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Adam & Andy 141
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König, Ralf
Comicgate: Hallo Ralf, danke, dass Du Dir Zeit für uns nimmst!
Ralf König: Zu große Hallen, zu enge Gänge, zu viele Menschen. Ich war nie ein Fan dieser Messe, aber man sagte mir, da gäbe es jetzt diesen speziellen Comicbereich, da hab ich’s dann noch mal versucht. War auch sehr okay, hier hatte ich wenigstens den Eindruck, dass die Leute da wissen, wer ich bin und was ich genau mache. Früher saß ich an irgendwelchen Ständen und irgendwelche Leute wollten, dass ich ihren Kindern Schweinchen male oder hielten mich für „Werner“.
Oder die beliebte Idee „Mal mich mal“. Das hasse ich, weil ich das nicht wirklich kann, und wenn man einmal damit anfängt, will’s jeder. Das verweigere ich inzwischen und zeichne stattdessen lieber was, was mit meinen eigenen Inhalten zu tun hat.
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| Ralf mit Pöter auf’m Schreibtisch im stillen Kämmerlein ( Foto: Ekkhart) |
RK: Ich betrachte das als gute Übung, schnell zu zeichnen. Das muss ja zack zack gehen, und davon kriegt man irgendwann einen sehr sicheren Strich. Kann ich jedem Zeichner empfehlen, man wird sicher, ohne Skizzen vorher.
Aber es ist ein anderes Zeichnen als allein zu Hause, klar. Wenn ich zu Hause auch so schnell wäre, würde ich ein Buch nach dem anderen vom Schreibtisch schaufeln. Aber da sind ja die kleinen Panels und ’ne gewisse Sorgfalt vonnöten, und die Schrift sollte lesbar sein.
Woody Allen, Patti Smith… Robert Crumb. Was soll man so jemandem auch sagen? Wahrscheinlich hat der die Lobeshymnen schon tausendmal gehört und lächelt höchstens milde. Geht mir ja ähnlich, wenn mich in so einer Signier-Situation jemand anstrahlt und sagt, wie klasse er das findet, was ich mache, dann freut mich das zwar wirklich, aber ich weiß nie drauf zu reagieren, außer mit einem braven „Danke“. Lob macht mich immer etwas verlegen.
CG: Wenn es Dir allgemein um Fundamentalismus geht, dann muss ich mal so blöd fragen, warum Du Dir dann den Islam ausgesucht hast? Musst Du dann nicht achtgeben, dass ein Vorwurf kommen könnte, Du schlägst in den allgemeinen, gerade modernen „Anti-Islam-Kanon“ ein?
Aber ich hab gleiche Vorbehalte gegen das, was in Bushs Amerika abläuft oder gegen den Vatikan. Ich bin sehr unreligiös drauf, egal welcher Gott gemeint ist.
CG: Hast Du denn mal eine Reaktion aus moslemischen Kreisen erhalten?
CG: Bei Deinen verschleierten, unterdrückten Frauen hat’s mich schon etwas gewundert, denn ich habe noch in der Schule gelernt, dass manche das auch wollen, quasi als Befreiung sehen, dass sie von den Männern nicht andauernd angestarrt werden und zum Objekt degradiert werden. Ist das eine falsche Annahme?
CG: Warum arbeitest Du eigentlich „konzeptlos“, also ohne Skript oder Vorzeichnungen? Ist das nicht auch sehr riskant, dass man sich irgendwie verfängt oder verliert? Ich finde z.B., dass sich Dschinn Dschinn 1 am Anfang etwas zieht, da frage ich mich, ob das vielleicht an der Arbeitsweise liegt.
CG: Wie können wir uns Ralf König beim Arbeiten an einem neuen Comic vorstellen – kontinuierliches Zeichnen oder eher viel auf einem Batzen und dann für einige Zeit wieder nichts?
CG: Gibt es generell auch für Dich Deadlines, oder ist der Verlag zufrieden, dass sie einen neuen Comic von Dir herausbringen können?
Beim ersten Dschinn war ich da auch prompt vier Monate drüber, das sollte ja bereits im Frühjahr erscheinen und kam dann im Herbst. Aber was solls, es ist halt manchmal nicht planbar mit den kreativen Schüben und Krisen.
Wenn Woody Allen eine neue Beziehungskomödie ins Kino bringt, heißt es ja auch nicht „Naja, es geht wieder mal um „Heterosexualität“, weil es selbstverständlich ist, dass es darum geht, worum denn sonst? Aber bei mir bleibt das offensichtlich ein Exotenthema, das es längst nicht mehr ist, für mich.
CG: In anderen Interviews sagst Du, dass Dir das Erzählerische in einem Comic sehr viel wichtiger als die Zeichnungen sei. Walter Moers hat’s vorgemacht und ist nun auch als Geschichtenerzähler und Buchautor sehr erfolgreich. Wäre das auch was für Dich?
Allerdings sind Deine Figuren mitterlerweile so im Funnybereich angesiedelt, dass der Leser sich erstmal umgewöhnen müsste.
Könntest Du Dir vorstellen – falls Du jemals einen „ernsteren“ Comic zeichnen würdest -, einen anderen Stil zu benutzen? Oder bist Du so vertraut und verwurzelt mit Deinem Stil, dass Du nur auf diese Art zeichnen willst?
Aber dann sitzt man da, die Kameras auf der Nase, und es stellt sich raus, dass Stefan Raab keinen Schimmer hat, was in dem Buch passiert, der hat da höchstens mal vor der Sendung reingeblättert. Das heißt, ich rechnete damit, über Muftis und „1001 Nacht“ zu reden, und dann war die erste Frage, ob das wieder ein „Schwulencomic“ sei und ob mein sonst sicher nur „kafkalesender Lektor“ bei Rowohlt da nicht „rot“ würde, wenn er das sieht.
Was will man da denn antworten? Ich war echt genervt, und das merkt man mir dann auch an. Find ich auch völlig ok.
Eben sprachst Du die Schwulenszene an. Gibt es denn tatsächlich nur die eine Szene, so wie es sich bei Dir anhört? Es wird doch genauso unterschiedliche Charaktere, Einstellungen und Sichtweisen bei Schwulen geben wie sonst auch. Was sollte man sich auch auf etwas festlegen und einschränken lassen durch unausgesprochene „Szenegesetze“, wär ja blöd.
CG: Wird man als Prominenter eigentlich noch „gleich behandelt“, oder ist die (?) schwule Szene so ein Untergrundding, das sich gerne abgrenzt von den kleinbürgerlichen Leuten – oder eben auch bekannteren Personen?
Das war aber auch eine bewusste Entscheidung, damals, als der „bewegte Mann“ in den Läden und später in den Kinos war. Ich wollte nicht mit dunkler Sonnenbrille durch die Stadt latschen, sondern genau das weiter tun, was ich auch täte, wenn ich nicht der Zeichner wäre. Je weniger Bohei ich selbst darum mache, umso weniger schränkt es mein Privatleben ein. Und ich bin froh, dass ich kein Schauspieler bin oder Politiker oder sowas, sondern „nur“ Comiczeichner. Mein Gesicht ist ja noch relativ incognito.
CG: Trotz allem bist Du aber irgendwie, ob Du willst oder nicht, ein Botschafter der Schwulen, oder? So viele Homosexuelle kennt die Öffentlichkeit ja nun auch nicht, und da wird man doch sicher etwas genauer beobachtet.
CG: Ähnlich war es meiner Meinung nach auch mit Der bewegte Mann. So sehr Du diesen Film hasst – er hat trotzdem irgendwo das Eis gebrochen für schwule Themen.
Die Fernsehserie Bewegte Männer, mit der ich weder inhaltlich noch finanziell etwas zu tun habe, ist dagegen ’ne Katastrophe, das ist nicht nur schwulen-, sondern vor allem humorfeindlich.
CG: Gibt es von Deinen Comics einen, den Du doch gerne noch verfilmt sehen würdest – natürlich dann mit einem entsprechenden Einfluss von Dir?
Nur leider hat jede Verfilmung eine viel größere Medienaufmerksamkeit. Wenn ein neuer Comic raus kommt, interessiert das kaum ’ne Sau, aber wegen eines Kinofilms ist jedesmal großer Wirbel.
CG: Wenn Du zurückblickst: gibt es einen Comic von Dir, den Du am liebsten komplett aufkaufen und verbrennen möchtest? Und auf welchen bist Du besonders stolz?
CG: Gibt es eine Szene oder Idee eines anderen Zeichners, auf die Du liebend gerne selber gekommen wärst, weil sie so genial ist?
CG: Hast Du eigentlich immer den Drang in Dir, neue Comics zu machen, oder fühlst Du Dich manchmal ausgelaugt und ideenlos und denkst, der Comic, an dem Du gerade arbeitest, wird der letzte sein?
CG: Beim Comicfest in Lucca hast Du gerade (wieder mal) einen Preis gewonnen, für Bullenklöten. Glückwunsch dazu! Was bedeuten Dir im Allgemeinen diese Auszeichnungen – und speziell solche aus dem Ausland?
CG: Stimmt, wo wir sonst als so humorlos gelten…
Du schreibst in Deinen Comics ja nicht nur über das schwule Leben, sondern auch über Heterosexuelle. Woher nimmst Du diese Beobachtungen – direkt aus dem Freundeskreis?
Du wirst es kaum fassen, aber ich hatte im Leben auch schon mal Sex mit Frauen. Ich hoffe, diese Information wirft die Gay Community nicht um zehn Jahre zurück!
CG: Macht es Dir Spaß, Deine Comics zu bewerben, Autogrammstunden und Interviews zu geben, oder ist es eher eine „Pflicht“, durch die man halt durch muss?
CG: Welche Frage hasst Du in Interviews oder hast keinen Bock mehr, darauf zu antworten?
RK: Nein, mein Spitzenreiter ist „Woher nehmen Sie die Ideen?“ Schnarch…
Herzlichen Dank für die interessanten Antworten und weiterhin viel Erfolg!
Dschinn Dschinn 1 – Der Zauber des Schabbar
Rowohlt Verlag
Text und Zeichnungen: Ralf König
170 Seiten, s/w, Softcover; 9,90 Euro
ISBN: 3499239590
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unsere Webcomicserie „Adam & Andy“
Gewinnspiel:
In Zusammenarbeit mit dem Rowohlt Verlag verlosen wir zwei Exemplare von Dschinn Dschinn – Der Zauber des Schabbar. Beantwortet einfach die unten stehende Frage und füllt das Formular komplett aus. Einsendeschluss ist der 17. November 2005. Unter allen richtigen Einsendungen werden die Preise ausgelost.
Jeder darf nur einmal teilnehmen. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Das Gewinnspiel ist beendet. Bitte nicht mehr teilnehmen!
Frage: Wie viele Comics von Ralf König wurden bereits verfilmt?
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Faust #10
Drei Jahre hat es gedauert, bis der des öfteren bereits totgeahnte Verlag EEE (Extrem Erfolgreich Enterprises) aufgrund anderweitiger Beschäftigungen der Künstler David Quinn und Timothy B.Vigil den Nachfolgeband zu Faust #9 präsentieren konnte.
Das ist natürlich eine verdammt lange Pause für eine fortlaufende Serie. Dankenswerterweise bekommt man am Anfang dieses Bandes eine Zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse, und so fühlt man sich einigermaßen gewappnet.
Laut Pressetext ist Faust „eine wort- und bildgewaltige Horror-Saga, die sich an das klassische Goethe-Werk anlehnt und im typischen Stil der Comic-Underground-Stars David Quinn und Tim Vigil interpretiert.“
Der an Wolverine erinnernde Protagonist John Jaspers ist halb Mensch, halb Dämon. Er sollte eigentlich für seinen Schöpfer, den gefallenen Engel M, auf der Erde ein bisschen aufräumen und damit dessen „Unschöpfung“ vorbereiten. Seine Liebe zur Psychologin Jade De Camp, deren Patient und Liebhaber er vor seiner Umwandlung war, hält ihn aber davon ab, Ms willenlose Exekutive zu sein.
M erschafft sich also ein neues Wesen, den Homunkulus, und schnappt sich Jade, die er als seine „Madonna des Sturzes“ auserkoren hat. Dummerweise gibt es da noch Claire, die eigentlich die Frau an Ms Seite ist, und die findet das gar nicht witzig.
Der Journalist Ron Balfour – als Zeuge einer vorherigen Rettung Jades durch Jaspers – hat indes Lunte an der ganzen Geschichte gerochen. Er eilt später Jade zu Hilfe, als diese nach einem Vereinigungsritual mit M bewusstlos zurückbleibt, wird aber von Claire niedergestreckt.
Soweit ganz im Groben die Rahmenhandlung.
In Band 10 muss John nun den Homunkulus bekämpfen. Im Laufe des Kampfgeschehens taucht auch M auf, um John zu verhöhnen und, bösartig wie er ist, noch ein bisschen zu erzählen über seine geplante schöne neue Welt. Währenddessen krallt sich die eifersüchtige Claire Jade, die noch benommen ist von dem Ritual, und will mit ihr abhauen.
Der Homunkulus endet als Sieger des Kampfes (Jaspers bleibt regungslos auf dem Boden liegen) und wird nun von M den beiden Frauen hinterhergeschickt, um Jade, die er zur Durchführung seiner Pläne braucht, zurückzuholen – was ihm auch gelingt.
Ist die Welt endgültig verloren?
Tim Vigil liefert beeindruckend detaillierte schwarz-weiß-Zeichnungen ab (die aber anatomisch schon mal Fragen aufkommen lassen). Das häufige Zurschaustellen von Nackedeis (Männer, Frauen und Monster) hat dann wohl auch zwangsläufig zur Einordnung „nur für Erwachsene“ geführt, wie es typisch und gewollt ist für Comics von EEE, die sich ja aufgrund Bela B.s persönlichem Geschmack hauptsächlich den düsteren Stoffen verschrieben haben.
So positiv der Eindruck auf der grafischen Seite ist, so genervt bin ich von dem Geschwafel. Da wird, besonders von Ms Seite, schwadroniert und pseudophilosophiert, dass man durch manche Texte gar nicht mehr hindurchkommt, ohne den Faden zu verlieren. Vermutlich soll mit diesem Stil auch auf die klassische Sprache der Vorlage, Goethes Faust, eingegangen werden, aber wenn man dadurch das Interesse an der Geschichte verliert, dann hört der Spaß doch irgendwie auf. Ich nehme an, dass das Original schon so gehalten ist, so dass man der Übersetzerin keine Schuld für die mitunter leblose Sprache machen kann, sondern ihr eher dazu gratulieren, dass sie es (hoffentlich) ohne größere Schäden geschafft hat, sich durch diesen Sumpf durchzuwühlen.
Die Figur der Claire bedient sich derweilen einer anderen Sprachstilvariante, die den Leser aber auch eher ratlos zurücklässt. Als ‚toughe Powerfrau‘ wirft sie nur so um sich mit Schimpfwörtern und fantasievollen Bezeichnungen für Jade (“verhurte Arztschlampe“), aber irgendwie kommt auch das zu gewollt rüber.
Leute, die schwülstige Epen mögen, können mal einen Blick riskieren, schon allein wegen des Artworks. Mir persönlich wäre es lieber gewesen, wenn sprachlich ein Gang zurückgeschaltet worden wäre, um das Ganze unverkrampfter anzugehen und weniger wirr erscheinen zu lassen.
Faust #10 – Liebe der Verdammten Akt 13
EEE
Text: David Quinn
Zeichnungen: Timothy B. Vigil
nur für Erwachsene!
Farbcover, Innenseiten s/w, Softcover; 4,90 Euro
ISBN: 393255289X
Gegen den Strich: Entschuldigung
Comic-Zentrum auf der Frankfurter Buchmesse 2005
Das Comic-Zentrum ist inzwischen eine feste Einrichtung auf der Frankfurter Buchmesse geworden, und man kann auch die 2005er-Auflage guten Gewissens als Erfolg bezeichnen. In der Ecke der großen Ausstellungshalle, die für Comics reserviert war, herrschte an den beiden Besuchertagen mit Abstand das dichteste Gedränge auf der ganzen Messe. Vor allem junge Leute zog es in den Bereich, der nicht nur aus Verlagsständen bestand, sondern durch einige Besonderheiten aufgewertet wurde: ein Cafe, ein Comicladen, das Podium für diverse Vorträge und Talkrunden, drei Signiertische und nicht zuletzt ein großer Comic-Schmökerbereich sorgten für ein sehr freundliches Ambiente, das im Gegensatz zu vielen anderen Messebereichen wirklich zum Verweilen einlud.
Wenn man sich die Stände der einzelnen Verlage anschaute, konnte man sehr gut sehen, wie die Finanzkraft der deutschen Comicbranche verteilt ist. Dominierend waren die Stände von Tokyopop und Carlsen Comics sowie der von Lappan (dessen Schwerpunkt eher bei Cartoons liegt). Auffallend waren diese Stände nicht nur durch ihre Größe, sondern auch durch ihr eigenständiges und auffälliges Design und durch ihre offene Bauweise, die es den Besuchern ermöglicht, den Stand zu betreten und darin herumzuschlendern. Bei Carlsen gab es zusätzlich eine Fotoaktion, bei der man sich mit Figuren aus Robert Labs‘ neuem Comic „The Black Beach“ ablichten lassen konnte.
Auch Ehapa bzw. EMA war vertreten, allerdings als Teil des Messestands der Egmont-Gruppe, der sich nicht im Comic-Zentrum befand, sondern im Bereich der Kinder- und Jugendbücher. Wer zu Ehapa wollte, musste also ein wenig suchen. Etwas seltsam mutete der Panini-Stand an, eine große, blau-gelbe Konstruktion, die hauptsächlich aus Wänden bestand. Präsentiert wurden dort vor allem TV-Begleitbücher aus dem Dino-Verlag und eine Handvoll Manga – Superhelden waren gar nicht präsent (hier konzentrierte sich Panini wohl auf die Essener Comic-Action, die nur eine Woche vorher stattfand). Das Hauptevent bei Panini war die Signierstunde einer Autorin, die Bücher zu diversen Teeniefernsehserien schreibt.
Neben den genannten Großständen wurde das Comiczentrum noch vom Stand der Koreaner dominiert. Korea war bekanntlich das offizielle Gastland der Buchmesse und präsentierte sich hier mit seiner Manhwa-Produktion. Die Korea Culture & Content Agency (KOCCA), eine staatlich finanzierte Agentur, hatte richtig Geld reingesteckt: es wurden nicht nur massenhaft Tüten verteilt (auf Messen immer ein sehr begehrtes Accessoire), sondern auch das wohl umfangreichste Giveaway auf der ganzen Buchmesse – der „Manhwa 2005 Sammler“, ein über 250 Seiten dickes Buch voller Leseproben aus verschiedenen Manhwas. Sogar eigens ins Deutsche übersetzt – allerdings nicht von Muttersprachlern, was teilweise zu recht drolligen Formulierungen wie z.B. „Wie wär’s mit etwas anderes zu tun als den Verbrechern zu verfolgen?“ führte. Außerdem gab es auf einigen Bildschirmen die Möglichkeit, sich durch diverse Manhwa zu klicken.
Rundherum gruppierten sich die kleineren Verlage, deren Ständen leider deutlich die beschränkten finanziellen Mittel anzusehen waren. Die standardisierten Messestände, die man in Frankfurt mieten kann, sehen alle gleich aus: rechteckig, weiß, unscheinbar, beschriftet mit dem Verlagsnamen. Noch nicht mal für große bunte Verlagslogos war Platz. So unterschieden sich die Stände nur noch durch die ausgestellten Comics. Und noch ein Nachteil: Im Vergleich zu den großen luden die kleinen Stände viel weniger ein, einfach mal ein Buch oder Heft in die Hand zu nehmen und durchzublättern, weil sie allzu oft nach dem Prinzip des Tante-Emma-Ladens gestaltet waren: hinten Regale, vorne ein Tisch, hinter dem Tisch saß das Standpersonal.
Der Trumpf der Kleinverlage lag in der Anwesenheit ihrer Zeichner: Mawil bei Reprodukt, Naomi Fearn bei Zwerchfell und Chris Deutsch bei Epsilon signierten fleißig ihre Neuerscheinungen an den Ständen.
Schade, dass ein paar Kleinverlage gar nicht mit Messeständen vertreten waren. Wäre der ursprünglich geplante Freibeuter-Gemeinschaftsstand nicht geplatzt, wäre die deutsche Comicbranche wohl annähernd komplett vertreten gewesen.
Die offiziellen Signierstunden (jeweils drei Künstler gleichzeitig) im Comic-Zentrum glänzten mit vielen großen Namen. Wer mehrere Tage in Frankfurt war und sich fleißig anstellte, konnte eine stattliche Sammlung von Signaturen einheimsen, z.B. von Jeff Smith (“Bone“), Jim Lee (“Batman“), Craig Thompson (“Blankets“), André Juillard (“Blake und Mortimer“), Flix (“Held“), Marjane Satrapi (“Persepolis“), Ralf König (“Dschinn Dschinn“), Joschau Sauer (“Nichtlustig“) oder Christina Plaka (“Yonen Buzz“). Dazu kam noch eine Reihe koreanischer Künstler wie Min-Woo Hyung (“Priest“) oder Kang Won Kim (“I.N.V.U.“). Was die Anzahl und Bandbreite der anwesenden und signierenden Künstler angeht, kann da außer Erlangen kein anderes Comic-Event im deutschsprachigen Raum mithalten.
Sehr erfreulich auch das Veranstaltungsprogramm. Fast durchgehend gab es auf der kleinen Bühne Podiumsdiskussionen, Preisverleihungen, Buchvorstellungen oder originelle Shows wie das gemeinsame Waffelbacken der Cartoon-Allstars Ralf Ruthe, Flix und Joscha Sauer. Sehr unterhaltsam war auch das von Flix und Mawil organisierte „Tischtennis-Turnier des Todes“, bei dem sich je zwei Verlagsvertreter im Doppel gegenüber standen und das sehr launig von Ralph Ruthe kommentiert wurde. Gewonnen hat übrigens das Team von Lappan.
Und noch andere Gewinner gab es. Folgende 2004er-Comics bzw. Zeichner erhielten einen „Sondermann“:
Comic – International: „Onkel Dagobert“ von Don Rosa (Egmont vgs)
Comic – Eigenpublikation (national): „Die Chronik der Unsterblichen“ von Hohlbein/v. Eckartsberg/v. Kummant (Egmont vgs)
Manga / Manhwa – International: „One Piece“ von Eiichiro Oda (Carlsen)
Manga – Eigenpublikation (national): „Dystopia“ von Judith Park (Carlsen)
Cartoon: „Shit happens“ von Ralph Ruthe (Carlsen)
Newcomer: Arne Bellstorf (“acht, neun, zehn“)
Komische Kunst: Rudi Hurzlmeier
Der Preis für den Comic des Jahres 2005 (erschienen im Jahr 2004) ging an Craig Thompson für „Blankets“, welchen er auch persönlich entgegennahm.
Prominentester Gast in diesem Jahr war natürlich Albert Uderzo – pünktlich zum Erscheinen seines neuen, heftig kritisierten Asterix-Bandes. Für ihn war das Comic-Zentrum zu klein, deshalb fanden „seine“ Veranstaltungen im geräumigen Kino der Buchmesse statt. Der große Andrang, der bei dem Uderzo-Interview mit Ulrich Wickert herrschte, rechtfertigte diese Verlegung. Leider geriet diese Veranstaltung zu einer recht zähen Angelegenheit. Nach einer kleinen Präsentation der Asterix-Rekordzahlen schläferte Mr. Tagesthemen das Publikum erst mal mit ausgiebigen Zitaten aus akademischen Abhandlungen über Asterix ein. Hätte er jetzt noch „eine geruuuuhsame Nacht“ gewünscht, der Saal wäre kollektiv entschlummert. Zum Glück durfte Monsieur Uderzo irgendwann doch noch das Wort ergreifen. Wer jedoch erwartet hatte, dass Journalist Wickert hier mehr als ein braver Stichwortgeber sein würde, wurde enttäuscht. Kritische Fragen blieben aus, die Übersetzung durch eine französische Dolmetscherin, deren Deutsch nicht allzu umwerfend war, sorgte auch nicht gerade für Tempo. Alles in allem ein ziemlich enttäuschendes Eventchen. Immerhin gab’s zum Schluss noch einen kleinen exklusiven Ausschnitt aus der Zeichentrickverfilmung von „Asterix und die Normannen“. Eine kleine Sensation war die Ankündigung, dass Uderzo tatsächlich eine Stunde lang signieren würde.
Leicht irritierend wirkte auch die Veranstaltung der F.A.Z., bei der sie ihre aktuelle Buchreihe „Klassiker der Comicliteratur“ vorstellte. Die beiden Gaststars hätten unterschiedlicher nicht sein können: Jim Lee, einer der berühmtesten Vertreter der aktuellen US-Superheldencomics, und Volker Reiche, der in der F.A.Z. mit seiner Stripserie „Strizz“ erfolgreich ist. Reiche nutzte seine Redezeit vor allem dazu, die Superhelden und ihre Art, Konflikte mit Gewalt zu lösen, anzuprangern und machte unmissverständlich klar, dass er von diesem Genre gar nichts hält. Eine legitime Meinung, allerdings etwas undiplomatisch vorgetragen, wenn man direkt neben Jim Lee sitzt und diesen damit in die Defensive drängt.
Einer der schönsten Plätze im Comic-Zentrum war die mit knallrotem Teppich ausgelegte Schmökerecke. Hier standen hunderte von Comicbänden frei zugänglich in Regalen – die Besucher konnten darin lesen und blättern, solange sie wollten. Einige dürften hier eine ziemlich lange Zeit verbracht haben.
Wie man auf den Fotos sieht, waren die unvermeidlichen Cosplayer auch am Samstag schon auf der Messe unterwegs, obwohl erst am Sonntag der große Mangatag mit freiem Eintritt für kostümierte Kids war. Dieser Anblick gehört eben inzwischen genauso zu Comicfestivals wie schlangestehende Menschen mit Zeichenblöcken unterm Arm.
Frankfurt 2005 war auf jeden Fall eine Reise wert. Nach dem Erlangener Comic-Salon ist die Buchmesse inzwischen wohl das zweitwichtigste Branchentreffen in Deutschland. Ein gewichtiger Vorteil des Comic-Zentrums ist natürlich der Vorteil, dass es nicht nur wahre Comicfans anzieht, sondern auch Leute, die es als Teil ihres Buchmessebesuchs mitnehmen, aber niemals Eintritt für ein reines Comicfestival bezahlen würden. So erzielt die Veranstaltung ihre Wirkung auch über die kleine Comicszene hinaus.
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Die Buchmesse-Berichterstattung der Kollegen:
comic.de mit zahlreichen Bildern
Parnass mit interessanten Audioclips (Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag)
Splashcomics mit Videomitschnitten
Sin City 2: Eine Braut, für die man mordet
Frank Miller gilt als Garant für knallharte Action. Daredevil bricht dem Kingpin die Nase, Batman prügelt den Joker durch ein Schaufenster – immer geht es handfest zur Sache. Die Werke aus der Feder des amerikanischen Autoren und Zeichners haben inzwischen Comic-Geschichte geschrieben. Nicht wegen ihrer Brutalität, sondern wegen ihrer Kohärenz und Tiefe. Jetzt legt Cross Cult nach und präsentiert Frank Millers Klassiker Sin City neu, in einer Luxus-Edition.
Eigentlich ist Dwight McCarthy gerade dabei, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Er hat ein kleines Appartement, arbeitet als Privatdetektiv und ist seit geraumer Zeit trocken. Seine Vermieterin weiß, dass er Probleme mit Alkohol hatte und hofft für ihn das Beste. Dwights Chef Agamemnon kann mehr dazu sagen. Zwei Dinge haben Dwight immer die sichere Bahn verlassen und durchdrehen lassen: Alkohol und Frauen. Und im Augenblick sieht es so aus, als hätte er sein Leben einmal wieder gegen die Wand gefahren. Besoffen war er dabei nicht.
Der Leser ahnt, dass die Sache nicht ganz koscher ist. Aber tragische Geschichten nehmen ihren Lauf, ob das Publikum nun will oder nicht. Vielleicht entwickelt man deswegen von Anfang an Mitleid mit Dwight McCarthy, der eigentlich nichts weiter als ein einfacher Kerl mit einem großen Herzen ist. Bald muss er erkennen, dass sich hinter Avas hilfesuchender Miene finstere Absichten verbergen. Doch da ist es bereits zu spät. Dwight liegt am Boden, blutet wie ein Schwein und ist sich sicher, dass sein letztes Stündlein geschlagen hat.
Cross Cult
226 Seiten, Hardcover, schwarzweiß; 19,80 Euro
ISBN 3-936480-12-5
www.cross-cult.de
www.sincity-derfilm.de
Gegen den Strich: spanisch
kurz.schluss 14
Achtung:
Starke Spoiler für Grendel -Tod und Teufel, The Sandman #16, Hitman: 10,000 Bullets und League of Extraordinary Gentlemen.
Leichte Spoiler für The Walking Dead TPB #1, Preacher #7 (dt.), Promethea #15, Michel Vaillant – Der Fluch der Piste, Maus, Die Chronik der Unsterblichen – Am Abgrund, New Mutants #18 (US), Transmetropolitan – Another Cold Morning und Planetary #18
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The Walking Dead #4
(US-Ausgabe; auch im ersten TPB enthalten)
S. 16-17
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Beim wirklich sehr langen Vertigo-Epos von Garth Ennis und Steve Dillon könnte man im Grunde hunderte erinnerungswürdige Szenen herauspicken. Stellvertretend für alles, was diese Serie so stark macht, habe ich mich dann für Jesses finaler Abrechnung mit seiner abartigen Familie entschieden. Selten hat man in einem Comic durch Rückblenden soviel Mitgefühl und Wut zugleich wie durch die vorangegangenen Ausgaben von Preacher. In diesen bekam man alles, was dem Prediger Jesse Custer (die Hauptfigur des Comics) angetan wurde, in aller Grauenhaftigkeit geschildert. Der pure Hass Jesses entlädt sich dann schließlich in diesem Heft. Die Tyrannei der Großmutter und ihrer beiden grobschlächtigen Zöglinge T.C. und Jody soll im finalen Kampf beendet werden. Die beiden Bilder zeigen einen Ausschnitt der mehrseitigen Schlacht Jesse gegen Jody. Beispielhaft für die ganze Serie fällt auch die äußerst brutal aus. Die Spannung wird dadurch erzeugt, dass jede Gewalt-, Mord- und Folterszene durch die völlig zu verstehende Rachelust des Hauptcharakters mehr als gerechtfertigt erscheint.
Wie gesagt, die angesprochenen Sequenzen sind nur ein Beispiel, das man in Preacher zum Thema Gewalt und Rache findet. Aber vielleicht sind es diese Szenen, die mit am besten verdeutlichen, welch ungeheure Intensität Ennis und Dillon damit zu verbinden wissen, da Jesse darin mit seiner schlimmen Vergangenheit aufräumt.
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Seiten 8/9
In Heft #15 der Serie befinden sie sich in der Sphäre namens Hod, die der Sprache, der Magie und dem Intellekt gewidmet ist. Sie reden davon, dass Bilder die erste Form geschriebener Sprache waren und kommen kurz darauf auf einen Pfad, der wie eine liegende Acht in sich geschwungen ist. Während sie dort entlangwandern, merken sie, dass sie sich sowohl räumlich als auch zeitlich immer wieder vor und zurück bewegen.
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Michel Vaillant verunglückt, und sein Wagen fängt Feuer. Er kann sich gerade noch aus dem brennenden Inferno retten. Diese Szene hat mich als Kind/Jugendlicher schwer beeindruckt. Bereits damals war ich Formel 1-Fan. Früher ging es im Rennsport noch öfters um Leben oder Tod, und ich finde, dies ist hier gut eingefangen worden (auch wenn Graton ansonsten nicht der große Zeichen-Künstler ist).
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Grendel -Tod und Teufel
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The Sandman #16
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Maus
Der bewegenste Moment der zwei „Maus“-Bände findet sich trotz aller gezeichneten Horrorszenarien erst zum Schluss der Geschichte und hatte eine Wirkung auf mich wie kein anderer in der Comicgeschichte.
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Die Chronik der Unsterblichen – Am Abgrund
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Eine der Szenen, die mich am meisten berührt haben in einem Comic, stammt aus dem ersten Band von Die Chronik der Unsterblichen. Gezeichnet von Thomas von Kummant und, nach einem Wolfgang-Hohlbein-Roman, adaptiert von Benjamin von Eckartsberg geht es um einen Mann, Andrej, der im 15. Jahrhundert aus Not sein Heimatdorf verlassen musste. Seinen Sohn Marius will er den Gefahren nicht aussetzen, die ihm unterwegs begegnen könnten, und so lässt er ihn schweren Herzens zurück.
Nach einigen Jahren kehrt er erwartungsvoll ins Dorf zurück, um Marius wiederzusehen. Aber der Ort, an dem er seinen Sohn sicher wähnte, ist komplett zerstört – die Inquisition nahm sich des Teufelsplatzes an und massakrierte und tötete sämtliche Bewohner, selbst die alten Leute und die Kinder. Verzweifelt und voller Panik sucht Andreij nach Marius‘ Körper – bis er ihn in einem Turm findet. Gefoltert wie alle anderen, aber im Gegensatz zu ihnen noch am Leben. Der Junge, gefesselt, blutend, mit einem Pflock im Leib und am Ende seiner Kräfte, erkennt seinen eigenen Vater nicht und wähnt in ihm den Tod, den er so herbeisehnt. Andreij realisiert, dass er seinen Sohn nicht mehr retten kann und erlöst ihn von seinen Schmerzen.
Selten habe ich so intensiv mit einer fiktiven Comicfigur mitgelitten wie bei dieser Szene. Auch jetzt noch, beim Raussuchen der Bilder, berührt sie mich zutiefst. Die ruhigen Bilder und die dunklen Farben ergänzen das Ganze und lassen alles noch sinnloser und endgültiger erscheinen.
In der Romanvorlage findet dies übrigens nicht so statt – dort trifft Andrej auf einen anderen noch lebenden Verwandten, den er von seinem Leid erlöst, sein Sohn liegt bereits tot in einem Leichenhaufen. Aus „Platzgründen“ wurden diese zwei Aspekte zusammengefasst, wobei ich die Comicvariante noch atmospärischer finde.
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New Mutants #18
(The Demon Bear Saga)
Entschuldigung für diesen Satz und jetzt auf zum eigentlichen Thema. Juvenile, claremonterschaffene Mutanten und der Bruch in den Spätachtzigern.
For me.”
Vielschichtiger, gefährlicher, abgründiger… psychologischer. Hier ging es los, schätze ich. Meine Comic-Pubertät nahm ihren Lauf.
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Hitman: 10,000 Bullets
ist so ein Fall, der zeigt, was Ennis rausholen kann, wenn er nur will. Denn hier mixt Ennis die beiden Elemente, die er perfekt beherrscht: Abgedrehte, geschmacklose Gewalt und ruhige Charaktermomente. Nur leider verlässt er sich zu oft einfach nur auf die geschmacklose Gewalt. Der letzte Teil von 10,000 Bullets startet damit. Tommy Monaghan, der Hitman, kracht seine alte Rostmühle durch eine Wand, zerschmettert einen korrupten Bullen, und dann beginnen Tommy und sein Kumpel Natt the Hat einen Amoklauf durch das Anwesen eines Gangsterbosses (siamesischer Zwilling, wobei Tommy bereits einen der beiden Zwillinge getötet hat und dieser nun fröhlich vor sich hin verrottet… ein typischer Garth Ennis halt), der knapp zwei Drittel des Hefts andauert. Und dann, ohne Vorwarnung, ändert Ennis Tempo und Stil. Und das macht ihn, in seinen guten Momenten, zu einem der besten Autoren im Comicbereich.
Der Bruch kommt abrupt, aber er wirkt nicht störend. Er verhindert, dass das Heft eine reine Gemetzelsequenz ist und gibt damit dem Abgeschlachte retroaktiv mehr Gewicht. Tommy findet sich nun auf dem Dach des Anwesens wieder, wo er im Regen stehend gegen Johnny Navarone, den besten Profikiller der Welt, antreten muss. Tommy weiß, dass er keine Chance hat. Er feuert einen Zufallsschuß ab und hat das Glück, damit Navarones Schußhand zu zerfetzen. Johnny bietet Tommy nun an, ein Team-Up zu schließen. Zusammen können wir das Universum regieren, Luke… also, quasi. Immerhin: „We’re better than this scum.“ Woraufhin ihm Tommy die Pistole an die Stirn presst, murmelt „We are all scum, Johnny. We are all scum“, und dann den Abzug durchdrückt.
Transmetropolitan – Another Cold Morning
ist ein Musterexemplar dafür. Hier erzählt Ellis eine Geschichte, die wunderschönen Zeichnungen von Darick Robertson unterstreichen Ellis Qualität als Erzähler nur. Dies ist die einzige Ausgabe von Transmetropolitan, in der wir eine von Spider Jerusalems „I Hate It Here“-Kolumnen in ihrer Gänze erleben und nicht nur Auszüge. Keine wirkliche Storyline, keine Sprechblasen, keine Soundwords, nur die Captions, die die Kolumne wiedergeben und die dazugehörigen Bilder.
Wenn Ellis dann zu dem Teil kommt, in dem wir Details aus dem Leben von Mary, einer seit dem 20. Jahrhundert in Cryostase gefrorenen und erst kürzlich in Spider Jerusalems Zeit aufgetauten Frau, erfahren, dann schwingt da mehr als ein Hauch von Blade Runner mit. Präziser, ein Hauch der umwerfenden „Tears in Rain“-Szene, in der Rutger Hauer sterbend auf dem Dach sitzt und besondere Erinnerungen aus seinem Leben wiedergibt, die der Zuschauer nicht auf dem Bildschirm sieht. Da ist nur Rutger Hauer und der Regen, und trotzdem entstehen – dank dem guten Script und dem großartigen Monolog Hauers – automatisch Bilder im Kopf, die diese Szene erinnerungswürdiger machen, als es jeder Computereffekt je könnte. So funktioniert auch diese Szene in Another Cold Morning. Spider Jerusalem erzählt, wie Mary mit Gorbatschow durch Moskau ging, von dem Mann, der die chinesische Panzerkolonne gestoppt hat, von Nelson Mandela in Johannesburg, und es entstehen Bilder im Kopf. Warren Ellis hat mir mit dieser Szene eine wirkliche Gänsehaut verpasst. Sehr gelungen auch der Gegensatz zwischen diesen bewegenden Captions über die Vergangenheit und Robertsons Zeichnungen, in denen Mary einsam und verlassen in einer dreckigen Gasse sitzt und mit der Gegenwart, ihrer Zukunft, nicht zurecht kommt. Von dem, was uns Spider Jerusalem da erzählt, sehen wir auf der Seite nichts. Und trotzdem hatte ich sofort passende Bilder vor Augen. Kopfkino.
Einen ähnlich starken Effekt hatten die letzten Seiten von
Planetary #18
auf mich.
Hier haben wir zuvor erfahren, was es mit dem „Gun Club“ auf sich hat, einer Organisation, die im 19. Jahrhundert versuchte, eine bemannte Raumkapsel auf den Mond zu schießen. Die Flugbahn war falsch kalkuliert, und die Astronauten trieben über 100 Jahre im All, ehe die Kugel mit den Überresten der Astronauten vor kurzem wieder in die Erdatmosphäre eintrat. Auf den letzten Seiten beginnt Elijah Snow nun darüber zu philosophieren, wie sich die Männer auf der Erde gefühlt haben müssen, die jeden Abend zum Mond schauten und sich wunderten, was aus ihren Weggefährten geworden ist. Selbst während ich das hier schreibe kann ich dieses leichte Prickeln im Hinterkopf spüren, das ich beim ersten Lesen von Snows Worten hatte. Ellis setzt da, mit dem Verzicht auf Flüche und Albernheiten, eine wirklich starke Prosa ein, die mich sofort in ihren Bann zieht und die in der Lage ist die Magie zu transportieren, von der Snow redet. Wenn er dann mit einem „Strange world. And it’s always going to be that way,“ schließt, dann weiß ich als Leser ganz genau, was er meint.
League of Extraordinary Gentlemen
ist, dass er seinen Charakteren Tiefe gibt. Selbst, oder gerade, Mr. Hyde profitiert davon. Es wäre leicht, Hyde als die böse, unkontrollierte Seite des harmlosen, verklemmten Viktorianers Dr. Jekyll anzusehen, aber Moore geht einen Schritt weiter. Hyde ist nicht einfach böse, und Hyde ist auch mehr als die ausgelebten Triebe des Dr. Jekyll. Hyde ist ein eigenständiges Wesen, ein ganz eigener Charakter, mehr als nur das Gegenteil von Jekyll. In LoEG scheint es eher so, als wäre er das Original und Dr. Jekyll die Seite, die nur gelegentlich hervorbricht. Hyde hat Gefühle, Ziele und eine – wenn auch sehr verquere – Vorstellung von Moral. Etwas, das der Unsichtbare Mann nur wenige Szenen vor der Polka-Szene auf höchst unschöne Art und Weise erleben musste.
Adam & Andy 140
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