Interviews

Deutsch, Chris

Comicgate:Chris, ich muss zugeben, vor der Ankündigung von A.K.A. hatte ich deinen Namen noch nie gehört. Hast du vorher schon Comics veröffentlicht?

Chris Deutsch: A.K.A. ist mein erster gedruckter Comic, davor habe ich nur online veröffentlicht. Seit drei Jahren mache ich, zusammen mit meinem Bruder, den Onlinecomic Pandimaniacs – er schreibt, ich zeichne. Außerdem bin ich öfter mit einer Band auf Manga- und Anime-Events aufgetreten, und davon ist auch einiges in Comics eingeflossen…

CG: Hast du auf die Onlinecomics Feedback von Lesern bekommen?

CD: Sehr wenig. Ab und zu mal eine E-Mail, aber nicht mehr.

CG: Und wie kam es dann zu A.K.A.?

CD: Ich habe an der FH Mainz Kommunikationsdesign studiert und A.K.A. ist die Diplomarbeit, mit der ich dort abgeschlossen habe. Zuerst sollte das noch eine viel längere Geschichte werden. Dazu muss ich sagen, dass die Designwelt etwas ganz anderes ist als die Comicwelt. Für Designer sind die Bilder wichtig, die Ästhetik. Es muss vor allem gut aussehen. Für mich sind die Zeichnungen nicht so wichtig. Wenn ich eine Geschichte erzählen oder Leute zum Lachen bringen will, dann ist die Story wichtig, bzw. die Witze. Und deshalb wollte ich den Designern das Gegenteil beweisen: eine gute Geschichte, nur mit dilletantischen Strichmännchen erzählt. Bei der ersten Planung, die ungefähr ein Jahr vorher begann, war das noch als Riesenstory geplant, mit 500 Seiten. Die erste Version, die ich entworfen habe, hatte 200 Seiten.

Aber ich musste dann einsehen, dass das so nicht klappt. Um so viele Seiten zu schaffen, musst du schnell sein, und das wurde dann sehr anstrengend, möglichst schnell immer die gleichen Strichmännchen zu zeichnen. Irgendwann merkte ich dann, dass man weniger schnell ermüdet, wenn man langsamer, aber dafür detaillierter arbeitet. Das ist wie beim Straßenkehrer Beppo in Momo. Der konzentriert sich auf den Augenblick, anstatt sich ständig die gesamte Arbeit vor Augen zu halten und sich abzuhetzen, möglichst schnell fertig zu werden. So kommt er letztlich besser voran als die hektischen Kollegen.

Ich habe dann also nochmal alles überarbeitet, sehr viel gekürzt, und dann mit „besseren“ Zeichnungen neu erstellt. Ein paar der Strichmännchen-Szenen sind aber trotzdem in der fertigen Geschichte geblieben, z.B. bei Rückblenden.

Ich habe eigentlich erst während der Arbeit gemerkt, wie man schreibt. In einem Handbuch für Drehbuchautoren habe ich gelesen, dass man 90% seiner Ideen über Bord werfen muss, um am Ende ein rundes Ergebnis zu haben. Das habe ich zuerst nicht glauben wollen, aber heute muss ich sagen: es stimmt.

CG: Wie ist die Diplomarbeit dann beim Epsilon Verlag gelandet? Der war ja bisher eher für Lizenzcomics aus Frankreich bekannt.

CD: Den fertigen Comic habe ich an verschiedene Verlage geschickt, und Mark O. Fischer war einfach der erste, der geantwortet hat. Er war sehr begeistert, er glaubt an das Projekt und gibt sich bei allem sehr viel Mühe. Ich bin gespannt, wie es läuft. Letztlich habe ich ja nichts zu verlieren.


CG: Das erste, was beim Reinblättern in A.K.A. auffällt, ist der Zeichenstil. Du verwendest leicht verfremdete Foto-Hintergründe, vor die dann die Figuren montiert werden.

CD: Da spielte auch die Frage eine Rolle: „Wie geht’s am schnellsten?“ Also habe ich mit Fotos herumexperimentiert. Zuerst dachte ich, das sei neu, habe dann aber später gemerkt, dass es das schon in den 80ern gab, und auch in einigen älteren Zeichentrickfilmen zu sehen ist. Zuerst war es farbig geplant, aber in schwarz-weiß spart man einiges an Zeit und Geld.

CG: Und dann bist du auf große Foto-Safari gegangen…

CD: Die Fotos sind in Mainz und Saarbrücken entstanden, hauptsächlich sonntagmorgens, weil da kaum Leute unterwegs sind. Man muss da auf ganz schön viele Dinge achten, z.B. auch auf das Wetter. Die Bilder entstanden im Herbst, das hat gut gepasst, denn so konnten die Figuren dann Pullis tragen und mussten nicht in T-Shirts rumlaufen. So war es dann leichter, die Geschlechterrollen der Figuren im Unklaren zu lassen.

CG: Da kommen wir dann gleich später noch drauf zu sprechen, aber bleiben wir noch einen Moment bei der Zeichentechnik. Wie zeichnest du die Figuren?

CD: Ich bin ja absolut kein perfekter Zeichner , ich mache das auch erst seit zwei bis drei Jahren regelmäßig. Nachdem ich die Idee mit den Strichmännchen verworfen hatte, habe ich dann versucht, die Figuren per Grafiktablett direkt am Computer zu zeichnen. Das klappte ganz gut. Ich zeichne also an einem Grafiktablett, in Adobe Illustrator. Der Vorteil daran ist, dass das Vektorgrafiken sind, die später noch gut manipulierbar sind. Man kann sie beliebig größer oder kleiner ziehen.

CG: Kommen wir zum Inhalt von A.K.A. Das – jedenfalls für mich – Besondere an der Geschichte, ist, dass bei den drei Hauptfiguren immer unklar bleibt, welches Geschlecht sie haben. Das fängt ja schon bei den Namen Andy, Kim und Alex an (deren Initialen den Titel deines Comic bilden).

CD: Ja, das sollte ganz bewusst offen bleiben. Das kommt auch ein bisschen von der Strichmännchen-Idee her. Die sehen ja erstmal alle gleich aus, haben aber unterschiedliche Charaktere. Außerdem liebe ich Beziehungskomödien wie Friends und man kann in dieser Richtung viel machen, wenn die Geschlechter nicht eindeutig sind. Als ich von den Strichmännchen weg ging, war das dann nicht einfach, die Zweideutigkeit bei den detaillierteren Zeichnungen zu erhalten. Deshalb mussten die Leute Kindergesichter bekommen, und daher tragen sie auch Pullis. In einem engen T-Shirt kann man das Geschlecht weniger gut verstecken. Vor die Brust habe ich allen dreien einen Strich gezeichnet. Das kann dann jeder für sich interpretieren, ob diese „Alibistriche“ jetzt eine Falte oder weibliche Brüste darstellen.

CG: Mir ging’s beim Lesen so, dass ich auf den ersten Seiten immer zuordnen wollte, ist das jetzt ein Junge oder ein Mädchen. Dann kamen die Namen, und es war immer noch nicht klar, und es bleibt wirklich bis zum Ende total offen, was mir echt gut gefällt.

CD: Das freut mich, dass du das so siehst. Die meisten, mit denen ich drüber gesprochen habe, sagen nämlich: das müssen doch alles Männer sein (außer vielleicht Alex, wegen der langen Haare). Wahrscheinlich rutscht mir da beim Schreiben doch allzu oft die männliche Perspektive durch. Es war jedenfalls durchaus so gedacht, dass das alles ganz offen bleibt.

CG: Viele der neueren deutschen Comics, die ja auch oft Diplomarbeiten waren, sind mehr oder weniger autobiographisch. Ist das bei A.K.A. auch der Fall?

CD: Nein, kann ich so nicht sagen. Natürlich steckt auch da ein Teil von mir selbst drin. Das mit der Dreiecksbeziehung kenne ich z.B. aus dem eigenen Leben, ich habe mal meinem besten Freund die Freundin ausgespannt, was sehr kurz und schmerzvoll war. Diesem besten Freund ist das Buch dann auch fast gewidmet. In einige Szenen und Dialoge sind auch Ideen aus dem eigenen Leben eingeflossen, aber es ist nicht so, dass eine der drei Figuren ich bin.

Ich finde Autobiographisches faszinierend, aber hier hätte das nicht gepasst. Es sollte ja eine witzige Story sein, und mein eigenes Leben ist nicht so lustig.

CG: Was liest du eigentlich selbst für Comics?

CD: Eine Zeit lang war ich sehr vernarrt in Manga, das war noch, bevor der Boom in Deutschland so richtig losging. Ich habe damals viele Manga teuer aus den USA bestellt. Meine Begeisterung hat da aber nach ca. zwei Jahren wieder nachgelassen. Heute gibt es unglaublich viele Manga, darunter ein paar gute und viele schlechte. Das Tolle an Manga ist ja eigentlich die große Vielfalt, aber bei uns stecken die Manga heute selbst in einer Schublade, was die Vielfalt eher reduziert als erweitert. Inzwischen lese ich nicht mehr so viel Manga, aber einer der besten Comics überhaupt ist für mich Nausicaä von Hayao Miyazaki. Auch 20th Century Boys lese ich gerne.

Meine Comic-Favoriten zur Zeit sind Flix, Joscha Sauer, Ralph Ruthe, Calvin & Hobbes, und auch Doonesbury mag ich sehr. Und natürlich Lewis Trondheim, mein absoluter Held. Bei ihm sieht man auch diese „Mir-egal-Mentalität“ im Zeichenstil. Da geht es nicht um anatomische Korrektheit, sondern um gute Geschichten. Überhaupt sind die mutigsten Zeichner oft die besten.

CG: Heute ist der vierte Tag der Frankfurter Buchmesse, wie läuft sie denn bis jetzt für dich?

CD: Das Signieren ist für mich noch etwas sehr neues, ich bin es gar nicht so gewohnt, meine Figuren mit Stift und Papier zu zeichnen. Aber es macht trotzdem Spaß. Außerdem ist es toll, hier Leute zu treffen und sich unterhalten zu können. Allein schon, hier solche Superkräfte des Humors wie Flix oder Joscha Sauer treffen zu können, ist klasse.

CG: Und wie geht’s nach der Messe weiter für dich?

CD: Gleich nächste Woche ziehe ich um – nach Paris. Dort werde ich als Kundenbetreuer bei Vivendi Universal Games arbeiten. Und natürlich will ich auch weiterhin Comics machen. Pandimaniacs soll auf jeden Fall weitergehen. Eine Fortsetzung von A.K.A. ist auch möglich. Es war zwar nie als Fortsetzungsgeschichte geplant, aber falls es ein Erfolg wird, möchte der Verlag gerne einen zweiten Teil machen. Das Thema der Geschlechterrollen wird da sicher wieder vorkommen. Zum Besipiel mit ganz überspitzten Männlichkeits- oder Weiblichkeitsklischees oder mit Verwandlungen der Figuren. Also Ideen und Konzepte sind  vorhanden. Beim nächsten längeren Comic will ich aber auf jeden Fall zuerst das Manuskript, eine fertige Geschichte und ein ausführliches Storyboard machen, bevor es an die Zeichnungen geht.

CG: Chris, ich bedanke mich herzlich für das Gespräch, wünsche viel Erfolg mit A.K.A. und einen guten Start in Paris.

A.K.A. – Überrraschung!
Epsilon Grafix
Text und Zeichnungen: Chris Deutsch
70 Seiten, s/w, Softcover; 7,50 Euro

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Website von Chris Deutsch

A.K.A. beim Epsilon Verlag 

Pandimaniacs