Rezensionen

Die Plastikmadonna


Das Cover von Die PlastikmadonnaDie französischen Künstler Pascal Rabaté und David Prudhomme sind spätestens seit diesem Jahr dem deutschsprachigen Comicleser nicht mehr unbekannt. Von beiden wurde unlängst je ein Werk bei Reprodukt veröffentlicht, zum einen Rabatés Bäche und Flüsse, zum anderen Prudhommes Rembetiko. Die Plastikmadonna, eine Kollaboration, erschien nun bei Carlsen unter dem großzügig bedientem Graphic-Novel-Label.

Rabaté führt uns darin als Erzähler ganz leise an den Alltag der französischen Provinz heran und mitten hinein ins Familienleben der Garniers. Die Großeltern, die gläubige Katholikin Émilie und der strenge Kommunist Édouard, liefern sich ein ständiges verbales Geplänkel und töten mit ihren eskalierenden Streitereien den letzten Nerv ihrer Kinder und Enkel. Zum Stein des Anstoßes – bzw. zum letzten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt – wird schließlich eine Plastikmadonna, ein Souvenir, das Émilie von ihrer jüngsten Wallfahrt mitbringt. Provokativ platziert sie die Figur für alle gut ersichtlich auf dem Fernsehgerät; prompt reagiert Édouard mit einer Mischung aus Zorn, Schmollen und Reaktionsbildung. Tatsächlich hängt er direkt über die Madonna ein Bild von Lenin auf.

Als dem angeblich heiligen Souvenir auch noch eine rote Flüssigkeit von den Augen rinnt, entgleist dem mürrischen Großvater die Situation vollends. Aufgescheucht durch das scheinbare Wunder erweckt die Madonna nicht mehr nur das Interesse seiner Familie, sondern auch das des ganzen Dorfes und der Kirchenvertreter.

Rabaté gelang hier wirklich eine großartige Charakterstudie. Er seziert auf sehr ruhige und behutsame Weise die Konstellation der Familie Garnier und erschuf einen faszinierenden Comic, der sich auf bitter-komödiantische Weise den Themen Glaube, Liebe und Toleranz nähert.

Die Bilder, umgesetzt von Prudhomme, sind von geradezu zierlichen Linien beherrscht. Damit orientieren sich die Zeichnungen sehr an der inhaltlichen Atmosphäre. Im Vergleich zu Pascal Rabatés Grafik bei Bäche und Flüsse (das ebenfalls aus der französischen Provinz erzählt) ist Prudhommes Arbeit deutlich kantiger und farblich zurückhaltender.

Alles in allem ist Die Plastikmadonna ein außerordentlich schöner Comic. Und es unterstreicht das enorme Talent der beiden französischen Künstler. Ob bei Reprodukt oder bei Carlsen, in jedem Fall wünscht man sich noch viele weitere Comics von Pascal Rabaté und David Prudhomme in deutscher Übersetzung.

 

Die Plastikmadonna
Carlsen Comics, Juni 2010
Text: Pascal Rabaté
Zeichnungen: David Prudhomme
128 Seiten, farbig, Hardcover; 18,90 Euro
ISBN: 978-3-551-78969-3

 

 

 

 

 

 

Sehr stimmige, teils skurrile Familiengeschichte

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Abbildung © David Prudhomme, der dt. Ausgabe Carlsen Comics