch Neues entdecken kann. Auch die deutsche Ausgabe ist durch das teilweise angewendete Handlettering sehr liebevoll gestaltet worden. Gregory ist ein Comic für Liebhaber, den man auch nach vielen Jahren gerne wieder zur Hand nimmt. Massenkompatibel ist Gregory nicht. Aber das klingt in meinen Ohren eher wie ein Plus- als wie ein Minuspunkt.

Gregory – Ich, Gregory!
Cross Cult, Februar 2007
Text und Zeichnungen: Marc Hempel
192 Seiten; schwarzweiß; Hardcover; 19,80 Euro
ISBN 9783936480184
Leseprobe bei Cross Cult unter „Spezial“
Jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen!Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Gregory – Obenei!

Cross Cult, November 2007
Text und Zeichnungen: Marc Hempel
144 Seiten; schwarzweiß/vierfarbig; Hardcover; 19,80 Euro
ISBN 9783936480191

Leseprobe bei Cross Cult unter „Spezial“
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Bildquelle: cross-cult.de
Gregory © Marc Hempel, dt. Ausgabe Cross Cult


Mehr Dialog-Rezensionen bei Comicgate:
Ausgetrickst
Hack/Slash 1 – Der erste Schnitt
Post Mortem Blues
Nextwave: Agents of H.A.T.E. Vol. 1 (US)
Rex Mundi 1 – Der Wächter des Tempels
200g Hack
Fables – Legenden im Exil
Marvel Graphic Novels: Shanna


Special zu Gregory

Von hier aus geht es zu den einzelnen Teilen:

Gregory 1 und 2 im Dialog (Rezension)

Interview mit Marc Hempel

Das Gewinnspiel ist beendet.
Die Lösung lautet „für das MAD-Magazin“.

Den Hauptpreis hat Johannes aus Berlin gewonnen.
Band 1 erhalten jeweils Florian aus Wien, René aus Görlitz, Norbert aus Friedberg und Carsten aus Schkeuditz.
Allen Gewinnern herzlichen Glückwunsch!

Gewinnspiel

Wir verlosen in Zusammenarbeit mit Cross Cult folgende Preise:

thumb_gregory1.jpgthumb_gregory2.jpg1x Komplettpaket Gregory (Band 1 und 2)

4x Gregory Band 1

Um zu gewinnen, schickt uns bis zum 7. April 2008 eine E-Mail mit dem Betreff „Obenei!“ und Eurer Postadresse an gregory@comicgate.de und beantwortet uns folgende Frage:
Für welches bekannte Satiremagazin zeichnet Marc Hempel seit 2004?

Jeder Haushalt darf nur einmal teilnehmen. Nur E-Mails mit vollständigen Angaben nehmen teil. Bei mehr richtigen Einsendungen als Gewinnen entscheidet das Los.
Eure Adresse wird nur für den Versand der Gewinne weitergegeben und nicht anderweitig verwendet.

Wir danken Cross Cult für die Ermöglichung dieses Gewinnspiels!

Manchmal kommen sie wieder: Krigstein ist wieder da!

Da acht Jahre eine lange Zeit sind, ist es wohl angebracht, den Comic erstmal vorzustellen, denn in der Zwischenzeit sind etliche Leser nachgewachsen. Krigstein ist ein sehr überdrehter, actionreicher Comedy-Comic, der während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland spielt. Ohne Rücksicht auf Political Correctness spinnt der Tübinger Haimo Kinzler, der in den Neunzigern mit den Comics um Herr Wüttner und Frau Kleinschrott sehr erfolgreich war und dafür 1998 den Max-und-Moritz-Preis erhielt, ein verrücktes Garn, in dem feine Ironie und kleine Wortspiele (das fängt ja schon beim Titel an) genauso Platz haben wie alberne Kalauer. Die Geschichte schlägt muntere Kapriolen und zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass der Leser die vermeintliche Hauptfigur namens Krigstein weder im ersten noch in den beiden neuen Bänden zu Gesicht bekommt.

Haimo Kinzler erzählt:

Krigstein 2 Es sind eigentlich drei Geschichtenstränge. Man hat hier nicht nur Asterix und Obelix, die rausgehen und jemanden verkloppen, sondern ich habe gleich mit drei Geschichten angefangen. Einfach aus einer Laune heraus, um einen neuen Stil auszuprobieren und um mich von anderen Jobs zu erholen. Krigstein ist ohne jegliches Konzept entstanden, ich habe einfach drauflosgezeichnet und das gemacht, worauf ich Lust hab.

Es spielt am Ende des 2. Weltkriegs und bietet deshalb auch eine Bühne für jede Menge Action. Es gibt Nazis auf der Flucht, mysteriöse U-Boot-Besatzungen, von denen man noch nicht so genau weiß, was sie so machen. Alle scheinen ein Ziel zu verfolgen. Einer muss einen Koffer transportieren, von dem offenbar ganz viel abhängt, andere sind nur auf der Flucht, andere erwarten jemanden, werden aber enttäuscht, weil niemand kommt.

Ich versuche viel mit Stimmungen zu arbeiten und mit komischen Situationen. Ich habe bis heute nicht entschieden, welcher sich als Haupt-Erzählstrang herauskristallisiert, es sind immer noch drei Erzählebenen. Im vierten Band werden's sogar vier, weil es einen Zeitsprung zurück zum 1. Weltkrieg geben wird, außerdem sollen auch die 50er Jahre mit dem Wirtschaftswunder schon mit reinspielen.

Man merkt dem Autor und Zeichner im Gespräch an, dass er viel Spaß an Krigstein hat und mit großer Begeisterung daran arbeitet. Das war nicht immer so, eine Zeit lang hat Kinzler sogar gar nicht gezeichnet:

Haimo Kinzler, signierend auf der Frankfurter Buchmesse Zu der langen Pause kam es, weil meine Frau und ich nochmal Kinder gekriegt haben. Ich hatte plötzlich Jobs, die mich sehr gut ernährten, die ich aber auch pflegen musste. Ich schrieb Drehbücher, z.B. für Käpt'n Blaubär, Texte für Fix & Foxi und sowas. Ich hatte einfach keine Zeit mehr zum Comics zeichnen. Ich hatte das Zeichnen sogar ganz aufgegeben und kam übers Cartoonzeichnen wieder dazu. Ich habe Cartoonbücher für Subito gemacht und die Seite sonntagsauch.de mit täglichen Cartoons. Dabei kam der Spaß am Zeichnen zurück. Herr Wüttner und Frau Kleinschrott hatten sich totgelaufen in meinen Augen. Immer die selben Figuren zu zeichnen, darauf hatte ich keinen Bock mehr. Was lag also näher, als mit völlig anderen Figuren neu anzufangen? Da boten sich eben diese anthropomorphen Tierfiguren an, die auch recht einfach zu machen waren. Trondheim war damals in aller Munde. Ich dachte aber eher an Disneys Lustige Taschenbücher. Diese klare Charakterisierung durch Rassenzugehörigkeit passt ja auch ganz gut in diese Zeit… Bei mir sind die Nazis alles andere als reinrassig, aber das haben sie damals auch festgestellt. Und nach der Kinderpause hatte ich wieder jede Menge Bock auf Krigstein.

Kinzler setzte sich also wieder an den Zeichentisch und produzierte dabei soviel Stoff, dass man bei Zwerchfell gleich Material für zwei Bände hatte: Die reguläre Fortsetzung von Band 1, der mit einem Cliffhanger geendet hatte und die Nullnummer, die die Vorgeschichte einer Figur erzählt. Zwerchfell-Redakteur Stefan Dinter meint dazu:

Haimo schickte mir die ersten 30 Seiten von Krigstein 2, die komplett anders aussahen als die jetzigen 30 Seiten, weil darin tatsächlich der Herr Krigstein vorkam; diese Szenen sind dann wieder komplett rausgeschnitten worden. Und er erzählte mir, dass er noch eine Vorgeschichte hätte, wie der Gefreite Kat Kadz an den Koffer gekommen ist, um den es da geht. Wenn ich da schon gewusst hätte, dass Haimo das sowieso auf 15 verschiedenen Zeitebenen verschachtelt, hätte ich gesagt, das schmeißen wir in Band 5. So aber klang es ganz gut als etwas, das man als kleinen, kostengünstigen Appetitanreger anbieten kann. Ich glaube, für eine Menge Leute ist es mit Band 0 einfacher, die Story zu verstehen.

Anders als die erste Ausgabe, die schwarz-weiß erschien, sind die neuen Bände koloriert (und zwar in einer recht eigenwilligen Art und Weise, die an alte Comics erinnert, wo man beispielsweise bei Lucky Luke zwischendurch auch mal eine komplett rote Figur vor einem knallgelben Hintergrund sehen konnte). Kinzler sagt, er habe auch Band 1 schon so gezeichnet, dass man es hätte kolorieren können, und wenig schwarze Flächen verwendet.

Dazu Stefan Dinter:

1999 war es für Zwerchfell komplett unmöglich, etwas in Farbe rauszubringen. Damals hatten wir noch zwei deutsche Druckereien, die uns einfach keinen guten Preis für Farbdruck machen konnten. Wir hatten aber eine supergute Schwarz-Weiß-Druckerei.

Seite aus Krigstein Null Es gab dann natürlich das Problem, dass Haimo sich seiner Familie gewidmet hat und erst mal weg war. Die Leute kaufen es eigentlich nur, wenn sie wissen, dass der Zeichner weitermacht. Und wenn der Zeichner weg ist und was anderes macht, glauben die Leute nicht mehr an einen zweiten Band. Ich selber habe auch mit keiner Faser meines Seins daran geglaubt, dass Haimo nochmal ankommt und sagt „Ich mach jetzt Krigstein weiter“. Und bei der Fortsetzung gab es nur die Möglichkeit, es in Farbe zu machen, weil in Schwarz-Weiß kriege ich sowas heutzutage nicht mehr verkauft. Jetzt haben wir aber auch noch jede Menge unverkaufte Exemplare von Krigstein 1 rumliegen, die können wir auch nicht einfach einstampfen und neu kolorieren. Jetzt machen wir es lieber so und machen noch einen schönen Schuber dazu. Man kann dann alle drei Bände zum gleichen Preis zusammen kaufen und bekommt noch ein bisschen was dazu. So fällt es den Leuten dann vielleicht leichter zu sagen „Okay, ich kaufe das, obwohl der mittlere Teil schwarz-weiß ist“.

Der erwähnte Schuber ist gerade erst fertig geworden – mehr dazu am Ende des Artikels. Und zum Comic-Salon im Mai soll bereits der dritte Band kommen, der komplett fertig gezeichnet ist, während Kinzler schon eifrig am vierten Band zeichnet. Kostproben aus den künftigen Storys kann man übrigens bei krigstein.de sehen, wo der Zeichner fast täglich neue Häppchen hochlädt.
Auf die Frage, ob es einen Masterplan gäbe, wo die turbulente Geschichte hinführe, antwortet Kinzler:

Oh, es gibt verschiedene Masterpläne… Wenn ich so wahnsinnig wäre wie Leute, die über Fantasy-Kerker schreiben (Anm. d. Red.: gemeint ist Donjon von Sfar und Trondheim), hätte ich gesagt Krigstein -99 bis Krigstein 50. Das kann ich so nicht sagen. Der Plan ist, dass eine Art Chronik von zwei deutschen Staaten draus wird, mit Figuren, die wild hin und her wechseln. Irgendwann muss ich dann den Erzählstil wechseln, weg vom Epischen, und auf kleine Episoden gehen. Bisher habe ich sehr epische Szenen, in denen ein Flugzeugabsturz zehn Seiten dauert. So kannst du nicht ökonomisch arbeiten, wenn du ein Epos machen willst. Ich denke, dass ich in Band vier damit anfangen werde, kleine Geschichten auf 15 bis 20 Seiten zu erzählen von den Figuren, die plötzlich 30 Jahre später agieren. Die sich etabliert haben und dann plötzlich etwas völlig anderes darstellen. Die alte Problematik, dass nach dem Krieg jeder seine Geschichte neu erfunden hat und nicht mehr wissen wollte, was vorher war.

Beim ersten Band hab ich im Erzählfluss mehr Platz gelassen, da gibt es auch mal Seiten ohne Text. Band 2 geht da hektischer weiter. Der dritte Band ist dann wieder sehr sehr optisch ausgerichtet, es gibt viel Action mit wenig Text.

Nachdem Haimo Kinzler schon auf Lewis Trondheim und dessen Donjon-Comics angespielt hat, fragte ich ihn nach der Ähnlichkeit zwischen seinen Tierfiguren und denen von Trondheim.

Seite aus Krigstein Null Ich finde nicht, dass es „voll Trondheim“ ist. Da gibt es ganz andere Trondheim-Epigonen. Trondheim ist viel niedlicher. Ich arbeite halt wie er mit Tierfiguren. Aber das taten auch Disney oder Kauka, oder Walt Kelly mit Pogo. Das steckt dahinter. Vom Stil her war eher Hans-Jürgen Press mein Vorbild, der hat Der kleine Herr Jakob gemacht, mit ganz reduzierten Zeichnungen, oder Die Abenteuer der schwarzen Hand, Krimigeschichten mit Wimmelbildern. Da habe ich sogar im zweiten Krigstein-Band ein paar dieser Bilder zitiert. Die stecken bei mir im Hinterkopf, seit ich diese Bücher vor ein paar Jahren wiederentdeckt habe. Das ist also eine kleine Hommage, ein kleiner Tribut an Press.

Es steckt noch viel mehr drin: Nick Knatterton, zum Beispiel. Dass es Tierfiguren sind, kommt vor allem auch daher, dass es viel einfacher ist, verschiedene Figuren zu unterscheiden. Realistische Menschen zu zeichnen ist für mich zu schwierig, da lag das nahe. Außerdem wollte ich eine Verfremdungsebene. Es sollte kein realistischer Stil sein, sondern wirklich eine durchgeknallte Sache. Damals habe ich viel von Carl Barks gelesen. Es bringt viel mehr, das mit Tieren zu verfremden. Nazi-Schweine auch als richtige Schweine zu zeichnen, liegt für mich einfach näher.

Schweine sind viele der Protagonisten in Krigstein tatsächlich. Es gibt kaum sympathische Figuren, fast jeder ist mehr oder weniger ein Schurke.

Das ist schon ein Problem, das ich auch erkenne, wenn ich mir das aus etwas Entfernung anschaue: Ich habe ziemlich viele extrem negative Charaktere, bei denen ich allerdings in Zukunft versuchen werde, ein paar positive Seiten rauszukitzeln und zu erklären, wie sie so geworden sind. Ich meine, ich will hier kein Verständnis für Nazis erwecken, von daher kann man sie nicht zu positiv darstellen. Aber in der Masse sind sie schon ziemlich fies. Selbst wenn sie verbündet sind, versuchen sie zehn Seiten später, sich gegenseitig umzubringen. Im dritten Band sind sie dann schon wieder versöhnt, es ist alles ziemlich sprunghaft.

Das Schlusswort überlassen wir nochmal Stefan Dinter, der nicht nur Redakteur von Krigstein ist, sondern auch Fan:

Für mich ist das immer noch der zynischste und auch wahrhaftigste Comic über den 2. Weltkrieg. Die Aussagen der Bösen sind teilweise sowas von abgefeimt, dass mir das mehr Verständnis über die Nazis bringt als irgendein straighter Comic über das „Dritte Reich“ oder sowas wie Der Untergang.

Krigstein Schuber Krigstein – Der Schuber: Enthält Krigstein 0, 1 und 2 sowie eine limitierte Feldpostkarte und ein von Haimo Kinzler signiertes Schmuckblatt.
Limitiert auf 200 Exemplare, 22 Euro (weniger als die Summe der drei Einzelbände!). Erhältlich ab 31.3. beim Comicfachhändler oder
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Krigstein
– Die Verlosung
: Zusammen mit dem Zwerchfell Verlag verlosen wir ein besonderes Einzelstück: den Standproof der Druckerei von Krigstein 2. Alle Seiten als s/w-Ausdruck der montierten Druckseiten, auf DIN A4 gefaltet, signiert von Haimo Kinzler.

Gewinnen kann, wer die Antwort auf die folgende Frage bis zum 4.4.2008 an krigstein(at)comicgate.de mailt: „Wie heißt die Parodie einer weltbekannten Comicfigur, die in Krigstein auftritt?“

Abbildungen: © Haimo Kinzler und Zwerchfell Verlag, Foto: © Thomas Kögel

Einfach nicht tot zu kriegen: Zombie-Comics

Was in den USA hip und trendy ist, kommt manchmal auch nach Deutschland. Zum Beispiel Zombies. Die Begeisterung für die untoten Menschenfresser hat spätestens in den letzten Jahren auch den deutschen Sprachraum erreicht. Wasserstandsanzeiger für diesen Trend? Comics zum Beispiel. Denn Zombies sind nicht nur auf der Kinoleinwand beliebt. Auch in der Neunten Kunst haben die wandelnden Untoten inzwischen ein Zuhause gefunden. Dabei gebärdet sich, was oberflächlich eins wirkt, bei genauerem Hinsehen als vielfältig und variantenreich. Ein kurzer Blick auf neue deutschsprachige Zombie-Comics.

Te Walking Dead 5Die Serie The Walking Dead ist eine Mischung aus Soap-Opera und Zombie-Horror. Eine Gruppe von Überlebenden hat sich um den Polizisten Rick Grimes geschart und versucht nun verzweifelt, in einer von Untoten bevölkerten Welt zu überleben. Die Gruppe hat nach kurzer Suche ein neues Zuhause in einem alten Gefängnis gefunden. Hohe Zäune und dicke Mauern schützen vor den wandelnden Untoten. Doch das größte Problem scheint zu sein, sich bei allem Stress nicht gegenseitig an die Gurgel zu gehen. The Walking Dead ist die derzeit bestverkaufte Serie des US-Verlags Image Comics. Hierzulande läuft die Serie seit 2005 und ist ebenfalls sehr erfolgreich. Der sechste Band „Dieses sorgenvolle Leben“ erscheint im Mai diesen Jahres, pünktlich zum Comic-Salon in Erlangen (Cross Cult, Mai 2008).

28 Day Later: Die Zeit danach Wer weiter im Cross Cult-Programm blättert, stößt auf einen Comic-zum-Film, der ebenfalls Zombies nach Deutschland holt. Im letzten Jahr erschien 28 Days Later: Die Zeit danach (Cross Cult, Juni 2007). In vier Episoden wird erzählt, was vor und nach dem ersten Kinofilm alles geschah. Die Geschichten sind ganz gut geschrieben und bieten Cineasten und Horror-Liebhabern einen bekömmlichen Lesehappen für Zwischendurch.

Marvel ZombiesAber noch einmal zurück zu The Walking Dead. Autor Robert Kirkman hat anscheinend einen Narren an Zombie-Geschichten gefressen. Vielleicht lastet ihn seine Arbeit an The Walking Dead auch einfach nicht genug aus, wer weiß? Panini hat einen Band von ihm im Programm, dessen Cover irgendwie bizarr anmutet – oder einfach nur trashig, um vielleicht ein treffenderes Wort zu verwenden. Zu sehen sind Captain America, Spider-Man und Hulk, populäre Superhelden also, zusammengestellt als ein zombiefiziertes Gruppenbild. Wer in Marvel Zombies (Panini, Juli 2007) hineinliest, erfährt beispielsweise, dass der Netzschwinger seine Tante gefressen hat und dass Captain America auch ohne Schädeldecke noch aufrecht laufen kann. Viel mehr Handlung gibt’s nicht. Vor der Entstehung der Mini-Serie wurde Robert Kirkman von Marvel-Redakteur Ralph Macchio zugesichert, er habe freie Hand. Das hat er genutzt. Superhelden als Zombies in einer Paralleldimension – wer da nicht lacht, ist selber schuld. Inzwischen geht der Marvel-Zombie-Spaß übrigens in die zweite Auflage. Und zwei Fortsetzungen der bizarren Serie sind auch schon am Start: der One-Shot Marvel Zombies: Massaker (Panini, erschienen im Oktober 2007 als Messe-Special) und, gerade frisch erschienen, Marvel Zombies vs. Armee der Finsternis (Panini, März 2008).

Als die Zombies die Welt auffraßenAuf der Checkliste der Zombie-Variationen können wir jetzt zwei Häkchen machen: Soap-Opera und Superhelden-Trash. Kommt noch schräge Comedy hinzu. Und zwar mit Als die Zombies die Welt auffraßen von Jerry Frissen und Guy Davis (Cross Cult, Februar 2008). In dem dicken Hardcover-Album sind die Zombies weder bösartig noch blutrünstig, sondern eher passiv und gelassen. Die Welt ist mächtig durcheinander. Sich darin noch zurecht zu finden, ist gar nicht so einfach, finden Carl der Cowboy, seine Schwester Maggie und Freddy der Belgier. Die drei Freunde leben irgendwo am Grund des Hochhausdschungels und versuchen, über die Runden zu kommen. Illegal entsorgen sie unliebsam gewordene Untote. Ein kurzer Anruf genügt und Großpapa wird abgeholt, natürlich diskret und ohne Aufsehen. Die Regierungen haben Gesetze gemacht, mit denen Zombies geschützt und in die Gesellschaft integriert werden sollen. Vielmehr, als vor der Glotze hängen oder ein bisschen Unsinn treiben, wollen die Leichname ohnehin nicht. Oder? Allmählich beginnen auch die Zombies, sich politisch zu organisieren und Machtgedanken zu entwickeln. Die Grenze zwischen Leben und Tot verwischt mehr und mehr. Und irgendwann steht jeder wieder auf. Sogar Jesus…

Auch wenn nicht jedes Kind ab sofort heimlich Zombie-Comics unter der Schulbank lesen wird, ist doch festzuhalten, dass bei den deutschen Comic-Fans offensichtlich eine kleine Lesergemeinde exitiert, die sich für die lebenden Untoten begeistert. Wie lange diese Begeisterung anhält, bleibt abzuwarten. Vielleicht ebbt sie hierzulande wieder ab, wenn die Veröffentlichungen qualitativ schlechter werden. Das ist schon so manchem Trend passiert. Davon kann bisher aber nicht die Rede sein. Besser also, man verbarrikadiert die Türen und lädt die Schrotflinte durch. Denn die Zombies werden uns wahrscheinlich noch eine Weile ans Leder wollen.

Der Engel & der Drache 1

 Normalerweise findet man in den Credits eines Comics vor allem den Autor und den Zeichner. Hier sieht das anders aus, man findet Begriffe wie Bildsynthese, Visualisierung, Modellierung, Licht oder digitale Endfassung. Denn Der Engel & der Drache ist ein digitaler Comic. Jedes Bild entstand am Rechner als dreidimensionales Bild. Autor Téhy (Yiu) hat sich dafür mit der Kanadierin Lalie zusammengetan, die hauptberuflich beim Spielehersteller Ubisoft arbeitet.

Das Ergebnis wirkt auf den ersten Blick beeindruckend: Äußerst detailreiche Räume und Landschaften, bei denen jeder Schatten, jede Lichtreflexion und jede Farbnuance passt. Eine Kulisse, die auch aus einem teuren Animationsfilm stammen könnte. Und auch die Drachen, die im Prolog der Geschichte auftauchen, können visuell überzeugen. Schwerer tut sich Lalie dagegen mit den menschlichen Hauptdarstellern, denn diese wirken trotz (oder gerade wegen) der perfekten 3D-Modellierung sehr steril und künstlich. Damit kämpft dieser Comic mit dem gleichen Problem, das man auch aus Animationsfilmen wie Final Fantasy oder Beowulf kennt. Die Figuren wirken seelenlos und hölzern, man fühlt sich wie in einem Fotocomic, der mit Schaufensterpuppen inszeniert wurde.

 Eine packende Geschichte könnte dieses Manko zweifellos wettmachen, doch Téhys Szenario kann nicht so recht überzeugen. Die Story spielt in einer fantastischen Welt, die vor vielen Jahren von Drachen beherrscht wurde, welche aber inzwischen als Aberglaube gelten. Im Mittelpunkt steht die schöne Hana-Rose, deren Mann Licomte endlich aus einem Krieg zurückkehrt. Licomte ist nicht nur ein wackrer Kämpfer und ein guter Liebhaber (wie mehrere Sexszenen beweisen), sondern auch Tiefseetaucher, der immer wieder auf dem Meeresgrund nach Knochen taucht, die er für Überreste von Drachen hält und sich daraus ein Drachenskelett erbaut. Kurz nach seiner Rückkehr zu Hana-Rose kommt er bei einem Tauchgang ums Leben, was Hana-Rose völlig aus der Bahn wirft. In ihrer Trauer und Verzweiflung wendet sie sich an ein altes Mütterchen, das mit seiner Verbindung zum Übernatürlichen für Trost sorgen kann, das aber auch mit düsteren Andeutungen eine ungewisse Zukunft verheißt.

 Wer actionreiche Fantasy mit vielen Drachenszenen erwartet, wird enttäuscht sein, denn Téhy setzt vor allem auf Melancholie und Romantik und wagt sich sehr nah an die Grenze zum Kitsch, die er auch gelegentlich überschreitet. Gewöhnungbedürftig ist auch die Sprache, die, wie der Albentitel „Und der Tod wird nur ein Versprechen sein“ schon andeutet, recht schwülstig und aufgesetzt klingt.

Ob aus Der Engel & der Drache ein überzeugendes Fantasy-Epos wird oder doch eher ein pathetisch aufgeblasenes Kitsch-Märchen, wird der abschließende zweite Teil zeigen müssen. Sehenswertes Eye-Candy bekommt man immerhin geboten und die gewohnt edle Aufmachung, mit der der Splitter-Verlag seine Alben präsentiert, steht diesem Comic ausgezeichnet.

Der Engel & der Drache 1: Und der Tod wird nur ein Versprechen sein
Splitter
, Februar 2007
Szenario, Storyboard, Panel-Layout, digitale Endfassung: Téhy
Bildsynthese, Visualisierung, Modellierung der Figuren und Dekors, Licht, digitale Ergänzungen: Lalie
Hardcover; farbig; 48 Seiten; 12,80 Euro
ISBN: 978-3-939823-26-1

Grafisch leicht steril, mit Tendenz zum Kitsch

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Bildquelle: splitter-verlag.de

Batman: Schwarz-Weiß Collection 1

 Viel macht das Cover nicht her. Unter dem Titel der Batman: Schwarz-Weiß Collection, die diese Tage bei Panini erschienen ist, steht Gothams Crime-Fighter-Nummer 1 einfach nur da. Er blickt ruhig und ernst. Die in diesem Band versammelten Kurzgeschichten sind aber alles andere als das. Das wilde Spiel ohne Farbe hat begonnen. Der Dunkle Ritter wandelt auf ungewohnten Wegen.

Batmans schwarzweiße Abenteuer kommen ausgesprochen kurzweilig daher. Kein langer Handlungsaufbau, keine endlosen Spannungsbögen, sondern Momentaufnahmen von Gotham und dem dunklen Ritter, unterhaltsam, actionreich und manchmal sogar witzig. Das liest sich nicht nur daheim auf dem Sofa gut, das geht auch Zwischendurch. Denn jede der 25 Episoden ist acht Seiten lang und kann problemlos zwischen zwei Bus-Stationen, während der Mittagspause oder auf dem Bürgeramt gelesen werden.

Doch ein Bündel kurzer Geschichten muss noch nicht zwangsläufig für Lesespaß sorgen. Gut geschrieben müssen sie außerdem sein, reich an Ideen und pfiffig erzählt, sonst kommt Langeweile auf. Zum Glück halten die meisten Episoden diesem Anspruch stand. Oder umgekehrt ausgedrückt: In diesem Band stecken viele gute Ideen und raffinierte Tricksereien. Die Episode Schwarz-Weiß-Banditen von Dave Gibbons ist dafür ein gutes Beispiel. Die recht klassische Handlung rankt sich um einen Dieb, der sich vornehmlich Kunstgegenstände unter den Nagel reißt. Der Clou an der Sache: Er steht auf alles, was Schwarzweiß ist. Er ist ein Collector mit einem Tick und sammelt Dalmatiner, Zebras, Schachbretter sowie Yin-und-Yang-Symbole. Ein weiterer Kniff an der Story: Immer wieder kommen Wortspiele vor, die eine Farbe verwenden. „Bei diesem bunten Kitsch sehe ich einfach nur Rot!“ So entwirft Gibbons eine ziemlich einfache Crime-Fighter-Story, in der er immer wieder zwischen Sprach- und Farbwitz hin- und hertänzelt.

Das Spiel mit Worten mögen auch Michael Golden und Jason Pearson. In Die Pointe geht es eigentlich nur um eine simple Verfolgungsjagd. Jokers geschminkte Häscher werden von Batman über die Hochhausdächer der Stadt gejagt. Zwischendurch kommt es zu einer Schlägerei zwischen dem Maskierten und den Clowns. Ungewöhnlich: Der Blick nimmt Abstand und zeigt das Geschehen aus großer Entfernung. So richtig mittendrin in dieser Action-Szene ist der Leser nicht mehr. Bis er die Werbeschilder der umliegenden Hochhäuser bemerkt. Sie liefern die altbekannten Soundwords zur Prügellei: Kick! Bam! Crack! Bonk! Das bei der Leuchtreklame „Power“ die Buchstaben -er kaputt sind, ist natürlich kein Zufall.

Bisher klingt das nur nach Spielereien an der Oberfläche. Hinzu kommen aber auch inhaltliche Perlen, wie beispielsweise die Episode Fette Stadt, sowohl optisch als auch inhaltlich das gewagteste Experiment in diesem Batman-Band. Darin geht es um ein Ungeheuer, das dem Blob ähnelt und in der Kanalisation haust. Und um fette Leute. In Der Ruf, einem Batman-Superman-Crossover, nutzen Mark Schultz und Claudio Castellini die Gelegenheit, das Verhältnis zwischen den beiden Helden-Ikonen ins rechte Licht zu rücken. Und in Fallstudie wird die Frage aufgeworfen, ob der Joker ein kriminelles Genie oder nur ein einfacher Wahnsinniger ist. Dabei erhält der Leser ganz nebenbei Einblicke in die Zeit vor seiner Karriere als Superschurke.

Das sind nur einige wenige Beispiele aus der Batman: Schwarz-Weiß Collection, die dem Leser nicht mehr als einen Eindruck davon vermitteln können, was ihn erwartet. Der große Facettenreichtum des Bandes braucht schon fast nicht mehr erwähnt zu werden. Sowohl der klassische Batman kommt vor, freundlich und höflich, ein Vorbild ganz im Sinne des Establishments, als auch der moderne Batman, dunkel, düster und unheimlich. Es gibt realistische Episoden und humorvolle Episoden. Mal nähern sich die Zeichnungen der Fotographie, mal dem Cartoon. Qualitativ ist der Großteil der Episoden prima. Nur ein paar Abschnitte sind Mist, bei einem so dicken Sammelband nicht anders zu erwarten.

In erster Linie ist der Band der Batman: Schwarz-Weiß Collection ein toller Lesespaß. Auf den zweiten Blick leistet er jedoch noch mehr. Das wird augenfällig, wenn man einen Blick auf die laufenden Serien um den dunklen Ritter aus Gotham wirft. Batman ist eine Figur des Mainstreams. Er belegt auf der Liste der beliebtesten Superhelden einen der ersten Plätze. Die Leser lieben Batman, und so verwundert es nicht, dass sich hinter seinem Umhang eine gewaltige Geld- und Zeichenmaschine verbirgt. Um diese Maschine am Laufen zu halten, werden große Experimente selten gewagt. Batman muss Mainstream bleiben. Eben hier liegt eine Leistung des vorliegenden Bandes. Denn das Rudel an Zeichnern und Autoren hat es sich nicht nehmen lassen, die Tiefen der Figur neu auszuloten. Oft funktioniert das sehr gut, manchmal auch sehr schlecht, aber es ist nie ein Batman aus der Retorte, der da über die Seiten tobt. Batman ist in diesem Band weniger glattes Industrieprodukt als sonst, sondern versprüht einen Hauch von Independent-Comic. Der dunkle Ritter als Experiment.


Batman: Schwarz-Weiß Collection 1

Panini Februar 2008
Text: Warren Ellis, Dave Gibbons, Brian Azzarello u.a.
Zeichnungen: Ronnie del Carmen, Jordi Bernet, Aron Wiesenfeld u.a.
220 Seiten; Softcover; schwarzweiß; 19,95 Euro
ISBN: 9783866075788

Geglücktes Batman-Experiment

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