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Sin City 4: Dieser feige Bastard


zur Rezension von Benjamin

Rezension von Frauke:

Mit dem vierten Band komplettieren sich die Vorlagen zum 1. Sin-City-Film (dem Inhalt von Band 2 begegnet man erst im 2. Film). 
Eines der schönen Dinge an Sin City ist, dass die Bände unabhängig voneinander sind, so dass man auch mittendrin einsteigen kann. Für Stammleser gibt es allerdings immer wieder das ein oder andere Schmankerl. So findet man hier z.B. Dwight aus Band 2 in der Bar oder die Anwältin Lucille als Nebenfiguren wieder.

Hartigan ist ein Cop, der aufgrund einer Herzerkrankung bereits mit Ende fünzig in den frühen Ruhestand gehen soll. An seinem letzten Arbeitstag bekommt er allerdings von einem Spitzel eine Information, die sein restliches Leben beeinflussen wird.
Der Sohn des Senators Roark steht darauf, sich an kleinen Mädchen zu vergehen und sie anschließend zu töten. Allerdings konnte ihm dies noch nicht nachgewiesen werden. Nun hat er wohl gerade sein viertes Opfer in den Klauen. Hartigan setzt alles daran, die elfjährigeNancy Callahan zu retten – auch wenn er dafür zuerst seinen übervorsichtigen, schmierigen Kollegen Bob k.o. schlagen muss.
Die Rettungsaktion gelingt, wobei sich Hartigans schwaches Herz immer wieder bemerkbar macht. Entgegen aller Dienstvorschriften entwaffnet und verstümmelt er dabei Rourke junior. Daraufhin niedergeschossen von Bob erwacht er in einem Krankenhaus, obwohl er mit seinem Tod gerechnet hätte. Aber der mächtige Senatorenvater hat sämtliche Operationen bezahlt, um ihn für den Rest seines Lebens leiden zu lassen. Ihm wird zur Last gelegt, der gesuchte Kinderschänder zu sein, obwohl er sich standhaft weigert, ein Geständnis zu unterschreiben. Sagt Hartigan irgendjemandem die Wahrheit, so wird derjenige sterben, droht der Senator.
Die nächsten Jahre verbringt der Ex-Cop im Gefängnis, damit lebend, dass jeder, selbst seine Frau, ihn als angeblichen Vergewaltiger und Mörder verachtet. Das Einzige, was ihm am Leben erhält, sind die wöchentlichen Briefe von Nancy, in denen sie aber nie ihren Namen oder sonstige persönlichen Dinge, die ihre Identität preisgeben könnte, verrät.
Nach acht Jahren stoppen auf einmal die Briefe, und Hartigan findet stattdessen einen abgeschnittenen Zeigefinger in seiner Zelle. Beinahe wahnsinnig vor Angst, dass irgendjemand Nancy als Absender herausgefunden haben könnte, ist er nun bereit, alles zu unterschreiben, nur um aus dem Knast herauszukommen und nach Nancy zu suchen.
Dabei wird er von einem geheimnisvollen Mann verfolgt, der ihn bereits einmal im Gefängnis besucht und niedergeschlagen hatte. Seine Merkmale: ein bestialischer Gestank und eine merkwürdige, leuchtend gelbe Hautfarbe…

Ja, richtig gelesen, in diesem Band wird Sin City zum ersten Mal farbig – allerdings nur gelb, und auch nur, wenn besagter Fiesling auftaucht. Ein interessanter Effekt, der die Fremdartigkeit des „feigen Bastards“ in der schwarzweißen Welt noch verstärkt (“yellow“ steht nicht nur für „gelb“, sondern auch für „feige“).

Sin City 4 zeigt, dass das Ganze mal wieder mehr ist als die Summe seiner Teile. Denn eigentlich gibt es so einiges zu bemeckern: Frank Miller unterlaufen zeichnerische Schnitzer. Wenn man einen vergrößerten Frauenkopf auf einen Körper mit Kinderklamotten propft, so sieht das Ergebnis nicht wirklich überzeugend aus wie ein elfjähriges Mädchen.
Hartigan würde man sicher nicht auf Ende fünfzig bzw. später Mitte sechzig schätzen. 
Manche Perspektiven sind grandios, andere eine Katastrophe, denn die Körper wirken deformiert. 
Aufgepumpte Ballons und Haare, die aussehen wie das Fell einer elektrisch aufgeladenen Katze, machen noch keinen schönen Frauenkörper.
Auch um die Logik scheint sich Miller an manchen Stellen nicht allzu sehr zu kümmern.

Und trotzdem: Dieser feige Bastard ist ein unter die Haut gehender Thriller, der mitreißt und den man sicherlich trotz seines Umfangs (er hat deutlich mehr Seiten als jeweils die ersten drei Bände) in einem Rutsch durchlesen wird. Die Thematik – ein ehrenhafter Mann alleine gegen das Böse – kommt einem zwar schon recht bekannt vor bei Sin City, trotzdem ist der Comic spannend genug, dass er durchaus seine Daseinsberechtigung hat in dieser Stadt. Durch seine straffe Erzählung ist er momentan mein Lieblingsband der Reihe. Und die wiederkehrenden Nebenfiguren sind das i-Tüpfelchen. Eine farbige Covergalerie und vier Pin Ups runden Band 4 ab. fp

Rezension von Benjamin:

Wenn die Geschichte von John Hartigan, herzkranker und kurz vor der Pensionierung stehender Cop, im vierten Band erzählt wird, findet man schnell heraus, dass dessen Schöpfer Frank Miller eigentlich nur seine vorhergehenden Werke kopiert. Ein ehrenhafter Einzelkämpfer mitten in der korrupten, sündigen Metropole.
Spätesten seit Dwight und Marv ist das keine sehr neue Idee. Der unbedingte Wille, der unbändige Antrieb aus Liebe zu einer gutaussenden Frau, eine wie die „süße kleine Nancy Callahan“, wie Miller selbst in Hartigans Story nicht müde wird zu betonen.
Auch dieses Vorbild wurde mit Ava und Goldie in den ersten beiden Bänden verbraten. Und Hartigan selbst erinnert als Gesetzeshüter mit eigener Moralvorstellung und der Nix-zu-verlieren-Einstellung nicht von ungefähr an den alternden Batman aus Millers DC-Klassiker „The Dark Knight returns“.

Lustlose Wiederholung? Langweilig für den Leser? Nicht bei der brillanten Serie Sin City. „Dieser feige Bastard“, so der Name des vierten deutschen Hardcovers von Cross Cult, ist ein dickes Machwerk (wesentlich länger als die vorherigen Stories), das man ab einem gewissen Punkt einfach in einem Rutsch zu Ende lesen muss. Man kann nicht anders. Durch Monolog-Boxen staut Miller die Handlung, die er dann immer wieder durch stumme ganzseitige Splashpages gekonnt und imposant zu unterbrechen vermag.

Das, was Hartigan durchmacht, die acht Jahre im Gefängnis, in das er nur aufgrund Senator Roarks Lügen und Einfluss kam und das er auch nur wegen genau diesem überhaupt noch erleben „durfte“. Roark will Rache für seinen Sohn, er will Hartigan leiden sehen. Doch da ist er nicht der Einzige, denn Roark Junior ist längst nicht am Ende. Und er hat es zum zweiten Mal auf die süße kleine Nancy Callahan abgesehen.

Nur noch das überleben, die letzte Mission, noch einmal das kaputte Herz ignorieren, dann kann Hartigan sterben. Junior endgültig zur Strecke bringen, den gelben Bastard leiden lassen.

„Dieser feige Bastard“ ist Sin City auf die Spitze getrieben. Obwohl aus bereits bekannten Stereotypen bestehend, ist dieser Band im Gesamtbild unheimlich innovativ geraten. Und das nicht nur, weil zum ersten mal Farbe vorkommt (eine, genau gesagt).

Altbekanntes Konzept, noch länger, noch mitfühlender, überraschender und spannender.

Die Geschichte endet mit einem Knall, der Leser schluckt, klappt seine perfekte, fette Hardcoverausgabe zu und legt sie voller Ehrfurcht zur Seite.

Ein großer Klassiker. bv

Frank Miller’s Sin City 4: Dieser feige Bastard
Cross Cult
2005, 240 Seiten, Hardcover; 24,80 Euro
ISBN 3936480141

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A.K.A. – Überraschung!

Chris Deutsch – man könnte mittlerweile fast sagen, er folgt einer Tradition – hat sein Kommunikationsdesign-Studium in Mainz mit einem Comic abgeschlossen; A.K.A. – Überraschung! ist seine Diplomarbeit.

Dass dabei innovative und belebende Comics entstehen können, hat ja z.B. schon held von Flix gezeigt.

A.K.A. bestätigt diese Beobachtung. In frischen Szenen und Dialogen wird von den drei Freunden Alex, Kim und Andy (=A.K.A.) erzählt, bei denen es beziehungstechnisch etwas durcheinander geht. Die Technik ist ebenfalls interessant: hauptsächlich vor bearbeiteten Fotos, aufgenommen in Mainz und Saarbrücken, lässt Chris seine Figuren agieren. Aber auch vor Strichmännchen scheut er nicht zurück, wenn er Situationen erklärt oder seinen Gedanken freien Lauf lässt.

Andy und Alex (die Figur, die aussieht wie Jay aus „Jay and Silent Bob“, nur weniger geschwätzig ist) waren ein Paar, das sich getrennt, aber nach einem großen Streit ausgesöhnt hat, wie man in Rückblenden erfährt. Während Andy dann für ein Semester nach Australien ging, kamen Alex und der gemeinsame Freund Kim zusammen. Nun holen die beiden Andy vom Bahnhof ab und versprechen ihm eine große Überraschung: sie wollen ihm mitteilen, dass sie ein Paar und sogar zusammengezogen sind. Dummerweise vertraut noch vor dieser Bekanntmachung Andy Kim an, dass er es nicht ertragen könnte, Andy bereits wieder in einer Beziehung zu sehen…
Und so nimmt der Tag der drei seinen Lauf. Kim und Alex überlegen sich ständig abstruse Ersatz-Überraschungen, denn die Wahrheit wollen sie ihrem Freund nicht antun. Und da auch noch das Auto kaputt ist und sie zu Fuß laufen mussen, entwickelt sich das Ganze zu einem Road-Movie-Comic der besonderen Art.

Chris Deutsch überzeugt in seinem Comicdebüt mit Situationskomik, originellen Einfällen und real wirkenden Dialogen.Bei der großen Bandbreite in der Mimik der Figuren erschließt sich schnell die momentane Stimmung. Auch wenn er manchmal etwas abstrus abgleitet, gibt einem der Comic beim Lesen ein authentisches Gefühl. Und obwohl er einige Erfahrungen aus seinem Leben aufgreift, sei A.K.A. nicht autobiographisch zu verstehen, wie Chris in dem Interview bei uns erzählt.

Auf einen der interessanten Punkte bin ich noch gar nicht eingegangen: die Namen und das Aussehen (Gesichter, Frisuren, Kleidung) der drei Freunde sind bewusst geschlechtsunspezifisch gewählt. Es soll offen gelassen werden, ob es sich um Jungs oder Mädels haltet, da Chris sich dadurch eine interessantere Dynamik innerhalb der Gruppe verspricht.
Die Idee ist nicht uninteressant, kommt aber meiner Meinung nach nicht vollends beim Leser an. Für mich waren die drei eindeutig männlich – wenn nicht über das Aussehen, so doch über das Verhalten definiert. Diese Zuordnung hatte aber keinen Einfluss auf die Geschichte.
Das bewusst kindliche, indifferente Aussehen stellt sich dann aber selber ein Bein; es will sich nicht wirklich mit Autofahren, Kiffen, ernsthaften Beziehungen und Zusammenwohnen vereinbaren lassen.

Kleinere Fehler in der Logik und ein paar zu ausschweifend erzählte Geschichtchen trüben nicht das Lesevergnügen. A.K.A. schwelgt gleichzeitig in Fantasie und Realität, ist witzig und kurzweilig und zeigt seinen Autor als aufmerksamen Beobachter, auch und gerade von Alltagskuriositäten.
Für Leser, die tiefgehende Geschichten erwarten oder in Bildern versinken wollen, ist der Comic aber sicherlich nicht geeignet. Hier geht es viel um’s Erzählen und weniger um’s Anschauen. Auch wird er wohl eher den Geschmack der jüngeren erwachsenen Leser zwischen zwanzig und dreißig treffen.

Zusammenfassend: ein toller, lockerflockiger Start mit einer für den Epsilon Verlag ungewöhnlichen Eigenproduktion! Ich hoffe, wir werden noch mehr von Chris Deutsch sehen.

Übrigens lässt der Epsilon Verlag für mache Comics sogenannte Trailer produzieren, in denen der Comic vorgestellt wird und man neugierig gemacht werden soll. Auch für A.K.A. gibt es solch einen Trailer. Allerdings wird er meiner Meinung nach dem Comic nicht gerecht (bei Der Feind hat das besser funktioniert). Man versteht zwar, worum es gehen soll, die Untertöne und der Witz des Comics bleiben aber auf der Strecke. Dazu kommt noch die recht billig wirkende Tonuntermalung. Wer sich’s angucken will: hier klicken (Flash-PlugIn erforderlich) aber bitte nicht vom Trailer auf den Comic schließen.
 

A.K.A. – Überrraschung!
Epsilon Grafix
Text und Zeichnungen: Chris Deutsch
70 Seiten, s/w, Softcover; 7,50 Euro


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Website von Chris Deutsch

A.K.A. beim Epsilon Verlag 

Pandimaniacs (Onlinecomic von Chris und Ben Deutsch)

Bildquelle: Chris Deutsch

Sin City 3: Das große Sterben

Shelley versucht, cool zu bleiben. Draußen steht ihr Ex-Freund Jack. Er ist betrunken und hämmert gegen die Tür. Hoffentlich verschwindet er wieder. Reinlassen kann sie ihn nicht. Schließlich ist ihr neuer Lover Dwight hier, das gäbe eine Katastrophe. Man ahnt: Mit Das große Sterben erwartet uns eine rasante Achterbahnfahrt durch die Abgründe von Sin City. Frank Millers dunkler Traum geht weiter.

Shelley stehen Schweißperlen auf der Stirn. Die Barfrau weiß nicht so recht, was sie tun soll. Sich auf Jack einzulassen war ein Fehler. Plötzlich steht er in ihrer Küche, begleitet von vier Kumpanen, die den Kühlschrank durchstöbern. Die Situation wird brenzlig. Jack fackelt normalerweise nicht lange, wenn er etwas will. Als Jackie-Boy zum Pinkeln geht, reißt Dwight der Geduldsfaden. Shelleys aktuelle Flamme ist ein durchtrainierter Detektiv und nimmt die Dinge gerne selbst in die Hand.

Kaum hat Jack seine Hose geöffnet, packt Dwight den Macho, bedroht ihn mit einem Rasiermesser und macht ihm klar, dass er Shelley in Ruhe lassen soll. Er drückt Jack auf Tauchstation in die Kloschüssel. Bevor der jähzornige Ex untertaucht, stößt er eine Warnung aus: „Du machst einen Fehler, Mann, einen großen Fehler!“ Dwight wird eine ganze Weile brauchen, um dahinter zu kommen, was Jack gemeint hat. Da ist es allerdings bereits zu spät. Die Karre muss erst gründlich gegen die Wand gefahren werden, damit die Geschichte richtig losgeht. Oder gehören das Vorspiel und der harte Aufprall schon dazu?
Die Luxus-Ausgabe von Frank Millers Meisterwerk Sin City ist ihr Geld wert. Hardcover, dickes Papier, guter Druck – da schlägt das Herz des Comicfreundes höher. Lediglich am Textlektorat könnte noch gefeilt werden, denn hin und wieder schleichen sich Fehler im Lettering ein. Wie schon in den vorherigen Bänden würzt der Herausgeber Cross Cult die Lektüre mit einigen Extras. So finden sich bei der dritten Ausgabe eine Bildergalerie am Anfang und am Ende des Bandes.

Frank Miller peitscht die Handlung voran wie ein irrsinniger Fuhrknecht. Wie Filmstreifen ziehen die schwarzweißen Bilderfolgen am Auge des Lesers vorbei. Vulgär und blutrünstig geht es zur Sache. Millers Visionen einer überzeichneten Großstadt, durchsetzt von übersteigerter Gewalt, machen Das große Sterben zu einem wahrhaften Adrenalinschub. Da ist es zu verzeihen, dass die Charaktere manchmal etwas zweidimensional und stereotyp wirken.

Frank Miller’s Sin City 3: Das große Sterben
Cross Cult
2005, 186 Seiten, Hardcover; 19,80 Euro
ISBN 3-936480-13-3

Queen & Country – Operation: Saddlebags & A Gentleman’s Game (US)

Operation: Saddlebags ist, wie auch schon der Vorgängerband Operation: Dandelion, das, was man am ehesten als Füllmaterial bezeichnen würde. Keine große, die Welt oder – schlimmer noch – England bedrohende Verschwörung, sondern er zeigt in der ersten Geschichte primär weitere Details über den Charakter und den Hintergrund von Hauptfigur Tara Chase.
Die zweite Storyline in diesem Paperback bietet dann ein bisschen Spionageaction, aber im Vergleich zu dem, was wir bisher in der Serie erlebt haben, ist auch die eher beschaulich. Eigentlich dient die zweite Storyline auch primär dazu, das Personalkarussel bei der Special Section von Englands Geheimdienst etwas weiter zu drehen.

In den letzten drei Paperbacks hat Rucka die Ausgangssituation vollkommen auf den Kopf gestellt, wir haben in kurzer Folge drei neue Figuren und einen neuen Geheimdienstchef gesehen, und damit macht Greg Rucka in diesen Paperbacks erneut klar: Queen & Country ist eine Geheimdienstseifenoper, aber eine der besseren Sorte. Anders als in anderen Comics, in denen oft mit Neuerungen und Änderungen geködert wird, am Ende der Status Quo jedoch erhalten bleibt, kann in Ruckas Agentenuniversum tatsächlich alles passieren und – vermutlich mit der Ausnahme von Hauptfigur Tara Chace – ist keine Person davor gefeit, plötzlich ins Gras beißen zu müssen. Operation: Dandelion bietet mehr von dem, was man kennt und erwartet. Wenn man die Serie verfolgt, kommt man ohnehin nicht umhin, sich seinen Fix abzuholen, aber ich möchte dann doch, dass die Serie sich langsam wieder von der Büropolitik und den politischen Ränkespielen löst und eine etwas größere Agentenstory bietet.
Etwas, das mehr Zug hat…

 … und genau da kommt A Gentleman’s Game zum Tragen, der erste Queen & Country-Roman, der nahtlos an Operation: Saddlebags anknüpft. Es wird relativ schnell klar, dass Rucka die letzten zwei Paperbacks bewusst zurückhaltender hat ausfallen lassen, weil er sich sein Pulver für diese Geschichte aufsparen wollte und weil er die Gelegenheit genutzt hat, seine Figuren in eine Position zu manövrieren, mit der A Gentleman’s Game beginnen kann.

Tatsächlich ist das hier wahrscheinlich die bisher finsterste Queen & Country-Geschichte, die uns geboten wurde. Beginnend mit drei Anschlägen islamistischer Fundamentalisten auf das Londoner U-Bahnsystem (das Buch wurde 2004 in Hardcover-Form veröffentlicht, also vor den Juli-Anschlägen London, und auch wenn die Ähnlichkeiten nur oberflächlich sind, so ist das Ganze doch irgendwie bedrohlich nahe an der Realität) wird hier eine Geschichte gesponnen, die illegale Geheimdienstoperationen im gesamten Nahen Osten bietet und schließlich darin gipfelt, dass die britische Regierung gewillt ist, ihre Top-Agentin Tara Chace aus politischen Gründen aufzugeben.

Insofern ist A Gentlemen’s Game Queen & Country in Reinform. Große Geheimdienstaktivität, politische Intrigen, persönliche Krisen und ein gut abgewogener Mix aus fiktiven und realen Personen, Gruppierungen und Ereignissen, die dem Buch einen sehr aktuellen Anstrich verpassen.

Ruckas Prosa ist nicht revolutionär, tut aber ihren Job vollauf. Er begnügt sich mit knappen Beschreibungen von Orten und Personen, manchmal vielleicht zu knapp, aber für den Lesefluss eines Agententhrillers, der konstante Spannung bieten sollte, ist das angemessener als ausladende, epische Beschreibungen. Queen & Country-Veteranen brauchen diese Beschreibungen meist eh nicht, da viele Handlungsorte und Figuren schon aus den Comics bekannt sind. In Sachen Spannung liest sich das Buch wie einer der kurzen Tom-Clancy-Romane aus den Achtzigern, ehe der Mann begonnen hat, zweitausend Seiten lange amerikanisch-nationalkonservative Masturbationsphantasien zu entwerfen. Und, was Clancy nie geschafft hat, Rucka beweist auch weiterhin, dass er in der Lage ist, gute Charaktere zu entwerfen. Zumindest auf der Seite der Engländer. „Die Bösen“, die arabischen Terroristen, bleiben eher schablonenhaft und belanglos. Dafür haben „die Guten“, Tara Chace und ihr Boss Paul Crocker, ebenso wie die britische Regierung, Tiefen und dunkle Seiten, die gut ausgeleuchtet werden. Hier ist es sicher ein Vorteil für Rucka, dass er die Gedanken und Gefühle der Figuren direkt in die Geschichte einweben kann, während die Comics konstant auf Captions oder Gedankenblasen verzichtet haben. Das ermöglicht es Rucka, seinen Protagonisten mehr Emotionen zuzugestehen und wirklich intime Geständnisse aufs Papier zu bringen. Gedanken, die die Figuren nie aussprechen würden und die darum im Comic schwer bis gar nicht zu kommunizieren sind.

A Gentleman’s Game ist ohne Zweifel die bisher beste, spannendste und fesselndste Queen & Country-Geschichte. Fans der Serie kommen um das Buch ohnehin nicht herum, da es essentieller Teil der großen Rahmenhandlung ist und erneut alles über den Haufen geworfen wird, was bisher als gegeben galt.
Aber auch für Neueinsteiger bietet sich A Gentleman’s Game an. Rucka baut zwar auf seine Vorgeschichte auf, bietet aber genug kurze Passagen, um neue Leser nicht zu verwirren oder im Dunkeln tappen zu lassen. Dabei sind diese Passagen gleichzeitig auch kurz genug, um die, die das alles schon wissen, nicht zu langweilen. Kurzum: Vorwissen verbessert das Lesegefühl, ist aber keine Voraussetzung, um A Gentleman’s Game zu genießen. Einer der besten Agenten-Thriller, den ich in den letzten Jahren gelesen habe, und eine großartige Gelegenheit, den Einstieg ins Queen & Country-Universum zu wagen.
Operation Saddlebags
Text: Greg Rucka
Zeichnungen: Mike Norton, Steve Rolston
Oni Press
144 Seiten
ca. 14,50 Euro
ISBN: 1932664149

A Gentleman’s Game
Text: Greg Rucka
Bantam Books
481 Seiten, Paperback
ca. 7 ,- Euro
ISBN: 0553584928

Bildquellen:
Operation: Saddlebags von onipress.com
A Gentleman’s Game von amazon.com

Der Kri-Ticker #53

Diesmal mit dabei: Didi & Stulle #4: Endstation Mars, Aspen #1, Katze, Fats Waller, Spider-Man und die neuen Rächer #1, acht, neun, zehn, Fables Vol.1: Legends In Exile, Spring #1+2, Fell #1 und Berlin 2323.
Besprochen von Frauke Pfeiffer (fp), Benjamin Vogt (bv) und Thomas Kögel (tk).

DIDI UND STULLE #4: ENDSTATION MARS

Reprodukt
Gott geht zusammen mit dem Teufel auf einen LSD-Trip. Didi und Stulle fahren mit einem fliegenden Big-Brother-Container zum Mars und werden im All von Alienpiraten gekidnappt. Und Stulles geklonter Bruder erwacht nach hundert Jahren im Kühlschrank in einem atomar zerstörten Berlin und trifft dort auf den als Tod verkleideten Michael Jackson. Da soll noch einer sagen, Comics seien unrealistisch!
Fils schräge, fast durchgehend in Berliner Dialekt geschriebene Stories sind wahrscheinlich das Abgefahrenste, aber ganz sicher das Lustigste, was ich in diesem Jahr gelesen habe. Ein Glück, dass der Stoff nicht nur in der Berliner „zitty“, sondern nach längerer Pause auch wieder als Sammelband bei Reprodukt erscheint und damit republikweit verfügbar ist. Zugegeben, Fils Humor ist nicht ganz massenkompatibel und wird nicht jedem gefallen, aber wie sagt Stulle so schön: „Ach muss man denn imma allet faschtehn?“ tk

ASPEN #1
Infinity
Aspen, die hübsche Meeresbiologin mit der speziellen Verbindung zum Unterwasservolk „Die Blauen“ ist wieder zurück. Wusste sie zuvor bereits in der ebenfalls von Michael Turner gestalteten Serie „Fathom“ zu überzeugen, so wirkt auch ihr Auftreten in ihrer „persönlichen“ Reihe sehr imposant. In Heft 1, das nicht wie „Fathom“ bei Top Cow, sondern in Turners neuem Eigenverlag erschien, geben sich die eindrucksvollen Wasserszenen die Klinke in die Hand. Wunderschöne Meereswesen, hohe Wellen, hübsche Frauen. „Aspen“ hat grafisch einiges zu bieten. Michael Turner, dessen Einheitsgesichter ihm hier verziehen seien, hat mit dieser neuen Produktion vor allem grafisch mit einem Facettenreichtum sondermaßen (geniales Farbenspiel) überzeugt. Inhaltlich passiert auf den wenigen Seiten des ersten Heftes noch nicht sehr viel. Aber mit der altbekannten Heldin, dem starken Zeichner und dem eigentlich ganz guten Autor Geoff Johns kann man sicherlich einiges erwarten. Und die neue Bedrohung kündigt sich auf den letzten Seiten ja schon mal an. Macht Lust auf mehr. bv

KATZE – LEICHT RUMZUKRIEGEN, SCHWER LOSZUWERDEN
Schwarzer Turm
„Katze“ ist die Band von Klaus Cornfield, der auch Comics zeichnet. Beides vereint er in seinen Comicstrips zur Band „Katze“, die im Musikmagazin „Intro“ erscheinen und nun gesammelt von Schwarzer Turm in einem Piccolo herausgegeben werden. Die Strips erzählen meist von den Widrigkeiten und Eigenheiten einer aus zwei Katern und einer Katze bestehenden Band und das ziemlich durchwachsen von witzig über skurril bis banal. Dazu tun Magenta, äh, Pink meine ich,  und Votka mit „t“ meinen Augen weh (und ja! das reimt sich, wie ich gerade gemerkt habe), so dass mich die Sammlung nicht komplett überzeugen konnte, sie bedingungslos in mein Herz zu schließen. Trotzdem: für Musiker mit Gruppendynamikerfahrungen und probengequälte Bands eine recht amüsante, kurzweilige Lektüre, in der sie sich vermutlich oft wiedererkennen werden.
Die Website der realen Band: www.katze-rock.de fp

KATZE – LEICHT RUMZUKRIEGEN, SCHWER LOSZUWERDEN
Schwarzer Turm
Klaus Cornfields neue Band  „Katze“ gibt’s nicht nur auf CD und auf der Bühne, sondern auch als Comic, denn die Band (dargestellt als süße Miezekätzchen) ist auch Hauptdarsteller einer Stripserie. Cornfields bisherige Comics schwankten zwischen niedlich („Foufou und Ha-Ha“) und derb („Kranke Comics“) – die Katze setzt sich genau in die Mitte: niedliche Figuren mit rotziger Punkrock-Attitüde. Die kleinen Episoden erzählen davon, wie das so ist mit einer Band. Tourneestress, Studiosessions und die Frage, wo der Drummer seinen Pinüpel gelassen hat. Hier wird fröhlich und unverkrampft mit den Klischees von Sex & Drugs & Rock’n’Roll gespielt.
Formal halten sich die Comics (schwarzweiss mit kleinen rosa Farbtupfern) an die klassischen Zeitungsstrips: drei Panels, wobei es am Schluss nicht zwingend immer eine Pointe geben muss. Gesammelt werden die ersten 29 Strips in einem hübschen kleinen Piccolo-Heftchen, das am Merchandisestand auf der Katze-Tour sicher ein Bestseller wird. tk

FATS WALLER
Avant-Verlag
Erzählt wird die Lebensgeschichte des legendären Jazz-Komponisten Thomas „Fats“ Waller. Wir sehen einen zur damaligen Zeit von allen Seiten hoch gelobten, genialen Musiker, dessen Kreativität aber immer wieder von der finanziellen Not und dem Hang zum Alkohol abhängig war. Teilweise entstanden dadurch auch gezwungenermaßen erst viele der geliebten Songs (Waller war durch den Druck sehr fleißig), andererseits machte das den stämmigen Amerikaner aber auch zu einer unglücklichen Figur. Der italienische Künstler Igort („5 ist die perfekte Zahl“) bringt beim Avant-Verlag schon sein zweites dickes Album, auf feinsten kartonierten Seiten gedruckt, unter. Und auch dieser, nach einem Szenario des argentinischen Autors Carlos Sampayo gestaltete Comic wirkt unglaublich gut. Der Wind der späten 30er Jahre weht durch ihn. „Fats Waller“ bleibt bei weitem nicht bei den rein biografischen Elementen, vielmehr fängt er die Stimmung einer ganzen Generation ein. Mit immer wieder eingeblendeten Nebenschauplätzen (Faschismus in Deutschland und Österreich, Bürgerkrieg in Spanien) wirkt die Gesamtgeschichte auf den ersten Blick bruchstückhaft. Was sie zusammenhält, ist der Hauch von Jazzmusik, der fast rhythmische Szenenwechsel, das Leben von Fats Waller, von Igort und Sampayo in eine melodische Comic-Platte gepresst. Nicht umsonst wurden die beiden Kapitel mit Side A und Side B betitelt. Herrliches 30er-Jahre-Feeling mit äußerst interessantem historischen Hintergrund, stilvoll gezeichnet. bv

SPIDER-MAN UND DIE NEUEN RÄCHER #1
Panini / Marvel Deutschland
Sperriger Titel, spektakulärer Inhalt? Naja, zumindest versuchen Brian Bendis und David Finch das Team der Ruhmreichen Rächer von einer ganz neuen Seite anzugehen. Leider wirken ihre ersten beiden Ausgaben der „New Avengers“ (so der Originaltitel der Serie) für mich zu künstlich. Bendis verliert sich bisweilen in Sensationsgelüsten. Das war schon beim vorangegangenen Event „Heldenfall“ so und wird auch in diesem Heft konsequent fortgesetzt. Besonders negativ fallen hierbei die recht sinnfreien Tode einiger Kostümierter, der obligatorische Massenauflauf der Schurken und die unnötige Düsternis in Finchs Zeichnungen auf. Letzteres soll wohl als deutliches Zeichen für den radikalen Schnitt innerhalb des einst so strahlenden Heldenteams gelten. Und unbestritten sind die neuen Rächer auch ganz amüsant zu lesen und bieten viele neue Ansätze. Trotzdem, was Bendis abliefert, ist grade für seine Verhältnisse einfach zu platt. Die neue Besetzung, ein kommerzielles All-Star-Team mit Spider-Man und Wolverine, außerdem Luke Cage. Und Daredevil ist zumindest in Teil 1 auch irgendwie vertreten. Wie könnte diese Reihe also kein Verkaufsgarant werden? So werden die Figuren aus den von Bendis selbst genial geschriebenen Reihen „Alias“ und „Daredevil“ in ein komplett undurchsichtiges Konstrukt aus Zwang und Effekthascherei geführt (was auch für Mainstream-Gegurke wie „Secret War“, „The Pulse“ und „Heldenfall“ gilt), aber was soll’s? Schlechter Bendis, solider Finch, kein überragendes, aber anschauliches Lesevergnügen. bv

ACHT, NEUN, ZEHN
Reprodukt
Es passiert nicht besonders viel in dieser Geschichte – aber genau darum geht es: Christoph hat Sommerferien, bevor er (zum zweiten Mal) in die zehnte Klasse kommt; und diese Zeit verläuft ziemlich langweilig. Selbst als er Miriam kennenlernt und sich die beiden näherkommen, bricht Christoph nie in Euphorie aus. Ein wenig schluffig sieht er aus, wie auf dem Cover, mit hängenden Schultern und Mundwinkeln. Sogar wenn er mal lächelt, muss man sehr genau hinsehen, um das zu erkennen. Parallel zu Christoph begleiten wir auch seine Mutter, deren Verhältnis zum Sohn nicht das beste ist, und die nach Jahren der Trennung Christophs Vater wiedersieht.
Arne Bellstorfs erster langer Comic ist eine Teenagergeschichte, die in sehr leisen Tönen vom Erwachsenwerden erzählt. Ohne pubertäre Witze, ohne Vergangenheitsverklärung, dafür mit einer guten Portion Melancholie und Tristesse. Trotzdem ist die Stimmung am Ende nicht so deprimierend wie z.B. bei Chris Ware (der unverkennbar zu Bellstorfs Vorbildern zählt). Die Schlussszene mit ihren kleinen, unscheinbaren Gesten ist schon fast eine Art Happy End. tk

FABLES VOL.1: LEGENDS IN EXILE (US-Ausgabe)
DC Comics/Vertigo
„Fables“ gehört zu jenen Serien, von denen ich eigentlich bisher nur Gutes gehört habe. Und da eine lange von mir erhoffte deutsche Umsetzung auch weit und breit nicht in Sicht ist, beschloss ich, mir doch endlich mal den ersten US-Sammelband zu ordern. Und ja, es hat sich gelohnt. Schon die erste Storyline zeigt die Richtung, in die die Serie geht, und schließlich versteht man dann auch, warum sie so gute Resonanz bekommt. „Fables“ beschäftigt sich mit dem „realen“ Leben aller Märchen-, Fabel- und Mythenwesen. Sie leben in einer Art selbst verwalteter, verdeckter Gemeinschaft in New York. Mit Snow White als Vorsteherin, die sich um die Belange der anderen Figuren kümmert und dem bösen Wolf (so böse wirkt er hier aber gar nicht) als Ermittler für innere Angelegenheiten. „Fables“ ist ein Riesenspaß, die Charaktere wirken weder süß noch lächerlich, sondern leben praktisch unbemerkt unter den Menschen. Mit dem ersten Zyklus, der die Frage stellt „Who killed Red Rose?“, führt uns Autor Bill Willingham in Fabletown ein und man lernt erste Beziehungen der Personen zueinander kennen. Bezaubernde Fantasy in realer Umgebung, ein spannender Krimiplot, ein ganz starker Serienanfang. bv

SPRING #1+2
„Innere und äußere, aufgezwungene und willkommene, unwillkürliche, emotionale, gedankliche, naive, komische und tragische, und bisweilen ganz wörtlich genommene Wandlungen: von dreizehn Zeichnerinnen eingesammelt, aufgezeichnet und zum Heft gemacht“, so lautet die aussagekräftige Inhaltsangabe der zweiten Ausgabe der Hamburger Compilation „Spring“. Ähnlich wie bei der ebenfalls aus Hamburg stammenden Gruppierung von „Orang“ versammeln sich hier junge Illustratoren aus dem Umfeld der HAW-Gestaltung. Während sie im ersten Heft, das 2004 erschien, noch zu elft waren, kommen im zweiten, gleichsam dickeren Band gleich 13 junge Künstlerinnen daher, um sich am interessanten Spring-Projekt zu beteiligen. Und richtig gehört, es sind nur Frauen vertreten. Solch eine Übermacht im Bereich Comic sieht man in dieser Form auch nicht oft. Ob das ein Teil des Konzeptes, also beabsichtigt ist, oder sich diese Konstellation einfach ergab, weiß ich nicht. Auf jeden Fall merkt man die generelle Handschrift des weiblichen Geschlechts, die sich durch die einzelnen Beiträge zieht. Nicht zuletzt das macht „Spring“ zu einer mehr als gelungenen Sammlung verschiedenster Stilrichtungen und zu einem Pflichtkauf für Liebhaber schwarzweißer, abstrakter und hirnfordernder (in deren Form sie sich meist präsentiert) Comickunst. bv
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FELL #1 (US-Ausgabe)
Image Comics
Für seine neueste Idee hat Warren Ellis sich ein paar strenge Regeln auferlegt: eine abgeschlossene Geschichte, erzählt auf 16 Seiten und im klassischen 9-Panel-Layout. Das ganze wird durch ein paar Seiten mit Anmerkungen ergänzt und für günstige 1,99 US-Dollar verkauft.
Und tatsächlich, das erste Heft der Reihe ist ein Volltreffer: Ellis gelingt es, auf knappem Raum eine kleine, schmutzige Krimigeschichte zu erzählen und nebenbei auch noch seine Hauptfigur gut einzuführen. Richard Fell ist ein begabter Cop, der sich in ein völlig heruntergekommenes Großstadtviertel versetzen hat lassen und dort bei der Mordkommission anfängt. Anders als in vielen anderen Ellis-Comics (nicht nur „Transmetropolitan“) ist die Hauptperson diesmal kein zynischer Bastard, sondern eher ein recht sympathischer, aufrechter Kerl inmitten einer lausigen Umgebung. Der Mordfall in diesem Heft wird, formatbedingt, ein wenig zu schnell und leicht gelöst, aber das wird durch erstklassige Dialoge und die sehr stimmungsvollen Zeichnungen von Ben Templesmith („30 Days of Night“) mehr als wettgemacht. Ein äußerst gelungener Auftakt, bei dem Ellis nach zuletzt eher mittelmäßigen Projekten endlich wieder zeigt, was er drauf hat. tk

BERLIN 2323
Carlsen Comics
Dirk Schulz und Robert Feldhoff arbeiteten zuvor schon an den Serien „Indigo“ (Carlsen) und „Chiq und Chloe“ (Splitter) und nicht zuletzt an den Perry Rhodan-Romanen erfolgreich zusammen. Doch was die beiden sich jetzt für ihren neuesten längeren Comicband haben einfallen lassen, ist wohl der bisherige Höhepunkt ihrer Kooperation. Für „Berlin 2323“ wurde ein unfassbar einfallsreiches Zukunftsszenario für die deutsche Hauptstadt entworfen. Berlin, die Partyhauptstadt des Universums, der Reichstag ein Pornokino, das Olympiastadion wurde nach der 27. gewonnenen Meisterschaft von Hertha BSC (ich frag mich wie das nur gehen soll) durch ein schwebendes Stadion abgelöst und gezahlt wird wieder in Ostmark. Abgedrehter gehts kaum. Neben allerlei merkwürdigen Gestalten, die Berlin bevölkern, gibt es mit dem Alien Indigo und der hübschen Scilla zwei bekannte Gesichter. Beide stammen aus Feldhoffs und Schulz vorheriger Serie und erleben hier, erstmals in der Zukunft, indirekt ihr neuestes Abenteuer. Wobei der Band für sich allein steht und ohne Vorwissen gelesen werden kann. Durch die extrem überladene Story und die unzusammenhängenden Sexszenen wird der eigentliche gute Job des Kreativteams leider etwas geschmälert. Dirk Schulz verwendet eine digital bearbeitete Zeichentechnik, die gerade im Zusammenhang mit der realistischen Umsetzung der Hauptstadt zu brillieren weiß. Schon beachtlich, wenn man bedenkt, welcher Aufwand dahinter stecken muss, eine komplett eigene futuristische Stadt zu entwerfen. Vor allem wenn sie so ideenreich ausfällt wie in „Berlin 2323“. Da gleichen viele kleine Ideen und Details die laue Story aus. Spaß machts auf jeden Fall. bv

Deutsch, Chris

Comicgate:Chris, ich muss zugeben, vor der Ankündigung von A.K.A. hatte ich deinen Namen noch nie gehört. Hast du vorher schon Comics veröffentlicht?

Chris Deutsch: A.K.A. ist mein erster gedruckter Comic, davor habe ich nur online veröffentlicht. Seit drei Jahren mache ich, zusammen mit meinem Bruder, den Onlinecomic Pandimaniacs – er schreibt, ich zeichne. Außerdem bin ich öfter mit einer Band auf Manga- und Anime-Events aufgetreten, und davon ist auch einiges in Comics eingeflossen…

CG: Hast du auf die Onlinecomics Feedback von Lesern bekommen?

CD: Sehr wenig. Ab und zu mal eine E-Mail, aber nicht mehr.

CG: Und wie kam es dann zu A.K.A.?

CD: Ich habe an der FH Mainz Kommunikationsdesign studiert und A.K.A. ist die Diplomarbeit, mit der ich dort abgeschlossen habe. Zuerst sollte das noch eine viel längere Geschichte werden. Dazu muss ich sagen, dass die Designwelt etwas ganz anderes ist als die Comicwelt. Für Designer sind die Bilder wichtig, die Ästhetik. Es muss vor allem gut aussehen. Für mich sind die Zeichnungen nicht so wichtig. Wenn ich eine Geschichte erzählen oder Leute zum Lachen bringen will, dann ist die Story wichtig, bzw. die Witze. Und deshalb wollte ich den Designern das Gegenteil beweisen: eine gute Geschichte, nur mit dilletantischen Strichmännchen erzählt. Bei der ersten Planung, die ungefähr ein Jahr vorher begann, war das noch als Riesenstory geplant, mit 500 Seiten. Die erste Version, die ich entworfen habe, hatte 200 Seiten.

Aber ich musste dann einsehen, dass das so nicht klappt. Um so viele Seiten zu schaffen, musst du schnell sein, und das wurde dann sehr anstrengend, möglichst schnell immer die gleichen Strichmännchen zu zeichnen. Irgendwann merkte ich dann, dass man weniger schnell ermüdet, wenn man langsamer, aber dafür detaillierter arbeitet. Das ist wie beim Straßenkehrer Beppo in Momo. Der konzentriert sich auf den Augenblick, anstatt sich ständig die gesamte Arbeit vor Augen zu halten und sich abzuhetzen, möglichst schnell fertig zu werden. So kommt er letztlich besser voran als die hektischen Kollegen.

Ich habe dann also nochmal alles überarbeitet, sehr viel gekürzt, und dann mit „besseren“ Zeichnungen neu erstellt. Ein paar der Strichmännchen-Szenen sind aber trotzdem in der fertigen Geschichte geblieben, z.B. bei Rückblenden.

Ich habe eigentlich erst während der Arbeit gemerkt, wie man schreibt. In einem Handbuch für Drehbuchautoren habe ich gelesen, dass man 90% seiner Ideen über Bord werfen muss, um am Ende ein rundes Ergebnis zu haben. Das habe ich zuerst nicht glauben wollen, aber heute muss ich sagen: es stimmt.

CG: Wie ist die Diplomarbeit dann beim Epsilon Verlag gelandet? Der war ja bisher eher für Lizenzcomics aus Frankreich bekannt.

CD: Den fertigen Comic habe ich an verschiedene Verlage geschickt, und Mark O. Fischer war einfach der erste, der geantwortet hat. Er war sehr begeistert, er glaubt an das Projekt und gibt sich bei allem sehr viel Mühe. Ich bin gespannt, wie es läuft. Letztlich habe ich ja nichts zu verlieren.


CG: Das erste, was beim Reinblättern in A.K.A. auffällt, ist der Zeichenstil. Du verwendest leicht verfremdete Foto-Hintergründe, vor die dann die Figuren montiert werden.

CD: Da spielte auch die Frage eine Rolle: „Wie geht’s am schnellsten?“ Also habe ich mit Fotos herumexperimentiert. Zuerst dachte ich, das sei neu, habe dann aber später gemerkt, dass es das schon in den 80ern gab, und auch in einigen älteren Zeichentrickfilmen zu sehen ist. Zuerst war es farbig geplant, aber in schwarz-weiß spart man einiges an Zeit und Geld.

CG: Und dann bist du auf große Foto-Safari gegangen…

CD: Die Fotos sind in Mainz und Saarbrücken entstanden, hauptsächlich sonntagmorgens, weil da kaum Leute unterwegs sind. Man muss da auf ganz schön viele Dinge achten, z.B. auch auf das Wetter. Die Bilder entstanden im Herbst, das hat gut gepasst, denn so konnten die Figuren dann Pullis tragen und mussten nicht in T-Shirts rumlaufen. So war es dann leichter, die Geschlechterrollen der Figuren im Unklaren zu lassen.

CG: Da kommen wir dann gleich später noch drauf zu sprechen, aber bleiben wir noch einen Moment bei der Zeichentechnik. Wie zeichnest du die Figuren?

CD: Ich bin ja absolut kein perfekter Zeichner , ich mache das auch erst seit zwei bis drei Jahren regelmäßig. Nachdem ich die Idee mit den Strichmännchen verworfen hatte, habe ich dann versucht, die Figuren per Grafiktablett direkt am Computer zu zeichnen. Das klappte ganz gut. Ich zeichne also an einem Grafiktablett, in Adobe Illustrator. Der Vorteil daran ist, dass das Vektorgrafiken sind, die später noch gut manipulierbar sind. Man kann sie beliebig größer oder kleiner ziehen.

CG: Kommen wir zum Inhalt von A.K.A. Das – jedenfalls für mich – Besondere an der Geschichte, ist, dass bei den drei Hauptfiguren immer unklar bleibt, welches Geschlecht sie haben. Das fängt ja schon bei den Namen Andy, Kim und Alex an (deren Initialen den Titel deines Comic bilden).

CD: Ja, das sollte ganz bewusst offen bleiben. Das kommt auch ein bisschen von der Strichmännchen-Idee her. Die sehen ja erstmal alle gleich aus, haben aber unterschiedliche Charaktere. Außerdem liebe ich Beziehungskomödien wie Friends und man kann in dieser Richtung viel machen, wenn die Geschlechter nicht eindeutig sind. Als ich von den Strichmännchen weg ging, war das dann nicht einfach, die Zweideutigkeit bei den detaillierteren Zeichnungen zu erhalten. Deshalb mussten die Leute Kindergesichter bekommen, und daher tragen sie auch Pullis. In einem engen T-Shirt kann man das Geschlecht weniger gut verstecken. Vor die Brust habe ich allen dreien einen Strich gezeichnet. Das kann dann jeder für sich interpretieren, ob diese „Alibistriche“ jetzt eine Falte oder weibliche Brüste darstellen.

CG: Mir ging’s beim Lesen so, dass ich auf den ersten Seiten immer zuordnen wollte, ist das jetzt ein Junge oder ein Mädchen. Dann kamen die Namen, und es war immer noch nicht klar, und es bleibt wirklich bis zum Ende total offen, was mir echt gut gefällt.

CD: Das freut mich, dass du das so siehst. Die meisten, mit denen ich drüber gesprochen habe, sagen nämlich: das müssen doch alles Männer sein (außer vielleicht Alex, wegen der langen Haare). Wahrscheinlich rutscht mir da beim Schreiben doch allzu oft die männliche Perspektive durch. Es war jedenfalls durchaus so gedacht, dass das alles ganz offen bleibt.

CG: Viele der neueren deutschen Comics, die ja auch oft Diplomarbeiten waren, sind mehr oder weniger autobiographisch. Ist das bei A.K.A. auch der Fall?

CD: Nein, kann ich so nicht sagen. Natürlich steckt auch da ein Teil von mir selbst drin. Das mit der Dreiecksbeziehung kenne ich z.B. aus dem eigenen Leben, ich habe mal meinem besten Freund die Freundin ausgespannt, was sehr kurz und schmerzvoll war. Diesem besten Freund ist das Buch dann auch fast gewidmet. In einige Szenen und Dialoge sind auch Ideen aus dem eigenen Leben eingeflossen, aber es ist nicht so, dass eine der drei Figuren ich bin.

Ich finde Autobiographisches faszinierend, aber hier hätte das nicht gepasst. Es sollte ja eine witzige Story sein, und mein eigenes Leben ist nicht so lustig.

CG: Was liest du eigentlich selbst für Comics?

CD: Eine Zeit lang war ich sehr vernarrt in Manga, das war noch, bevor der Boom in Deutschland so richtig losging. Ich habe damals viele Manga teuer aus den USA bestellt. Meine Begeisterung hat da aber nach ca. zwei Jahren wieder nachgelassen. Heute gibt es unglaublich viele Manga, darunter ein paar gute und viele schlechte. Das Tolle an Manga ist ja eigentlich die große Vielfalt, aber bei uns stecken die Manga heute selbst in einer Schublade, was die Vielfalt eher reduziert als erweitert. Inzwischen lese ich nicht mehr so viel Manga, aber einer der besten Comics überhaupt ist für mich Nausicaä von Hayao Miyazaki. Auch 20th Century Boys lese ich gerne.

Meine Comic-Favoriten zur Zeit sind Flix, Joscha Sauer, Ralph Ruthe, Calvin & Hobbes, und auch Doonesbury mag ich sehr. Und natürlich Lewis Trondheim, mein absoluter Held. Bei ihm sieht man auch diese „Mir-egal-Mentalität“ im Zeichenstil. Da geht es nicht um anatomische Korrektheit, sondern um gute Geschichten. Überhaupt sind die mutigsten Zeichner oft die besten.

CG: Heute ist der vierte Tag der Frankfurter Buchmesse, wie läuft sie denn bis jetzt für dich?

CD: Das Signieren ist für mich noch etwas sehr neues, ich bin es gar nicht so gewohnt, meine Figuren mit Stift und Papier zu zeichnen. Aber es macht trotzdem Spaß. Außerdem ist es toll, hier Leute zu treffen und sich unterhalten zu können. Allein schon, hier solche Superkräfte des Humors wie Flix oder Joscha Sauer treffen zu können, ist klasse.

CG: Und wie geht’s nach der Messe weiter für dich?

CD: Gleich nächste Woche ziehe ich um – nach Paris. Dort werde ich als Kundenbetreuer bei Vivendi Universal Games arbeiten. Und natürlich will ich auch weiterhin Comics machen. Pandimaniacs soll auf jeden Fall weitergehen. Eine Fortsetzung von A.K.A. ist auch möglich. Es war zwar nie als Fortsetzungsgeschichte geplant, aber falls es ein Erfolg wird, möchte der Verlag gerne einen zweiten Teil machen. Das Thema der Geschlechterrollen wird da sicher wieder vorkommen. Zum Besipiel mit ganz überspitzten Männlichkeits- oder Weiblichkeitsklischees oder mit Verwandlungen der Figuren. Also Ideen und Konzepte sind  vorhanden. Beim nächsten längeren Comic will ich aber auf jeden Fall zuerst das Manuskript, eine fertige Geschichte und ein ausführliches Storyboard machen, bevor es an die Zeichnungen geht.

CG: Chris, ich bedanke mich herzlich für das Gespräch, wünsche viel Erfolg mit A.K.A. und einen guten Start in Paris.

A.K.A. – Überrraschung!
Epsilon Grafix
Text und Zeichnungen: Chris Deutsch
70 Seiten, s/w, Softcover; 7,50 Euro

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Website von Chris Deutsch

A.K.A. beim Epsilon Verlag 

Pandimaniacs

Mind the Gap 17: Previews 11/2005

BLUESMAN, VOL. 2
NBM Publishing | 80 Seiten | schwarzweiß | $ 8.95 | NOV05 3053

Bluesman, von Rob Vollmar und Pablo Callejo, spielt in den Vereinigten Staaten der späten 1920er. Protagonist ist der durch Arkansas tingelnde schwarze Bluesmusiker Lem Taylor, der im ersten Band in einen Mordfall verwickelt wurde.

Da das Opfer nicht nur weiß ist, sondern auch noch zu einer einflußreichen Familie gehört, bedeutet das für Lem, daß er sich schleunigst vom Acker machen und jeglichen Kontakt mit der Polizei tunlichst vermeiden sollte, wenn ihm sein Leben lieb ist. Im Süden der USA war man diesbezüglich ja bekanntlich nicht zimperlich.

Der erste Band, Bluesman, Vol. 1 (80 Seiten, schwarzweiß, $ 6.95, Order-Code: NOV05 3052), erstmals 2004 bei dem mittlerweile versumpften Verlag Absence of Ink erschienen, erhielt seinerzeit u.a. von Steven Grant und Don MacPherson sehr gute Kritiken und kommt ebenfalls im Februar bei NBM in einer Neuauflage heraus.

THE EXTERMINATORS #1
DC Comics/Vertigo | 32 Seiten | $ 2.99 | NOV05 0320

exterminators.jpgWenn man der herrlichen Beschreibung dieser neuen Serie glaubt, muß man sich unter The Exterminators wohl so eine Art Ghostbusters vorstellen, nur halt mit Ungeziefer statt Geistern.

The Exterminators dreht sich um eine kaputte Truppe von Kammerjägern, die zwischen den Barrios und Bungalows von Los Angeles umherstreifen, dem schwächsten Glied der spröden Trennlinie zwischen der Zivilisation und dem brutalen Chaos der Natur,“ heißt es da zum Beispiel, und es werden „verstörende Figuren, Killer-Kakerlaken und düstere Geheimnisse“ versprochen. Da müsste also eigentlich für jeden was Passendes dabei sein.

Autor Simon Oliver ist zwar noch ein unbeschriebenes Blatt, aber zumindest optisch sollte bei The Exterminators nichts anbrennen: Gezeichnet wird die Serie von Tony Moore, der mit Battle Pope, The Walking Dead und dem gerade debütierten Fear Agent schon einige sehr unterschiedliche Projekte in seinem Repertoire hat, während die Covers von Philip Bond (Vimanarama, Vertigo Pop: London) illustriert werden.

GØDLAND, VOL. 1: HELLO COSMIC (TPB)
Image Comics | 144 Seiten | $ 14.99 | NOV05 1707

Von den Verkaufszahlen her scheint Gødland bisher leider ein kompletter Rohrkrepierer zu sein. Das ist natürlich nicht ungewöhnlich für einen Comic von Joe Casey, der mit Serien wie Automatic Kafka, Wildcats Version 3.0 oder jüngst The Intimates diesbezüglich schon reichlich Erfahrungen gesammelt hat.

Nichtsdestotrotz rennt Casey aber weiterhin ungebremst und mit entzückender Gleichgültigkeit gegen die gängigen Trends des US-Mainstreams an und schert sich einen feuchten Kehricht um alle Marktperspektiven. Umso erfreulicher, daß er in Image Comics offenbar endlich einen Verleger gefunden hat, der auch in stürmischen Zeiten bereit ist, sich hinter Projekte zu stellen, wie das mit der Ankündigung dieses Sammelbandes geschieht.

Zusammen mit Zeichner Tom Scioli nutzt Casey in Gødland rotzfrech die Ästhetik von Jack Kirby als Verpackung für seine Ideen, ohne dabei mit der satirischen Wimper zu zucken. Bleibt nur zu hoffen, daß der Band auch das Licht der Welt erblicken wird. Das ist bei angekündigten Image-Produktionen – bei allem berechtigtem Lob – ja leider nicht immer der Fall.

Weiterführende Links: Die komplette erste Ausgabe von Gødland zum Reinschnuppern und Gødland Online, eine Fan-Seite, auf der u.a. auch Original-Beiträge von Joe Casey selbst zu lesen sind.

NEW WARRIORS: REALITY CHECK (TPB)
Marvel Comics | 144 Seiten | $ 14.99 | NOV05 2032

Ach, wer hat sie nicht gelesen in den Neunzigern, die wunderbaren New-Warriors-Hefte von Fabian Nicieza, Mark Bagley und Darick Robertson…! Naja, ich zum Beispiel. Macht aber nix, denn die Miniserie von Zeb Wells (Spider-Man/Doctor Octopus: Year One) und Skottie Young (Human Torch, Venom), die hier enthalten ist, hat nur bedingt etwas mit der ursprünglichen New-Warriors-Reihe zu tun.

Zwar sind die Figuren weitgehend dieselben, aber das Konzept der Serie gibt eine andere Marschrichtung vor: Im Rahmen einer neuen Reality-TV-Show sollen die New Warriors ihr Hauptquartier von New York City in die amerikanische Provinz verlagern und sich dort vor laufender Kamera mit den örtlichen Superschurken prügeln.

Da Wells und Young zu den vielversprechendsten Nachwuchs auf dem Superhelden-Sektor gehören, hat es mich nicht überrascht, daß New Warriors durchweg gute Kritiken einheimsen durfte. Ebenso wenig überraschend ist leider die Tatsache, daß die Einzelhefte verkaufstechnisch gnadenlos abgestürzt sind: Fans der alten New Warriors wurden abgeschreckt von Youngs quirligem Disney-Cartoon-Stil, während die eigentliche Zielgruppe für Nachwuchstalente wie Wells und Young wohl wenig Lust für ein New-Warriors-Projekt hatte. Und Promotion ist jenseits der üblichen Verkaufsgaranten im Hause Marvel sowieso Mangelware.

Lasst euch also nicht ins Bockshorn jagen: Hier steht zwar „New Warriors“ drauf, aber mit einer Nostalgie-Übung im Stil der Neunziger hat die Sache nix zu tun.

NEXTWAVE #1
Marvel Comics | 32 Seiten | $ 2.99 | NOV05 1973

“Healing America by beating people up,“ lautet der Spruch, mit dem Marvel für Nextwave die Werbetrommel rührt. Kein Zweifel: Das kann nur Warren Ellis sein.

Die Superheldengruppe Nextwave wurde rekrutiert von H.A.T.E. (“Highest Anti-Terrorism Effort“), einer privaten Organisation, die sich der Bekämpfung von „bizarren Massenvernichtungswaffen“ verschrieben hat. Eine Bezeichnung, unter die etwa der prähistorische Monsterdrache Fin Fang Foom fällt.

Zum Team gehören Monica Rambeau (auch bekannt als Captain Marvel oder Photon), Aaron Stack (alias Machine Man), Tabitha Smith (alias Boom-Boom/Meltdown von X-Force), die Monsterjägerin Elsa Bloodstone und eine neue Figur, genannt The Captain.

In seinem „Bad Signal,“ einem unregelmäßigen E-Mail-Newsletter, hat Ellis angekündigt, daß es sich bei Nextwave um einen sogenannten „Fight Comic“ handelt. Das ist eine Ellis’sche Wortschöpfung und bedeutet, dass geprügelt und in die Luft gejagt wird, bis der Notarzt kommt.

Fürs Graphische ist der glänzende Stuart Immonen zuständig, dessen Arbeit in den letzten Jahren in Serien wie Superman: Secret Identity, Ultimate Fantastic Four und Ultimate X-Men zu bewundern war.

Wer auf große, hochstilisierte Widescreen-Action mit coolen Sprüchen und viel Schmackes steht, sollte hier zugreifen.

PLANETARY BRIGADE #1
Boom! Studios | 24 Seiten | $ 2.99 | NOV05 2824

Neben den erfolgreichen Miniserien Formerly Known as the Justice League und „I Can’t Believe It’s Not the Justice League“ (erschienen in JLA: Classified) bei DC und Defenders bei Marvel startete das Duo Keith Giffen und J.M. DeMatteis kürzlich bei den Indie-Verlagen Atomeka und später Boom! Studios die Eigenkreation Hero Squared, die leider mit weitaus weniger imposanten Absatzzahlen vorlieb nehmen mußte.

Als „Schwesterserie“ zu Hero Squared wird nun Planetary Brigade angekündigt, das Boom!-Chef Ross Ritchie frei von der Leber weg als eine private Version der JLA oder der Defenders beschreibt. Die Superhelden-Comedy wird illustriert von Hero-Squared-Zeichner Joe Abraham, der zwar noch relativ neu im Geschäft ist, aber bisher überzeugende Arbeit abgeliefert hat.

Für Planetary Brigade hat man bei Boom! Studios den regulären Preissatz von $ 3.99 um einen Dollar gesenkt, aber dafür wird auch eine reduzierte Gesamtseitenanzahl von 24 statt der üblichen 32 veranschlagt.

Ein mp3-Interview mit DeMatteis könnt ihr übrigens bei Fanboy Radio runterladen.

SEVEN SOLDIERS OF VICTORY, VOL. 1 (TPB)
DC Comics | 224 Seiten | $ 14.99 | NOV05 0281

In der 30-teiligen Saga Seven Soldiers zeigt der schottische Ausnahme-Autor Grant Morrison allen Flachzangen, Schattenparkern und Turnbeutelvergessern, wie ein richtiges Crossover auszusehen hat.

In sieben vierteiligen Miniserien und zwei Spezialausgaben werden von Februar 2005 bis April 2006 Shining Knight, Guardian, Zatanna, Klarion the Witch Boy, Mister Miracle, Frankensteins Monster und Bulleteer, allesamt Figuren aus der zweiten und dritten Reihe des DC-Universums, aufgemöbelt und in Morrison-Manier fürs 21ste Jahrhundert neu interpretiert. Die Specials und Miniserien sollen dabei sowohl für sich als auch als Teil des großen Ganzen funktionieren, was sich in subtil verwobenen Szenen und immer wiederkehrenden Motiven äußert.

Seven Soldiers of Victory, Vol. 1 präsentiert die ersten acht Hefte des Mammut-Projekts in Reihenfolge ihres Erscheinens: In Seven Soldiers #0, grandios in Szene gesetzt von J.H. Williams III, der je nach Bedarf Altmeister wie Gene Colan oder Moebius imitiert, wird die Vorgeschichte erzählt und der Plot kommt in Schwung.

Seven Soldiers: Shining Knight #1-2 ist ein Fantasy-Spektakel über den jüngsten Ritter an König Arthurs Tafelrunde. Nach einer verheerenden Schlacht um Camelot im modernen Los Angeles gestrandet, muß Sir Justin sich nicht nur seinen eigenen Dämonen stellen. Shining Knight wird atmosphärisch dicht illustriert vom italienischen Zeichner Simone Bianchi, der hier sein US-Debüt gibt.

Seven Soldiers: Guardian, gezeichnet von Morrisons Seaguy-Spezi Cameron Stewart, kommt im Schafspelz einer eher traditionellen Superheldengeschichte: Ein arbeitsloser Ex-Polizist bewirbt sich als Maskottchen der Zeitung „The Manhattan Guardian“ und findet sich unversehens zwischen rivalisierenden U-Bahn-Piraten (!) wieder.

Seven Soldiers: Zatanna befasst sich wohl mit der bekanntesten der sieben Figuren. Nachdem sie ihre Zauberkräfte verloren hat, erklärt sich die Magierin Zatanna bereit, eine Schülerin auszubilden. Die Zeichnungen stammen von Ryan Sook (Hawkman, X-Factor).

Seven Soldiers: Klarion the Witch Boy #1, schließlich, beeindruckend gezeichnet und koloriert von Frazer Irving, begleitet den Teenager Klarion. Aufgewachsen in einer vergessenen unterirdischen Hexenkolonie macht sich Klarion auf, „die Welt da draußen“ kennenzulernen.

Sowohl Geschichten als auch Zeichnungen sind durch die Bank gelungen, und es macht außerdem höllischen Spaß, die ganzen Anspielungen und Verknüpfungen aufzuspüren, die die verschiedenen Serien miteinander verbinden.

Da dieser Band auch noch zum absoluten Schnäppchenpreis herauskommt, gibt es eigentlich keinen vernünftigen Grund, das Gerät nicht zu kaufen.

SGT. ROCK: THE PROPHECY #1 (of 6)
DC Comics | 32 Seiten | $ 2.99 | NOV05 0284

Comic-Veteran Joe Kubert (Fax from Sarajevo, Yossel) kehrt wieder mal zu Sgt. Rock zurück, DCs rauhbeinigem Schlachtross aus dem Zweiten Weltkrieg.

Diesmal müssen Rock und seine Easy Company sich auf die Suche nach einem religiösen Artifakt in der Umgebung eines zerstörten Balkandorfes machen machen und es in die Vereinigten Staaten bringen. Natürlich wollen die Nazis da auch noch ein Wörtchen mitreden.

Die Previews-Anzeige bezeichnet den Sechsteiler als „grob und provokant,“ aber ein „Mature-Readers“-Etikett wollte man dann scheinbar doch nicht spendieren.

Damit es bei Sgt. Rock auch in der Kasse des Verlages richtig doll knallt, kommt die erste Ausgabe mit drei verschiedenen Covers: eins von Papa Joe sowie je eins von den Brüdern Adam und Andy.

WARREN ELLIS‘ BLACKGAS #1
Avatar Press | 32 Seiten | schwarzweiß | $ 3.99 | NOV05 2780

Warren Ellis hat schon einiges gemacht, aber bisher noch keinen Zombie-Comic. Das ändert sich mit Blackgas, gezeichnet von Max Fiumara.

Die Plot-Mechanik ist schlicht und effektiv: Smoky Island, eine kleine Insel vor der Ostküste der Vereinigten Staaten, befindet sich genau über einer Spalte in der nordamerikanischem Kontinentalplatte.

Eines Tages steigt daraus etwas empor, das alle Einwohner von Smoky Island verwandelt. Alle bis auf zwei, genaugenommen.

Und schon geht die Sause los.

X-STATIX PRESENTS: DEAD GIRL #1 (of 5)
Marvel Comics/Marvel Knights | 32 Seiten | $ 2.99 | NOV05 1955

Da das gesamte Team der mediengeilen, neurotischen, aber trotzdem irgendwie liebenswerten X-Statix in der letzten Ausgabe der regulären Serie 2004 ins Jenseits befördert wurde, bietet sich Dead Girl natürlich als Protagonistin dieser neuen Fortsetzung an. Schließlich war sie ja schon zu Lebzeiten verblichen.

Man mag auf den ersten Blick daran zweifeln, ob Peter Milligans (Human Target, X-Men) Rückkehr zu der Serie – die anno 2001 durchaus etwas Bahnbrechendes für Marvel darstellte – wirklich wünschenswert ist. Einerseits handelte es sich bei X-Statix (oder X-Force, wie die Reihe vorher hieß) um einen großartigen Comic, andererseits haben solche „Reunions“ aber immer auch den faden Beigeschmack von Nostalgie oder einfach nur Abzocke.

Milligan scheint sich dessen aber völlig bewußt zu sein, wenn man die Previews-Anzeige als Maßstab nimmt, und beabsichtigt offenbar, die merkwürdigen Sterbe- und Wiederauferstehungsgewohnheiten aller möglichen Marvel-Figuren zum Thema der Miniserie zu machen. Man darf sich dabei nicht nur auf ein Wiedersehen mit Anarchist, Mr. Sensitive, El Guapo & Co. freuen, sondern auch mit Doctor Strange.

Künstler Mike Allred (Madman, The Golden Plates), beim Original Milligans kreativer Gegenpol, tritt hier leider nur als Tuscher in Erscheinung. Den Bleistift schwingt Nick Dragotta, der Allred allerdings schon bei X-Statix mehrmals vertrat und der Zielgruppe deshalb auch nicht unbekannt sein sollte.

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