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3D-Comics zum Abtauchen: Interview mit Matthias Picard

Matthias PicardIn der Kindercomics-Schiene von Reprodukt ist vor kurzem Jim Curious: Reise in die Tiefen des Ozeans erschienen  – ein dreidimensionaler Comic, der mit 3D-Brille gelesen werden muss. Sein Schöpfer, der Franzose Matthias Picard, war vor kurzem zu Besuch in Deutschland, wo Jim Curious im Rahmen einer Ausstellung auf der „Buchlust“ in Hannover vorgestellt wurde. Picard, geboren 1982 in Reims, lebt heute in Paris, seine Comics erscheinen unter anderem beim Verlag L’Association. 2010 war er mit einem Beitrag in einer Ausgabe des Magazins Strapazin vertreten. Stefan Svik hat sich mit ihm über die Faszination der Tiefsee, die Besonderheiten von 3D und Comics ohne Text unterhalten. Das Interview wurde per E-Mail auf Englisch geführt. 

 

Comicgate: Matthias, soviel ich weiß, ist Jim Curiuos der erste Comic von dir, der in Deutschland veröffentlicht wird. Was hast du davor gemacht, seit wann zeichnest du Comics?

Matthias Picard: 2011 habe ich bei L’Association Jeanine gemacht, etwas völlig anderes als Jim Curious. Es ist eher eine Graphic Novel. Zeichnen tue ich schon von klein auf, so wie die meisten. Als ich meinen ersten Comic machte, war ich acht Jahre alt, er handelte von einem Fußballspiel. Jede Menge Spannung, Action und Tore. Zur Halbzeit habe ich echte Anzeigen aufs Papier geklebt. Der Comic hatte über 10 Seiten! Das war cool! Vielleicht der beste meiner Comix.

Als Student, in Straßburg, machte ich mit ein paar Freunden ein Fanzine namens Ecarquillettes. Wir schrieben kleine Geschichten, druckten sie und verkauften sie auf Festivals wie Angoulême. So konnten wir den Leuten unsere Arbeiten zeigen. Das Herzeigen ist sehr wichtig.

Cover Jim CuriousWäre Jim Curious ohne die 3D-Erfahrung ein völlig anderer Comic?

Natürlich! Tatsächlich habe ich die 3D-Drucktechnik in Blau und Rot schon 2006 entdeckt, damals gab es keine 3D-Filme im Kino. Ich kann mich nur an alte Cornflakes-Packungen mit 3D erinnern. Wie geht das?, fragte ich mich. Kann ich selbst auch ein Bild in 3D zeichnen? Dann habe ich versucht, eine 3D-Brille aufzutreiben und fing an zu zeichnen. Es war unglaublich, das Gefühl des Schwebens, dieses magische Gefühl, wenn man versucht, seine Hand durch das Papier zu stecken. Das hat mir gefallen und ich wollte eine Geschichte mit 3D-Bildern schreiben.

Aber ich wollte 3D nicht nur als Effekt benutzen, ich benutzte es für eine eigene Welt, die anders ist. Deshalb sehen wir am Anfang von Jim Curious kein 3D, das kommt erst, wenn die Hauptfigur ins Meer eintaucht. Am Ende des Buches ist die zweidimensionale Welt dann in 3D. Jim Curious hat seine Wahrnehmung der Welt verändert.

Auch was die Bildkompostition angeht, versuche ich 3D für jedes Bild anders einzusetzen. Am Ende stellt man fest, dass manche Bilder nur in 3D interessant sind (zum Beispiel das mit den großen Treppenstufen am Schluss). Ich denke, man kann viele Dinge mit dieser Technik tun. Ich zeichne gerne „normal“, aber Bilder als Reliefs anzulegen ist was Besonderes und sehr interessant.

Jim Curious spielt hauptsächlich unter Wasser. Wie hast du für das Buch recherchiert? Bist du selbst Taucher?

Nein, leider nicht. Ich liebe Naturzeichnungen. Pflanzen und Tiere, vor allem die Bilder von Forschern des 18. und 19. Jahrhunderts (Buffon, Ernst Haeckel, Cuvier …). Und ich liebe Stiche, wie man sie in alten Büchern findet (Riou schuf viele wundervolle Bilder für Jules Verne). Ich habe viele Abbildungen des Meeres studiert und damit geübt. Ich träume davon, einmal eine Enzyklopädie zu zeichnen, mit allen Tieren, die es auf der Welt gibt. Aber ich bin zu faul dafür!

Ernst Haeckel

Édouard Riou

Karel Zeman

Picards Inspirationen: Illustrationen von Ernst Haeckel und Édouard Riou, Szene aus einem Film von Karel Zeman

Wie entsteht so ein 3D-Comic? Wie wird er gezeichnet und wie wird das Buch produziert?

Zuerst überlege ich mir die Bildanordnung und zeichne eine Skizze dieser Idee.

Skizze von Matthias Picard

Skizze von Matthias Picard

Dann nehme ich transparente Plastikfolie, trage mit einem Pinsel schwarze Tusche auf und lasse sie trocknen. Die Zeichnung kratze ich dann mit dem Schabstift, einer Art Bleistift aus Metall, aus der Tusche heraus, so entstehen weiße Linien auf schwarzem Grund.

Zeichnung von Matthias Picard

Ich zeichne auf mehreren Ebenen, um unterschiedliche Details festzuhalten. Die Folien werden dann eingescannt und ich spiele mit blauer und roter Farbe für jede Ebene, um den Eindruck eines Reliefs zu erzielen. Im Prinzip zeigt man dem Leser zwei Bilder: ein rotes und ein blaues (die jeweils ein bisschen verschieden sind). Mit der 3D-Brille auf der Nase sieht ein Auge das blaue Bild und das andere das rote. Und das Gehirn fügt beide dann zu einem dreidimensionalen Bild zusammen.

Inzwischen ist 3D im Kino ja sehr populär, beispielsweise im Superheldengenre. Wie siehst du diese Entwicklung?

Ich habe erst drei Filme in 3D gesehen (Avatar habe ich noch nie gesehen). Die Technik ist fantastisch, aber ich finde es nicht besonders interessant, weil 3D nur als Effekt benutzt wird. Alle diese Filme kann man auch in 2D sehen und es bleiben die gleichen Filme. Das Relief ist nicht Teil der Geschichte.

Außerdem denke ich, dass diese Actionfilme viel zu schnell geschnitten sind. Alles sieht unglaublich schön aus, aber man hat nur eine halbe Sekunde, um eine Landschaft zu betrachten. In einem Buch ist das ganz anders, man hält Bilder in der Hand, kann sie berühren und stundenlang anschauen, wenn man möchte. Man kann die Seite bewegen und seinen Blickwinkel verändern, das mag ich sehr. So etwas verzaubert jeden.

Andererseits habe ich letzte Woche Gravity gesehen und den mochte ich sehr. Mir gefiel der minimalistische Hintergrund, das Gefühl der Schwerelosigkeit und der Bewegung, und Sandra Bullock.

Seite aus Jim CuriousNachdem Comics lange den Ruf hatten, ein Kindermedium zu sein, gab es seit den 1980er Jahren immer mehr Comics für Erwachsene. Jetzt gibt es wieder einen kleinen Trend hin zum Kindercomic. Verstehst du Jim Curious als Comic für Kinder oder für die ganze Familie? Hast du selber Kinder? Wie versetzt du dich in die Perspektive eines Kindes? Liest du Comics aus deiner Kindheit, um dich in die richtige Stimmung zu versetzen?

Dieses Buch habe ich nicht speziell für Kinder gemacht. Ich habe es für mich gemacht, aus Spaß, weil ich es genieße, Figuren und Zeichnungen Leben einzuhauchen. Beim Schreiben dachte ich an meine Kindheit und an die Dinge, die mich zum Träumen verleiteten. Ich war und bin immer noch fasziniert vom Mysterium eines Bildes, was es zeigt und was es nicht zeigt. Ich liebe Bilder, die man stundenlang betrachten und nach Details suchen kann, die man nicht auf Anhieb entdeckt, und aus denen man wieder neue Geschichten spinnen kann – seine eigenen Geschichten. Jim Curious kann jeder Leser für sich selbst interpretieren. Ein Leser – ein Erwachsener – erzählte mir, dass er das Buch leise in seinem Bett gelesen habe und sich fühlte, als wäre er im Bauch seiner Mutter.

Ich habe selbst keine Kinder, aber ich mache jede Woche Workshops mit Kindern. Ich mag es, eine Verbindung zur Kindheit zu erhalten.

Ein Buch nur für Kinder zu machen, ist schwierig, denke ich. Schließlich kaufen die Eltern das Buch für das Kind. Zuerst müssen sie es mögen und dann entscheiden, es dem Kind zu geben. Und wenn wir erwachsen sind, wissen wir eigentlich gar nicht, was das Kind wirklich will (vielleicht mag es ja überhaupt nichts?). Aber ich glaube, Kinder haben mehr Fantasie als Erwachsene und ich bin sicher, wenn du ein Buch mit einem Kind zusammen liest, liest es eine andere Geschichte und sieht andere Bilder als du. Ich wollte ein Buch machen, das dem Leser diese Freiheit lässt und die Erwachsenen ermuntert, wieder zum Kind zu werden.

Ich mag Geschichten wie Alice im Wunderland, Gullivers Reisen oder Little Nemo in Slumberland sehr. Ich mag sie, weil sie nicht nur für Kinder sind. Sie sind bildreich, seltsam und auch realistisch. Wir wissen nicht genau, ob es sich um Träume handelt oder nicht.

In Jim Curious gibt es keinen Text, was in Comics ziemlich selten ist. Warum besteht dein Buch nur aus Bildern? Würden Sprechblasen den Effekt vermindern? Oder ist dir Text einfach nicht so wichtig?

Möglicherweise würde dem Leser übel werden, wenn er in einem 3D-Buch Text lesen muss. Bei diesem Buch wollte ich Reliefs in den Zeichnungen erzeugen. Wenn ich Text verwendet hätte, hätte ich auch mit der Schrift in 3D spielen müssen, aber das wollte ich bei dieser Geschichte nicht. Vielleicht beim nächsten Mal, warum nicht?

Ich verwende Text nur, wenn er notwendig ist. In diesem Buch kommt Text nur dann vor, wenn er ein Geräusch darstellt. Das Meer aber ist das Königreich der Stille, Jim ist allein, nur mit dir, dem Leser, und den Fischen. Ich wollte große, kontemplative Bilder schaffen, in die man abtauchen kann. Ich stelle mir das wie eine innere Reise vor, eine geistige Reise. Diese Geschichte funktioniert wie Musik ohne Text, wie klassische Musik, oder vielleicht auch wie psychedelische Musik. Wenn ich zeichne, bin ich gern allein und höre Musik. Ich liebe die deutsche Band Can, z.B. „Animal Waves“, oder „Echoes“ von Pink Floyd und ähnliches.

Ich habe mit Jim Curious parallel zu Jeanine begonnen. Dieser Comic enthält viel Text, die ganze Geschichte basiert auf den Dialogen. Das war sehr komplex zu schreiben, also habe ich zwischendurch immer wieder an diesem völlig anderen Projekt gearbeitet. Deshalb unterscheiden sich meine Erzählweisen so deutlich: Ich sorge damit für einen Ausgleich.

In der „Jim Curious“-AusstellungDu hast kürzlich die „Buchlust“ in Hannover besucht und auch Signierstunden in Comicläden abgehalten. Hast du dort mehr Erwachsene als Kinder getroffen?

Wenn ich Jim Curious auf einem Festival oder in einer Buchhandlung signiere, sind die meisten Besucher Erwachsene. Wie gesagt, die Erwachsenen kaufen die Bücher für ihre Kinder, aber die Hälfte meiner Signaturen sind für Erwachsene, nicht für Kinder.

In Frankreich gibt es eine große Offenheit für verschiedene Spielarten des Comics. Sie gelten dort als Neunte Kunst. Als ich neulich die brasilianischen Künstler Fábio Moon und Gabriel Bá interviewt habe, sagten sie, in Frankreich hätten viel mehr Comics eine Chance, die von amerikanischen oder deutschen Lesern ignoriert würden. Gibt es in Frankreich viele Schätze und Perlen, die wir in Deutschland nicht zu Gesicht bekommen, weil sie sich nicht ins Ausland exportieren lassen?

Ja, in Deutschland muss man neue Leser finden, und das wird, wie in Frankreich, lange dauern. Hier haben wir viele Comickünstler mit ganz unterschiedlichen Stilen, alle möglichen Themen werden behandelt. Die Künstler erforschen neue Wege des Zeichnens und des Geschichtenerzählens, das ist sehr interessant, es ist eine echte Chance. Wir haben sehr viele Festivals, überall, das ganze Jahr über, und die Presse schreibt viel über Comics.

In Deutschland bekommt man die französischen Bestseller: Christophe Blain, Guy Delisle, Marjanne Satrapi oder David B. Das ist prima, das sind die besten, aber es gibt noch viele andere Perlen von kleinen Verlagen oder jungen Zeichnern, die ihr leider nicht lesen könnt. Ich denke, wenn man Zugang zu diesen Schätzen haben möchte, muss man die junge deutsche Zeichnergeneration ermutigen, ihre Bücher kaufen und dann bin ich sicher, wird es irgendwann so sein wie in Frankreich. Ich kenne die Werke von Atak oder Henning Wagenbreth, ich liebe deren Arbeiten, sie sind sehr einzigartig. Diese Künstler arbeiten auch als Lehrer. Schaut euch in ihrem Umfeld um, unter ihren Studenten, dann findet ihr eure Schätze. Die werden wir dann auch bald in Frankreich verlegen wollen. 😉

Was sind deine nächsten Projekte? Wird es weitere 3D-Comics von dir geben?

Pssst, das ist ein Geheimnis. 
Ich arbeite an einem weiteren Jim Curious, im Dschungel ….

Herzlichen Dank für das Interview!

 

Übersetzung aus dem Englischen: Thomas Kögel
Abbildungen: © Matthias Picard/Reprodukt

Stefan Sviks Rezension von Jim Curious gibt’s drüben bei ComicRadioShow!