Interviews

Kiesel, Reinhard

Comicgate: Hallo Harald, Hallo Reinhard, am Valentinstag habt Ihr zusammen mit dem ORF „Fred“ als Printcomic der Öffentlichkeit vorgestellt. War das mit dem Datum ein eher (glücklicher) Zufall oder doch seit längerem geplant?

Reinhard Kiesel: Reiner Zufall!
Harald Havas: Eher Notfall – der Band sollte ja schon viel früher raus. Als es dann Januar wurde habe ich schon ein schönes Datum gesucht, und da hat mich meine Freundin auf den 14. Februar aufmerksam gemacht…
[Einen schönen Foto-Bericht zur ORF-Präsentation findet Ihr hier.]

Comicgate: Harald, Du hast Dir laut Anekdötchen die Figur des Fred auf einer Zugfahrt ausgedacht. War Reinhard gedanklich sofort Dein Wunschzeichner für Fred?

HH: Als ich FRED für den Comic-Channel präsentierte, habe ich schon mit Reinhard an einigen anderen, eher für Kinder gedachten Projekten gearbeitet. Da ich wußte, dass er der „Mann der 1000“ Stile ist – seine Bandbreite zwischen Cartoon und extrem realistisch ist, was jetzt in Fred nicht immer so zur Geltung kommt, wirklich enorm – dachte ich mir, dass er sicher eine passende Umsetzung meiner Ideen liefern würde. Und so war’s auch. Seit damals sind wir gleichberechtigte Eltern von Fred und allen anderen!

CG: Wie läuft Eure Zusammenarbeit ab bei der Serie? Komplett getrennt, oder beratet Ihr Euch?

RK: Getrennt, Harald schickt das Manuskript sehr detailiert, manchmal auch mit Skizzen, und ich liefere den fertigen Strip an den ORF. Das geht aber nur, wenn man sich so gut kennt.
HH: Dem ist eigentlich nix hinzuzufügen. Es gibt schon manchmal Absprachen am Telefon oder Treffen, aber eher nur, wenn neue Dauer-Figuren eingeführt werden.

CG: Wie lange braucht Ihr für einen Strip? Und koloriert Reinhard auch?

RK: Meine Arbeitszeit: ca. ein Tag, aber halt aufgeteilt!
HH: Je nachdem, manchmal fällt mir ein Gag spontan ein und ist gleich, nach meinem Dafürhalten, perfekt, manchmal feile ich wochenlang – gedanklich – an Details und Formulierungen. Das Skript schreib ich dann in ca. 20 bis 30 Minuten.

CG: Fred hat sich im Lauf der fast fünf Jahre vom Zeichenstil her ziemlich verändert, so wurde das Design immer reduzierter, klarer und symmetrischer. Kam das schleichend oder war es bewusst angelegt? Wird Fred sich weiter verändern?

RK: Nicht bewusst, aber gewünscht. Wahrscheinlich verändert er sich weiter.

CG: In den Strips geht es oft um sexuellen Frust und alltägliche Pleiten, Pech und Pannen, wobei eine Analogie zum Woody-Allen-Humor nicht von der Hand zu weisen ist. Sind die Strips von der Realität, nennen wir es mal, „inspiriert“, oder ist alles erfunden?

HH: Teils, teils 😉 Aber es muß ja nicht alles MIR passiert sein…

CG: *Natürlich* ist die Ähnlichkeit von Fred und Harald rein zufällig, aber *falls* jemand doch Harald in Fred wiedererkennen sollte, läuft man dann nicht Gefahr, dass da einiges in die reale Person reingedeutet wird?

HH: Passiert mir dauernd. Aber ich kontere dann immer, dass ich jetzt seit zwölf Jahren in einer fixen Beziehung – sogar mit derselben Frau! – bin und obendrein seit 1 1/2 Jahren stolzer Vater einer Tocher. Nein, nein… ich bin, gottseidank, nicht Fred. Aber sollte mal der Ruhm und Rummel Überhand nehmen (ja, klar…), rasier‘ ich mir einfach den Bart ab und setz mir Kontaktlinsen ein, dann erkennt mich sicher keiner mehr in der Figur wieder 😉

Harald Havas bei der ORF-Präsentation von Fred

CG: Ab wann gab es Pläne zur Printveröffentlichung? Wie kam es dann zur Zusammenarbeit mit Zwerchfell?

RK:Pläne immer.
HH: Den Plan im Kopf gab’s schon lange. In Österreich gibt’s aber keinen wirklich passenden Verlag, also hab ich’s zuerst 2002 in Erlangen versucht. Aber Carlsen und Ehapa meinten, sie machen derzeit keine Strips, und der Lektor von Achterbahn fand „Fred“ nicht lustig… 2004 hab ich’s dann noch einmal in Erlangen probiert und bin fast zwangsläufig auf Zwerchfell gekommen: zu dem Zeitpunkt hatten sie sich mit „Zuckerfisch“, „Den Kleinen Mutterfickern“ etc. ja bereits ziemlich gut im Strip-Bereich etabliert. Außerdem erscheint schon seit einiger Zeit ein von mir getexteter Strip in „Grimm“. Bei einem Mittagessendate im Freien vor der Halle haben Jan und Stefan Dinter sowie ich dann unsere, verlegerische, Liebe füreinander entdeckt… 😉

CG: „Mars und Venus auf dem Holzweg“… Könnt Ihr das mal etwas erklären (okay, Mars=Mann und Venus=Frau, aber sonst…)?

HH: Da gibt’s doch die ganzen „Mars und Venus“-Bücher, in denen es um die Unterschiede in der Psyche von Männern und Frauen geht. Angefangen von „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ über „M, V und Eros“, „M, V und Partnerschaft“, „M und V neu verliebt“, „M und V im siebenten Himmel“ etc. pipapo *gähn*. Bei Fred geht’s oft um das Scheitern jeglicher Kommunikation zwischen Mann und Frau, deswegen sind bei uns Mars und Venus leider meistens auf dem Holzweg…

CG: Ach so… Ich hab’s nicht so mit diesen Ratgebern, daher meine Unwissenheit. 😉
Und die umgedrehte Frau auf der Rückseite, was hat es damit auf sich?

HH: Die Frau ist absichtlich so – geradezu „allegorisch“ (Mann und Frau 180 Grad verkehrt und so…)

CG: Seid Ihr zufrieden mit dem Druckergebnis?

RK: Es gab ein paar Abstimmungsprobleme zwischen der Software und der Druckerei, die sich erst im Druck gezeigt haben: manchmal ist z.B. Schwarz die Druckfarbe Schwarz, manchmal eine Mischung aus den drei anderen Druckfarben, außerdem kommt der Hintergrund hinter den Strips manchmal etwas zu stark durch. Nichts, was einem durchschnittlichen Leser auffallen würde, aber wenn man ein „Fehlersuchspiel“ beginnen würde, könnte man dies und das entdecken. Wie übrigens bei fast jedem Druckwerk.
HH: Wie gesagt, es gab das eine oder andere Mißverständnis zwischen Reinhard und der Druckerei, aber im großen und ganzen finde ich den Band wirklich sehr schön! Auch die Reaktionen in meiner Umgebung sind positiv bis euphorisch.

CG: Mir persönlich gefällt er von der Aufmachung her auch sehr gut! Er wirkt, als ob man sich richtig viel Mühe und Gedanken bei der Umsetzung gemacht hat.
Was kann man da eigentlich immer im Hintergrund außerhalb der Strips sehen? Und was hat es mit dem Ton(?)männchen, das manchmal am Rand auftaucht, auf sich?

RK: Der Hintergrund ist eine Collage aus Skizzen und Manusseiten. Und das Männchen ist aus Plastilin und ein Geschenk von meinem Sohn Calvin.

CG: Wer hatte die kongeniale Idee, Peter Puck um das Vorwort zu bitten, der ja nun so ziemlich das Gegenteil von dem zeichnet, was Fred ausmacht?

HH: Hm, das war irgendwann in einem Gespräch zwischen Jan [Dinter, zuständiger Zwerchfell-Redakteur – Anm. d. Red.] und mir… wer’s genau war, weiß ich jetzt nicht mehr. Peter Puck kenne ich von vielen Jahren Comic Salon Erlangen, und wir haben eine gute, freundschaftliche Beziehung – die aus ca. einer Stunde Gespräch alle zwei Jahre besteht. Außerdem liebe ich seine Sachen! Peter Puck ist sicher einer der genialsten Comic-Schaffenden (Text UND Bild) im deutschen Sprachraum. Inhaltlich ist Fred übrigens gar nicht so weit weg von Peters Geschichten…
[Peter Pucks Webseite]

CG: Seit fast fünf Jahren erscheinen nun schon die Fred-Strips auf der Comic-Seite des ORF. Wird es trotz Print dort auch weitergehen? Oder, das Schlimmste, gehen einem sogar irgendwann die Ideen aus?

HH: Natürlich geht’s weiter – wir brauchen ja noch ca. 50 neue Strips für Band 2! 😉 Fred ist nur eine von mehreren Strip-Serien die ich texte, sowohl für Kinder wie Erwachsene. Mittlerweile müßten an die 1000 Strips erschienen sein. Irgendwie ist der Comic-Strip mein ideales Medium, darin kann ich mich am besten ausdrücken. Von MIR aus könnte Fred auch täglich erscheinen!

CG: Erzählt doch mal bitte ein bisschen über die Trickfilmumsetzung von Fred. Was und wann erwartet den Fred-Fan? Und wer ist der Sprecher von Fred?

HH: Auf der Homepage von Zwerchfell gibt es bereits drei kurze Spots, jeweils nach einem der Strips im Buch. Eine längere Episode (5 Minuten) ist auch schon fertig. An sich planen wir eine erste Staffel von 26 je 5minütigen Episoden. Das klingt nicht nach viel, ist aber langwierig und teuer! Landläufig geht man von 10.000 Euro pro TrickMINUTE aus! Dh. man braucht bereits mehrere Käufer und internationales Vorausinteresse, bevor man überhaupt anfangen kann. Aber wir sind da absolut am Ball. Ob’s noch dieses Jahr was wird, mal sehen… News dazu jedenfalls immer auf der HP der Trickfirma Spectrum Trickfilm. Der Sprecher ist der in Wien lebende amerikanische Schauspieler Jim Libby. Denn Fred wird aus gerade genannten Gründen in Englisch produziert

CG: Das mit dem Trickfilm interessiert mich wirklich sehr – ich habe mir die Folge auf Zwerchfell angesehen und ich denke, das funktioniert verdammt gut. Könntest Du da vielleicht ein bisschen mehr ins Detail gehen, Harald?

HH: Alexander Noelle von Spectrum Trickfilm suchte im Jahr 2000 nach neuen Figuren bzw. Lizenzen, um daraus Trickfilmserien machen zu können. Er hatte zu dem Zeitpunkt schon Figuren von u.a. Haderer und Deix (für eine ORF-Comedy) animiert. Bei dieser Suche stieß er auf die Comics auf ORF.at und fragte bei mehreren Zeichnern und Rechteinhabern an. Wir trafen uns dann persönlich, kamen bald zu einem Verständnis – und los ging’s! Schon 2001 wurden die ersten 45 Sekunden Fred beim europäischen „Cartoon Forum“ in Garmisch-Partenkirchen präsentiert.

Reinhard Kiesel liefert die „character sheets“ der Figuren und Entwürfe der Hintergründe. Alexander Noelle und Team modellieren die Figuren in 3D, er zeichnet die Storyboards nach meinem Drehbuch und Spectrum animiert das ganze dann im Computer. Die Schauspieler sprechen ihre Texte vorab unter meiner Regie im Tonstudio, dann kommt noch Musik dazu… Zeichentrick dauert echt lange. Siehe auch diesen Fred-Strip dazu und die folgenden. 😉

CG: Werden immer nur bereits erschienene Folgen verfilmt werden?

HH: Nein, sowohl als auch. Es gibt Skripts nach den Strips und eigens geschriebene. In einem Fall hab ich aus einem Skript dann auch erst nachträglich Strips gemacht.

CG: Bei den Fünf-Minuten-Episoden, ist das eine durchgehende Geschichte oder aneinandergehängte „Strips“?

HH: Immer eine durchgehende Story – so ähnlich wie die auch im Strip auftauchenden Fortsetzungen einer Handlung. Die „Shorts“ wie im Web sind nur Teaser.

CG: Wieviel Mitspracherecht habt Ihr?

HH: Viel! Einerseits sind wir „Rechteinhaber“ und „Lizenzgeber“ – aber was noch viel wichtiger ist, dass wir als Layouter, Figurenentwickler, Drehbuchautor und Mit-Regisseur eigentlich immer hautnah dabei sind.

CG: Gibt es denn schon konkretes Interesse aus Deutschland/Europa/weltweit?

HH: Ja und Nein. Wir haben bereits einen Vertrieb gefunden, was schon recht viel bedeutet in dem Business. Die EU hält uns auch für förderungswürdig. Was wir jetzt noch brauchen sind mindestens zwei TV-Anstalten, die einen Vorvertrag unterzeichnen. Denn Trickfilm ist sauteuer! Da muß man das Produkt verkaufen BEVOR es gemacht ist! Aber momentan spielen die alle „wer sich zuerst bewegt, hat verloren“. Da Alexander Noelle jetzt aber mit der deutschen Trickfilm-Legende Hahnfilm an Ralph Ruthes „Frühreifen“ arbeitet, und mit Reinhard und mir an der Umsetzung eines weiteren (diesmal Kinder-)Strips namens „Maxie Maximal – das Mädchen aus der Zukunft“, hoffen wir mittelfristig genug Kontakte zu knüpfen, damit da bald was geht!

CG: Sind die Österreicher entspannter? Ich tue mich in der Tat auch schwer, einen Comic wie Fred bei der ARD zu sehen (wie irgendjemand schon mal anmerkte)?

RK: Ich hab von anderer Seite oft gehört, dass die Deutschen viel konservativer sind.
HH: Entspannter trifft’s vermutlich. Oder mehr „laissez faire“. Aber über solche Unterschiede könnte man ewig philosophieren.

CG: Gibt es eine eigene Comicszene in Österreich, die vielleicht von so manchen deutschen Lesern nicht wahrgenommen wird, oder kann man von einer ganzheitlichen „deutschsprachigen“ Szene reden? Wie empfindet Ihr das?

RK: Es gibt eine eigenständige Szene, aber keine ordentliche Möglichkeit zur Veröffentlichung (keine Verlage, etc.).
HH: Es ist vielleicht noch zerstreuter als in Deutschland, da alles viel kleiner ist, weniger Protagonisten. Während man in Deutschland manchmal ja sogar von Stilen und Richtungen sprechen kann, ist bei uns praktisch jeder Zeichner seine eigene Richtung! Aber es gibt gar nicht so wenige Zeichner und auch Zeichnerinnen, das Potential wäre da.

CG: Könnt Ihr uns zum Schluss noch einen Geheimtipp für einen österreichischen Zeichner oder Cartoonisten geben, der noch nicht nach Deutschland vorgedrungen ist?

HH: Nicolas Mahler ist ja schon recht – und zu Recht! – bekannt (mahlermuseum.at), einen richtigen Mini-Kult-Status (teilweise auch schon in Deutschland) hat z.B. Nina Ruzicka (cartoontomb.de), und auch Ronald Putzker (putzker.com), früher bekannt vor allem durch seine Sachen für comicplus+, ist noch nicht abgeschrieben. So publiziert er etwa die realistisch gezeichnete, aber humoristische Erotik-Comic-Serie „Dämonia“ für das deutsche Fetisch-Magazin „Schlagzeilen“.

  CG: Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen, und natürlich viel Erfolg für Fred!

HH: Danke!

Bestellen könnt Ihr „Total Fred“ direkt hier bei Zwerchfell für zwölf Euro plus zwei Euro Versandgebühren.

Zwerchfell
Freds Verlag

ORF ON Comics
Heimat von Fred und vielen weiteren Webcomics

Spectrum Trickfilm
machen Trickfilme, u.a. über Fred

Frostrubin
Bericht und Fotos zur ORF-Präsentation von Fred