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Ein Zoo im Winter


 Im Jahr 1966 kündigt der junge Künstler Hamaguchi seinen Job in einer Textilfabrik, zieht nach Tokio und und wird einer der Assistenten des renommierten Mangakas Kondo. Doch auch im Atelier des Sensei ist die Arbeit für einen Mangaverlag nicht unbedingt der große Traum, wie Hamaguchi bald feststellen muss. Als Teil eines Teams darf er lediglich tuschen, Hintergründe zeichnen oder Speedlines hinzufügen. Hinzu kommt der Zeitdruck, wenn Deadlines eingehalten werden müssen.

Tokio, mit seinem reichen Nachtleben und dem ausgeprägten Kunstmilieu, verändert den jungen Mann. Angespornt von der energischen Überzeugungskraft eines hübschen Mädchens und inspiriert von der Natur, ist Hamaguchi entgegen der Skepsis seiner Familie nunmehr entschlossen, selbst ein bekannter Mangaka zu werden und seinen Lebensunterhalt damit zu finanzieren.

Ein Zoo im Winter ist ein typisches Werk Jiro Taniguchis. So einfühlsam, poetisch und ruhig, dass man die Tragik, den Humor, die Emotionalität der Figuren in diesem großartig verfassten Stück beinahe greifen kann. Die Kapitel in diesem Comic sind gepflastert mit vielen ganz kleinen Höhepunkten, besonders in Bezug auf Hamaguchis unsteten Lebensweg lassen sich hier Identifikationsmomente für den Leser konstatieren.

Taniguchi gelingt es spielend, mit der Dramaturgie zu jonglieren; Ein Zoo im Winter beginnt als anrührende Darstellung eines Einzelschicksals, mutiert dann klammheimlich zur Großstadterzählung und schlägt schließlich über die beiden Hauptmotive, die Liebe und das Zeichnen, den Bogen zurück zum Anfang. Damit weist dieser Band eine unaufdringliche Kohärenz auf, die einfach grandios ist.

Auch die vielen Einblicke in die japanische Mangaindustrie (der 60er Jahre) machen diesen Comic zu etwas Besonderem. Gerade was die Arbeitsteilung und das Ansehen der Zeichner angeht, darf man verblüfft sein. Mitunter reden die Mitglieder des Ateliers auch mal über Mangaserien oder Künstler, die auch in den realen 60ern existent waren. All das und die Tatsache, dass man beim Lesen Anteil am Schaffensprozess von Hamaguchis erstem eigenem Manga hat, lässt dieses Buch trotz der Tristesse in Schwarz-Weiß lebendig, bunt und fantasievoll erscheinen.

Wie viel Autobiografisches in Ein Zoo im Winter steckt, kann wohl nur Taniguchi selbst klären. Zumindest verweist das Backcover auf eine vom eigenen Lebensweg des Künstlers inspirierte Geschichte. Im Innenteil erfährt man lediglich, dass Jiro Taniguchi als junger Mann ab 1971 ebenfalls als Assistent eines Mangaka arbeitete und währenddessen seine erste eigene Serie konzipierte. Inwieweit der Rest übereinstimmt, bleibt vorerst Spekulation. Ob real oder erdacht, Ein Zoo im Winter ist ebenso amüsante wie melancholische Unterhaltung, an deren Ende man sich eines Tränchens kaum erwehren kann.

 

Ein Zoo im Winter
Carlsen, Mai 2010
Text und Zeichnungen: Jiro Taniguchi
248 Seiten, Softcover, 16 Euro
ISBN: 978-3-551-75284-0

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Wundervoller japanischer Comic, der trotz seiner ruhigen Art packt und aufwühlt


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Bravesland 1 – Constant


 Eine hervorragende Coveridee stimmt gut auf das Album ein. Das Tuch, welches der Indianer trägt, weist Lilien auf, die zum französischen Königshaus gehören, sowie den britischen Union Jack. Beides fließt am Boden zur amerikanischen Flagge zusammen. Da die Handlung während des Krieges zwischen England und Frankreich spielt, wobei jede Seite verschiedene Indianerstämme auf ihrer Seite hat, ist das Cover ein wirklich gelungenes Symbol.

Mit hartem, realistischem Strich, der die traumhafte Landschaft schön einzufangen weiß, wird die Geschichte des Akadiers Constant erzählt, der in die Tochter eines englischen Offiziers verliebt ist und mit ihr ein Kind zeugt. In die französische Armee gepresst, wird er Späher und muss sich in den dichten Wäldern Amerikas mit feindlichen Stämmen herumschlagen. Der etwas mystisch angehauchte Prolog lässt einen etwas ratlos zurück, wird aber wohl in den Folgebänden aufgegriffen. Wenngleich die Story noch recht überschaubar ist, lässt die zweite Hälfte des Bandes genug Raum für weitere Verwicklungen. Man kann gespannt sein.

 Die Gesichter sind in den Zeichnungen von Federico Carlo Ferniani manchmal nur schwer auseinanderzuhalten. Aber der Band ist sehr, sehr spannend und streckenweise recht brutal. Vor allem gegen Ende hin, als die französische Einheit von einem größtenteils nicht auszumachenden Gegner bedroht und Schritt für Schritt dezimiert wird, erhöht sich der Adrenalinpegel des Lesers. Was die Spannungsgestaltung angeht, könnten manche dieser Sequenzen aus dem Horrorgenre stammen. Hervorragender Lichteinsatz erleuchtet die detaillierte Szenerie und je nach Lichtquelle werden auch die Farben unterschiedlich angewandt.

Auch die Settings sind sehr genau ausgeführt, so dass man sich in die Zeit und das Milieu hineinversetzt fühlt. Der Gegensatz zwischen der Zivilisation, sprich Stadt, und der freien Natur ist sehr gut dargestellt: Flächige Zeichnungen während der Szenen in der Stadt kontrastieren mit realistischen Abbildern der Natur, in denen einzelne Blätter und Gräser identifizierbar sind. Sehr irdene Farben, gelb, braun, grün, tauchen die Story in ein passendes Handlungsambiente.

Und der Konflikt zwischen Natur und Zivilisation wird gegen Ende noch einmal verstärkt: Die verschanzten Soldaten sind umringt von einem dunklen Wald (hier vor allem mustergültig auf Seite 39 und 40), in dem die feindlichen Indianer sich versteckt halten und einen Soldaten nach dem anderen töten und verstümmeln. Eine richtig gut gelungene Gegenüberstellung von zwei entgegengesetzten Kräften, die nicht nur in der Handlung, sondern auch in der graphischen Handhabung zu überzeugen weiß.

Bravesland 1 – Constant
Splitter Verlag, Mai 2010
Text: Fabrice David, Gregory Lassabliere
Zeichnungen: Federico Carlo Ferniani;
Hardcover, 48 Seiten, farbig; 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-129-0

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Ein spannendes, streckenweise brutales Album mit sehr detaillierten stimmungsvollen Zeichnungen, das Lust auf mehr macht.

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Abbildungen © Splitter Verlag

Comix 1

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 Die Publikationsform des Comicmagazins, das seinen Lesern jeden Monat eine Wundertüte aus verschiedensten Serien und Kurzcomics bietet, hat ihre Blütezeit längst hinter sich, auch in Frankreich, wo solche Zeitschriften eine große Tradition haben. In Deutschland hält sich zwar seit 10 Jahren das wiederbelebte ZACK-Magazin, andere Versuche (wie z.B. das Fantasy-Heft Magic Attack) scheiterten jedoch. Nun wagt der JNK Verlag, der auch das Fachmagazin Comixene herausbringt, einen neuen Versuch: Comix erscheint monatlich zum Niedrigpreis von nur 2 Euro, gedruckt auf Zeitungspapier und mit einer Besonderheit: die hier abgedruckten Comics sind keine Lizenztitel aus dem Ausland, sondern durchweg einheimische Produktionen.

Die erste, 80 Seiten starke Ausgabe, die Anfang Juni erschien, zeigt eindrucksvoll, wie vielfältig und qualitativ hochwertig Comics aus Deutschland (bzw. aus der Schweiz und Österreich) heute sind: Das Wörtchen „Mix“ im Titel Comix wird hier großgeschrieben, denn die grafische und inhaltliche Bandbreite ist enorm. Redaktionsleiter Martin Jurgeit hat für sein neues Magazin reichlich interessanten Stoff aufgetrieben. Als wichtige Quelle dient dabei nicht zuletzt die immer rühriger werdende Webcomic-Szene.

Comix enthält vier Flaggschiff-Titel, die als Fortsetzungsgeschichten in jeder Ausgabe dabei sein werden: Zu den Highlights gehört ganz sicher die Serie deae ex machina von Erik, die bereits seit Januar 2009 als Webcomic läuft. In einer exzellent gezeichneten Mischung aus Asterix und 300 lesen wir von den Erlebnissen einer römischen Legion, die im Jahr 70 nach Christus in Germanien stationiert ist. Zumindest im ersten Kapitel, denn worum es in dieser Saga eigentlich geht, lässt sich auf den ersten Seiten nur erahnen.

Ebenfalls schon als Online-Comic verfügbar ist Ewiger Himmel, eine autobiografische Erzählung von David Boller. Der Schweizer Zeichner ging in den Neunziger Jahren in die USA und arbeitete dort als professioneller Comiczeichner für fast alle großen Verlage. Inzwischen ist er zurück in der Schweiz, wo er 2009 sein Webcomic-Portal Zampano gründete und dort unter anderem diese Serie veröffentlicht, in der er auf sehr persönliche Weise vom Aufbruch eines jungen Künstlers ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten erzählt, aber auch von geplatzten Träumen und Illusionen.

Als Vorab-Veröffentlichung erscheint Vasmers Bruder, gezeichnet von David von Bassewitz nach einem Szenario von Peer Meter, der sich in seiner „Serienmörder-Trilogie“ (zu der auch Gift und Haarmann zählen) mit Gestalten der deutschen Kriminalgeschichte beschäftigt. Der Comic dreht sich um Karl Denke, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Schlesien mehr als 30 Menschen getötet und verspeist hat. Die hier abgedruckten elf Seiten (eine davon leider doppelt) vermitteln eine sehr düstere Grundstimmung und eröffnen eine Rahmenhandlung, die in der Gegenwart spielt. Über die Geschichte geben sie noch nicht viel Aufschluss; dem Material ist deutlich anzumerken, dass es ursprünglich nicht für eine Veröffentlichung in Serienform konzipiert ist.

Seite aus Justifiers – Collector Völlig anders in Tonalität und Inhalt ist eine weitere Serie: Die bisher unveröffentlichte Romanadaption Justifiers – Collector basiert auf dem Science-Fiction-Roman Collector von Markus Heitz (Die Zwerge) und wurde von JNK-Co-Verleger Jörg Krismann als Comic adaptiert. Die Zeichnungen von Hannes Radke wurden nicht getuscht, sondern von Christian Turk direkt koloriert, was den Bildern einen rohen und ungeschliffenen Eindruck verleiht, der dem Comic aber nicht schadet. In den zwölf Seiten des ersten Kapitels wird auf wenig Raum sehr viel Handlung verdichtet, zudem muss der Leser in eine fremdartige Zukunftswelt und ihre Hintergründe eingeführt werden. Dadurch bekommt der Leser so viele Informationen auf einmal um die Ohren gehauen, dass sich die Lektüre eher anstrengend als anregend gestaltet. Dennoch hat Justifiers das Potential für eine rasante Weltraumoper mit einem interessanten Protagonisten, der mit seinem Badass-Charakter auch gut und gerne aus der Feder von Warren Ellis stammen könnte.

Neben diesen vier Fortsetzungsgeschichten enthält Comix noch eine Reihe von abgeschlossenen Stories. Als prominentes Zugpferd dient Ralf König mit seiner Kurzgeschichte Der heilige Antonius vom Wienerwald, die komplett in österreichischer Mundart verfasst ist. Hier arbeitet sich König einmal mehr an seinem aktuellen Lieblingsthema ab und spottet über Religion, wenn er einen Einsiedlermönch mit fleischlichen Versuchungen kämpfen lässt.

Außerdem an Bord: Eines der autobiografischen Rezepte-Comics von Greta aus ihrem selbstverlegten Minicomic Vom Kochen, ein Onepager von Christian Turk (Mehr als Kumpels um eine Schwulen-WG) sowie Kostproben aus Online-Comics von Marc Seestaedt, Ulf Salzmann und Johannes „Beetlebum“ Kretzschmar.

Alles in allem eine sehr runde Mischung, die vor allem durch ihre große Vielfalt besticht. In Comix wird wieder einmal deutlich, wie groß die Palette an Möglichkeiten ist, die dieses Medium zu bieten hat. Für außergewöhnlich wenig Geld bekommt man eine Menge sehr gut gemachten und unterhaltsamen Lesestoff. Dass etwa die Hälfte des Heftes aus bereits anderswo veröffentlichtem Material besteht, ist nicht weiter schlimm, da der Großteil der angepeilten Leserschaft (JNK peilt eine Kernzielgruppe zwischen 16 und 45 Jahren an) dieses wohl noch nicht kennen wird. Trotzdem wäre es wünschenswert, wenn man im redaktionellen Teil auf die Hintergründe der abgedruckten Comics näher eingehen würde. So könnte der Leser beispielsweise erfahren, warum der Comic des Kölners Ralf König in Wiener Dialekt geschrieben ist (die Geschichte erschien ursprünglich als „Automatenheft“ bei der Wiener Kabinett-Passage).

Schmerzlich vermisst wird auch ein Editorial, das die Leserschaft an die Hand nimmt und ihr erklärt, was für eine Art Zeitschrift sie hier eigentlich in der Hand hält und was sie künftig erwarten kann. Ganz verzichten muss man auf einen redaktionellen Teil zwar nicht , dieser ist jedoch nicht das Glanzlicht des Heftes: Unter dem Titel „Ein Autor und sechs Zeichner“ werden mit ein paar Bildern und sehr knappem Text die aktuellen Comicprojekte von Peer Meter und ihre Künstler vorgestellt. Anders als die Überschrift behauptet, werden jedoch nur fünf Zeichner aufgeführt. Wo ist der sechste? In der Heftmitte gibt es den „Comixene-Newsletter“, der vor allem aus einer Auflistung aktueller Neuerscheinungen besteht (eine eher verzichtbare Einrichtung), aber immerhin auch drei informative Kästen enthält, die besonders bemerkenswerte Novitäten näher beleuchtet. In den nächsten Ausgaben sollte man redaktionell unbedingt noch nachlegen, vor allem auch, weil die Fortsetzungscomics wohl nur schwer ohne einleitende Worte („Was bisher geschah“) auskommen können.

Comix strebt (nicht zuletzt durch den günstigen Preis) eine möglichst breite Leserschaft an und soll auch Käufer erreichen, die sonst keine Comics kaufen. Ob dies gelingt, wird entscheidend daran liegen, ob die Bahnhofsbuchhändler, die das Heft anbieten, Comix so platzieren können, dass die Kundschaft es auch findet. Ein Vertrieb an Kioske außerhalb der Bahnhöfe ist bisher nicht geplant. Dafür soll Comix neben der Printausgabe zusätzlich auch online angeboten werden. Beim Portal Comicstars kann eine digitale Ausgabe zum gleichen Preis erworben werden – allerdings ist dieses Angebot momentan noch nicht verfügbar. Der parallele Digital-Vertrieb ist einerseits sicherlich sinnvoll und innovativ. Andererseits beißt sich die Katze konzeptuell doch in den Schwanz, wenn (frei verfügbare) Webcomics aus dem Netz erst in ein Printformat geholt werden, um dann wieder digital verkauft zu werden.

Trotz der genannten Schwächen in der ersten Ausgabe ist Comix ein sehr erfreulicher Neuzugang in der hiesigen Comiclandschaft, dem man nur möglichst viel Erfolg und einen langen Atem wünschen kann. Die Konzentration auf deutschsprachige Eigenproduktionen ist keineswegs eine Schwäche, sondern der große Pluspunkt an der Zeitschrift. Im Idealfall könnte die heimische Comicszene so ein breites Publikum erreichen, das bisher noch nicht ahnt, welche Perlen sie zu bieten hat.


Comix 1
JNK Verlag, Juni 2010
diverse Autoren und Zeichner
Heft, farbig und s/w, 80 Seiten, 2 Euro

Überzeugende Auswahl heimischer Comics zum Minipreis mit Mängeln bei der redaktionellen Begleitung

einkaufswagen cc  

Abbildungen: © JNK Media / New Ground Publishing

Auf dunklen Wegen 1


 Schlachtszenen haben David B. schon immer besonders fasziniert, das weiß man spätestens seit seinem autobiografischen Werk Die heilige Krankheit. Da wirkt es nicht verwunderlich, dass der französische Zeichner auch seine neue historische Reihe Auf dunklen Wegen mit einer zünftigen Straßenschlacht beginnt, bei der man kaum ausmachen kann, wem welche Faust gehört und wer eigentlich wen bekämpft. Die Szenerie ist nur als Einleitung in das aufgewühlte Italien der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gedacht.

Das Album erzählt die Geschichte der Adria-Stadt Fiume, die im Jahr 1920 vom Dichter Gabriele D'Annunzio und seinen Gefolgsmännern annektiert wird. D'Annunzios Besatzung von Fiume ist eine Rebellion gegen das Abkommen der Pariser Verträge, nach denen Italien die Stadt abtreten müsste. Obwohl Fiume kurz darauf der Status eines unabhängigen Staates eingeraumt wird, führt D'Annunzio schließlich seinen Kampf fort, denn er will den Anschluss an das nach dem Krieg in Umstrukturierungen inbegriffene Italien.

David B. gelingt es auf hervorragende Weise, den europäischen Geist zwischen den beiden Weltkriegen in Wort und Bild einzufangen. Auf dunklen Wegen ist ein verstörendes, nicht einfach zu goutierendes Werk, bei dem es dem Leser durchaus auch mal schwerfällt, die historische Korrektheit von der stilistischen Überspitzung zu trennen. Als sicher scheint, dass der kahlköpfige, monokeltragende D'Annunzio eine befremdliche Persönlichkeit war, darüber hinaus scheint David B. in seinen Darstellungen durchaus zu Übertreibungen zu neigen: Als Wegbereiter für den späteren italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus steht D'Annunzio als Sinnbild für die Fokussierung auf eine Führerfigur. Dennoch ist er kein Politiker, sondern Dichter. Ein Größenwahnsinniger, der die Weltrevolution plant und, während er aus einem Schädel Wein trinkt, futuristische Panzerzüge entwirft.

 David B. gibt den Commandante also ein gehöriges Stück der Lächerlichkeit preis. Eingebettet in den Gesamtkontext dieses Albums relativiert sich das allerdings etwas, ist doch all das Geschehen in Fiume irgendwie anarchisch und irrational. Die Stadt befindet sich analog zu weiten Teilen Europas zu jener Zeit im Umbruch: Zwischen den Raubzügen etlicher Straßenbanden, dem bunten Nachtleben und dem Festzug einer Gruppe Aktivisten spinnt D'Annunzio seine Intrige gegen die Regierung und besetzt eine völlig zerstreute Stadt.

Es ist die verwirrende Verarbeitung der Kriegsjahre, einer Zeit, in der auch der ehemalige Soldat Lauriano von seinem Kriegstrauma eingeholt wird. Jedoch schöpft er aus der Liebe zu Sängerin Mina neue Hoffnung. David B. arbeitet hier auf mehreren Ebenen und pendelt zwischen politischen, gesellschaftlichen, künstlerischen und persönlichen Themen. Das führt zu einem leicht wankelmütigen, unsicheren Gesamtgefüge, was bei einem komplexen historischen Comic wie dem hier vorliegenden nicht zwangsläufig negativ verstanden werden muss.

Grandios sind vor allem die grafischen Ideen und Spielerein in diesem Band. Neben der Vorliebe des französischen Zeichners für Kampfgetümmel, die immer wieder aufblitzt, setzt David B. auch erneut verstärkt auf Symboliken, die sich neben ausschweifende Sprechblasen drängen und zwischen den zittrigen Outlines der Zeichnungen mäandern.

Dies und die vielen kleinen sprachlichen Rafinessen machen Auf dunklen Wegen zu einem herausragenden Werk. Man darf gespannt sein auf die weiteren Alben dieser Reihe, die dann im Übrigen an anderen Schauplätzen spielen werden.


Auf dunklen Wegen
– die Prologe und die Geister
Avant-Verlag, April 2010
Text und Zeichnungen: David B.
124 Seiten, farbig, 24,95 Euro

ISBN: 978-3-939080-41-4

Ein ungewöhnliches Thema brillant verarbeitet, David B. in Bestform

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Abbildungen: © Avant-Verlag

War and Dreams


 Treffen sich ein Franzose, ein Brite, ein Amerikaner und ein Deutscher … Was sich anhört wie der Anfang eines billigen Witzes, ist in knapper Zusammenfassung das Konzept von War and Dreams, dem neuen Comic vom Kreativteam Maryse und Jean François Charles, die u.a auch für India Dreams und Die Pioniere der neuen Welt verantwortlich zeichnen. Wobei die Handlung sich korrekterweise vielmehr genau darauf bezieht, dass die vier unterschiedlichen Landsmänner im gehobenen Alter eigentlich gar nicht direkt aufeinandertreffen.

In einem Küstendorf in Nordfrankreich, einem Ort, zu dem alle vier Hauptprotagonisten eine Verbindung besitzen, erinnern sie sich an ihre persönlichen Schicksale während des Zweiten Weltkrieges. Rückblenden berichten vom deutschen Soldaten Erwin, der sich neben seinem Dienst in einer Bunkeranlage als Maler versuchte und sich dabei in eine Französin verliebte. Erzählt wird auch von der Arbeit des britischen Offiziers Archie, der durch die Entschlüsselung des Enigma-Codes auf Geheimpläne der Nazis aufmerksam wurde. Pläne, die die Deutschen auch durch Zwangsarbeiter durchzusetzen versuchten. Einer eben jener war der Franzose Julien, eine weitere Figur in der schicksalhaften Konstellation in diesem Comicband. Der letzte  im Bunde ist Joe, amerikanischer Fliegerheld, Stuntman und Prahlhans.

War and Dreams ist ein enorm vielschichtiges Werk, nicht nur springt das Geschehen immer wieder unkontrolliert und ohne Vorwarnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, auch den persönlichen Verhältnissen der Charaktere untereinander ist hin und wieder nur schwer zu folgen. Ein bisschen liegt das sicherlich auch daran, dass sich jede der vier Geschichten für sich lesen lässt, man sich aber als Leser ständig Gedanken machen muss, welche zeitgeschichtlichen oder örtlichen Zusammenhänge nun von Bedeutung sind.

 Im Grunde ist dieser Comic der Versuch, Krieg aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und aufzuzeigen, dass hinter jedem Feind auch ein Mensch steckt. So unterschiedlich Joe, Archie, Julien und Erwin auch sein mögen und so verschieden ihre Rolle in den 40ern auch aussah, keiner von ihnen wird hier schwarz oder weiß skizziert.

Sehr schön und authentisch ist in dieser Hinsicht auch das letzte Kapitel gelungen, welches Auszüge aus einer (fiktiven) Facharbeit einer jungen Französin enthält. Die Texte sind nicht in Comicform, sondern wurden lediglich mit Illustrationen unterlegt. Die vier Hauptfiguren, die für eben jene Arbeit interviewt wurden, erzählen noch einmal mit eigenen Worten, was sie damals erlebt haben. Ein guter Einfall, den ich in dieser Art noch nicht kannte und der natürlich perfekt zum geschichtlichen Rahmen passt. Da stimmt auch die in erdigen Farben gedeckte Grafik des Buches, bei der es höchstens zu bemängeln gibt, dass ab und an die Gesichtszüge der Figuren arg versteinert wirken.

Als besonderes Gimmick liegt dem Band übrigens eine herausnehmbare und aufklappbare Zeitschrift bei. Es handelt sich um eine fiktive Ausgabe des amerikanischen Life-Magazins und (auf der Rückseite als Flipcover lesbar) eine Ausgabe der NS-Propagandazeitschrift Signal. Auch das ist wiederum ein mehr als netter Einfall, der War and Dreams gehörig Authentizität verleiht.


War and Dreams
Splitter, Mai 2010
Text: Maryse Charles
Zeichnungen: Jean-François Charles
192 Seiten, HC mit Schutzumschlag, 24,80 Euro
ISBN: 978-3-940864-01-7

Klug aufgebautes, verstricktes Weltkriegsdrama

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Abbildungen: © Splitter Verlag

 

Zeichentrick: Metalocalypse

Metalocalypse bei swim adult (TNT Serie)Anlässlich des morgigen TV-Starts der animierten Serie Metalocalypse über die Death-Metal-Combo Dethklok („die größte, härteste und mächtigste fiktive Metal-Band der Welt“) fand am letzten Freitag in Köln im Rahmen des Festivals „Großes Fernsehen“ (medienforum.nrw) eine Vorführung der ersten sechs deutschsprachigen Folgen statt. Als Synchronsprecher konnte man einige Metalstars wie Doro Pesch sowie Mitglieder von Destruction und Knorkator gewinnen, die ebenfalls anwesend waren. Unser Gastautor Edgar Pohl war vor Ort und schildert seine Eindrücke der satirischen, tiefschwarzen Serie.

Szene aus Metalocalypse © 2010 Cartoon NetworkMusik, die nicht laut genug sein kann, Texte, die auch gern geschrien werden, lange Haare und nietenverziertes Leder. So sieht Metal aus. Passt Humor in diese schwarze Welt?

Ja, und zwar wie die Rockerfaust aufs Auge, wie Metalocalypse beweist. Mit tiefschwarzen Humor und brutaler Metal-Power nimmt die Animationsserie die Metalwelt aufs KoRn. Und Selbstironie ist nichts Ungewöhnliches für Metaller, denn wie Alf Ator von Knorkator beim Screening der ersten sechs Folgen in Köln verlauten ließ: „Wenn du um 14 Uhr auf einem Festival spielst und im Publikum sind alle besoffen, da muss man schon Humor haben.“

Deutsche Metaller als Synchronsprecher für Metalocalypse (c) turner.comFür die deutsche Fassung haben die Metallegenden Schmier (Destruction), Alf Ator (Knorkator) Doro Pesch und Mille Petrozza (Kreator) (Foto von links nach rechts) bei der Synchronisation mitgewirkt, allerdings nicht für die Hauptfiguren, sondern für Nebenrollen wie Polizist, Roady oder Barkeeper. Alles in allem ist die deutsche Synchronisation mehr als gelungen. Die Stimmen passen und der Humor hat nichts von seinem derben Witz verloren.

Alf Ator signiert bei der Vorführung von Metalocalypse (c) Edgar PohlIm Zentrum von Metalocalypse steht Dethklok, die größte und erfolgreichste Band der Welt. So erfolgreich, das eine Verschiebung des Releasetermins für das neue Album nicht nur zu einem Massensuizid in der Bevölkerung führt, sondern auch die Weltwirtschaft erschüttert. Eine Band, die so einflussreich ist, dass die fünf Mitglieder sogar in das Fadenkreuz eines Geheimbundes geraten sind. Dies ist die Welt, in der die Geschichten um Dethklok spielen und respektlos der Rockstar-Mythos und der Metalkult karikiert werden.

Da spielt die Band als Entschuldigung für die Terminverschiebung in Finnland ein altes Volkslied in neuem Metalgewand, unwissend, dass dies die Beschwörungsformel für einen riesig großen und riesig bösen Troll ist. Dieser Troll hat nicht nur einen unstillbaren Appetit auf Menschenfleisch, sondern bringt zunächst alle Einhörner um.

Das ist kompromisslos schwarzer Humor, bei dem wohl niemandem die Beschreibung „subtil“ in den Sinn kommt. Metal eben.

Szene aus Metalocalypse © 2010 Cartoon NetworkMetalocalypse ist eine runde Sache. Angefangen vom Design, das an die klischeehaften Fantasymotive von Plattencovern erinnert, über den bitterbösen Humor bis hin zum exzellenten Thrashmetal, der in jeder Folge zu hören ist.

Die Animation der Serie ist äußerst sparsam gehalten, häufig wird nur ein wenig gesqueezt und gesquasht, was aber den Spaß an den Episoden nicht mindert. Und wenn die Band in der ersten Folge auf einem Konzert, auf dem mehr als die Hälfte der Fans draufgeht, als einziges Stück ein Werbejingle in bester Metalmanier spielt, ist klar: Metalocalypse ist archaischer Humor vom schwärzesten.

In den USA sind bereits zwei Staffeln mit je zwanzig Folgen produziert, eine dritte ist in Planung. In Deutschland startet die Serie am 29. Juni in deutscher Erstausstrahlung im adult-swim-Block auf TNT Serie. Da dieser Sender  vorbildhaft im Zweikanalton ausstrahlt, kann man sich auch die Originalstimmen anhören.

Zitat aus der Pressemappe: „Im englischsprachigen Original leihen Gaststars wie James Hetfield und Kirk Hammet von Metallica einigen Figuren ihre Stimme. Erfinder und Produzent Brendon Small ist der musikalische Kopf hinter Dethklok: Er schreibt nicht nur alle Songs, sondern leiht im englischen Original der halben Band seine Stimme. Außerdem ist er der schnellste Cartoon-Gitarrist der Welt. Der zweite Kopf hinter Metalocalypse ist Tommy Blacha. Als Hardrock-Fans und Gitarristen, waren sie beide darauf bedacht, Gitarrengriffe so realitätsgetreu wie möglich zu animieren. Tommy Blacha, ein alter Bekannter im Comedy-Geschäft, textete zuvor für Da Ali G Show.“

Metalocalypse
ab 29.06.10 jeden dienstag um 21.45 Uhr (Wiederholung: samstags um 0.55 Uhr) im adult-swim-Block auf TNT Serie.
Mehr Infos auf der
Metalocalypse-Unterseite von adult swim.


METALOCALYPSE and all related characters and elements are trademarks and © 2010 Cartoon Network
Abbildungen © turner.com/
Cartoon Network bis auf signierenden Alf Ator © Edgar Pohl

Scott Pilgrim 1 – Das Leben rockt!


Das Leben rockt!In den letzten Jahren gab es eigentlich nur einen Comic, der das Leben wirklich gerockt hat. Mit Scott Pilgrim fusioniert Bryan Lee O'Malley Manga mit westlicher Populärkultur, ohne dabei die Form des japanischen Comics zu leugnen noch die Freude an Rockmusik und Videospielen unter den Tisch fallen zu lassen. Pünktlich zum Filmstart im Herbst ist der ungewöhnliche Manga nun auch auf dem deutschen Comicmarkt erschienen.

Spricht man über Manga, dann erzeugt das bei den meisten europäischen Comicenthusiasten immer noch Argwohn: Man misstraut den großen Kulleraugen, der merkwürdigen Maskerade der CosPlayer und den grotesk amourösen Liebesszenen. Während Erzählform und Inhalt eines Mangas in Japan sehr wohl unterschieden werden, wird er trotz zunehmender Akzeptanz in der westlichen Hemisphäre gerade wegen seiner Inhalte wie ein Eindringling behandelt. Scott Pilgrim entspricht all diesen Vorurteilen: Mit großen Kulleraugen, mit diversen amourösen Beziehungen und verkleidet wie ein durchschnittlicher Mittzwanziger kämpft er gegen unseren Argwohn und gewinnt, mit einem breiten, leicht dümmlichen Grinsen im Gesicht.

Der Held aus Bryan Lee O'Malleys gleichnamiger Comicserie wohnt in Toronto, spielt Bass in der Band Sex-Bob-Omb und hat gerade keinen Job. Dieses rockige Leben surft mit verspielter Leichtigkeit auf einer Welle von Comic-, Videospiel- und Musikzitaten: „ … offensichtlich ist einer von uns auf Professor Xaviers Schule für junge Begabte  gewesen, und einer nicht.“ Während sich O'Malley im ersten Band mit den Anspielungen noch zurückhalten kann, lässt er seinen Erinnerungen und seinen Interessensgebieten in späteren Ausgaben freien Lauf. Als Leser jagt man diesen hinterher und freut sich jedes mal wie ein Schneekönig, wenn man ein neues Zitat ausgemacht hat.

Scott und das SchulmädchenGroßartig ist dieser Manga aber nicht deshalb, weil O'Malley während seiner Jugend ein bisschen zu viel Videospiele gespielt und Alternative-Musik gehört hat, sondern weil er dazu steht und das Gefühl dieser Zeit so gut einzufangen weiß. Wie der Untertitel des amerikanischen Originals, „Precious little life“, deutlich macht, passiert hier nichts Großartiges und doch ist es so wichtig und wertvoll. Ich fiebere beim Lesen förmlich mit, wenn Scott mit seiner 16-jährigen Freundin, dem Schulmädchen Knives, Schluss machen muss, um mit Ramona Flowers gehen zu können. Es sind diese kleinen alltäglichen Kämpfe, die immer wieder ausgefochten werden wollen, die das Leben rocken lassen.

Ganz in Schwarz-Weiß gezeichnet, passen sich die einzelnen Panels der Situation an: Kein starres Raster, sondern unterschiedliche Möglichkeiten der Panelabfolge zeigen die Stärken des Mangas und lösen die Probleme in der Erzählung. Eine Reihe von kleinen Panels, die das Auge über die Seite hetzen, wird erst durch ein ganzseitiges Layout mit entsprechender Pointe gebremst. Auch die exzessive Verwendung von Speedlines und Soundwords kommt dabei nicht zu kurz.

Einmal abgesehen von den grafischen Anleihen, borgt sich O'Malley noch etwas anderes vom Manga aus, das in Titeln wie One Piece zur vollen Entfaltung kommt: das Absurde. Genauso dämlich wie die Figuren in der LSD-Piratenkomödie, so verhält sich auch Scott: Nachdem er herausgefunden hat, wie die Internetadresse von amazon.ca lautet, bestellt er CDs und setzt sich wartend vor die Haustür, als würde jede Sekunde der Kurier vorbeikommen. Auf diese Weise ist auch zu erklären, warum Scott erst Ramonas sieben böse Exfreunde besiegen muss, um mit ihr zu gehen. Oder vielleicht auch nicht. Eben dieses aberwitzige Moment gehört auch bei so manchen CosPlay-Auftritten dazu, wenn Sailor Moon plötzlich Chuck-Norris-Witze rezitiert.

Reimen bis zum UmfallenÜbersetzerin Sandra Kentopf gelingt es zwar, den amerikanischen Slang in ein akzeptables Deutsch zu übertragen, doch wie bei fast allen amerikanischen Fernsehserien kann auch sie den  allumfassenden Wortwitz nicht retten: So hätte man z.B . ein „You’re not the boss of me“ nicht wörtlich übersetzen müssen. Der größte Schnitzer unterläuft ihr allerdings beim großen Finale: Der entscheidende Punkt, das Reimegefecht, scheint vollends an der Übersetzerin vorbeigegangen zu sein. Von insgesamt acht Versen reimen sich im Deutschen gerade mal zwei. Die anderen Verse wurden einfach wörtlich übersetzt. So bezieht sich die Pointe wohl eher auf die Übersetzungsschwäche als auf Scotts Mogelei beim Reimen: „Das reimt sich ja nicht mal!“

Bryan Lee O'Malley hat mit Scott Pilgrim eine Brücke von Japan nach Kanada geschlagen. Sowohl grafisch als auch durch seinen absurden Humor ist der Comic der perfekte Mittler zwischen zwei Kulturen und vergisst dabei nicht seine eigenen Steckenpferde. Warum sich der Panini-Verlag diesem Mut nicht angeschlossen und diesen Manga stattdessen lieber zwischen zwei sperrige feste Buchcover gepresst hat, bleibt wohl sein Geheimnis. Ein Softcover hätte dahin gepasst, wohin es gehört: in die Hosentasche eines jeden Teenagers oder Mittzwanzigers. Man möchte den Soundtrack seines Lebens doch auch nicht von einem Streichorchester vorgespielt bekommen, oder?

Scott Pilgrim – Das Leben rockt!
Panini Comics, März 2010 (
Leseprobe)
Text und Zeichnungen: Bryan Lee O'Malley
Übersetzung: Sandra Kentopf
176 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover; 12,90 Euro
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Ein wunderbares Stück Populärkultur, für dessen Umsetzung man sich ein bisschen mehr Zeit hätte nehmen sollen. Der Film kommt doch erst im Herbst.

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Abbildungen: © Bryan Lee O'Malley, Panini Comics/Oni Press


Quintos


 1937 herrscht in Spanien Bürgerkrieg. Zahlreiche Freiwillige schließen sich ohne militärische Ausbildung den Republikanern an und bilden kleinere Einheiten, die sich dem Faschismus im Lande entgegenstellen. Quintos ist die Geschichte einer solchen Gruppierung, die sich aus Männern und Frauen unterschiedlichster Nationalitäten zusammensetzt.

Gleich zu Beginn des Comics wird der Unterstützungstrupp der Republikaner, der sich in einem LKW auf dem Weg ins kleine Dorf Quimera befindet, von einer Granate getroffen. Einige sterben dabei, darunter auch ihr Anführer. Übrig bleiben lediglich sieben Personen, die sich ab sofort zu Fuß durchschlagen müssen.

Die Konstellation und die persönlichen Motive der Mitglieder dieser Gruppe bestimmen auch in großen Teilen die Dynamik in dieser Story. Unterschiedlicher könnten die Menschen in diesem Stück kaum sein: Der eine ist eigentlich Postbeamter, der andere Küchenhelfer, ein weiterer plant den großen Staatsstreich. Das Einzige, was sie eigentlich verbindet, ist das Hier und Jetzt – die Tatsache, dass sie sich schlecht ausgerüstet in einem Bürgerkrieg befinden, der für die meisten nicht einmal der ihres Heimatlandes ist.

Autor und Zeichner Andreas (richtiger Name: Andreas Martens) zeichnet ein pessimistisches Bild für seine multikulturelle Truppe vor. Von Anfang an werden Motive angezweifelt, Intrigen gesponnen und auf die Sinnlosigkeit des Unterfangens hingewiesen. Andreas' Figuren sind auch keine strahlenden Helden oder absolut überzeugte Soldaten in diesem Krieg, nein, sie sind offenkundig in eine konfliktreiche Situation geraten, an deren Auflösung sie in dieser Form nicht mitwirken können.

Unterstrichen wird die gnadenlose Chancenlosigkeit der Gruppe zum Beispiel auch durch Close-Ups der nationalistischen Soldaten, die der Deutsche Ernst (ein Mitglied der Gruppe) aus der Ferne ehrfürchtig erspäht. Oder durch das Verhalten des jähzornigen Amerikaners John, der sich von der Ausrüstung und der Disziplin des Feindes so imponiert zeigt, dass man unwillkürlich dessen Loyalität anzweifeln muss.

Es ist Andreas sehr gut gelungen, die Dynamik der sieben Hauptfiguren einzufangen. Es sind sieben Personen, die einander fremd sind und die in einer extremen Situation, auf sich allein gestellt, überfordert sind. Dass hier der spanische Bürgerkrieg als Hintergrund gewählt wurde, ist dabei weniger entscheidend, wie der Autor selbst im Anhang erwähnt, denn dieser dient nur als Vehikel, um eine auf die Figuren fokussierte Geschichte zu erzählen.

Das Ergebnis ist beeindruckend. Quintos ist ein hervorragendes Comicalbum, das mit perspektivisch stark inszenierten Bildern und einem spannenden interpersonellen Gefüge aufwarten kann. Auffallend ist aus meiner Sicht die permanent gestreute Verwendung von Zwiegeprächen. Immer wieder werden zwei Personen kurz separiert und führen unter vier Augen intensive Gespräche, sei es nun, weil sie nachts nicht schlafen können oder weil sie bei einem Waldlauf etwas zurückfallen. So darf quasi jeder mit jedem mal ein Pläuschchen halten, was für den Leser wünschenswert sein dürfte, denn durch die Dialoge erfährt man viel vom Privatleben der Gruppenmitglieder. Überdies sind sie brillant geschrieben.

So völlig beiseite wischen möchte ich die Wichtigkeit des historischen Kontextes übrigens nicht, denn in Quintos kündig sich subtil bereits das noch viel größere Unglück Europas an: der Zweite Weltkrieg. Auch aus diesem Zusammenhang heraus kann man diesen Comic also beurteilen.

Vorbildlich sind sicherlich die Aufmachung und die Ausstattung des Albums zu nennen. Finix hat sich für den zweiten Band seiner Edition Solitaire, in welcher ausschließlich Einzelalben veröffentlicht werden, wieder ins Zeug gelegt und dem Hardcovereinband Spotlackeffekte gegönnt,sowie neun Seiten redaktionellen Anhang. Abgedruckt werden hier neben Skizzen von Andreas auch ein informativer, mehrseitiger Artikel, eine Kombination aus Biografie, Bibliografie und Interview.

Leseprobe unter: http://www.finix-comics.de/vorschau/quintos_vorschau_1.html

 

Quintos
Finix Comics, Juni 2010
Text und Zeichnungen: Andreas
64 Seiten, Hardcover, 15,80 Euro
ISBN: 978-3-941236-27-1

Großartiges Comicalbum mit intensiven Texten und eindringlichen Zeichnungen. Ich bin begeistert.


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Pinocchio


 Da Pinocchio bereits 2009 in Angoulême als „Bestes Album“ gewählt und 2010 in Erlangen mit dem Max-und-Moritz-Preis als „Bester internationaler Comic“ ausgezeichnet wurde, bedarf der Comic darüber hinaus nicht wirklich mehr des Lobs. Was man jedoch tun kann: Man kann versuchen, die Stärken des Werks etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Bei näherer Betrachtung fällt auf, das Winshluss sich mit Pinocchio sowohl erzählerisch als auch grafisch allen definitiven Aussagen entzieht und so neue Maßstäbe für den modernen Comic setzt.

Was von außen wie ein hochwertiges coffeetable book aussieht, liegt etwas zu leicht in der Hand, um einen Kaffeetisch ausreichend beschweren zu können. Im Inneren setzt sich die Ungreifbarkeit fort: Die raue Oberfläche des wunderschönen Papiers schmiegt sich an die Hand an, doch stoßen die zum Teil perversen Szenen das Auge bewusst wieder ab. Diese anfängliche Ambiguität erhebt der Franzose Winshluss, der eigentlich Vincent Paronnaud heißt, zum künstlerischen Konzept. Nachdem der Autor und Zeichner in Deutschland vor allem als Co-Regisseur der Verfilmung von Marjane Satrapis Persepolis aufgefallen war, erschien im avant-verlag vergangenes Jahr nun mit der grafischen LSD-Odyssee Pinocchio sein erster Comic in Deutschland.

Winshluss’ Neuinterpretation klammert sich dabei nicht an Carlo Collodis magische Erzählung über die kleine Holzpuppe Pinocchio, die sich nichts mehr wünscht als ein richtiger kleiner Junge zu werden, sondern zerstückelt die Geschichte und setzt sie episodenhaft neu zusammen. Die Bezeichnung „Adaption“ würde dem Comic jegliche Durchschlagskraft nehmen und sie in eine bestimmte Form pressen. Obwohl das gleiche Personal verwendet wird, so nehmen die Figuren, allen voran Pinocchio, der zum flammenwerfenden Roboterjungen wird, ganz neue Rollen an. Aus Meister Gepetto wird kurzerhand ein geldgeiler Wissenschaftler und aus der kleinen Grille Jiminy wird eine Wanze,  ein groteskes Abziehbild des Autors Charles Bukowski. Winshluss hat die Charaktere so weit von ihren Originalen entfremdet, dass jegliche Interpretationsmöglichkeit zunichte gemacht wird. Das einzige was bleibt, sind entfernte Bilder der Figuren aus Collodis Geschichte, die stets einen entfernten Nachgeschmack hinterlassen, der sich nicht auflösen lässt.

Als die Welt noch in Ordnung warWinshluss entlässt seinen kleinen Roboter-Pinocchio in eine hässliche und bösartige Welt, in unsere Welt. Dem kleinen Helden fehlt nicht nur jegliche Bestrebung „ein richtiger kleiner Junge“ zu werden, sondern auch jede andere menschliche Regung. So zieht die kleine Ein-Mann-Armee intentionslos, angetrieben von einer unerbittlichen Motorik, von einem Abenteuer ins nächste. So weit entfernt Winshluss und Collodis Versionen auch sein mögen, so kommt doch immer wieder der Titel des Comics ins Spiel. Getrieben durch die Gräueltaten, die dem kleinen Roboter angetan werden, möchte man ihm einfach den Status eines menschlichen Wesens verleihen, man wünscht ihm eine unbeschwerte Kindheit, eine liebende Familie – auch wenn Pinocchio das mit keinem Wort einfordert. Nicht aber das skrupellose Militär oder der kapitalistische Spielzeugwarenhersteller sind die Illusionen, sondern das ersehnte Familienidyll wird zu einer  reinen Wunschvorstellung. Die märchenhafte Geschichte wird durch unseren brutalen Alltag jäh unterbrochen und als kindische Fantasie demaskiert.

Der arme kleine RoboterDen großen narrativen Rahmen hat Winshluss mit seinem Pinocchio gespannt, doch überzeugt er auch im Kleinen, von Panel zu Panel. Ganz ohne Worte steuert er seinen Roboter und den Leser durch ein Szenario, das grafisch an die Comic-Strips der 1950er Jahre erinnert. Sowohl Gestik und Mimik der Akteure als auch der simple Panelaufbau geleiten die Augen sicher über die einzelnen Seiten. Doch auch die grafische Darstellung lässt sich nicht so leicht fixieren. So schwankt Winshluss zwischen dem nostalgischen Stil auf der einen und den perversen Ausschweifungen der Undergroundcomix auf der anderen Seite. Zu Beginn der Geschichte sind diese beiden Welten noch brav voneinander getrennt, aber bereits nach wenigen Seiten dringt das alltägliche Perverse in die wohlbehütete Welt ein.

Um sich nicht in der Geschichte von Pinocchio festzufahren, lockert Winshluss seinen Comic durch die Abenteuer der kleinen Wanze Jiminy auf, die in Pinocchios Kopf wohnt. Diese Episoden erzeugen einen harschen Kontrast zur eigentlichen Geschichte: Winshluss legt für einen Moment die stimmungsvolle Kolorierung beiseite und beschränkt sich für diese Episoden auf  schwarzen Zeichenstift. Im Gegensatz zu den restlichen Akteuren nimmt die kleine Wanze dem Mund ganz schön voll und kotzt einen regelrechten Wortfluss à la Charles Bukowski aus: Vom Trinken, von Frauen, vom Schreiben, vom Sex, von Religion und von Elektroschockern philosophiert Jiminy.

Auch wenn deutsche Comickünstler auf dem diesjährigen Comic-Salon Erlangen merklich an Renommee dazu gewonnen haben, so sind Franzosen noch immer die Herren im Haus, das sich BD nennt. Während man sich hierzulande noch an authentische Adaptionen und an der Aufarbeitung von historischem Stoff festklammert, bringt man in Frankreich Comics über sieben Sadomaso-Zwerge und Selbstmordpinguine heraus und überzeugt damit ganz Europa.

Pinocchio
avant-verlag, Dezember 2009
Text und Zeichnung: Winshluss
Hardcover, 188 Seiten, farbig; 29,95€
ISBN: 9783939080404

Hervorragend!

Eine fabelhafte LSD-Odysee, die grafisch und erzählerisch Spannung erzeugt und die Gehirnwindungen in Wallung bringt.

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Abbildungen: © Winshluss, der dt. Ausgabe avant-verlag