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Maximum Ride 1

 Der Plot: Eine Gruppe von sechs jugendlichen Waisen, an denen in einem zwielichtigen Genlabor herumexperimentiert wurde, bis ihnen Flügel und andere Fähigkeiten (er-)wuchsen, ist auf der Flucht vor mutierten Wolfsmenschen, die sie in eben jenes Labor zurückholen sollen, um dort geheimnisvollen Zwecken zu dienen.

Inhaltlich gibt’s demnach absolut nichts Neues im Comic-Westen bzw. -Osten, denn Maximum Ride ist ein Manhwa, also ein Comic im südkoreanischen Stil, an dem die manga-untrainierten Leser vor allem die gewohnte Leserichtung von Links nach Rechts schätzen. Die Story-Vorlage hat jedoch der notorische US-Thriller-Vielschreiber James Patterson (… denn zum Küssen sind sie da) verbrochen und zwar als mehrbändige Jugendromanserie. Und die vorliegende Teiladaption des ersten Buchs liest sich dann auch wirklich wie die jugendgerechte Lightvariante eines Pseudo-Wissenschaftsthrillers, gemixt mit einer gehörigen Portion X-Men und ähnlichen Comics und ein paar gehäuften Löffeln Teen-Soap. Nicht unsympathisch, aber etwas arg bausteinhaft und unoriginell. Immerhin ist die Handlung flott und routiniert und die Zeichnungen der bereits beeindruckend stilsicheren koreanischen Newcomerin Narae Lee sind wirklich nett anzusehen – vor allem die vielfältigen Flugszenen mit den geflügelten Hauptfiguren. Und: Keine Vampire auf weiter Flur!

Für 12- bis 16-jährige Leser ist Maximum Ride wahrscheinlich sogar recht spannend – und hat mit der Titelfigur Maximum ‚Max’ Ride vor allem für die weibliche Leserschaft eine starke Identifikationsfigur zu bieten. Leser jenseits dieser Zielgruppe sollten jedoch eher die Finger von der Serie lassen. Andererseits mögen manche Erwachsene ja auch Twilight

Maximum Ride 1
Tokyopop, Januar 2010
208 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 9,95 Euro

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Outcault: Die Erfindung des Comic

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Outcault: Die Erfindung des ComicDen Urcomic, die Geburtsstunde dieser Kunstform festzulegen, ist der heilige Gral der Comicforschung; jeder würde ihn gerne anfassen, doch ist die fortwährende Suche nach ihm das eigentliche Ziel. Auf diese Reise haben sich nun auch Jens Balzer und Lambert Wiesing in Outcault: Die Erfindung des Comic gemacht. Sie haben den Comicstrip The Yellow Kid eingehend studiert und erzählen von der „stehenden Figur“, vom Großstadt-Flaneur und vom besonderen Status der Sprechblase in diesem Comicstrip. Dabei bringt der dritte Band der yellow-Serie einen frischen gelben Wind in die deutsche Comicforschung.

Interessant ist beim dritten Band der Schriften zur Comicforschung, dass diesmal zwei Autoren mitgewirkt haben. Seine Vorteile aus dieser Situation zieht die Publikation sicher aus dem Diskurs der beiden Autoren und ihrer unterschiedlichen Ansätze: Auf der einen Seite Jens Balzer, der als Feuilletonredakteur und Comicautor eine sehr pragmatische Herangehensweise bevorzugt, dabei aber nicht minder wissenschaftlich ist, und auf der anderen Seite Dr. Lambert Wiesing, seines Zeichen Professor für Bildtheorie und Phänomenologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. So sehr diese Unterschiede erfrischend wirken, so sehr merkt man dem Band auch an, dass er eine Sammlung von vier Aufsätzen darstellt, in die nachträglich und umständlich Brückschläge – „wie wir im nächsten Kapitel noch sehen werden“ – zur besseren Anbindung eingebaut wurden.

Ohne große Vorworte räumt Balzer in seinem ersten Aufsatz „Hey, schau einmal her! Ein gelber Junge!“ mit den üblichen Mythen über The Yellow Kid auf. Nicht etwa die gelbe Druckfarbe oder irgendeine andere technische Apparatur machten aus Outcaults Comicstrip die Urszene des Comic, sondern vor allem die „stehende Figur“ des Mickey Dugan, des Jungen mit gelbem Nachthemd. Balzer weist die gelbe Farbe und die markanten Segelohren als stilistische Mittel aus, die den Jungen zur Identifikationsfigur gemacht haben. Er hebt sich als zentrales Wiedererkennungsmerkmal vom restlichen Geschehen dieser Wimmelbilder ab. So wird aus den einzelnen Episoden einer Serie eine Comicreihe, die Schritt für Schritt die Möglichkeit bekommt, ihre eigenen Konventionen zu etablieren, sich ihre Geschichte selbst zu schreiben.

Verschränkung von Wort und BildAls zweite kulturhistorische Eigenheit, die der Comic für sich in Besitz nimmt, sieht Balzer die Verschränkung von Bildern und Worten. Outcaults Strips sind geradezu zugepflastert mit Texten: Schrift an Wänden, Worte auf Mickeys Nachthemd und eine Vielzahl von bedruckten Schildern. Anhand von Walter Benjamins Studien zum Großstadt-Flaneur zielt Balzer auf die „Zerstreuung als Wahrnehmungsdisposition“ ab. Soll heißen: Der Leser wird mit der modernen Großstadt konfrontiert und lässt seinen Blick über die Fülle des Bildes wandern. Erst so gelingt es ihm, Sinn aus dem Zusammenspiel von Wort und Text zu extrahieren.

Ergänzend wäre an dieser Stelle ein Seitenblick auf die aktuellen Studien von Christopher Couch gewesen, der Outcaults Strip als Plattentektonik beschreibt. Bei Couch finden die Kolumnen und Spalten, die in der Zeitung nur mit Text gefüllt sind, ihren Weg in das seitenfüllende Bild von The Yellow Kid und verwachsen mit ihm.

Im Gegensatz zu den recht zugänglichen Texten Balzers konstruiert Wiesing sein Kapitel sehr theoriegewaltig. Umso klarer ist dafür seine Aussage: „Von einem Comic kann man demnach nur dann sprechen, wenn mit Sprechblasen gearbeitet wird.“ Sicher habe ich mich sofort hinreißen lassen, mir mehrere Beispiele von wortlosen Comics aufzuzählen, um Wiesing zu widerlegen, denn man möchte ja nicht, dass ein anderer den Gral zuerst findet. Doch muss man den Mann wirklich erst ausreden lassen, um sein Konzept richtig zu verstehen. Folgt man brav seinem phänomenologischen Ansatz und schenkt ihm ein wenig Geduld, dann ist man der Lösung schon einen großen Schritt näher gekommen. Im Prinzip ist es ganz simpel: „Die Realität der Sprechblase färbt sich auf den Relitätsstatus der Comic-Figur ab.“

Die transparente SprechblaseWas das genau heißen soll, exerziert Wiesing auch sofort an mehren Sprechblasen in The Yellow Kid und dessen Konkurrenten exemplarisch durch. Man kann anhand von Beispielen leicht den Unterschied erkennen, den ein mittelalterliches Spruchband im Vergleich zu einer Sprechblase hat. Während dieser Vergleich bereits von anderen Comicwissenschaftlern gedacht wurde, geht Wiesing einen Schritt weiter und fragt, was denn eine transparente Sprechblase von einer sauberen weißen unterscheidet und welche Bedeutung der leere weiße Raum in dieser Blase eigentlich hat. Beim Lesen und Betrachten der gut ausgewählten Bildbeispiele setzt die Bewusstwerdung vollends ein. Hatte man sich denn noch nie gewundert, warum man nicht durch Obelix’ Sprechblasen hindurch schauen kann?

So kommt Wiesing zu dem Schluss, dass der Status der gedruckten Schrift, der bildlich dargestellten Welt erst ihre Konsistenz verleiht. So lässt sich die Frage nach der Urszene leicht lösen: Outcaults The Yellow Kid war der erste Comic, der durch wechselnde Arten von Sprechblasen – von der Schrift auf dem Nachthemd über transparente Sprechblasen bis zu unserem heutigen Prototyp – einen Reifeprozess durchlebt hat, der nicht nur irgendeine Erzählkonvention erfunden hat, sondern dem Bild erst eine eigene Realität verleiht.

Nachdem die Autoren in den ersten beiden Kapiteln ihr Pulver wort- und theoriegewaltig verschossen haben, fragt man sich, warum Balzer noch zwei Aufsätze nachlegen muss. Sowohl die Werkschau Outcaults als auch alternative Urszenen des Comic wirken trotz ihrer Kürze deplaziert. Das homogene Wechselspiel, das in den ersten beiden ersten Kapiteln so konstant umgesetzt wurde, verflacht gegen Ende bei dem Versuch, die restlichen Seiten auch noch mit gut zu lesenden und bunt bebilderten Texten zu bestücken. Eine Positionierung dieser beiden Kapitel zu Beginn des Bandes hätte zwar die starken Argumenten der Autoren an das Ende der Publikation verbannt, dem ganzen Band aber eine Kontinuität gegeben, die nicht so aufgezwungen gewirkt hätte. Doch diese Randbemerkung soll die mutige und wissenschaftlich präzise Doppelleistung der beiden Autoren nicht trüben.

Ein ausführlicher Bericht (auf Englisch) über die  komplette yellow-Reihe und den Christian A. Bachmann Verlag findet sich hier.

Outcault: Die Erfindung des Comic
Christian A. Bachmann Verlag, 2009
Text: Jens Balzer und Lambert Wiesing
104 Seiten, broschiert; 16,- Euro
ISBN: 978-3-941030-07-7

Mutige Comicwissenschaft nun endlich auch „Made in Germany“

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Abbildungen: © Christian A. Bachmann Verlag

Agents of Atlas (US)

 It's the concept that just will not die. Seit 2006 reaktiviert Marvel konstant alte Superhelden aus den 1950ern, als man noch von Martin Goodman als Atlas Comics verlegt wurde, und lässt diese Figuren dann klassische Superheldenabenteuer erleben, was ein schönes Kontrastprogramm zum heulsusig-düsteren Rest des Marvel-Universums des letzten Jahrzehnts darstellt. Nur bei den Fans scheint die Serie einfach nicht Fuß fassen zu wollen, was hochgradig bedauerlich ist. Denn diese klassischen Superheldenabenteuer, von denen wir hier reden, tun genau das, was Superheldencomics tun sollten: Sie machen Spaß.

Wir sprechen hier von Comics, in denen die Göttin der Liebe, Namors Cousine, ein Alien, ein Killerroboter und ein hawaiihemdentragender Gorillasöldner mit Maschinengewehren in allen vier Händen und Füßen sich mit menschenfressenden Pflanzen, ebenfalls menschenfressenden Dinosauriern, bösartigen Kultisten (man möchte nicht ausschließen, dass die Menschen fressen) und den fiesen Blagen aus The Happening prügeln.

So hat Hochkultur auszusehen, besonders wenn sie mit so viel Elan und Freude am Detail visuell umgesetzt wird. Die treffsichere Charakterisierung der Figuren und die verspielten Dialoge der Atlas-Agenten miteinander,stellen da nur die Glasur auf dem Arschtrittkuchen dar. Die einzige Schwäche der Miniserie ist, dass sie in den letzten Ausgaben an Tempo verliert, da sie, statt auf ein explosives Finale zuzusteuern, den Status Quo für die folgenden Abenteuer hinbiegen muss. In der Comicmedizin nennen wir diese Seuche auch „Originitis“. Der Status Quo ,der dann erreicht wird, weckt aber auf jeden Fall das Interesse an weiteren Abenteuern.

Das Paperback selbst wird durch das massive Bonusmaterial (ein Essay über die Entstehungsgeschichte der Serie, eine Kopie des ARGs, das die Serie einführte, Nachdrucke mit den jeweils ersten Auftritten der Figuren in den alten Atlas-Comics und ein Nachdruck von What if…? #9 von Roy Thomas aus dem Jahre 1978, in dem bereits mit dem Konzept der Agents of Atlas gespielt wurde) sehr schön abgerundet und bietet ein überzeugendes Preis-Leistungs-Verhältnis. Marvel scheint von diesem Konzept überzeugt genug zu sein, um der Serie trotz schwacher Verkaufszahl immer wieder eine neue Chance zu geben. Und das solltet ihr, geneigte Leser, ebenfalls tun.

Agents of Atlas
Marvel Comics, 2009
Paperback; 256 Seiten, farbig
Preis: 24,99 US-Dollar

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Helden, Freaks und Superrabbis


Superman-Figur von Marcus Wittmers vor dem Jüdischen Museum Berlin © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens ZieheAm 29. April eröffnete das Jüdische Museum Berlin die Ausstellung „Helden, Freaks und Superrabbis – Die jüdische Farbe des Comics“, die Besucher bis zum 8. August 2010 sehen können. Zusammen mit dem Pariser Musée d’art et d’histoire du Judaïsme und dem Amsterdamer Joods Historisch Museum geht es den Ausstellern darum, den Beitrag von Juden in der Comicgeschichte herauszustellen. In der Tat liest sich die Liste der ausgestellten Künstler wie ein Who is who des Comic: ob Kane und Bill Finger, Stan Lee und Kack Kirby, Jerry Siegel und Joe Shuster – die Väter der Superhelden Batman, The Fantastic Four und Superman – stehen neben so unterschiedlichen Zeichnern wie dem Graphic Novel-Pionier Will Eisner, dem Krazy-Kat-Schöpfer George Herriman, dem MAD-Gründer Harvey Kurtzman, den Underground-Legenden Art Spiegelman und Robert Crumb oder dem französischen Multitalent Joann Sfar.

Fünf thematische Blöcke unterteilen „Helden, Freaks und Superrabbis“ und konzentrieren sich dann wiederum auf die Künstler der jeweiligen Epoche. Der Gang beginnt bei den frühen Zeitungscomics, in denen ein neues Medium entstand, das Künstler aus Einwandererfamilien prägten. Die Geburt der Superhelden Ende der dreißiger Jahre markiert den nächsten historischen Schritt: Nicht nur Superman, der aus der Feder von zwei jüdischen Teenagern stammt, kann als „ultimative jüdische Assimilierungsfantasie“ betrachtet werden, wie der Karikaturist Jules Feiffer es formulierte. Ab 1950 machte dann der jüdische Verleger Bill Gaines den New Yorker EC-Verlag zu einem der größten Comicverlage der Zeit. Seine zumeist ebenso jüdischen Mitarbeiter erfanden das Genre der Schock- und Horrorcomics, in denen sie sich zum Rassismus, Antisemitismus und die Gewalt in der amerikanischen Gesellschaft äußerten. Mit dem Comic-Code verschwanden 1954 im Namen der guten Erziehung alle „Schmuddelcomics“, was EC beinahe ruinierte. Bloß das Satiremagazin MAD blieb von der Zensur verschont und sicherte dem Verlag das Überleben. Über die Underground-Szene der späten Sechziger mit ihrem Ich-Kult geht es zur Graphic Novel weiter. Nach den Pionierwerken – Eisners A Contract with God und Spiegelmans Maus – stehen zeitgenössische Arbeiten im Mittelpunkt. Der Besuch endet mit einem Ausblick auf die israelische Comicszene.

Ausstellungsansicht »Helden, Freaks und Superrabbis. Die jüdische Farbe des Comics« © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens ZieheDie Aussteller haben ihr Augenmerk auf ein Zielpublikum gerichtet, das fachfremd ist. Denjenigen, die die Arbeiten von Spiegelman, Eisner oder Crumb kennen, sagt sie nichts wirklich Neues zur Arbeit dieser Autoren. Da aber viele Originalzeichnungen zu sehen sind, dürfte jeder Comicfan Stellen finden, an denen er seinem persönlichen Fetischismus nachgehen kann: bei einer Vorzeichnung für einen Full Page Strip von Krazy Kat, bei einer Skizze zu einer Seite von Die Katze des Rabbiners oder einer Tuschezeichnung für A Contract with God. Bisweilen warten wahre Entdeckungen wie Mickey im Lager Gurs von Horst Rosenthal auf die Besucher. Die Nazis internierten Rosenthal 1939. Im französischen Lager Gurs beginnt er 1942 ein Album zu zeichnen, in dem auch Mickey Mouse wegen fehlender Papiere leben muss. Mickey beschreibt den Alltag im Lager, bis er sich zum Schluss einfach auslöscht und nach Amerika verschwindet, weil er das als Comicfigur kann. Rosenthal wurde noch 1942 nach Ausschwitz deportiert und ermordet.

Die Architektur der Ausstellung bereichert den ohnehin starken visuellen Eindruck von „Helden, Freaks und Superrabbis“ noch. Marcus Kaiser und Tobias Katz haben die Austellungswände und -tische als einen mehrfach gefalteten Comicstrip entworfen. Da zu jedem Themenblock passende Alben und Comichefte in Sitzecken verteilt sind, sollte sich jeder Besucher sehr viel Zeit nehmen für den Gang durch die jüdische Comicgeschichte, die einen gewaltigen Teil der gesamten Comicgeschichte ausmacht.

Helden, Freaks und Superrabbis
Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin, bis 8. August 2010
Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin
Website der Ausstellung inkl. Webcomic von Sascha Hommer und Jan-Frederik Bandel

Diverse Begleitprogramme, z. B. „Zeichne deinen Comic!“
Dreitägiger Workshop mit Zeichner Uwe Heinelt zum Thema Helden für Jugendliche von 14-18 Jahre
Mo. 12., Di. 13. und Mi. 14. Juli, jeweils 13 bis 17 Uhr
Preis: 10,- Euro inkl. Materialkosten
Anmeldung unter: ferienprogramm(at)jmberlin.de, Kopie an info(at)heinelt-comic.de

Oder auch unter: 030/25993322
Gerne können Teilnehmer vorab eigene Zeichnungen an das Jüdische Museum Berlin mailen.

Fotos © Jüdisches Museum Berlin, Fotograf: Jens Ziehe

Star Trek: Spock + Star Trek: Nero


 Der neueste Star Trek-Film von J.J. Abrams bescherte dem altgedienten Franchise bislang viel Aufmerksamkeit. Folgerichtig hat man beim US-Verlag IDW, der die Lizenz für Star Trek-Comics innehält, nicht lange gezögert und in den vergangenen Wochen und Monaten die Veröffentlichung ergänzender Geschichten zur Filmthematik richtig angekurbelt. Die beiden jetzt auf Deutsch erschienenen Bände, schlicht mit den Titeln Spock bzw Nero versehen, spielen vor den Ereignissen des Films, jedoch nach Countdown, dem Comicprolog zum Streifen (als erster Star Trek-Comicband ebenfalls bei Cross Cult). Damit ist klar, dass noch offene Lücken geschlossen und die beiden Hauptakteure, ein gealterter Spock und dessen brutaler Widersacher Nero, näher beleuchtet werden sollen.

In Spock, geschrieben vom Autorengespann Scott und David Tipton, wird der Leser durch das Leben des wohl berühmtesten Vulkaniers geführt. In einer lockeren Rahmenhandlung erzählen Flashbacks von wichtigen Momenten aus Spocks Vergangenheit. Freilich bleibt ein Wiedersehen mit der alten Crew der Enterprise um Captain Kirk dabei nicht aus. Während die übergreifende Handlung sich zäh wie Kaugummi gestaltet, sind es gerade die nostalgischen Rückblenden, die, aus Spocks subjektiver Sicht gesehen, diesem Comic Tiefe verleihen.

 Das deutlichste Manko bei diesem Comic ist sicherlich die relativ hohe Einstigsschwelle für völlig unbedarfte Leser. Hat man den aktuellen Star Trek-Film nicht gesehen, kann man gerade noch so zurecht kommen, zumal Spock ja ein altbekannter Charakter ist. Doch wenn man gar kein Vorwissen bezüglich der Star Trek-Kontinuität mitbringt, dürfte man es schwer haben. Spock ist gespickt mit Anspielungen und Verweisen, die erst richtig Spaß machen, wenn man sich ein Stück weit in der Materie auskennt. Da es aber auch ein sehr ruhiger, nachdenklicher Band ist, der auf Weltraumschlachten und dergleichen weitestgehend verzichtet, ist er sicherlich einen Blick wert.

Wesentlich actionreicher verläuft hingegen das Wiedersehen mit dem Romulaner Nero, dem ebenfalls ein zwischen Film und Countdown angesiedelter Comicband gewidmet wurde. Die Handlung basiert auf einer Geschichte der Drehbuchautoren Roberto Orci und Alex Kurtzman und wurde von Mike Johnson und Tim Jones schließlich getextet. Der Inhalt ist eigentlich schnell erzählt: Nero will seinen Heimatplaneten retten, führt hierzu eine Revolution an, wird von Klingonen inhaftiert und lässt dabei die geplante Rache an Botschafter Spock nie aus den Augen. Tatsächlich tritt letzterer auch gegen Ende des Comics auf, woraus nochmals spannende Dialoge resultieren und der Handlung eine gewisse Gewichtung verliehen wird. Ansonsten ist Nero nämlich ein eher mäßig unterhaltender Füller, der wenig neue Einblicke in die zentrale Figur bereithält.

 Beide innerhalb kurzer Zeit hierzulande veröffentlichten Ausgaben wurden von David Messina gezeichnet, der projektübergreifend quasi der Stammzeichner für Star Trek-Comics ist. Die Qualität seiner Arbeit habe ich ja bereits an anderer Stelle kritisch beleuchtet, umso erstaunter war ich, als ich die reinen Bleistiftzeichnungen ausgewählter Seiten im Anhang der beiden Bände sah: Messinas Arbeit erscheint ohne Tusche und Farbe wesentlich präziser, detailierter und weniger „krumm“. Vor allem Gesichtszüge wurden, vergleicht man die betroffenen Seiten direkt miteinander, stellenweise richtig verhunzt, z.B.  indem Lichteffekte oder Schattierungen nachträglich eingefügt wurden. So ist zumindest jetzt mein Eindruck ein positiverer als noch zuvor; das fertige Ergebnis macht das jedoch aus zeichnerischer Sicht nicht besser. Schade eigentlich.

Wie immer liebevoll von Cross Cult zusammengestellt sind die Extras, z.B. ein von Messina extra gestaltetes Covermotiv, Interviews mit Schauspieler Eric Bana (Nero) und Autor Scott Tipton oder die obligatorischen Covergalerien und Auszüge aus Skizzenbüchern.

 

Star Trek Comicband 3: Spock
Cross Cult, April 2010 2010
Autoren: Scott Tipton, David Tipton
Zeichner: David Messina
128 Seiten, farbig, 14,80 Euro (SC), 19,80 Euro (HC)

ISBN: 978-3-941248-46-5 (SC)

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ISBN 978-3-941248-47-2 (HC)

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Star Trek Comicband 4: Nero
Cross Cult, Mai 2010
Autoren: Mike Johnson, Tim Jones
Zeichner: David Messina
128 Seiten, farbig, 14,80 Euro (SC), 19,80 Euro (HC)
ISBN: 978-3-941248-48-9 (SC)

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 ISBN: 978-3-941248-49-6 (HC) 

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Vor allem für Fans von Star Trek bieten diese beiden Comics gute Unterhaltung. Neue Leser dürften sich etwas verloren fühlen.


Abbildungen © Cross Cult

 

 

Die Schanzen-Babes

 Zuletzt erregte Zeichner Calle Claus meine Aufmerksamkeit mit der märchenhaften (und wortlosen) Unterwassergeschichte Findrella. Diesmal lässt er zwei freche Gören auf die Leser los, die in Hamburg ihr Unwesen treiben. Liz und Gwen heißen die beiden sogenannten Schanzen-Babes, in kurzen Episoden lässt Calle Claus sie bevorzugt über Fußball, Männer und Clubbesuche palavern. So richtig zünden will diese Idee bei mir jedoch nicht. Weder die pubertären und pseudocoolen Sprüche der Girls noch die halbgaren bis reichlich platten Gags am Ende jeder Episode versetzen mich beim Lesen in Entzücken. Gut, da die Geschichten  im Laufe der letzten Jahre zum Teil im Hamburger Stadtmagazin hamburg-pur abgedruckt wurden, gehöre ich möglicherweise weder zur regionalen, noch zur altersmäßigen und/oder geschlechtlichen Zielgruppe, wer weiß. Zudem muss man ehrlich sagen, dass die deutlich regionale Einfärbung und Thematisierung vielleicht beim ein oder anderen Hamburger mehr Anklang finden könnte, als dies bei mir der Fall ist. Denn immerhin: Vom Schanzenviertel über den FC St. Pauli bis hin zum Fischmarkt liefert Calle Claus für Einheimische viele Querbezüge.

Als Highlight sind sicherlich die Gastbeiträge anderer bekannter Künstler zu bezeichnen, darunter Klaus Cornfield, Wittek, Olli Ferreira und Jule K., die allesamt ihre eigene Version von Liz und Gwen zu Papier brachten. Und logisch, das Crossover von Claus' Schanzen-Babes vs. Fils Didi & Stulle lässt sich mehr als sehen.

Alles was sich vor dem Abdruck dieser Gastbeiträge abspielt, muss man mögen. Meinen Humor hat Calle Claus sicherlich nicht getroffen. Da blätter ich stattdessen doch lieber nochmal im Buch der stummen Wassernixe.

Die Schanzen-Babes
Edition 52, Mai 2010
48 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 10 Euro

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Barbara 1


Babara – CoverVor allem bekannt für seine Animationsfilme Astro Boy und Kimba, der weiße Löwe, erscheinen langsam aber sicher auch Osamu Tezukas Mangas auf dem deutschen Markt. Der Großmeister des japanischen Comics entwickelte neben den moralisch angehauchten Kindercomics auch den gekiga, den Manga für Erwachsene, ständig weiter und führte diese scheinbar entgegen gesetzten Welten immer näher aneinander heran. Nachdem mit Kirihito bei Carlsen Comics bereits ein Werk aus dieser Schaffensphase Tezukas übersetzt wurde,  folgt nun der Schreiber und Leser Verlag mit Barbara, einer Geschichte, die meisterlich zwischen Ästhetik und Slapstick, zwischen Erotik und Literatur oszilliert.

Eine erläuternde Bemerkung sei dieser Besprechung noch vorangestellt, die im Comic leider erst am Ende zu finden ist. Die Damen und Herren von Tezuka Productions stellen klar, dass die Werke Tezukas als Zeichen ihrer Zeit zu lesen sind, sprich politisch unkorrekte Szenen wurden nicht nachträglich verändert, um dem heutigen Zeitgeist zu entsprechen. Natürlich soll bei dieser Besprechung nicht ignoriert werden, dass viele Szenen frauenfeindlich sind, dennoch möchte ich die Kritik dazu nutzen, zu zeigen, wie Tezuka diese Darstellungen verwendet. Dieser Comic ist selbstverständlich nicht für Kinder gedacht, dementsprechend wurde auch die Originalleserichtung durch Spiegelung der Bilder in eine westliche überführt.

Entstanden ist Barbara in einer kreativen Umbruchsphase (1973-74), in der sich Tezuka von den cartoonigen Zukunftsvisionen und utopischen Märchenwäldern löst, aber noch nicht ganz bei den Biografien (wie z.B. Adolf) und Dokumentationen seiner späten Phase angekommen ist. Die Figuren, die er Mitte der Siebziger Jahre erschaffen hat, sind fast ausschließlich gespaltene Persönlichkeiten, die das Böse, den Konflikt, in sich selbst tragen. Auch der Protagonist in Barbara, der Autor Yosuke Mikura, fällt in diese Kategorie. Obgleich die Frauen ihm wegen seinem Erfolg zu Füßen liegen, fühlt er sich nur vom Abnormalen angezogen.

Barbara betrunken In den ersten drei Kapiteln wird nicht nur das Potential seiner Perversitäten ausgelotet, sondern auch die Titelfigur Barbara eingeführt. Der Autor sammelt das junge Mädchen ganz bedenkenlos am Bahnhof ein und bringt sie zu sich nach Hause. Dort beginnt Barbara auch gleich zu trinken und sich daneben zu benehmen, während sich Yosuke seinen Gelüsten hingibt. Die beiden Figuren scheinen sich gegenseitig anzuziehen, aber auch gleichzeitig abzustoßend. Sie brauchen einander, ohne es zu wissen. So wird Yosuke vor einem „Zwischenfall“ mit einer „Hundedame“ von seinem neuen Schutzengel gerettet, bevor es zu Schlimmerem kommen kann. Die nachfolgenden Episoden verwenden das gleiche Muster. Gerade als die Geschichten drohen redundant zu werden, schlägt Tezuka einen Haken, nutzt das von ihm bistdato etablierte Erzählmuster und beginnt, mit seiner Geschichte und seinen Figuren zu experimentieren.

Gewalt unter FrauenWährend Yosuke in seine eigene Lasterhölle hinabrast, gelingt es Tezuka, durch rasante Wechsel sowohl grafischer als auch erzählerischer Natur immer wieder aufs Neue zu fesseln. Die Situationen im Comic schlagen urplötzlich von einem Extrem ins nächste um, ohne dabei flach zu wirken oder gar umzukippen. Eine perverse Sexphantasie wird durch eine Ohrfeige, einen Schluck Whisky, Gin, Rum oder ähnlich hochprozentiges Zeug abrupt beendet. Ernsthafte Diskussionen werden durch Barbaras entblößten Busen abgebrochen, anderweitig zugespitzt, nur um dann wieder an anderer Stelle zu eskalieren. Tezuka nutzt dabei denselben niedlichen  Zeichenstil seiner Kindercomics, füllt ihn aber mit erwachsenen Themen. Immer wenn die Ernsthaftigkeit droht die Überhand zu gewinnen, gelingt es Tezuka, die kindliche Unschuld seiner Figuren zu unterstreichen.

Tezukas Meisterschaft im Erzählen fußt auf seiner Fähigkeit, unterschiedlichste Ansprüche zu bedienen, zu verbinden, ohne ihnen dabei ihre Wucht zu nehmen, ohne sie zu einem Erzählbrei verkommen zu lassen. So wird im ersten Band von Barbara fröhlich weiter mit Literaturzitaten um sich geschleudert, Alkohol in rauen Mengen konsumiert, perversen Fantasien hinterher gegeifert, und sehr viel geschrieben. All das findet immer nur einen Schritt vom Wahnsinn entfernt statt.

Babara 1
Schreiber und Leser, April 2010
Text und Zeichnungen: Osamu Tezuka
Übersetzung: Tsuwame und Resel Rebiersch
Broschiert, 208 Seiten, schwarz-weiß; 14,95 €
ISBN: 978-3-941239-28-9



Ein verstörend guter Comic, der vor wohltuender Zweideutigkeit nur so strotzt.

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Abbildungen: © Tezuka Productions/Schreiber und Leser

Oh nein! Ich bin ein Mädchen! 4. Akt, 7. Kapitel

Oh nein, ich bin ein Mädchen! 4. Akt25 Seiten beschließen den 4. Akt „Verfolgungswahn“, der vor über einem Jahr gestartet ist und 144 Seiten umfasst.

Jans Zeit im Krankenhaus … Was werden die Ärzte bei der Untersuchung herausfinden? Und kommt Jan überhaupt wieder aus dem Krankenhaus raus?

Hier geht’s zum 7. Kapitel des 4. Aktes: „Nacht ohne Chicky“ .

[Übersicht aller bisherigen Akte.]

Thread im Comicforum mit dem wöchentlichen Update von ONIBEM.


Secret Warriors 1

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Secret Warriors 1Alles ändert sich, warum nicht du? − „Dafür bin ich zu lange dabei. Nach einer Weile ist man, was man ist …“

Dieser, beinahe auf Metaebene geführte, Dialog zwischen Nick Fury und seiner alten Flamme Contessa Allegra de Fontaine (deren Schöpfer Jim Steranko wirklich etwas von Agentennamen verstand) bringt auf den Punkt, was den Mann umtreibt. Jemand, der seit den 1960ern – dank einer den Altersprozess stoppenden Droge – ohne Atempause als weltrettender Agent im Einsatz ist, lässt sich nicht einfach in Rente schicken. Auch nachdem er von seinem Posten als Chef von SHIELD entbunden und die ganze Organisation schließlich durch Norman Osborns Geheimdienst H.A.M.M.E.R. ersetzt wurde, macht Fury einfach auf eigene Faust mit dem weiter, was er immer getan hat: die USA und den Rest der Welt kompromisslos vor sich zusammenbrauenden Bedrohungen schützen. Nun aber gemeinsam mit dem Nachwuchshelden-Team Secret Warriors, das er nach seinen knallharten Regeln trainiert.

Der alte, raubeinige Haudegen und ein Team hitzköpfiger Junghelden, von denen der jüngste ein zwölfjähriger griechischer Gott ist − das Konzept funktioniert ganz ordentlich, ist aber längst noch nicht alles, was diese neue Serie ausmacht. Die Autoren Jonathan Hickman und Brian Michael Bendis fahren mit Verschwörungen, Doppelagenten und einer wirklich dramatischen (wenn auch etwas sehr arg konstruiert wirkenden) großen Enthüllung, die weit in die Vergangenheit des Marveluniversums hineinreicht, alle Zutaten eines guten Thrillers auf und schaffen erfolgreich eine „Alles ist möglich“-Atmosphäre der ständigen Bedrohung. Mit der neu formierten Führungsriege der Terrororganisation Hydra gibt es dazu Gegenspieler, die auf eindrucksvoll unangenehme Art auch als solche überzeugen.

Beispielseite aus der US-AusgabeDie Autorenpaarung Hickman und Bendis (Story von beiden, Skript von Hickman) erweist sich als weise Entscheidung für die Serie. Denn eine vielgleisige Handlung mit großem Figurencast flott voranzutreiben gehört erwiesenermaßen nicht gerade zu Bendis‘ vielen Stärken als Autor, dem relativen Newcomer Hickman, der schon mit Fantastic Four: Dark Reign positiv auffiel, liegt es offenbar recht gut. So ergibt sich eine zwischen verschiedenen Schauplätzen, Figuren und Plots umher springende, dennoch kohärent wirkende Handlung, die im positiven Sinne an gute TV-Thrillerserien der neuen Generation erinnert. Nur ist das Budget comictypisch natürlich größer bzw. unbegrenzt und so kommen beeindruckende Unterwasserbasen und gigantische Flugzeug- beziehungsweise Helicarrierträger(!) zum Einsatz − sehr stylisch vom italienischen Zeichner Stefano Caselli umgesetzt, der trotz leichter Schwächen in Sachen Mimik mit einer lebendigen Mischung aus cartoonhaftem Stil und Realismus überzeugt, welche erstaunlich gut mit der Agentenkost funktioniert. Die schicke Digitalkolorierung von Daniel Rudoni, der atmosphärisch gedeckte Farben einer allzu bunten Comicoptik vorzieht, tut ihr übriges für eine angemessene Atmosphäre.

Der einzige, wirklich ins Gewicht fallende Wermutstropfen dieses Comics besteht darin, dass die Autoren dem Rampensau-Charme der Figur Nick Fury augenscheinlich etwas zu sehr erlegen sind − Fury dominiert die Handlung dermaßen, dass die titelstiftenden Secret Warriors selbst eher blass und unausgereift bleiben. Auch nach Lektüre der sechs Episoden in diesem Band, den man gut im Anschluss an Secret Invasion lesen  kann, weiß man immer noch nicht genau, wie Furys Zöglinge eigentlich ticken und welche Motivation sie überhaupt haben, bei diesem Himmelfahrtskommando mitzumachen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden − die Ansätze für interessante Figuren sind definitiv vorhanden.

Secret Warriors
Panini Comics, März 2010
Text: Jonathan Hickman, Brian Michael Bendis
Zeichnungen: Stefano Caselli
Softcover, 148 Seiten, 16,95 Euro


Gut

Gelungener, kurzweiliger Mix aus Big-Budget-Agententhriller und Superheldenaction

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Abbildungen © Marvel Comics, der dt. Ausgabe Panini Comics

Die Sandkorntheorie

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Cover von Die SandkorntheorieGewichtsverlust trotz opulenter Speisen? Aus dem Nichts auftauchende Steine, deren Gewicht (6793 Gramm) eine Primzahl ergeben? Sand, der sich in der Wohnung anhäuft und niemand weiß, warum? Das sind die mysteriösen Zutaten in Die Sandkorntheorie. Das Album gehört dem Zyklus Die Geheimnisvollen Städte an und setzt sich deshalb in utopisch-phantastischer Weise mit der Mode- und Kunstgeschichte genauso auseinander wie mit architektonischen, stadtgeographischen und technischen Themen. Die Altmeister des frankobelgischen Comics François Schuiten (Zeichnungen) und Benoît Peeters (Text) sind auf diesem Gebiet also bereits ein eingespieltes Team. Ihre neueste Arbeit kann aber auch unabhängig von den bisherigen Werken oder als Einstieg gelesen werden, da kein Vorwissen nötig ist.

Die Sandkorntheorie spielt zunächst einmal in einer utopisch-fantastischen Parallelwelt: in Brusel (kein Schreibfehler!) im Jahr 784. Das Stadtbild ist geprägt durch fliegende Zeppelintaxis, futuristische Autos sowie durch das Nebeneinander von futuristischen und historischen Bauten. Auf diese Weise entsteht eine Atmosphäre, die man sonst nur aus dem Steam-Punk oder Retro-Futurismus kennt. Dort geschehen neben den bereits erwähnten rätselhaften Vorkommnissen noch mehr außergewöhnliche Ereignisse. Deshalb wird Mary von Rathen, Expertin für unerklärliche Phänomene, beauftragt, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, wodurch das utopisch-fantastische Szenario mit einer Kriminalerzählung verschmilzt.

Die Geschichte ist atmosphärisch sehr dicht und durch die verschiedenen Protagonisten komplex erzählt. Doch das Ganze wird nie unübersichtlich oder konfus. Bei der Lektüre denkt man schnell an die frühen Arbeiten von Enki Bilal/Pierre Christin (Die Stadt, die es nicht gab, Ehapa), nur unpolitischer, oder an Moebius (Die Hermetische Garage, Cross Cult), nur weniger bizarr und satirisch. Aber die größte Verwandtschaft dürfte wohl mit Daniel Hulets Trilogien Immondys und Extra Muros (beide Ehapa) vorliegen, weil auch Die Sandkorntheorie durch graustufige Charakterskizzen und trotz utopisch-fantastischer Elemente in Punkto Szenario einen realistischen Bezug aufweist – zum Beispiel ein Jugendstil-Haus.

Leseprobenseite aus Die SandkorntheorieÜberhaupt sorgen die detailverliebten und architektonisch exakten Zeichnungen für eine gewisse Bodenhaftung. Eine Innovation liegt grafisch darin begründet, dass die Bilder schwarz-grau und nur die fantastischen Elemente wie die Steine oder Sand in weiß gesetzt sind. Das sorgt für ein ganz neues Seherlebnis, wenn sich das strahlende Weiß gegen das Grau-Schwarz abhebt. Dass das Ganze auch mehr als bloßer Effekt ist, erklärt sich selbstredend dadurch, dass es sich bei den weißen Phänomenen um die fantastischen Turbulenzen handelt, die den „grauen Alltag“ außer Kraft setzen.

Daneben besticht Die Sandkorntheorie durch ein augenfälliges Spiel mit dem Ornament, das hier eindeutig mehr als bloße Dekoration ist, sondern vielmehr – wie im Film Noir – auch die psychologische und philosophische Entwicklung kommentiert. So verweisen die spiralförmigen Ornamente auf die in der Populärkultur oft zitierte „Downward Spiral“, die im Film (Noir) oft durch eine Wendeltreppe dargestellt wird. Außerdem muss das Licht-Schatten-Spiel als herausragende Meisterleistung genannt werden, was nicht nur darin liegt, dass auch hier eindeutig cineastische „Vor-Bilder“ in die Comicwelt übertragen worden sind. So werden beispielsweise Überblendungen durch schemenhafte Zeichnungen angedeutet oder eine unheimliche Atmosphäre à la Alfred Hichtcock durch ein „Beleuchtungslicht“ von unten erreicht.

Die Komplexitätstheorie geht davon aus, dass ein einzelnes Sandkorn eine ganze Lawine auslösen kann. Der Titel findet in der Geschichte dementsprechend eine Auflösung. Auch deshalb ist Die Sandkorntheorieals Meisterwerk einzustufen. Die spannend erzählte, verschachtelte Geschichte ist geist- und kenntnisreich. Sie wird aber auch durch phänomenale und handwerklich lupenreine Bilder ergänzt, die eine ganz eigene Welt erschaffen. Das ist unterhaltsame und ganz große Comickunst. Und nach rund zwei Jahren – und unzähligen Coverentwürfen später – liegt die deutsche Ausgabe nun auch bei Schreiber & Leser vor. Danke!

 

Die Sandkorntheorie
Schreiber & Leser, April 2010
Text: Benoît Peeters
Zeichnungen: François Schuiten
Klappenbroschur, 112 Seiten, schwarz-weiß; 24,80€
ISBN: 9783937102962
Linktipp: Auf der Verlagsseite wird ein Video gezeigt, in dem die Künstler den Comic vorstellen

Hervorragend!

Einzigartige Zeichnungen und dicht erzählte, fantastisch-utopische Geschichte

 

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Abbildungen der dt. Ausgabe © Schreiber und Leser