Interviews

Tempel, Georg

CG: Was hat es mit Deinem Nickname „efwe“ im Comicforum auf sich?

GT: Das ist einfach zu erklären, es sind die Initialien meiner Mittelnamen: Georg F.W. Tempel. Was die wiederum bedeuten, kann sich jeder selbst zusammen reimen.

CG: Wie bist Du mit Comics in Kontakt gekommen, seit wann arbeitest Du für Egmont vgs, und was sind Deine Aufgaben dort?

GT: Die ersten Comics (“Felix“, „Fix & Foxi“) hab ich von meinen Eltern erhalten, und irgendwie bin ich davon dann auch nicht mehr los gekommen. „Zack“ und „Primo“ waren dann die nächsten Stationen. Und so hat man sich dann eben „hoch gearbeitet“ bis zum Comicrezensenten im örtlichen Stadtmagazin. Daher kamen auch die Kontakte zu den einzelnen Comicverlagen. Bei Ehapa bin ich seit 1991, als die Stuttgarter den Reiner-Feest-Verlag übernommen haben, wo ich zuvor als Redakteur tätig war. Hier habe ich als Redakteur begonnen, war dann verantwortlicher Redakteur, stellv. Chefredakteur, Chefredakteur und schließlich Verlagsleiter von EMA (Egmont Manga & Anime). Ich habe mich eine Zeitlang um Comics mit Anbindung an Film oder Fernsehen gekümmert, war für die sog. „e-Comix“ (Comics zu Videospielen) zuständig und habe das Mangasegment seit 1994 aufgebaut.

CG: Wieviele Comics gibt Egmont vgs im Jahr etwa heraus, und wie teilt sich das in die Sparten auf? Wie schaffst Du es, bei der Menge den Überblick zu behalten?

GT: Im Jahr 2004 haben wir knapp über 300 Comics herausgegeben. Davon waren etwa 240 Manga und der Rest aus dem Bereich der Ehapa Comic Collection (ECC). In diesem Jahr wird die Zahl ähnlich sein. Im Zeitalter von PC, Notebooks und anderen technischen Hilfsmitteln ist es zum Glück nicht so schwer, den Überblick zu behalten. Außerdem hab ich ein ganz gutes Gedächtnis.

CG: Sehr verwirrend sind für manche die ganzen Namen, die rund um Ehapa schwirren:
Ehapa, Egmont, EMA, ECC, Cultfish, vgs,…
Kannst Du da bitte mal eine kurze Übersicht geben?

GT: Um das alles zu verstehen, muss man wissen, dass wir einem dänischen Konzern angehören, der weltweit agiert, der Egmont-Gruppe. Deshalb haben auch alle zugehörigen Firmen „Egmont“ im Namen. In Deutschland gehören dazu Egmont Ehapa (Jugend- und Kindermagazine), Egmont vgs (TV, Bücher, Ratgeber, Comics), Egmont Franz Schneider (Kinderbücher) und Egmont Horizont (Mailorder Buchclub).
EMA, ECC und Cultfish sind Labels, unter denen bestimmte Produktgruppen veröffentlicht werden. EMA ist das Label für Manga- und Manhwapublikationen im Buchhandel, ECC für alle anderen Comics im Buchhandel und Cultfish für Non-Comic-Jugendmagazine bei Ehapa.

CG:Warum habt Ihr den Verlag aufgetrennt (auch örtlich), welche Vorteile habt Ihr erhofft? Haben sich die Erwartungen erfüllt, oder gibt’s auch Nachteile? Und wer entscheidet eigentlich über solche grundlegenden Änderungen?

GT: Im Jahr 2002 wurde analysiert, wo man in der deutschen Gruppe Synergien nutzen könnte. Als Ergebnis kam dabei heraus, dass sich die drei Buchverlage/Abteilungen jeweils einen eigenen Vertriebsinnen- und außendienst leisten, was unter ökonomischen Gesichtpunkten ziemlicher Schwachsinn ist. Deshalb wurde beschlossen, dass die Buchhandelsaktivitäten in Köln gebündelt werden und das Magazingeschäft in Berlin bleibt.
Natürlich gab es die üblichen Übergangsprobleme, dass die neue Herstellung anders arbeitet als die in Berlin oder der Vertrieb sich erst einmal in die neuen Produkte einarbeiten musste, aber das läuft mittlerweile alles bestens, und ich muss sagen, dass wir die Entscheidung nicht bereut haben.
Solche Entscheidungen werden dann schon von ganz hoher Ebene aus getroffen, da damit doch erhebliche logistische und finanzielle Belastungen verbunden sind. In der Projektphase war ich allerdings involviert und wusste, was da kommen würde.

CG:Wieviel Freiheit habt Ihr (Egmont vgs) denn eigentlich bezüglich des Comicprogramms in Deutschland?

GT: So lange wir uns an gewisse Richtlinien halten (keine Pornografie, keine rechtsradikalen Sachen), sind wir frei in unseren Entscheidungen. Bisher habe ich noch keinen Einspruch in Programmausrichtungen gehabt.

CG: Ihr habt vom Programm her keine bestimmte Ausrichtung, sondern eine sehr große Bandbreite – von Frankobelgiern über Funnies bis hin zu fernsehbegleitenden Serien und Manga ist alles dabei. Sicherlich hat das den Vorteil, dass man schwächere Titel auffangen kann. Haben sich denn auch Nachteile ergeben, oder siehst Du sogar Gefahren, wenn man nicht aufpasst?

GT: Im Bereich Manga wollen wir einfach mit unseren Lesern älter werden und trotzdem weiterhin Lesefutter für jüngere Käufer bieten. Das führt zwangsläufig zu einem breiten Sortiment. Im klassischen Comicbereich pflegen wir die angestammten ECC-Titel wie „Asterix“, „Lucky Luke“, „Blueberry“ und Disney und probieren immer mal gerne wieder etwas Neues. Ich denke, dass wir eigentlich für einen großen Anbieter ein ganz normales Portfolio haben. Es gibt sicher Dinge, von denen würden wir die Finger lassen. Also Titel, wie sie etwa bei Reprodukt oder Edition Moderne erscheinen. Zum einen würde uns das keiner abnehmen – dazu haben wir keine „street credibility“ – und zum anderen sind die möglichen Verkäufe so unterirdisch, dass wir mit unserem Apparat nicht glücklich würden.

CG: Wie siehst Du momentan den deutschen Comicmarkt? Zuerst Alben, dann Hefte, nun Manga… bahnt sich bereits etwas Neues an? Oder ist das Interesse an Manga ungebrochen?

GT: Noch ist mir kein neuer Trend aufgefallen. Andere mögen Comics aus Korea (Manhwa) als Trend sehen, aber das subsumiere ich unter Manga. Und ein Ende des Interesses an Manga ist noch nicht zu erkennen. Wir haben seit Beginn unserer Tätigkeit steigende Umsätze zu verzeichnen und gehen auch für 2005 von einem Zuwachs aus. Ich denke, das ist auch der Grund, warum neben Tokyopop nun auch Heyne in das Geschäft einsteigen will. Und wenn mundgemalte Comics aus Zimbabwe der neue Trend sein sollten, werden wir sicher dabei sein. 😉

CG: Spürt Ihr eigentlich Tokyopop auf dem Markt? Und was hältst Du von diesem neuen Mangaverlag (bzgl. Programm, Auftreten, Zielgruppe…)? Wie ist das Verhältnis untereinander?

GT: Tokyopop spüren wir nicht. Auch wenn das – zugegebenermaßen sehr gute – aggressive Marketing anderes erwarten lassen würde. Ich denke, bisher hat Tokyopop seinen Marktanteil bei unseren Mitbewerbern Carlsen und Panini abgeknabbert. Letztendlich ist das eh eine Entscheidung mit den Füßen. Der Leser kauft, was ihm gefällt, und nicht einen Verlagsnamen. Und da wir von den properties recht gut aufgestellt sind, mache ich mir erst mal keine Sorgen. Aber sorglos oder unachtsam werden wir natürlich nicht.
Untereinander gehen wir freundlich und – wie ich hoffe – respektvoll miteinander um, wissen aber doch, dass wir Konkurrenten um eine heiß umkämpfte Zielgruppe sind.

CG: Ihr habt ja vor nicht allzu langer Zeit einige deutsche Nachwuchskünstler unter Vertrag genommen (Thomas von Kummant, Benjamin von Eckartsberg, Christian „Mana“ Nauck, Peter Puck…), was ich als sehr positives Signal empfinde. Ist das vielleicht für Euch auch eine Art neuer Trend? Wird es in die Richtung „Eigenproduktionen“ weitergehen?

GT: Ja, ich möchte verstärkt in Richtung Eigenproduktionen gehen, da die Beispiele aus dem letzten Jahr (“Die wilden Kerle“, „Atze“, „Die Chronik der Unsterblichen“) gezeigt haben, dass man mit Eigenkreationen, die auf einen deutschen Markt zugeschnitten sind, erfolgreicher sein kann als mit aus z.B. Frankreich gekauften Lizenzen. Und auch im kommenden Programm wird es wieder einige deutsche Titel geben.

CG: Wie erklärst Du Dir diesen Erfolg? Ist das einfach eine Mentalitätsfrage?

GT: Das hat nichts mit Mentalität zu tun, sondern schlichtweg damit, dass ich auf angesagte Themen reagieren kann, ohne auf eine entsprechende Comic-Kreation aus dem Ausland warten zu müssen bzw. das Thema ist nur in Deutschland groß wie etwa „Die wilden Kerle“, „Atze“ oder auch „Berlin, Berlin“.

CG: Wie Du vor kurzem im ECC-Forum bekanntgegeben hast, werdet Ihr keine neuen frankobelgischen Serien ins Programm nehmen, die laufenden aber zumindest zu Ende bringen, was die Fans sicherlich zu schätzen wissen. Wie sahen denn die Verkaufszahlen aus, und ab welcher Anzahl verkaufter Exemplare hätten sich die Serien noch gelohnt?

GT: Die Verkäufe der neuen Serien waren offen gesagt grottenschlecht, und die Produkte haben sich in den seltensten Fällen gerechnet. Der Markt für das klassische franko-belgische Album scheint sich auf wenige Klassiker reduziert zu haben, von denen man noch ansehnliche Stückzahlen absetzen kann, aber ansonsten ist er wohl ein Mikromarkt. Wir können mit verkauften Auflagen von 2.000 Exemplaren und weniger einfach nicht leben.

CG: Warum macht Ihr da so einen radikalen Schlussstrich? Kann man nicht trotzdem zwischendrin einzelne frankobelgische Serien reinnehmen, von denen man absolut überzeugt ist?

GT: So richtig radikal ist der Schnitt ja nicht. Wir werden die Klassiker fortsetzen (“Asterix“, „Lucky Luke“, „Blueberry“), die angefangenen Serien beenden – d.h. in 2006 wird es also schon noch „Trugbilder“ #2 oder „Extra-Muros“ #3 geben – und sicher, wenn das Thema sich aufdrängt, die eine oder andere neue Serie ins Programm aufnehmen. Nur möchte ich diese geballten Neuanfänge, wie wir sie uns vor knapp zwei Jahren geleistet haben, nicht mehr.

CG: Im Comicforum befürchtet man jetzt schon eine Reduktion der Bandbreite an Comics in Deutschland, nachdem sich die großen Verlage von den Frankobelgiern zurückgezogen haben. Was entgegnest Du solchen Befürchtungen?

GT: Ich denke, allein durch die Kleinverlage, die sog. Küchentischverleger, wird eine gewisse Bandbreite gewahrt bleiben. Aber der Anspruch, alles, was vermeintlich gut ist, auch in Deutschland veröfffentlicht zu bekommen, ist einfach nicht zu erfüllen. Das ist weder im Bereich Musik noch Film möglich. Warum sollten Comics da eine Ausnahme bilden? Außerdem haben weder wir noch Carlsen uns komplett von den franko-belgischen Comics verabschiedet, sondern eher mal eine „Auszeit“ genommen.

CG: Worin siehst Du die Gründe für die schlechten Verkaufszahlen? Habt Ihr irgendwelche Fehler gemacht, die man erst im Nachhinein sieht? Und werdet Ihr eine andere Strategie bei den neuen deutschen Serien fahren?

GT: Nun, ich denke, das Publikum für franko-belgische Serien hat sich auf einen harten Kern reduziert, der auch tapfer weiter diese Comics kauft. Aber die Masse, die es noch in den 80er Jahren gab, ist mittlerweile älter geworden und hat andere Interessen oder auch Probleme, als sich Comics zu kaufen. Und die jüngere Zielgruppe ist einfach von einer anderen Ästhetik geprägt. Interessanterweise war/ist der weitaus größte Anteil der Käufer von franko-belgischen oder auch Superhelden-Comics männlich und älter als 16 Jahre. Manga dagegen werden zu mindestens 50% auch von weiblichen Lesern konsumiert. Das ist neu. Auch ist das Durchschnittsalter der Käufer wesentlich jünger. Ich denke, wir erleben einfach einen Generationswechsel, wie es ihn auch in anderen Medien wie Musik oder Film gab. Hier haben sich Seh- oder Hörgewohnheiten in den letzten 15 Jahren auch drastisch geändert. Warum sollten Comics als visuelles Medium davon verschont bleiben? Dieses unbedingte Bewahrenwollen alter „Werte“ und Sich-Verschließen gegenüber neuen Strömungen, wie wir es von manchen Lesern erfahren, hat manchmal etwas erschreckend dogmatisches. Gerade diese immer wiederkehrende Erneuerung im Comic hat mir Spaß und Freude am Medium erhalten.

Und was unsere deutschen Produktionen angeht, werden wir nicht einheimische Zeichner um der Nationalität Willen veröffentlichen, sondern suchen Anbindungen zu Events wie erfolgreiche Bücher, TV-Serien etc., die wir in einen umfassenden Marketingmix einschließen können. Spannend ist das besonders mit unseren Kollegen von vgs. Hier können wir Romane zur Serie – etwa „Berlin, Berlin“ – zusammen mit dem Comic bewerben. Damit wird das gesamte Marketingbudget für solche Bundles höher, und wir können mehr bewirken.

CG: Ich frage mich: was würde passieren, wenn ich einen beliebten Manga im frankobelgischen Stil zeichnen lassen würde oder den Inhalt eines dieser in Deutschland lahmenden frankobelgischen Alben als Manga umsetzen würde (ohne dass der Leser durch Vorwissen voreingenommen wäre). Wie wäre dann die Resonanz?
Oder mit anderen Worten: was denkst Du, macht den Erfolg auf der einen und den Misserfolg auf der anderen Seite aus? Trend, Image, Zeichenstil, Inhalt, Werbung?

GT: Eine interessante Idee. Aber ich denke, einfach nur ein französisches Thema – wenn wir bei dem Beispiel bleiben wollen – von einem japanischen Zeichner umsetzen zu lassen, würde nicht funktionieren. Es gibt bestimmte kulturelle Inhalte, zwischenmenschliche Aspekte (wie Menschen in Japan miteinander umgehen) etc., die das Flair der Manga ausmachen. Und Mangaleser sind für solche Zwischentöne sehr empfindsam.
Also nein, das würde nicht funktionieren. umgekehrt hat es ja auch nicht geklappt. So wurde z.B. Disneys „W.I.T.C.H.“ von japanischen Zeichnern für den dortigen Markt eins zu eins adaptiert, und das Resultat war ein Flop. Schade eigentlich, da das Artwork wirklich toll ist. Aber man hat daraus gelernt. Z.Zt. gibt es eine japanische Adaption des Prinzessinnen-Themas von Disney, wo aber von Anfang an eine eigene japanische Prinzessin (kilala) eingeführt wurde. So könnte das möglicherweise ein Erfolg werden.

CG: Tut es Dir um eine frankobelgische Serie besonders Leid, die Dir vielleicht sehr am Herzen lag und bei der Du nicht verstehen kannst, warum sie nicht angenommen wurde?

GT: Da kann ich ganz schnell und eindeutig „Spoon & White“ nennen. Diese Serie hat Charme, Witz, geniale Stories voller Anspielungen und ist zeichnerisch toll umgesetzt. Hier erlaube ich mir wahrscheinlich sogar den Luxus, einen weiteren (sechsten) Band 2006 ins Programm zu nehmen, da wir alle diese Serie lieben.

CG: Wie erfolgreich sind eigentlich Manga in Frankreich/BeNeLux? Gibt es dort genug „Nachwuchs“ für die typischen Frankobelgier? Wenn ja, wie kann man sich das erklären?

GT: In Frankreich sind Manga immer noch wesentlich erfolgreicher als in Deutschland. Dort gibt es ca. 17 Manga Publisher. Alle großen französischen Verlage wie Glénat, die Dargaud-Gruppe, Castermann etc., die eigentlich durch ihre einheimischen Produktionen bekannt sind, veröffentlichen Manga oder haben eigene Mangalabels. Aber parallel dazu laufen auch die Eigenkreationen immer noch ganz gut. Allerdings auch nicht mehr so erfolgreich wie im letzten Jahrzehnt, wenn man von den großen Bestsellern wie „Asterix“, „Lucky Luke“, „Valerian & Veronique“, „Largo Winch“, „Titeuf“ etc. mal absieht. Ich denke, das liegt daran, dass man in Frankreich zum einen ein völlig anderes Vertriebssystem für Comics hat als in Deutschland, und zum anderen eben auch Erwachsene Comics lesen, was bei uns ja immer noch eher eine Seltenheit ist.

CG: Es fällt auf, dass Ihr Euch mit so einigen Eurer kommenden Publikationen an bestimmten Ereignissen ausrichtet – seien es Buch- oder Videospieladaptionen oder auch Comics zur Fußball-WM. Erhofft Ihr Euch dadurch ein größeres Publikum (was Comics prinzipiell sicher nicht schaden könnte)?

GT: Wir erhoffen uns das nicht nur, sondern haben in den letzten Monaten die Erfahrung gemacht, das dem so ist. Ich möchte da nur auf den Schiller-Comic von Horus hinweisen, der schon immense Vorbestellungen aufweisen kann, weil auf dieses Thema auch Buchhändler anspringen, die ansonsten nur sehr wenig oder gar nichts mit Comics am Hut haben.

CG: Rückblickend auf das Jahr 2004, was war Dein persönlicher Höhe- und Tiefpunkt bei Ehapa?

GT: Nach der Definition von oben musst du mich schon nach Höhe- bzw. Tiefpunkt bei vgs fragen… 😉 Es war schon ein Tiefpunkt, als ich den Entschluss fassen musste, die franko-belgischen Comics drastisch herunterzufahren.
Ich bin mit „Zack“ aufgewachsen und habe von daher eine starke Affinität zu diesen Sachen. Außerdem war unsere Erwartungshaltung doch sehr groß gewesen, da wir an das Konzept geglaubt haben, uns eng an die Originalausgabe zu halten (Großformat, Hardcover, Bilderdruck) und das auch noch zu einem – im Vergleich mit anderen – erschwinglichen Preis anzubieten.
Und als Höhepunkt habe ich empfunden, dass der als Schrott geschmähte „Atze“-Comic sich zu einem Bestseller entwickelt hat, der zehnmal so viel verkauft als manch franko-belgische Serie.

CG: Kannst Du Dir den Erfolg erklären? Wurde da z.B. viel Werbung außerhalb des „normalen“ Comickreises gemacht?

GT: Genau das ist der Punkt. Der Band wurde von Leuten gekauft, die sich ansonsten keinen Comic kaufen würden, da er zum Beispiel auf Atzes laufender Tour angeboten wird. Außerdem steht Atze Schröder voll hinter dem Produkt und hat ihn bei Erscheinen immer wieder in laufende TV-Kameras gehalten, wenn er irgendwo eingeladen war. Selbst Günther Jauchs „stern tv“ brachte einen längeren Beitrag inklusive Homestory über den Zeichner Jörg Reymann, da diese Medien immer wieder Themen suchen. Und der neue „Lucky Luke“ ist da leider nicht interessant genug.

CG: Gibt es eine Schmerzgrenze (Inhalt, Zeichnungen), unter der Ihr einen Comic nicht auf den Markt bringen würdet, auch wenn er sich sehr wahrscheinlich gut verkaufen würde? Ich denke da auch an den Vanessa S.-Comic, dessen Qualität der Illustrationen, höflich ausgedrückt, recht umstritten war. Hat dieser Eure Erwartungen bzgl. Verkaufszahlen erfüllt?

GT: Schmerzgrenzen sind subjektiv. Es gibt vom Konzern vorgegebene Grenzen (s.o.), aber ansonsten sind wir für fast alles offen. Man darf nicht vergessen, dass wir Teil der Unterhaltungsindustrie sind und ich nicht an der grafischen Brillanz unserer veröffentlichten Comics gemessen werde, sondern allein an den Zahlen, die im Jahresabschluss stehen. Also muss ich erst einmal kommerziell denken.
Wenn sich dann aber Kommerz und Kunst vereinen lassen, ist das besonders schön, da ich ja schon aus der Fanecke komme. Aktuellstes Beispiel ist da für mich „Zoe“ von Christian „Mana“ Nauck. Der Band ist kommerziell erfolgreich, da er sich auf ein gerade angesagtes Thema bezieht, gleichzeitig erfüllt er aber auch gewisse grafische Ansprüche. „Vanessa S.“ war ein Versuch, der leider nicht so funktionierte, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber wenn man nur erfolgreich wäre, wäre das auch etwas langweilig auf Dauer, da es keine neuen Herausforderungen geben würde.

CG: Im Herbst erscheint u.a. „Metal Gear Solid“ bei Euch. Im welchen Format ist es geplant? Ashley Woods Zeichnungen sind ja eher abstrakt, so dass sich vor einiger Zeit mg/publishing nicht herangetraut hat und man vermutlich auch schlecht abschätzen kann, wie die Serie ankommt. Setzt Ihr da stark auf die Spielefans?

GT: „Metal Gear Solid“ wird im Originalformat veröffentlicht, drei Hefte in einem Band. Hier setze ich zum einen auf die Spielefans, aber auch auf die Comicleser, die grafisch anspruchsvolle Werke mögen. Da wir die Reihe „nur“ über den Buchhandel vertreiben, ist der Druck, nun Unmengen verkaufen zu müssen, nicht da. Außerdem ist es doch toll, wenn man mit Manga so viel Geld verdient, dass man sich dann diese Experimente leisten kann.

CG: Wie läuft das eigentlich so mit den Lizenzen? Gibt es da oft ein Gerangel um Titel mit anderen Verlagen, oder sind die Themen/ausländischen Verlage eher „aufgeteilt“?

GT: Aufgeteilt sind Themen oder Verlage sicher nicht. Wiewohl die Ausländer – ob in Japan, Frankreich oder USA – ihre „Favoriten“ haben, mit denen sie bevorzugt arbeiten. Aber generell ist das Spiel um die Lizenzen offen und ab und an gibt es schon gewisse „Bieterstreitigkeiten“ um begehrte Lizenzen.

CG: „Yossel“ und „Auschwitz“: Wie kam es zu der spontanen Aufnahme der beiden Alben ins Sommerprogramm? Wenn mich nicht alles täuscht, soll auch ein Teil des Verkaufs gespendet werden, oder? Wie wichtig oder authentisch siehst Du die beiden Comics pünktlich zu 60 Jahre KZ-Befreiung als Teil der Aufklärung oder Vergangenheitsbewältigung?

GT: Ich habe beide Bände im Januar in Angoulême gesehen und fand es fast schon beschämend, dass es Lizenzausgaben in allen größeren europäischen Ländern gibt (“Auschwitz“ erscheint sogar in Korea), sich aber kein deutscher Verlag an das Thema herangetraut hat. Eine traurige Tatsache. Außerdem besitzen beide Bände eine grafische Eindringlichkeit, die sie über vordergründiges Zurschaustellen hinausheben. Und da wir nicht mit dem Grauen Geld verdienen wollen, geht ein Teil des Erlöses tatsächlich an den Hilfsfonds „Jüdische Sozialstation“ e.V. – Ghetto-Überlebende Baltikum.

CG: Vor einiger Zeit, kurz nachdem der Irakkrieg begonnen hatte, haben wir US- und britische Comicmacher u.a. gefragt, ob Comics politisch sein dürfen.
Hinsichtlich der beiden eben genannten Alben steht Deine Antwort ja schon fest. Denkst Du, Comics (oder Unterhaltungsmedien an sich) haben sogar eine gesellschaftliche Pflicht, mehr als nur Spaß und Kurzweil zu bieten?

GT: Ich finde schon, dass Comics politisch sein können und dürfen, so wie es auch Filme oder Musik sind. Ob Unterhaltungsmedien im Allgemeinen eine Pflicht zum Politischsein haben, kann man sicher nicht generell beantworten. Es kommt da immer aufs Umfeld an, wo diese Politisierung stattfindet.

CG: Was ist eigentlich dran an dem Gerücht, dass CrossGen (mit dem neuen Material) bei Egmont vgs landen könnte (wegen der Disney-Lizenz)?

GT: Das stimmt in der Tat. Ich prüfe z.Zt., welche Lizenzen es gibt, was machbar wäre, aber vor allem auch, ob es Sinn hat, hier einzusteigen. Man muss sich ja nun nicht auf-Teufel-komm-raus in bestehende Strukturen hineindrängen. Aber vor Frühling 2006 wird es sicher keine CrossGen-Serie in der Ehapa Comic Collection geben, sollte ich mich dafür entscheiden.

CG: Zu Eurem Internetauftritt: der hinkt mittlerweile im Vergleich zu den Websites anderer Comicverlage hinterher. So fehlen Leseproben, und auf dem neuesten Stand (z.B. Neuerscheinungen bei Alben) ist sie auch nicht gerade. Plant Ihr da schon was Neues? Wie wichtig empfindest Du das Internet und die entsprechende Präsentation eines Verlags?

GT: Das Internet ist mir sehr wichtig, wie man an manganet.de erkennen kann. Hier wird zweimal im Monat aktualisiert, es gibt Aktionen, Vorschauen etc. Allerdings gab es in den letzten Monaten andere Prioritäten, als sich um eine eigene Site für die ECC zu kümmern, zumal wir bis November 2004 ja noch bei den Berliner Kollegen mitliefen.
Deshalb freut es mich umso mehr, dass ich ankündigen kann, dass die ECC ab voraussichtlich August 2005 unter www.ehapa-comic-collection.de ihren eigenen Auftritt mit eigenem Shop erhalten wird. Unsere Online-Redakteure sitzen da gerade mit unserem Online-Support zusammen an der Entwicklung.

CG: Panini und Carlsen haben das Comicforum vor geraumer Zeit verlassen. Spielt Ihr auch mit dem Gedanken, ein eigenes Forum zu entwickeln, oder werdet Ihr dem Comicforum treu bleiben?

GT: Nein, für ein eigenes Forum gibt es keine Pläne, und das wird Bernd Glasstetter sicher freuen (gell, Bernd?).

CG: Abschlussfrage: Welcher ist eigentlich Dein persönlicher Lieblingscomic?

GT: Einen All-Time-Favorite habe ich nicht. Das ändert sich immer wieder. Im Moment ist es „Yossel“ von Joe Kubert aus unserem eigenen Programm, Und dank der Neuauflage von „Spirou“ bei Carlsen habe ich auch diese Serie erneut für mich entdeckt.

CG: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch, Georg!