Rezensionen

Queen & Country – Operation: Saddlebags & A Gentleman’s Game (US)

Operation: Saddlebags ist, wie auch schon der Vorgängerband Operation: Dandelion, das, was man am ehesten als Füllmaterial bezeichnen würde. Keine große, die Welt oder – schlimmer noch – England bedrohende Verschwörung, sondern er zeigt in der ersten Geschichte primär weitere Details über den Charakter und den Hintergrund von Hauptfigur Tara Chase.
Die zweite Storyline in diesem Paperback bietet dann ein bisschen Spionageaction, aber im Vergleich zu dem, was wir bisher in der Serie erlebt haben, ist auch die eher beschaulich. Eigentlich dient die zweite Storyline auch primär dazu, das Personalkarussel bei der Special Section von Englands Geheimdienst etwas weiter zu drehen.

In den letzten drei Paperbacks hat Rucka die Ausgangssituation vollkommen auf den Kopf gestellt, wir haben in kurzer Folge drei neue Figuren und einen neuen Geheimdienstchef gesehen, und damit macht Greg Rucka in diesen Paperbacks erneut klar: Queen & Country ist eine Geheimdienstseifenoper, aber eine der besseren Sorte. Anders als in anderen Comics, in denen oft mit Neuerungen und Änderungen geködert wird, am Ende der Status Quo jedoch erhalten bleibt, kann in Ruckas Agentenuniversum tatsächlich alles passieren und – vermutlich mit der Ausnahme von Hauptfigur Tara Chace – ist keine Person davor gefeit, plötzlich ins Gras beißen zu müssen. Operation: Dandelion bietet mehr von dem, was man kennt und erwartet. Wenn man die Serie verfolgt, kommt man ohnehin nicht umhin, sich seinen Fix abzuholen, aber ich möchte dann doch, dass die Serie sich langsam wieder von der Büropolitik und den politischen Ränkespielen löst und eine etwas größere Agentenstory bietet.
Etwas, das mehr Zug hat…

 … und genau da kommt A Gentleman’s Game zum Tragen, der erste Queen & Country-Roman, der nahtlos an Operation: Saddlebags anknüpft. Es wird relativ schnell klar, dass Rucka die letzten zwei Paperbacks bewusst zurückhaltender hat ausfallen lassen, weil er sich sein Pulver für diese Geschichte aufsparen wollte und weil er die Gelegenheit genutzt hat, seine Figuren in eine Position zu manövrieren, mit der A Gentleman’s Game beginnen kann.

Tatsächlich ist das hier wahrscheinlich die bisher finsterste Queen & Country-Geschichte, die uns geboten wurde. Beginnend mit drei Anschlägen islamistischer Fundamentalisten auf das Londoner U-Bahnsystem (das Buch wurde 2004 in Hardcover-Form veröffentlicht, also vor den Juli-Anschlägen London, und auch wenn die Ähnlichkeiten nur oberflächlich sind, so ist das Ganze doch irgendwie bedrohlich nahe an der Realität) wird hier eine Geschichte gesponnen, die illegale Geheimdienstoperationen im gesamten Nahen Osten bietet und schließlich darin gipfelt, dass die britische Regierung gewillt ist, ihre Top-Agentin Tara Chace aus politischen Gründen aufzugeben.

Insofern ist A Gentlemen’s Game Queen & Country in Reinform. Große Geheimdienstaktivität, politische Intrigen, persönliche Krisen und ein gut abgewogener Mix aus fiktiven und realen Personen, Gruppierungen und Ereignissen, die dem Buch einen sehr aktuellen Anstrich verpassen.

Ruckas Prosa ist nicht revolutionär, tut aber ihren Job vollauf. Er begnügt sich mit knappen Beschreibungen von Orten und Personen, manchmal vielleicht zu knapp, aber für den Lesefluss eines Agententhrillers, der konstante Spannung bieten sollte, ist das angemessener als ausladende, epische Beschreibungen. Queen & Country-Veteranen brauchen diese Beschreibungen meist eh nicht, da viele Handlungsorte und Figuren schon aus den Comics bekannt sind. In Sachen Spannung liest sich das Buch wie einer der kurzen Tom-Clancy-Romane aus den Achtzigern, ehe der Mann begonnen hat, zweitausend Seiten lange amerikanisch-nationalkonservative Masturbationsphantasien zu entwerfen. Und, was Clancy nie geschafft hat, Rucka beweist auch weiterhin, dass er in der Lage ist, gute Charaktere zu entwerfen. Zumindest auf der Seite der Engländer. „Die Bösen“, die arabischen Terroristen, bleiben eher schablonenhaft und belanglos. Dafür haben „die Guten“, Tara Chace und ihr Boss Paul Crocker, ebenso wie die britische Regierung, Tiefen und dunkle Seiten, die gut ausgeleuchtet werden. Hier ist es sicher ein Vorteil für Rucka, dass er die Gedanken und Gefühle der Figuren direkt in die Geschichte einweben kann, während die Comics konstant auf Captions oder Gedankenblasen verzichtet haben. Das ermöglicht es Rucka, seinen Protagonisten mehr Emotionen zuzugestehen und wirklich intime Geständnisse aufs Papier zu bringen. Gedanken, die die Figuren nie aussprechen würden und die darum im Comic schwer bis gar nicht zu kommunizieren sind.

A Gentleman’s Game ist ohne Zweifel die bisher beste, spannendste und fesselndste Queen & Country-Geschichte. Fans der Serie kommen um das Buch ohnehin nicht herum, da es essentieller Teil der großen Rahmenhandlung ist und erneut alles über den Haufen geworfen wird, was bisher als gegeben galt.
Aber auch für Neueinsteiger bietet sich A Gentleman’s Game an. Rucka baut zwar auf seine Vorgeschichte auf, bietet aber genug kurze Passagen, um neue Leser nicht zu verwirren oder im Dunkeln tappen zu lassen. Dabei sind diese Passagen gleichzeitig auch kurz genug, um die, die das alles schon wissen, nicht zu langweilen. Kurzum: Vorwissen verbessert das Lesegefühl, ist aber keine Voraussetzung, um A Gentleman’s Game zu genießen. Einer der besten Agenten-Thriller, den ich in den letzten Jahren gelesen habe, und eine großartige Gelegenheit, den Einstieg ins Queen & Country-Universum zu wagen.
Operation Saddlebags
Text: Greg Rucka
Zeichnungen: Mike Norton, Steve Rolston
Oni Press
144 Seiten
ca. 14,50 Euro
ISBN: 1932664149

A Gentleman’s Game
Text: Greg Rucka
Bantam Books
481 Seiten, Paperback
ca. 7 ,- Euro
ISBN: 0553584928

Bildquellen:
Operation: Saddlebags von onipress.com
A Gentleman’s Game von amazon.com