Der Kri-Ticker

Der Kri-Ticker #68

 Auch die 68. Ausgabe unserer Rubrik mit Kurzbesprechungen ist wieder eine wilde Mischung: 15 Comics stellen wir vor – neue und nicht so neue, bunte und schwarzweiße, Indie und Mainstream, deutsche und amerikanische, französische und niederländische, tolle und nicht ganz so tolle.

Diesmal mit dabei: Fernanda's Fabulous Life, Comicspaß mit Wallace & Gromit 1, Rampokan 1, Unheimlich Asiatisch 1, Daredevil 1: Der Teufel in Zellenblock D, Panel 27, Ballroom Blitz, Den Herrn Schnabulak sein kleiner Ratgeber für den Weltuntergang, The Red Star 3, Sandman 4, Action Sorgenkind, Desmodus der Vampir und die Hundeschutzgesellschaft, Monsterjägerin Conny van Ehlsing 1, Pjöngjang und Der Hartmut kennd sich auß.

Besprochen von Christopher Bünte (cb), Benjamin Vogt (bv) und Thomas Kögel (tk).



FERNANDA'S FABULOUS LIFE
Edition 52
 Jule K. ist sicherlich eine der Künstlerinnen, mit der nicht jeder Leser direkt etwas anzufangen weiß. Ihr spezieller Stil des Comiczeichnens und -erzählens ist mit keiner artverwandten Herangehensweise zu vergleichen. Ein Comic von Jule K., das bedeutet viel Kitsch, Pop-Art, Punk, bewusste Naivität. Sie unterlegt ihre Geschichten mit einem ironischen Unterton, und da, siehe ihr jüngstes Werk Fernanda's Fabulous Life, sie so lebensnah gestaltet sind, muss man dahinter stets einen kleinen Seitenhieb auf das soziale Zusammenleben und der gesellschaftlichen Struktur vermuten. Der neue Comicband handelt von einer Künstlerin, die es dank eines Stipendiums aufs Land verschlägt, wo sie Freundschaft, Liebe, Sex und Kunst aus neuen Blickwinkeln erlebt und lernt, gegen Hindernisse anzukämpfen. Die Erzählung um Fernanda ist, bei aller realer Grundidee, natürlich völlig hanebüchen, deshalb ist sie aber auch umso mehr mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Hölzerne Klischeedialoge, die direkt einer Bravo-Foto-Lovestory entsprungen sein könnten, transportieren ein überbordendes Pop-Art-Feeling, das sich weiterhin in den simplen, symbolreichen Zeichnungen fortsetzt. Ob man das nun gut findet oder nicht, auch der neue Band von Jule K. setzt ihren Stil konsequent fort. Und hinter der sehr einfach gestrickten Fassade verbirgt sich so manche Ironie und Einzigartigkeit., die man eben als solche akzeptieren muss, um diese Art Comics zu mögen. bv 

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COMICSPASS MIT WALLACE & GROMIT 1
Cross Cult
 Es gibt Comics, die braucht kein Mensch. Und genau zu diesem Fazit muss man gelangen, wenn man sich das erste Album der Comicversion von Wallace & Gromit zu Gemüte führt. Der Hobby-Erfinder Wallace und sein Hund Gromit sind ursprünglich im Trickfilm beheimatet, wo sie seit Ende der 80er aufgrund ihrer tollen Knetmännchen-Optik und ihres einzigartigen Humors zum Kult avancierten.  Jetzt hat Cross Cult also eine Reihe gestartet, die dem bekannten Trickfilmpaar gewidmet ist. Aber leider kann die Comicadaption von Ian Rimmer und Brian Williamson an keiner Stelle der Vorlage gerecht werden. Die Geschichte um die Manipulation eines Fußballspiels lässt jeglichen Charme vermissen, der die Charaktere ursprünglich ausmachte, die als witzig gedachten Szenen ringen einem wohl nur schwer ein müdes Lächeln ab und auch die Zeichnungen sind so schlicht gehalten, dass man sich fragt, warum so ein unterdurchschnittlicher Comic, der überhaupt nur veröffentlicht wird, weil er auf einem in einem anderen Medium funktionierenden Konzept beruht, in einen Hardcovereinband gepresst wird.  Natürlich muss man bedenken, dass hier vor allem Kinder angesprochen werden sollen, was man inhaltlich und grafisch auch sofort bemerkt, aber sorry, welches Kind sollte dieser vermeintliche „Comicspaß“ hinter dem Ofen hervorlocken? bv

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RAMPOKAN 1: JAVA
Avant-Verlag
 Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges dauert der Konflikt über Niederländisch-Ostindien weiter an. Während Nationalisten auf eine souveräne Republik drängen, bestehen die niederländischen Kolonisten weiterhin auf ihre Stellung als Machthaber. 1946 werden niederländische Soldaten ins Gebiet geschickt, um Kontrolle auszuüben und die Interessen ihres Heimatlandes zu gewährleisten. Einer von ihnen ist Johan Knevel, der nach fünfjährigem Studium ins sein Geburtsland zurückkehrt.
Rampokan ist ein historischer Comicroman, dessen Entstehung sich über sieben Jahre zog. Der erste Teil „Java“, der jetzt in deutscher Sprache vorliegt, ist eine beeindruckende und tiefgreifende Erzählung, die vor einem zuvor nur selten behandelten Szenario spielt. Mit Hilfe des Hauptakteurs wird die Zerrissenheit, der Argwohn der Bevölkerung von Niederländisch-Ostindien deutlich, wodurch der stets präsente Konflikt erkennbar wird. Peter van Dongens Werk ist historisch gut recherchiert, seine Zeichnungen kommen mit weißer und brauner Farbe aus und erinnern stark an den Ligne-Claire-Stil eines Hergé. Insgesamt beeindruckend, da hat sich die lange Entwicklungszeit gelohnt. bv 

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UNHEIMLICH ASIATISCH 1
Lovecrafts/Edition 52
 Mit Unheimlich – Lovecraftian Horror haben Alex Fechner und Miguel Riveros eine Heftreihe mit Horrorkurzgeschichten gestartet. Neben dieser Reihe gibt es nun auch noch eine Art Spin-Off: Unter dem Titel Unheimlich Asiatisch gibt es Kurzcomics, die im weitesten Sinne im Mangastil gezeichnet sind. Den Auftakt macht ein knackiger Sechsseiter von Andreas Völlinger und David Füleki, bei dem sich der Horror zum Schluss in einer Comedypointe bricht. In der Heftmitte gibt es ein paar vernachlässigenswerte Pin-Ups, ehe sich dann unvermittelt die Leserichtung ändert. Beim Durchblättern landet man plötzlich auf der letzten Seite der Geschichte von Fahr Sindram, die in japanischer Leserichtung gezeichnet ist. Wobei diese Story rückwärts gelesen auch nicht viel verwirrender wäre als andersherum. Das recht chaotische Abenteuer zweier verrückter Monsterjäger ist zwar nicht besonders gruselig, aber sehr schön anzusehen. Denn zeichnerisch punktet Fahr Sindram mit viel Dynamik und einer großen Liebe zum Detail. Klares Highlight des Heftes ist ein Beitrag, der nicht besonders „mangaesk“ daherkommt. Er stammt vom Hamburger Künstler -TeER- und heißt „Rückkehr der Hirnwürmer“. Grandios in einem ganz eigenständigen Stil gezeichnet, surreal und verstörend, düster und unbehaglich. Schade nur, dass ausgerechnet dieser Beitrag von einer unschönen Werbeseite unterbrochen wird. Gesamteindruck: Solide, mit Luft nach oben. Der günstige Verkaufspreis von 4 Euro lohnt sich aber allein schon für den Comic von -TeER-. tk

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DAREDEVIL 1: DER TEUFEL IN ZELLENBLOCK D
Panini Comics / Marvel Deutschland
 So unterhaltsam und gut erzählt muss Superheldenstoff sein. Mit einer neu gestarteten Paperback-Reihe setzt Panini die reguläre US-Serie  Daredevil nahtlos fort (die zuvor in „Marvel Exklusiv“ ihren Platz fand), und markiert damit auch die Übernahme durch das neue Kreativteam Ed Brubaker und Michael Lark. Die beiden setzen direkt am Status Quo an, den Brian Bendis und Alex Maleev die Jahre zuvor kongenial aufgebaut hatten, d.h. Matt Murdock (alias Daredevil) sitzt im Gefängnis und muss zusehen wie sein Leben Stück für Stück zerstört wird. Selten war Daredevil spannender als in diesem Band, wobei die Qualität und die Atmosphäre der Serie, die ohnehin unter Bendis und Maleev schon sehr beeindruckend waren, beinahe noch getoppt wird. Brubaker und Lark liefern einen äußerst guten Einstand ab mit diesem Mehrteiler. Gerade wegen der Neunummerierung der deutschen Ausgabe ist dieser Band recht einsteigerfreundlich, jedoch sollte man unbedingt auch die vorherige Entwicklung nachlesen. Es wird sich auf jeden Fall lohnen. bv 

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PANEL 27
Edition Panel
 Das Bremer Comicmagazin Panel- Ambixious Comix ist einfach nicht totzukriegen, und das ist auch gut so. Nächstes Jahr feiert es sogar sein 20jähriges Bestehen. Die aktuelle Ausgabe 27 vereint wie gewohnt diverse Stilrichtungen, wobei altbekannte Gesichter (z.B. Rauti, Calle Claus, Elke Steiner) und neue Talente wie Johannes Kalden und Derek Roczen sich abwechseln. Ohnehin ist Kaldens surrealer Einstand einer der für mich gelungensten Beiträge, der nur noch von Georg von Westphalens Schluss „Der Affe Gottes“ (ein Affe philosophiert über die Entstehung der Menschheit) übertroffen wird. Aufgrund der Vielfalt der vertretenen Künstler dürfte aber wieder für jeden was dabei sein. Die Extraseiten mit den Comicstrips, sowie die Rezensionsabteilung muss man auch nicht vermissen, was wohltuende Unterbrechung verschafft. So darf Panel auch gerne noch 20 Jahre weiter machen. bv

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BALLROOM BLITZ
Schwarzer Turm
 Die Anthologien, die beim Manga-Label des Verlags Schwarzer Turm erscheinen, sind eigentlich immer einen Blick wert, findet man dort doch stets eine sehr kreative Mischung unterschiedlichster Stile, die man im weitesten Sinne als Independent-Manga bezeichnen könnte und deutlich mehr bieten als stumpfes Imitieren der gängigen japanischen Mainstream-Stilistiken. Noch einen Tick mehr Indie als die übrigen Turm-Anthologien ist Ballroom Blitz, mit dem Herausgeberin Carolin Walch „endlich mal gute deutsche Manga gebündelt in einem Buch herausbringen“ wollte. Das übergreifende Thema der Sammlung ist Musik, und jeder der neun Beiträge beschäftigt sich auf seine ganz eigene Weise damit. Julian Czerwinka zum Beispiel erzählt eine melancholische Geschichte rund um ein „Mixtape“, und wie ein Mixtape fühlt sich Ballroom Blitz auch an. Ein Mixtape, das von Rock über Punk bis zu Electronica eine breite Palette von Sounds enthält, aber auf glatten Radio-Mainstream-Pop verzichtet. Wer die Beatles mag, kommt gleich zweimal auf seine Kosten: In Nadia Enis' „One Night in Hamburg“, einer schönen Hommage an die größte Popband aller Zeiten und in dem Beitrag „No Love Lost“ von Romina Walch – einer Teenie-Romanze, in einem Stil gezeichnet, der ein bisschen an Klaus Voormanns LP-Cover zu „Revolver“ erinnert. Gleich mehrere der beteiligten KünstlerInnen nennen in ihren Anmerkungen Bryan Lee O'Malley und seinen großartigen Comic Scott Pilgrim als Vorbild – was sich in ihren Beiträgen auch niederschlägt. Das Buch hat aber auch Platz für surreale Experimental-Grafik von Jean Beißel (die auch das Cover gestaltet hat) und für einen Gastbeitrag von Mawil, der sich unter dem genialen Pseudonym „Wilma“ erstmals an einer Geschichte in japanischer Leserichtung versucht. Die Beiträge sind so verschieden, dass niemand alle lieben wird. Doch aufgeschlossene Leser werden auf dieser Tour durch den deutschen Manga-Underground mit Sicherheit die eine oder andere Perle finden. tk

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DEN HERRN SCHNABULAK SEIN KLEINER RATGEBER FÜR DEN WELTUNTERGANG
Schnabuladenfabrik
 Herr Schnabulak betritt den Saal und begrüßt sein Publikum. Thema der heutigen Sitzung: Grundlagenforschung am gesprochenen Wort. Linguistische Litanei? Wie langweilig… Ein Stöhnen geht durch die Reihen, ein großer Irrtum, wie sich bald herausstellen wird. Wir erinnern uns: „Humor ist eine sehr ernste Angelegenheit.“ (Loriot) Das weiß auch Herr Schnabulak, der gesichtlose Herr mit dem rotem Zylinder, der schon in verschiedenen Zeitschriften sein Unwesen trieb und jetzt gebündelt als Büchlein im Eigenverlag des Autors Denis Metz erschien. Die Abenteuer des Herrn Schnabulak ereignen sich jeweils auf einer Seite, manchmal in einem, manchmal in mehreren Panels. Sie sind gleichermaßen skurril und phantastisch, oft kaum mehr als fein illustrierte, gut überlegte Wortwitze. Da wird das Internet zum Zwischennetz, da hilft der Hirnlappen beim Kloputz, und Zebras fordern Bürgerstreifen. Langweilige Lektüre? Mitnichten. Herr Schnabulak liegt ein Stück abseits des Weges, ignoriert Konventionen und spielt herum. Er ist Jux und Dollerei, ein erfrischender und angenehm leichter Lesespaß. cb

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THE RED STAR 3: GEFÄNGNIS DER SEELEN
Cross Cult
 Was sich in den ersten beiden Bänden anbahnte, findet im dritten Album sein Ende. Wir kennen den Krieg, wir kennen die Akteure, der Weg ist also bereitet für das Finale des ersten Red Star-Zyklus. Es geht um einen epischen Konflikt zwischen den futuristischen Truppen einer sowjet-affinen Zivilisation und Diktator Imbohl, der eine östliche Wüstenarmee befehligt. Maya Antares macht sich als Befehlshaberin des Raumschiffes R.S.S. Konstantinow auf den Weg ins Reich der Toten, wo sich die Seelen der Gefallenen versammelt vorfinden, darunter auch die ihres Ehemannes Marcus.
The Red Star ist und bleibt großes, pathetisches Kino, das in in aufwendiger 3D-Optik daherkommt. Die teils computergenerierte Optik passt einfach zum hoch technisierten Luftkampf, der in Band 3 breit dargelegt wird. Neben Schlachtszenen läuft eine Art Parallelhandlung ab, in der es um Liebe, Ehre und Loyalität geht. Bereits etablierte Charaktere machen diese Fortsetzung (und gleichzeitiges Ende des ersten Zyklus) gefühlsnaher und verständlicher für den Leser, aber machen die Handlung nicht zwingend einfacher. Christian Gossetts Werk ist innovativ und komplex, mit viel Krieg und High-Tech versetzt bleibt die Serie aber weiterhin speziell und dürfte nicht jedermanns Geschmack treffen. Wer sich bisher die Mühe macht, sich näher mit The Red Star zu beschäftigen, dem wird auch das (vorläufige) Abschlussbuch gefallen. bv

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SANDMAN 4: DIE ZEIT DES NEBELS
Panini Comics
 Mit dem Sandman schuf Neil Gaiman einen Meilenstein der Comic-Literatur. Die gesamte Geschichte ist eine Collage aus unzähligen Mythen und Märchen, in deren Mittelpunkt Morpheus steht, der Herrscher über das Traumreich. Immer wieder gibt es Zeit- und Dimensionssprünge. Der gesamte Plot erstreckt sich über etliche Jahrtausende. Sandman ist groß, unterhaltsam und anspruchsvoll. Der Einstieg fällt nicht gerade leicht. So ist es auch mit „Die Zeit des Nebels“, dem vierten Sandman-Band der Panini-Neuedition. Unzählige Fäden laufen zusammen und trennen sich wieder. Der Leser muss viel herumtasten und versteht nur einen Teil, während ihm ein anderer spürbar verborgen bleibt. Trotz des Metaplots bleibt ein Handlungsgerüst bestehen. Im Zentrum steht Luzifers Entschluss, die Hölle zu schließen. Im wahrsten Sinne des Wortes: Der Höllenfürst geht herum und schließt mit einem Knochenschlüssel alle Ein- und Ausgänge ab. Vorher hat er jedoch die Dämonen und Verdammten rausgeworfen. Die sollen sehen, wo sie bleiben. Der Teufel hat keine Lust mehr auf seinen Job. Die Hölle ist leer, und Luzifer macht Morpheus den Knochenschlüssel zum Geschenk. Ein hämisches Grinsen kann er sich dabei nicht verkneifen. Denn dieses Geschenk ist ein Fluch. Schon kurze Zeit später laufen im Schloss von Morpheus immer mehr Gruppen auf, die ihren Anspruch auf die Hölle durchsetzen wollen. Wer noch nicht mit dem Sandman in Berührung gekommen ist, wird mit diesem Band zwei Erfahrungen machen, die charakteristisch für die gesamte Serie sind. Erstens wird er nicht sofort jede Handlung und Figur einordnen können. Nach dem Lesen bleibt ein Gefühl zurück, als wären kleine Lücken in der Geschichte geblieben, die anderswo gefüllt werden. Zweitens wird er den unglaublichen Sog spüren, der dem Sandman anhaftet. „Die Zeit des Nebels“ ist Teil eines großen, vielschichtigen Ganzen, das sich erst nach und nach vollständig entfaltet. Wer am Ende eines Buches gerne alle offenen Fragen geklärt haben möchte, ist mit Sandman schlecht beraten. Urlaubslektüre ist das nicht. Wer aber groß angelegte Fantasy-Epen mag, wird um den Sandman nicht herumkommen. Für solche Leser ist „Die Zeit des Nebels“ genau der richtige Einstieg. Denn hier tauchen alle Figuren auf, die später eine Rolle im Sandman-Universum spielen werden. Irgendwann einmal, in einem anderen Band. cb

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ACTION SORGENKIND
Reprodukt
 Mawil hat sich inzwischen als eine der festen Größen der deutschen Comicszene etabliert und seinen eigenen, typischen Zeichen- und Erzählstil perfektioniert. In der Geschichtensammlung Action Sorgenkind zeigt er, dass er verschiedenste Formate beherrscht: Farbig und schwarzweiß, wortlos und wortreich, vom Onepager bis zur langen,ausführlichen Geschichte. Im Mittelpunkt steht das autobiographische Erzählen von kleinen Alltagsepisoden, meistens selbstironisch und witzig, aber immer von großer Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Bei einer der enthaltenen Stories arbeitet Mawil mit einem Texter zusammen, dem Berliner Autor Jochen Schmidt (Meine wichtigsten Körperfunktionen). Dieser schlägt einen ähnlichen, ebenfalls autobiographischen Ton an wie Mawil, die Paarung passt also perfekt. Doch Mawil ist auch selbst ein guter Autor; er versteht es, die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens greifbar zu machen und Emotionen aufs Papier zu bringen. Die Sätze, die er seine Figuren sagen lässt, fühlen sich so an, wie die Leute tatsächlich reden. Eine Kunst, die in Comics weiß Gott nicht alltäglich ist.
Die Geschichten, die teilweise schon in Magazinen oder online veröffentlicht wurden, zum Teil aber auch exklusiv für diesen Band entstanden, erzählen von frühen Graffiti-Versuchen, vom Umgang mit dem Stottern, und immer wieder von Ferien, Urlaub, Reisen. Wie das Cover schon andeutet, liegt ein Schwerpunkt von Action Sorgenkind auf dem Wegkommen und Aufbrechen. Höhepunkt ist hier die lange Geschichte „Welcome Home“, die etwa die Hälfte des Bandes einnimmt. Es geht um einen Trip in ein sagenumranktes französisches Hippie-Ferienlager, wo es die tollsten Frauen der Welt geben soll. Eine Reise, die zwangsläufig zu kleinen Katastrophen und großen Enttäuschungen führt. Hier halten sich dezenter Witz und sanfte Melancholie perfekt die Waage und Mawil erreicht mit „Welcome Home“ wieder das Level seines vielgerühmten Debüts Wir können ja Freunde bleiben. Dass das Buch obendrein auch noch sehr hübsch gestaltet ist, vom Namensschriftzug bis zum Inhaltsverzeichnis, ist das i-Tüpfelchen auf einem sehr gelungenen Comic. tk

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DESMODUS DER VAMPIR UND DIE HUNDESCHUTZGESELLSCHAFT
Avant-Verlag
 Unter all den feinen Comics, die der unbändigen Schaffenskraft des Joann Sfar entspringen, gehört die Reihe Desmodus der Vampir zu den charmantesten und witzigsten. Sfar nimmt hier eine Reihe von klassischen Klischees und Figuren des Horrorgenres und macht daraus einen Comic für Kinder. Seine Desmodus-Geschichten (die es auch als Zeichentrick-Serie im Fernsehen gibt) sind jedoch kein weichgespülter, glatter Disney-Stoff, sondern haben durchaus Ecken und Kanten. Das beginnt schon beim Zeichenstil, der zwar weniger „krakelig“ ist als bei Sfars Erwachsenen-Comics, aber eben doch typisch Sfar. Und es setzt sich fort beim Inhalt – mit einigen Elementen, die vielleicht manchen übersensiblen Eltern eine Spur zu weit gehen könnten (die aber den meisten Kindern ziemlich viel Spaß machen dürften). Da dürfen die Monster auch mal eine „Schubkarre voll Kaka“ vor sich her schieben oder von Frauen „mit großen Möpsen“ schwärmen.
Im vorliegenden Band, dem dritten der Serie, geht es um drei Hunde, die aus einem Tierversuchslabor ausbrechen und Zuflucht in dem alten Haus suchen, wo der kleine Vampir Desmodus und etliche andere Monster und Gespenster leben. Natürlich werden die Hunde gerettet, doch das Besondere ist hier nicht der Plot, sondern die kleinen, zutiefst menschlichen Momente. Zum Beispiel, wenn Desmodus von den Großeltern seines menschlichen Freundes Michael entdeckt wird: Die Großmutter merkt nicht, dass er ein Vampir ist, der Großvater allerdings schon. Dieser aber behält das Geheimnis für sich und bittet Großmutter nur, das Mittagessen heute mal ohne Knoblauch zu kochen. Solche warmherzigen Szenen machen Desmodus zu einer wunderschönen Lektüre, an der auch ältere Leser viel Freude haben können. tk

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MONSTERJÄGERIN CONNY VAN EHLSING 1: FÜRS LEBEN LERNEN
Dreadful Gate/Comicwerk
 Der Bremer Max Jähling gehört seit Jahren zu den umtriebigsten Zeichnern in der Fanzine- und Self-Publishing-Szene. Jetzt hat er im Selbstverlag (zusammen mit Comicwerk) ein Album herausgebracht, das vor allem durch seine Veröffentlichungsweise brilliert: Neben der gedruckten Standardausgabe gibt es eine Version mit einem sehr informativen Audiokommentar auf CD, es gibt verschiedene Downloadausgaben (eine davon kostenlos) und obendrein kann man auch noch eine personalisierte Fassung kaufen. Ein äußerst lobenswertes Experiment, zur Nachahmung empfohlen!
Conny van Ehlsing ist eine Grundschülerin, die sehr schnell die Erfahrung macht, dass die Lehrer an ihrer Schule in Wahrheit Monster sind, die es zu bekämpfen gilt. In verschieden langen Episoden erzählt Jähling von Connys Abenteuern und kann dabei nicht verhehlen, dass seine Hauptfigur doch sehr deutlich von Joss Whedons Vampirjägerin Buffy inspiriert ist (eine Tatsache, auf die er im ausführlichen Anhang auch eingeht). Trotzdem hat Conny ihren eigenen Charme, besonders in den Episoden, in denen sie glaubhaft als kleines, aber schlaues Mädchen rüberkommt. Weniger gelungen fand ich die längste und ernsthafteste Geschichte, in der Conny als Teenager auftritt. Hierfür wurde ihr ein Charakterdesign verpasst, das irgendwo zwischen Göre und Domina liegt und seltsam ungelenk wirkt.
Jähling verbindet solides, professionelles Storytelling mit einem Zeichenstil, der durch seine harten Schwarz-Weiß-Kontraste und die skizzenhaften Backgrounds recht schroff wirkt und etwas feinere Nuancen vermissen lässt. Die Katze im Sack muss jedoch niemand kaufen, schließlich gibt es online genug Anschauungsmaterial zum Problesen. tk

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PJÖNGJANG
Reprodukt
 Der Frankokanadier Guy Delisle kommt viel herum in der Welt: Als Supervisor einer Trickfilmproduktion arbeitete er in China und berichtete darüber in seinem Comic Shenzhen. Später schickte ihn sein Arbeitgeber in ein noch fremderes Land: nach Nordkorea, in die Hauptstadt Pjöngjang. So heißt auch der 180 Seiten starke Band, in dem Delisle von den Eindrücken erzählt, die er dort sammeln konnte. Wie in Shenzhen bekommt der Leser eine Sammlung von tagebuchartigen Episoden, gezeichnet in einem sehr reduzierten Strich und mit sehr wirkungsvollem Einsatz von Grautönen. Nordkorea bietet mehr als genug Stoff für wirklich bizarre Szenen. Das beginnt schon mit der Begrüßungsszene, als Delisle mit seinem koreanischen Führer erstmal Blumen an einer gigantischen Statue von Kim Il-Sung niederlegen muss. Der Autor und Zeichner macht keinen Hehl daraus, was er von der Diktatur und ihrem Führerkult hält und gelegentlich kann er nicht anders, als sich darüber lustig zu machen. Meistens aber bleibt sein Spott leise und zurückhaltend, er lässt lieber vielsagende Bilder für sich sprechen. Etwa die riesenhafte, die Stadt überragende Bauruine eines niemals genutzten, gigantischen Hotels oder das monotone Warenangebot im „Kaufhaus Nr. 1“. Wer Pjöngjang liest, bekommt einen Eindruck vom Alltag in einem abgeschotteten Land, von dem man sonst nur wenig hört – natürlich nicht journalistisch objektiv, sondern aus dem ganz persönlichen Blickwinkel eines Fremden. Auch das Fremdsein thematisiert Delisle: Er fühlt sich ziemlich einsam in Pjöngjang, weder im Hotel noch im Trickfilmstudio fühlt er sich besonders wohl. Als er nach zwei Monaten die Heimreise antritt, ist er spürbar erleichtert. Als Leser aber kann man dankbar sein, dass hier jemand stellvertretend auf Reisen gegangen ist und mit einer fein ausbalancierten Mischung aus Ernst und Humor darüber berichtet. Schon jetzt kann man sich auf weiteres Material freuen, denn kürzlich verbrachte Delisle mit seiner Frau ein Jahr in Myanmar, und auch dort entstand wieder ein Reisebericht in Comicform. tk 

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DER HARTMUT KENND SICH AUß
Gringo Comics
 Von Hartmut, dem lausbubigen Strichmännchen, hat man schon lange nichts mehr gehört. Zwar erscheinen die Kurzgeschichten von Hartmut „Haggi“ Klotzbücher Woche für Woche auf der Homepage von Carlsen Comics, aber drucken wollte man sie bei Carlsen offenbar nicht mehr. Nun hat der Hartmut bei Gringo eine neue verlegerische Heimat gefunden. Im gleichen Schulheft-Format wie bei Carlsen kann man nun „Di Abenteuer fom Hartmut“ auch wieder gedruckt genießen. Das Highlight in diesem Heft sind die Länderporträts unter dem Titel „Der Hartmut erklert euch di Welt“, in der Haggi auf höchst charmante und witzige Weise mit gängigen Länderklischees spielt. Die anderen Onepager sind leider nicht immer so gelungen, die Gags sind stellenweise ziemlich müde und mehrfach fehlt der anarchische Biss, der Hartmut in seinen besten Momenten auszeichnet. Trotzdem freut man sich, den Hartmut und seine eigenwillige Orthografie wieder gedruckt in den Händen halten zu dürfen, und mit 4,50 Euro ist der Spaß auch noch sehr preiswert. tk

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Bildquellen: Die jeweiligen Verlage