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Der Kri-Ticker #58


Diesmal mit dabei: Wut im Bauch 2, Shenzhen, Dipperz 3, 300, Selbstunfall, Hammerharte Horrorschocker 10, White Trash Girls 1 , Didi & Stulle 5 und 5 1/2, Unheimlich Sonderheft 1: Heinweh, Der Tod und Das Mädchen 2, Luna 1, Lost at Sea, Ganz großes Kino, Asanghia 1, Spartaco und Meister Lampe
Besprochen von Thomas Kögel (tk), Benjamin Vogt (bv), Jan Dinter (jd) und Frauke Pfeiffer (fp).

WUT IM BAUCH 2
Edition 52

Warum sieht man Barus Titelhelden Anton Witkowski in Rückblenden immer wieder vor Gericht stehen? Wie verlief seine Boxerkarriere bis zu jenem Zeitpunkt und wie geht die ganze Geschichte nach dem Prozess weiter?
All das kann man jetzt im zweiten Band von Wut im Bauch lesen. Baru verknüpft die Elemente darin sehr überzeugend, skizziert nicht nur die optische Entwicklung der Hauptperson. Die Figuren bleiben knallhart und kantig, wenn gleich Anton Witkowski, der halbtragische Boxchampion, im zweiten Teil durchaus bodenständiger wird und damit, ohne den innerlichen Selbstanspruch zu verlieren, zusätzlich an Sympathie gewinnt. So versöhnt er sich unter anderem mit seinem besten Freund und kehrt in seine alte Siedlung zurück. Zwei Fixpunkte seiner Vergangenheit, die sich aufgrund seines Ruhmes und Erfolges verloren.
Baru, der wieder unheimlich schöne Bilder und Emotionen darzustellen weiß, hört jedoch bei der Vorantreibung Witkowskis und den Abschluss der Erzählung nicht auf. Seine Leistung in diesem Band erstreckt sich mithilfe des weiterführenden Epilogs auf das sozialkritische Abbild einer aufgewühlten französischen Gesellschaft. Dies, sicher auch in Hinblick auf aktuelle reale Ereignisse in Frankreich, und den daraus resultierenden Effekt mit in die Handlungsebene einzubauen, ist der große Verdienst von Baru, der mit Wut im Bauch nicht nur der Karriere seiner Figur Anton Witkowski, sondern auch seiner eigenen comickünstlerischen einen Glanzpunkt verleiht. bv

SHENZHEN
Reprodukt

Guy Delisle, geboren und aufgewachsen in Québec und inzwischen in Frankreich zu Hause, hat viel für Trickfilmstudios gearbeitet. Für einige Monate verschlug es ihn nach China, wo er die Produktion eines dortigen Studios überwachen sollte. Er landete in Shenzhen, einer der chinesischen Sonderwirtschaftszonen, wo Kapitalismus und Kommunismus sich die Hand geben und rasend schnell wachsende Boomtowns entstehen.
Delisle war völlig fremd in dieser Stadt, in diesem Kulturkreis, und die Sprache beherrschte er natürlich auch nicht. Seine vielfältigen Eindrücke von diesem Aufenthalt sind in diesem Band festgehalten – nicht als durchgehende Geschichte, eher tagebuchartig als kleine Episoden und Anekdoten. Shenzhen ist zwar autobiographisch angelegt und Delisle erzählt viel von sich selbst, dennoch ist das Buch kein Seelenstriptease, der viele intime Details offenbart. Delisle beschreibt eher kleine Alltagsszenen, Erlebnisse am Arbeitsplatz, kurze Begegnungen. Er macht keinen Hehl daraus, dass er sich nicht besonders wohl fühlt in dieser Stadt und recht erleichtert ist, wenn er wieder abreisen darf. Und trotzdem sind seine Erinnerungen nicht voller Frust, sondern strahlen Neugier und Interesse für eine andere Lebensweise aus. Vor allem aber lebt Shenzhen von einem leisen, sehr charmanten Humor. Delisle lacht über vieles, was er in China erlebt, aber er macht sich nicht lustig darüber. Shenzhen ist gleichzeitig eine hochinteressante und sehr amüsante Lektüre, und man darf sich jetzt schon darüber freuen, dass Delisle auch im nordkoreanischen Pjöngjang war und auch daraus einen Comic gemacht hat. tk
Guy Delisle berichtet von seinem Aufenthalt in Shenzhen, einer Küstenstadt in China, in der er die Leitung einer Zeichentrickproduktion übernahm. Delisles Schilderung seiner Erlebnisse und insbesondere seines monotonen Alltags skizzieren dabei ein nachvollziehbares Bild des kulturellen Schockes beim Einleben in die asiatische Lebensweise. Ein wenig an Craig Thompsons autobiografischen Comicbericht Tagebuch einer Reise (ebenfalls bei Reprodukt erhältlich) erinnernd, sammelt der Künstler alle möglichen Kleinigkeiten und verarbeitet sie in witziger Weise. Dass der Kanadier nicht nur zeichnerisches Wissen, sondern auch ein gutes Auge für surreale chinesische Gepflogenheiten besitzt, beweist er auf überragende darstellerische Weise. Immer wieder staunt und lacht der Leser dabei mit dem Autor über sich stetig wiederholende Themen, die ihn in Shenzhen beschäftigen, wie das Essen, die chinesische Auffassung von Arbeit und Freizeit und das sprachliche Missverständnis. Ebenso wie Craig Thompson beschreibt Guy Delisle sowohl die Menschen in seiner direkten Umgebung als auch die Bevölkerung an sich und schweift zudem in eine Beschreibung der für ihn im Blickfeld befindlichen Lokalitäten ab. Was den Band schließlich so unheimlich angenehm zu lesen macht, ist die nie langweilig werdende Schreibweise über viele verschiedene Aspekte des Aufenthaltes, gerade weil der Schreiber seine subjektive Wahrnehmung einzelner Abschnitte auf erfrischender Art und Weise zu vermitteln weiß. Und nebenbei darf „Shenzen“ wohl auch als einer der witzigsten autobiografischen Comics der letzten Jahre gelten. Nach dieser Lektüre ist es doch schön zu wissen, dass Reprodukt bereits weitere Bänden von Guy Delisle plant. bv

DIPPERZ 3
1982: GRÜNE HÖLLE – BLANKAS WEG
Dipperz 3Schwarzer Turm
Endlich mal wieder ein Comic, der eine grundsolide Geschichte erzählt! Keine Fantasy, nichts Autobiografisches, sondern eine – einfach erscheinende – Erzählung über vier Männer, die sich vorher nicht kannten, sich aber auf eine gemeinsame Suche machen. Sie wollen herauszufinden, was mit der über einem Dschungel abgestürzten Pilotin Blanka passiert ist, die ihnen allen etwas bedeutet hat, sei es als Ehefrau oder ehemalige Geliebte. Dabei kommt allerdings durch das etwas abgekaute Stilmittel „Tagebuch“, das sie im Wald finden, einiges an Licht, was manchen Dingen in ihrem Leben eine völlig neue Bedeutung verleiht …
Mit diesem Band, der eigentlich schon deutlich früher erscheinen sollte, wird die zweiteilige Miniserie „Grüne Hölle“ abgeschlossen (erster Teil in Dipperz 2). Andi Drudes Zeichnungen können auf ganzer Linie überzeugen. Sein geradliniger Stil wirkt nie aufdringlich, und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb sind die Seiten wunderschön anzusehen.
Es mag sein, dass Robi sich bei Dipperz 3 schon warm geschrieben hatte, auf jeden Fall überzeugt diese Geschichte inhaltlich deutlich mehr als der erste Band von Luna. Zu erwähnen ist auch die schöne Aufmachung: außen laminiert, innen ein edler braun-weißer Druck auf mattem Papier.
Dipperz gehört wohl zu den Serien, die etwas untergehen in dem Wust der Neuerscheinungen. Dabei hätte sie deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient. Kaufempfehlung! fp

Dipperz 3 im Freibeutershop bestellen

300
Cross Cult

König Leonidas und seine spartanische, 300 Mann starke Leibgarde machen sich 480 v. Chr. Auf den Weg zum Thermophylen-Pass, um die feindlichen Perser abzuwehren. Sich in hoffnungsloser Unterzahl vorfindend, wird die Überlieferung der tapferen Mannen in der historischen Schlacht schnell zum Mythos. Frank Miller greift bei seiner Comicumsetzung des historischen Stoffes auf ein Erzählweise zurück, die, obwohl sie ein ganz anderes Setting aufweist, sehr mit dem seiner Serie Sin City zu vergleichen ist. Seine Spartaner stellt er als wagemutige Helden dar, denen Ehre und Pathos über alles geht. Ihre Kämpfe sind blutig und ihre Entschlossenheit spürbar. Sowohl Millers Bildkomposition als auch seine kernige, klare Schreibweise ist wohl durchdacht und als großes Szenario angelegt. Die Zeichnungen sind, wie vom US-Künstler gewohnt, nicht immer perfekt, dafür in jeder einzelnen Szenen überzeugend vermittelt, so dass sie ihre Wirkung auf den Leser brillant entfalten können. Lynn Varleys Kolorierung leistet ihr Übriges, mit erdigen Farben umschmeichelt sie dezent wie stimmungsvoll die Krieger und Schlachten. In Verbindung mit der reißerischen Darstellung zusammengerotteter Soldaten und der Nutzbarkeit des Widescreensformates (der Band erscheint im Querformat), ist somit einer Werk Frank Millers entstanden, das gerade zu nach einer Verfilmung schrie. 2007 soll es dann auch schließlich soweit sein und wenn die Adaption ähnlich detailgetreu und unverändert wie die von Robert Rodriguez Sin City vonstatten geht, kann man sicherlich viel erwarten. Der Comic und die klasse aufgemachte Neuausgabe von Cross Cult sind jedenfalls schon jetzt Klassiker. bv

SELBSTUNFALL
Selbstunfall (Moritz von Wolzogen)Amigo Press
Obwohl „Selbstunfall“ eins dieser netten deutschen Wörter ist, die es scheins nur in der Schweiz gibt, stammt der verursachende Künstler Moritz von Wolzogen aus Frankfurt/Main. Er hat eine Art Fanzine (oder besser Egozine) zusammengestellt, in dem er auf 28 Seiten acht seiner Geschichten und diverse Skizzen präsentiert, sehr unterschiedlich vom Fertigstellungsgrad. Da gibt es von Bleistiftzeichnungen (Ghostbusters), hingerotzten Seiten (Bookfair) bis hin zu fertig geinkten und ordentlich geletterten Beiträgen (Tram) alles, was man braucht, um den Zeichner beurteilen zu können: Moritz hat großes Talent; mit einem dynamischen, lockeren Strich setzt er seine Themen, in denen es oft um überbordende Fantasie im Alltag geht, unterhaltsam um. Dabei hat er sich schon einen deutlich eigenen Stil angelegt, der an so manchen Stellen recht elegant wirkt. Sehr viel versprechend. Arbeiten muss er noch an einigen überfrachteten Panels, die von den Zeichnungen her schwierig zu lesen sind, und am Lettering, das an vielen Stellen im wahrsten Sinne des Wortes unleserlich wird. Schön wäre es gewesen, in einem Vorwort ein wenig über den Künstler und die Intention dieses Zusammenstellung zu erfahren. 
Selbstunfall ist bereits knapp anderthalb Jahre alt, es findet seinen Weg in diesen Kri-Ticker, weil ich es auf diesem Salon erhalten habe. Vielleicht ist in der Zwischenzeit schon eine zweite Ausgabe in Vorbereitung? Es wäre zu wünschen. Dann aber besser mit einem Cover, das mehr zieht und sein Talent deutlicher darstellt.
Soviel ich weiß hat er keine Homepage, deshalb hier der Link zu seinem Thread im Comicforum. fp

Selbstunfall kann direkt bei Moritz für 3,- Euro bestellt werden ( moritzvonwolzogen (at) iesy.de ).

HAMMERHARTE HORRORSCHOCKER 10:
DIE TODESKICKER VOM FC MORD
Hammerharte Horrorschocker 10Weißblech Comics
Die Horrorserie von Weißblech, in der in jeder 30-seitigen Ausgabe zwei bis vier unheimliche Geschichten präsentiert werden, feiert ihr erstes Jubiläum. Besser als mit dieser Ausgabe konnten sie ihr zehntes Heft kaum begehen. Zwar wurde mit Cover und „Das Derby von Hadingen“ auf einen WM-Bezug nicht verzichtet, aber Klaus Scherwinski überzeugt zeichnerisch mit lockerem Strich – auch wenn es an manchen Stellen etwas zu hingehuscht aussieht. Schöne Inke/Farben. Anstatt sie vollständig zu erklären, hätte eine nur angedeutete Pointe der Story den letzten Pfiff gegeben. Begeistert bin ich von „Der schwarze Mann“. Hier regiert weniger Horror als ein Hausgeist, wunderschön detailreich und farbgewaltig umgesetzt von Carsten Dörr. Als einziges Manko fällt mir manch verschobene Perspektive auf. Weißblech-Hausherr Levin Kurio steuert nicht nur das Skript zum schwarzen Manne bei, sondern zeichnet sich dazu noch als Texter und Zeichner der Mafia-Erzählung „Nur ein Schlüssel“, die für mich im Vergleich die schwächste Geschichte ist, und das sehr interessante „Auf verlorenem Posten“ über einen Glaubenskonflikt zu Römerzeiten verantwortlich. Mit den dicken bzw. zahlreichen Tuschelinien kann ich mich aber einfach nicht bei Levins Zeichnungen anfreunden, egal ob sie von ihm oder im letzteren Fall von Heiner Stiller stammen. fp

Hammerharte Horrorschocker 10 im Freibeutershop bestellen

WHITE TRASH GIRLS 1
Schwarzer Turm

Nach längerer Ankündigung hat Schwarzer Turm zum Comic-Salon Erlangen endlich den ersten Comic von Verlagsneuzugang Benjamin „Benem“ Marquardt herausgebracht: White Trash Girls. Falls jemandem der Ausdruck nicht geläufig sein sollte; hinter der Formulierung „White Trash“ verbirgt sich die amerikanische Beschreibung des (a-)sozialen Bodensatzes, den man auch schon gerne mal mit Nettigkeiten wie Alkoholismus, Bildungsarmut, Kretinismus und Inzest assoziiert. Derart geschult folgen wir den drei sowohl familiär als auch sozial vernachlässigten Mädchen Annie, Katie und Melanie, die wir der Legalität halber mal achtzehn sein lassen wollen, durch ihren Alltag, der sich hauptsächlich durch Konsolenzocken, exzessiven Drogenkonsum und äußerst derben Sexspielereien zusammensetzt. Und damit wären wir auch schon mitten drin in der Hardcore-Sexunterhaltung, für die wir den Schwarzen Turm so lieben.
Dennoch ist White Trash Girls keines der üblichen Animierhefte zur Selbstbefleckung. Statt uns nämlich erotische Szenen mit liebreizenden Schönheiten vorzulegen, präsentiert Benem eine Mischung aus Sex und Gewalt, aus Körperöffnungen und Bierflaschen, die einem gewissen Prozentsatz der Leserschaft vielleicht anregend erscheinen mag, bei einem großen Teil jedoch eher mit dem Adjektiv „abartig“ abgehakt werden dürfte. Und genau hier gelingt Marquardt ein kleines Kunststück, denn seine schonungslos krassen Darstellungen, die über die Hälfte des Comics ausmachen, lassen keinen Platz für sinnliche Träumereien. Stattdessen führen sie rasch dazu, dass der Leser sich die Frage stellt, wie denn so etwas überhaupt sein kann, wodurch man Zugang zu der zerrütteten Psyche der Protagonistinnen erhält und sich stellenweise sogar Mitleid für diese gebrochenen Seelen regt. Prostitution zur Drogenbeschaffung ist nun mal nicht wirklich antörnend.
Leider ist die #1 von White Trash Girls mit ihren 28 vierfarbigen Seiten etwas knapp geraten (ein Eindruck, der von zwei transparenten Schmuckseiten und dem großen Format noch verstärkt wird), sodass man die angekündigte Sex ´n Crime-Story fürs Erste nur erahnen kann und sich mit einem Atmosphäre bildenden Einstieg zufrieden geben muss. Dieser lohnt sich aber allemal, denn Benems großartiger Acrylstil, der einen Vergleich mit Tanino Liberatore nicht zu scheuen braucht und hier trefflich sowohl innere als auch äußere Hässlich- und Zerbrechlichkeit ausdrückt, gehört mit zum Besten, was man derzeit unter gemalten Comics finden kann. Bleibt zu hoffen, dass die Startverzögerung dieses Comic-Debüts kein Vorzeichen für einen vorzeitigen Abbruch der Serie ist, denn dazu macht die Ausgabe trotz ihrer Unappetitlichkeiten zu viel Lust auf mehr. jd

Drei junge Mädchen führen ein ungezügeltes Leben, hauptsächlich bestehend aus Sex, Drogen und Kanonen. Auf 32 Seiten dokumentiert Benjamin Marquardt anhand seiner drei Girls den Verlust sozialer Hemmungen und präsentiert damit einhergehend die schonungslose Zügellosigkeit einer ganzen Generation.
Zumindest würde ich so oder so ähnlich das Grundkonzept von White Trash Girls beschreiben, wobei dann beim Lesen sehr schnell klar wird, dass dieses eher dem vorderen Schein dient. Das erste Heft macht mir zwar Spaß, schließlich kann man sich dem munteren Treiben dreier sexy Frauen als Mann einfach nicht entziehen. Dennoch bleibt die Erzählung lediglich ein Konstrukt mehrerer aneinander gereihter Szenen, die oftmals zu unvermittelt fortgeführt werden. Benjamin Marquardts Artwork, ein erfrischend malerischer Stil, der an den eines John Bolton oder Scott Hampton erinnert, nur mit etwas kräftigeren Farben. Diese beinahe schon verboten anregenden Bilder lassen der nicht jugendfreien Thematik genug Raum zur expliziten Darstellung. Bis auf ganz wenige Ausnahmen klappt das auch überraschend gut für einen Comicneuling.
Am optischen Eindruck gibts also kaum etwas zu bemängeln, der Schwachpunkt ist für mich persönlich der zu pornografische Schwerpunkt dieser Ausgabe. Die sollte man bei solch bitterbösen und süßen Mädels freilich nicht ganz ausblenden, aber so übertrieben wirkt es leicht billig. Ein bisschen mehr Inhalt als nur Story zum Zweck (dem Porno) wie bei verlagsverwandten Produkten hatte ich mir eigentlich schon erhofft. Trotzdem im Gesamten eine interessante erste Ausgabe, die aber bevorzugt von den Zeichnungen her überzeugt. bv

White Trash Girls 1 im Freibeutershop bestellen

DIDI & STULLE 5 UND 5 1/2
Didi & Stulle 5Reprodukt

Lange Zeit gab es keine neuen Didi & Stulle-Alben, doch jetzt legt Reprodukt nur wenige Monate nach dem vierten Band gleich zwei neue Alben vor. Der fünfte Band, „Die Galgenvögel von St. Tropez“, sammelt
wieder Comics, die in der Berliner „zitty“ erschienen sind. Teilweise ist das schon ein paar Jahre her und der aktuelle Bezug in den Strips, etwa Comedy à la Erkan und Stefan, oder die Boulevard-Eskapaden von Shawne Borer-Fielding wirkt schon ziemlich angegraut. Fils Comics sind in diesem Band manchmal noch eine Spur derber als gewohnt (manch einer würde auch sagen: geschmackloser), doch am stärksten sind die Strips immer dann, wenn Fil Themen aufgreift, die sonst eher in den Feuilletons und bei Sabine Christiansen behandelt werden. Wenn Stulle auf die Generationsgerechtigkeitsliga™ trifft, wenn sich der Alt-68er Rainer gegen eine Horde Skinheads verteidigt, und das wie immer im schnoddrigen Berliner Dialekt, dann ist das einfach nur erfrischend und wahnsinnig komisch. tk

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Didi & Stulle fünfeinhalbNoch mehr Berliner Wahnsinn gibt es im fünfeinhalbten Band. Der ist schwarzweiß, hat ein kleineres Format und wurde von Fil (mit Hilfe von ein paar Kollegen) in nur zwölf Stunden während der Langen Buchnacht im Schaufenster des Comicladens Modern Graphics gezeichnet. Die Gags fallen hier etwas flacher aus als in den regulären Strips, die Zeichnungen noch ein wenig grober, aber für Fans von Didi & Stulle ist auch dieser Band ein Muss, allein schon wegen der schönen Geschichte mit dem Magic Dragon. tk

UNHEIMLICH SONDERHEFT 1: HEIMWEH
GComic bei Edition 52

Alex Fechner versüßt uns die Wartezeiten auf das zweite „richtige“ Heft der neuen ambitionierten neuen Comicserie Unheimlich – Lovecraftian Horror mit einer von ihm gestalteten Kurzgeschichte. Diese führt mit Alrik dem Wikinger einen neuen Protagonisten ein und verleiht mit dieser groben, kriegerischen Hauptfigur Fechners neuestem Werk gleichsam den mythologischen Charme längst vergangener Tage. Die Story ist kurz gehalten und prägnant erzählt. Der schlichte Titel „Heimweh“ zeugt ebenso wie „Unheimlich“ von einer einfachen Nachvollziehbarkeit des mit einer solchen Namensgebung bezweckten Stimmung. Fechners Wikinger spricht in ebenso knappen Worten, die Suche nach seinem Heimatdorf wird zum Grundthema, das den Schockern in der Rückblende und der Auflösung am Ende zu Grunde liegt. Alriks geführter Monolog, der sich durchs ganze Hefte zieht, wirkt an mancherlei Stelle zu hölzern, darum ein kleiner Minuspunkt in der textlichen Ausführung. Aber gerade was die zeichnerische Ebene angeht, so kann man nur sagen, dass Alex Fechner sich zunehmend noch besser präsentiert: Dichte, detailreiche Bilder wissen auf wenigen Seiten zu faszinieren. Freilich immer noch stark an Mignola erinnernd, aber mit ganz gutem Gespür für die Platzierung der Panels und dynamisches Storytelling. bv

DER TOD UND DAS MÄDCHEN 2
Die Biblyothek
Vor etwas über einem halben Jahr wurde das erste Drittel des 1. Teils der Geschichte über den personifizierten Tod und das Mädchen, das ihm von der Schippe gesprungen ist und das er jetzt verfolgt, um sie ihrem Schicksal zuzuführen, veröffentlicht (wir berichteten ausführlich). Nun ist also der zweite Band erschien, der dritte ist für den Herbst angekündigt.
Dabei basiert diese Serie auf einem Webcomic, der sehr erfolgreich auf dem Comickanal des ORF online lief, bis dieser Bereich eingestampft wurde. Nina Ruzicka entschloss sich, die Strips (die sich von anfangs eher funny allmählich zu einer ernsteren Geschichte entwickeln, in der nicht jedes drittes Panel eine Pointe bieten muss) im Print zu veröffentlichen. Dabei bietet jeder Band eine immense Anzahl an exklusiven Strips, die es nicht online zu lesen gibt. Außerdem gibt sie Hintergrundinformationen zu diversen geschichtlichen oder kulturellen Bezügen, die sie in ihrer Erzählung aufgreift.
Ein sehr interessantes und ungewöhnliches Projekt, das uneingeschränkt weiter zu empfehlen ist für Leute, denen der Gedanke an eine Romanze zwischen dem cholerischen Tod in Person und einer harte-Schale-weicher-Kern-Zicke nicht völlig abstrus vorkommt. fp

Eine zweite Rezension zu diesem Band findet Ihr hier. bv

ACHTUNG: wir verlosen je einen Band von Der Tod und das Mädchen 1 und 2! Einsendeschluss ist jeweils der 6. August 2006. Ihr könnt nur an einer der zwei Verlosungen teilnehmen.

Für Band 1: Schickt eine mail mit dem Betreff TuM 1 mit der Antwort auf „Wo wohnt Nina Ruzicka?“ und Eure Postadresse an gewinnen (at) comicgate.de
Für Band 2: Schickt eine mail mit dem Betreff TuM 2 mit der Antwort auf „Wie lautet der Name des Mädchens?“ und Eure Postadresse an gewinnen (at) comicgate.de

Auf der Seite von Nina kommt Ihr den Lösungen bestimmt näher.

Der Tod und das Mädchen 2 bestellen

LUNA 1
Schwarzer Turm

Respekt für Robi und Toni Greis (das Erfolgsteam von Alraune) für die Idee eine Science-Fiction-Serie. Man merkt schon nach sehr wenigen Seiten, dass sich hinter dem bezaubernden Titelbild der Beginn einer ausgefeilten, intergalaktischen Eigenwelt verbirgt. Obwohl die Geschichte mit vielen, leicht überambitioniert angebrachten, Details aufwartet, ist sie andererseits recht unbefriedigend. Lediglich oberflächlich bleibt die geschichtliche Einführung und die Charakterisierung der Personen, die dank den Zeichnungen von Toni Greis wunderhübsch anzusehen sind, deren immer wieder dargestellte Freizügigkeit aber an gleich mehr als einer Stelle deplatziert und gezwungen wirkt. Auch das bisher zu sehende Konzept der Serie löst bei mir eher Stirnrunzeln aus, bietet die Idee einer von Frauen regierten und Männer unterdrückenden Zivilisation doch wenig Neues und die Handlung springt zu oft und zu wenig nachvollziehbar zwischen mehreren Situationen.
Letztlich ist Luna vor allen Dingen ein nett anzusehender Comic, der einen Toni Greis auch in einem neuen Gebiet sehr gut aussehen lässt, der aber nach einer Ausgabe storytechnisch deutlich zu seicht daherkommt. bv

Eine zweite Rezension zu Luna findet sich hier bei den ausführlichen Besprechungen. fp

LOST AT SEA
Modern Tales
Lost at Sea
ist nach Breakfast at Noon der zweite Comic, den das neue Unterlabel von eidalon, Modern Tales, herausbringt. MT wendet sich dabei an das erwachsenere oder zuweilen auch an das erwachsen werdende Publikum. Letzteres wird von dieser Geschichte anvisiert. In einer Art Roadmovie/-comic wird von der 18-jährigen Raleigh erzählt, die mit ein paar Schulkameraden unterwegs ist, aber gar nicht wirklich weiß, warum. Eigentlich ist sie auf der Suche nach ihrer Seele. Sie ist sich sicher, dass sie von einer Katze geraubt wurde, die Viecher sieht sie nämlich überall. Nur schwierig kommt sie mit den anderen ins Gespräch, welche eigentlich auf ihrem „Schulabschluss-Selbstfindungstrip“ sind und Raleigh eher zufällig aufgegabelt haben. Das Mädchen flüchtet sich während der Fahrt – wie schon ihr Leben lang – in Tagträume und Vergangenes, und nur langsam kommt es zu einer Interaktion mit den anderen dreien und schließlich zu einem versöhnlichen Ende.
Es passiert eigentlich nicht viel in dem schön reduziert illustrierten Lost at Sea, und trotzdem jede Menge. Die Teens lernen aufgrund einer quasi Zwangssituation mit der Andersartigkeit der anderen umzugehen und erfahren dadurch auch mehr über sich selbst. Die Selbstzweifel und die Verwirrtheit über diese komische Welt da draußen hat sicher jeder beim Erwachsenwerden kennen gelernt, und auch ein paar tröstliche Weisheiten kommen einem auf angenehme Art und Weise bekannt vor. Allerdings ist mir der Comic an manchen Stellen schon zu verschwurbelt und pseudophilosophisch. Wie nun mal viele 18-Jährige so sind (Rezensenten nicht ausgeschlossen). fp

GANZ GROSSES KINO
Toonlight
14 (größtenteils ambitionierte Hobby-) Cartoonzeichner haben sich zusammengetan, um im Eigenverlag Cartoons rund ums Thema Kino und Filme zu sammeln. Dabei sind die meisten extra für diesen Band gezeichnet wurden, so dass hier kaum „Zweitverwertung“ betrieben wird.
Herausgekommen ist ein buntes Sammelsurium von Cartoons, von bitterböse über saukomisch bis hin zu geschmacklos ist alles dabei. Sicherlich ein schönes Mitbringsel, aber der Beschenkte sollte schon Kinofan sein, sonst wird er den Band nach zehn Seiten frustriert zur Seite legen. Etwas chaotisch erschien mir die thematische Zusammenstellung der Cartoons. Mal waren ein paar gebündelt zum selben Film, dann kamen ein paar wahllose Beiträge, nur um dann wieder zurückzuschwenken auf den bereits abgehandelten Streifen.
Nettes Gimmick: über einen Code aus dem Band erhält man über die Website noch Zugang zu Extras.
Was einen großen Reiz ausmacht, ist gleichzeitig auch ein großes Problem: So viele Zeichner zum selben Thema ist an sich eine interessante Sache. Aber sowohl das zeichnerische als auch das inhaltliche Niveau schwankt doch erheblich, und selbst von ein und demselben Cartoonisten bekommt man auf der einen Seite einen Brüllerwitz und auf der nächsten ein laues Lüftchen geliefert. Eine Vorauswahl und der Mut, auch mal „nein, das kannst Du besser“ zu sagen, täten dem Projekt gut. Dann steht weiteren erfolgreichen Veröffentlichungen nichts im Wege. fp

ASANGHIA 1 – DER VORLESER DER VAM-PYRÄI
Epsilon
Epsilon wartet nach A.K.A. mit einer neuen Eigenproduktion auf, die im Gegensatz zum o.a. Band eher das gestandenere Publikum ansprechen dürfte. Im frankobelgisch angehauchten Stil erzählt Martin Frei eine klassische, abgeschlossene Abenteuergeschichte um die zivilisierte Vampirin Asanghia, die in der Minensiedlung Doathan auf dem Planeten Gharan lebt und dort mehr geduldet denn als gleichwertig angesehen wird. Ihre „wilden“ Artgenossen (und die sind eine der Überraschungen des Bandes) bereiten sich zum Angriff auf die Siedlung vor. Doch einer der Wilden wechselt die Seite, verschafft dadurch den Belagerten einen Vorteil und unversehens muss sich sich Asanghia als Kämpferin für die Menschen erweisen…
Frei ist Profi, zeichnerisch gibt es deshalb nix zu bemängeln, obwohl ich meine persönliche Abneigung gegen die aufgespritzten pinkfarbenen Lippen der Dame äußern muss. Wirklich mitreißen tun mich seine Bilder aber auch nicht, etwas mehr Dynamik ab und zu wäre nicht schlecht. 
Das Story-Grundkonzept klingt wenn nicht neu, dann trotzdem interessant genug. Allerdings kann mein Interesse nicht so richtig aufrecht erhalten werden. Es ist zugegebenermaßen nicht einfach, eine komplette neue Welt inklusive funktionierender Handlung auf 48 Seiten unterzubringen, da müssen storytechnisch ein paar Opfer gebracht werden. Trotzdem sollte man den Protagonisten besser in die Geschichte einbringen können. Obwohl man Asanghia auf vielen Seiten sieht, bleibt sie eine blasse, matt wirkende Hauptfigur, mit der man nicht wirklich warm wird. Die mitunter durchblitzende altbackene Moral und ein naseweiser Zwerg, der schon bei Feldhoff/Schulz in Berlin 2323 nicht lustig war, komplettieren den Eindruck, um zu sagen: sorry, nicht mein Fall. fp

SPARTACO – REISEN EINES EPIZENTRIKERS
Edition 52
Bereits 1982 erschuf Lorenzo Mattotti Il Signor Spartaco, in dem ein Zugreisender wegdöst und in eine Traumwelt hineingleitet. Seine Kindheit vermischt sich mit Ängsten und Gedanken, und in einer beeindruckend farben- und formenprächtigen Welt erlebt Herr Spartaco sein inneres Selbst.
Zum Comic-Salon 2006 hat Edition 52 diesen Klassiker auf schwerem hochwertigem Papier neu aufgelegt und ihn mit Skizzen und einem Vorwort von Marc Voline liebevoll gestaltet.
Dabei ist dieser Comic sicherlich nur etwas für ein kleineres Publikum; zu sehr geht er schon in die künstlerische Richtung, die nicht mehr eine einfache Erzählung in den Vordergrund stellt, sondern sich statt dessen hauptsächlich durch Formen und Farben ausdrückt.
Von dem Cover sollte man sich nicht abschrecken lassen – Mattotti weiß durchaus Menschen als Menschen zu zeichnen; das Titelbild zeigt Spartaco mit einer afrikanischen Maske, wie sie für eine Zeitlang im Comic vorkommt. fp

MEISTER LAMPE
Reprodukt

Meister Lampe ist ein Hase – und er ist Elektriker. Er heuert bei einer kleinen Firma an und ist dort der Spezialist für alles, was Strom braucht. Leider hat Meister Lampe eine sehr ungünstige Eigenschaft: Immer, wenn er in der Nähe ist, geben sämtliche technische Geräte den Geist auf oder fangen an zu spinnen. Ob Kopierer, Computer oder Rolltreppen: nichts bleibt heil.
Wie man aus dieser recht simplen Grundidee einen höchst amüsanten Zeitungsstrip machen kann, beweist Mawil mit diesem kleinformatigen Bändchen (das etwa doppelte Kreditkartengröße hat). Die

Meister-Lampe-Strips, zunächst erschienen in der Tageszeitung Welt Kompakt, erzählen kleine Gags in jeweils vier Panels, ergeben aber am Stück gelesen auch längere, fortlaufende Geschichten. Zum Beispiel die unheilvolle Dienstreise nach Japan, die in einem unfreiwilligen Urlaub auf Mallorca endet. Meister Lampe stolpert unbeholfen durchs Leben, seine Sätze sind eher gestammelt als gesprochen, und diese tapsige Art führt dazu, dass ihm niemand böse sein kann. Weder sein Chef noch die süßen, minirocktragenden Büroangestellten und schon gar nicht der Leser. Der hat nämlich eine Menge Spaß mit dem ganzen Chaos. tk

Bildquellen: comiccombo.de, reprodukt.com, freibeutershop.de, ganzgrosseskino-buch.de

Mind the Gap 25: Previews 07/2006

Neue US-Comics müssen von Händlern jeweils etwa zwei Monate vor Erscheinen vorbestellt werden, was über den Katalog Previews geschieht, in dem die meisten US-Verlage ihre Produkte anbieten. Das Ziel von „Mind the Gap“ ist, euch bei dem Wust an monatlichen Veröffentlichungen einen groben Überblick zu verschaffen und die interessantesten Neuerscheinungen aus Previews hervorzuheben.

Wenn der eine oder andere Tipp euer Interesse weckt, könnt ihr den entsprechenden Comic vorbestellen, indem ihr die Bestellnummer an den Comic-Händler eures Vertrauens weitergebt.

Vorbestellungen für September 2006

Neue US-Comics im September: ALLTÄGLICHES! von Harvey Pekar. GESCHICHTLICHES! von Larry Gonick. ARGENTINISCHES! von Carlos Trillo und Eduardo Risso. MYSTERIÖSES! von Michael Avon Oeming. TROSTLOSES! von Warren Ellis und J.H. Williams III. FABULÖSES! von Bill Willingham. EXTRAORDINÄRES! von Alan Moore und Kevin O’Neill. POLITISCHES! von Sid Jacobson und Ernie Colón. SKORBUTISCHES! von Ross Richie. BESTRAFENDES! von Matt Fraction und Ariel Olivetti. STEINHARTES! von Joe Casey und Charlie Adlard. ROMANTISCHES! von Tom Beland. BRITISCHES! von Christos N. Gage und Mike Perkins. Und STÜRMISCHES! von Grant Morrison, Jim Lee, Mike Carey und Whilce Portacio.

AMERICAN SPLENDOR #1 (von 4)
THE QUITTER (Paperback)

DC Comics/Vertigo | 32/104 Seiten | schwarzweiß | $ 2.99/12.99 | JUL06 0249/JUL06 0250

Der Alltag – gerade jetzt, so kurz nach der WM, ja wieder sehr aktuell – ist ein seltsames Tier. Für die meisten Leute ist er die meiste Zeit irgendwie da, tendiert aber dazu, sich ganz flott zu verflüchtigen, wenn man mal angestrengt über ihn nachdenkt; außer natürlich, man tut das jeden Tag. Genau das macht, allem Anschein nach, Harvey Pekar aus Cleveland, Ohio. Seit 1976 schreibt Pekar den autobiographischen Comic American Splendor, in welchem er mal konkret, mal eher metaphorisch in den Spiegel schaut, den Alltag wüst am Kragen packt und durch seine Geschichten ins Diesseits zerrt, ihm einen Maulkorb verpasst und ihn tanzen lässt. Unterstützt wird Pekar dabei von einer Truppe illustrer Zeichner, allen voran sein Freund Robert Crumb.

Harvey Pekar ist mittlerweile 66 Jahre alt, was vielleicht erklärt, warum, frei nach Udo Jürgens, für American Splendor das Leben gerade jetzt nochmal anfängt, nämlich als vierteilige Miniserie bei Vertigo. Zu Künstlern wie Dean Haspiel, Gary Dumm und Greg Budgett, die AmericanSplendor-Fans bereits bekannt sind, gesellen sich in der in vier Geschichten aufgeteilten Erstausgabe Ty Templeton und Hilary Barta, beide seit Jahren etablierte Größen im Verlagsprogramm von DC Comics und in der US-Branche generell. (Das rechts oben abgebildete Cover stammt von Glenn Fabry.) Zeitgleich mit dem neuen American Splendor #1 erscheint im September auch die Paperback-Ausgabe von Pekars The Quitter, einer von Haspiel illustrierten Graphic Novel, die die Teenager-Zeit des Autors erzählt.

Natürlich fragt man sich, ob der Alltag durch eine so hemmungslose Thematisierung und Zurschaustellung weniger alltäglich wird oder doch eher mehr. Fördert Harvey Pekar die Verentalltäglichung des Alltags, oder veralltäglicht er die Verentalltäglichung? Hmm. Aber zum Glück ist das letztlich ja gar nicht so wichtig. Der Alltag ist halt, wie gesagt, einfach ein seltsames Tier. Käme er nach Bayern, man würde ihn vermutlich auf der Stelle erschießen.

Links:
Pressemitteilung: American Splendor bei DC Comics
Interview: Harvey Pekar (Newsarama)
Besprechung des auf dem Comic basierenden Films American Splendor in unserer Comicmovie Datenbank

THE CARTOON HISTORY OF THE MODERN WORLD (Paperback)
Larry Gonick | 208 Seiten | schwarzweiß | $ 17.95 | JUL06 3282

Der US-Amerikaner Larry Gonick ist, ganz grob, der Jostein Gaarder unter den Cartoonisten. Nach The Cartoon History of the Universe, The Cartoon History of the United States und zirka öchtunduffzig weiteren Bänden gleichen Strickmusters über Gott und die Welt erscheint im September 2006 nun das neuste Werk des gelernten Harvard-Mathematikers. Untertitel: From Columbus to the U.S. Revolution.

Gonicks Stil im Vermitteln historischen Wissens ist ein sehr lockerer, seinen Werken wohnt ein nahezu allgegenwärtiges Augenzwinkern inne. Der Humor motiviert mal zum Schmunzeln, mal zum lauthalsen Lachen, und der Autor schreckt auch nicht davor zurück, auch mal Rüffler an das oft stark romantisierte und verklärte – um nicht zu sagen höchst fragwürdige – Geschichtsbewusstsein seiner Landsleute auszuteilen, womit er sich sicher nicht nur Sympathien schafft. Gonick – und das ist wichtig – lässt dabei zum einen stets durchblicken, dass er sich selber nicht allzu ernst nimmt, besteht aber zum anderen darauf, seine Bücher nicht nur mit einem detaillierten Index, sondern auch mit einer Bibliographie seriöser Literatur zum Thema auszustatten, die, markanter Weise, ebenfalls als Cartoon dargestellt wird.

The Cartoon History of the Modern World dürfte also, nimmt man die beiden eingangs erwähnten Bände als Maßstab, wieder mal eine runde Sache werden: clever, unterhaltsam und pädagogisch absolut wertvoll.

CHICANOS, VOL. 1 (Paperback)
IDW Publishing | 192 Seiten | schwarzweiß | $ 19.99 | JUL06 3263

Chicanos dreht sich um eine kleinwüchsige, nicht besonders hübsche und obendrein vom Pech verfolgte Mexikanerin, die in den Vereinigten Staaten als Privatdetektivin ihr Glück versuchen will. Der Comic ist eine Zusammenarbeit der Argentinier Carlos Trillo (Story) und Eduardo Risso (Zeichnungen), die ursprünglich 1997 entstand und zunächst in Italien und Frankreich veröffentlicht wurde. Im Jahr 2005 schaffte die Reihe dann den Sprung zurück über den großen Teich und fand eine Heimat beim aufstrebenden US-Verlag IDW Publishing. Der im September erscheinende Sammelband beinhaltet alle acht bisher bei IDW erschienenen Ausgaben.

Mit dem Anzeigentext im Previews-Katalog, der Chicanos als „europäische“ Serie bezeichnet, kann man sicher geteilter Meinung sein, da Argentien ja bekanntlich nur bedingt am Mittelmeer liegt. Wem Rissos Arbeit an 100 Bullets gefällt, der darf sich hier trotzdem angesprochen fühlen.

THE CROSS BRONX #1
Image Comics | 32 Seiten | farbig | $ 2.99 | JUL06 1675

Ein „brutaler Noir-Krimi“ mit „einem Schuss des Paranormalen“ soll The Cross Bronx sein, wie uns die Beschreibung hilfsbereit verklickert. Das ist leider zu häufig fachchinesisch für „schlecht durchdachter Mystery-Stuss ohne vernünftigen Schluss,“ um schon von sich aus begeistern zu können. Die Handlung: Ein mysteriöser Killer nimmt Dutzende New Yorker Kleinganoven ins Visier, während der zuständige Vertreter der Ordnungsmacht sich seine Antworten bei einem im Koma liegenden Mädchen holen muss. Im Lehrbuch findet man das unter „Krimi-Plot Nr. 14C: Der stumme Zeuge.“

Wer The Cross Bronx kauft, der wird das in den allermeisten Fällen aber natürlich eh einzig und allein wegen Michael Avon Oeming tun. Dieser, hauptsächlich bekannt als Zeichner von Powers, ist hier auch als Co-Autor (mit freundlicher Unterstützung eines mir leider völlig unbekannten Spezis namens Ivan Brandon) tätig und wird wohl zumindest visuell ganz in seinem Metier sein.

Links:
Interview: Michael Avon Oeming (Newsarama)
Trailer: The Cross Bronx

DESOLATION JONES, VOL.1: MADE IN ENGLAND (Paperback)
DC Comics/WildStorm | 144 Seiten | farbig | $ 14.99 | JUL06 0233

Wenn man gerade lange genug in der Sonne liegt, um sich noch wohlzufühlen, aber schon feststellt, dass sich alles irgendwie grell verfärbt hat und man beim Aufstehen im ersten Moment leichten Seegang verspürt, dann ist man in der richtigen Stimmung für Desolation Jones: Die Welt wirkt surreal, ein Sonnenstich kündigt sich an und man sucht sich besser ein schattiges Plätzchen, wenn man sich nicht ganz bös die Birne verbrutzeln und das Hirnwasser zum Blubbern bringen will.

Michael Jones ist ehemaliger britischer Geheimagent und verdient seine Brötchen als Privatdetektiv im brutal sonnenverstrahlten Los Angeles, nachdem man ihn beim MI6 dem sogenannten „Desolation Test“ unterzogen hat. Die genaueren Umstände des Tests sind nebulös, aber Jones hat seither unter anderem graue Haut, meidet das Tageslicht und trägt das „Biohazard“-Zeichen auf seinem Arm. In Made in England wird Jones von einem Liebhaber voyeuristischer Exlusivitäten engagiert, der die ihm entwendete private Porno-Sammlung Adolf Hitlers wiederhaben will. Bald stellt sich heraus, daß es um weit mehr geht als antike Erotika. Je stärker die Sonneneinstrahlung, desto kontrastvoller die Schatten, in denen Jones ermittelt. Dabei trifft er auf ein Ensemble kurioser, trauriger, authentischer, bisweilen brutaler Gestalten – er kennt sie gut, denn er ist eine von ihnen.

Autor Warren Ellis, seines Zeichens Internet-Guru, Chef-Futurist und selbsternannter „Old Bastard“ der anglo-amerikanischen Comicbranche, glänzte in der ersten Hälfte der 2000er Jahre zunächst durch Abwesenheit und danach durch einen ganzen Schwung halbgarer bis durchwachsener Arbeiten, hauptsächlich für DC Comics. Seit kurzem läuft es allerdings wieder rund bei dem Red-Bull-süchtigen Engländer. Zwar produziert er noch immer den ein oder anderen Stinker (siehe Ultimate Galactus, Iron Man oder Down), aber mit seinen „Apparat“-Einzelheften und Serien wie Fell, Nextwave oder eben Desolation Jones scheint Ellis in jüngster Vergangenheit wieder Anschluß an seine Höchstform gefunden zu haben. Wir gönnen’s ihm und freuen uns auf hoffentlich noch viele erfrischende, freche, verrückte, verstörende Comics.

Illustriert wird Made in England von J.H. Williams III, der hier nach Promethea und Seven Soldiers – schon wieder – die Arbeit seines Lebens abliefert. Einen passenderen Partner hätte man für diese Geschichte kaum finden können. Umso tragischer natürlich, dass Williams sich danach schon wieder aus dem Staub macht, um an Detective Comics und dem Finale von Seven Soldiers zu arbeiten. Der nächste Zyklus, beginnend mit Desolation Jones #7 im Oktober, wird von Daniel Zezelj realisiert werden.

Noch ein Tipp für Stimmungsfetischisten, die schon mal gerne mit der Taschenlampe unter der Decke lesen: Alternativ zum Sonnenstich tut’s auch LSD, um sich das richtige Ambiente für Desolation Jones zu schaffen.

(Zurisikenundnebenwirkungenlesensiediepackungsbeilageundfragensieihrenarztoder-
apotheker.)

Links:
Warren Ellis kommentiert Desolation Jones #1
Interview: Warren Ellis (Newsarama)
Interview: Warren Ellis (Londonist)
Interview: J.H. Williams III (Newsarama)

FABLES SPECIAL EDITION #1
FABLES: 1001 NIGHTS OF SNOWFALL (Hardcover)

DC Comics/Vertigo | 32/144 Seiten | farbig | $ 0.25/19.99 | JUL06 0247/JUL06 0245

Die letzte Ausgabe von Lucifer ist gedruckt und verkauft, und damit scheint sich das von Neil Gaiman zwischen 1988 und 1994 abgesteckte Sandman-Universum für Vertigo erst einmal erledigt zu haben, was neues, regelmäßig erscheinendes Material angeht. Auf der Suche nach einem neuen Zugpferd will man’s nun scheinbar mit Bill Willinghams Fables versuchen. Die Serie, die seit 2002 läuft, beschert dem Verlag beständig respektable Verkaufszahlen und kommt auch bei den Kritikern gut an, ist also sicher nicht die schlechteste Option als neues Rückgrat für Vertigo.

In Fables holt sich Willingham seine Inspirationen aus Fabeln, Märchen, Mythen und Kinderbuchklassikern, angefangen bei den Gebrüdern Grimm bis hin zu George Orwell. Ort des Geschehens ist Fabletown, eine versteckte Gemeinde im New York City der „realen“ Welt, in die sich Schneewittchen (Snow White), der Prinz (Prince Charming), der Große Böse Wolf (Big B. Wolf), Pinocchio und viele andere bekannte Gesichter geflüchtet haben, nachdem sie von einem mysteriösen „Gegenspieler“ (The Adversary) aus ihren fiktiven Heimatwelten vertrieben wurden. Auf diesem äußerst interessanten Spielfeld, welches leicht an Gaimans Roman American Gods erinnert, erzählt Willingham munter Krimis, Thriller, Seifenopern und generell Geschichten jeglicher Couleur.

Bereits Ende Juli macht man bei Vertigo den ersten Schritt von der Einzelserie zum „Franchise“: Mit Jack of Fables, geschrieben von Willingham und Matthew Sturges mit Zeichnungen von Tony Akins, startet parallel zu Fables eine zweite fortlaufende Serie, die das Konzept weiterspinnt. Im September geht’s dann mit Fables Special Edition #1, einem Billig-Nachdruck der Debütausgabe (Zeichnungen: Lan Medina und Steve Leialoha; s. rechts), und Fables: 1001 Nights of Snowfall in die nächste Phase. Letzteres, ein von Willingham geschriebener Hardcover-Band, soll als „idealer Einstiegspunkt“ für neue Leser dienen und bietet – natürlich nach dem Muster von Tausendundeine Nacht – eine Sammlung neuer Geschichten, die chronologisch vor Fables #1 spielen. Die Liste der Zeichner kann sich sehen lassen: Charles Vess, Brian Bolland, John Bolton, Michael Wm. Kaluta, James Jean, Tara McPherson, Derek Kirk Kim, Esao Andrews, Mark Buckingham, Mark Wheatley und Jill Thompson sollen alle ihr Scherflein dazu beitragen.

Ob Fables das Zeug hat, kommerziell zu einem ähnlichen Dauerbrenner wie Sandman zu werden, das mag noch in den Sternen stehen. Solange Willingham und Vertigo darauf achten, die Serie nicht auf Kosten der Qualität auszuschlachten, darf das dem geneigten Publikum allerdings auch schnuppe sein.

Links:
Miniseite: Jack of Fables
Interview: Bill Willingham (Buzzscope)
Interview: Bill Willingham (Suicide Girls)
Interview: Bill Willingham (Westfield Comics)
Interview: James Jean (ComicFoundry.com)

THE LEAGUE OF EXTRAORDINARY GENTLEMEN: THE BLACK DOSSIER (Hardcover)
DC Comics/WildStorm | 208 Seiten | farbig | $ 29.99 | JUL06 0241

Ein neuer Monat, ein neuer teurer Hochglanz-Schinken mit festem Einband von Alan Moore (siehe auch Lost Girls). Bevor sich Northamptons Antwort auf Rübezahl und sein Zeichner Kevin O’Neill von DC Comics verabschieden (weitere Fortsetzungen von The League of Extraordinary Gentlemen sollen by Top Shelf Productions und Knockabout Comics erscheinen), servieren sie mit The Black Dossier noch einen kleinen Happen zwischendurch.

Die Helden des Wälzers sind die immer noch jugendliche Mina Murray und der wieder verjüngte Alan Quartermain, die sich im England der 1950er Jahre „auf der Suche nach Antworten“ mit „gefährlichen Verfolgern“ anlegen. Nachdem die Liga der Außergewöhnlichen Herrschaften schon lange aufgelöst ist, soll ein mysteriöses Manuskript – das Schwarze Dossier – sie entweder wieder auferstehen oder endgültig in Vergessenheit geraten lassen; je nachdem, wer es in die Finger bekommt.

The Black Dossier ist nicht nur aufgrund von Gewicht, Preis und hartem Pappendeckel eine enorm kalorienreiche Zwischenmahlzeit, sondern auch wegen der vielen Extras, die versprochen werden: „The Black Dossier ist ein raffiniert entworfener, innovativer Band, der als Beilage eine ‚Tijuana-Bibel‘ und einen 3-D-Teil inklusive Brille beinhaltet sowie zusätzliche Texte, Kartenmaterial und eine atemberaubende, doppelseitige Zeichnung von Kapitän Nemos Unterseeboot Nautilus zum Ausklappen von Kevin O’Neill bietet.“

Die Wundertüte erscheint im Oktober. Sofern man bis dahin mit dem Ohrenschlackern fertig ist und über genügend Bares verfügt, sollte man mal reinschauen. Ob man dann auch rausgucken können wird, entzieht sich derzeit unserer Kenntnis, soll an dieser Stelle aber nicht leichtfertig ausgeschlossen werden.

THE 9/11 REPORT: A GRAPHIC ADAPTATION (Paperback)
Farrar, Straus and Giroux/Hill and Wang | 160 Seiten | farbig | $ 16.00 | JUL06 3198

Zwei Veteranen der US-Comicbranche „mit zusammengenommen mehr als 60 Jahren Erfahrung“, Sid Jacobson (ehemals Redakteur bei Harvey Comics) und Ernie Colón (u.a. Magnus: Robot Fighter, Damage Control) wollen zum fünften Jahrestag der New Yorker Terroranschläge vom 11. September 2001 den Abschlußbericht der dazu vom US-Kongress eingesetzten Untersuchungskommission einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und verständlich machen – und zwar als Graphic Novel.

Laut Anzeigentext glauben Jacobson und Colón, dass „viel, viel zu wenige Amerikaner“ den Bericht gelesen und die daraus resultierenden „Lektionen“ verstanden haben. „Unter Verwendung aller Erzählkünste, die Jacobson und Colón über die Jahrzehnte hinweg erlernen konnten, haben sie die zugänglichste Version des Berichts zum 11. September produziert,“ heißt es selbstbewusst. Der Comic soll sich dabei sehr eng an das Original-Dokument halten und dieses auch häufig zitieren.

Bei einem solchen Ansatz kann natürlich so einiges schiefgehen. Selbst wenn man den beiden Verantwortlichen mal unterstellt, dass der Brocken eine handwerklich einwandfreie Dokumentation sein wird und nicht etwa ein emotional oder kommerziell motivierter Stammtischrülpser, fragt sich immer noch, wer sowas denn lesen soll, und warum. Die Leute, die die Materie interessiert, werden kaum auf eine Comic-Adaption warten. Und der Rest sowieso nicht – insbesondere wenn es wirklich eine so trockene Abhandlung werden soll, wie der Infotext es suggeriert.

Die Tatsache, dass der Band mit Vorworten des Vorsitzenden der Kommission und seines Stellvertreters aufwartet, macht die Sache nicht unbedingt attraktiver. Mal anders gefragt: Wäre hierzulande irgendjemand auf eine Comic-Version des Abschlussberichts des Visa-Ausschusses scharf, in der Eckart von Klaeden uns mit der ihm eigenen Inbrunst von den Vorzügen des Mediums Comic als Vermittler schwieriger politischer Sachverhalte überzeugen will? Was? Wer? Genau. „Der Fischer ist schuld“, soviel ist doch klar. Der Rest ist doch eh bloß langweilige Haarspalterei.

Bedenkt man noch die nicht zu unterschätzende innenpolitische Dimension solcher Kommissionen, ist es auch im besten anzunehmenden Fall fraglich, was Jacobson und Colón sich von dem Werk versprechen, von einer Aufbesserung ihrer Altersversorgung mal abgesehen.

Links:
National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States
Wikipedia: 9/11 Commission
Pressestimmen zum Comic: Washington Post.com, Times Online, Publishers Weekly.com, Variety.com

PIRATE TALES #1
Boom! Studios | 48 Seiten | farbig | $ 6.99 | JUL06 2986

Mit seinen offenbar leidlich erfolgreichen Zombie-Anthologien scheint Ross Richie, Chef des noch jungen, aber bei Kritikern schon sehr beliebten Verlags Boom! Studios, beim US-Publikum einen Nerv getroffen zu haben. Im September soll das Format nun für ein Genre herhalten, welches – von sporadischen Ausnahmeerscheinungen wie Scurvy Dogs oder El Cazador – im Comic-Mainstream der Vereinigten Staaten bisher überhaupt nicht stattfindet: Piratengeschichten. Vielleicht rechnet sich Richie ja aus, dass im Zuge von Fluch der Karibik 2 die Nachfrage nach Piratenzeugs sprungartig ansteigen wird.

Was bekannte Größen angeht, sind an Pirate Tales #1 lediglich Keith Giffen, Joe Casey und vielleicht noch Christopher Golden (Punisher) und Fabio Moon (De: Tales) beteiligt, die Namen John Rogers, Johanna Stokes, Michael Alan Nelson, Tim Seeley und Chee provozieren dagegen erst mal ein Schulterzucken. Von daher wird man bei Boom! sicher nicht traurig sein, wenn den Verkaufszahlen vom Zeitgeist etwas unter die Arme gegriffen werden sollte. (Diskurs am Rande: Ich plädiere hiermit offiziell dafür, dass „jemandem unter die Arme greifen“ auf die Liste der Metaphern gesetzt wird, die man ab 30° Celsius im Schatten unter Strafe zu vermeiden hat.)

PUNISHER WAR JOURNAL #1
Marvel Comics | 32 Seiten | farbig | $ 2.99 | JUL06 1988

Richtig, Punisher War Journal gab’s schon einmal in den Neunzigern. Aber selbst hartnäckige Skeptiker dürften wohl zugeben, dass diese Neuauflage damit nicht viel zu tun haben wird. Das liegt zunächst mal daran, daß es diesmal einen guten Grund für eine zweite fortlaufende Reihe mit dem Punisher gibt. Garth Ennis‘ Punisher nämlich, welches unter Marvels Erwachsenen-Label Max Comics erscheint, ist eine separate Angelegenheit, die mit dem Rest des Marvel-Universums nichts zu tun hat. Der erklärte Zweck von Punisher War Journal besteht also darin, wieder eine Plattform zu bieten, auf der Frank Castle regelmäßig mit anderen Marvel-Figuren interagieren kann.

Einen konkreten Anlass für das Comeback des Bestrafers bietet das neue Gesetz, welches sämtliche US-amerikanischen Superhelden des Marvel-Universums zwingen soll, sich bei einer Regierungsbehörde mit Namen und Anschrift registrieren zu lassen (siehe Civil War). Die resultierenden Flügelkämpfe zwischen den Helden lassen den Schurken freie Bahn, was den Punisher auf den Plan ruft: Besorgt um das Wohl der unbeteiligten Bürger, will er fortan nicht mehr bloß reguläre Kriminelle ins Jenseits befördern, sondern eröffnet nun auch gezielt die Jagdsaison auf Kostümierte.

Ein netter Ansatz, aber wie das in der Praxis aussehen soll, steht auf einem anderen Blatt. Man wird wohl kaum erwarten können, dass in Punisher War Journal all zu prominente Marvel-Schurken ins Gras beißen. Folgerichtig wird die Sache wohl eher so aussehen, dass sich der Punisher entweder mit einer Horde von Nobodies herumärgert, die eh keiner kennt, oder dass die Ganoven des öfteren die Begegnung überleben. Da keine der beiden Optionen langfristig besonders spannend ist, bleibt abzuwarten, ob und wie die Macher dieses Grundsatzproblem lösen werden.

Womit wir bei den beiden besten Gründen angelangt wären, der Reihe eine Chance zu geben: Autor der Serie ist Matt Fraction, der mit Last of the Independents und Casanova bereits bewiesen hat, dass er Action kann, egal ob geradlinig oder verspielt. Gezeichnet wird Punisher War Journal vom Argentinier Ariel Olivetti (Space Ghost), dessen Arbeit hier an die gemalten Punisher-Titelbilder von Mike Zeck aus den Achtzigern erinnert.

Und überhaupt. Sobald Marvel wieder sowas rausbringt oder etwa – ach du Scheiße! – sowas, können wir schließlich immer noch die Beine in die Hand nehmen und im schnellen Galopp „Run to the Hills“ anstimmen.

Links:
Interview: Matt Fraction (Comic Book Resources)
Interview: Matt Fraction (Newsarama)
Interview: Matt Fraction (Wizard)
Interview: Matt Fraction (The Pulse)

ROCK BOTTOM (Paperback)
AiT/PlanetLar | 112 Seiten | schwarzweiß | $ 12.95 | JUL06 2817

Eine neue Graphic Novel von Joe Casey (Gødland) und Charlie Adlard (The Walking Dead) kann man nach dem Genuss ihrer letzten Zusammenarbeit Codeflesh ungesehen empfehlen. In Rock Bottom geht’s um Thomas Dare, einen „normalen Mann mit normalen Problemen,“ der eines Tages feststellt, dass er sich in Stein verwandelt.

Viel mehr gibt der Werbetext leider nicht her, bevor er mit der Bemerkung schließt, dass es sich bei Rock Bottom nicht um „die Ursprungsgeschichte eines Superhelden“ handele. Aber soviel hätten wir eh schon vermutet. Gut also, dass man den Band ungesehen empfehlen kann.

Links:
Vorschau und Kommentar von Charlie Adlard (The Pulse)

TRUE STORY SWEAR TO GOD #1
Image Comics | 24 Seiten | schwarzweiß | $ 2.99 | JUL06 1674

Cartoonist Tom Beland war höchst unzufrieden mit der Arbeit des kleinen Verlagshauses AiT/PlanetLar, weil, so sagt er, die dort erschienenen Sammelbände seiner autobiographischen Serie True Story Swear to God in keinem gescheiten Buchladen finden konnte. Beland ist nun zu Image Comics gewechselt, wo ab September nicht nur die Einzelhefte von True Story (vormals im Eigenverlag) erscheinen werden, sondern konsequenterweise auch die Sammelbände.

True Story Swear to God ist die Aufzeichnung der Liebesbeziehung des US-Amerikaners Beland mit der Puerto-Ricanerin Lily. Der ehrliche, ungeschminkte und manchmal zuckersüße Stil Belands ist nicht jedermanns Sache – ursprünglich war True Story bloß als Tagebuch gedacht und gar nicht zur Veröffentlichung vorgesehen, was man den ersten Kapiteln deutlich anmerkt. Aber genau diese Offenheit abseits der üblichen dramaturgischen Kunstgriffe ist es andererseits auch, die die Serie bei ihren Anhängern so beliebt macht.

Und auch sollte man Geschmack an True Story finden, bleibt letzlich noch ein Wermutstropfen, denn Tom und Lily haben sich kürzlich getrennt. Auf True Story wird sich das zwar in naher Zukunft nicht auswirken, denn die Serie ist noch Jahre von diesem Punkt entfernt; das Wissen, daß es kein Happy End geben wird, bleibt einem beim Lesen natürlich trotzdem im Hinterkopf.

Aber wer weiß, vielleicht ist ja doch noch nicht aller Tage Abend. Man hat schließlich auch schon Pferde kotzen sehen.

Links:
Interview mit Tom Beland (Silver Bullet Comics, Teil 1)
Interview mit Tom Beland (Silver Bullet Comics, Teil 2)
Interview: Tom Beland (Bookshelf Comics)
Interview: Tom Beland (Paperback Reader)
Puerto Rico Herald: Artikel über True Story Swear to God

UNION JACK #1 (von 4)
Marvel Comics | 32 Seiten | farbig | $ 2.99 | JUL06 1996

Christos N. Gage (Deadshot) und Mike Perkins (Spellbinders) spinnen in Union Jack einen Handlungsfaden aus Ed Brubakers Captain America weiter: Unterstützt von zwei maskierten Helden aus dem Nahen Osten, der Mossad-Spezialagentin Agentin Sabra und dem Arabischen Ritter, muss Union Jack, Superagent des britischen MI5, eine Serie terroristischer Anschläge auf London vereiteln. Die Bösewichte sind dabei natürlich keine herkömmlichen Terroristen, sondern Superschurken – „Batroc the Leaper, Machete, Zaran, Boomerang, Crossfire, Jack O’Lantern, Shockwave und weitere!“ werden angekündigt. Da fehlen eigentlich nur noch Stelzenmann und der Gibbon.

Aber Spott beiseite: Gut ein Jahr nach den Anschlägen auf das Londoner Verkehrsnetz scheint Autor Christos N. Gage für Union Jack genau die richtige Mischung aus aktuellem Zeitbezug, absurder 007’scher Agentenoper und den üblichen Marvelschen Helden-in-Strumpfhosen-Elementen im Sinn zu haben. Die Arbeit von Zeichner Mike Perkins mag der seines Kollegen Steve Epting, mit dem er sich die Serie Captain America teilt, derzeit zum Verwechseln ähnlich sehen, aber das tut dem enorm schönen Anblick seiner Kunst keinen Abbruch.

Links:
Interview: Christos N. Gage (Comic Book Resources)
Interview: Mike Perkins (Comic Book Resources)
Interview: Christos N. Gage & Mike Perkins (Comic Book Resources)
Interview: Christos N. Gage (Newsarama)
Interview: Christos N. Gage (Wizard)

WILDCATS #1 WETWORKS #1
DC Comics/WildStorm | je 32 Seiten | farbig | je $ 2.99 | JUL06 0220/JUL06 0223

Um die Jahrtausendwende bescherten die britischen Ausnahmetalente Warren Ellis, Alan Moore, Bryan Hitch, John Cassaday, Mark Millar und Frank Quitely dem WildStorm-Label Jim Lees mit Serien wie The Authority, Planetary, Top Ten, Tom Strong oder The League of Extraordinary Gentlemen eine ganze Reihe nicht nur kommerziell erfolgreicher, sondern auch bei Kritikern sehr respektierter Projekte, die die damals frisch an DC Comics verkaufte Firma binnen kürzester Zeit zur angesagtesten Schmiede von Superheldencomics avancieren ließ. Hier wurden Trends in Gang gesetzt und die Marschrichtung festgelegt, in die das Genre sich die folgenden fünf, sechs Jahre entwickeln sollte.

Schon kurze Zeit später war der Ofen dann jedoch plötzlich aus; Ellis und Moore traten aus verschiedensten Gründen nur noch sporadisch in Erscheinung, Millars kontroverse Arbeit an The Authority (schwul!!!) wurde – Gerüchten zufolge von den berüchtigten „Schlipsträgern“ aus der Chefetage – bis zum Stillstand torpediert und den Autor veranlasste, bei Marvel anzuheuern. Hitch und Quitely taten es ihm gleich, und schließlich mangelte es dem Label schlicht an der entscheidenden Risikofreude, die den Erfolg erst gebracht hatte – und die die Fans nun erwarteten. Einst bahnbrechende Konzepte dümpelten dahin, und es kamen keine Autoren und Zeichner mehr nach, die die Begeisterung weiter zu transportieren vermochten. Zwar hatte man mit z.B. Mr. Majestic, Wildcats Version 3.0, Sleeper oder StormWatch: Team Achilles auch weiterhin über den grünen Klee gelobte Serien am Start, aber der Motor war futsch: Der kommerzielle Erfolg des WildStorm-Universums war Geschichte, ebenso wie der Status als Trendsetter. Das von Ellis, Moore, Millar und Co. erarbeitete Startkapital war leichtfertig verstolpert worden.

Anno 2006 soll nun wieder alles anders werden. WildStorm-Gründer Jim Lee, der seiner eigenen Popularität in den letzten vier Jahren durch mega-erfolgreiche Arbeiten an Batman, Superman und All-Star Batman eine Frischzellenkur verpassen konnte, will’s nochmal wissen und holt zum Rundumschlag aus: Im Herbst kommt es unter dem Slogan „WorldStorm“ – mal wieder – zu einem Neustart des gesamten WildStorm-Universums. Diesmal allerdings mit einer imposanten Riege von Autoren und Zeichnern, der unter anderem die Publikumslieblinge Garth Ennis, Brian Azzarello und Gail Simone angehören. Zum Startschuss gibt’s gleich den dicksten Brocken: Wildcats, gezeichnet von Lee selbst und geschrieben von Grant Morrison, wird als Flaggschiff des wiederbelebten WildStorm-Universums dienen.

Morrisons Beteiligung ist dabei der springende Punkt, denn es gibt in der Branche wohl derzeit keinen zweiten Autor, dessen Name in solchem Maße gleichzeitig für kommerziellen Erfolg und kreative Innovation steht wie der des Schotten. Insofern kann man davon ausgehen, dass Lee damit ein Zeichen setzen will – es wäre jedenfalls ein gutes. In Wildcats (“Mark IV“?) wollen Lee und Morrison von der ursprünglichen bunten X-Men-Cover-Version der frühen Neunziger (WildC.A.T.s) bis hin zu Joe Caseys kopflastiger Ode an das Postmoderne im Superhelden (Wildcats Volume 2 und Wildcats Version 3.0) alle verschiedenen Inkarnationen des Konzepts berücksichtigen. Die Serie soll im Zweimonatsrhythmus und abwechselnd mit The Authority (ebenfalls von Morrison geschrieben, startet im Oktober) erscheinen, da Lee gleichzeitig noch an All-Star Batman arbeitet.

Vierzehn Tage später geht’s weiter mit Wetworks, geschaffen und gezeichnet von Lees altem Image-Kollegen Whilce Portacio. Als Autor konnte man Mike Carey gewinnen, der gerade Lucifer für Vertigo beendet hat und für Marvel Ultimate Fantastic Four und X-Men schreibt. Das Konzept der brutalen Science-Fiction-/Horror-Serie: Eine mit futuristischen Metallrüstungen ausgestattete Elite-Einheit prügelt sich mit Werwölfen, Vampiren und anderem lichtscheuem Getier. Die Geschichte wiederholt sich hier übrigens auf kuriose Weise: Wie bereits Portacios Original-Version von Wetworks, die in den frühen Neunzigern erst mit jahrelanger Verspätung erschien, sollte auch die aktuelle Variante bereits 2003 (!) starten; ein elfseitiger Prolog – der, nebenbei gesagt, leider nicht besonders überzeugend war – erschien damals in Coup d’Etat: Aftermath #1.

Links:
Interview: Redakteur Scott Dunbier (Newsarama)
Interview: Jim Lee (Newsarama)
Interview: Mike Carey (Comic Book Resources)
Interview: Mike Carey (Comic Book Resources)
Interview: Mike Carey (Your Mom’s Basement)
Interview: Mike Carey (Wizard)
Interview: Mike Carey (The Pulse)

Der Bücher-Wurm: Weitere US-Comics im September

+++ALAN MOORE’S A SMALL KILLING von Alan Moore und Oscar Zarate (Avatar Press, Paperback, $ 16.95)+++AMERICAN VIRGIN, VOL. 1: HEAD von Steven T. Seagle und Becky Cloonan (DC Comics/Vertigo, Paperback, $ 9.99)+++BOSNIAN FLAT DOG von Max Andersson und Lars Sjunneson (Fantagraphics Books, Graphic Novel/Paperback, $ 13.95)+++CHICKEN WITH PLUMS von Marjane Satrapi (Pantheon Books, Graphic Novel/Hardcover, $ 16.95)+++DON’T GO WHERE I CAN’T FOLLOW von Anders Nilsen (Drawn & Quarterly, Graphic Novel/Paperback, $ 14.95)+++F-STOP von Anthony Johnston und Matthew Loux (Oni Press, Graphic Novel/Paperback, $ 14.95)+++FANTASTIC FOUR VISIONARIES: JOHN BYRNE, VOL. 6 von John Byrne, Mike Carlin, et al. (Marvel Comics, Paperback, $ 24.99)+++HARLAN ELLISON’S DREAM CORRIDOR, VOL. 2 von Harlan Ellison, Eric Shanower, et al. (Dark Horse Comics, Paperback, $ 19.95)+++MARVEL ADVENTURES: SPIDER-MAN, VOL. 4: CONCRETE JUNGLE von Zeb Wells und Patrick Scherberger (Marvel Comics, Digest, $ 6.99)+++NEIL GAIMAN’S NEVERWHERE von Mike Carey und Glenn Fabry (DC Comics/Vertigo, Paperback, $ 19.99)+++THE POPBOT COLLECTION von Ashley Wood und Sam Kieth (IDW Publishing, Paperback, $ 45.00)+++POPEYE, VOL. 1: I YAM WHAT I YAM von E.C. Segar (Fantagraphics Books, Hardcover, $ 29.95)+++PYONGYANG: A JOURNEY TO NORTH KOREA von Guy Delisle (Drawn & Quarterly, Graphic Novel/Hardcover, $ 19.95)+++SHADOWLAND von Kim Deitch (Fantagraphics Books, Paperback, $ 18.95)+++SIDE SCROLLERS von Matthew Loux (Oni Press, Graphic Novel/Paperback, $ 11.95)+++THE UNTOUCHABLES von Joe Pruett und John Kissee (Image Comics, Paperback, $ 16.99)+++WILL YOU STILL LOVE ME IF I WET THE BED? von Liz Prince (Top Shelf Productions, Graphic Novel/Paperback, $ 7.00)+++

Anregungen, Lob oder Kritik sind wie immer herzlich willkommen. Schaut einfach im Forum vorbei oder schickt eine E-Mail.

Bildquellen: Previews – Diamond Distributors; American Splendor, Desolation Jones, Fables, The League of Extraordinary Gentlemen, The Quitter, Wetworks, Wildcats – DC Comics; The Cartoon History to the Modern World – tfaw.com; Chicanos – IDW Publishing; The Cross Bronx, True Story Swear to God, Pirate Tales – comicbookresources.com; The 9/11 Report – Farrar, Straus and Giroux; Punisher War Journal, Union Jack – Marvel Comics; Rock Bottom – AiT/PlanetLar

Interview mit Fahr Sindram

Comicgate: Hallo Fahr! Worum geht’s bei deinem Manga Losing Neverland?

Fahr Sindram: Kurz gesagt: Ein minderjähriger Junge geht auf den Strich und tut es nicht gern.

CG: Mit diesem Manga wendest du dich gegen so genannte Shotacons. Das sind Mangas, in denen sich ein Erwachsener sexuell zu kleinen Jungen hingezogen fühlt. Sind Shotacons ein Trend?

FS: Durchaus. Ich könnte mir aber vorstellen, dass dieser Trend zu einem Dauerbrenner wird. Das zieht auch immer mehr in normale Mangas ein. Niemand in den Medien weiß, dass die Pornographie, die in Japan mit kleinen Jungen betrieben wird, viel größer ist als die mit kleinen Mädchen.

CG: Wie bist Du überhaupt auf die Thematik zu Losing Neverland gekommen, und inwieweit hast Du dafür recherchiert?

FS: Ich habe das Thema schon sehr lange im Kopf gehabt, schon seit 1998 oder so.
Recherchiert habe ich Tatsache lange und breit, ich hab so um die 18 Bücher über das Thema gelesen, Filme angesehen und all das. Am Ende war ich richtig fertig, aber ich glaube, ich kann dadurch einiges besser beschreiben.
Am Anfang ging es allerdings noch um den kleinen Tim, aber je länger ich an der Story arbeitete, desto stärker rückte Laurie in den Vordergrund.
[links: Bleistiftskizze zu Losing Neverland]

CG: Ein Junge, der gezwungen wird, auf den Strich zu gehen – glaubst Du nicht, mit dieser Rahmenhandlung ziehst Du eher noch die Aufmerksamkeit der falschen Zielgruppe auf sich? Wie machst Du Dein Anliegen/Deine Richtung in Deinem Manga deutlich?

FS: Dass ich völlig gegen Shotacon und alles derartige bin erklärt sich mit dem Manga selbst. Ich werte zwar nicht, zeige aber, dass es einfach grausam ist, einem Kind so etwas zuzumuten bzw. Missbrauch immer ein Verbrechen ist.

Ich erhebe keinen Zeigefinger, aber ich sage, wie es ist. Und im Nachwort wird dann noch einmal im Klartext gesagt, was Shota genau ist und warum es genauso Kinderpornografie ist wie alles andere.

CG: Wie hat das Publikum bis jetzt darauf reagiert?

FS: Leider gab es nicht nur positive Reaktionen. Ich hätte mir gewünscht, dass die Leute sagen: „Das ist eine gute Sache. Man muss unterstützen, dass Kinderpornografie eingegrenzt wird. Endlich kommt ein aufrüttelnder Text.“
Am Anfang haben mir aber die meisten geschrieben, ich sei eine prüde Kuh. Ich wäre verklemmt, ich würde keinen Spaß verstehen, ich wäre frigide. In Bezug auf die Geschichte kamen so Sachen wie: „Der soll gefickt werden, bis er Blut kotzt. Das will ich sehen, mit ganz großen Latten!“ Ich habe dann einfach nicht mehr darauf geantwortet.

CG: Gab es nur solche Reaktionen?

FS: Nein, inzwischen haben sich die Reaktionen eingependelt. Nach einer Zeit des Schweigens kamen dann die ersten Leute, die geschrieben haben: „Mir ist dasselbe passiert.“ Und: „Ich musste weinen, als ich deinen Artikel gelesen habe.“ „Dein Manga berührt mich.“ Es haben sich mehrere Opfer bei mir gemeldet. Und da habe ich gedacht: Es kann nicht falsch sein, dass ich Losing Neverland mache.
Aber ich war schon sehr entmutigt am Anfang.
Ich bekomme pro Monat um die zwanzig E-Mails. Da ist es nun ziemlich gerecht verteilt.

CG: Wie verbreitet sind Shotacons in Japan bzw. wer ist dort die Zielgruppe?

FS: Die Zielgruppe in Japan ist meist weiblich, so wie in Deutschland auch, und die Mädchen sind vom Alter her 12 bis 30 aufwärts. Ich hatte angenommen, dass Männer so was lesen würden, da lag ich aber falsch.

CG: Erreicht das schon deutsches Lesepublikum?

FS: Ehapa (Ehapa Manga & Anime = EMA) bringt ab September 2006 einen Manga von Yun Kouga heraus, Loveless. Die Story handelt von einem zwölfjährigen Jungen, der einen 21-jährigen Kunststudenten trifft. Die beiden sind durch irgendein Band der Liebe miteinander verbunden. Es gibt da zwar keinen Sex, aber der Typ steckt dem Kleinen ständig seine Zunge irgendwo rein. Richtig heftig. Da wird geknutscht bis zum Geht-nicht-mehr. Auf den Kapitelvorsatzseiten trägt der Kleine Latex-Outfits, Strapse und Lack-und-Leder-Bondage-Kram.
In der Geschichte ist es so, dass die Kinder Katzenohren und -schwänze haben. Die verlieren sie, wenn sie Sex haben. Und dieser Typ meinte schon zu dem Kleinen: „Ich nehme Dir Deine Ohren noch nicht.“ Da kann man sich ausmalen, was noch kommt. TOKYOPOP bringt übrigens jetzt den Anime zur Serie heraus.

CG: Hast du mit Ehapa Kontakt aufgenommen?

FS: Ich habe mich im Forum von Ehapa mit den Redakteuren und den Usern etwas angelegt. Leider bin ich auf ziemlich taube Ohren gestoßen. Ich hatte gehofft, dass ein so guter Verlag wie Ehapa, den ich persönlich als den besten deutschen Mangaverlag ansehe, vielleicht begreifen würde, dass es eine bedenkliche Sache ist, diesen Manga uneingeschweißt und für ein junges Publikum zu produzieren bzw. überhaupt zu veröffentlichen. Meine Vorwürfe, dass es sich um einen Soft-Shotacon-Manga handele, wurden vehement zurückgewiesen. Gleichzeitig ist er aber im Preview als Adult-Manga angezeigt, also für Erwachsene. Ich frage mich: Wie kann das für Erwachsene sein, wenn es nichts Pornographisches ist bzw. eindeutig eine erotische Beziehung zwischen den Figuren besteht?*

CG: Gehört ein Schuss Erotik nicht bei Mangas dazu?

FS: Der Eindruck entsteht durch die Medien. Die meisten Mangas, die bei uns herauskommen, sind erotischer Natur. Oder haben unterschwellige Erotik. Aber in Japan ist das so breit gefächert wie in Europa und Amerika. Es gibt erotische Mangas und nicht-erotische Mangas. Mangas über Baustellenarbeiter, über Hausfrauen, über Superhelden, über Stripperinnen, über Kindergartenleiter, über Kinder, die in den Kindergarten gehen, über Eismänner, über Fahrraddiebe … Mangas haben nicht unbedingt etwas mit Erotik zu tun. Bloß: Die Erotischen kommen bei uns heraus, weil sie sich am besten verkaufen. Die ganzen normalen Mangas, wo Alltagsgeschichten erzählt werden oder Krimis oder ganze Epen – die bekommen wir meistens gar nicht.

CG: In vielen Actionfilmen gehört Erotik einfach dazu. Ist das bei Mangas nicht ähnlich?

FS: Kommt immer darauf an. Wenn der Manga als Blockbuster angelegt ist, spielt Erotik natürlich eine Rolle. Aber ich denke, es liegt in der Natur der Sache, dass es für jeden etwas geben muss. Beispielsweise habe ich jetzt – weil mein Manga für Männer nicht viel hergibt – der Schwester des kleinen Jungen, der darin vorkommt, ziemlich große Brüste gegeben. Einfach nur, um allen etwas zu geben. Und die Dinger wachsen und wachsen! Irgendwann müssen die mal aufhören größer zu werden. (lacht)

CG: Für wie nah am Leben hältst Du Deinen Manga?

FS: Naa jaaa! Der Manga spielt in einem erfundenen gotischen London des 19. Jahrhunderts, also insofern … Aber die Story ist bewusst real gehalten. Das meiste, was ich Laurie erleben lasse, ist so schon einmal passiert, irgendwo auf der Welt, und manches ist auch Leserbriefen und Berichten entnommen.

CG: Grundsätzlich magst du Mangas aber schon …?

FS: Ich liebe Mangas, gleichwertig mit Comics. Ehrlich gesagt nehme ich an, dass der Comic in den nächsten Jahren stark abflauen wird. Dann kriegen wir wahrscheinlich einen riesigen Überangebotsschwall von Mangas. Und dann gibt’s das große Comic-Revival. Darauf hoffe ich eigentlich. Vielleicht akzeptiert man dann, dass man Mangas und Comics gleichwertig lesen kann. Manga-Leser lesen keine Comics, Comic-Leser lesen keine Mangas – das ist für mich unverständlich. Ich habe bei mir zu Hause Enki Bilal genau neben Mangas stehen. Ich gucke Disney-Filme, ich gucke Ghibli-Filme. Entweder mag ich das oder ich mag’s nicht. Das hat nix mit einer Kultur oder Umsetzungsweise zu tun, sondern damit, ob die Geschichte stimmt und die Optik.

CG: Gibt es erotische Mangas, die dir gefallen?

FS: Ich möchte jetzt nicht wieder ein Klischee bestätigen, aber ich lese sehr gerne Shonen-Ai-Mangas, wo es um homoerotische Liebe geht. Aber ich möchte keinen Sex sehen. Ich möchte nur angedeutete Erotik und dann selber meine Phantasie ins Spiel bringen. Explizit möchte ich da nichts geboten kriegen.

CG: Ein Ausblick: Was wird aus Losing Neverland?

FS: Da habe ich schon ordentlich Bammel. Es wird eine fünfteilige Serie, die ins Französische, ins Englische und ins Japanische übersetzt werden soll. Entsprechend sollen in jedem Land Hotlines angegeben werden, an die sich betroffene Kinder wenden können.

CG: Und inhaltlich?

FS: Im nächsten Band (links: eine Seite aus Band 2) von Losing Neverland geht es darum, wie es eigentlich gekommen ist, dass Laurie anschaffen muss. Und wie sein Vater zu so einem brutalen Menschen werden konnte. Oder ob er schon immer ein brutaler Mensch war. Und wie Lauries Mutter gestorben ist. Und wie es mit seiner Beziehung zum kleinen Tim weitergeht. Das wird ja noch einigermaßen missbilligt. Er will sich einen Alltag schaffen und sieht das erste Mal wirklich einen Sinn im Leben.

CG: Weißt du schon, ob es ein gutes oder ein schlechtes Ende mit Laurie nehmen wird?

FS: Wenn’s nach mir geht, wird es ein schlechtes Ende geben. Aber wenn es nach meinem Redakteur geht, wird es ein gutes Ende nehmen. (lacht) Ich finde, ein Happy End passt nicht so recht dazu. Ein schlechtes Ende passt aber auch nicht. Ich brüte da noch über einer Alternative, die realistisch wirkt.

CG: Liebe Fahr, vielen Dank für das Gespräch!

FS: Vielen Dank! Comicgate ist immer eine Ehre!

*Wir baten EMA um eine Stellungnahme.
Ihre Antwort: „Loveless ist kein Shota. Pornografisches wird weder angedeutet noch explizit gezeigt. „Adult“-Status hat der Manga bei uns bekommen wegen der psychischen Problematik des Protagonisten (der Bruder ist tot, die Mutter ist verrückt) und der Darstellung der Kämpfe, die sich aufgrund der Fantasy-Thematik ergeben – und nicht aufgrund erotischer Inhalte.“

ACHTUNG: Autogrammstunden mit Fahr Sindram finden am 5. August in Zusammenhang mit einem Visu/Gothic&Lolita/Cosplay Event bei Modern Graphics (im Untergeschoss des Europacenters (Tauentzienstr. 9-12)) in Berlin und am 20. August von 11 bis 15 Uhr auf der Sammler-Börse NRW Herne statt!

Losing Neverland 1
Text und Zeichnungen: Fahr Sindram
Butter and Cream 2006, 125 S. (Softcover), schwarzweiß, 2 Farbseiten, 1 Klapp-Poster; 10,- Euro


bereits bestellbar über
butter-and-cream.com
In etwa zwei bis drei Wochen ist der Manga auch über Amazon u.ä. erhältlich.

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Homepage von Fahr Sindram: fahrlight.de

Limitierte Kunstdrucke von Losing Neverland bei freibeutershop.de

Fansite zu Losing Neverland

Paper-Theatre – die Manga-Anthologie bei Schwarzer Turm, an der Fahr mitarbeitet

Bildquellen: freibeutershop.de, fahrlight.de, amazon.de, amazon.jp, www.losing-neverland.uk.tt , modern-graphics.de, Fahr Sindram
Fotos: Copyright comicgate.de