Interviews

Heinelt, Uwe

Comicgate: Hallo Uwe, bitte stell Dich doch zuerst kurz vor.

Uwe Heinelt: Ja dann leg ich mal los.

Ich wohne in Berlin und bin gerade 37 geworden 🙂
In der ehemaligen DDR habe ich eine Ausbildung zum Offsetdrucker gemacht und dann nach der Wende mein Abitur nachgeholt. Momentan bin ich gerade dabei, mein, wegen Lolle lange ruhen gelassenes, Studium (Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin) zu beenden.

CG: Du bist der Schöpfer der Comicfiguren, die in der sehr erfolgreichen ARD-Serie „Berlin, Berlin“ zu sehen waren [Anmerkung: die Hauptfigur „Lolle“ ist Comiczeichnerin und verwendet Uwes Figuren als ihre Schöpfungen; außerdem hat er die Charaktere für die Zeichentricksequenzen entworfen].
Wie kamst Du an diesen Job? Und war dies die erste Zusammenarbeit mit einer Fernsehproduktion?

UH: Ich arbeitete damals neben meinem Studium in der Trickfilmfirma, die den Auftrag bekam, die Animationssequenzen für BERLIN, BERLIN zu produzieren.

Ursprünglich sollte ich eine Zeichnerin beim Zeichnen von Benjamin Blümchen unterstützen. Nun bekam ich die Chance, die später so bekannt werdene Comic-Lolle zu kreieren.
Von der ARD bekam ich die Vorgabe“schräg und super ästhetisch“, und  dann habe ich erst einmal losgelegt. Bis die ARD-Redaktion „ja“ gesagt hat sind dann so ca. acht verschiedene Lolle-Stile endstanden, von Kinderbuchzeichnung bis nahezu realistisch.

CG: Kann man diese Entwürfe irgendwo sehen?

UH: Ja, einige kann man auf meiner Website heinelt-comic.de sehen.

CG: Spielte es für den Job auch eine Rolle, dass Du in Berlin wohnst und daher „vor Ort“ warst?

UH: Ich denke eher nicht. Entscheidend war, welche Firma den Job bekam. Das hätte überall sein können. Die Animationen für die Staffeln 2 bis 4 wurden dann ja auch in Hamburg produziert.

CG: Die Animation der Trickfilmsequenzen stammen ja nicht von Dir.
Bist Du zufrieden mit der Umsetzung, und wieviel Mitspracherecht  hattest Du da?

UH: An einigen Stellen hätte es nach meinem Geschmack vielleicht etwas mehr Action, mehr Kameraschräglagen, überzogene Perspektiven und so geben können. Aber im Großen und Ganzen war alles super.

Auf die Animationen hatte ich nur in der ersten Staffel Einfluß. Ich habe meine Storybords immer mit dem Gagautor und einem Animationszeichner besprochen. Was immer zu einem sehr kreativen Ideenaustausch führte.
Beide sind übrigens beim Lolle Comic 2 [s.u] mit dabei. Der Gagschreiber Dirk Bertram als Autor und der Animationszeichner Peter Weller als Penciler.

CG: Hattest Du persönlichen Kontakt zu den Schauspielern? Wie zufrieden waren sie mit ihrer Comicumsetzung?

UH: Ja, ganz am Anfang war ich mal mit Felicitas Woll im Tonstudio. Dort hat sie die vielen „Ohs“ und „Ahs“ für die Trickfilme eingesprochen. Mit Matthias Klimsa war ich mal auf einem Event in Dettingen (bei Stuttgart).

Ich glaube sie finden die Animationen ganz witzig, Lolle, sorry, Felicitas, hat sich jedenfalls damals im Tonstudio köstlich über die Animationen amüsiert 🙂

CG: Liegt Dir generell ein Stil besonders, oder hat jeder seine Reize?

UH: „Jeder“ ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber ich probiere wirklich sehr gerne verschiedene Stile aus. Letztendlich schlagen dann aber doch in jedem Stil auch wieder die persönlichen Vorlieben etwas durch. Das sind dann so Sachen wie die Vorliebe für reißerische Dynamik, krasse Perspektiven und auch Feinheiten, wie die Strichführung.

CG: Du zeichnest ja nicht für die Fernsehserie, sondern auch Comicalben zu dieser Serie.
Stand das von Anfang an fest, oder war das eine eher spontane Idee, nachdem „Berlin, Berlin“ immer beliebter wurde?

UH: Nein, das stand nicht von Anfang an fest.

Meine Freundin hatte die Idee gegen Ende der Ausstrahlung der ersten Staffel. Und es liegt ja auch nahe: Eine Serie, in der die Hauptdarstellerin unbedingt Comiczeichnerin werden will und in der ihre Gedanken als Zeichentrickfilme dargestellt werden.

CG: Als Autor des 1. Bandes gibt Egmont vgs David Safier an, der ja auch der Erfinder und „Headautor“ der Serie ist.
Wie muss man sich das beim Comic vorstellen? Bekamst Du ein ausgearbeitetes Skript oder eher einen losen Plot, aus dem er selber was entwickelt hat? Inwieweit hattest Du bei der Geschichte erzählerische Freiheiten?

UH: Ich habe von David eine Art Comic-Drehbuch bekommen, bei dem der Schwerpunkt auf den flüssigen Dialogen lag.

So hatte ich komplette Freiheit bei der Gestaltung des Comicstorytellings, des Layouts und den einzelnen Panels.

CG: Wie groß ist der Einfluss des Lizenzgebers (also in dem Fall die ARD bzw. die „Berlin, Berlin“-Produktion) auf einen solchen Comic?

UH: Natürlich schaut die ARD-Redaktion da noch einmal drauf, aber es gab bisher in Bezug auf Story und Zeichnungen nie Änderungswünsche.

CG: Vor kurzem erschien der 2. Comic zu der Serie, „Mütter sind auch nur Menschen“. Wie hat Deine Mutter den Titel aufgenommen? 😉

UH: Menschlich 😉

CG: Diesmal hast Du mit dem Autor Dirk Bertram zusammengearbeitet.
Warum gab es keine Zusammenarbeit mehr mit David Safier?

UH: David mußte nach der Konzeption des Grundplots und dem Skript für die ersten acht Seiten leider aufhören. Er geriet mit den Drehbüchern für die letzte Serienstaffel zu stark unter Zeitdruck.

CG: Du hast ja mit Dirk ja schon zusammengearbeitet. Habt Ihr die Arbeit an dem Comic strikt getrennt, oder gibt man sich gegenseitig Feedback und Verbesserungsvorschläge?

UH: Aufgrund dieser bereits gemeinsamen Arbeit bei den Animationen zur ersten Staffel  war schon klar, dass die Arbeit mit ihm prima funktionieren würde.

Unsere Zusammenarbeit lief zwar komplett über E-Mail und Telefon ab, aber ein kreatives Abstimmen war natürlich auch so möglich.

CG: Wusstest Du schon von der Einstellung der Serie, als Du mit den Arbeiten zu diesem Band angefangen hattest?

UH: Da bin ich mir jetzt im Nachhinein gar nicht mehr so sicher.

Irgendwann hieß es dann zwar, das wird die letzte Staffel, aber daran habe ich eigentlich genauso wenig geglaubt wie die Fans.

CG: Kann man den Comic von der Serie trennen, oder bedeutet das Serienende auch das Ende der Albumreihe?

UH: Ich denke schon, dass man den Comic von der Serie trennen kann. So könnte BERLIN, BERLIN dann noch eine ganze Weile als Comic weitergehen. Letztendlich hängt das aber vom Verkauf des zweiten Bandes und der Nachfrage nach BERLIN, BERLIN-Comics in den

europäischen Ländern, in denen jetzt die TV-Serie läuft, ab.
Wenn also alles so läuft wie bei Band 1, von dem die komplette Auflage schon verkauft ist, wird das was. 🙂

CG: Von dem 2. Band wurden Vorveröffentlichungen in der BILD Berlin-Brandenburg abgedruckt. Wie kam es dazu, und gab es Reaktionen seitens der Leser?

UH: Ja, das war eine prima Sache. Der BILD-Zeitungsredakteur wollte eigentlich ein Interview mit mir machen, kam dann aber zum Glück auf die Idee, das Ganze mit einer Vorveröffentlichung zu koppeln.
Wie der Comic bei den Lesern angekommen ist, weiß ich leider nicht. Ich hoffe aber, ich konnte zumindest einigen Nicht-Comiclesern das Medium Comic wieder etwas näher bringen. 

CG: Von der Comicreihe zu Berlin, Berlin gibt es ja sogar einen Ableger, nämlich „Zoe! Chaostage“. Lolle arbeitet in der Fernsehserie an diesem Comic, der auch dann tatsächlich im Frühjahr dieses Jahres erschien.
Soviel ich weiß, hattest Du die Idee dazu.
Zeichner ist Christian „Mana“ Nauck, ein vielversprechendes neues Talent aus der Berliner INKplosionsschmiede [zu „Zoe“ haben wir mit Mana im April 2005 ein Interview geführt].
Warum hast Du den Comic nicht selber gezeichnet, und war Mana Deine erste Wahl? War es schwierig, Egmont vgs von einem Newcomer zu überzeugen?

UH: Ich wollte den ZOE-Comic unbedingt veröffentlicht sehen. Ich wußte aber, das ich das neben Lolle Band 2 und meinen Illustrationsarbeiten nicht allein schaffen konnte. (Außerdem bin ich im letzten August noch Papa geworden…:-) )

So suchte ich mir einen Zeichner, der den Comic mit meinen Figuren zu Papier bringen konnte. Das war dann Christian Nauck (Mana). Und, ja: Christian war meine erste Wahl. Ich hatte mit ihm schon im Rahmen meines Illustrationsbüros zusammengearbeitet und wusste, wie gut und diszipliniert er arbeiten konnte. Vom Verlag habe ich in Bezug auf die Auswahl meiner Mitarbeiter freie Hand. Lolle Band 2 ist ja auch mit einer Menge an Mitstreitern entstanden. Wichtig ist, dass die Qualität stimmt und der Termin gehalten wird.

CG: Gerade am Beispiel von Egmont vgs wird deutlich, dass dessen Comicprogramm sich immer stärker an aktuellen Themen und Trends orientiert, da sich diese besser vermarkten lassen. Wie siehst Du, der Du ja davon unmittelbar betroffen ist, diese Entwicklung?
Ist es eine Gefahr, dass Comics Themen nur noch hinterherrennen, anstatt selbst welche zu setzen oder eigene kreative Wege zu gehen?

UH: Das stimmt natürlich, aber die Produktion von Comics muss sich, wenn sie nur halbwegs überleben will, wenigstens auf minimalster Ebene rechnen.

Die gute Nachricht dabei ist, daß die Comics, die hohe Verkaufszahlen erreichen, (hoffentlich) auch weiterhin die Produktion von idealistischen Projekten ermöglichen.

CG: Wirst Du auch in Zukunft viel mit Fernsehproduktionen zusammenarbeiten?

UH: Ja, gerade erst habe ich Requisitenzeichnungen für die SAT 1-Produktion BIS IN DIE SPITZEN gezeichnet. Außerdem sind gerade auch die Romane zur RTL-Serie SCHULMÄDCHEN erschienen. Hier habe ich die Comic-Illustrationen gemacht. Bei Band 2 hat mich dabei tatkräftig Rainer Engel unterstützt.

CG: Gibt es so etwas wie ein Traumpojekt von Dir, was macht Dir besonders viel Spaß?

UH: Es laufen gerade ein paar echt coole Sachen:

Mit Julia Engelhardt, einer der Lolle-Band 2-Koloriererinnen, habe ich gerade ein Kinderbuch fertig illustriert, für das wir noch einen Verlag suchen (DU BIST TOLL, SO WIE DU BIST, Autorin Eva Bacher).Dann gibts da noch meine Lolle-T-Shirts (lolleshirt.de). Und dann wird’s wahrscheinlich mal Zeit für einen richtigen Manga-Comic oder ein superernstes Comicthema.

CG: Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen!

UH: 🙂
Dank und Gruß!

GEWINNSPIEL:
Gewinnt ein von Uwe Heinelt signiertes Exemplar von Berlin, Berlin 2 „Mütter sind auch nur Menschen“ zusammen mit einem beliebigen T-Shirt von lolleshirt.de!
Dazu müsst Ihr folgende Frage beantworten:
Welchen renommierten internationalen Preis, der für Fernsehproduktionen dieselbe Bedeutung hat wie der Oscar für Kinofilme, gewann die Fernsehserie „Berlin, Berlin“ im Jahr 2004?

Update: Das Gewinnspiel ist beendet.

 

Berlin, Berlin 2Berlin, Berlin 2 „Mütter sind auch nur Menschen“
Dirk Bertram, Uwe Heinelt 
80 Seiten
8,- Euro
ISBN/ASIN: 3770420691 

Berlin, Berlin 1Berlin, Berlin „Froschkönige“
David Safier, Uwe Heinelt 
80 Seiten
8,- Euro
ISBN: 3770420683 

 

ZoeZoe! Chaostage
“Lolle Holzmann“, Christian Nauck
Ehapa
46 Seiten
6,50 Euro
ISBN: 3770421205

Uwe Heinelts Illustrationsbüro

die offiziellen T-Shirts mit Lolle-Motiv

Produktseite bei Egmont Ehapa Verlag

offizielle Berlin, Berlin-Homepage der ARD

Interview mit Uwe bei Splashcomics