Frisch aus der Druckerei

Frisch aus der Druckerei: November 2010

HIGHLIGHT DES MONATS

In der Reihe Le Spirou de… wird wechselnden Autoren und Zeichnern eine Plattform gegeben, auf der sie ihre eigenen, ganz persönlichen Spirou und Fantasio-Geschichten erzählen können, die dann auch mal von der etablierten Seriennorm abweichen dürfen. Unter diesem Label gab es zuletzt die zur Nazizeit spielende Geschichte „Operation Fledermaus“ von Schwartz und Yann sowie das großartige „Porträt eines Helden als junger Tor“ von Emile Bravo. Nun widmet sich Tausendsassa Lewis Trondheim dem berühmten Comicduo und schickt es auf einen Luxusdampfer. Die Zeichnungen kommen von Fabrice Parme, der mit Trondheim zusammen schon den Roi Catastrophe gemacht hat. In Deutschland veröffentlicht Carlsen das Album als elften Band der Reihe Spirou & Fantasio Spezial: Panik im Atlantik. Hier gibt es eine französische Leseprobe, außerdem produzierte der Dupuis-Verlag diesen hübschen Trailer:

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EIGENPRODUKTIONEN

Der November brachte keine großen, im Feuilleton oder Kulturfernsehen präsentierten Comicromane aus Deutschland, stattdessen gab es einen Germanga und einige überraschende Neuerscheinungen aus kleinen und kleinsten Verlagen:

EMA präsentiert den ersten langen Manga der in Duisburg lebenden Zeichnerin Christina Bäumerich: Snow Flake ist eine romantische Boys-Love-Geschichte, die an Weihnachten spielt. Dazu hat der Verlag eine Spezialseite gebaut, die neben einer Leseprobe und einem Gewinnspiel auch einen Videotrailer enthält.

Der Oberhausener Zeichner Steff Murschetz betreibt seit ein paar Monaten die Plattform undergroundcomix.de, die dem Geist der alten Fanzines huldigt, Nachwuchstalenten ein Forum bietet und Zeichenkurse als Videos bereitstellt. Dort entstand als Gemeinschaftsprojekt die dicke Anthologie Weihnachts Horror Comix, die auf 400 Seiten zahlreiche Kurzgeschichten verschiedener Künstler enthält. Auf der PPM-Website gibt es ein ausführliches Interview mit Steff Murschetz zu diesem Projekt und eine Leseprobe. Für Comicgate hat Jons Marek Schiemann den Band besprochen.

Hauptmann Veit heißt ein historischer Abenteuercomic, den der Zeichner Lutz Nosofsky alias Nofi im Eigenverlag herausgibt. Die Geschichte spielt zur Reformationszeit in Deutschland und orientiert sich an historischen Fakten. Ausführliche Infos und Probeseiten zu diesem Projekt, das auf zehn bis zwölf Bände angelegt ist, stehen unter hauptmann-veit.de.

Karl Nagel, Punk-Urgestein und Gründer der Alligator Farm, hatte sich nach seinem Projekt Die oder wir! erstmal von den Comics verabschiedet und widmet sich inzwischen vor allem der Musik. Mit seiner Band Kein Hass da spielt er Coverversionen der Hardcore- und Reggae-Band Bad Brains mit deutschen Texten. Begleitend zum ersten Album Hirntrafo erschien bei der Alligator Farm ein gleichnamiges Album. Darin setzen diverse Zeichner, darunter Vincent Burmeister, Till Felix und Nagel selbst, die Songtexte in Form von Comics oder grafischen Collagen um. Infos und Kostproben unter keinhassda.de.

Der Bonner Zeichner Björn Hammel zeichnet seit 2006 den Comicstrip Kater + Köpcke, der online auf seiner eigenen Seite und auf kultur-in-bonn.de zu sehen ist. Nun gibt es einen ersten Sammelband mit 56 Strips zu kaufen, dessen Vorwort von keinem geringeren als Nicolas Mahler stammt.

Noch ein Nachtrag zu einer Veröffentlichung, die schon seit September auf dem Markt ist: 27 österreichische Comiczeichner aus dem Umfeld von Walter Fröhlichs Kriminal Journal haben ein Comic-Kochbuch zusammengestellt. Unter dem Titel Essen wie im Häfn stellen die Zeichner ihre Lieblingskochrezepte vor und zeichnen einen Comic dazu. Das Buch erschien im Wiener Milena Verlag, der mit dem schönen Slogan „Heftige Bücher für heftige Menschen“ wirbt. Einige Probeseiten sind hier zu sehen.

AUS FRANKREICH UND BELGIEN

Gut ein Jahr nach dem Kleinen Rockbuch erscheint bei Carlsen eine weiteres Stück grafischer Musik-Geschichtsschreibung aus der Feder von Hervé Bourhis. Diesmal widmet er sich nicht der kompletten Rockmusik-Geschichte, sondern konzentriert sich auf jene Band, die diese wie kaum eine andere geprägt und mitbestimmt hat. Das kleine Beatles-Buch folgt dem gleichen Prinzip wie der Vorgänger, wie man in der französischen Leseprobe sehen kann: keine geschlossene biografische Erzählung, stattdessen ein eher lockeres Nebeneinanderstellen von Bildern, Fakten und Anekdoten.

Der Szenarist Éric Corbeyran begegnet dem Comicleser zur Zeit recht häufig, und zwar in recht verschiedenen Kontexten: Er adaptierte Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung und steuerte einen Band zum XIII-Spin-Off XIII Mystery bei (frisch bei Carlsen erschienen). Beim Splitter Verlag startete nun seine neue Science-Fiction-Reihe Metronom, die in einem totalitären Zukunftsstaat spielt. Die ausführliche Leseprobe steht hier.

Arctica heißt die neue Serie von Daniel Pecqueur (Golden City), die bei Bunte Dimensionen herauskommt und ein Genremix aus Fliegercomic, Science-Fiction und Mystery zu sein scheint (Leseprobe).

Bei Salleck Publications gab es zwei Serien-Neustarts im November: Malgré nous – Gegen unseren Willen beschäftigt sich mit der deutsch-französischen Geschichte: Der Comic spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs im Elsass, sein Titel bezieht sich auf die Bezeichnung für Elsässer und Lothringer, die gegen ihren Willen in die deutsche Wehrmacht eingezogen wurden. Eine Probeseite auf Französisch ist hier zu sehen.

Ganz anders gelagert ist die Reihe Margots Reportagen. Hier stehen Oldtimer im Mittelpunkt, im ersten Band geht es um „Das Geheimnis des 22 CV“, besser bekannt als Citroën Traction Avant. Protagonistin Margot ist die Sekretärin einer Autozeitschrift in den 50er Jahren, es geht also bewusst klassisch und nostalgisch zu, wie man auch auf den französischen Vorschauseiten sehen kann.

Die Zack Edition bringt eine vierteilige Albenreihe des Italieniers Stafano Casini, die im Kuba der 50er Jahre, also in der Zeit vor der von Fidel Castro angeführten Revolution, spielt: Hasta la Victoria. Der Zeichner hat dazu eine schicke Website gebaut.

Nach den voluminösen Gesamtausgaben von John Difool bringt Ehapa nun auch Alexandro Jodorowskys Fortsetzung Die Techno-Väter in einem dicken und überformatigen Prachtband auf den Markt, der alle acht Alben enthält, die in Deutschland erstmals zwischen 1999 und 2007 erschienen. Hier eine Leseprobe als PDF.

Mit seiner ziemlich expliziten Science-Fiction-Erotik-Saga Morbus Gravis ist der Italiener Paolo Serpieri in den 80er und 90er Jahren berühmt geworden. Schreiber & Leser veröffentlicht nun eine Neuausgabe als Serpieri Collection: Druuna, bei der jeweils ein Band zwei Originalalben enthält. Hier eine jugendfreie Leseprobe.

AUS DEN USA

Die Comicveteranen Ernie Colon und Sid Jacobson, die vor ein paar Jahren den 11. September 2001 in einem dokumentarischen Comic aufbereitet haben, legen bei Carlsen Anne Frank – Eine grafische Biografie vor. Der Comic entstand in enger Abstimmung mit dem Anne Frank Haus in Amsterdam und ist keine Comicversion der berühmten Tagebücher, sondern will die komplette Lebensgeschichte der Anne Frank von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod erzählen. Auf den ersten Blick (hier zwei Vorschauseiten) wirkt das etwas arg steif und didaktisch, richtet sich aber auch eher an Leute, die sonst kaum Comics lesen.

Vor 16 Jahren, als Alt-Hardrocker Alice Cooper noch keine Golfbücher schrieb und noch nicht mit Bill Kaulitz in Werbespots für Elektro-Supermärkte auftrat, war er möglicherweise noch cool. Er veröffentlichte damals das Konzeptalbum The Last Temptation, das von einem kleinen Jungen handelt, der vom Direktor eines fahrenden Theaters zum Mitreisen eingeladen wird. Gleichzeitig erschien bei Marvel eine begleitende Miniserie, die den Plot als Comic erzählt. Der Comic wäre heute vermutlich vergessen, wäre er nicht von Neil Gaiman geschrieben worden. Panini bringt den Comic, der damals auch schonmal auf Deutsch bei Feest erschien, im Rahmen der „Neil Gaiman Bibliothek“ als Hardcover unter dem Titel Alice Cooper – Die letzte Versuchung neu heraus (15 Seiten Leseprobe bei myComics).

Leah Moore, Tochter von Alan Moore, versucht gemeinsam mit ihrem Ehemann John Reppion in die übergroßen Fußstapfen ihres Vaters zu treten und schreibt Comicszenarien. Eines davon ist die Adaption von Bram Stokers Horrorklassiker Dracula, gezeichnet von Colton Worley, die nun bei Panini auf Deutsch erscheint und sich wohl sehr eng an die berühmte Vorlage anlehnt. Eine umfangreiche Leseprobe ist bei myComics verfügbar.

Bereits auf zweimal auf Comicgate besprochen (hier und hier) wurde FreakAngels, die Webcomic-Serie von Warren Ellis und Paul Duffield, die sich um eine Gruppe von sonderbegabten Jugendlichen dreht und in London nach einer großen Flut spielt. Auf myComics gibt es die deutsche Fassung des Webcomics – wer lieber gedruckt liest, findet nun einen ersten Sammelband bei Panini.

Beim DC-Label Vertigo erscheinen nicht mehr die ganz großen Bestseller wie Preacher, Sandman oder Transmetropolitan, aber immer noch eine ganze Menge sehr gute Serien jenseits der Superheldenschiene. Leider wissen zu wenig Leser davon, weshalb man in den USA mit Vertigo First Cut und Vertigo First Taste zwei Schnupperbücher produzierte, die für nur 5 Dollar eine Auswahl von #1-Ausgaben diverser Vertigo-Serien nachdruckte. Panini vereint nun eine Auswahl aus diesen zwei Büchern zum Großen Vertigo-Buch. Für 9,99 Euro kann man in zehn verschiedene Serien reinschnuppern, u.a. Fables, 100 Bullets, Y – The Last Man und DMZ. Wer sich schon immer mal in diese Ecke der Comicwelt wagen wollte, aber nie wusste, wo er anfangen soll, liegt hier genau richtig.

Nicht in diesem Band enthalten ist eine der jüngeren Vertigo-Reihen, die in den USA seit März 2010 läuft: American Vampire von Scott Snyder und Rafael Albuquerque mixt Western- mit Vampir-Motiven und glänzt mit einem prominenten Namen auf den Covern, denn Superstar Stephen King hat eine Zweitgeschichte zu den ersten fünf Heften der Serie beigesteuert (hier unsere Rezension zur amerikanischen #1-Ausgabe). Jene fünf Hefte gibt es nun als Sammelband bei Panini (myComics-Leseprobe).

Es gibt wohl kaum eine Storyline, die unter langjährigen Spider-Man-Fans für mehr Aufruhr gesorgt hat als die sogenannte Klon-Saga, die in den 90er Jahren über mehrere Jahre lief, zunächst sehr populär war, später aber im Chaos endete. Das ganze Drama lässt sich in der Wikipedia nachlesen. Während in der laufenden Spider-Man-Serie diese Story längst vergessen und überholt ist, durften Howard Mackie und Tom DeFalco, die damals beteiligt waren, im Rahmen einer Miniserie die Klon-Saga noch einmal erzählen, in einer komprimierten, aufgeräumten Version, so wie es angeblich ursrpünglich geplant war. Diesen „Writer’s Cut“ gibt es nun auch auf Deutsch in 100% Marvel 52: Spider-Man – Die wahre Klon-Saga (myComics-Leseprobe).

Das vorläufig letzte große Marvel-Event, das sich über das ganze Superhelden-Universum des Verlags erstreckt, erschien Anfang des Jahres in den USA und kommt nun auch zu uns. In The Siege – Die Belagerung macht sich Norman Osborn, der seit Dark Reign der mächtigste Mann im Marvel-Universum ist, an die Götterstadt Asgard heran. Das Crossover zieht sich durch diverse Marvel-Serien, die Kernserie von Brian Bendis und Olivier Coipel erscheint bei Panini in Form von vier Prestige-Heften. Der Großteil der ersten Ausgabe ist bei myComics verfügbar.

Ein Superheldenklassiker, auf Deutsch erstmals 1999/2000 bei Ehapa erschienen, wird bei Panini noch einmal neu in einem dicken Sammelband aufgelegt: Batman: Das lange Halloween von Jeph Loeb und Tim Sale führt Batman in 13 Teilen mit seinen bekanntesten Kontrahenten zusammen und eignet sich hervorragend für Einsteiger, die den Dunklen Ritter und seine Schurken kennenlernen möchten. Tim Sales spezieller Strich und die Struktur der Geschichte machen Das lange Halloween auch heute noch zu einem besonderen Comic, der aus der Masse der Superheldenware deutlich hervorsticht. Bei myComics gibt’s die ersten 13 Seiten zu lesen.

Dass der kleine Graphic-Novel-Boom auch zu recht kuriosen Ergebnissen führen kann, zeigt das folgende Beispiel: Der Ansata Verlag, in der Random-House-Gruppe zuständig für „Offene Spiritualität und esoterisches Lebenswissen“ bringt eine „Graphic Novel“ namens Der friedvolle Krieger. Die basiert auf einem gleichnamigen Bestseller von Dan Millman, einem Sportler, der durch Yoga und Kampfkunst zur Erleuchtung fand und dies nun in Vorträgen, Büchern und Motivationskursen an die zahlungswillige Kundschaft weitergibt. Eine Leseprobe der amerikanischen Originalfassung ist bei Amazon zu sehen.

AUS ASIEN

EMA bringt mit Abara einen Zweiteiler von Tsutomu Nihei, der schon mit Blame! und Biomega sehr erfolgreich war. Düstere Science-Fiction mit Horrorelementen, transportiert durch sehr detailreiche Zeichnungen. Hier eine Leseprobe als PDF.

magatsuhi.com heißt ein dreiteiliger Horrormanga von Issei Mori und Soda Inui (ebenfalls bei EMA), dessen Plot ein wenig an die Final Destination-Filme erinnert: Eine Website prophezeit Todesfälle und ein Schüler versucht sie zu verhindern. Die namensgebende Website existiert übrigens wirklich, enthält aber nur das kryptische Bild eines Amuletts und sonst nichts.

Vom durchgeknallten Shonen-Manga Reborn!, in dem ein Nachwuchs-Mafioso von einem zwergwüchsigen Auftragskiller zum Mafiapaten ausgebildet werden soll, sind bei Tokyopop mittlerweile 19 Bände erschienen. Um Neueinsteiger nicht ganz abzuhängen, gibt es jetzt die ersten fünf Bände in einem Reborn! Starter Kit zum Sonderpreis von 24,95 Euro (Leseprobe).

Die auf Motiven aus Lewis Carrolls aufbauende Serie Wonderful Wonder World ist noch nicht ganz abgeschlossen, da legt Tokyopop bereits den ersten Band der Nachfolgereihe vor: Wonderful Wonder World – The Country Of Clubs wird wieder vom Autor QuinRose geschrieben, aber von einem anderen Zeichner, Mamenosuke Fujimaru, umgesetzt.

SEKUNDÄRLITERATUR

Das Comic! Jahrbuch des Interessenverbands Comic (ICOM), herausgegeben von Burkhard Ihme, gehört seit vielen Jahren zu den festen Institutionen in der hiesigen Comiclandschaft, in der es nur sehr wenig regelmäßig publizierte Sekundärliteratur zu Comic gibt. Zum inzwischen elften Mal bietet das Jahrbuch wieder einen interessanten Mix aus Artikeln, Marktberichten und Interviews, zu einem mehr als günstigen Preis. Thematischer Schwerpunkt (aber nicht alleiniges Thema) der neuen Ausgabe ist der Kindercomic. Das komplette Inhaltsverzeichnis und Leseproben zu jedem Artikel gibt es hier.

Auch das Jahrbuch Deutsche Comicforschung, das Herausgeber Eckart Sackmann bei seinem Verlag Comicplus+ veröffentlicht, ist inzwischen eine Institution – die Ausgabe 2011 ist bereits der siebte Band, der sich mit der deutschen Comichistorie beschäftigt, und zwar, laut Selbstauskunft, „wissenschaftlich akribisch und trotzdem lesbar“. Auf comicforschung.de findet man einen Überblick über den Inhalt und Musterseiten zu einigen Artikeln.

Nostalgisch wird es in der Festschrift INCOS – Eine Zeitreise, die zum 40. Jubiläum des eingetragenen Vereins INCOS (Interessengemeinschaft Comic-Strip) erscheint und auf dessen Geschichte zurückblickt. Die INCOS war wohl der erste organisierte Verbund deutscher Comicfans und damit ein Urgestein dessen, was man heute die Comicszene nennt. Einen Einblick in das Buch gibt es auf der Vereinshomepage, deren Design grob geschätzt ebenfalls aus dem Jahr 1970 stammt.