Interviews

Flameboy

Der britische Independent-Verlag “Flameboy Comics“ hat sich an ein heikles Thema gewagt: nicht nur wird die Lebensgeschichte eines real existierenden Menschen nacherzählt, bei dieser Person handelt es sich um den legendenumwobenen Nirvana-Sänger Kurt Cobain (Biografie), der sich 1994 im jungen Alter von 27 Jahren das Leben nahm.
Dabei hielten sich die Autoren nicht nur an Fakten, sondern flochten noch einige spekulative Punkte ein.

Das Risiko ist hoch: einerseits gibt es immer noch tausende von Nirvana- und Cobain-Fans, die argwöhnisch über ihr Idol wachen, andererseits liegt der Gedanke auf der Hand, dass man hier vielleicht einfach durch fragwürdige, dem Anstand widersprechende Methoden Aufmerksamkeit erregen will.

Um näheres über die Motivation und die Emotionen, die in diesem Projekt stecken, zu erfahren, baten wir den Zeichner Flameboy und einen der beiden Autoren, Barnaby Legg, um einige Stellungnahmen.

Comicgate: Wer hat alles an „Godspeed“ mitgearbeitet?

Barnaby Legg: Der Comic wurde von Jim McCarthy und mir geschrieben, Flameboy hat die Zeichnungen gemacht.

CG: Könnt Ihr uns ein bisschen über „Flameboy Comics“ erzählen?

Flameboy: Der Verlag wurde im Jahre 2000 von Steve Beaumont gegründet. Steve ist hauptberuflich für Storyboards zuständig. Ihm gefällt aber meine Arbeit so sehr, dass er „Flameboy Comics“ ins Leben gerufen hat, so dass ich meine Ideen präsentieren kann. Mittlerweile bin ich für den Verlag alleine verantwortlich.
Ich würde schon gerne mehr Zeit damit verbringen, Comics zu zeichnen und sie zu veröffentlichen, damit sie mehr Leute lesen und ihnen hoffentlich etwas Unterhaltung bieten können.

CG: Welche Bedeutung hat der Titel „Godspeed“?

BL: Für mich hat dieser Titel zwei Bedeutungen. Zuerst ist er natürlich Ausdruck des schmerzhaften Abschieds von Kurt (“Godspeed“=“Viel Glück!“) und seinem musikalischen Talent, das der Welt zu einem Zeitpunkt genommen wurde, an dem es schien, als dass er noch so viel mehr zu geben hätte.

 Die zweite, etwas subtilere Bedeutung ist eine Anspielung auf Kurts beinahe gottgleichen Status, den er bei manchen extremen Fans hat. Wie bereits John Lennon vor ihm, der fast eine religiöse Bedeutung für seine Fans oder „Anhänger“ hatte, so war auch Kurt auf einer Droge, an die wir Normalsterblichen noch nicht mal zum Ausprobieren rankommen: die der absoluten Beweihräucherung und Lobpreisung.
In diesem Sinne spielt der Titel (und das Titelbild, das Kurt als Engel, der am Ende seiner Kräfte ist, zeigt) auf „God Speed“, das überwältigende Rauschgefühl, wenn man der Sprecher einer ganzen Generation ist, an.
Eine Droge, mit der Kurt vielleicht nicht umgehen konnte.

CG: Seid Ihr denn überhaupt Nirvana-Fans?

BL: Und ob! Ich selber bin ein Fan der ersten Stunde, seit ich ihre erste Single „Love Buzz“ auf „Radio 1's John Peel Show“ gehört habe, Anfang der Neunziger.

CG: Was sind Fakten, was ist erfunden? Kann der Leser den Unterschied erkennen?

BL: Ich habe viel Zeit damit verbracht,den jeweils allgemeingültigen Versionen von Ereignissen nachzugehen und dabei diejenigen, die meiner Meinung nach Schlüsselmomente in Kurts Leben waren, herauszuarbeiten.
Als ich mit der sehr zeitaufwendigen Recherche begann, habe ich alles gelesen, was nicht schnell genug auf den Bäumen war; das heißt, ich habe mir so ziemlich jede Kurt-Cobain-Webseite und all die Bücher durchgelesen. Außerdem habe ich mich recht intensiv mit der weltweiten Fangemeinde auseinandergesetzt und in den Newsgroups oder ähnlichen Gemeinschaften relativ provokante Fragen gestellt, um ein Gefühl für die Empfindsamkeiten zu bekommen.
Auf diese Weise haben wir uns Stück für Stück dem Mythos genähert und ihn für uns definiert; er basiert sowohl auf Gerüchten aus Fankreisen wie auch auf Tatsachen.

Darüber hinaus ist der Comic in erster Linie Kunst, keine Biografie. Nachdem ich mir überlegte, dass die ganze Geschichte als eine Art Traum kurz vor seinem Tod an Kurts geistigem Auge vorbeiziehen könnte, wurde uns klar, dass wir genügend Freiheit hatten, um mit mehr symbolischen Ideen herumspielen zu können und so der Geschichte etwas besonderes zu geben.

CG: Wieviel Zeit ist zwischen der ersten Idee und dem fertigen Comic vergangen?

BL: Ich schrieb die erste grobe Zusammenfassung (darüber, wie wir meiner Meinung nach den Comic angehen sollten) Anfang 2002. Das endgültige Skript war im August 2002 fertig, und Flameboy hat in diesem Sommer seine Zeichnungen fertiggestellt.

CG: Flameboy, wie war es für Dich, „Godspeed“ zu zeichnen? War das nur „einer von vielen Jobs“?

FB: Am Anfang habe ich gezögert, den Auftrag für „Godspeed“ anzunehmen. Es gibt genug offensichtliche Gründe, um sich unsicher zu sein, ob das Projekt überhaupt eine gute Idee ist. Um ehrlich zu sein war ich knapp davor, das Ganze abzublasen. Ed Chartelier (einer der Hauptverantwortlichen, die das Projekt auf die Beine gestellt haben) hat mich schließlich überzeugt, mitzumachen. Ich schätze mal, dass ich mir Gedanken darüber gemacht habe, ob ich Kurt Cobain Unrecht tue. Ich hoffe, dass seine Fans das nicht von mir denken, das ist wirklich nicht meine Absicht gewesen.

 Nein, „Godspeed“ war nicht nur irgendein Job. Es war eine Herausforderung. Wenn ich versagt hätte, dann wäre das vielleicht die Besiegelung jeglicher Hoffnungen von mir gewesen, jemals in der Comicbranche erfolgreich zu werden.
So aber war es hilfreich, denn es hat mir auch persönlich geholfen, meine Vergangenheit, in der ich abhängig war und einen recht exzessiven, zerstörerischen Lebensstil geführt habe, zu verarbeiten. Das alles war eine sehr intensive Erfahrung für mich.

CG: Ich schätze mal, dass einige Leute „Flameboy Comics“ bezichtigen, dass Ihr Kurt Cobains Andenken missbraucht, nur um Aufmerksamkeit zu erregen. Was erzählt Ihr diesen Leuten?

BL: Das ist eine interessante Frage, denn meine erste Reaktion, die vermutlich wie die auch die vieler anderer Leute ausgefallen wäre auf die Idee, ob sie einen Comic über Kurt Cobain machen wollten, war, dass es zu früh ist. Die Narben sind noch nicht verheilt. Dass Kurts Selbstmord, relativ gesehen, noch nicht weit genug zurückliegt, um seine Geschichte neu zu erzählen, sie zu modifizieren und sie eher zu einem Kunstwerk zu machen denn die Fakten aufzulisten.
Schließlich aber dachte ich mir: „Warum? Warum ist es jetzt noch zu früh? An welchem Punkt ist solch ein tragisches Ereignis in genug Geschichte begraben, damit man darüber reden und es neu erforschen kann?“ Dann dachte ich „Scheiß drauf, das könnte richtig gut werden.“

Natürlich muss man das Thema „Kurt Cobain“ vorsichtig angehen. Schließlich behandeln wir hier reale Menschen und eine tatsächlich geschehene Tragödie und bringen trotzdem unsere eigenen Ansichten bis zu einem gewissen Grad mit ein. Dadurch, dass ich Kurt in erster Person die Geschichte erzählen lasse, versuche ich nicht, ihm Worte in den Mund zu legen, sondern den Leser mehr an den Menschen heranzuführen, der er war. Trotzdem war ich entschlossen, das Ganze auf eine neue Art und Weise zu erzählen. Als jemand, der so ziemlich alle Bücher über Cobain gelesen hat, wurde ich der immer gleichen Dinge überdrüssig.
Ich hoffe, dass der Comic den Leuten, die das gleiche wie ich über Kurts Geschichte denken, neu und erfrischend erscheint.

Ich glaube, dass es immer wieder die gleichen Reaktionen zu dem Comic gab. In vielen Foren wurde er von jemandem kritisiert, nur um dann von anderen Besuchern verteidigt zu werden.
Das ist eigentlich das, worauf wie gehofft hatten; die Leute scheinen den Comic entweder zu lieben oder zu hassen. Das einzige, was nervt, ist, wenn man hört, dass er „okay“ ist.

CG: Gab es eigentlich rechtliche Probleme?

BL: Bis jetzt noch nicht!

Ergänzung: Seit Februar 2004 gibt es Godspeed auch auf deutsch, verlegt vom Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag.

 

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Flameboy Comics

Website von Flameboy

Artikel (Spiegel Online)

Webseite des dt. Verlags

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