Der Kri-Ticker

Der Kri-Ticker #54

Diesmal mit dabei: Das große Supa-Hasi-Album, Marvel Exklusiv #59: Phoenix‘ Abgesang, Metal Gear Solid #1, B.U.A.P. #1: Hohle Erde, Tagebuch einer Reise, Cromartie High School #1, Break Point #1+2 und Marvel Monster Edition #11: Spider-Man & Friends.
Besprochen von Benjamin Vogt (bv) und Thomas Kögel (tk).

DAS GROSSE SUPA-HASI-ALBUM

Reprodukt
Mawils Hasi, das ist so eine immer mal wieder auftauchende Persönlichkeit, mal ruhig, mal böse oder abgedreht. Je nachdem, wie sein Schöpfer Markus Witzel ihn haben will. So entstanden über die Jahre für diverse Fanzines die unterschiedlichsten Kurzgeschichten mit und für den kleinen Hasen. Wie schön ist es da, dass diese nun auch in einem Band vereint worden sind. Und exklusiv gibt’s noch die neue 52-seitige Story „Wie die Tiere mal den Wald retteten”. Lustig. Nein, sehr lustig. Mawil, mehr oder weniger durch seine autobiografischen Werke „Wir können ja Freunde bleiben” und „Die Band” (beide auch bei Reprodukt erschienen) als Comiczeichner bekannt geworden, erzählt hier mal nicht von seinem eigenen Leben, und das liest sich von ihm auch mal ganz gut zwischendurch. Wobei man sich den Hasen, der quasi als Mittelpunkt in seinem humoristischen Kleinkosmos fungiert, durchaus als kleines gezeichnetes Alter Ego Mawils vorstellen kann, mit dem er sich mal so richtig ironisch und ohne Grenzen austoben kann.
Auch wenn das Supa-Hasi-Album aus viel bereits bekanntem Material besteht, macht die Exklusiv-Story und die einfallsreiche Gestaltung des Bandes (man beachte Front- und Backcover) den Kauf mehr als lohnenswert. Und Neuleser werden sowieso schmunzeln wie selten bei einem Comic. bv

MARVEL EXKLUSIV #59: PHOENIX‘ ABGESANG
Panini/Marvel Deutschland
In der Inhaltsangabe wird die enthaltene Miniserie „Phoenix Endsong” von Greg Pak und Greg Land als einer der besten X-Stories der letzten Jahre angekündigt. Und tatsächlich kann ich das nach dem Lesen unterstreichen. Die Geschichte beantwortet auch nebenbei die Frage, was passiert, wenn man Whedons aktuelle Serie „Astonishing X-Men” mit dem damaligen Run von Grant Morrison kombiniert. Doch worum geht’s? Kurzum: Jean Grey wird von der Phoenix-Kraft wieder von den Toten auferweckt, spielt aber dann verrückt, weil sie nicht sie selbst ist, sondern eben von einer „bösen” Macht besetzt ist. Zugegeben, das hört sich nicht unbedingt aufregend an. Wie Greg Pak die Story aber dann zur Entfaltung kommen lässt, mit viel Gefühl für tiefgründige Szenen, ist aller Ehren wert. Hinzu kommt eine Nebenhandlung, in der Quentin Quire zurückkehrt, somit wird auch der alte Handlungsbogen von Morrison wieder aufgenommen und eingebaut. Abgerundet wird der tolle Gesamteindruck dieses Marvel Exklusiv durch die bezaubernden Zeichnungen von Greg Land, der schon durch die Arbeit an der Crossgen-Serie „Sojourn” und diverse Titelbilder für Marvel auf sich aufmerksam zu machen wusste. Dabei kommt man bei Land aber nicht umhin zu erwähnen, dass, so realistisch und weich seine Bilder wirken, sie hin und wieder innerhalb der Geschichte statisch wirken. Aber trotzdem fühlte ich mich inhaltlich wie zeichnerisch mehr als gut unterhalten. bv

METAL GEAR SOLID #1
Ehapa Comic Collection
2010: Eine Gruppe Terroristen mit besonderen Fähigkeiten und gleichzeitig abtrünnige Exmitglieder von Foxhound besetzen eine Militärbasis auf Shadow Moses Island und drohen, einen atomaren Sprengkopf abzufeuern, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Solid Snake, geheimnisumwitterter Held und Ex-Topspion wird zur Klärung der Lage losgeschickt…
Die vierbändige Prestige-Reihe, die gerade bei Ehapa startete, beruht natürlich auf der weltweit erfolgreichen gleichnamigen Videospielserie. Leider, und das hat mich negativ überrascht, scheint es, dass der zweite Teil des Videospiels „Sons of Liberty” lediglich 1 zu 1 umgesetzt wurde. Kenner werden die Story also bereits vorhersehen können, Neulinge stellt man meines Erachtens vor zu große Verständlichkeitsprobleme, denn im Original, also im Spiel, wird sehr viel gesprochen und es gibt massig Text zu lesen. Das ist hier nicht der Fall, weshalb der ganze Comic bisher inhaltlich auch eher für den hohlen Zahn der eingefleischten Metal-Gear- Fans zu bewerten ist.
Als es darum ging, den Zeichnerjob zu besetzen, hat man sich beim US-Verlag IDW dafür etwas getraut und Ashley Wood verpflichtet. Dessen zum Teil sehr abstrakte Darstellungsweisen sind nicht jedermanns Sache. Der Hintergrund war sicherlich, dass die Concept Arts der Spiele auch ein wenig in die woodsche Richtung gehen, woran sich der Zeichner des Comics auch sichtlich orientiert hat. Herausgekommen ist ein zeichnerisch anspruchsvoller Comic, Ashley Wood ist ohnehin einer meiner Lieblinge im experimentellen Bereich. Und doch hat man auch von ihm schon deutlich Besseres gesehen. bv

B.U.A.P. #1: HOHLE ERDE
CrossCult
Die „Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen”, kurz B.U.A.P., war von Anfang an ein wesentlicher Bestandteil in Mike Mignolas „Hellboy”-Comics. Doch erst jetzt, nach der Storyline „Sieger Wurm”, an deren Ende der charismatische Höllenjunge der Behörde den Rücken kehrte, war der Zeitpunkt für einen Spin-Off der anderen Metawesen gekommen, die Chance den Hellboy-Kosmos mit anderen Figuren zu erweitern. Ein Gedanke, mit dem sich Mignola schon länger beschäftigte.
Die ersten vier Geschichten um Abe Sapien, Roger, Liz Sherman und Neumitglied Johann Kraus, die hier erstmals ohne Hellboy auskommen müssen, bleiben inhaltlich wie zeichnerisch bei Altbewährtem. Bereits in der längeren ersten Episode „Hohle Erde”, die die B.U.A.P. in einer actionreichen Erzählung ins Erdinnere führt, avanciert Abe Sapien etwas unfreiwillig zur Leitfigur des Teams. Im Folgenden werden die Beziehungen der Personen zueinander ins Rampenlicht gerückt, bevor der Band dann mit der fast schon als klassischer Horror zu bezeichnenden Story „Die Trommeln der Toten” abschließt.
Der Übergang vom Hauptwerk „Hellboy” zur Ablegerserie gelingt beeindruckend flüssig. Vor allen Dingen ist bemerkenswert, dass Mike Mignola „nur” als Autor und nicht als Zeichner fungiert. Und das auch nur bei drei von vier Geschichten. Ryan Sook, Matt Smith und Derek Thompson vertreten ihn jedoch sehr stilnah und kaum schlechter. Alle drei variieren etwas in der akribischen Darstellung der Schattierungen und der Detailverliebtheit, ansonsten fügt sich alles nahtlos an die vorangegangen regulären Hellboy-Bände.
Ein inhaltlich starker Beginn der B.U.A.P., obwohl oder gerade weil der Fokus mal nicht auf die Gallionsfigur Hellboy, sondern auf die anderen Mitglieder der Behörde gerichtet wird. Das schafft einen frischen Eindruck, der durch die Mignola-ähnlichen, aber eben zu diesem dezent nuancierten Neuzeichner noch verstärkt wird. bv

TAGEBUCH EINER REISE
Reprodukt
„Mit etwas Glück”, so Craig Thompson im Vorwort, sei sein Buch „unterhaltsamer als ein paar Reisedias”. Typisch für den zurückhaltenden und ob der ihm zukommenden Aufmerksamkeit seit seinem mehrfach ausgezeichneten Werk „Blankets” (dt. bei Speed Comics) fast schon peinlich berührten US-Amerikaner. „Tagebuch einer Reise” ist nicht Thompsons nächster geplanter Comic, sondern ein Nebenprodukt, das er auf Wunsch von Fans und Verlag veröffentlichte. Entstanden ist sein grafisches Reisetagebuch in drei Monaten, in denen er eine Signiertour durch Europa machte und für seinen nächsten Comic „Habibi“ in Marokko recherchierte. Thompson zeigt, was Diabilder nie zeigen könnten. Er porträtiert seine Umgebung mit messerscharfer Beobachtungsgabe, wodurch detailreiche Illustrationen genauso entstehen wie kleine Anekdoten eines Amerikaners, der sich in den unterschiedlichen Ländern stets neuen Kulturen anpasst. Alles wird dokumentiert, erscheint es auch noch so trivial. Immer wieder skizziert Craig Thompson aber neben seiner Umgebung auch sein seelisches Innenleben. Der Zeichner stellt sich selbst in einem bedrückenden Licht dar. Von Heimweh geplagt führt ihn sein Weg an immer neue Orte, er trifft neue Bekannte, die er schließlich wieder verlassen muss. Erst will er nur noch weg, dann am liebsten nie mehr. Zusätzlich macht ihm seine schmerzende Hand zu schaffen, die durch das ständige Zeichnen und das Signieren nur noch schlimmer wird. Und die Sehnsucht nach einer neuen Liebe. bv

CROMARTIE HIGH SCHOOL #1
Tokyopop
Kamiyama kommt durch einen dummen Zufall auf die Cromartie High School und stellt schnell fest: seine Mitschüler sind allesamt ungehobelte Schlägertypen. Irgendwie mag er sie, aber sie sind alle furchtbar dumm und jeder hat mindestens eine mittelschwere Macke. Dabei sind das noch die normalsten Mitschüler – schließlich besuchen auch ein Gorilla, ein Roboter und ein wortkarger Doppelgänger von Freddie Mercury diese Schule.
Eiji Nonaka erzählt kurze, jeweils siebenseitige Episoden, die zumeist in sich abgeschlossen sind. Das Ergebnis ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Zuerst mal bietet er (glücklicherweise) nicht das, was man von einem Highschool-Comedy-Manga erwarten würde: jede Menge Action und pubertierende Jungs auf der Jagd nach hübschen Mädchen. Nein, Frauen kommen überhaupt nicht vor in diesem Band, ebensowenig wie Lehrer, und auch Actionszenen sucht man fast vergeblich. Stattdessen gibt es überdurchschnittlich viel Text. Ungewohnt ist auch der Humor, eine sehr schräge, eigene und gewöhnungsbedürftige Art von Witz. Wer dafür den richtigen Draht hat, wird „Cromartie High School” lieben, alle anderen dürfte die Reihe eher kalt lassen. tk

BREAK POINT #1+2 (US-Ausgabe)
Ehapa Comic Collection
Die „Matroschka” gilt in Verbrecherkreisen als König unter den Hochsicherheitssystemen, eine Bank wie eine Festung, in deren Innerem ein Tresor gleich mit mehreren Sicherheitsbereichen umschlossen wird. Das Prinzip ist angelehnt an die gleichnamigen kleinen russischen Holzpüppchen, die ebenfalls aus mehreren Schichten bestehen. Verbrecherboss Gorgo, ein nebulöser Maskierter, möchte den Safe dennoch bezwingen. Zu diesem Zweck rekrutiert er vier Männer mit unterschiedlichen Spezialisierungen. Vermeintliche Loser, die sich von Gorgo unterbuttern lassen. Oder kommt es doch ganz anders?
„Break Point” wurde angekündigt als „Thriller a la Tarantino”. Und tatsächlich sieht es so aus, dass hier einiges Anlehnung an den Kultregisseur findet. Die Geschichte fängt an mit einem stark blutenden Überlebenden des Bankcoups. Erst dann wird rückblickend erzählt, wie es dazu kam, wie der Raubzug organisiert wurde und er tragisch endete. All das und die coolen Sprüche erinnern schon an Tarantinos „Reservoir Dogs”, ohne natürlich auch nur annähernd dessen Brillanz zu erreichen. Betrachtet man die zweibändige Comicserie aber mal losgelöst von den Vorbildern, ist sie durchaus gut gelungen. Sehr gut sogar. Ein spannender und wendefreudiger Plot, der in sich abgeschlossen toll wirkt. bv

MARVEL MONSTER EDITION #11: SPIDER-MAN & FRIENDS
Panini/Marvel Deutschland
Ich gebe zu, viel habe ich von der neuesten Inkarnation der traditionsreichen US-Marvelserie „Marvel Team-Up” nicht erwartet. Deren erste zehn Ausgaben, die in diesem Band versammelt sind, haben mich jedoch eines Besseren belehrt. Die beiden Mehrteiler gehören zum Besten, was ich in den letzten Wochen und Monaten zu lesen bekam. Und das ist nicht übel, bedenkt man, dass es in der Vergangenheit bei den Team-Ups eigentlich bevorzugt darum ging, belanglose oder Out-of-Continuity-Storys zu kreieren, in denen so viele Charaktere wie nur möglich auftauchen. Und im Prinzip macht Robert Kirkman („Walking Dead”, „Invincible”) in seiner 2005er-Version des Helden-Stelldicheins auch nicht viel anders. Der Unterschied ist, dass er einfach ein überdurchschnittlicher Erzähler ist. Kirkman schafft es, zwischen wahnsinnig vielen Superhelden, die hier auftauchen (z.B. Iron Man, Spider-Man, Cap America, Spider-Man, Wolverine, Sleepwalker, X-23 und natürlich Spider-Man ;-)) kleine Abschnitte, die sich erstmal unzusammenhängend aneinanderreihen, einem größeren Handlungsrahmen zuzuspielen. So entstehen tatsächlich spannende Geschichten, wie man sie in einer solchen nebensächlichen Comicserie nicht hätte erwarten können. Und nicht nur das, Kirkman beweist auch das richtige Gespür, wenn es darum geht, packende Dialoge und eine guten Schuss Humor zu entwickeln: Blade plaudert mit dem Punisher über Moral und den Sinn von Rachefeldzügen, Luke Cage kämpft nicht, weil er seiner Frau das Essen bringen muss, und die Sprüche Spider-Mans waren selten so gut wie hier. Die perfekten Zeichnungen von Scott Kolins („Flash”, „Avengers”) leisten ihr Übriges für diese überraschend gelungene Marvelunterhaltung. bv