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König, Ralf

Comicgate: Hallo Ralf, danke, dass Du Dir Zeit für uns nimmst!

Du kommst gerade frisch von der Frankfurter Buchmesse 2005 wieder, um dort Deinen neuen Comic, den ersten Teil von Dschinn Dschinn über einen alten orientalischen Flaschengeist in einer heutigen Aachener Schwulen-WG, zu bewerben und Autogramme zu geben.
Welche Eindrücke bringst Du mit?

Ralf König: Zu große Hallen, zu enge Gänge, zu viele Menschen. Ich war nie ein Fan dieser Messe, aber man sagte mir, da gäbe es jetzt diesen speziellen Comicbereich, da hab ich’s dann noch mal versucht. War auch sehr okay, hier hatte ich wenigstens den Eindruck, dass die Leute da wissen, wer ich bin und was ich genau mache. Früher saß ich an irgendwelchen Ständen und irgendwelche Leute wollten, dass ich ihren Kindern Schweinchen male oder hielten mich für „Werner“.

CG: Und was musst Du für die Leute zeichnen, die wissen, wer Du bist? Gibt es also so etwas wie einen „Fanliebling“?
RK: Na, Paul wird immer mal gern gewünscht oder der Bauarbeiter aus Bullenklöten. Ich zeichne meist das, was zum jeweiligen Buch passt. Oft wollen die Leute, dass ich irgendwelche mir fremden Personen karikiere, denen sie das dann schenken wollen, vorgestern in Bonn wollte einer eine „Sportpädagogin“, da fällt mir dann wenig zu ein.
Oder die beliebte Idee „Mal mich mal“. Das hasse ich, weil ich das nicht wirklich kann, und wenn man einmal damit anfängt, will’s jeder. Das verweigere ich inzwischen und zeichne stattdessen lieber was, was mit meinen eigenen Inhalten zu tun hat.

CG: Ist es okay für Dich, vor Publikum zu zeichnen, oder machst Du das viel lieber in Deinem stillen Kämmerlein?

 
Ralf mit Pöter auf’m Schreibtisch im stillen Kämmerlein ( Foto: Ekkhart)

RK: Ich betrachte das als gute Übung, schnell zu zeichnen. Das muss ja zack zack gehen, und davon kriegt man irgendwann einen sehr sicheren Strich. Kann ich jedem Zeichner empfehlen, man wird sicher, ohne Skizzen vorher.

Manchmal probiere ich auch neue Charaktere aus, die ich gerade wegen irgendeiner Geschichte im Kopf hab.
Aber es ist ein anderes Zeichnen als allein zu Hause, klar. Wenn ich zu Hause auch so schnell wäre, würde ich ein Buch nach dem anderen vom Schreibtisch schaufeln. Aber da sind ja die kleinen Panels und ’ne gewisse Sorgfalt vonnöten, und die Schrift sollte lesbar sein.

CG: Gibt es denn lebende oder tote Personen bei denen Du selber zum Fanboy wirst und Dich für ein Autogramm oder ein paar Worte stundenlang anstellen würdest? Was würdest Du ihnen sagen wollen?

RK: Na, „Fan“, aus dem Alter komm ich raus, obwohl ich die neue CD der Rolling Stones sehr klasse finde, und bei musizierenden 60-Jährigen bin ich auch gern „Fanboy“. Aber klar, ich hab ein paar Leute auf der Liste, die ich ganz groß finde, aber gerade darum wäre ich wohl zu schüchtern, mich da anzustellen.
Woody Allen, Patti Smith… Robert Crumb. Was soll man so jemandem auch sagen? Wahrscheinlich hat der die Lobeshymnen schon tausendmal gehört und lächelt höchstens milde. Geht mir ja ähnlich, wenn mich in so einer Signier-Situation jemand anstrahlt und sagt, wie klasse er das findet, was ich mache, dann freut mich das zwar wirklich, aber ich weiß nie drauf zu reagieren, außer mit einem braven „Danke“. Lob macht mich immer etwas verlegen.

CG: Deinen neuen Comic, Dschinn Dschinn, hast Du etwas zwangsläufig auf zwei Teile aufgeteilt, da Rowohlt endlich mal wieder was sehen (und verkaufen wollte) von Dir. Der erste Teil ist gerade frisch erschienen.
Unterscheidet er sich, abgesehen von der Länge (Dschinn Dschinn wird ja Dein bis dato längster Comic) und der anfangs exotischen Szenerie, prinzipiell von Deinen anderen Sachen?
RK: Hm, weiß nicht, ob er sich unterscheidet von meinen vorherigen Sachen, die Länge ist allerdings ein erheblicher Unterschied. Bei so einer Seitenzahl kann man mehr ins Detail, das mag ich gern beim Erzählen. Und vielleicht steckt auch ein anderer Antrieb dahinter, denn das eigentliche Thema, nämlich dieser religiöse Fundamentalismus, hat mich schon sehr beschäftigt. Ich hab‘ stapelweise Bücher gelesen, von „1001 Nacht“ bis zu Literatur über die Taliban und „Frauen im Islam“ etc. Ich musste aufpassen, dass das, was am Ende dabei rauskommt, noch komisch wird, denn der Spass kann einem echt vergehen. 

CG: Hattest Du früher auch schon diese politischen Ansprüche/Untertöne, oder ist das erst mit der Zeit gekommen?

RK: Ich denke schon, dass meine Sachen immer auch etwas politisch waren, zumindest haben sie ’ne politische Wirkung, weil viele Heteros die Comics lesen und so locker überhaupt an das schwule Thema rangeführt werden, über die Humorschiene zwar, aber immerhin. 

CG: Wenn es Dir allgemein um Fundamentalismus geht, dann muss ich mal so blöd fragen, warum Du Dir dann den Islam ausgesucht hast? Musst Du dann nicht achtgeben, dass ein Vorwurf kommen könnte, Du schlägst in den allgemeinen, gerade modernen „Anti-Islam-Kanon“ ein?

RK: Wenn es um religiösen Fundamentalismus geht, sticht der Orient zur Zeit besonders ins Auge. Und einerseits die verklärte, sinnesfrohe Welt in „1001 Nacht“ und andererseits das, was der Orient heute in den Abendnachrichten bietet… Den Gegensatz fand ich spannend, das war die Idee.
Aber ich hab gleiche Vorbehalte gegen das, was in Bushs Amerika abläuft oder gegen den Vatikan. Ich bin sehr unreligiös drauf, egal welcher Gott gemeint ist.

CG: Hast Du denn mal eine Reaktion aus moslemischen Kreisen erhalten?

RK: Nein. Ich verbrate in dem Comic ja eher die abstrusen Gesetze der Taliban, die in Afghanistan galten. Musikverbot, Bartzwang und die Burka für Frauen, das findet ja sogar der überwiegende Teil der muslimischen Welt befremdlich.

CG: Bei Deinen verschleierten, unterdrückten Frauen hat’s mich schon etwas gewundert, denn ich habe noch in der Schule gelernt, dass manche das auch wollen, quasi als Befreiung sehen, dass sie von den Männern nicht andauernd angestarrt werden und zum Objekt degradiert werden. Ist das eine falsche Annahme?

RK: Ich nehme an, wenn man als Mädchen in so einer Männerwelt aufwächst und den Schleier von Anfang an gewohnt ist und als Schutzfunktion wahrnimmt, will es das möglicherweise nicht anders. Aber warum starren die Männer denn? Weil die Frauen eben verschleiert sind und jeder nackte Knöchel demzufolge sofort wahnsinnig reizvoll ist. Was ist hier zuerst da, Huhn oder Ei? Ich finde die ganze Idee des Verschleierns suspekt, egal ob religiös oder gesellschaftlich oder sexuell gemeint. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Frau sich unter einer Burka mit winzigem Sichtfenster wirklich „frei“ fühlen kann.

CG: Warum arbeitest Du eigentlich „konzeptlos“, also ohne Skript oder Vorzeichnungen? Ist das nicht auch sehr riskant, dass man sich irgendwie verfängt oder verliert? Ich finde z.B., dass sich Dschinn Dschinn 1 am Anfang etwas zieht, da frage ich mich, ob das vielleicht an der Arbeitsweise liegt.

RK: Ich hab der Story am Anfang bewusst Zeit gelassen, um „filmisch“ einzusteigen, das tu ich ja immer gern, da ich mich sehr am Kino orientiere. Und ich wollte diese arabische Erzählweise einfangen. Wenn man diese Geschichten aus „1001 Nacht“ liest, ist das nicht anders, da beschreibt der Erzähler seitenweise einen blühenden duftenden Garten oder was bei einem Festmahl für Köstlichkeiten auf dem Tisch liegen, und das „zieht“ sich dann auch. Ist also ein Stück gewollt, aber wenn es langweilig rüberkommt ist das natürlich schlecht.

Ich glaube nicht, dass es an der Arbeitsweise liegt, im Gegenteil, der große Vorteil am „einfach Draufloszeichnen“ ist nämlich, dass ich selbst grossen Spaß habe dabei. Ich weiß ja meistens selbst nicht genau, was auf der nächsten Seite passieren wird, dadurch bleibt das alles ein Stück weit spontan. Das wäre sofort vorbei, wenn ich erst ein textgenaues Script mit ausgefeilten Dialogen in den Computer hämmern würde. Dann müsste ich’s danach zeichnen, also „erledigen“, und das täte mich sehr langweilen.

CG: Und Du produzierst vollkommen ohne Computer, oder? Hättest Du mal Interesse, Dich digital auszuprobieren (z.B. zeichnen, lettern, kolorieren)?

RK: Nein, ich bin technikdoof und finde das auch sehr ok. Ich hab meine Zeichenblöcke und diverse Stifte und los gehts, eins zu eins und richtig Handarbeit. Und ich hoffe, dass man auch in digitalen Zeiten noch einige Jahre Stifte und Papier kaufen kann, sonst bin ich am Arsch.

CG: Das ist jetzt ja ein neues Arbeiten für Dich – die Leser und der Verlag warten auf den zweiten Band von Dschinn Dschinn.
Fühlst Du Dich da irgendwie unter Druck gesetzt? Gehörst Du vielleicht sogar zu den Leuten, die unter Druck besser arbeiten können?

RK: Nein, unter Druck arbeiten ist nicht so mein Ding, aber es lässt sich oft nicht vermeiden. Ich denke zum Glück nicht darüber nach, dass da Verlag und Leserschaft „warten“, ich mach das erst mal nur für mich. Anders ginge das gar nicht, das schnürt einem ja die Luft ab. In diesem Fall bin aber zuversichtlich, dass die Story funktioniert. Ich hab ja die Fäden bereits im ersten Teil gelegt und muss es nun nur noch auflösen. Das war beim jetzt erschienenen Band anders, da hatte ich viel zu lange keinen genauen Plan über die Charaktere und der Verwandlungen des Muftis.

CG: Wie können wir uns Ralf König beim Arbeiten an einem neuen Comic vorstellen – kontinuierliches Zeichnen oder eher viel auf einem Batzen und dann für einige Zeit wieder nichts?

RK: Eher letzteres. Ich versuche immer wieder, mir „feste Arbeitszeiten“ anzutrainieren, aber das geht irgendwie nicht. Manchmal muss ich auch tagelang ohne zu zeichnen in der Nase popeln, dann brüte ich rein gedanklich an irgendeiner Szene oder Pointe rum.

CG: Gibt es generell auch für Dich Deadlines, oder ist der Verlag zufrieden, dass sie einen neuen Comic von Dir herausbringen können?

RK: Oh nein, es gibt Deadlines. Schlimme, gnadenlose, viel zu enge Deadlines gibt es!
Beim ersten Dschinn war ich da auch prompt vier Monate drüber, das sollte ja bereits im Frühjahr erscheinen und kam dann im Herbst. Aber was solls, es ist halt manchmal nicht planbar mit den kreativen Schüben und Krisen.

CG: Was mich zu dem nächsten Punkt bringt: Deine Comics drehen sich im Kern ja eigentlich immer um Schwule, Beziehungen und Alltagsbeobachtungen. Das ist das, was man von „einem König“ erwartet und bekommt.
Hast Du nicht Lust, zwischendurch mal über was ganz anderes zu erzählen?

RK: Ich wüsste ehrlich gesagt, nicht was. Mich interessiert letztlich das zwischenmenschliche Miteinander, ich hätte keinen Bock, Fantasygeschichten zu zeichnen oder Politthriller. Ich bin schwul, darum wird das immer mehr oder weniger durch die schwule Brille passieren. Einen Brösel zum Beispiel würde man ja auch nicht fragen, ob er nicht mal weg von den Motorrädern mal was Schwules zeichnen will. Aber ich bin immer interessiert daran, meine Themen möglichst weit zu fächern. Wie jetzt mit „1001 Nacht“ oder vorher Shakespeares Dramen etc.

CG: Wenn Dich nichts anderes wirklich interessiert, klar, dann ist es verständlich, dass Deine Comics immer denselben Ansatz, also das Zwischenmenschliche, haben. Die Aussagen „ich bin schwul, deshalb…“ und „einen Brösel würde man ja auch nicht fragen, ob…“ finde ich aber etwas gegensätzlich zu Deinem sehr schönen Text auf Deiner Homepage, in dem Du weggehst davon, Dich auf das Attribut „schwul“ festlegen zu lassen und Dich nicht dadurch definiert sehen willst… In dem Sinne schränkst Du Dich dann ja doch selber, freiwillig, ein.

RK: Na, da ist was auseinander zu halten: Das schönste Kompliment, dass man mir öfter mal macht, ist, dass meine Geschichten eine gewisse Allgemeingültigkeit haben, dass es also letztlich egal ist, ob da Schwule oder Heteros ihre Alltags- und Beziehungsprobleme schultern, im Grunde gleicht sich das alles. Das wird ja auch der Grund sein, warum so viele Leute meine Comics lesen, die sonst mit Schwulen wenig zu tun haben. Aber für mich ist „schwul“ ja nicht nur ein „Thema“, das ich mal eben wechseln könnte oder wollte. Ich bin schwul, meine Freunde sind es, mein Leben ist es! Aber das neue Buch geht nicht ums „Schwulsein“ als solches, sondern um „1001 Nacht“ und einen fundamentalistischen Flaschengeist. Dass da ein schwuler Charakter die 2. Hauptrolle spielt, neben einer heterosexuellen Frau übrigens, liegt in der Natur des Autors.
Wenn Woody Allen eine neue Beziehungskomödie ins Kino bringt, heißt es ja auch nicht „Naja, es geht wieder mal um „Heterosexualität“, weil es selbstverständlich ist, dass es darum geht, worum denn sonst? Aber bei mir bleibt das offensichtlich ein Exotenthema, das es längst nicht mehr ist, für mich.

CG: In anderen Interviews sagst Du, dass Dir das Erzählerische in einem Comic sehr viel wichtiger als die Zeichnungen sei. Walter Moers hat’s vorgemacht und ist nun auch als Geschichtenerzähler und Buchautor sehr erfolgreich. Wäre das auch was für Dich?

RK: Möglicherweise, ich schreibe sehr gern. Allerdings wäre auch hier der Fantasybereich nichts für mich. Walter schickt mir immer seine Bücher, und ich kann das einfach nicht lesen, das ganze Genre ist nicht mein Ding.
Aber in diversen Taschenbüchern gibt es schon hin und wieder Kurzgeschichten von mir, das macht Spass, sich an die Tastatur zu setzen und ohne das Zeichnen zu erzählen, das geht schnell und trifft einen anderen Ton. Ich könnte mir vorstellen, Geschichten zu schreiben, die etwas ernster daherkommen. Denn das Spaßige geht dann doch besser mit den Comics. Andererseits nehmen die Comics mich zeitmäßig ziemlich in Beschlag, das müsste ich mir bewusst freischaufeln.

 CG: Die von Dir im Comixene-Interview erwähnten Blankets und Der alltägliche Kampf als Beispiele für Comics, die Dir gefallen haben,  zeigen ja, dass man auch ganz andere Töne anschlagen kann in Comics, letzterer sogar mit „Knubbelnasenfiguren“.
Allerdings sind Deine Figuren mitterlerweile so im Funnybereich angesiedelt, dass der Leser sich
erstmal umgewöhnen müsste.
Könntest Du Dir vorstellen – falls Du jemals einen „ernsteren“ Comic zeichnen würdest -, einen anderen Stil zu benutzen? Oder bist Du so vertraut und verwurzelt mit Deinem Stil, dass Du nur auf diese Art zeichnen willst?

RK: Ich finde neben all den Nasen, die auf dem Tisch liegen, einfach nicht die Zeit, mir noch einen entscheidend anderen Strich anzueignen. Ich habe das gelegentlich versucht, aber sie haben sofort automatisch diese dicken Wurstfinger. Ich glaube, das krieg ich kaum raus, will ich auch gar nicht.
Ich bin froh mir über die Jahre so einen sicheren Strich angeeignet zu haben. Aber sag niemals nie, es gibt sicherlich Möglichkeiten, noch andere Stimmungen zu erzeugen.

CG: Bist Du es eigentlich nach all den Jahren Leid, Dich immer noch ständig erklären zu müssen? Sprich, dass viele Leute mehr das Schwulsein von Dir und Deinen Comicfiguren zum Thema machen als den Comic an sich?

RK: Ja, das ist manchmal schon ein bisschen mühsam, aber die Leute, die meine Bücher seit längerem lesen und mögen haben da keinen Nachholbedarf. Und ich selbst finde kaum etwas unerheblicher als mein Schwulsein. Mich langweilt ja sogar die schwule Szene, aber das hab ich mir nach fast 28 Jahren auch verdient.

CG: Ich denke da nur an Deine Einladung bei Stefan Raab als aktuelles Beispiel…
Kannst Du da ein bisschen was zu erzählen – wie hast Du das empfunden, und wie läuft so ein Auftritt ab? Wird der Verlag angeschrieben, dass man Dich gerne als Gast da hätte, oder geht der Verlag auf den jeweiligen Sender zu?

RK: Der Verlag mailte mir, Stefan Raab sei von Dschinn Dschinn “begeistert“ und hätte mich gern in der Sendung. Ich kann mir nun für mich bessere Abendunterhaltung vorstellen als bei TV Total auf dem Sessel zu sitzen, aber dazu „Nein“ zu sagen geht fast nicht. Der Werbeeffekt ist beachtlich, Verlag und Agent würden einem tagelang die Ohren befaseln, das zu machen.
Aber dann sitzt man da, die Kameras auf der Nase, und es stellt sich raus, dass Stefan Raab keinen Schimmer hat, was in dem Buch passiert, der hat da höchstens mal vor der Sendung reingeblättert. Das heißt, ich rechnete damit, über Muftis und „1001 Nacht“ zu reden, und dann war die erste Frage, ob das wieder ein „Schwulencomic“ sei und ob mein sonst sicher nur „kafkalesender Lektor“ bei Rowohlt da nicht „rot“ würde, wenn er das sieht.
Was will man da denn antworten? Ich war echt genervt, und das merkt man mir dann auch an. Find ich auch völlig ok.

CG: Also davon, dass er angeblich den Comic begeistert gelesen hat, konnte man in der Tat nichts feststellen…
Eben sprachst Du die Schwulenszene an. Gibt es denn tatsächlich nur die eine Szene, so wie es sich bei Dir anhört? Es wird doch genauso unterschiedliche Charaktere, Einstellungen und Sichtweisen bei Schwulen geben wie sonst auch. Was sollte man sich auch auf etwas festlegen und einschränken lassen durch unausgesprochene „Szenegesetze“, wär ja blöd.

RK: Ja, mit „Szene“ meine ich aber genau das. Da gibt es eine Art „Gruppenzwang“, und dann wird’s schnell zum Diktat, wie man aussieht, welche Musik man hört, welche Interessen man hat etc. Besonders bei Jüngeren dient das der Identitätssuche. Das ist verständlich, man will halt sichtbar dazugehören, jede „Untergruppe“ in der Gesellschaft hat ihre eigenen Erkennungszeichen, denk an Fussballfans. Ich verurteile das auch nicht, es langweilt mich nur etwas, nach so vielen Jahren, da gibt’s so wenig Überraschungen und neue Entwicklungen.

CG: Wird man als Prominenter eigentlich noch „gleich behandelt“, oder ist die (?) schwule Szene so ein Untergrundding, das sich gerne abgrenzt von den kleinbürgerlichen Leuten – oder eben auch bekannteren Personen?

RK: Na „Kleinbürgerliches“ oder auch Spießiges (wie immer man das genau definiert) gibt es unter Schwulen zuhauf. Sogar die Großveranstaltungen, z.B. Ledertreffen in Hamburg, find ich ein Stück weit „spießig“. Da treffen sich die Geklonten, alle sehen gleich aus, bloß nicht aus der Masse hervortreten, die schweren harten Ledermänner mit Glatzen und Fetisch und Tattoos und Muskeln und Bäuchen… und schaufeln tagsüber in den Kaffees laut schnatternd und tratschend Torte und Kuchen in sich rein.Da ist der Schritt zur Butterfahrt nach Helgoland vom Damenkegelclub nicht weit. Anderseits sind diese Gegensätze ja auch liebenswert, und genau daraus ziehe ich ja viel grotesken Humor für meine Comics.
Ich weiß ja nicht, wie viele Leute mich nicht kontakten, weil ich ein „Promi“ bin, darum nehme ich das auch kaum so wahr. Für mich selbst spielt das mit dem „Bekanntsein“ sowieso nicht so eine große Geige, ich mach meinen Job und denke kaum weiter drüber nach.
Das war aber auch eine bewusste Entscheidung, damals, als der „bewegte Mann“ in den Läden und später in den Kinos war. Ich wollte nicht mit dunkler Sonnenbrille durch die Stadt latschen, sondern genau das weiter tun, was ich auch täte, wenn ich nicht der Zeichner wäre. Je weniger Bohei ich selbst darum mache, umso weniger schränkt es mein Privatleben ein. Und ich bin froh, dass ich kein Schauspieler bin oder Politiker oder sowas, sondern „nur“ Comiczeichner. Mein Gesicht ist ja noch relativ incognito.

CG: Trotz allem bist Du aber irgendwie, ob Du willst oder nicht, ein Botschafter der Schwulen, oder? So viele Homosexuelle kennt die Öffentlichkeit ja nun auch nicht, und da wird man doch sicher etwas genauer beobachtet.

“Aha, so denken die also darüber“ oder so ähnlich wird sich sicherlich schon der ein oder andere Leser gedacht haben.

RK: Genau das will ich aber nicht sein, dazu hab ich zur schwulen Szene ein viel zu diffenziertes Verhältnis und meine individuellen Macken. Mir ist klar, dass ich da mein Stück Verantwortung habe, aber das ist okay, so lange ich in den Inhalten vor mir selber ehrlich bleibe und keinen Blödsinn über
Schwule verzapfe, nur um Geld zu verdienen, wie beispielsweise Bully das tut mit seinem „Heititei“. 

CG:  Ähnlich war es meiner Meinung nach auch mit Der bewegte Mann. So sehr Du diesen Film hasst – er hat trotzdem irgendwo das Eis gebrochen für schwule Themen.

RK: Sicher, Der bewegte Mann war der richtige Comic zur richtigen Zeit, und mit dem Film funktionierte das auch. Der Unterschied ist, den Comic hab ich selbst gemacht und stehe auch heute noch dazu, wenn auch die Zeit drüber vergangen ist. Der Film hat schon einige Perspektiven zugunsten des Mainstreams verschoben, und darum kann ich ihn nur bedingt mögen. Aber im Vergleich zu anderen Machwerken zum Thema „schwul“ ist der Film noch sehr in Ordnung.

Die Fernsehserie Bewegte Männer, mit der ich weder inhaltlich noch finanziell etwas zu tun habe, ist dagegen ’ne Katastrophe, das ist nicht nur schwulen-, sondern vor allem humorfeindlich.

CG: Gibt es von Deinen Comics einen, den Du doch gerne noch verfilmt sehen würdest – natürlich dann mit einem entsprechenden Einfluss von Dir?

RK: Nein, nicht wirklich. Über einen Zeichen- oder Puppentrickfilm ließe sich reden, aber auch dafür sind die geeigneten Stoffe leider bereits vergeigt. Kondom des Grauens wäre ein prima Trickfilm gewesen, auch Lysistrata kann ich mir vorstellen. Vielleicht ließe sich aus Bullenklöten was machen, oder jetzt dem Dschinn. Aber ich ersehne das nicht, mit den Comics fühle ich mich allemal auf sichererem Terrain.
Nur leider hat jede Verfilmung eine viel größere Medienaufmerksamkeit. Wenn ein neuer Comic raus kommt, interessiert das kaum ’ne Sau, aber wegen eines Kinofilms ist jedesmal großer Wirbel.

CG: Aber direkt ein Drehbuch für einen (Trick-)Film zu schreiben wäre nichts für Dich?

RK: Finanziell ist sowas verlockend, aber mit den Comics fühle ich mich immer wohler.

CG: Apropos Szene – so richtig in der, zugegebenermaßen recht kleinen, deutschsprachigen Comicszene tummelst Du Dich auch nicht, oder?

RK: Nein, ich wusste ganz am Anfang meiner Laufbahn nicht mal, dass es eine Comic-Szene gibt! Und die entdeckte mich bezeichnenderweise auch erst mit Kondom des Grauens, ich nehme an, weil die Story damals comicgerecht war, mit einem einsamen Inspektor und einem Monster, und das in New York, etc. Ich war da immer so’n Seiteneinsteiger, Der „Max-und-Moritz-Preis“ in Erlangen (1992 als „Bester deutschsprachiger Comic-Künstler“, Anm. d. Red.) war darum ein bemerkenswertes Ereignis für mich.

CG: Wenn Du zurückblickst: gibt es einen Comic von Dir, den Du am liebsten komplett aufkaufen und verbrennen möchtest? Und auf welchen bist Du besonders stolz?

RK: Naja, ich hatte das zweifelhafte Glück, schon mit den ersten Kritzeleien damals einen schwulen Kleinverlag gefunden zu haben, der das Zeug veröffentlichte. Die machten sonst vor allem schlechte Pornos, und der Verlagsboss war scharf auf mich, ich war gerade 18 und wohl ganz knackig.
Das waren winzige Auflagen, und grottenschlechtes Zeug, aber die werden immer noch gelegentlich bei Signierstunden auf den Tisch gelegt.

Stolz bin ich selten auf was, aber von den Büchern mag ich Super-Paradise am liebsten, wegen des Balance-Aktes zwischen todernst und lebenslustig.
Das dauerte lange, bis ich mich dem Thema HIV so respektlos nähern konnte, dazu musste ich erst die schlimme Erfahrung machen, dass einer meiner besten Freunde starb. Danach wusste ich, wovon ich rede.

CG: Gibt es eine Szene oder Idee eines anderen Zeichners, auf die Du liebend gerne selber gekommen wärst, weil sie so genial ist?

RK: Nein. Ich bin kein Neider.

CG: Hast Du eigentlich immer den Drang in Dir, neue Comics zu machen, oder fühlst Du Dich manchmal ausgelaugt und ideenlos und denkst, der Comic, an dem Du gerade arbeitest, wird der letzte sein?

RK: Ich mache das jetzt seit äh… über 25 Jahren, und es fiel mir immer was ein, da bin ich ganz gelassen. Irgendwann fliegt einem wieder ’ne Idee zu.
Aber sicher hab ich auch Phasen, in denen ich leer laufe und das ist dann sehr mühsam. Gehört aber zum kreativen Prozess dazu, jedenfalls bei mir.

CG: Zeichner, die in Deutschland von ihren Comics/Cartoons leben können (und seltsamerweise sind es immer solche, die aus der witzigen Ecke kommen), kann man wohl an einer Hand abzählen: Du, Walter Moers, Brösel, Uli Stein,… öhm, und da fällt mir schon auf die Schnelle niemand mehr ein.
Kennt Ihr Euch untereinander, verbindet einen das irgendwie, oder nimmt man die anderen nur wahr?

RK: Außer zu Walter hab ich zu niemandem Kontakt. Wir telefonieren gelegentlich, dann geht’s meist um Erfahrungen mit Verfilmungen und ähnliches. Getroffen haben wir uns damals in Erlangen, da war ich noch ’ne unbekannte Nummer, war aber Moers-Fan und er kannte und mochte mein Zeug auch schon. Da standen wir voreinander und fanden uns gegenseitig klasse.

CG: Beim Comicfest in Lucca hast Du gerade (wieder mal) einen Preis gewonnen, für Bullenklöten. Glückwunsch dazu! Was bedeuten Dir im Allgemeinen diese Auszeichnungen – und speziell solche aus dem Ausland?

RK: Mich freut das natürlich, weil es zeigt, dass ich mit meinen Themen und dem Humor den internationalen Nerv treffe. In Frankreich stand mal in einer Tageszeitung „Es kommt nicht oft vor, dass ein Deutscher uns zum Lachen bringt“, und das ist schon ’ne Auszeichnung, finde ich.

CG: Stimmt, wo wir sonst als so humorlos gelten…
Du schreibst in Deinen Comics ja nicht nur über das schwule Leben, sondern auch über Heterosexuelle. Woher nimmst Du diese Beobachtungen – direkt aus dem Freundeskreis?

RK: Ach, ich bin ja nicht nur schwul. Das ist das leidige Thema mit dem Schubladendenken. Ich lebe nicht auf einer Homo-Insel, selbst in Köln gibts noch jede Menge Heteros, obwohl wir dran arbeiten, ich sehe „heterosexuelle“ Kinofilme und hab mindestens einen Heterofreund, der auch sein Kreuz mit den Frauen trägt. Ich bin in einem westfälischen Dorf aufgewachsen, unter Heteros, und die Pornos im Schrank meines Vaters waren auch hetero. Ich kann also mitreden.
Du wirst es kaum fassen, aber ich hatte im Leben auch schon mal Sex mit Frauen. Ich hoffe, diese Information wirft die Gay Community nicht um zehn Jahre zurück!

CG: Macht es Dir Spaß, Deine Comics zu bewerben, Autogrammstunden und Interviews zu geben, oder ist es eher eine „Pflicht“, durch die man halt durch muss?

RK: Zeitweise mach ich das gern mit, wie jetzt. Ich war zum Signieren in München, Köln, Bonn, Frankfurter Buchmesse, im Sommer in Barcelona und Paris, überall sind die Leute gut drauf und freuen sich über ’ne hingekritzelte Nase, das macht schon auch Spaß, auch wenn’s anstrengend ist. Morgen gehts noch mal nach Hamburg, aber dann reicht’s auch, ich muss mich nun auf den zweiten Teil vom Dschinn konzentrieren. Und das geht nicht, wenn mein Leben so unruhig ist und jedes Wochenende ’ne andere Tour ansteht.

CG: Welche Frage hasst Du in Interviews oder hast keinen Bock mehr, darauf zu antworten?

[Lass mich raten – über die Filme, und vielleicht, ob Schwule wirklich so sind?]

RK: Nein, mein Spitzenreiter ist „Woher nehmen Sie die Ideen?“ Schnarch…

CG: Hehe, aber immerhin hat die Frage mal nix mit Schwulsein zu tun. 😉
Herzlichen Dank für die interessanten Antworten und weiterhin viel Erfolg!

Dschinn Dschinn 1 – Der Zauber des Schabbar
Rowohlt Verlag
Text und Zeichnungen: Ralf König
170 Seiten, s/w, Softcover; 9,90 Euro
ISBN: 3499239590

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Webseite von Ralf König

Künstlerseite bei Rowohlt

unsere Webcomicserie „Adam & Andy“

Gewinnspiel:

In Zusammenarbeit mit dem Rowohlt Verlag verlosen wir zwei Exemplare von Dschinn Dschinn – Der Zauber des Schabbar. Beantwortet einfach die unten stehende Frage und füllt das Formular komplett aus. Einsendeschluss ist der 17. November 2005. Unter allen richtigen Einsendungen werden die Preise ausgelost.
Jeder darf nur einmal teilnehmen. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Das Gewinnspiel ist beendet. Bitte nicht mehr teilnehmen!

Frage: Wie viele Comics von Ralf König wurden bereits verfilmt?

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Faust #10

“LIEBE DER VERDAMMTEN AKT 13“

Drei Jahre hat es gedauert, bis der des öfteren bereits totgeahnte Verlag EEE (Extrem Erfolgreich Enterprises) aufgrund anderweitiger Beschäftigungen der Künstler David Quinn und Timothy B.Vigil den Nachfolgeband zu Faust #9 präsentieren konnte.
Das ist natürlich eine verdammt lange Pause für eine fortlaufende Serie. Dankenswerterweise bekommt man am Anfang dieses Bandes eine Zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse, und so fühlt man sich einigermaßen gewappnet.
Laut Pressetext ist Faust „eine wort- und bildgewaltige Horror-Saga, die sich an das klassische Goethe-Werk anlehnt und im typischen Stil der Comic-Underground-Stars David Quinn und Tim Vigil interpretiert.“

Der an Wolverine erinnernde Protagonist John Jaspers ist halb Mensch, halb Dämon. Er sollte eigentlich für seinen Schöpfer, den gefallenen Engel M, auf der Erde ein bisschen aufräumen und damit dessen „Unschöpfung“ vorbereiten. Seine Liebe zur Psychologin Jade De Camp, deren Patient und Liebhaber er vor seiner Umwandlung war, hält ihn aber davon ab, Ms willenlose Exekutive zu sein.
M erschafft sich also ein neues Wesen, den Homunkulus, und schnappt sich Jade, die er als seine „Madonna des Sturzes“ auserkoren hat. Dummerweise gibt es da noch Claire, die eigentlich die Frau an Ms Seite ist, und die findet das gar nicht witzig.
Der Journalist Ron Balfour – als Zeuge einer vorherigen Rettung Jades durch Jaspers – hat indes Lunte an der ganzen Geschichte gerochen. Er eilt später Jade zu Hilfe, als diese nach einem Vereinigungsritual mit M bewusstlos zurückbleibt, wird aber von Claire niedergestreckt.

Soweit ganz im Groben die Rahmenhandlung.
In Band 10 muss John nun den Homunkulus bekämpfen. Im Laufe des Kampfgeschehens taucht auch M auf, um John zu verhöhnen und, bösartig wie er ist, noch ein bisschen zu erzählen über seine geplante schöne neue Welt. Währenddessen krallt sich die eifersüchtige Claire Jade, die noch benommen ist von dem Ritual, und will mit ihr abhauen.
Der Homunkulus endet als Sieger des Kampfes (Jaspers bleibt regungslos auf dem Boden liegen) und wird nun von M den beiden Frauen hinterhergeschickt, um Jade, die er zur Durchführung seiner Pläne braucht, zurückzuholen – was ihm auch gelingt.
Ist die Welt endgültig verloren?

Tim Vigil liefert beeindruckend detaillierte schwarz-weiß-Zeichnungen ab (die aber anatomisch schon mal Fragen aufkommen lassen). Das häufige Zurschaustellen von Nackedeis (Männer, Frauen und Monster) hat dann wohl auch zwangsläufig zur Einordnung „nur für Erwachsene“ geführt, wie es typisch und gewollt ist für Comics von EEE, die sich ja aufgrund Bela B.s persönlichem Geschmack hauptsächlich den düsteren Stoffen verschrieben haben.

So positiv der Eindruck auf der grafischen Seite ist, so genervt bin ich von dem Geschwafel. Da wird, besonders von Ms Seite, schwadroniert und pseudophilosophiert, dass man durch manche Texte gar nicht mehr hindurchkommt, ohne den Faden zu verlieren. Vermutlich soll mit diesem Stil auch auf die klassische Sprache der Vorlage, Goethes Faust, eingegangen werden, aber wenn man dadurch das Interesse an der Geschichte verliert, dann hört der Spaß doch irgendwie auf. Ich nehme an, dass das Original schon so gehalten ist, so dass man der Übersetzerin keine Schuld für die mitunter leblose Sprache machen kann, sondern ihr eher dazu gratulieren, dass sie es (hoffentlich) ohne größere Schäden geschafft hat, sich durch diesen Sumpf durchzuwühlen.
Die Figur der Claire bedient sich derweilen einer anderen Sprachstilvariante, die den Leser aber auch eher ratlos zurücklässt. Als ‚toughe Powerfrau‘ wirft sie nur so um sich mit Schimpfwörtern und fantasievollen Bezeichnungen für Jade (“verhurte Arztschlampe“), aber irgendwie kommt auch das zu gewollt rüber. 

Leute, die schwülstige Epen mögen, können mal einen Blick riskieren, schon allein wegen des Artworks. Mir persönlich wäre es lieber gewesen, wenn sprachlich ein Gang zurückgeschaltet worden wäre, um das Ganze unverkrampfter anzugehen und weniger wirr erscheinen zu lassen.

Faust #10 – Liebe der Verdammten Akt 13
EEE
Text: David Quinn
Zeichnungen: Timothy B. Vigil
nur für Erwachsene!
Farbcover, Innenseiten s/w, Softcover; 4,90 Euro
ISBN:  393255289X

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Comic-Zentrum auf der Frankfurter Buchmesse 2005

Das Comic-Zentrum ist inzwischen eine feste Einrichtung auf der Frankfurter Buchmesse geworden, und man kann auch die 2005er-Auflage guten Gewissens als Erfolg bezeichnen. In der Ecke der großen Ausstellungshalle, die für Comics reserviert war, herrschte an den beiden Besuchertagen mit Abstand das dichteste Gedränge auf der ganzen Messe. Vor allem junge Leute zog es in den Bereich, der nicht nur aus Verlagsständen bestand, sondern durch einige Besonderheiten aufgewertet wurde: ein Cafe, ein Comicladen, das Podium für diverse Vorträge und Talkrunden, drei Signiertische und nicht zuletzt ein großer Comic-Schmökerbereich sorgten für ein sehr freundliches Ambiente, das im Gegensatz zu vielen anderen Messebereichen wirklich zum Verweilen einlud.

Tokyopop-Stand Wenn man sich die Stände der einzelnen Verlage anschaute, konnte man sehr gut sehen, wie die Finanzkraft der deutschen Comicbranche verteilt ist. Dominierend waren die Stände von Tokyopop und Carlsen Comics sowie der von Lappan (dessen Schwerpunkt eher bei Cartoons liegt). Auffallend waren diese Stände nicht nur durch ihre Größe, sondern auch durch ihr eigenständiges und auffälliges Design und durch ihre offene Bauweise, die es den Besuchern ermöglicht, den Stand zu betreten und darin herumzuschlendern. Bei Carlsen gab es zusätzlich eine Fotoaktion, bei der man sich mit Figuren aus Robert Labs‘ neuem Comic „The Black Beach“ ablichten lassen konnte.
Auch Ehapa bzw. EMA war vertreten, allerdings als Teil des Messestands der Egmont-Gruppe, der sich nicht im Comic-Zentrum befand, sondern im Bereich der Kinder- und Jugendbücher. Wer zu Ehapa wollte, musste also ein wenig suchen. Etwas seltsam mutete der Panini-Stand an, eine große, blau-gelbe Konstruktion, die hauptsächlich aus Wänden bestand. Präsentiert wurden dort vor allem TV-Begleitbücher aus dem Dino-Verlag und eine Handvoll Manga – Superhelden waren gar nicht präsent (hier konzentrierte sich Panini wohl auf die Essener Comic-Action, die nur eine Woche vorher stattfand). Das Hauptevent bei Panini war die Signierstunde einer Autorin, die Bücher zu diversen Teeniefernsehserien schreibt.

Manhwa-Stand der KOCCA Neben den genannten Großständen wurde das Comiczentrum noch vom Stand der Koreaner dominiert. Korea war bekanntlich das offizielle Gastland der Buchmesse und präsentierte sich hier mit seiner Manhwa-Produktion. Die Korea Culture & Content Agency (KOCCA), eine staatlich finanzierte Agentur, hatte richtig Geld reingesteckt: es wurden nicht nur massenhaft Tüten verteilt (auf Messen immer ein sehr begehrtes Accessoire), sondern auch das wohl umfangreichste Giveaway auf der ganzen Buchmesse – der „Manhwa 2005 Sammler“, ein über 250 Seiten dickes Buch voller Leseproben aus verschiedenen Manhwas. Sogar eigens ins Deutsche übersetzt – allerdings nicht von Muttersprachlern, was teilweise zu recht drolligen Formulierungen wie z.B. „Wie wär’s mit etwas anderes zu tun als den Verbrechern zu verfolgen?“ führte. Außerdem gab es auf einigen Bildschirmen die Möglichkeit, sich durch diverse Manhwa zu klicken.

Rundherum gruppierten sich die kleineren Verlage, deren Ständen leider deutlich die beschränkten finanziellen Mittel anzusehen waren. Die standardisierten Messestände, die man in Frankfurt mieten kann, sehen alle gleich aus: rechteckig, weiß, unscheinbar, beschriftet mit dem Verlagsnamen. Noch nicht mal für große bunte Verlagslogos war Platz. So unterschieden sich die Stände nur noch durch die ausgestellten Comics. Und noch ein Nachteil: Im Vergleich zu den großen luden die kleinen Stände viel weniger ein, einfach mal ein Buch oder Heft in die Hand zu nehmen und durchzublättern, weil sie allzu oft nach dem Prinzip des Tante-Emma-Ladens gestaltet waren: hinten Regale, vorne ein Tisch, hinter dem Tisch saß das Standpersonal.
Der Trumpf der Kleinverlage lag in der Anwesenheit ihrer Zeichner: Mawil bei Reprodukt, Naomi Fearn bei Zwerchfell und Chris Deutsch bei Epsilon signierten fleißig ihre Neuerscheinungen an den Ständen.

Schade, dass ein paar Kleinverlage gar nicht mit Messeständen vertreten waren. Wäre der ursprünglich geplante Freibeuter-Gemeinschaftsstand nicht geplatzt, wäre die deutsche Comicbranche wohl annähernd komplett vertreten gewesen.

Jeff Smith signiert Die offiziellen Signierstunden (jeweils drei Künstler gleichzeitig) im Comic-Zentrum glänzten mit vielen großen Namen. Wer mehrere Tage in Frankfurt war und sich fleißig anstellte, konnte eine stattliche Sammlung von Signaturen einheimsen, z.B. von Jeff Smith (“Bone“), Jim Lee (“Batman“), Craig Thompson (“Blankets“), André Juillard (“Blake und Mortimer“), Flix (“Held“), Marjane Satrapi (“Persepolis“), Ralf König (“Dschinn Dschinn“), Joschau Sauer (“Nichtlustig“) oder Christina Plaka (“Yonen Buzz“). Dazu kam noch eine Reihe koreanischer Künstler wie Min-Woo Hyung (“Priest“) oder Kang Won Kim (“I.N.V.U.“). Was die Anzahl und Bandbreite der anwesenden und signierenden Künstler angeht, kann da außer Erlangen kein anderes Comic-Event im deutschsprachigen Raum mithalten.

Tischtennis mit Flix und Joscha SauerSehr erfreulich auch das Veranstaltungsprogramm. Fast durchgehend gab es auf der kleinen Bühne Podiumsdiskussionen, Preisverleihungen, Buchvorstellungen oder originelle Shows wie das gemeinsame Waffelbacken der Cartoon-Allstars Ralf Ruthe, Flix und Joscha Sauer. Sehr unterhaltsam war auch das von Flix und Mawil organisierte „Tischtennis-Turnier des Todes“, bei dem sich je zwei Verlagsvertreter im Doppel gegenüber standen und das sehr launig von Ralph Ruthe kommentiert wurde. Gewonnen hat übrigens das  Team von Lappan.

Und noch andere Gewinner gab es. Folgende 2004er-Comics bzw. Zeichner erhielten einen „Sondermann“:
Comic – International: „Onkel Dagobert“ von Don Rosa (Egmont vgs)
Comic – Eigenpublikation (national): „Die Chronik der Unsterblichen“ von Hohlbein/v. Eckartsberg/v. Kummant (Egmont vgs)
Manga / Manhwa – International: „One Piece“ von Eiichiro Oda (Carlsen)
Manga – Eigenpublikation (national): „Dystopia“ von Judith Park (Carlsen)
Cartoon: „Shit happens“ von Ralph Ruthe (Carlsen)
Newcomer: Arne Bellstorf (“acht, neun, zehn“)
Komische Kunst: Rudi Hurzlmeier

Der Preis für den Comic des Jahres 2005 (erschienen im Jahr 2004) ging an Craig Thompson für „Blankets“, welchen er auch persönlich entgegennahm.

Prominentester Gast in diesem Jahr war natürlich Albert Uderzo – pünktlich zum Erscheinen seines neuen, heftig kritisierten Asterix-Bandes. Für ihn war das Comic-Zentrum zu klein, deshalb fanden „seine“ Veranstaltungen im geräumigen Kino der Buchmesse statt. Der große Andrang, der bei dem Uderzo-Interview mit Ulrich Wickert herrschte, rechtfertigte diese Verlegung. Leider geriet diese Veranstaltung zu einer recht zähen Angelegenheit. Nach einer kleinen Präsentation der Asterix-Rekordzahlen schläferte Mr. Tagesthemen das Publikum erst mal mit ausgiebigen Zitaten aus akademischen Abhandlungen über Asterix ein. Hätte er jetzt noch „eine geruuuuhsame Nacht“ gewünscht, der Saal wäre kollektiv entschlummert. Zum Glück durfte Monsieur Uderzo irgendwann doch noch das Wort ergreifen. Wer jedoch erwartet hatte, dass Journalist Wickert hier mehr als ein braver Stichwortgeber sein würde, wurde enttäuscht. Kritische Fragen blieben aus, die Übersetzung durch eine französische Dolmetscherin, deren Deutsch nicht allzu umwerfend war, sorgte auch nicht gerade für Tempo. Alles in allem ein ziemlich enttäuschendes Eventchen. Immerhin gab’s zum Schluss noch einen kleinen exklusiven Ausschnitt aus der Zeichentrickverfilmung von „Asterix und die Normannen“. Eine kleine Sensation war die Ankündigung, dass Uderzo tatsächlich eine Stunde lang signieren würde.

Jim Lee und Volker Reiche Leicht irritierend wirkte auch die Veranstaltung der F.A.Z., bei der sie ihre aktuelle Buchreihe „Klassiker der Comicliteratur“ vorstellte. Die beiden Gaststars hätten unterschiedlicher nicht sein können: Jim Lee, einer der berühmtesten Vertreter der aktuellen US-Superheldencomics, und Volker Reiche, der in der F.A.Z. mit seiner Stripserie „Strizz“ erfolgreich ist. Reiche nutzte seine Redezeit vor allem dazu, die Superhelden und ihre Art, Konflikte mit Gewalt zu lösen, anzuprangern und machte unmissverständlich klar, dass er von diesem Genre gar nichts hält. Eine legitime Meinung, allerdings etwas undiplomatisch vorgetragen, wenn man direkt neben Jim Lee sitzt und diesen damit in die Defensive drängt.

Schmökerecke Einer der schönsten Plätze im Comic-Zentrum war die mit knallrotem Teppich ausgelegte Schmökerecke. Hier standen hunderte von Comicbänden frei zugänglich in Regalen – die Besucher konnten darin lesen und blättern, solange sie wollten. Einige dürften hier eine ziemlich lange Zeit verbracht haben.

CosplayerWie man auf den Fotos sieht, waren die unvermeidlichen Cosplayer auch am Samstag schon auf der Messe unterwegs, obwohl erst am Sonntag der große Mangatag mit freiem Eintritt für kostümierte Kids war. Dieser Anblick gehört eben inzwischen genauso zu Comicfestivals wie schlangestehende Menschen mit Zeichenblöcken unterm Arm.

Frankfurt 2005 war auf jeden Fall eine Reise wert. Nach dem Erlangener Comic-Salon ist die Buchmesse inzwischen wohl das zweitwichtigste Branchentreffen in Deutschland. Ein gewichtiger Vorteil des Comic-Zentrums ist natürlich der Vorteil, dass es nicht nur wahre Comicfans anzieht, sondern auch Leute, die es als Teil ihres Buchmessebesuchs mitnehmen, aber niemals Eintritt für ein reines Comicfestival bezahlen würden. So erzielt die Veranstaltung ihre Wirkung auch über die kleine Comicszene hinaus.

Die Buchmesse-Berichterstattung der Kollegen:
comic.de mit zahlreichen Bildern
Parnass mit interessanten Audioclips (Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag)
Splashcomics mit Videomitschnitten

Sin City 2: Eine Braut, für die man mordet

Frank Miller gilt als Garant für knallharte Action. Daredevil bricht dem Kingpin die Nase, Batman prügelt den Joker durch ein Schaufenster – immer geht es handfest zur Sache. Die Werke aus der Feder des amerikanischen Autoren und Zeichners haben inzwischen Comic-Geschichte geschrieben. Nicht wegen ihrer Brutalität, sondern wegen ihrer Kohärenz und Tiefe. Jetzt legt Cross Cult nach und präsentiert Frank Millers Klassiker Sin City neu, in einer Luxus-Edition.

Eigentlich ist Dwight McCarthy gerade dabei, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Er hat ein kleines Appartement, arbeitet als Privatdetektiv und ist seit geraumer Zeit trocken. Seine Vermieterin weiß, dass er Probleme mit Alkohol hatte und hofft für ihn das Beste. Dwights Chef Agamemnon kann mehr dazu sagen. Zwei Dinge haben Dwight immer die sichere Bahn verlassen und durchdrehen lassen: Alkohol und Frauen. Und im Augenblick sieht es so aus, als hätte er sein Leben einmal wieder gegen die Wand gefahren. Besoffen war er dabei nicht.

Der Grund für sein Unglück hat die Traummaße 90-60-90 und heißt Ava. Ihr Körper wirkt wie ein Vorgeschmack auf das Paradies und verwandelt Männer in winselnde Hündchen. Obwohl Dwight ihretwegen schwere Zeiten durchgemacht und sich gerade wieder gefangen hat, kommt er nicht von ihr los. Als eines Abends das Telefon läutet und Ava am Apparat ist, klingt ihre Stimme aufgewühlt, hilflos und verzweifelt. Der Grund ihres Anrufs lässt das Blut des Privatdetektivs aufwallen. Avas Mann, ein reicher Snob aus der Nachbarschaft, foltere und martere sie. Die Ehe mit ihm sei die Hölle, Ava fürchtet um ihr Leben. Noch wehrt sich Dwight und versucht, der einfühlsamen Schönheit nicht auf den Leim zu gehen. Nach einer exzessiven Liebesnacht ist es jedoch um seinen Verstand geschehen. Er muss Ava helfen und sie vor ihrem Ehemann beschützen – koste es, was es wolle.

Der Leser ahnt, dass die Sache nicht ganz koscher ist. Aber tragische Geschichten nehmen ihren Lauf, ob das Publikum nun will oder nicht. Vielleicht entwickelt man deswegen von Anfang an Mitleid mit Dwight McCarthy, der eigentlich nichts weiter als ein einfacher Kerl mit einem großen Herzen ist. Bald muss er erkennen, dass sich hinter Avas hilfesuchender Miene finstere Absichten verbergen. Doch da ist es bereits zu spät. Dwight liegt am Boden, blutet wie ein Schwein und ist sich sicher, dass sein letztes Stündlein geschlagen hat.

Frank Millers Geschichte über den liebeskranken Dwight McCarthy und die Femme Fatal Ava ist schlicht und gradlinig. Eigentlich handelt es sich um eine gewöhnliche hard-boiled Kriminalgeschichte, ohne große Schnörkel oder Rafinessen. Die Handlung rückt nach mehreren Seiten in den Hintergrund, und der Leser beginnt zu ahnen, dass stattdessen für etwas anderes Platz gemacht wird. Ein Trip durch die dunkle Hölle von Sin City.

Millers schneller, harter, punktgenauer Erzählstil verwebt sich mit den klaren Linien seiner Zeichenkunst. Rasant wechselnde Perspektiven in Schwarzweiß und dynamische, fließende Bilderfolgen leisten genau das, wozu Comics in der Lage sind: zu überzeichnen und zu stilisieren, um das Wesentliche herauszuarbeiten. Heraus kommt ein Werk, das genau auf der Grenze zwischen Comic und Graphic Novel liegt. Millers Geschichte heizt das Adrenalin an und ist spannend bis zur letzten Seite. Eine Braut, für die man mordet ist absehbar, gradlinig und arbeitet mit Stereotypen. Dennoch zieht die Geschichte den Leser in ihren Bann. Man driftet von Detail zu Detail und versinkt in Millers dunklem Traum. Kohärenz und Tiefe beweisen sich auch hier als das Markenzeichen der amerikanischen Comic-Legende.

Zu guter Letzt sei den Herausgebern der deutschen Luxus-Edition von Sin City gedankt. Die Reihe besticht durch eine hohe Qualität. Darüber hinaus wurde die Gelegenheit wahrgenommen, Hintergrundmaterial zu Frank Miller und seiner Stadt der Sünde zu veröffentlichen. Im Anschluss an Eine Braut, für die man mordet findet der Leser ein Interview zur Serie, das Miller im März 1993 gab. So sollten Comics sein. Da kann man nur viel Spaß beim Lesen wünschen.

Frank Miller’s Sin City 2: Eine Braut, für die man mordet
Cross Cult
226 Seiten, Hardcover, schwarzweiß; 19,80 Euro
ISBN 3-936480-12-5

www.cross-cult.de
www.sincity-derfilm.de

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kurz.schluss 14

Achtung:
Starke Spoiler für Grendel -Tod und Teufel, The Sandman #16, Hitman: 10,000 Bullets und League of Extraordinary Gentlemen.
Leichte Spoiler für The Walking Dead TPB #1, Preacher #7 (dt.), Promethea #15, Michel Vaillant – Der Fluch der Piste, Maus, Die Chronik der Unsterblichen  – Am Abgrund, New Mutants #18 (US), Transmetropolitan – Another Cold Morning  und Planetary #18

The Walking Dead #4
(US-Ausgabe; auch im ersten TPB enthalten)
S. 16-17

 
 

Bei Robert Kirkmans Serie (erscheint bei Image) geht es um eine mit Zombies verseuchte Gesellschaft. Die wenigen noch normalen Menschen, allen voran der Provinzpolizist Rick, schließen sich zusammen und fahren auf der Suche nach Waffen, Lebensmittel und sichere Unterschlupfe quer durchs Land. Die besagte Szene zeigt den ersten risikoreichen Versuch von Rick und Glenn, sich direkt durch die extremst verseuchte Innenstadt zu schmuggeln und dann einen Waffenladen zu plündern. Zuerst gelingt es ihnen auch, unbemerkt zum Laden vorzudringen, da sie extra vorher den Gestank von Zombies annahmen (ihr wollt nicht wissen wie) und so die Untoten nicht zwischen Rick, Glenn und ihresgleichen unterscheiden konnten. Als dann aber der große Platzregen ausbricht, brach nicht nur bei den Comicfiguren die Panik aus, sondern auch bei mir. Der Regen spülte natürlich den Gestank sofort weg, und Rick und Glenn sind hoffnungslos von nun aufmerkenden Zombies umzingelt. Die anschließenden Panels, in denen die beiden sich hektisch mit einem Einkaufswagen voller Schusswaffen einen Weg bahnen zählen mit zu den lustigsten (der Wagen kippt auch noch um, heijeijei), aber auch angstschweißgebadeten, die ich in den letzten Jahren in einem Comic lesen durfte.

Und nicht zuletzt ist diese Episode im strömenden Regen, wie eigentlich die ganze Serie, wunderbar atmosphärisch in schwarz-weiß dargestellt. Alle, die die Serie kennen, wissen wovon ich rede, alle anderen müssen auch nicht mehr allzu lange warten, bis sie auch auf die deutsche Übersetzung bei Cross Cult zugreifen können, nein müssen (erscheint im Januar 2006).

 
 

Preacher
(US-Heft 13; dt. bei Speed in Heft 7 oder dem dritten Sammelband)

Beim wirklich sehr langen Vertigo-Epos von Garth Ennis und Steve Dillon könnte man im Grunde hunderte erinnerungswürdige Szenen herauspicken. Stellvertretend für alles, was diese Serie so stark macht, habe ich mich dann für Jesses finaler Abrechnung mit seiner abartigen Familie entschieden. Selten hat man in einem Comic durch Rückblenden soviel Mitgefühl und Wut zugleich wie durch die vorangegangenen Ausgaben von Preacher. In diesen bekam man alles, was dem Prediger Jesse Custer (die Hauptfigur des Comics) angetan wurde, in aller Grauenhaftigkeit geschildert. Der pure Hass Jesses entlädt sich dann schließlich in diesem Heft. Die Tyrannei der Großmutter und ihrer beiden grobschlächtigen Zöglinge T.C. und Jody soll im finalen Kampf beendet werden. Die beiden Bilder zeigen einen Ausschnitt der mehrseitigen Schlacht Jesse gegen Jody. Beispielhaft für die ganze Serie fällt auch die äußerst brutal aus. Die Spannung wird dadurch erzeugt, dass jede Gewalt-, Mord- und Folterszene durch die völlig zu verstehende Rachelust des Hauptcharakters mehr als gerechtfertigt erscheint.
Wie gesagt, die angesprochenen Sequenzen sind nur ein Beispiel, das man in Preacher zum Thema Gewalt und Rache findet. Aber vielleicht sind es diese Szenen, die mit am besten verdeutlichen, welch ungeheure Intensität Ennis und Dillon damit zu verbinden wissen, da Jesse darin mit seiner schlimmen Vergangenheit aufräumt.



PROMETHEA #15
Seiten 8/9
Autor: Alan Moore, Zeichner: J.H. Williams III

Sophie Bangs ist die neueste Inkarnation der mächtigen Sagengestalt Promethea, Barbara Shelley war ihre Vorgängerin in dieser Rolle. Zusammen unternehmen die beiden eine mystische Reise in verschiedene Sphären der Existenz und lernen dort eine Menge über die Welt (wie Alan Moore sie sieht).
In Heft #15 der Serie befinden sie sich in der Sphäre namens Hod, die der Sprache, der Magie und dem Intellekt gewidmet ist. Sie reden davon, dass Bilder die erste Form geschriebener Sprache waren und kommen kurz darauf auf einen Pfad, der wie eine liegende Acht in sich geschwungen ist. Während sie dort entlangwandern, merken sie, dass sie sich sowohl räumlich als auch zeitlich immer wieder vor und zurück bewegen.

Diese Szene ist, wie ein Großteil der „Promethea“-Serie, sehr metaphysisch und inhaltlich sicher nicht jedermanns Sache. Auf der grafischen Ebene kann man aber nur bewundern, was Alan Moore und sein Zeichner J.H. Williams III hier geschaffen haben. Um den Weg und das Gespräch der beiden Frauen zu verfolgen, muss der Leser das Heft in alle Richtungen drehen. Ebenso wie sie, bewegt er sich dabei vor und zurück und landet am Ende wieder am Ausgangspunkt, wo Barbara sagt: „Ich weiß nicht, aber ich glaube, ich habe grade ein heftiges Dejà Vu. Waren wir hier nicht schonmal?“ Mit dem Spaziergang auf dem Möbiusband zeigen Moore und Williams die Möglichkeiten und die Faszination des Mediums Comic, seine Verschränkung von Text und Bild, die Bedeutung von Panelaufteilung und Seitenlayout. Die Szene funktioniert so wirklich nur als Comic und könnte weder in einen Film noch in einen Roman oder ein Hörspiel adäquat übertragen werden.

Die Doppelseite steht damit exemplarisch für die ganze Serie. Immer wieder wechselt Williams seinen Zeichenstil, präsentiert ungewöhnliche Seitenlayouts und spielt mit Farben und Formen. Ein ungewöhnliches Comicerlebnis, das auch beim wiederholten Lesen immer wieder neue Entdeckungen möglich macht.
(Die erwähnte Szene ist enthalten im Sammelband Promethea Book Three, America’s Best Comics/WildStorm. Auf deutsch bisher nicht erschienen.)

Michel Vaillant – Der Fluch der Piste
 

Eine Szene daraus ist mir nach dem ersten Lesen vor 32 Jahren (damals im Zack-Heft) immer noch in Erinnerung.
Michel Vaillant verunglückt, und sein Wagen fängt Feuer. Er kann sich gerade noch aus dem brennenden Inferno retten. Diese Szene hat mich als Kind/Jugendlicher schwer beeindruckt. Bereits damals war ich Formel 1-Fan. Früher ging es im Rennsport noch öfters um Leben oder Tod, und ich finde, dies ist hier gut eingefangen worden (auch wenn Graton ansonsten nicht der große Zeichen-Künstler ist).
Eine Rolle spielt auch, dass ich das ganze Album deswegen gut finde, weil Michel Vaillant hier nicht wie gewohnt den strahlenden Gewinner, sondern einen Verlierer mimen muss.

Grendel -Tod und Teufel

Einen „bewegenden Moment“ im Comic auszusuchen ist eine kniffelige Sache.
Sind die „Magic Moments“ beim Film oftmals prägnant und unmittelbarer, weil diese durch Schnitt, Musik, Schauspiel und Timing eine wesentlich didaktischere Wirkung haben, wird ein großer Moment beim Comic doch eher subjektiver empfunden.

Entsprechend schwer fiel mir die Auswahl aus den nicht wenigen potentiellen Kandidaten. Manchmal reicht ein Panel für eine Gänsehaut, und trotzdem braucht es oftmals einen ganzen Comic als Vorgeschichte, der diesen Augenblick sorgsam aufbaut. „Maus“ stand natürlich ebenso in der engeren Auswahl wie das Crossover zwischen „Lobo“ und „Hitman“, „Das blaue Tagebuch“ oder einem „Yps“-Heft aus nostalgieverklärten Zeiten – schlussendlich fiel‘ die Wahl auf „Grendel – Tod und Teufel“.

Die Grendel – erfunden von Matt Wagner – sind ähnlich den Ronins Abtrünnige einer zerfallenden endzeitlichen Militär-Elite, die sich in Clans durch eine desolate und radioaktiv verseuchte Welt schlagen – mit mehr oder weniger strikten Einhaltungen ihres einstigen Ehrenkodex.
Die „Tod und Teufel“-Mini-Reihe wurde von Darko Macan geschrieben und Edvin Biukovic gezeichnet – beide aus aus dem ehemaligen Jugoslawien stammend, was der Geschichte eine zusätzliche Brisanz sowie Intimität verleiht.

Drago erkrankt durch eine hinterhältige Falle tödlich. Von seinem „Agram“-Clan wird er über eine „Bestie“ unterrichtet, die sich seit geraumer Zeit über Vieh und ihre Jäger hermacht. Drago nimmt seine Chance für ein würdiges Ende wahr und begibt sich auf die Suche nach dem mysteriösen Monster, behelligt duch seine Konkurrentin Zora, die seine Erbfolge um jeden Preis antreten will. Drago findet schließlich das „Monster“ und gleichzeitig einen Seelenverwandten, ist doch auch Drago durch seine hochansteckende Erkrankung zum Aussätzigen geworden. Sich seiner Stunde des Todes bewusst, verbringt er mit seinem neuen Freund die letzten glücklichen Momente – doch auch diese sind ihm nur vergönnt, bis ihn der allgegenwärtige Krieg wieder einholt…
   
   
   
   

The Sandman #16

Irgendwo in Amerika, in einem Hotel fernab der vielbefahrenen Highways und großen Städte, ereignet sich eine merkwürdige Zusammenkunft. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um ein Treffen von Cornflakes-Fabrikanten. Die Ankommenden begrüßen sich, beziehen ihre Zimmer, lernen einander in der Lobby kennen und tauschen sich am Buffet über ihre Profession aus. Bald wird jedoch klar, dass die Teilnehmer der Convention nichts mit Cornflakes am Hut haben. Sie sind Serienkiller, Mörder und Totschläger. Die Zeitungen gaben ihnen Namen wie Dog Soup, Lip Collector und Family Man.

Meine erinnerungswürdigste Comicszene jagt mir noch immer Schauer über den Rücken. Sie wurde für mich zu einem Inbegriff guten Horrors und ereignet sich am Rande der oben beschriebenen Convention. Die Szene findet sich in Heft 16 der Reihe The Sandman und ist Teil von The Sandman Book II: A Doll’s House. In Deutschland erschien diese Episode 1995 in dem Band Verlorene Herzen unter dem Titel Sammler. Der Autor ist Neil Gaiman, gezeichnet wurde sie von Mike Dringenberg. 
In der Szene, die ich vorstellen möchte, spielen drei grauenhafte Gestalten mit. Zunächst ist da Nimrod, ein Brillenträger mit Oberlippenbart und weißem Hemd. Er ist im richtigen Leben Kieferorthopäde. In den einsamen Bergen von Vermont hat er eine Hütte, von der niemand etwas weiß. Dort stehen vier gefüllte Gefriertruhen, und er überlegt, ob er nicht noch eine fünfte kaufen soll. Dann ist da der Doktor, bullig, in einem blauen Anzug. Er ist eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet der Medizin. Sogar Präsidenten hat er schon behandelt. Er sammelt Lederkrawatten, jede einzelne hat er selber gemacht. Zu guter Letzt ist da der Korinther. Er ist ein fleischgewordener Alptraum, geschaffen, um im Herzen jedes Menschen die Finsternis zu sein. Hinter den Gläsern seiner Sonnenbrille lauern statt Augen zwei Höhlen voller scharfer Zähne. 
Ihr Opfer ist der Journalist Philip Sitz. Er hat sich neugierig unter die Serienkiller geschlichen und als der Bogeyman ausgegeben. Obwohl er selber kein Mörder ist, identifiziert er sich mit ihnen und ihren Taten. Er verachtet Frauen und schwelgt in Gewaltphantasien. Und er möchte lernen. Unglücklicherweise haben ihn Nimrod, der Doktor und der Korinther entlarvt. Sie fesseln Philip, fahren mit ihm in einen Wald und hängen ihn an einem Baum auf.

Obwohl Philip alles andere als eine liebenswerte Person ist, bekommt man ein wenig Mitleid mit ihm. Er ist ohne Frage ein Scheusal, das kurz davor steht, durchzudrehen und selber zum Mörder zu werden. Doch auf der Convention ist er ein Außenseiter. In der Stunde seines Todes muss er erkennen, dass er nichts mit den Anwesenden gemeinsam hat.

Bevor es zur Sache geht, gibt ihm der Korinther eine letzte Weisheit mit auf den Weg. „Es geht nicht um Sex, nicht um Macht oder Grausamkeit. Wir sind Soldaten der Finsternis, Philip. Gladiatoren, Krieger und Götter, und wir werden es Dir beibringen. Der gute Doktor häutet Menschen gerne bei lebendigem Leib. Nimrod ist ein Jäger. Er kann jedes Tier in Minuten schlachten und ausweiden. Was mich angeht, ich habe eine Vorliebe für Augen. Und weißt Du, was wir jetzt machen werden, Philip? Wir werden uns abwechseln.“

Die Steigerung des Grauens ist in dieser Sandman-Episode von Seite zu Seite spürbar. Hat der Leser zunächst noch Distanz zu den Mördern und ihren Taten, so nähert er sich Stück für Stück den Verbrechern. So nahe wie in dieser Szene ist er dem tatsächlichen Treiben nirgends. Genial, wie der Autor mit der Fantasie des Lesers spielt. Es wird nichts gezeigt, nur angedeutet. Darin verbirgt sich für mich der Inbegriff guten Horrors. Nachdem das Grauen beständig gesteigert wurde und der Korinther die Hinrichtung von Philip Sitz ausmalt, bricht die Szene nämlich ab. Der Mord an Philip wird nicht gezeigt. Wahrer Horror ist eben das, was wir nicht sehen.

Maus

Art Spiegelmans „Maus“ dürfte den meisten ein Begriff sein. Jeder, der es gelesen hat, weiß, dass die comichafte Schilderung der damaligen Ereignisse betroffen macht, wie es sonst vielleicht „Schindlers Liste“ vermag.

Der bewegenste Moment der zwei „Maus“-Bände findet sich trotz aller gezeichneten Horrorszenarien erst zum Schluss der Geschichte und hatte eine Wirkung auf mich wie kein anderer in der Comicgeschichte.

Zwar haben mich die bedrückenden Schilderungen berührt, durch die metaphorische Darstellung der Menschen als Mäuse, Katzen, Schweine usw. blieb jedoch stets ein kleiner Abstand erhalten.

Auf Seite 134 des zweiten Bandes ist dann jedoch ein Foto des realen Wladek zu sehen und plötzlich ist dieser „Sicherheitsabstand“ nicht mehr da. Die ganze eben gelesene Geschichte erwacht zum Leben, wird zur harten Realität. Man malt sich unwillkürlich aus, wie die ganze Geschichte wirklich ausgesehen haben mag.

Eine ohnehin schon kaum fassbare Fabel zeigt ihr wahres Gesicht und wird im Kopf des Lesers mit einem Paukenschlag zur echten Biographie. Das wäre in keinem anderen Medium möglich gewesen.

Die Chronik der Unsterblichen – Am Abgrund

 
 
 

Eine der Szenen, die mich am meisten berührt haben in einem Comic, stammt aus dem ersten Band von Die Chronik der Unsterblichen. Gezeichnet von Thomas von Kummant und, nach einem Wolfgang-Hohlbein-Roman, adaptiert von Benjamin von Eckartsberg geht es um einen Mann, Andrej, der im 15. Jahrhundert aus Not sein Heimatdorf verlassen musste. Seinen Sohn Marius will er den Gefahren nicht aussetzen, die ihm unterwegs begegnen könnten, und so lässt er ihn schweren Herzens zurück.

Nach einigen Jahren kehrt er erwartungsvoll ins Dorf zurück, um Marius wiederzusehen. Aber der Ort, an dem er seinen Sohn sicher wähnte, ist komplett zerstört – die Inquisition nahm sich des Teufelsplatzes an und massakrierte und tötete sämtliche Bewohner, selbst die alten Leute und die Kinder. Verzweifelt und voller Panik sucht Andreij nach Marius‘ Körper – bis er ihn in einem Turm findet. Gefoltert wie alle anderen, aber im Gegensatz zu ihnen noch am Leben. Der Junge, gefesselt, blutend, mit einem Pflock im Leib und am Ende seiner Kräfte, erkennt seinen eigenen Vater nicht und wähnt in ihm den Tod, den er so herbeisehnt. Andreij realisiert, dass er seinen Sohn nicht mehr retten kann und erlöst ihn von seinen Schmerzen.

Selten habe ich so intensiv mit einer fiktiven Comicfigur mitgelitten wie bei dieser Szene. Auch jetzt noch, beim Raussuchen der Bilder, berührt sie mich zutiefst. Die ruhigen Bilder und die dunklen Farben ergänzen das Ganze und lassen alles noch sinnloser und endgültiger erscheinen.

In der Romanvorlage findet dies übrigens nicht so statt – dort trifft Andrej auf einen anderen noch lebenden Verwandten, den er von seinem Leid erlöst, sein Sohn liegt bereits tot in einem Leichenhaufen. Aus „Platzgründen“ wurden diese zwei Aspekte zusammengefasst, wobei ich die Comicvariante noch atmospärischer finde.

New Mutants #18
(The Demon Bear Saga)

Das Thema „Große Momente der Comicgeschichte“ bedeutet entweder selbige nach mehr oder weniger adäquaten Prinzipien zu durchforsten, auf der Suche nach dem herausragenden, mediumsprengenden Moment. Oder es ist die Aufforderung, das erste Panel zu beschreiben, das einem bei dieser Aufgabenstellung in den Sinn kommt. Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden.

Mir ist also durchaus bewusst, dass es dieses Superheldenheft der Endachtziger nicht in die 3012 stattfindende Archäologieausstellung „Der Menschheit 9. Kunst und was davon übrig blieb“ schaffen würde. Wenn, dann würde es sich über die Play-Offs gegen die Millionenauflagen der Neunziger qualifizieren –  und das, ganz nebenbei, locker aufspielend. Ich gebe zu, diese Vorstellung macht ANGST, aber man sollte lieber damit rechnen, dass die in tausend Jahren als eigene Sedimentschicht (Farlaneliefledium) sich über Nordamerikas Täler, Wälder und Meere ausbreitende Auflagenhydra der Neunziger der Nachwelt ein schrägschreckliches Bild von der guten, alten und gewiss ausgestorbenen neunten Kunst vermitteln könnte.
Entschuldigung für diesen Satz und jetzt auf zum eigentlichen Thema. Juvenile, claremonterschaffene Mutanten und der Bruch in den Spätachtzigern.

Der Inhalt lässt sich knapp zusammenfassen. Die neuen Mutanten waren in den Achtzigern das erste Kind der erfolgreichen und stets unheimlichen Mutter, Uncanny (heißt also „unheimlich“… dass ich das erst jetzt nachgeschlagen habe) X-Men. Nach bewährtem Rezept lässt Professor X per Cerebro junge Mutanten zusammenkommen, auf dass sie in seiner Schule lernen, mit ihrer Pubertät und ihren neu auftretenden, unheimlichen Superkräften zurechtzukommen. Und das in dieser Reihenfolge. Interessante Anekdote am Rande: Während in der All-New, All-Different-Rekrutierung eher die G7 dominierte (Japan, Deutschland, Kanada, UDSSR…), kamen bei den Neuen Mutanten sympathische Loserländer wie Korea, Irland (damals beide noch im Prä-Tigerstaat-Status) oder Brasilien zum Zuge. Tja, in Giant-Size 1 gings auch um was, da mussten die Eisen aus dem Feuer geholt werden. Die Kids dagegen sollten eigentlich nur nett sie selbst sein, nett lernen, nett zusammen, nettnett. Ja, eigentlich… Denn es kommt, wie es kommen muss. Aus den Schülern wird trotz der Unterschiede, Minderwertigkeitskomplexe und aller Unerfahrenheit eine eingeschworene Truppe und ferner (die Gefahr von außen lässt ihnen selbstverständlich keine andere Wahl) eine Superheldengruppe. New Mutants.

Dieses Vorwissen ist wichtig, um die Naivität und Konventionalität der Serie und demnach den Bruch, der mit Heft Nummer 18 kam, nachvollziehen zu können. Also, Heft Nummer 18.

Bill Sienkiewicz.

Zisch, Rausch, Flirr.

Wie wenn David Lynch auf OC California losgelassen wird.

Bibber, Zitter, Schrei.

Sein in der, inhaltlich als auch markttechnisch gesehen, eher abseitigen Marvel-Serie Moon Knight gereifter, abstrakt-expressiver und für damalige Verhältnisse sehr experimenteller Zeichenstil sorgt mit der ersten Seite von New Mutants 18 für eine kleine Revolution im Mainstream. Und für gehörige Verwirrung beim damals noch sehr jungen Schreiber (aka ich, früher).

Dani Moonstar, aka (erraten) Moonstar, eine Native American Cheyenne mit übersinnlichen, schamanistischen Superkräften, wird von Horrorvisionen geplagt. So eröffnet dieser Comic –  mit einer ganzen Seite Angstattacke.

„He’s out there, the Demon Bear that murdered my parents. Watching. Waiting.

For me.”

Besonders geschickt auf die jungen Leser gerade ein Bild loszulassen, das ihnen aus ihrer Kindheit noch durchaus vertraut vorkommen muss. Nachts, im Bett zusammengekauert, die Decke über den Kopf gestülpt. Nur die in Panik wandernden Augen halten Kontakt mit dem Außen. Und das Außen ist in diesen Momenten ALLES, ausgenommen des beschützenden Bett-Decke-Cocoons, dieses unermessliche ALLES, welches außerhalb der eigenen visuellen Reichweite ist. Das Monster ist immer dort, wo man es nicht sehen kann.

Sienciewicz fängt diesen Angsttrip mit seinem in diesem Fall kongenial minimalistisch agierenden Partner Claremont perfekt ein. Der unvertraute Strich, der damals noch ungewöhnliche Splashpage-Effekt, der den oben erläuterten unterbewusst ablaufenden Angstprozess unterstützende Bildaufbau und diese wenigen, prägnanten Worte …. BOOM.

Das Bild, das mit haften blieb, ist auf Seite 17 zu finden. Der Demon Bear in voller Pracht. Erneut eine full page illustration. Die Unermesslichkeit in Danis Angst.

Ein psychotisch dreinblickender, absurd überproportionierter Gorilla-Grizzly mit Riesenkrallen saugt unsere junge Mutantin förmlich auf mit seiner schwarzen Körpermasse. Drumherum unschuldiger, weißer Schnee.

Sprachlos.

Danach waren Comics anders.

Vielschichtiger, gefährlicher, abgründiger… psychologischer. Hier ging es los, schätze ich. Meine Comic-Pubertät nahm ihren Lauf.

Garth Ennis ist ein Autor, mit dem ich oft härter ins Gericht gehe als mit anderen Autoren. Ich weiß, es ist unfair, jemandem zu sagen: „Bei anderen hätte ich das gut gefunden, aber ich weiß, dass du es besser kannst.“ Nur bei Garth Ennis ist das exakt der Fall. (Bloß dass ich ihm das offensichtlich nicht persönlich sage… wobei es natürlich toll wäre wenn, aber egal.)

Hitman: 10,000 Bullets

ist so ein Fall, der zeigt, was Ennis rausholen kann, wenn er nur will. Denn hier mixt Ennis die beiden Elemente, die er perfekt beherrscht: Abgedrehte, geschmacklose Gewalt und ruhige Charaktermomente. Nur leider verlässt er sich zu oft einfach nur auf die geschmacklose Gewalt. Der letzte Teil von 10,000 Bullets startet damit. Tommy Monaghan, der Hitman, kracht seine alte Rostmühle durch eine Wand, zerschmettert einen korrupten Bullen, und dann beginnen Tommy und sein Kumpel Natt the Hat einen Amoklauf durch das Anwesen eines Gangsterbosses (siamesischer Zwilling, wobei Tommy bereits einen der beiden Zwillinge getötet hat und dieser nun fröhlich vor sich hin verrottet… ein typischer Garth Ennis halt), der knapp zwei Drittel des Hefts andauert. Und dann, ohne Vorwarnung, ändert Ennis Tempo und Stil. Und das macht ihn, in seinen guten Momenten, zu einem der besten Autoren im Comicbereich.

Der Bruch kommt abrupt, aber er wirkt nicht störend. Er verhindert, dass das Heft eine reine Gemetzelsequenz ist und gibt damit dem Abgeschlachte retroaktiv mehr Gewicht. Tommy findet sich nun auf dem Dach des Anwesens wieder, wo er im Regen stehend gegen Johnny Navarone, den besten Profikiller der Welt, antreten muss. Tommy weiß, dass er keine Chance hat. Er feuert einen Zufallsschuß ab und hat das Glück, damit Navarones Schußhand zu zerfetzen. Johnny bietet Tommy nun an, ein Team-Up zu schließen. Zusammen können wir das Universum regieren, Luke… also, quasi. Immerhin: „We’re better than this scum.“ Woraufhin ihm Tommy die Pistole an die Stirn presst, murmelt „We are all scum, Johnny. We are all scum“, und dann den Abzug durchdrückt.

Das Schöne an dieser Szene ist, dass sie ungemein cinematisch wirkt. Nach dem konstanten Adrenalingepumpe der bisherigen Seiten wirkt der Shoot-Out ruhig und zurückhaltend, was seine Bedeutung noch unterstreicht. Es ist vor allem das „We’re all scum“-Panel, bei dem ich an einen wirklich guten Film denken muss. Die filmreife Atmosphäre wird von dem Regen noch weiter unterstrichen. Wenn ich diese Szene lese, dann habe ich in meinem Kopf immer die Stimme von Bruce Willis, der die Rolle von Tommy spricht. Dabei ist auch zu beachten, dass die Exekution Navarones nicht on panel stattfindet, sondern außerhalb des übergroßen Bildes. Nachdem die ganze Ausgabe das explizite Gemetzel zelebrierte, wird das kaum Zensurgründe haben. Ennis schafft den Schwung von actionreichem Massaker zu ruhiger Charakterszene mit Bravour.

Dieses Finale auf dem Dach ist eine der Szenen, die ich immer mal wieder lese. Nur diese eine Szene, weil sie einfach hervorragend geschrieben ist. Das Äquivalent einer großen Kinoszene in Comicform.

Warren Ellis ist in gewisser Hinsicht wie Garth Ennis… er kann mehr, als er oft zeigt. Zu oft kommt ihm die Lust an der Provokation und der gezielten Geschmacklosigkeit in die Quere. Der Wunsch, kontrovers zu sein, überlagert dann manchmal die Qualität seiner Arbeit. Dabei sind, zumindest für mich, die besten Beispiele für Ellis‘ Fähigkeiten diejenigen, in denen er sich bewusst zurückhält. Das von mir schon öfter erwähnte

Transmetropolitan – Another Cold Morning

ist ein Musterexemplar dafür. Hier erzählt Ellis eine Geschichte, die wunderschönen Zeichnungen von Darick Robertson unterstreichen Ellis Qualität als Erzähler nur. Dies ist die einzige Ausgabe von Transmetropolitan, in der wir eine von Spider Jerusalems „I Hate It Here“-Kolumnen in ihrer Gänze erleben und nicht nur Auszüge. Keine wirkliche Storyline, keine Sprechblasen, keine Soundwords, nur die Captions, die die Kolumne wiedergeben und die dazugehörigen Bilder.

Wenn Ellis dann zu dem Teil kommt, in dem wir Details aus dem Leben von Mary, einer seit dem 20. Jahrhundert in Cryostase gefrorenen und erst kürzlich in Spider Jerusalems Zeit aufgetauten Frau, erfahren, dann schwingt da mehr als ein Hauch von Blade Runner mit. Präziser, ein Hauch der umwerfenden „Tears in Rain“-Szene, in der Rutger Hauer sterbend auf dem Dach sitzt und besondere Erinnerungen aus seinem Leben wiedergibt, die der Zuschauer nicht auf dem Bildschirm sieht. Da ist nur Rutger Hauer und der Regen, und trotzdem entstehen – dank dem guten Script und dem großartigen Monolog Hauers – automatisch Bilder im Kopf, die diese Szene erinnerungswürdiger machen, als es jeder Computereffekt je könnte. So funktioniert auch diese Szene in Another Cold Morning. Spider Jerusalem erzählt, wie Mary mit Gorbatschow durch Moskau ging, von dem Mann, der die chinesische Panzerkolonne gestoppt hat, von Nelson Mandela in Johannesburg, und es entstehen Bilder im Kopf. Warren Ellis hat mir mit dieser Szene eine wirkliche Gänsehaut verpasst. Sehr gelungen auch der Gegensatz zwischen diesen bewegenden Captions über die Vergangenheit und Robertsons Zeichnungen, in denen Mary einsam und verlassen in einer dreckigen Gasse sitzt und mit der Gegenwart, ihrer Zukunft, nicht zurecht kommt. Von dem, was uns Spider Jerusalem da erzählt, sehen wir auf der Seite nichts. Und trotzdem hatte ich sofort passende Bilder vor Augen. Kopfkino.

Einen ähnlich starken Effekt hatten die letzten Seiten von

Planetary #18
 
auf mich.
Hier haben wir zuvor erfahren, was es mit dem „Gun Club“ auf sich hat, einer Organisation, die im 19. Jahrhundert versuchte, eine bemannte Raumkapsel auf den Mond zu schießen. Die Flugbahn war falsch kalkuliert, und die Astronauten trieben über 100 Jahre im All, ehe die Kugel mit den Überresten der Astronauten vor kurzem wieder in die Erdatmosphäre eintrat. Auf den letzten Seiten beginnt Elijah Snow nun darüber zu philosophieren, wie sich die Männer auf der Erde gefühlt haben müssen, die jeden Abend zum Mond schauten und sich wunderten, was aus ihren Weggefährten geworden ist. Selbst während ich das hier schreibe kann ich dieses leichte Prickeln im Hinterkopf spüren, das ich beim ersten Lesen von Snows Worten hatte. Ellis setzt da, mit dem Verzicht auf Flüche und Albernheiten, eine wirklich starke Prosa ein, die mich sofort in ihren Bann zieht und die in der Lage ist die Magie zu transportieren, von der Snow redet. Wenn er dann mit einem „Strange world. And it’s always going to be that way,“ schließt, dann weiß ich als Leser ganz genau, was er meint.

Wenn Ellis nur öfter diese ruhigen Töne anschlagen würde, die er doch eigentlich so gut beherrscht.
Die größte Stärke von Alan Moores

League of Extraordinary Gentlemen
 
ist, dass er seinen Charakteren Tiefe gibt. Selbst, oder gerade, Mr. Hyde profitiert davon. Es wäre leicht, Hyde als die böse, unkontrollierte Seite des harmlosen, verklemmten Viktorianers Dr. Jekyll anzusehen, aber Moore geht einen Schritt weiter. Hyde ist nicht einfach böse, und Hyde ist auch mehr als die ausgelebten Triebe des Dr. Jekyll. Hyde ist ein eigenständiges Wesen, ein ganz eigener Charakter, mehr als nur das Gegenteil von Jekyll. In LoEG scheint es eher so, als wäre er das Original und Dr. Jekyll die Seite, die nur gelegentlich hervorbricht. Hyde hat Gefühle, Ziele und eine – wenn auch sehr verquere – Vorstellung von Moral. Etwas, das der Unsichtbare Mann nur wenige Szenen vor der Polka-Szene auf höchst unschöne Art und Weise erleben musste.

Wenn Hyde nun seinem Tod entgegen geht, dann ist das eine der besten Todesszenen, die ich in der Comicwelt kenne. Auch weil sie – zumindest wahrscheinlich – eine gewisse Permanenz haben wird, die normalen Superheldentoden fehlt. Da ist etwas sehr Verstörendes in der Art, wie der wilde Mr. Hyde, den wir Leute mittig durchreißen sahen, sich zurückhaltend und fast schüchtern von Mina Harker verabschiedet, seine Frack über den Arm legt und mit einem Spazierstock und einem fröhlichen Lied auf den Lippen auf die Tripods der Marsmenschen zutanzt, die ganz England in Schutt und Asche gelegt haben. Und die danach scheinbar auch Hyde einäschern.

Und dann kommt Hyde noch einmal zurück. Der andere Hyde, der wilde Hyde, der ganz alleine einen Tripod zum Sturz bringt (hier kann sich Moore den Schwinger gegen H.G. Wells nicht verkneifen, dass ein Dreibeindesign taktisch mehr als unklug ist), die Pilotenkapsel aufreißt (in einer Szene, die stark an Independence Day erinnert) und dann einen der Marsianer bei lebendigem Leibe verschlingt. Erst dann machen ihm drei weitere Tripods endgültig den Gar aus.

Moore setzt hier einen fulminanten Schlusspunkt für einen der besten Charaktere, die er je „geschaffen“ hat. Natürlich, Hyde ist nicht seine Erfindung, aber das, was Moore mit Hyde gemacht hat, war wahrscheinlich besser als jede andere Hyde-Interpretation in den letzten 100 Jahren. Moore hat sich den Charakter zu eigen und ihn mehr als interessant gemacht. Er hätte hier auch die einfache Route wählen und Hyde als Hulk-Ersatz verwenden können. Stattdessen ist Hyde eine vielschichtige Persönlichkeit, undurchschaubar und bis zum Ende nicht in klare Kategorien einzuordnen.

Die Art, wie Hyde ins Jenseits geht, betont das. Der freundliche Hyde, der Gefühle für Mina Harker hat. Der Hyde, der immer noch eher der verweichlichten Menschheit als den marsianischen Invasoren beisteht. Und der wilde, brutale Hyde, der Dinge tut, die nicht nur seine Teamkameraden das Fürchten lehren, sondern auch Wesen mit einer ganz anderen Philosophie, Psyche und Herkunft. Sein Ende ist beeindruckend und effektiv. Wie er es verdient hat, geht er mit einem großen Knall, nicht mit einem Flüstern. Die „You Should See Me Dance The Polka“-Szene ist eine Szene, die der Leser einfach nicht mehr vergessen kann. Ein einzigartiger Tod, der einem einzigartigen Charakter mehr als gerecht wird. Man wünscht sich nur, dass die Filmmacher zumindest einen Bruchteil der Comics verstanden hätten.