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Wolverine: Old Man Logan (US)


 Old Man Logan ist eine dieser After-the-Fall-Superheldengeschichten, die sich seit der Zeit, als Alan Moores Twilight of the Superheroes  nie erschien sehr großer Beliebtheit erfreuen. Age of the Apocalypse. Es ist fünf nach Zwölf in den USA und die Schurken haben gewonnen. Die Superhelden sind tot, die großen Superschurken haben die USA – bzw. das, was von den USA übrig blieb – untereinander aufgeteilt.

Logan hat seit dem traumatischen Tag, als das Böse gewann, die Krallen nicht mehr ausgefahren und seine Identität als Wolverine aufgegeben. Er lebt nun als friedliebender, gealterter Farmer zusammen mit seiner Familie im kalifornischen Ödland, das von jenen Kindern terrorisiert wird, die Bruce Banner (Hulk) mit seiner Cousine Jenny Walters (She-Hulk) zeugte. Nachdem er der Hulkbrut einmal die Tributzahlungen nicht zukommen lassen kann, erhält Logan eine kurze Schonfrist um das Geld aufzutreiben, ehe die Hillbilly-Hulks seiner Familie schreckliche Dinge antun. Logan ist nun gezwungen, einen Job als Leibwächter des inzwischen erblindeten Hawkeye anzunehmen, der dringend im Spider-Mobil ein wichtiges Paket an die amerikanische Ostküste bringen muss.

Ein „Roadmovie“, der quer durch das postapokalyptische Ödland führt? Warum nicht, mit sowas hat immerhin Cormack McCarthy in den letzten Jahren einen der größten literarischen Erfolge des noch jungen Jahrhunderts hingelegt. Und das postapokalyptische Marvel-Universum kann ein spannender Ort sein, besonders wenn es so schön detailliert von Steve McNiven in Szene gesetzt wird (auch wenn das postapokalyptische Grau-Braun auf Dauer etwas öde wird und McNiven gerade bei Szenen, die in Innenräumen spielen, doch eher faul erscheint, was das Zeichnen von Hintergründen betrifft). Die Möglichkeiten, was aus den USA und all den Myriaden an Marvel-Figuren in dieser Welt geworden ist, scheinen unbegrenzt. Und genau das ist die zentrale Schwäche von Old Man Logan: Eine Geschichte, die man früher in zwei Ausgaben von What if…? Locker untergebracht hätte, streckt Mark Millar über acht Hefte, so dass sich beim Leser relativ schnell das Gefühl einstellt, hier nicht für eine Geschichte bezahlt zu haben, sondern für das Photoalbum einer immens beeindruckenden Sightseeing-Tour. Stellenweise fühlt sich Old Man Logan weniger wie eine Comicnarrative und eher wie das Quellenbuch eines Rollenspiels an.

 Zugegeben, die Sightseeing-Tour ist stellenweise visuell absolut großartig und die Ideen, die Millar hier im Takt einer Maschinengewehrsalve raushaut, sind gelegentlich wirklich interessant. Die Doppelseite, auf der Logan herausfindet, woher der Ort Pym Falls seinen Namen hat, ist unglaublich spektakulär und besitzt das Potential dazu, sich langfristig ins Gedächtnis jeden Lesers einzubrennen. Aber das verdankt sie alleine McNivens Strich. Millar reißt jede Art von Idee mal an, gibt aber keiner einen Moment Zeit, um sich zu setzen und Früchte zu tragen: Hier ist Hammer Falls, der Ort an dem die Menschen Thors Hammer anbeten und um die Rückkehr der Helden flehen. Weiter, weiter. Hier sind ganze Städte, die die Maulwurfsmenschen unter die Erde gerissen haben. Weiter, weiter. Hier ruht Loki, erschlagen vom Baxter Building. Weiter, weiter. Hier ist ein T-Rex aus dem Savage Land, der eine Symbiose mit dem Venom-Symbionten eingegangen ist. Weiter, weiter. Hier ist Mount Rushmore, aufgestockt um den Kopf des Red Skull. Weiter, weiter. Hier ist Emma Frost, jetzt verheiratet mit Victor von Doom. Und so weiter, weiter.

All das sind spannende und zum Teil kreative Ideen; allein: Millar macht fast nichts aus ihnen. Momentaufnahmen. Bedenkt man, dass die Geschichte schlicht nicht über die acht Ausgaben trägt, dann wäre definitiv der Raum dagewesen, um irgendeinen dieser Aspekte genauer auszuleuchten. Allerdings hätte Millar dann vielleicht auch etwas tun müssen, dem er entgeht, wenn er die hier geschaffene Welt nur im Schnelldurchlauf präsentiert. Er hätte dann Dinge erklären müssen, sich Fragen gefallen lassen müssen, die dem Leser nicht in den Sinn kommen, wenn ein wuchtiges Konzept nur ganz kurz vorgestellt und dann wieder von der Bühne gefegt wird. Etwa die Frage, wie es den Superschurken gelungen ist, sich so zu organisieren, dass sie in einer einzigen Nacht alle Superhelden ausschalten konnten. Wie ausgerechnet Mysterio, seit Jahrzehnten kein wirklich bedrohlicher Spider-Man-Schurke mehr, eine derart plotrelevante Effektivitätssteigerung hinlegen konnte. Oder warum Dr. Doom sich bei der Aufteilung Amerikas mit dem Bible Belt begnüngen sollte.

 An einer anderen Stelle zeigt sich zudem, warum ich Millar nur in der Mittelklasse der Comicautoren ansiedele: Millar ist in bestimmten Bereichen hochkompetent, aber ihm fehlt es völlig an Selbstbeherrschung. Was in Old Man Logan an einer Sache deutlich wird, die er fast richtig macht, die ihm fast perfekt gelingt, die fast großartig ist. Mit „fast“ als operativem Wort. Logan ist also nach einem traumatischen Ereignis zum Pazifisten geworden. Zu einem Mann, der sich eher zu Klump schlagen lässt (was sehr oft in Old Man Logan geschieht), als dass er seine Krallen noch einmal ausfährt, egal wie verabscheuungswürdig sein Gegenüber sein mag. Weshalb er – in bester Snake-Plissken-Manier – auch auf den Namen Wolverine immer nur mit einem „My name is Logan“, reagiert.

Das ist als Struktur nicht neu. Ganz im Gegenteil, das ist ein althergebrachtes Motiv. Und jedem Leser ist klar, worauf es hinausläuft. Aber das ist hier nichts Schlimmes, denn diese Struktur funktioniert. Jeder weiß, dass irgendwann der „breaking point“ erreicht sein wird. Irgendwann wird die Linie überschritten und Logan wird die Krallen wieder ausfahren. And make no mistake about it: There will be blood! Es kann gar nicht anders sein. Und der Aufbau dahin ist immens wichtig. Logan muss wieder und wieder an seine Grenzen gebracht werden. Er muss einstecken, als gäbe es kein Morgen. Er muss in Situationen gebracht werden, in denen er nur einen Herzschlag davon entfernt ist, die Krallen einzusetzen. So muss beim Leser eine Erwartungshaltung erzeugt werden. Eine Erwartungshaltung die so groß ist, dass der Moment, in dem Logan die Krallen ausfährt, zum Höhepunkt der bisherigen Geschichte wird. Und dann kommt der große Moment am Ende der vorletzten Ausgabe.

SNIKT!

In riesigen roten Lettern.
Über zwei Seiten.
Ohne Bild.

Das hier ist die Klimax des Comics. Das hier ist der blutige Cumshot in Millars Gewaltporno, nach dem nur noch das blutige Denouement folgen kann … Oder zumindest wäre er das, wenn nicht Logan am Anfang der selben Ausgabe einen Gegner ganzseitig mit Captain Americas Schild enthauptet und anschließend ein Sonderkommando in die Luft gejagt hätte. Nachdem Logan zu seinem alten Wesen zurückgefunden hat, ist es nur noch Makulatur, dass er jetzt die Krallen wieder ausfährt. Den Pazifismus hat er eh schon aufgegeben. Es sind zehn Seiten zwischen der Enthauptung und dem Tropfen, der Logans Fass zum Überlaufen bringt. Zehn Seiten die Millar zu einem perfekten Aufbau hin zum Kulminationspunkt der Geschichte fehlen. Aber in letzter Instanz mangelt es Millar an Selbstkontrolle: Die Gelegenheit zu einem Moment cooler Gewaltdarstellung bot sich, und wie ein Kind, das ein glänzendes Objekt sieht, kann Millar so etwas nicht zu Gunsten der größeren Rahmenhandlung ignorieren.

 Trotz seiner Schwächen: Old Man Logan ist ein weitgehend kompetenter Comic mit all dem Zynismus und der exzessiven Gewalt, die man an Millar entweder schätzt oder hasst. Ein Comic, der weder unlesbar schlecht noch unverständlich ist, der aber deutlich zu lang für das ausfällt, was er erzählt, und den primär die kurzen, coolen Momente tragen, die im Leser das Bedürfnis wecken, mehr von dieser Welt zu sehen. Und es ist ein Comic, der dank McNivens Artwork immer wieder atemberaubende Momente bietet, die den Leser einladen, eine Seite wirklich intensiv aufzunehmen.

Außerdem ist es ein Comic, der zu einem Ende führt, das sich als Anfang einer wirklich spannenden Serie erweisen könnte: Mit dem jüngsten Mitglied des Hulk-Clans auf dem Rücken macht sich Wolverine auf die Reise, um die USA aus den Händen der Superschurken zu befreien. Das wäre ein schöner Startpunkt für eine Art Lone Wolf & Cub-Miniserie, die sich etwas mehr Zeit nimmt, um diese postapokalyptische Marvel-Welt genauer unter die Lupe zu nehmen. Dann aber bitte geschrieben von einem Autor, der coole Momente als Mittel einer gut erzählten Geschichte einsetzt und nicht eine Story als bloße Entschuldigung dafür auffasst, einen coolen Moment an den anderen reihen zu dürfen …

Wolverine: Old Man Logan
Marvel Comics, 2009
Text: Mark Millar
Zeichnungen: Steve McNiven
Hardcover; 224 Seiten; farbig; 34,99 US-Dollar
ISBN: 978-0785131595


Trotz all des verschenkten Potentials ein immer noch solides Stück Superheldenfiction.

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Abbildungen © Marvel Comics

Ritter des verlorenen Landes 1 – Morrigan


 In dem neuen Zyklus um das verlorene Land greift der fleißige Autor Dufaux (Raubtiere, Murena, Giacomo C., Kreuzzug, etc.) auf die irische Mythologie zurück, indem er sich der Morrigans bedient. Sind sie in den altirischen Überlieferungen noch Königinnen, die sich der Christianisierung Irlands widersetzen, beschränkt sich Dufaux auf ihre Fähigkeiten der Gestaltwandlung und betont, dass sie Hexen sind.

Nichtsdestotrotz kommt der Aspekt der Christianisierung nicht zu kurz. So wird an einer Stelle erwähnt, dass sich die Hexen in der Gegend festsetzen konnten, da hier der neue Glaube noch nicht gefestigt sei. Christliche Symbole machen ihnen auch nichts aus: sie lassen ein Kreuz in der Hand eines Priesters verbrennen.

Gängige Elemente der Gothic Literature wie Ruinen, Sümpfe, Nebel, Adlige, böse Omen, verführerische Frauen, Friedhöfe, Gewitter, Totenschädel und tapfere Helden werden hier aufgeführt. Dennoch verkommt es nicht zum Klischee. Der Rückgriff auf die Mythologie und die Literatur des Rittertums verbindet die Elemente auf spannende Weise. So ist der Band sehr stimmungsvoll. Er ist gruselig, blutig, sexy, teilweise romantisch und spannend. Man kann ihn auch gut lesen, ohne den vorherigen Zyklus um Das Verlorene Land (4 Alben bei Ehapa) zu kennen.  Wenngleich auch manche Handlungselemente offen bleiben, kann man „Morrigan“ auch als Einzelband lesen, obwohl er einen neuen Zyklus beginnt. Die offenen Elemente beschränken sich auf Anspielungen, die den Leser neugierig machen, wie es wohl weitergehen wird.

Die Zeichnungen sind dynamisch, detailreich und vermögen es, wirklich jeder Person einen individuellen Charakter zu geben. In ihrer naturalistischen Art versetzen sie den Leser in die Zeit und in die Handlung und lassen ihn nicht mehr los. In Grau- und Blautönen koloriert, werden die Tristheit der (Handlungs-) Umgebung und die gedrückte, gruselige Stimmung noch verstärkt. Story, Zeichnungen und Farben ergänzen sich hier auf angenehmste Art und Weise.

 

Ritter des verlorenen Landes 1: Morrigan
Splitter Verlag, März 2010
Text: Jean Dufaux
Zeichnungen: J. Delaby
Hardcover, 56 Seiten, farbig; 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-090-3

Gut

Ein spannendes und stimmungsvolles Abenteuer, das Rittergeschichten mit Horror vermischt.

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Abbildungen © Splitter Verlag


Die Ruhmreichen Rächer 6

 Nach der “Secret Invasion“ ist bei den Ruhmreichen Rächern Zeit für einen Neuanfang: Eine komplett neu formierte Gruppe will den von Norman Osborn für seine zwielichtige Rächertruppe missbrauchten Teamnamen wieder reinwaschen. Statt der ‚Big Guns’ bieten die neuen Rächer jedoch nur ein paar Helden aus der zweiten bis dritten Reihe auf, angeführt vom blässlichen Ex-Yellowjacket Hank Pym, der nun als männliche Wasp(!) die Nachfolge seiner getöteten Ehefrau antritt. Will man sowas wirklich lesen? – Aber auf jeden Fall! Der Autor heißt nämlich Dan Slott und hat vor allem mit der viel gelobten Serie Sensational She-Hulk bewiesen, dass er eine gelungene Mischung aus Comic-Nerd und talentiertem Erzähler darstellt. Eine Art verbesserter Kurt Busiek-Klon minus dessen manchmal überhand nehmenden Hang zu Betulichkeit. Wie kaum ein Zweiter beherrscht Slott das Kunststück, aus der reichhaltigen Marvelhistorie zu schöpfen und damit Old-School-Fans zum wohligen Lächeln zu animieren, gleichzeitig jedoch frische, zugängliche Comics zu schreiben, die mit ihrem hohen Tempo und gekonntem Story-Hakenschlag auch jedem Neuleser gefallen dürften. Ähnlich gefällig sind die Zeichnungen von Serienkünstler Koi Pham, die mal an Olivier Coipel, mal an Jim Cheung erinnern, insgesamt zwar noch nicht hundertprozentig ausgereift, aber auf dem besten Weg dorthin sind. Auch nicht übel, aber gewöhnungsbedürftig, ist der düster-expressionistische Stil von Gastzeichner Stephen Segovia.

Das größte Plus von Slotts Rächern ist übrigens gerade die oben erwähnte ungewöhnliche Teamzusammensetzung. Statt den leichten Weg zu gehen und wie Brian M. Bendis in Die Neuen Rächer auf überstrapazierte Ikonen wie Wolverine und Spider-Man zu setzen, hat Slott mit US Agent, Hercules, Quicksilver, Jungrächerin Stature, der Teenversion von Vision, Roboterdame Jocasta und Nachwuchsgenie Amadeus Cho (sowie Rächer-Butler Jarvis in einer größeren Rolle) eine Konstellation geschaffen, die wegen ihrer Obskurität an sich schon spannend ist und durch gekonnte Charakterisierungen und Dialoge gehörig Spaß macht. Die große Offenbarung des Comics ist jedoch Hank Pym, der nach seiner Rückkehr aus der Skrull-Gefangenschaft mit arschcoolem Kostüm und neu entdecktem Geltungsbedürfnis endlich einmal als interessante Figur rüberkommt. Mehr davon – sofort!

Die Ruhmreichen Rächer 6
Panini Comics, April 2010
156 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 16,95 Euro

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Die mechanische Welt


 Auf dem riesigen Ozeandampfer Mekaton wird rauschendes Fest gefeiert, nicht nur zu Beginn des Comics, sondern einfach immer. Die gespielte, fröhliche Welt fungiert als Fassade, um eine mögliche Meuterei zu verhindern, denn den Passagieren des Schiffes ist es nicht gestattet, dieses zu verlassen. Mekaton ist ein Gefängnis, aus dem selbst der Kapitän nicht ausbrechen kann. Dafür sorgt zum Beispiel Oberaufseher Feinvogel, ein antropomorpher Adler.

Erst der Mut und die Entschlossenheit des jungen Rhinozeros Phileon ermöglicht für eine Gruppe Abtrünniger die Erkundung der Außenwelt. Über die Durchquerung der Antarktis gelangen sie schließlich in die gigantische Metropole Mechapolis, wo sie endlich einige Antworten erhalten.

Die mechanische Welt ist ein bezauberndes Märchen in moderner Form. Analog zu vielen anderen Märchen oder Fantasyerzählungen bricht hier ein kleiner Kerl aus seinem stark eingeschränkten Kosmos aus und erlebt in der Ferne das ganz große Abenteuer. Um sich geschart hat er eine illustre Runde: der jungen Bruno und seine beschützende Mutter, das stumme Mädchen Basilika und den zotteligen Kapitän. Die Interaktion zwischen diesen Protagonisten ist manchmal lustig mit anzusehen, manchmal auch rührend und süß.

 Die Handlung spielt sich in einer eigentümlichen Welt ab, die Steampunk, Science Fiction und klassische Fantasy sehr wild miteinander vermixt. Manchmal wirkt das leider alles etwas überambitioniert von  Jean-Baptiste Andreae, denn die mechanische Welt ist sowohl von Menschen bevölkert,als auch von Tierwesen, Robotern und Halb-Mensch-halb-Roboter-Wesen. Und auch inhaltlich steuert die Story etwas schwankend auf einen zu gut gemeinten Showdown zwischen Bösewicht Feinvogel und Phileas zu. Zudem ist dieser noch überschattet von einer an Matrix angelehnten Aufdeckung.

Insgesamt macht der Comic jedoch richtig Spaß. Vor allem zeichnerisch kann Andreae richtig punkten. Feine Strichführung, dynamische Bilder, wunderbar stimmungsvolle Kolorierung, hier macht der Künstler wirklich vieles richtig. Auch im kleinformatigen Splitter-Books-Format kann Die mechanische Welt dadurch richtig brillieren.

 

Die mechanische Welt
Splitter, März 2010
Text und Zeichnungen: Jean-Baptiste Andreae
144 Seiten, farbig, HC mit Schutzumschlag, 19,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-108-5

Gut

Gelungener Comicband mit tollem Artwork und größtenteils überzeugender Story

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Abbildungen: © Splitter Verlag


Das fünfte Evangelium 2 – Die Höhle des Zerberus

 Seit einigen Jahren kommen verstärkt Medien auf den Markt, die historische Hintergründe mit metaphysischen Aspekten vermischen. Ob es der Sehnsucht nach einer neuen Mystifikation entspricht in einer in allen Belangen rationalisierten Gesellschaft? Die meisten großen Fragen sind geklärt und es gibt kaum noch weiße Flecken auf der Landkarte, sei es der Geographie oder des Geistes. Da bietet es sich natürlich an, geschichtliche Aspekte als Rahmenhandlung zu nehmen, da die Historie noch immer genügend Spielraum lässt. Schließlich besitzt sie noch große Leerstellen.

Und wenn das so gut zusammenläuft wie in der Serie Das fünfte Evangelium, ist das ein besonderes Vergnügen. Wer den Autor Istin und seine Serien wie zum Beispiel Die Druiden kennt, weiß, wie genau er die historischen Hintergründe nimmt. Hier sind also verschiedene Parteien auf der Suche nach einem Manuskript. Den historischen Hintergrund bieten die Kreuzzüge. Der leprakranke Balduin ist König von Jerusalem, Saladin rüstet zum Schlag gegen die Christen und die Templer stehen anscheinend zwischen allen Stühlen. Neu ist das alles irgendwie nicht. Eine Mischung aus dem Roman Der Name der Rose“ (was den kirchenkriminalistischen Aspekt angeht), der Comicserie Das dritte Testament und dem Film Königreich der Himmel von Ridley Scott. Da aber aus den drei genannten die guten Elemente genommen wurden, funktioniert Das fünfte Evangelium.

Allerdings ist die Story relativ unübersichtlich und die Dynamik wird im zweiten Band durch relativ viele Rückblenden gebremst. Die Rückblenden sind zwar notwendig, aber hier wird auch die mangelnde Individualität der Gesichter deutlich, die Thimothee Montaigne zeichnet. Manchmal sind sie sehr schwer auseinanderzuhalten. Merkwürdigerweise sind die Rückblenden auch graphisch kaum anders gestaltet, was die Einordnung etwas schwierig macht. Der ganze Band ist in dunkleren Tönen gestaltet, es herrschen Grau-, Blau- und Brauntöne vor, die so gar nicht dem geläufigen hellen Licht des Nahen Ostens entsprechen. Das soll entweder ein Symbol dafür sein, dass es in den damaligen wirren Zeiten kein eindeutiges Unterscheiden zwischen Gut und Böse gab oder es steht für ein finsteres Zeitalter, das manche als apokalyptisch empfunden haben mögen.

Generell wird in diesem Band deutlicher, worum es inhaltlich geht. Hier wird geklärt, warum die jungen Mädchen entführt wurden und was das für ein Manuskript ist, und die Weichen für das große Finale im dritten Band werden gestellt. Der Band lebt vor allem von der spannenden Verbindung zwischen Geschichte, Religion und Mythos und dem hervorragend gestalteten Lokalkolorit. Ein spannendes aber etwas unübersichtliches Album mit einer Handlung, die einen mit sich reißt.

Das fünfte Evangelium 2 – Die Höhle des Zerberus
Splitter, März 2010
48 Seiten, Farbe, Hardcover
13,80 Euro

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Mostly Harmless? Mark Millars „Kick-Ass“: kein Geniestreich, sondern pubertäre Machtphantasie

 Bevor in dieser Woche die Verfilmung des Comics Kick-Ass von Mark Millar und John Romita Jr. ins Kino kommt, hat sich unser Redakteur Björn Wederhake intensiv mit der Vorlage auseinandergesetzt. In einem umfangreichen Essay erläutert er, warum sie typisch für Millar und seine Stilmittel ist und warum hier aus seiner Sicht „etwas sehr, sehr Unappetitliches unter der Oberfläche brodelt“.

ACHTUNG: Dieser Text enthält Spoiler, die einige relevante Elemente des Inhalts verraten.

Wie konnte das passieren? Während ich kurz nicht aufpasste, hat sich die Welt scheinbar entschieden, Mark Millar nicht nur wie einen ernstzunehmenden Comickünstler zu behandeln, sondern ihn als einen der ganz Großen dieser Comicgeneration anzusehen. Was ich kurz kommentieren möchte mit: Haltet die Welt an, ich will aussteigen.

Ich gebe zu, ich bin voreingenommen, was Mark Millar betrifft. Und Kick-Ass ist ein weiterer Comic, der mich in allem bestätigt, was ich von Millar und seiner Arbeit denke. Ich mochte Millars Ultimates und ich mochte den ersten Handlungsstrang von Millars The Authority, aber seitdem hat Millar nichts geschaffen, was mich in irgendeiner Form von seinen Qualitäten überzeugen würde. Ganz im Gegenteil: Spätestens nach Wanted, einem Comic, den ich verachte wie kaum einen zweiten, kommen mir selbst die eben genannten Comics beim erneuten Lesen mehr als fragwürdig vor. Es ist ein wenig wie mit Frank Miller: Ab einer gewissen Stelle in seinem Werk fragt man sich, ob die kleinen harmlosen Ticks und typischen Macken dieser Künstler vielleicht so klein und harmlos gar nicht sind.

Millar trampelt konstant auf derselben Stelle herum und versucht das dadurch zu verdecken, dass er einfach die Verstärker für Sex, Homophobie, Gewalt und billige Schockeffekte auf 11 stellt. Ähnlich wie Rob Liefeld scheint Mark Millar entwicklungstechnisch permanent im vorletzten Jahr der High School steckengeblieben und auch noch stolz auf seine ewig währende Spätadoleszenz zu sein.

Kick-Ass US-Heft #1 Kick-Ass ist die Geschichte von Dave Lizewski, einem sechzehnjährigen Loser, der sich entscheidet, dass er ein Superheldenkostüm anziehen sollte (ein Taucheranzug, den er auf eBay ersteigert hat), um seinem Leben einen Sinn zu geben. Nach ersten Startschwierigkeiten wird besagter Loser zu einem Internetphänomen, löst eine Welle an Nachahmern aus, lernt echte Superheldenprofis kennen und gerät schon bald an ein paar Gangster, die eine Nummer zu groß für ihn zu sein scheinen. Oh, und nebenbei muss er sich in der Schule weiterhin mit seinem Leben als Loser herumschlagen, der Probleme durchleidet, gegen die Peter Parkers Bullying durch Flash Thompson wie ein zärtliches Necken zwischen alten Freunden wirkt.

Im Kern schnürt Millar hier also zwei seiner überstrapazierten Tropen zusammen:

(1) Von der Gesellschaft emaskulierter Verlierer braucht Geheimidentität, um noch als „echter“ Mann handeln zu können. (vgl. auch Wesley in Wanted)

(2) Wie würde es Superhelden in der echten Welt ergehen? (vgl. zum Beispiel auch Marvel 1985, das Mark Millar – oh so clever – in diesem Comic referenziert)

Beides keine Ideen, denen man eine besondere Neuartigkeit unterstellen müsste. Trotzdem hätte man aus der Kombination beider Ideen natürlich etwas herausholen können, auch wenn gerade das erste Thema einen weitaus geschickteren Autor als Mark Millar bräuchte, um nicht peinlich und plump zu wirken. Dumm nur, dass wir den hier nicht haben.

Denn das, was Millar da als Geschichte zu verkaufen versucht, ist nicht viel mehr als eine schwache Entschuldigung, um von einer Popkulturreferenz oder Gewaltszene zur nächsten zu stolpern. Die Story hier ist, um John Carmack zu zitieren, wie die Geschichte in einem Porno: vorhanden, weil man sie erwartet, aber von keiner Relevanz. Irgendwie quält sich Kick-Ass durch die ersten drei Ausgaben, ohne dass auch nur Spurenelemente von Dramatik zu finden wären.

Und sonderlich kreativ, egal was die Hypemaschine rund um den Comic (eine Hypemaschine übrigens, die Stan Lee das Echthaartoupet vom Kopf wehen würde) uns weismachen will, ist die Idee auch nicht: Dave wird als Kick-Ass der erste Superheld der Welt und beginnt Nachahmer um sich zu scharen, die zum Teil zu Medienstars werden? Die Idee der Medienstarsuperhelden war Aufhänger der „originalen“ Youngblood-Serie (auch wenn nicht eine Youngblood-Figur auch nur im Ansatz ein Original war) und wurde zwischen 2002 und 2004 in kompetenter Form von Peter Milligan in X-Statix umgesetzt. Dass Hollywood oder die Filmpresse das nicht weiß und aufgrund des Pressematerials so tut, als wenn das hier ein Geniestreich wäre, stand zu befürchten. Comicleser dürften es aber besser wissen.

Trotzdem hätte Kick-Ass das Potential, trotz des dünnen und nicht eben neuartigen Plots ein solider Superheldencomic zu sein. Wenn da nicht bestimmte Idiosynkrasien Millars wären, die einfach nicht mehr zu ignorieren sind und die, in meinen Augen, das Werk als Ganzes abwerten. Arbeiten wir sie in Listenform ab.

1.) Die gezwungenen Popkulturreferenzen

 Eine Seuche Millars von frühesten Tagen an. Begann mit harmlosen Cameos von Ali G. oder Steven Spielberg in The Authority, führte dann dazu, dass Millar direkt seine Castingwünsche in die Comics zeichnen ließ (Eminem als Wesley und Halle Berry als The Fox in Wanted; Samuel L. Jackson als Nick Fury und Daniel Craig als der andere Stark in Ultimates bzw. Ultimate Avengers). Da die Filmrechte für Kick-Ass wohl direkt mit der ersten Ausgabe verhökert wurden, erspart uns Millar hier sein Traumcasting, was positiv ist, da damit ein Aspekt wegfällt, der mich immer wieder aus der von Millar geschaffenen fiktionalen Welt herausreißt. Leider kompensiert er das mit einem Popkulturnamedropping, das nur noch peinlich ist. Neben den massiven Comic-Metareferenzen werden unter anderem erwähnt: Joss Whedons Buffy, TMZ, YouTube, MySpace, Blogger, Heroes, Queer As Folk, America’s Next Top Model, World of Warcraft, Danny Elfman, Jay Leno, David Letterman und Craig Ferguson. Da ist noch mehr, aber das sind die Namen und Produkte, die mir im Hinterkopf haften geblieben sind.

Da wo Warren Ellis sein Abo von Nature und Science zu nutzen scheint, um zu überlegen, wie er aus den neuen Entdeckungen der Wissenschaft eine Geschichte stricken kann, wie er auf der cutting edge der Wissenschaft reiten kann, da scheint Millar sein fertiges Skript zu überfliegen und zu fragen: „Wo kann ich noch eine Popkulturreferenz reinhämmern?“

Millars Hipness wirkt nie organisch, sondern immer forciert. Es ist ein Taschenspielertrick, Rauch und Spiegel: der Versuch, eine Welt „glaubhaft“ zu machen – nicht durch konsistentes Worldbuilding, sondern durch Referenzen, die andeuten: „Das hier ist unsere Welt, unsere echte Welt. Und da die ja logisch konsistent ist, muss ich ihr keine weitere Aufmerksamkeit schenken.“ Das führt aber dann dazu, dass jede Menge Sand ins Getriebe kommt, wenn sich Millars Welt als unrealistisch erweist, wenn sie eben doch den narrativen Gesetzen der Superheldenuniversen zu folgen scheint, die Millar doch angeblich parodieren will. Wenn etwa die Cops Kick-Ass und seinen Kumpel Red Mist nicht festnehmen oder zumindest demaskieren, nachdem diese aus einem brennenden Haus gerettet wurden. (Was nebenbei den absolut hirnverbrannten Masterplan des Obermafiosis, der in der vorletzten Ausgabe enthüllt wird, völlig ruiniert hätte.) Wenn TMZ zwar über Kick-Ass berichtet, aber keine Paparazzi ihm nachstellen. Wenn 4Chan keinen Raid auf seine MySpace-Seite startet. (By the way: Das andere Problem mit diesem Surfen auf der Popkultur? Comics altern schnell. Im Ernst: MySpace? Lass dich einseifen, Opa.)

Abgesehen davon fällt mir für das massive Referenzdropping nur ein Adjektiv ein: erbärmlich. Und das meine ich im Wörterbuchsinne: „armselig, so dass Mitgefühl erzeugt wird“. Denn wie schon die Verwendung der Promiköpfe in seinen letzten Comics, so wirkt das hier nicht wie jemand, der einfach solide in der Gegenwartskultur junger Menschen verankert ist, sondern wie ein verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit, der in der Hoffnung erfolgt, dass die Erwähnung echter Stars vielleicht irgendwie auf ihn abfärbt. Dass TMZ ihn vielleicht wahrnimmt. Oder Jay Leno ihn mal einlädt. Ich interpretiere hier natürlich, aber Millars Comics kommen mir zunehmend wie eine lästige Pflicht vor, die halt erledigt werden muss, ehe das wahre Potential des Materials auf Zelluloid ausgeschöpft werden kann. Mal ganz abgesehen davon, dass mich am Ende des Comics die gedankenlos aneinandergereihten Echtweltreferenzen ebenso aus dem Comicuniversum rissen wie das augengeklappte Gesicht von Samuel L. Jackson in The Ultimates.

2.) Die kindische Gewalt

Comics haben in einer Hinsicht seit langem von ihrem Nischen-Dasein profitiert: Seitdem die Comics Code Authority jede Bedeutung verloren hat, kommen Comics – zumindest in den USA, die BPjM in Deutschland ist da rigider – mit einem Ausmaß an Gewalt durch, das in jedem anderen Medium zu schockierter Entrüstung führen würde.

Kick-Ass US-Heft #7Das kann eine Stärke sein, eben weil man in diesem Bereich Grenzen ausloten kann, die andere Medien mit einem Fünf-Meter-Stock nicht überqueren würden. Aber es kann auch dazu führen, dass die gezielte Lust am Tabubruch zum bloßen Selbstzweck wird und eine pornographische Qualität annimmt. Möchte jemand tippen, welcher Kategorie ich Kick-Ass zuordne?

Es ist nicht so, dass ich ein generelles Problem mit exzessiver Gewalt in Comics habe. In deutlich „cartooniger“ Form kann Ultraviolence durchaus ein spaßiges, wenn auch geschmackloses Vergnügen sein. Keine Diskussion. Die Ausgabe, in der Garth Ennis‘ Punisher den Zoo besucht, ist bis heute einer meiner absoluten Lieblingscomics. Ein schwarzhumoriges, kleines Meisterwerk. Aber obwohl die Gewalt in Kick-Ass ebenfalls absolut überzogen ist, fehlt es ihr an augenzwinkerndem Humor. Mehr noch, sie findet in einer Welt statt, die ja zumindest augenscheinlich realistisch ist (siehe Punkt 1). Wobei dieser Pseudorealismus die Abstrusität der Gewaltdarstellungen nur noch deutlicher macht: Hit-Girl, ein zehnjähriges Mädchen, schwingt ihre Katana und halbiert damit Köpfe (längs), durchtrennt Beine oder rammt Fleischerbeile in Schädel. Ein. Zehn. Jahre. Altes. Mädchen. Soviel zu Millars Kritik an den unrealistischen Aspekten von Watchmen und seinem vollmundigem Versprechen, dass Kick-Ass realistische Superhelden in der echten Welt präsentiere (in diesem aneurismenverursachenden Telegraph-Interview … Beißholz und Bullshit-Detektor zurecht legen. Für eine detailliertere Analyse (NSFW) vergleiche dieses Essay auf Comics Alliance).

Bevor ich dazu komme, was mich an der Figur Hit-Girls noch stört, nochmal ein Exkurs in Sachen ultrabrutaler Comics: Oben wurde bereits Garth Ennis genannt. Und Garth Ennis hat einige der brutalsten Szenen geschrieben, die mir bekannt sind. Teilweise in Geschichten ohne jede Tiefe, teilweise tatsächlich nur des Schockeffekts wegen. Aber Garth Ennis hat unter Beweis gestellt, dass er anders kann. Dass ihm das Konzept „Gewalt“ jenseits eines pubertären „höh-höh … cool“ verständlich ist. Man nehme sich eine von Ennis‘ War Stories zur Hand, oder besser noch, einen seiner Battlefield-Comics: „Dear Billy“. Ganz im Ernst: Findet diesen Comic und lest ihn. Ennis präsentiert da eine schockierende, herzzerreißende Meditation über Gewalt, den Hass, den sie gebiert, und über ihre Sinnlosigkeit: Nicht da Gewalt keine Lösung ist, sondern da Gewalt eben doch nicht kathartisch wirkt, sondern den Gewalttäter letztlich innerlich zerstört. Selbst in seinen besten Punisher-Geschichten macht Ennis deutlich, dass Frank Castles „Problemlösungsstrategie“ kein Problem löst. Am Ende von „The Slavers“ sind die Schurken tot, von Castle umgebracht in einer Brutalität, die selbst für die Punisher-MAX-Comics ungewöhnlich ist … und trotzdem, das macht Ennis auf der letzten Seite deutlich, hat sich nichts verändert. Der menschliche Anker der Geschichte muss jeden Tag mit dem leben, was ihm widerfahren ist. Auch andere Freunde gewalttätiger Vergnügen, Warren Ellis, Brian Azzarello, Eric Powell, haben gezeigt, dass sie mit Gewalt auf eine erwachsene, angemessene Weise umgehen können. Darum toleriere ich ihre Exkurse in die Gewalt der Gewalt willen.

 Bei Mark Millar habe ich eine derartige Einsicht oder auch nur einen menschlichen Anker in bisher keinem Comic gesehen: Gewalt ist ein Allheilmittel. Mehr noch als bei Frank Miller ist Gewalt die einzige Antwort auf die Probleme der Gesellschaft. Pazifismus, die Idee, dass es einen anderen Weg geben könnte, ist eine Schwäche, die immer in der Tragödie münden muss. Angefangen vom Genozid in Südostasien in The Authority bis hin zum Mord an Wolverines Familie in Old Man Logan zieht sich eine Blutspur durch Millars Comics, die die angebliche Tiefe seiner Werke als Spökenkiekerei enttarnt. Gewalt bleibt ohne Folgen, respektive: Es ist erst die Gewalt, die zum Ausschöpfen wirklicher Potentiale führt. Wesley in Wanted muss gefoltert werden und selbst foltern, damit er sein volles Potential ausschöpft. Gleichsam muss Dave in Kick-Ass zuerst mit Stromstößen in die Genitalien malträtiert werden, ehe er selbst gewillt ist, endlich ohne zu zögern – seine Schwäche am Anfang des Comics – Gewalt auszuüben und endlich zu einem echten Mann zu werden, der eine andere Figur als „Pussy“ (dazu unter Punkt 4 mehr) bezeichnen darf, weil diese nicht den Mumm hatte, ihn zu erschießen. Das ist Gewalt in Mark Millars Weltbild: ein Ritual, das die Schwachen von den Starken unterscheidet.

Und damit kommen wir wieder zu Hit-Girl, einer Figur, die mir in ihrer fetischistischen Rolle Gänsehaut verursachte: Ein zehnjähriges Mädchen, das auf einem Niveau flucht, das Al Swearengen aus Deadwood vor Scham erröten ließe, und das einzig darauf abgerichtet ist, brutalstmöglich zu töten. Was dann gerne in halb- oder sogar ganzseitiger Form zelebriert wird. Das Unheimliche daran ist die unschuldige Art, mit der Hit-Girl trotz allem dargestellt wird: die großen Augen, das unschuldige Lächeln, das selbst dann da ist, wenn Hit-Girl einem Drogendealer den Schädel spaltet. Ein zehnjähriges Kind, das Gewalt mit solcher Leichtigkeit und Gnadenlosigkeit ausübt, sollte unheimlich wirken, etwas Erschreckendes sein. Etwas, das den Leser zum Anhalten und Nachdenken anregt. Stattdessen wird das Konzept von Millar schlicht als „cool“ verkauft. Nicht zuletzt dadurch, dass Millar nicht in der Lage ist, Figuren eine eigene Stimmen zu geben. Stattdessen scheinen alle seine Figuren nicht mehr als Mundstücke zu sein, die einheitlich im Millar-Ton sprechen. So darf Hit-Girl etwa, während sie die unbewaffnete, fliehende Freundin eines Drogendealers absticht, sagen: „Where the hell are you going, asshole. Off to phone your lawyer? Hoping someone cares about your underprivileged childhood? Well, bad news you sorry sack of shit …“

 Eine typische Zehnjährige halt. „She is like John Rambo meets Polly Pocket, Dakota Fanning crosses with Death Wish 4.“ Creepy fetish food. Am Ende des Comics hängt Hit-Girl ihr Cape an den Nagel und macht endlich das, was zehnjährige Mädchen so tun sollten: schaukeln und so. Der Umstand, dass sie in ihrem kurzen Leben hunderte Menschen ziemlich brutal zerstückelt hat und dass ihr Vater ihr – in bester afrikanischer Warlord-Manier – Drogen gegeben hat, um sie zu einer effektiveren Tötungsmaschine zu machen, hat keinerlei Auswirkung auf sie. Ein weiteres Indiz dafür, dass Millar keinerlei Zugang zu Gewalt und ihren Folgen hat, gerade in einem Comic, den er selbst als „realistisch“ anpreist. Ganz im Gegenteil: Als zwei Bullies sie in der Schule um ihr Pausengeld bringen wollen, schickt sie beide direkt ins Krankenhaus. Nicht nur, dass ihr die Gewalt nicht geschadet hat, sie hat sie zu einem stärkeren, eigenständigeren, angstfreierem Wesen gemacht.

In All-Star Batman & Robin, einem Frank-Miller-Comic, der nicht gerade für seine große Tiefe bekannt wurde, muss „the god-damn Batman“ in Ausgabe 9 feststellen, dass er Robin in ein Monster verwandelt hat, weil er einen beeinflussbaren Teenager nahm und ihm nichts anderes beibrachte als zu hassen, zu kämpfen, zu töten. Ein emotionaler Konflikt, der Millar schwerer zugänglich sein dürfte als die Geheimarchive des Vatikans Richard Dawkins. Aber dann wiederum: Millar schreibt ja auch keine Geschichten, sondern pubertäre Machtphantasien.

3.) Der unterschwellige Rassismus

Und zu Machtphantasien gehört ein Feind, dem gegenüber die Macht ausgelebt werden kann oder der es in seiner Bedrohlichkeit überhaupt erst erzwingt, dass der Protagonist diese Macht in sich entdecken muss.

In den Achtzigern und Neunzigern wurde in der Literaturwissenschaft, ganz im Sinne des Postmodernismus, verstärkt auf die Kategorie der „Otherness“ geachtet. Die Frage wurde gestellt, was kann aus seinen Texten über das Verhältnis des westlichen Kulturkreises zu den „anderen“ und  dem „Fremden“ gesagt werden. Dabei wurde gerne mal über das Ziel hinausgeschossen und das Thema überstrapaziert, aber – holla, die Waldfee – hätte die Literaturwissenschaft (und wahrscheinlich auch die Psychoanalyse) eine Freude an den Werken Mark Millars gehabt. Und Kick-Ass stellt da keine Ausnahme dar.

Die große Bedrohung in Kick-Ass ist kein schlichter Superschurke, kein Lex Luthor, kein Joker, kein Doctor Octopus, keine Negativfolie des Helden (auch wenn im Epilog eine solche Negativfolie angedeutet wird). Die Bedrohung in Kick-Ass ist die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Respektive die moderne, multikulturelle Gesellschaft. Die Kriminellen, mit denen Kick-Ass es aufnimmt, sind durchweg „die anderen“: Eine Gruppe Puerto-Ricaner, eine Gang schwarzer Drogendealer (die jedes Hip-Hop-Klischee erfüllen), eine Gruppe schwarzer Sprayer und die sizilianische Genoves-Mafiafamilie. Und die beiden Bullies, die am Ende der letzten Ausgabe Hit-Girl das Pausengeld wegnehmen möchten? Beide schwarz. Natürlich.

Das Problem dabei ist nicht, dass diese Gruppen den „anderen“ zugeordnet werden können, das Problem ist, dass unter den Gefahren für Kick-Ass und die Gesellschaft nicht eine Person ist, die der Gruppe der WASPs zugeordnet werden könnte. Es ist ein Comic, in dem weiße, amerikanische Kinder kriminelle Ausländer ermorden.

Ich weiß, ich weiß, es gilt vorsichtig mit sowas zu sein, man kann sich da schnell verrennen. Ich gehöre beispielsweise zu den Menschen, die Resident Evil 5 nicht für rassistisch halten, nur weil die Zombies hier Schwarze sind. (Das ist in Zentralafrika zu erwarten.) Aber auf der anderen Seite hat Mark Millar einfach einen Track Record, der nicht wegzuerklären ist und den ich miteinbeziehe, wenn ich Kick-Ass lese.

Kick-Ass US-Heft #5 In Kick-Ass kommen die „anderen“ auch dann nicht gut weg, wenn sie keine Kriminellen sind. Sie fallen dann entweder in die Kategorie „Bedrohung“ oder „Witzfigur“. Der geisteskranke Armenier, der auf den ersten paar Seiten als Witz stirbt (auch im Trailer für den Kick-Ass-Film zu sehen). Die ebenfalls schwarze Ex-Freundin des Drogendealers, die am Ende von Daves Vater von hinten genommen wird (ebenfalls Punchline eines Witzes). Und nicht zuletzt der im Comic selbst so identifizierte „enormous African-American“ aus Jersey, der sich direkt jenes (weiße) Mädel schnappt, das Dave seit Beginn des Comics anbaggert und der ihn am Ende des Comics nochmal verprügelt. Ob intendiert oder nicht, der Sub-Text dieser Passagen ist unglaublich unappetitlich.

Es ist der Umstand, dass die Figur im Rahmen des Comics nochmal explizit in einer Caption als „African-American“ identifiziert werden muss, die mich mit diesem unschönen Gefühl zurücklässt. Denn diese Passagen kann ich nicht lesen, ohne direkt an ähnliche Passagen in Wanted erinnert zu werden, in denen es die – ebenfalls explizit via Caption als „African-American“ identifizierte – Chefin und auf der Folgeseite die „semi-literate Cholo fucks“ sind, die Wesley als Fußabstreifer verwenden. Der junge Weiße als Opfer einer feminisierten, multikulturellen Welt, in der die „anderen“ sich nicht an die Regeln halten, was sein späteres Verhalten legitimiert. (Wobei Millar natürlich auch weiße bzw. grüne Stereotypen auf Lager hat, wie seine Darstellung der Hillbilly-Hulkfamilie in Old Man Logan zeigt. Allerdings ist auch diese Gruppe, ebenso wie die ganz offenen Rassisten in seinen anderen Werken, tendentiell eher den „anderen“ zuzurechnen.) Auffällig ist auf jeden Fall, dass es in Kick-Ass zwar große Mengen der „anderen“ gibt, aber nicht einer oder eine davon eine auch nur ansatzweise positive Rolle einnimmt.

4.) Die relativ offene Homophobie

Während der Rassismus, den ich in Millars Werken teils zu entdecken glaube, durchaus unterschwellig sein mag, ist das in Sachen „Umgang mit Homosexualität“ nicht so. Ohne Mark Millar getroffen zu haben, unterstelle ich ihm, basierend auf seinem Œuvre, dass er Homosexualität als „icky“ empfindet. Auch hier hat er nämlich einen Track Record. Und auch dieser scheint mit seinem Männlichkeitsideal (siehe Punkt 2) zu tun zu haben.

Lassen wir den Tod Northstars in Wolverine #25 außen vor. Northstar ist und war ein D-Promi unter den Superhelden und somit nichts anderes als Kanonenfutter für Crossoverevents. Homosexuell oder nicht ist da nicht das zentrale Kriterium.

Sein Umgang mit Apollo in The Authority ist hingegen etwas ganz anderes: Apollo ist ein Stand-In für Superman und somit theoretisch das mächtigste Mitglied des Superheldenteams. Außerdem ist er der homosexuelle Liebhaber des Midnighters, des ortsansässigen Batman-Äquivalents, der zugleich der bösarschigste Mann der Welt ist. Die meisten Autoren, die Midnighter oder The Authority schreiben oder schrieben (Ellis, Morrison, Ennis, Brubaker), entschieden sich einfach dafür, die Sexualitätskiste geschlossen zu halten. Don’t ask, don’t tell. Millar hingegen verwandelte Apollo, der als sensible Lichtgestalt eindeutig den „weiblichen“ Part in der Beziehung mit dem Midnighter inne hat, in die „Damsel in Distress“. Obwohl Apollo theoretisch deutlich mächtiger ist, muss der Midnighter ihn immer wieder retten. Direkt in der ersten Millar-Storyline wird Apollo beispielsweise überwältigt und von einem Captain-America-Derivat vergewaltigt. Rache dafür darf sein Freund Midnighter nehmen, der besagtes Derivat schließlich mit einem rostigen Presslufthammer anal penetriert. Subtilität, dein Name ist Mark Millar. Da schwingt schon einiges an Macht- und Geschlechterrollenvorstellungen mit. Macht, die sich primär darüber definiert, wer wen gegen seinen Willen zum Sex zwingen kann (http://www.willscheck.de/willshort/haraldschmidt-show-robin-hood-konig-der-diebe).

In Wanted ist Wesleys Vater, The Killer, gerade dabei, zwei männliche Prostituierte zu vernaschen, als er umgebracht wird. Wobei er klar stellt, dass er kein Homosexueller ist, sondern sogar mit über 5.000 Frauen geschlafen hat („Which makes me quite the opposite, I believe“). Der einzige Grund, warum er kurz davor steht, sich homosexuell zu betätigen? Weil er jedes zweite Jahr „this gay thing“ durchzieht, um seinen Appetit für das schönere Geschlecht wieder anzuregen. „There’s nothing like the perfumed touch of a woman after twelve months of heaving, sweating man-flesh writhing between one’s sheets, you know.“ Lassen wir die krude Logik einfach mal stehen, dann bleibt immer noch der Umstand, dass hier ein „echter“ Mann – ein Weiberheld und derjenige, der später Wesleys Verwandlung in einen „echten“ Mann initiieren wird – sich der Homosexualität aus Gründen hingibt, die unsere Mommsens und Droysens im Außenministerium als „spätrömische Dekadenz“ bezeichnen würden. Ähnlich der Whirlpool-Szene aus seiner einzigen Ausgabe Youngblood: Blood Sports.

Kick-Ass Sammelband (US-Ausgabe) In Kick-Ass gibt es keine offene Homosexualität und keine homosexuelle Figur, und dennoch ist es das bestimmende Thema des Comics: eben weil die Frage der Männlichkeit so zentral für Mark Millar und seine Figuren zu sein scheint. So ziemlich jeder in Kick-Ass nutzt Begriffe wie „homo“, „faggot“ und „gay“ konstant in einem derogativen Sinn. Was man, bei positiver Lesart, im Sinne des kritischen Rationalismus als „Wahrheitsnähe“ bezeichnen könnte. Immerhin sind die meisten Figuren hier Gangster oder Schüler, und Männlichkeitsrituale sind im Rahmen organisierter Kriminalität auch weiterhin quintessentiell und auf dem Schulhof ist Homosexualität – bedauerlicherweise – auch weiterhin Anathema.

Aber da ist der Umstand, dass Kick-Ass eben keine Reportage ist, sondern der Autor gezielt wählt, was er zeigt, worauf er den Fokus legt, was die Figuren am meisten beschäftigt … und da ist der Umstand, dass alle Figuren konstant im typischen Millar-Sprech reden. Als Dave bei seinem ersten Auftritt als Kick-Ass drei Sprayer entdeckt und sich einen schnippischen Einstiegsspruch für das bevorstehende Duell ausdenken muss, kommt ihm direkt „Three homos making a mess!“ in den Sinn. Als er abgestochen und von einem Auto überfahren auf der Straße liegt, mit gebrochenen Beinen und gebrochenem Rückgrat, ist seine größte Sorge, dass sein Vater ihn wegen des Taucheranzugs für einen „Perversen“ halten könnte. Und sein größtes Problem ist später, dass er a.) für eine männliche Prostituierte gehalten werden könnte und b.) dass er bei dem Mädchen, auf das er steht – eine unerträgliche Zicke übrigens, was nie thematisiert wird – in die Rolle des „schwulen besten Freundes“ gerutscht ist. Sexuell nicht bedrohlich wirkt. Und diese Rolle trotzdem ausfüllt, um ihr nahe sein zu können. Das ist für Daves Selbstbild eine weit größere Bedrohung, als die Sorge, dass sein Doppelleben als kostümierter Superheld ihn verkrüppeln könnte. Wie Dave selbst fragt: „Isn’t that pathetic? Had I no fucking dignity?“ Dave befindet sich in der selben entmannten Position, in der sich Wesley am Anfang von Wanted befindet, als er konstant von seiner Freundin betrogen wird und sich von dieser als Fußabtreter benutzen lässt.

Millar scheint ein klares Männlichkeitsideal zu haben, das mit Macht und Dominanz verbunden ist (die mächtigste und dominanteste Figur in Kick-Ass ist Hit-Girl, die mit einem Alter von zehn Jahren noch nicht mit weiblicher Sexualität in Verbindung gebracht werden kann, ein asexuelles Wesen ist). In seiner Kosmologie gibt es echte Männer – die sich nehmen, was sie wollen, und die bereit sind, Gewalt anzuwenden – und die anderen: Faggots und Pussies. Die größte Beleidigung für jede männliche Figur in Kick-Ass hat damit zu tun, dass ihre Sexualität und Männlichkeit in Frage gestellt wird. Dass sie als „homo“ oder „pussy“ gelten könnten, nicht als echte Männer.

Millar erschafft eine Welt der Hypermaskulinität, in der nur rollengerechtes Verhalten dazu führt, dass jemand ein „echter“ Mann sein und werden kann. In Daves Fall ist das die Bereitschaft, endlich Gewalt anzuwenden. Und zwar Gewalt in einer Form, die das oben vermutete Weltbild zu zementieren scheint: Als der Sohn des Mafiabosses Dave mit einer Pistole bedroht, sich aber dann nicht traut abzudrücken, vermöbelt Dave ihn mit zwei Tischbeinen und beschimpft ihn anschließend als „Pussy“, weil er nicht abgedrückt hat. In der Folgeszene hat Dave selbst diese Pistole in der Hand und bedroht damit den Mafiaboss, der sich aber nicht bedroht fühlt. Dave habe nicht die „Eier“ (a-ha) um abzudrücken, sagt der Mafiaboss. Kurz bevor ihm Dave in den Schritt schießt. Daves Mannwerdung ist also ein Akt der Entmannung eines anderen. (Auch Hit-Girl ermordet zwei Mafia-Soldaten, indem sie ihnen durch den Schritt ins Hirn schießt.) Und Daves vorherige Folter fand statt, indem Klemmen Daves Genitalbereich mit einer Autobatterie verbanden. Auch hier also ein direkter Angriff auf die Männlichkeit. Man muss Sigmund Freud nicht ernstnehmen, um zu sehen, dass Millar gewisse Ängste in diese Richtung zu hegen scheint.

5.) John Romitas Jr.s Artwork

 Nicht dass wir uns falsch verstehen: JRJRs Zeichnungen in Kick-Ass sind großartig. Gerade die oben beschriebenen, zelebrierten Gewaltszenen haben ein Maß an Flüssigkeit, an Bewegung, an kinetischer Energie, wie ich es lange nicht mehr in Comics gesehen habe, und erinnern mich in positivster Form an den frühen Frank Miller in Ronin (natürlich mit dem Wissen, dass Romita Jr. schon da für Marvel zeichnerisch tätig war). Aber die Actionszenen, mehr als alles andere, sind etwas „Wunderschönes“. Keine Spielereien, kein Posieren, sondern eine hochgradig effektive, schnörkellose Seitenaufteilung. Von Romitas Linienführung könnten und sollten einige neuere Zeichner unbedingt lernen, wie sie es schaffen, einen Comic lebendig und „aktiv“ wirken zu lassen. Gerade Mark Millar operiert sonst ja bevorzugt mit Zeichnern, die zwar hochgradig talentiert sind, aber einen möglichst realistischen Stil anstreben (Frank Quitely hier mal ausgenommen). Und dass Romitas überzeichnet cartooniger Stil dank der Verfilmung einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird (gerade bei einem „Comic zum Film“ riskieren Verlage in Sachen Zeichner sonst oft wenig und wählen jemanden aus, der dröge aber realistisch zeichnet), ist auch etwas Positives. Und trotzdem regt es mich auf, dass Romitas Talent auf diesen Comic verschwendet wird. Schlimmer noch, dass ich mehrfach lesen musste, dass Romitas Zeichnungen die Geschichte „retten“ würden. Unter den Umständen hätte ich Millar hier einen Zeichner gewünscht, dessen Stil die Geschichte nicht aufwertet, damit wirklich jedem klar wird, dass der Kaiser nackt ist. (Ein ähnliches Problem hatte ich schon mit J.G. Jones‘ Zeichnungen in Wanted, die ebenfalls viele Leser von den eigentlichen Problemen mit dem Comic abgelenkt zu haben scheinen.)

Ich gebe zu, ich bin mir nicht sicher, ob ich Kick-Ass in der Gesamtheit besser oder schlimmer finde als Wanted. Wanted trug die Elemente, die den Comic für mich so unerträglich machten, zumindest offen zur Schau. Mit Wesleys sinnlosen Morden und Vergewaltigungen war der Comic offen abstoßend, auch wenn Millar nie kritische Distanz zu Wesley aufbaute und den Leser sogar, ganz der Funktion des Comics als Machtphantasie entsprechend, zur Identifikation mit der Figur einlud.

Mit Kick-Ass ist das anders: Kick-Ass präsentiert eine bestenfalls unterdurchschnittliche, für sich betrachtet eher harmlose und relativ belanglose Geschichte, die zumindest – at face value – unschuldiger Eskapismus zu sein scheint. Aber direkt unter der Oberfläche brodelt etwas sehr, sehr Unappetitliches. Beim genaueren Hinschauen finden sich fast alle Negativa aus Wanted auch hier, nur besser getarnt. Allesamt leicht mit einem „du überinterpretierst“ abzutun. Da scheint mir Wanted, auf eine perverse Art und Weise, fast noch angenehmer. Ehrlicher.

Es wird zu Recht angemerkt, dass man vorsichtig sein soll, wenn man vom Werk auf den Mann dahinter schließen will. Dass man die Sätze der Figuren nicht mit den Sätzen des Autors verwechseln darf. Aber Millar hat in den letzten zehn Jahren einen Corpus an Comics vorgelegt, bei dem ich mit jedem weiteren Comic mehr und mehr die Lust verliere, „vorsichtig“ zu sein. Irgendwann, auch davon bin ich überzeugt, darf man auf unappetitliche Leitlinien und ständig präsente Elemente im Werk eines Künstlers hinweisen und fragen, ob das wirklich alles nur „mindless fun“ ist. Irgendwann habe ich einfach keine Lust mehr, mein Hirn an der Kasse abzugeben. Irgendwann habe ich keine Lust mehr, mir vorwerfen zu lassen, dass ich nicht einfach hirnlos konsumiere, sondern es wage zu hinterfragen, was mir da vorgesetzt wird.

Im besten Fall ist Mark Millar schlicht ein Fünfzehnjähriger, der im Körper eines vierzig Jahre alten Mannes gefangen ist. Im schlimmsten Fall hat Mark Millar ein Weltbild, mit dem ich einfach nichts mehr zu tun haben möchte und das ich offensiv abstoßend finde. Millar darf mir gerne das Gegenteil beweisen, ich halte aber nicht die Luft an, während ich darauf warte. Die erste Ausgabe seiner neuesten Serie Nemesis deutet jedenfalls an, dass auch dieses Werk nicht der zu erbringende Gegenbeweis werden wird. Und wenn Mark Millar wirklich zu den Großen dieser Generation an Comicschaffenden gezählt werden sollte und als unser Repräsentant in der weiten Welt fungieren darf, dann muss die Sonne der Comickultur derzeit wirklich extrem niedrig stehen.

[Anm. d. Red.: Da offensichtlich manchen Leuten nicht klar ist, was ein Essay überhaupt ist oder auch nicht, hier ein Hinweis: Ein Essay ist keine Rezension!]

Kick-Ass erschien in den USA zunächst in 8 Einzelheften bei Icon, später als Hardcover-Sammelband.

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Teil 1 der zweiteiligen deutschen Ausgabe im Panini-Verlag:
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Außerdem erhältlich: Softcover-Sammelband aus Großbritannien
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Abbildungen: © Mark Millar / John Romita Jr.

Jungle Girl 1


 Hält man den neuen Comicband Jungle Girl, der unlängst bei Panini erschien, in den Händen, bekommt man unweigerlich ein Deja-vu-Gefühl. Die Parallelen zur Marvelserie Shanna sind frappierend, und bedenkt man, dass auch hier Frank Cho (der die vor einiger Zeit auch in Deutschland veröffentlichte Graphic Novel Shanna the She-Devil gestaltete) seine Finger mit im Spiel hat, so muss man doch überwiegend von einer  Kopie des Konzepts ausgehen.

Tatsächlich ist das Dschungelmädchen Jana ein unverhohlenes Duplikat der namenstechnisch nicht unähnlich klingenden Marvelfigur. Frank Cho und Doug Murray, die bei Jungle Girl für Story und Text verantwortlich zeichnen, bemühen sich erst gar nicht, den Ideenraub zu verschleiern oder subtil zu gestalten. Selbstredend ist unter ihrer Feder vor allem auch ein weiterer Babecomic entstanden, der  zudem bereits auf dem Backcover als „Pulp-Abenteuer“ gekennzeichnet und quasi eine Nonmainstream-Variante des Titels aus dem Hause Marvel ist. Allerdings muss ja nicht zwangsläufig die Kopie schlechter sein als das Original, daher möchte ich etwas genauer auf den Inhalt von Jungle Girl eingehen und dessen Qualität beurteilen.

 Der Band enthält die US-Hefte 0 bis 5, veröffentlicht beim Verlag Dynamite, und präsentiert sich im etwas schmaleren DIN-A4-Format und schmuckem Hardcovereinband. Die Handlung an sich ist schnell erzählt: Das Flugzeug eines TV-Teams stürzt über einer Dschungelregion ab und landet in einer urzeitlichen Steinzeitwelt. Jana, die leichtbekleidete Titelheldin, findet die Crew, eskortiert sie durch die Wildnis und beschützt sie vor den heimischen Gefahren.

Das ganze Unterfangen stellt sich für den Leser äuerst zäh dar, denn Chos und Murrays Plot besteht vornehmlich aus platten Dialogen und dahinplätschernden Szenen. Der Comic ist im Grunde ein einziges Schaulaufen allerhand bekannter Dinosaurier, die Jana nach und nach abwehren muss. Und das mit Erfolg natürlich, denn sollte es sie wirklich erwischen und sie z.B. in einem T-Rex-Maul zerfleischt werden, käme das der Darstellung ihres üppigen Busens sicherlich so gar nicht gelegen. Und nichts anderes steht mehr in Vordergrund, als die Heldin möglichst sexy in Szene zu setzen.  Dass das Dschungelmädchen dabei mitunter auch als völlig unterbelichtet charakterisiert wird, scheint den Machern offenkundig egal zu sein. Das Resultat sind „denkwürdige“ Momente wie folgende: James Sebastian, Produzent und Teil des abgestürzten TV-Teams, versucht Jana über seine Arbeit aufzuklären. Nachdem sie zweimal bei Sebastian nachfragen muss, weil sie überhaupt keinen Schimmer hat, was „Produzieren“, „Genehmigung“ und „Locations“ bedeutet, fragt sie ihn, was denn überhaupt ein „Tefau“ sei. Na das hat doch jeder im Haus, so die Reaktion ihres Gegenübers. Worauf Jana, man mag es als Leser hervorsehen, kontert: „Was ist ein Haus?“.

 Okay, als ein jenseits der Zivilisation aufgewachsenes, junges Ding bleibt dir natürlich vieles verborgen, aber muss man es denn derart thematisch ausbreiten? Mal davon abgesehen, dass solch künstliche Dialoge der Todesstoß für vernünftiges Storytelling sind. In Junge Girl hat man als Leser allzu oft das Gefühl, dass nicht nur die Figuren blöd und/oder naiv agieren, sondern man auch selbst für dumm verkauft werden soll. Ein weiterer Beweis ist das Ende des Bandes: Ohne zu viel zu verraten, handelt es sich dabei um eine ganzseitige Szene (gedacht als vermeintlich spannender Cliffhanger), die allerdings beinhahe identisch ist mit dem Ende des ersten Kapitels (der Nullnummer). Dramaturgisch und perspektivisch fertigte Zeichner Adrianao Batista eine 1:1-Kopie an. Für mich ist das der traurige Höhepunkt eines äußerst enttäuschenden Comics und der Hinweis darauf, dass Cho und Murray nicht nur bei der Konkurrenz abgeguckt haben, sondern sich auch selbst einfachheitshalber kopieren.

Eine Leseprobe gibt es bei mycomics.de.

 

Jungle Girl 1
Panini, Februar 2010
Autoren: Frank Cho / Doug Murray
Zeichner: Adriano Batista
132 Seiten, farbig, Hardcover, 19,95 Euro

Schwacher Actioncomic mit Titten und Dinos

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Abbildungen: © Panini Comics


Roland, Ritter Ungestüm 1


 Gesamtausgaben von Comicklassikern haben derzeit ja Hochkonjunktur. Auch Cross Cult nutzt die Gelegenheit und fördert mit Roland, Ritter Ungestüm eine lang verschollene Comicreihe zu Tage. Dass die Serie des belgischen Künstlers François Craenhals in guten Händen liegt, beweisen frühere Publikationen älterer Stoffe, die Cross Cult bereits in adäquater Weise berarbeitete und komplett veröffentlichte: Andrax, Torpedo, Thomas der Trommler oder Hombre; nun folgt also Craenhals' Ritterserie, die er 1966 unter dem Originaltitel Chevalier Ardent entwickelte und damals gerade beim jugendlichen Zielpublikum sehr gut ankam.

Zwischen 1975 und 1989 erschien die Serie erstmalig auch in Deutschland (zuerst bei Carlsen, später im Feest Verlag). Cross Cult druckt die Abenteuer von Ritter Roland in chronologischer Reihenfolge ab und versammelt im ersten Band der Gesamtausgabe die ersten drei Originalalben.

Roland ist ein ungestümer junger Mann, ein Heißsporn, der als einfacher Knappe bereits in der ersten Geschichte den berüchtigten Schwarzen Prinzen herausfordert. Bereits sehr schnell bemerkt man als Leser die Entwicklung der Titelfigur: Craenhals' Held ist zu Beginn ein ungeschliffener Diamant, ein Talent zwar, aber noch weit entfernt von dem erfahrenen und respektierten Ritter, der er gerne wäre. Von seiner Ambition getrieben erhält er jedoch schneller als erwartet eine Chance sich hochzuarbeiten und erledigt sodann bereits in der zweiten Geschichte „Die Wölfe von Rotteck“ einen Auftrag von König Arthus.

 Craenhals' Stories sind trotz ihres Alters überhaupt nicht verstaubt, sondern strotzen geradezu vor erzählerischer Frische. Kampfszenen werden spannend und breitflächig umgesetzt,  die Zeichnungen erscheinen sehr detailliert und auch die Dialoge wirken auch aus heutiger Sicht nicht hölzern, was vielleicht auch in der Jugendlichkeit Rolands begründet liegt. Die Serie ist als realistische Ritterserie konzipiert, aber verhält sich an vielen Stellen überraschend trickreich und überhaupt nicht starr. Dadurch lässt Roland, Ritter Ungestüm  jene Schwere vermissen, die historische Stoffe oftmals für den Leser zäh gestalten. Die Handlung folgt dem Hauptprotagonisten, der, um vermeintlich stärkere oder mächtigere Gegner auszuschalten, immer gerade dann einen Plan aus der Tasche zieht, wenn man es am wenigsten erwarten würde. Das ist von Craenhals phasenweise grandios geschrieben, vor allem weil die Geschichten ihren hohen Spaßfaktor trotz Realismus aufrechterhalten können. Spaß zeichnet auch Roland in seinem Tun aus, und das transportiert sich auch auf den Betrachter.

Roland ist als Draufgänger prädestiniert dafür, dass man sich als junger Leser mit ihm identifizieren kann. Schließlich ist er nicht der einzige, der von Äteren unterschätzt oder belächelt wird. Und mit den Avancen, die er gegenüber Arthus' Tochter Gwendoline im Geheimen offenbart, stößt ein weiteres Motiv seines Rowdytums hinzu: Er möchte schlichtweg dem weiblichen Geschlecht imponieren.

Redaktionell ergänzt wird der umfangreiche Hardcoverband mit einem 8-seitigen Anhangstext, in dem die Entstehung des Comics sowie die ersten drei Alben inhaltlich nochmals aufbereitet werden. Ein weiterer Grund also, dieses tolle Buch mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

 

Roland, Ritter Ungestüm 1
Cross Cult, März 2010
Text/Zeichnungen: François Craenhals
180 Seiten, farbig, Hardcover; 29,80 Euro
ISBN: 978-3-941248-71-7


Ein wunderbar aufgemachter erster Band, der 180 Seiten Unterhaltung auf hohem Niveau verspricht. 

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Abbildungen: © Cross Cult

 

Kick-Ass, Iron Man, Adele und andere (Anti-) Helden: Comicverfilmungen 2010

 Comicgeschichten dienen weiterhin als unverzichtbare Inspirationsquelle und Ideenlieferant für die Filmindustrie, Comicverfilmungen sind inzwischen ein fester Bestandteil des Kinoprogramms. Und das gilt nicht nur für aufwendig produzierte Superhelden-Action aus Hollywood, sondern auch für europäische und asiatische Produktionen. Das Spektrum scheint von Jahr zu Jahr breiter und vielseitiger zu werden, wie man in unserem Überblick sehen kann, der zeigt, welche Comicverfilmungen im Jahr 2010 auf uns zu kommen.


Whiteout

Kinostart: 11. 09.2009 (USA), in Deutschland nicht im Kino, seit März auf DVD

Der Comic: Whiteout erschien 1998 als Miniserie beim Indieverlag Oni Press, geschrieben von Greg Rucka, der später mit Queen & Country bekannter wurde und auch viel für DC Comics schrieb, und gezeichnet von Steve Lieber. Basis des Comics ist eine Krimigeschichte, die ihre Besonderheit vor allem aus dem Schauplatz speist: Sie spielt auf einer Forschungsstation in der Antarktis. Auf deutsch liegt Whiteout (und das Sequel Whiteout: Melt) als Hardcover-Sammelband bei Cross Cult vor.

Der Film: Die menschenfeindliche Szenerie des ewigen Eises dürfte auch auf der Leinwand gut aussehen – gedreht wurde allerdings nicht in der Antarktis, sondern im kanadischen Manitoba. Die Hauptrolle der Polizistin Carrie Stetko spielt Underworld-Star Kate Beckinsale, ihr zur Seite steht Gabriel Macht (The Spirit).

Die Macher: Obwohl sein erster Film (Kalifornia mit Brad Pitt) im Jahr 1993 gleich relativ erfolgreich war, hat Regisseur Dominic Sena danach nur zwei weitere Filme gemacht, beides eher mittelprächtige Action-Mainstream-Kost: Nur noch 60 Sekunden mit Nicolas Cage und Passwort: Swordfish mit John Travolta. Nach Whiteout drehte er den Mittelalter-Thriller Season of the Witch, wieder mit Nicolas Cage.

Die Aussichten: Ein Meisterwerk darf man hier nicht erwarten: Gedreht im Jahr 2007, wurde der Film immer wieder verschoben und überarbeitet, bis er Ende 2009 in die amerikanischen Kinos kam, wo er jedoch floppte. In den USA spielte der 35 Millionen Dollar teure Film nur etwas mehr als 10 Millionen wieder ein. Ein deutscher Kinostart kam erst gar nicht zustande, allerdings liegt der Film seit März auf DVD und Blu-Ray vor.

http://whiteoutmovie.warnerbros.com/dvd/index.html

 Kick-Ass

Kinostart: 26. März (GB), 22. April (D)

Der Comic:
Mark Millar bedient gerne die feuchten Träume seiner Zielgruppe. In Wanted machte er einen verweichlichten Loser zum hemmungslosen Superschurken, in Kick-Ass zeigt er einen Jugendlichen, der zwar keinerlei Superkräfte besitzt, aber trotzdem als kostümierter Möchtegern-Held herumläuft und per YouTube zur Berühmtheit wird. Als er ein zwölfjähriges Mädchen mit Martial-Arts-Ausbildung trifft, beginnt eine sehr blutige Heldenkarriere. Der Comic, gezeichnet von John Romita Jr., erschien als 8-teilige Miniserie bei dem Marvel-Label Icon und kommt in zwei Sammelbänden auf Deutsch bei Panini heraus.

Der Film: Millar reichte bereits die Ankündigung des Comics, um die Filmrechte zu verkaufen. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit Regisseur Matthew Vaughn parallelel zum Comicskript. Die britisch-amerikanische Co-Produktion (ohne Beteiligung eines großen Studios) sorgt unter anderem dadurch für Aufsehen, dass sie ordentlich an der Gewaltschraube dreht. Zumindest im Vergleich mit anderen populären Superheldenfilmen dürfte man hier wohl den bisher blutigsten Film des Genres sehen. Was nochmal verstörender wirkt, wenn man bedenkt, dass hier die Gewalt vorwiegend von Kindern ausgeht. In Deutschland hat Kick-Ass eine FSK-Freigabe ab 16 Jahren.

Die Macher: Der Brite Matthew Vaughn, der zuletzt mit Neil Gaimans Stardust einen Beinahe-Comic vefilmt hat, kümmerte sich als Produzent, Drehbuch-Coautor und Regisseur um den Film. Als bekanntes Gesicht verpflichtete man den als Comicfan bekannten Nicolas Cage, der den Vater von Hit-Girl spielt.

Die Aussichten: Das Marketing funktioniert hervorragend, im Internet wurde ein enormer Hype aufgebaut. Es sieht so aus, als würde dieser Film wirklich ein großes Publikum finden (wobei ein Teil dieser Zielgruppe womöglich nicht das nötige Mindestalter für die Kinokasse haben wird). Eine Fortsetzung ist bereits angedacht. Die Kritiker sind gespalten: einige sind regelrecht angewidert und werfen dem Film Gewaltverherrlichung vor, andere sind begeistert.

http://www.kickass-themovie.com/

 The Losers

Kinostart:  23. April (USA)

Der Comic: Die Losers, eine Soldatentruppe, die im 2. Weltkrieg kämpft, tauchten erstmals 1970 in einem DC-Comic auf. Der Film basiert jedoch auf einer Neuinterpretation der Figuren, die von 2003 bis 2006 als 32teilige Serie bei Vertigo lief. In dieser Version von Autor Andy Diggle und Zeichner Jock sind die Losers eine Ex-Spezialeinheit der CIA, die in Ungnade gefallen ist und nun auf einer Todesliste der Regierung steht. Die Serie war kein Bestseller, wurde aber vielfach gelobt, vor allem für ihre Kunst, Action aufs Papier zu bringen. „Ein Comic gewordener Sommerblockbuster.“ (Zitat aus: Comics für die Insel, im Comicgate Magazin 1). Rechtzeitig zum Filmstart erscheint The Losers auch auf Deutsch bei Panini.

Der Film: Eigentlich nur folgerichtig, dass aus einem Comic, der wirkt wie ein Actionfilm, irgendwann tatsächlich ein Actionfilm entsteht. Vor allem dann, wenn ein konkurrierendes Filmstudio parallel eine Neuauflage des A-Teams produziert, dessen Grundkonstellation und Zielgruppe sehr ähnlich ist.

Die Macher: Regisseur Sylvain White ist ein eher unbeschriebenes Blatt, zuletzt drehte er das Ghetto-Tanz-Drama Stomp the Yard. Bei den Schauspielern dürfte Zoe Saldana (Avatar, Star Trek) das bekannteste Gesicht sein, außerdem haben zwei Hauptdarsteller schon Erfahrung mit Comicverfilmungen: Jeffrey Dean Morgan war der Comedian in Watchmen und Chris Evans spielte Johnny Storm in den beiden Fantastic Four-Filmen.

Die Aussichten: In Sachen Tiefgang hatte schon der Comic nicht viel zu bieten. Was hier zählt, ist Action, und die sieht in den Trailern durchaus nach hoher Oktan-Zahl aus. Und auch die in den Comics vorhandene Ironie scheint der Film nicht zu vergessen. Für Comicfans erfreulich ist, dass der Film seine Wurzeln nicht versteckt: Das Logo wurde übernommen, und Zeichner Jock durfte ein erstes Teaser-Plakat für den Film gestalten, dass sich deutlich an seine Comic-Cover anlehnt.

http://www.the-losers.com/

 Iron Man 2

Kinostart: 6. Mai (D), 7. Mai (USA)

Der Comic: Keine Frage, Iron Man gehört zu den großen Ikonen des Marvel-Universums. Stan Lee und Jack Kirby (gemeinsam mit Larry Lieber und Don Heck) erfanden 1963 den reichen Großindustriellen Tony Stark, der neben seinem Playboy-Leben als Superheld in seinem selbst entwickelten Hightech-Kampfanzug unterwegs ist. In den Comics ist Iron Man auch ein wichtiges Mitglied des Superheldenteams Die Rächer (Avengers).

Der Film: Der erste Iron Man-Film war einer der großen Blockbuster des Jahres 2007 und begeisterte nicht nur eingefleischte Action- und Superheldenfans, nicht zuletzt dank der tollen Performance von Hauptdarsteller Robert Downey Jr. Dank des Kassenerfolges ist Iron Man inzwischen als Trilogie geplant. Teil 2 setzt dort an, wo Teil 1 aufhörte: mit Tony Starks öffentlicher Enthüllung, dass er Iron Man ist. Oberschurke des Films wird Whiplash sein, Starks Freund Jim Rhodes wird zur War Machine, und auch die russische Agentin Black Widow ist mit von der Partie. Tony Starks Alkoholismus wird ebenfalls eine Rolle spielen.

Die Macher: Das Team aus Teil 1 ist fast komplett wieder an Bord, bis auf Terrence Howard als Rhodey, der durch Don Cheadle ersetzt wurde. Regie führt wieder Jon Favreau, das Skript kommt diesmal von Justin Theroux, der die Action-Komödie Tropic Thunder geschrieben hat. Freuen darf man sich auch auf die Auftritte von Mickey Rourke als neuer Schurke Whiplash und Scarlett Johansson als Black Widow.

Die Aussichten: Die Erwartungen sind, anders als beim ersten Teil, sehr hoch. Das kann natürlich zu Enttäuschungen führen, aber die tolle Besetzung ist schonmal vielversprechend. Und auch am Budget soll es nicht scheitern: mit ca. 200 Millionen Dollar spielt Iron Man 2 weit oben in der Liga der teuersten Filme.

http://ironmanmovie.marvel.com/

 Jonah Hex

Kinostart: 18. Juni (USA)

Der Comic: Mit Jonah Hex gelang den Autoren Jimmy Palmiotti und Justin Gray eine erfolgreiche Wiederbelebung eines alten Westernhelden, der erstmals in den 70ern in DC-Comics auftauchte. Danach war lange Funkstille, bis 2005 die neue Serie startete, die es inzwischen schon auf über 50 Ausgaben gebracht hat. Ein erster Sammelband ist auf Deutsch bei Panini erschienen.

Der Film: Die Verfilmung basiert wohl eher lose auf Elementen des Comics. Eine größere Rolle soll das Übernatürliche spielen. Im Film ist der vernarbte Cowboy Hex ein Mensch, der zwischen der Welt der Lebenden und dem Reich der Toten wandelt. Auch Zombies werden wohl mitmischen. Der Film dürfte eine recht düstere Veranstaltung werden, dafür spricht auch die Tatsache, dass der Soundtrack von der Metalband Mastodon gestaltet wird.

Die Macher: Das Drehbuch stammt von Neveldine & Taylor, die mit den beiden Crank-Filmen und zuletzt Gamer neue Maßstäbe in Sachen moderner Action-Inszenierung setzen konnten. Zunächst sollten sie auch Regie führen, es kam dann aber zu den brühmten „kreativen Differenzen“ mit dem Studio. Ersatzmann ist Jimmy Hayward, der eigentlich aus der Animationsbranche kommt, an vielen Pixar-Filmen beteiligt war und den Trickfilm Horton hört ein Hu! inszenierte. Die Hauptrollen sind prominent besetzt mit Josh Brolin (No Country for Old Men), Megan Fox (Transformers) und John Malkovich. Klingt nach einer recht interessanten Mischung.

Die Aussichten: Schwer zu sagen. Der Mix aus Western, Horror und Übersinnlichem könnte interessant sein, aber auch mächtig in die Hose gehen. Dass das ursprünglich engagierte Regie-Duo nicht mehr an Bord ist, spricht auch nicht unbedingt für den Film. Ausschnitte oder Trailer sind noch nicht verfügbar, es gilt also: abwarten.

http://jonah-hex.warnerbros.com/

 Diary of a Wimpy Kid

Kinostart: 19.März (USA), 12. August (D)

Der Comic: Der zehnjährige Greg erzählt aus seinem Alltag:  Diary of a Wimpy Kid von Jeff Kinney (auf Deutsch: Gregs Tagebuch, Baumhaus Verlag) ist eine Mischform aus Roman und Comic. Klassische Panels gibt es nicht, stattdessen sind die inzwischen vier Bücher gestaltet wie ein handgeschriebenes Tagebuch, das zwischendurch mit (Comic-) Bildern illustriert wird. In den USA ist die Buchreihe ein großer Bestseller: die Startauflage von Band 4, der im Herbst 2009 erschien, betrug 4 Millionen Stück, das sind Harry Potter-Dimensionen.

Der Film: Die Verfilmung kommt vom Major-Studio 20th Centrury Fox und ist mit einem ordentlichen Budget von 15 Millionen Dollar ausgestattet. Zwischen den Realfilmszenen sind auch Animationssequenzen im Stil der Vorlage eingestreut.

Die Macher: Der in Deutschland geborene Regisseur Thor Freudenthal kommt ursprünglich aus dem Animationsbereich. Sein erster Langfilm als Regisseur war die Kinderkomödie Das Hundehotel.

Die Aussichten: Der Trailer sieht nach einem flotten Kinderfilm aus, der auch älteren Zuschauern Spaß machen könnte. Mich alten Sack erinnert er an die TV-Serien Degrassi Junior High und Parker Lewis. In den USA spielte der Film gleich am ersten Wochenende seine Produktionskosten wieder ein. Das Studio gab bereits grünes Licht für eine Fortsetzung

http://www.diaryofawimpykidmovie.com/

 Scott Pilgrim vs. The World (Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt)

Kinostart: 13. August (USA), 4. November (D)

Der Comic: Es geht um einen jungen Twentysomething, der vor allem herumhängt, in einer Band spielt und sich in ein Mädchen verliebt. Um sie zu erobern, muss er jedoch deren sieben Ex-Freunde im Kampf besiegen. Kleine Taschenbücher im Manga-Format, schwarz-weiß, geschrieben und gezeichnet von einem unbekannten Kanadier und erschienen beim kleinen Indie-Verlag Oni Press.  Was ganz unspektakulär begann, wurde durch Mund-zu-Mund-Propaganda und begeisterte Blog-Kommentare zu einem Überraschungserfolg. Im Sommer erscheint, fünf Jahre nach Band 1, der abschließende sechste Band. Nachdem lange keine deutsche Ausgabe in Sicht war, sorgte die Verfilmung dafür, dass Panini sich der Reihe angenommen hat: Band 1 ist seit kurzem auf Deutsch erhältlich.

Der Film: Genau wie der Comic verbindet auch der Film mehrere Aspekte, die gemeinhin nicht zusammenpassen: lässige Independent-Slacker-Atmosphäre, Videospiel-Ästhetik, extrem überdrehte Action und nicht zuletzt jede Menge postmoderner Humor. Was das Thema und die Figuren angeht, bleibt der Film seiner Vorlage sehr treu. Das Drehbuch entstand jedoch einige Monate, bevor Comicautor Bryan Lee O’Malley das Skript für seinen letzten Band schrieb. Das Finale könnte also ganz unterschiedlich ausfallen.

Die Macher: Es scheint, als hätte das Studio den perfekten Regisseur für die schräge Mixtur aus Action und Humor gefunden: Der Brite Edgar Wright bewies mit Shaun of the Dead und Hot Fuzz, dass er aus Genrekonventionen umwerfend komische Filme schaffen kann, die weit mehr sind als bloße Parodien. Die Hauptrolle besetzte man mit Michael Cera, der die Rolle des schluffigen Teenagers in Filmen wie Juno, Superbad oder Nick und Norah – Soundtrack einer Nacht vielleicht schon etwas zu oft gespielt hat.

Die Aussichten: Bestens. Die Tagline, mit der der Film beworben wird, lautet „An epic of epic epicness.“ Das lassen wir mal so stehen.

http://www.scottpilgrimthemovie.com/

 Red (Status Red)

Kinostart: 22. Oktober (USA), 28. Oktober (D)

Der Comic:
2003 und 2004 schrieb Warren Ellis mehrere kleine Miniserien für das Wildstorm-Label Homage Comics, die alle nur aus drei Heften bestanden. Eine davon war Red, gezeichnet von Cully Hamner, eine finstere, actionreiche Kurzgeschichte um einen Ex-Agenten, dem vom neuen CIA-Chef ein Killerkommando auf den Hals gehetzt wird. Bei uns ist Red bislang nicht erschienen, mit einer deutschen Ausgabe von Panini ist aber zu rechnen, wenn die Verfilmung anrollt.

Der Film: Warren Ellis selbst schreibt auf seinem Blog, dass der Film große Unterschiede zur Vorlage aufweisen wird. „Red, der Comic, ist 66 Seiten lang. Wenn man 66 Comicseiten verfilmt, bekommt man vielleicht grade mal 40 Minuten Film daraus. Wenn man noch eine Musical-Nummer dazufügt.“ Außerdem wird der Film nicht so düster sein wie die Vorlage, das Drehbuch soll auch eine Prise Humor enthalten.

Die Macher: Der deutsche Regisseur Robert Schwentke (Flightplan, Die Frau des Zeitreisenden) dreht die Adaption mit sehr prominenter Besetzung: u.a. Bruce Willis, John Malkovich, Helen Mirren und Morgan Freeman.

Die Aussichten: Ob der Film wirklich noch dieses Jahr ins Kino kommt, ist nicht sicher, die Dreharbeiten haben erst kürzlich begonnen. Wenn’s denn soweit ist, wird allein die Besetzung dafür sorgen, dass er auch bei uns ins Kino kommt.

 Dead of Night (Dylan Dog)

Kinostart: 29. Oktober (ITA)

Der Comic: Dylan Dog von Tiziano Sclavi ist eine der populärsten Comicserien Italiens, ein schwarz-weißer Comic in der Tradition der „Fumetti Neri“, der seit 1986 erscheint. Die Serie spielt mit allerlei Pulp-Klischees, ihre Hauptfigur ist ein „Detektiv des Schreckens“, der es mit Mördern und Monstern aller Art zu tun bekommt. In Deutschland erscheint Dylan Dog bei Edition Schwarzer Klecks.

Der Film: Obwohl Dylan Dog in den USA als Comic kaum eine Rolle spielt, ist Dead of Night eine Hollywood-Produktion ohne italienische Mitwirkung. Statt in London, wie in den Comics, spielt die Geschichte in New Orleans.

Die Macher: Wer sich gefragt hat, was eigentlich aus Brandon Routh geworden ist, der in Bryan Singers Superman-Verfilmung von 2006 die Hauptrolle gespielt hat: hier isser. Sein damaliger Sidekick Jimmy Olsen, gespielt von Sam Huntington, ist auch hier wieder dabei. Außerdem an Bord: Peter Stormare (Fargo). Regie führt Kevin Munroe, der auch schon eine Comicverfilmung auf dem Kerbholz hat, die 2007er-CGI-Version der Teenage Mutant Ninja Turtles.

Die Aussichten: Außer ein paar Fotos gibt es hier bislang nichts zu sehen. Allzuviel erwarten sollte man nicht, wir bewegen uns hier auf B-Movie-Territorium. Was aber nicht unbedingt schlecht sein muss. Auch hier dürfte ein deutscher Kinostart eher unwahrscheinlich sein.

http://deadofnightmovie.wordpress.com/

Natürlich werden Comics nicht nur in Hollywood verfilmt. In Teil 2 blicken wir auf europäische Produktionen, auf Comicadaptionen im Fernsehen und wagen einen Ausblick aufs Jahr 2011.
{mospagebreak title=Comicfilme aus Europa und im TV}

 Les aventures extraordinaires d’Adèle Blanc-Sec (Adèle)

Kinostart:14. April (F), 30. September (D)

Der Comic: Die Albenreihe Adeles ungewöhnliche Abenteuer von Jacques Tardi ist lange nicht so berühmt wie Tintin, Asterix, Gaston oder Spirou, darf aber inzwischen trotzdem zu den großen Klassikern des französischen Comics gezählt werden. Die Abenteuer der Schriftstellerin Adèle Blanc-Sec sind zeitlich um den Ersten Weltkrieg herum angesetzt und mischen geschickt Krimielemente, Phantastik und den realen historischen Hintergrund. Seit 1976 zeichnet Tardi immer mal wieder ein Album, das zehnte und bislang letzte erschien 2008. Auf Deutsch sind alle Bände bei Edition Moderne erhältlich.

Der Film: Luc Besson, derzeit Frankreichs wohl bekanntester Mainstream-Filmemacher, plant, die kompletten Adele-Abenteuer als Filmtrilogie umzusetzen. Der erste Film basiert auf den ersten vier Alben der Serie, die alle vor dem Ersten Weltkrieg spielen. Mit einem Budget von 30 Millionen Euro spielt der Film – zumindest im europäischen Vergleich – in der Liga der finanziellen Schwergewichte.

Die Macher: Regisseur Luc Besson, der in den Neunzigern mit Nikita und Léon der Profi berühmt wurde, war in den letzten Jahren hauptsächlich als Produzent (u.a. der Transporter-Filme) aktiv, als Regisseur war er zuletzt für die eher nicht so tollen Arthur und die Minimoys-Filme verantwortlich. Adèle, für den er auch das Drehbuch schrieb, ist sein erster großer Realfilm seit über 10 Jahren. Die Hauptrolle spielt Ariane Bourgoin, die auch in der Verfilmung des Kleinen Nick zu sehen sein wird.

Die Aussichten: Der Trailer macht einen sehr vielversprechenden Eindruck. Die Atmosphäre der 1910er Jahre scheint sehr gut getroffen zu sein, und auch die Spezialeffekte und das Design der fantastischen Kreaturen sehen gut aus. Hoffen wir, dass Besson auch den speziellen Charme der Vorlage trifft und kein leeres Action-Spektakel daraus macht.

http://www.adeleblancsec-lefilm.com/

 Lucky Luke

Kinostart: 21.10.2009 (FRA)

Der Comic: Zu Lucky Luke muss man wohl nicht mehr viel sagen. Neben Asterix die zweite große Serie von Autor René Coscinny, die ultimative Western-Parodie. Nach dessen Tod machte Zeichner Morris alleine weiter. Inzwischen lebt auch er nicht mehr, aber Lucky Luke darf weiterleben. Bei der Ehapa Comic Collection gibt es sämtliche Alben auf Deutsch, dort erscheint auch eine aufwendige Gesamtausgabe.

Der Film: Es gab schon etliche Versuche, Lucky Luke ins Kino zu bringen. Neben verschiedenen Zeichentrickfilmen gab es auch zwei Realfilm-Versuche, in denen der einsame Cowboy einmal von Terence Hill und einmal von Til Schweiger verkörpert wurde. Beides Filme, die man gnädig vergessen sollte. Im neuen Anlauf, gedreht in Argentinien, versucht man sich optisch möglichst nah am Comic zu bewegen. Es werden Elemente verschiedener Alben (u.a. „Calamity Jane“ und „Billy the Kid“) aufgegriffen.

Die Macher: Regisseur James Huth ist ein unbeschriebenes Blatt, und auch Hauptdarsteller Jean Dujardin ist in Deutschland kaum bekannt. In Frankreich ist er dagegen ein populärer Schauspieler und Komödiant. Er spielte u.a. in 39,90 und in den wunderbaren James-Bond-Parodien OSS 17, die bei uns leider nur als DVD erschienen sind. Die Calamity Jane wird gespielt von Sylvie Testud, die man aus Jenseits der Stille kennt und die zur Zeit in Lourdes zu sehen ist.

Die Aussichten: Ist bestimmt besser geworden als die ersten beiden Anläufe, was aber auch kein Kunststück ist. Auf dem französischen Kino-Portal AlloCiné, wo sowohl Zuschauerwertungen als auch Kritikerstimmen gesammelt werden, kommt der Film jedenfalls auch nicht gut weg. Ein deutscher Kinostart ist bislang nicht angekündigt, vermutlich wird Lucky Luke bei uns nicht auf die große Leinwand kommen. In Frankreich steht bereits die DVD in den Läden.

http://www.lucky-luke-le-film.com/

 Quartier lointain (Vertraute Fremde)

Kinostart: 20. Mai (D), September (FRA)

Der Comic: Jiro Taniguchis vielfach gefeierter Manga (deutsch bei Carlsen) wurde 2007 zum „Comic des Jahres“ gekürt. Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich plötzlich im Körper eines 14jährigen Jungen wiederfindet. Dieser Junge ist er selbst im Alter von 14 Jahren, zurückversetzt in die 60er Jahre, in sein Elternhaus, aber mit dem Bewusstsein und den Erinnerungen seines erwachsenen Ichs.

Der Film: Hier entfernt sich die Verflimung schon deshalb sehr weit von der Vorlage, weil sie mit Japan nichts mehr zu tun hat. Es handelt sich um eine rein europäische Produktion, für die die Handlung in die französischen Alpen versetzt und auch alle Figuren umbenannt wurden.

Die Macher: Die Regie in der belgisch-französisch-deutschen Coproduktion führt Sam Garbarski, der 2007 mit Irina Palm einen kleinen Independent-Erfolg verbuchen konnte. Die Mutter der Hauptfigur, die im Film Thomas heißt, wird gespielt von Alexandra Maria Lara.

Die Aussichten: Eine erste Filmkritik bei Moviemaze weckt keine hohen Erwartungen: „kaugummiartig und langweilig“ sei der Film. Ob der japanisch-europäische Kulturtransfer dem Stoff gut getan hat, muss bezweifelt werden.

http://www.x-verleih.de/x-verleih/kino.jsp?movieid=84

Le pétit Nicolas ( Der kleine Nick)

Kinostart: 30.09.2009 (FR), 26. August (D)

Der Comic: Der kleine Nick ist natürlich kein „echter“ Comic, passt aber trotzdem hierher. Schließlich gehört sein Schöpfer René Coscinny zu den ganz großen Comicautoren, und zweitens wäre Le pétit Nicolas undenkbar ohne die Zeichnungen von Sempé. Die Kinderbuchreihe, die erstmals in den 50er und 60er Jahren erschien, und in denen Nicolas als Ich-Erzähler fungiert, gehört zu den großen Klassikern des Genres.

Der Film: In Frankreich kam der Film pünktlich zum 50jährigen Jubiläum des ersten Buchs in die Kinos. Mit über 5 Millionen Zuschauern landete er auf Platz vier der Jahres-Kinocharts und war damit der erfolgreichste französische Film 2009.

Die Macher: Regisseur Laurent Tirard wird als nächstes die Verfilmung von Asterix bei den Briten inszenieren. Das Drehbuch zum Kleinen Nick schrieb er zusammen mit Alain Chabat, der wiederum Regie bei Asterix & Obelix: Mission Kleopatra führte. Auch Goscinnys Tochter Anne wirkte am Drehbuch mit.

Die Aussichten: Bei uns wird Der Kleine Nick sicher kein Blockbuster wie in Frankreich, dürfte aber bestimmt sein Publikum finden. Dass charmante Komödien aus Frankreich auch bei uns gut ankommen, hat Willkommen bei den Sch’tis bewiesen.

http://www.wildbunch-distribution.com/site/petitnicolas/

 Le chat du rabbin (Die Katze des Rabbiners)

Kinostart: 16. Juni (FRA)

Der Comic: Im kaum mehr überschaubaren Werk des ungemein produktiven Joann Sfar zählt Die Katze des Rabbiners zu den wichtigsten Comics. In mittlerweile fünf Alben setzt sich der Franzose mit jüdischen und algerischen Wurzeln buchstäblich mit Gott und der Welt auseinander. Eine sprechende Katze lässt sich von ihrem Besitzer, einem Rabbi, in die Lehren des Judentums einführen. Es geht um die großen Themen: Religion, Glaube, und nicht zuletzt um die Liebe, auf eine sehr intelligente und humorvolle Weise. Die deutsche Ausgabe erscheint beim Avant-Verlag.

Der Film: Im Gegensatz zu allen anderen hier vorgestellten Filmen kein Realfilm, sondern ein Zeichentrickfilm, und das obwohl sich der Stoff nicht an Kinder richtet. Das Drehbuch basiert lose auf den Bänden 1, 2 und 5 der Serie.

Die Macher: Gemeinsam mit Antoine Delesvaux und dem Zeichnerkollegen Clément Oubrerie (Aya) gründete Joann Sfar 2007 die Produktionsfirma Autochenille und das Animationsstudio Banjo, deren erstes großes Projekt nun Die Katze des Rabbiners ist. Regie führen Sfar und Delesvaux gemeinsam. Außerdem arbeitet das Studio an Trickfilmversionen der Comics Aya, Isaak der Pirat und Sardine. Sfar  scheint großen Gefallen am Film gefunden zu haben: Anfang des Jahres kam sein erster Spielfilm in die französischen Kinos – ein Biopic über Serge Gainsbourg (ab 19.8. auch in Deutschland zu sehen).

Die Aussichten: Sfar und Konsorten scheinen mit ihrem eigenen Studio für die Zeichentrick-Branche das wiederholen zu wollen, was ihnen mit dem Verlag L’Assocition in der Comicwelt gelungen ist: unabhängige, von Künstlern in Eigenregie geleitete Produktions- und Distributionswege zu schaffen, um möglichst viel kreative Kraft ins Endprodukt fließen zu lassen. Es ist zu hoffen, dass dieses Unternehmen Erfolg hat.

http://www.chat-du-rabbin.com/fre/Le-Film

Les petits ruisseaux ( Bäche und Flüsse)

Kinostart: 23. Juni (FRA)

Der Comic: Anders als die meisten hier genannten Comics ist Bäche und Flüsse keine Serie, sondern ein in sich abgeschlossener Einzelband. Die Geschichte von Pascal Rabaté handelt von einem älteren Herrn, der nach dem Tod seines besten Freunds schon mit dem Leben abgeschlossen hat, ehe auf seiner letzten Reise unverhofft neue Frische in sein Leben kommt. Ein wiedererwachtes Sexleben und Kontakt zu einer Kommune, in der eine alternative Lebensweise mit freier Liebe gepflegt wird, sorgen für neue Lebensgeister. Auf Deutsch ist der Comic bei Reprodukt erschienen.

Der Film: Man findet im Internet leider nur sehr wenige Informationen über den Film, was erstaunlich ist, da er schon in wenigen Wochen in Frankreich starten soll. Da der Regisseur in diesem Fall mit dem Autor und Zeichner identisch ist, darf man mit einer treuen Adaption rechnen.

Die Macher: Pascal Rabaté verfilmt seinen Comic selbst, wird also vom Comiczeichner zum Filmemacher. Les petits ruisseaux ist sein erster Film.

Die Aussichten: Einen großen Kinohit darf man hier nicht erwarten, eher ein kleines französisches Filmkunststück, dass vielleicht das ein oder andere Festival schmücken wird. Wird bestimmt öfter mal im Double Feature mit Andreas Dresens Wolke 9 laufen.

COMICS ALS TV-SERIEN

 Seit Januar 2010 läuft auf dem Network Fox die Serie Human Target um den Bodyguard Christopher Chance, der seine Kundschaft schützt, indem er ihre Identtiät annimmt. Die Figur tauchte erstmals in einem DC-Comic von 1972 auf. Zwischen 1999 und 2005 erschien Human Target als Serie beim Label Vertigo, geschrieben von Peter Milligan. Die Hauptrolle in der Serie spielt Mark Valley (Boston Legal, Fringe), außerdem ist Jacky Earle Haley dabei, der im Watchmen-Film den Rorschach spielte.
http://www.fox.com/humantarget/

Pünktlch zu Halloween soll die erste Folge von The Walking Dead anlaufen, die Serien-Adaption des allseits beliebten gleichnamigen Zombie-Comics von Robert Kirkman. Produziert wird zunächst ein Pilotfilm (Drehbuch und Regie: Frank Darabont, Die Verurteilten) und sechs Episoden. Auftraggeber ist der Kabelsender AMC, der zuletzt mit viel gelobten Qualitätssereien wie Mad Men und Breaking Bad von sich reden machte. Das Projekt steht noch in den Anfängen, die Dreharbeiten sollen im Mai beginnen.

WIE GEHT’S WEITER?

Für das Jahr 2011 erwarten wir unter anderem den ersten Tim und StruppiFilm Das Geheimnis der ‚Einhorn‘ (in 3D) von Steven Spielberg und Peter Jackson. DC wird mit Green Lantern einen (fürs Kino) neuen Superhelden ins Rennen schicken, während Marvel sein Universum auch im Kino enger verknüpfen wird: 2011 stehen Thor und Captain America auf dem Programm, die dann 2012 gemeinsam mit Iron Man in einem Avengers-Film vereint werden. Der koreanische Manhwa Priest wird in den USA als 3D-Film mit Paul Bettany in der Hauptrolle verfilmt, und in Europa dreht Stephen Frears eine Adaption von Posy Simmonds Graphic Novel Tamara Drewe.

Und das wird sicher nicht alles gewesen sein. Es gibt Dutzende von Comics, deren Verfilmung sich „in development“ befinden. Wann daraus fertige Filme werden, oder ob die Projekte wieder abgeblasen werden, steht in den Sternen.

Zurück zu Teil 1 , in dem die amerikanischen Comicverfilmungen 2010 vorgestellt werden.

Superman – New Krypton 1+2

Superman: New Krypton 1Man stelle sich einmal vor: Statt eines Supermans, der schneller als eine Pistolenkugel fliegt, Meteoriten mit der bloßen Hand stoppt und Stahl per Hitzeblick schmelzen lässt, gäbe es 100 von der Sorte. Oder 1.000. Oder gar 100.000! Und genau Letzteres ist die Ausgangssituation des New Krypton-Crossovers, das sich durch die US-Serien Action Comics, Superman und Supergirl zog und inklusive dem dazugehörigen Special in den beiden vorliegenden Bänden gesammelt wurde.

Nachdem Superman die geschrumpfte kryptonische Hauptstadt Kandor aus den Klauen des Schurken Brainiac gerettet hat und sie am Nordpol platzierte, wo sie und ihre überlebenden Bewohner auf ihre ursprüngliche Größe wuchsen, hat die Erde auf einmal 100.000 Supermen und -women mehr. Doch mit den durch die gelbe Sonnenstrahlung erlangten Superkräften haben die heimatlosen Kryptonier keineswegs auch die liebevolle Beziehung ihres berühmten Artgenossen zu seiner adoptieren Heimatwelt übernommen. Stattdessen schwankt ihr Verhalten zwischen Naivität und Arroganz gegenüber ihrer neuen Umgebung und den als primitiv empfundenen Erdenbewohnern; die politische Führung, vor allem verkörpert durch Supermans Tante Alura, hat nur das Wohlergehen des eigenen Volkes, nicht jedoch das der neuen Nachbarn im Auge.

Superman: New Krypton (engl. Version)Es ist mit Sicherheit nicht einfach, mit einer Heldenikone wie Superman noch packende Geschichten zu erzählen. Eine derart mächtige, moralisch integre und charakterlich gefestigte Figur bietet kaum Schwachstellen, an denen man die Drama-Daumenschrauben ansetzen kann. Dem Autorentriumvirat Geoff Johns (Action Comics), James Robinson (Superman) und Sterling Gates (Supergirl) gelingt es hier dennoch, den Leser in den Bann ihrer Geschichte zu schlagen − vor allem, weil es neben übergroßer Action und verrückten SF-Elementen ganz gehörig menschelt. Durch den überraschenden Tod seines geliebten Ziehvaters Jonathan Kent ist der Mann aus Stahl nämlich nicht nur tief erschüttert, sondern auch einer seiner wichtigsten Anker in der Erdenkultur beraubt und nun hin- und hergerissen zwischen dem Verantwortungsgefühl für sein gebürtiges und sein Adoptiv-Volk. Überfordert von der Vermittlerrolle zwischen den Kulturen wird der ehemals ‚letzte Sohn Kryptons‘ immer mehr zum machtlosen Zuschauer des sich entfaltenden Dramas: Die selbstherrliche Vorgehensweise, mit der die kryptonischen Gäste ihre neue Heimat ’sicher machen‘ wollen, stößt nicht zuletzt auf entschiedenen Widerstand von Supermans Heldenkollegen von JLA und JSA; im Geheimen läuft währenddessen eine perfide Militäroperation gegen die Kryptonier an, geleitet von einem unerwarteten Überraschungsschurken. Hinzu kommen Supermans Erzgegner Lex Luthor und Brainiac in unerwarteten Rollen, eine mysteriöse ‚Superwoman‘ und arge Probleme für Supermans zwangsweise in der Phantomzone weilenden Freund Mon-El. Nicht zu vergessen die Leiden von Clarks – oder besser: Kal-Els – Cousine Kara alias Supergirl, die der Zwiespalt zwischen ihrer irdischen Adoptivheimat und ihrem kryptonischen Erbe noch härter trifft als ihren Vetter, befinden sich unter den überlebenden Kryptoniern doch ihre tot geglaubten Eltern.

Superman: New Krypton 2Die Zusammenarbeit der drei Autoren funktioniert gut, die einzelnen Episoden lesen sich trotz vieler Handlungsstränge beinahe wie aus einem Guss, wobei James Robinson ein besonderes Händchen für die Nebenfiguren zeigt und selbst den eher obskuren C-Helden Guardian cooler und interessanter als je zuvor macht. In der vertretenen Zeichnerschar fallen vor allem Newcomer Renato Guedes mit seinem klar und frisch wirkenden Stil sowie Supergirl-Künstler Jamal Igle mit einer makellosen, im besten Sinne Old-School-Superheldenoptik positiv auf. Pete Woods‘ selbst getuschte Beiträge hingegen schreien nach einem besseren Inker, werden aber durch die Farben von Brad Anderson gehörig aufgewertet. Auch dessen Kollege David Curiel zeigt eindrucksvoll, wie viel die Arbeit eines guten Koloristen wert ist, wenn er Kandor mit hellen, blassen Farben in einem futuristischen Glanz erstrahlen lässt. Anstatt eine völlig neue Vision kryptonischen Lebens zu entwerfen, wurden hier übrigens Elemente aus den verschiedenen über die Jahre entstandenen Versionen Kryptons gemischt, was erstaunlich gut funktioniert.

Was an New Krypton inhaltlich vor allem Freude macht, ist der Umstand, dass die Autoren nicht auf eine einfache Auflösung setzen und am Ende der Geschichte mittels eines gewaltsamen Erzählkniffs (à la „Kandor war nur eine Illusion, die überlebenden Kryptonier sterben allesamt an einem mysteriösen Virus“ etc.) den bewährten Status Quo wiederherstellen. Nein, in diesem Fall wird Supermans bekannte Welt wirklich in krasser Weise auf den Kopf gestellt und verbleibt in diesem Zustand. Das macht den altgedienten Helden und sein Umfeld so interessant wie schon lange nicht mehr. Super!

Superman Sonderband 35 und 36: New Krypton 1+2
Panini Comics Januar/März 2010
Text: Geoff Johns, James Robinson, Sterling Gates
Zeichnungen: Pete Woods, Renato Guedes, Jamal Igle u.a.
Softcover, je 164 Seiten, je 16,95 Euro

Gut

Geglückter Start in eine neue Superman-Ära

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Abbildungen © Panini Comics