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Cañari 1 – Die goldenen Tränen

canari-1.jpgMit einer Vielzahl von franko-belgischen Titeln hat der Splitter Verlag seinen rechten Platz unter den deutschen Comicverlagen wiedergefunden. Teil dieser neuen Reihe ist Cañari #1 – Die goldenen Tränen. Die Geschichte, erzählt von Autor Crisse und gezeichnet von Carlos Meglia, führt den Leser zurück in ein Mexiko bevölkert von Azteken, Panthern und Mythengestalten.

 

Der letzte Zeichentrickfilm, den ich im Kino gesehen habe, war „Ice Age 2“. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie ich zu diesem Vergnügen kam, doch ich weiß noch genau, was ich mir gedacht habe als ich den Kinosaal verließ. Ich hatte über die Witze des Säbelzahnhörnchens gelacht („piep?“) und mit dem Mammut um seine große Liebe gebangt. Man kann also sagen, dass mich der Film in seinen Bann gezogen hatte. Und obwohl ich all diese Gefühle mit den Figuren im Film geteilt habe, konnte ich nicht umhin, mir Gedanken zu machen wie viel Geld, wie viele Grafiker und wie viele Computer nötig waren, um diesen Zauber für die Zuschauer zu kreieren.

Ein ähnliches Gefühl überkam mich nach der Lektüre von Cañari 1. Nachdem ich den ersten Band – „Die goldenen Tränen“ – ausgelesen hatte, war ich mir nicht ganz sicher, ob mich der Comic nur zufrieden gestellt oder wirklich überzeugt hatte. Eigentlich ist gerade diese Zweideutigkeit bei mir ein Signal für einen guten Comic, der mich noch weiter beschäftigen wird. Doch bin ich mir nicht ganz sicher, ob die Konstruktion und die Darstellung der Geschichte so auch beabsichtigt waren.

Auf den Spuren von Autor Crisse folgt man zunächst dem Surfer Wayne und seinen Freunden von einem gemütlichen Spaziergang am Strand in die städtische Kneipe, nur um nach ein paar Schnäpsen friedlich unter dem wolkenlosen Himmel einzuschlafen. Zwei Seiten später findet man sich – wie nach einem Märchenschlaf – in der Vergangenheit Mexikos wieder. Ein bisschen wie Washington Irvings Held Rip van Winkle wandert man Seite an Seite mit Cañari, Tochter des Stammeshäuptlings, und ihren Geschwistern durch den Dschungel auf der Suche nach Wasser für das bevorstehende Fest. Bei der Wanderung durch den Dschungel verlieren sie ihren kleinen Bruder Xoatil. Dieser Umstand löst eine Reihe von Abenteuern aus, in die die Heldin Cañari gezogen wird.

Diese Ereignisse werden wunderbar illustriert von Carlos Meglia, der mit seinem cartoonhaften Stil dem Strand wirklich das Flair eines Surferparadieses gibt und bei dessen Darstellung vom Dschungel man auf jeder neuen Seite einen lauernden Panther vermutet. Meglia scheint sich aber nicht nur Zeit für seine Landschaften, sondern auch für die Figuren genommen zu haben, da diese mit sehr viel Liebe abgerundet wurden, und fast schon an einen Manga erinnern. Dabei schafft es der Zeichner, jeder der Personen eine eigene Persönlichkeit einzuhauchen.

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Auch die Fauna ist liebevoll gestaltet: bei einer Auseinandersetzung mit einem Panther verändert sich Meglias Stil sichtlich. Die Darstellung des Panthers selbst sprüht förmlich vor Erfindungsreichtum, wenn Meglia ihn durch die Benutzung eines malerischen Stils wie ein Fremdkörper in der Welt der Eingeborenen einführt.

Natürlich stellt sich die Frage, warum ich dann nicht voll und ganz von „Die goldenen Tränen“ überzeugt bin, wenn doch alles so toll zu passen scheint. Es gibt diesen einen Punkt im Comic, auf den die Story hinarbeitet: den ersten Höhepunkt in der Handlung. Während die Hinführung bis zu diesem Punkt hundertprozentig stimmig ist, verfällt Crisse bei seinem Aufbau der Geschichte in eine Hektik, die den Leser durch verschiedene Parallelwelten führt, nur um diese auf der nächsten Seite wieder zu verlassen. Er lässt dem Leser keine Zeit, sich auf die einzelnen Situationen einzustellen, sondern behandelt ihn wie einen Gast auf einem Jahrmarktkarussell, das viel zu schnell fährt und in unregelmäßigen Abständen die Fahrtrichtung wechselt.

Während die Geschichte zu viel Fahrt aufzunehmen scheint, spielt Crisses Partner lieber mit allen graphischen Möglichkeiten, die ihm sein digitales Werkzeug bietet. So nutzt Meglia zum Beispiel Gruppen von Vögeln, um Fokus zu simulieren: während Papageien und Möwen in der Entfernung nur durch zwei simple weiße Striche dargestellt werden, nehmen die Vögel an Details zu, je näher sie kommen, bis man schließlich einen Ara in Großaufnahme betrachtet. Meglia nutzt aber auch die Techniken des obig beschriebenen Zeichentrickfilms: so wirken die Unterwasserszenen von Cañari und ihren Geschwistern zunächst interessant, werden dann aber schnell als Spielerei entlarvt. Das soll nicht heißen, dass all diese Techniken in irgendeiner Weise plump wirken. Nein, vielmehr fühlt es sich an wie ein Schaulauf der Möglichkeiten, die einem Zeichner geboten sind. Doch da es sich noch immer um einen Comic und nicht um eine Modenschau der Spezialeffekte handelt, bleiben diese schönen Tricks nichts als Spielerei vor dem Hintergrund einer überstürzten Story. Obwohl man Meglia nicht den Vorwurf machen kann, sich von der Hektik von Crisses Erzählstrom anstecken zu lassen, wirkt seine Präsentation der Möglichkeiten ein bisschen zu verspielt.

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Vielleicht liegt die Stärke einer Zeichentrickfilmproduktion gerade in ihrem großen Stab. Ich möchte hier keineswegs die Branche der Trickfilmanimation als die ultimative demokratische Gemeinschaft darstellen, sondern vielmehr darauf hinweisen, dass es manchmal nicht unbedingt schlecht ist, ein eingespieltes Team zu haben, das kreative Prozesse gemeinsam abspricht. Und in einem Comic ist eben dieser Prozess wesentlich wichtiger als seine Einzelteile, auch wenn sie noch so gut sein mögen. Doch genau wie Ice Age 3 – wenn er je erscheinen sollte – bekommt auch Cañari 2 noch eine Chance, um zu zeigen, ob Crisse und Meglia wieder zueinander und zur Geschichte finden.

Cañari 1: Die goldenen Tränen
Splitter Verlag, November 2006
Text: Crisse
Zeichnungen und Farben:Carlos Meglia

48 Seiten, farbig, Hardcover; 12,80 Euro
ISBN: 3-939823-18-X

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Okko 1: Das Buch des Wassers

 Okko könnte der Titel eines der unzähligen Mangas sein, die nicht nur hierzulande, sondern auch bei unseren comicversessenen frankobelgischen Nachbarn einen hohen Grad an Beliebtheit besitzen. Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als ob die frankobelgischen Zeichner und Autoren stets ihr eigenes Ding machten, sich in den engen Grenzen ihrer ureigenen Schule verkrümelten und borniert ihre Verliebtheit in schöne Bilder pflegten. Doch entspricht das nicht der Wirklichkeit. So viel von der Comicszene auch geklagt werden mag über steigende Marktanteile fernöstlicher Comics, so zeigen viele der Künstler keinerlei Berührungsängste, im Gegenteil. Einflüsse des amerikanischen Underground wie auch der Superhelden-Comics wurden schon sehr früh und begierig aufgenommen und umgesetzt. Genauso ist es mit Stilelementen des Mangas. Bereits vor gut zehn Jahren gab es die ersten französischen Mangas auf dem Markt, und selbst anspruchsvolle, von der Kritik gefeierte Zeichner wie Baru (Autoroute du soleil) scheuen sich nicht, ihre Meisterwerke als Mangas zu bezeichnen.

Und so verwundert es nicht, dass HUB zu seinen Idolen neben dem altehrwürdigen Begründer des frankobelgischen Comics, Hergé, auch den japanischen Bildermagier Hayao Miyazaki zählt. Aber: Who is HUB? Hinter dem Namen verbirgt sich Humbert Chabuel, der seit vielen Jahren als Zeichner in verschiedenen Genres tätig ist, aber erst jetzt, mit der Serie Okko, sein Comicdebut präsentiert, das er nebenbei auch selbst getextet hat. Mit diesem Werk entführt er Leser und Betrachter nach Pajan, in ein fiktives, mittelalterliches Japan, in dem fantastische Dinge geschehen. Die Serie soll es in Frankreich dereinst auf fünf Abenteuer in Doppelalbenlänge, also zehn Einzelbände, bringen. Der Carlsen Verlag bringt die Abenteuer in fünf jeweils in sich abgeschlossenen Bänden, die zwei Originalalben enthalten. Bei einem Preis von 19,90 Euro spart man da zwar kein Geld, aber man spart sich das Warten auf den Abschluss eines Abenteuers.

Okko ist ein Ronin, also ein Schwertkämpfer, der sich für spezielle Aufträge anheuern und bezahlen lässt. Seine Spezialität ist die Dämonenjagd. Zu seiner Begleitung gehören der riesenhafte Noburo, der sein Gesicht hinter einer schrecklichen Maske verbirgt, und der Mönch Noshin, der die Kami, die Geister der Natur, beschwören kann, wenn er nicht zu besoffen dafür ist. Als der Fischerjunge Tikku ihn darum bittet, seine Schwester, die Geisha Kleiner Karpfen, die von Piraten entführt wurde, zu retten, lässt er sich auf eine eigentümliche Bezahlung ein: Für den Auftrag wird Tikku sein lebenslanger Diener.

Die kleine Schar kommt der Entführten mithilfe der Kami auf die Spur. Sie führt zunächst in das Casino einer verrufenen Hafenstadt. Doch Kleiner Karpfen ist nicht mehr in diesem Etablissement, nur noch die sterblichen Überreste ihrer Kolleginnen sind zu finden, an denen eine geheimnisvolle, riesenhafte „Kundin“ des Casinos ein Massaker verübt hat. Einem Hinweis folgend, schiffen sich die Gefährten zu einer weiteren Seereise ein, erleiden jedoch Schiffbruch und landen an den Gestaden einer unheimlichen Insel, die von dem Fürsten Satorro regiert wird, der die Schiffbrüchigen als Gäste aufnimmt. Eigenartig nur, dass das Geschlecht der Satorro schon vor Jahrhunderten ausgestorben ist, dass die Gastgeber Essig trinken und dass die Knechte kaum eines Wortes mächtig sind. Es stellt sich bald heraus, dass die Abenteurer dem Ziel ihrer Suche gefährlich nahe sind…

HUB erzählt ruhig und souverän einen stimmigen und spannenden Plot mit wohlgesetzten Höhepunkten, überzeugenden Dialogen und faszinierenden Figuren. Er lässt sich nicht zu unnützen Actionszenen hinreißen und verliert sich nicht in Nebensächlichkeiten und Details; er schmückt sein Werk mit Witz und Humor, ohne in Albereien abzudriften oder die Atmosphäre zu zerstören. Die Mischung aus Samurairomantik, Sword-and-Sorcery, Krimi und Geistergeschichte ist äußerst angenehm und ausgewogen. Brutal geht es manchmal zur Sache, ja, aber daraus werden keine Effekte gemacht, die Darstellung ist stilvoll und blendet elegant aus. In einem Panel wird die Klinge geschwungen, im nächsten schon liegt der Kopf auf dem Boden, eine saubere Sache.

Zu den bekannten Schwertkämpfen gesellen sich ein paar schöne, stimmungsvolle fantastische Schmankerl: Ein Bunraku, eine monströse Kampf-Marionette; die eigenwilligen Kami; magische Riesen und ein fliegendes Schloss. Alles aber schön unaufdringlich, geschmackvoll und dezent. Es entsteht ein angenehmer sense of wonder, der nicht auf Kosten der Geschichte geht. Sehr erfreulich.

Die Bilder besitzen ebenfalls die schon im Bezug auf die Handlung angesprochenen Tugenden Klugheit, Geschmack und Atmosphäre. In warmen Farben koloriert, weisen sie bei aller Dynamik eine Tiefe auf, die dem Auge und der Geschichte wohl tut. Die Gesichter der Figuren (wenn sie nicht von einer schrecklichen Maske verdeckt sind) weisen eine vielschichtige und dramatische Ausdrucksstärke auf. Allerdings reißen Dynamik und Dramatik einen hier nicht in einem Strudel aus Speedlines und Splashpanels dahin, sondern gehen mit einer eigentümlichen und eindringlichen Stille, mit einer Art Poesie vonstatten. Die Idole Hergé und Miyasaki sind insofern, wenn auch nicht vordergründig, durchaus in der tieferen Wirkung der Bilder heraus zu spüren.

Der Carlsen Verlag verzichtet zwar wie sein großer Kollege Ehapa weitgehend auf neues Material aus frankobelgischer Feder, es ist aber erfreulich, dass seine Auswahl bei den wenigen Titeln dann doch so wohl getroffen ist. Okko ist eine vorbildliche Entdeckung, die grafisch die Qualitäten des französischen Comics voll auslebt, dabei aber auch auf Plotebene makellose fantastische Unterhaltung bietet.

 

Okko 1: Das Buch des Wassers
Carlsen Verlag, Dezember 2006
Text und Zeichnungen: HUB
Farben: HUB & Stéphane Pelayo
96 Seiten; farbig; Softcover; 19,90 Euro
ISBN: 978-3-551-76795-0

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Bildquelle: comiccombo.de

Sandman: Ewige Nächte

sandman_cover.jpgNeil Gaiman ist wieder da. Genauer gesagt: Der Sandman ist es, alias Morpheus, Lord Dream oder der Herr der Träume. So genau trennen kann man das nicht. Obwohl der Sandman seinen Ursprung im Superhelden-Kosmos des Golden Age hat und obwohl Gaiman noch diverse andere Veröffentlichungen vorweisen kann, sind er und seine Figur nahezu untrennbar miteinander verbunden. Verwunderlich ist das nicht. Die Sandman-Serie sticht aus Gaimans Gesamtwerk allein wegen ihres bloßen Umfangs heraus. Hinzu kommt, dass Gaiman mit seiner eigenwilligen Neuinterpretation des Sandman mal eben einen Meilenstein der Comic-Literatur hingeworfen hat. Comics wie Die Bücher der Magie und Fables profitieren noch heute davon.

Nun bereitet Panini hierzulande den Neustart der Serie vor. In insgesamt vierzehn Bänden soll die Serie in den nächsten Jahren veröffentlicht werden. Der erste Band „Ewige Nächte“ ist im November 2006 erschienen. Er enthält sieben Kurzgeschichten, die paradoxerweise Gaimans letzte Arbeiten am Sandman-Universum darstellen. In den USA sind sie 2003 erschienen, lange nachdem die Serie bereits abgeschlossen war. So gesehen ergibt es einen Sinn, wenn Gaiman im Vorwort wissen lässt: „Diese Geschichten zu schreiben, war wie nach Hause zu kommen.“

sandman_venedig.jpgTaktisch ist es kein dummer Schachzug, mit „Ewige Nächte“ die Reihe der Veröffentlichungen zu beginnen. Das hat mehrere Gründe. Zunächst sind da die alten Leser, die die Serie bereits kennen. Sie freuen sich über brandneues Material, das bisher noch nicht auf Deutsch veröffentlicht wurde. Dann sind da die neuen Leser, denen ein guter Einstieg in die Serie geboten wird. Die sieben Kurzgeschichten präsentieren die sieben Ewigen, von denen der Namensgeber der Serie einer und eben der wichtigste ist. So lernen neue Leser auf unkomplizierte Weise das Sandman-Universum kennen, ohne Fragmente sammeln zu müssen, wie es stellenweise bei den älteren Geschichten der Fall war.

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Hinzu kommt aber noch ein anderer Punkt. Als Neil Gaiman mit dem Sandman Anfang der Neunziger loslegte, war er zwar schon ein begnadeter Geschichtenerzähler, aber er wollte noch viel Neues ausprobieren. Manchmal ging das schief. Mittlerweile dürfte er routinierter sein, sicher im Umgang mit Werkzeugen und Techniken. Das bekommt auch „Ewige Nächte“ zu spüren. Neil Gaiman ist voll da. Unterstützt wird er von sieben Zeichnern, die auf eindrucksvolle Weise die Persönlichkeiten der sieben Ewigen in Bildern umsetzen.

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Wie bei einer Sammlung von Kurzgeschichten nicht anders zu erwarten, gefallen einige mehr und andere weniger. Zu den Höhepunkten von „Ewige Nächte“ gehört sicherlich die erste Geschichte, „Tod in Venedig“, umgesetzt von P. Craig Russell. Auch die anderen Episoden sind großartig erzählt, wenngleich vielleicht mit etwas weniger Eleganz und Eindringlichkeit. Bewundernswert ist das ausgeglichene Verhältnis zwischen künstlerischem Anspruch und Mainstream-Comic, was ebenso die grafische wie die inhaltliche Arbeit betrifft. Davon könnten sich zahlreiche neuere Fantasy-Publikationen eine Scheibe abschneiden.


Wenn die Arbeit an „Ewige Nächte“ für Neil Gaiman war, wie nach Hause zu kommen, so bleibt zu hoffen, dass er sich mal wieder öfter beim alten Sandman blicken lässt. Gaiman werden Ambitionen nach Hollywood unterstellt, weil sich als Drehbuchautor mehr Geld verdienen lässt. Wünschen wir ihm dabei viel Glück. Den Sandman wird er eh nicht mehr los.

Sandman – Ewige Nächte
Panini, November 2006
Text: Neil Gaiman
Zeichnungen: diverse
164 Seiten, Softcover, farbig; 19,95 Euro
ISBN 3866072708

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Die Legende der Drachenritter 1

legende-drachenritter1.jpgAls eine der letzten Zuckungen des alten Splitter-Verlags erschien seinerzeit der erste Band der Serie Die Legende der Drachenritter. Dann war Ruhe. Jetzt gibt’s den Band wieder, dieses mal vom neuen Splitter-Verlag und dementsprechend in tadelloser Aufmachung und mit der wohlbegründeten Aussicht auf Fortsetzung. Vier weitere Bände sind bereits angekündigt, drei davon sollen sogar schon bis September 2007 auf dem Markt sein. Da können sich nun also nicht nur die freuen, die damals den Band 1 erstanden haben, sondern auch die Neueinsteiger.

Wir haben, was die Aufmachung angeht, wie immer ein sehr erfreuliches neues Splitter-Album vor uns. Autoren (zwei Stück, die zusammen unter dem Namen Ange auftreten) und Zeichner (Alberto Varanda) sind durch etliche Reihen in Deutschland hinreichend bekannt, zumal jüngst durch den ersten Band von Das verlorene Paradies, ebenfalls bei Splitter erschienen (unsere Rezension).

Die Legende der Drachenritter ist ein Mix aus Horror und Fantasy, und die Drachen darin sind nicht ganz so, wie man sie landläufig kennt. Sie tauchen urplötzlich irgendwo auf und sorgen im näheren Umkreis für das Entstehen von Edelsteinen und dem „Übel“, das sich allmählich über ganze Landstriche ausbreitet. Wer vom „Übel“ erfasst wird, verwandelt sich in ein hässliches, grausiges Monster, das alles zerfetzt, was ihm in den Weg kommt. Sich einem Drachen zu nähern ist nicht nur aufgrund des „Übels“ fast unmöglich, sondern auch weil er alle Lebewesen in seiner Nähe wittert. Das ist eine gute und mal etwas andere Konzeption des Themas Drache. Schön.

Aber jetzt kommt's: Nicht vom Fluch des „Übels“ betroffen und auch nicht von den Drachensinnen zu wittern sind einzig Jungfrauen. Diese Idee wiederum ist ziemlich alt, wir kennen sie aus christlicher Spätantike und Mittelalter: Wer eine Frau ist (und darum den Versuchungen des Irdischen besonders leicht erliegt, wohlgemerkt! s. Eva und die Schlange), die ihr ganzes Leben lang den Einflüsterungen der Fleischeslust widersteht, sich also nie mit so etwas Verwerflichem wie Geschlechtsverkehr beschmutzt, ist durch besondere Reinheit und besondere Kräfte ausgestattet. Sie genießt einen gewissen Schutz vor dem Bösen an sich (in diesem Falle natürlich der Reinkarnation des Bösen, dem Drachen). Alle anderen kopulierenden Schmutzfinken sind diesem Bösen schutzlos ausgeliefert. So ist das veraltete, haarsträubende und zum Glück seit der Aufklärung allmählich überholte Konzept.

Und dieses Konzept erhält nun Einzug in eine Welt voller Abziehbilder aus moderner Unterhaltungsware und Horrormärchen mit den üblichen Schurken, Monstern und vor allem Frauen, die mit riesigen Schwertern in aufreizender Rüstung durch die Gegend reiten. Es wird dabei, vollkommen unkommentiert und ohne Sinn, zur reinen Erzählzutat geschrumpft, wird so behandelt wie die magischen Amulette, Geburtsmale und Artefakte in anderen Fantasy-Geschichten. Das Verfahren, hochproblematische Sachverhalte absolut unreflektiert zum Plot- und Spannungselement von Thrillern und Abenteuergeschichten zu reduzieren, ist zwar durch die Beliebtheit und die Verkaufszahlen Dan Brownscher Meterware mittlerweile sanktioniert, deshalb aber im Grunde nicht weniger naiv, dumpf und mitunter sogar fahrlässig.

Wenn man über das alles etwas widerwillig hinwegsieht, funktioniert das Ganze dann aber soweit ganz gut, und man liest 48 Seiten spannenden Comic: Weil die interessanten Drachen nun mal eine altehrwürdige Schwäche gegenüber „intakten“ Frauen haben, nimmt es nicht Wunder, dass die Drachentöter dieser Fantasywelt allesamt weiblich, „intakt“ und in einem Ritterorden organisiert sind. Den jungen Mädchen, die dem Orden beitreten, wird erst mal eine Geschichtsstunde über die Helden- oder Missetaten ihrer Vorgänger erteilt, so zum Beispiel im ersten Band der Serie die Geschichte der Ordensritterin Jaina.

Jaina und ihre Knappin Ellys werden von den Priestern der Stadt gebeten, einen Drachen, der sich in den nahen Bergen eingenistet hat, zu töten, denn das „Übel“ droht, die Stadt zu erreichen. Vor sechs Monden ist bereits die Schwester Jainas, ebenfalls eine Ordensritterin, in die Berge gezogen, aber sie kehrte nicht zurück. Die beiden Jungfrauen machen sich auf eine gefährliche Reise durch vom „Übel“ betroffene Dörfer und Gegenden. Dabei erfahren sie nach und nach, dass die Priester keine reine Weste haben und was mit der verschollenen Schwester passiert ist. Das Finale in der Drachenhöhle ist dann auch deutlich anders als erwartet. Und wie war das noch mal mit der Jungfräulichkeit?

Die Drachentötermär liest sich durchaus spannend und unterhaltsam, die nach und nach enthüllten Geheimnisse lassen die Monsterjagd zu einem verzwickten Drama gedeihen. Selbst das Jungfrauenkonzept wird spannungsförderlich eingesetzt. Wenn die Priester und Wirtsleute frauenfeindliche Bemerkungen machen, könnte man fast meinen, dass das Thema sogar kritisch behandelt wird. Aber nein, es bleibt bei den üblichen unterhaltungsdienlichen Dialogen und Konstellationen. Francois Bourgeon oder Regis Loisel wäre hier auf Basis des Jungfernkonzepts vielleicht ein faszinierender Weltenentwurf mit all den Implikationen und Irritationen gelungen, die das Thema fordert. Bei dem Autorenduo Ange bleibt es aber bei einer unterhaltsamen Fantasymär.

Die Handlung muss nun jedoch auch nicht überbewertet werden, denn sie dient zu einem erheblichen Teil auch der Entfaltung grafischer Effekte. Und diese sind ausnahmslos gelungen. Gleich die erste Doppelseite bietet ein opulentes Panorama einer Fantasiestadt. Einfallsreiche Seitenlayouts stellen Träume, Monstermetzeleien und Actionsequenzen perspektivenreich und spannungsvoll dar, wobei gerade die Monster besondere gestalterische Zuwendung erfahren und das eine oder andere Splatterelement nicht ausgeblendet wird. Sense of wonder satt auf jeder Seite, um es mal ganz neudeutsch auszudrücken.

Vor allem die jungfräuliche Knappin ist ein „Hingucker“ mit reichlich entblößten Schenkeln, quellendem Busen und eher spärlicher Bekleidung. Man bekommt nicht den Eindruck, dass sie sich sexueller Lust enthält. Und die „Rüstung“, die sich Jaina zum Endkampf anlegen lässt, besteht aus einem Lendenschurz und einer fantastischen Armschiene, die gerade mal noch Teile ihrer linken Brust bedeckt. Der Rest ihres Körpers ist so unbedeckt, wie er unberührt ist. Wenn das einen Sinn haben soll außer dem, dem Leser einen schönen Anblick zu bieten, dann ist er – zumindest für mich – nicht zu erkennen. Darum hilft eben nur eines: An den entscheidenden Stellen das Hirn ausschalten und mit offenen Augen drauflos genießen.

Die Legende der Drachenritter 1: Jaina
Splitter-Verlag, Januar 2007
Text: Ange
Zeichnungen: Alberto Varanda
Farben: Delphine Rieu
48 Seiten, farbig, Hardcover; 12,80 Euro
ISBN: 978-3-939823-33-9

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Bildquelle: Comiccombo.de

The Red Star 1

Nach dem ersten Versuch von mg Publishing vor ein paar Jahren gibt nun also Cross Cult dieser Serie eine zweite Chance auf dem deutschsprachigen Markt.


Update 06.03.2007: 2. Besprechung (von Christopher)

The Red Star 1Frauke:
Au Backe, was für ein Ziegelstein! Selten habe ich so einen massiven Comicband vor mir gehabt. In gewohnt guter Cross-Cult-Manier mit Hardcover und edlem Papier, aber nicht in handlichem DIN A5, sondern in gefühltem DIN A2 (dabei hat er in Wirklichkeit etwa DIN A4-Format) liegt einem der Klops schwer in der Hand. Genauso mächtig, wie er von außen daherkommt, so stark und kraftvoll ist der grafische Inhalt. Erzählerisch wird sie nicht jedem zusagen, die Geschichte eines Krieges, eines stark an die Sowjetunion angelehnt sozialistischen Staates und seiner Soldaten. Zu abstrus scheint einem Historie verwoben zu sein mit Zauberei, futuristischen Kriegsluftschiffen und pathetisch verblendeter Aufgabe der Individualität. Müsste man diesen Band auf ein Wort reduzieren, trifft es trotzdem dieses am besten: opulent.

Wie Autor und Zeichner Christian Gossett bereits in seinem Vorwort festhält, geht es ihm in The Red Star um einen „Prolog zu einem Märchen, inspiriert von der Geschichte Russlands.“ In den im Band enthaltenen Interview meint er: „Wir betonen nicht, welche Aspekte unserer Handlung metaphorisch sind und welche historisch fundiert. [… ] Was auf den Seiten als Methapher dargestellt wird, ist ein Abbild eines historischen Ereignisses.“

Seite aus The Red Star 1 Hauptfigur ist anfangs die Kriegszauberin Maya, die einem Kriegsveteranen auf der Fahrt zu dem Grab ihres Mannes von der Schlacht vor „Kar Dathras Tor“ erzählt, in der sie ihn vor neun Jahren verlor. Sie war mit vielen anderen auf einem riesigen Kriegsluftschiff, einem so genannten „Brüter“, stationiert und hatte die Aufgabe, durch gezielte Angriffe feindliche Luftschiffe zu zerstören. Ihr Mann Markus Antares kämpfte als Kapitän der Infanterie am Boden gegen die aufständischen Nistaani-Krieger, die „Kar Dathras Tor“ als ihre Heiligste Stätte empfanden und so mit einem verzweifelten Mut das gigantische Herr der VRRS (Vereinigte Republiken des Roten Sterns) in der Wüste von Al'Istaan bekämpften. Dieses sieht sich von Anfang an als Sieger der Schlacht – bis Kar Dathra selbst erscheint. Ein mächtiger Zauberer, der das Volk der Nistaani beschützt und vom Zentralkommando der VRRS als „religöser Aberglaube“ abgetan wurde. Maya kommentiert dies so: „Wir hatten alles in die Waagschale geworfen. Wir waren nur Augenblicke vom Sieg entfernt, doch als Kar Dathra selbst vor uns erschien, wurde uns klar, dass es diesen Moment nie geben würde.“

Das folgende Inferno tötet die meisten der Soldaten. Maya überlebt, aber nur, weil sie von einer Kameradin bewusstlos geschlagen wurde, bevor sie sich in das Menschengetümmel stürzen kann, um Markus zu suchen – mit der verzweifelten Bereitschaft, dafür auch zu sterben.
Ab dieser Stelle verabschiedet man sich von Mayas Erzählung, um zu erfahren, was mit ihrem Mann in der Schlacht tatsächlich passiert ist …

Seite aus The Red Star 1The Red Star ist schwer einzuordnen. Grafisch ein absoluter Hochgenuss – direkt auf dem Bleistift kolorierte Figuren werden per Photoshop in Seiten eingefügt, die mittels 3D-Programm entstanden sind und unter anderem futuristische Kriegsgerätschaften und Landschaften zeigen. Die Farben sind umwerfend und vermitteln an manchen Stellen einen beeindruckend realistischen Touch. Und irgendwann ist einem die Geschichte gar nicht mehr so wichtig, so präsent. Man liest zwar mit, blättert aber insgeheim einfach nur die Seiten um, um zu sehen, was den Augen als nächstes geboten wird. Ist dann die Achterbahnfahrt zu Ende, überlegt man sich vielleicht doch mal, um was es ging. Und ob es einem gefallen hat. Mit etwas Abstand kann ich nun sagen, dass ich die Geschichte dieses Krieges als recht abstrus und die Erzählweise mitunter zu verworren empfand. Auch gefällt mir die transportierte Botschaft nicht. Maya ist zwar durchaus kritisch in ihren Gedanken. So sagt sie zu Beginn ihrer Erzählung „Keiner von uns wagte auszusprechen, wie sinnlos unsere Aufgabe war.“ Mittendrin meint sie: „Alle Führer dieser Welt … sie sind Lügner, allesamt! Unbedeutende Herren mit unbedeutenden Plänen.“ Trotz allem entscheidet sie sich, als sie am Ende dieses Bandes von der Unabhängigkeitserklärung der Gebirgsprovinz Nokgorka hört, nach einem langem Monolog – in der ihre innere Zerrissenheit dargestellt wird – für den überzeugten Einsatz im nächsten Krieg. „Findet eine Armee keine Wahrheit, oder zumindest Hoffnung, in der Propaganda ihres Landes … so wird sie vernichtet werden. Diese Wahrnehmung muss erzwungen werden. […] Mich wird keine Schwäche verzehren. Mich wird keine Angst lähmen. Wenn ich in Nokgorka sterben soll, so soll es sein.“
Der Pathos wird also groß geschrieben, das Konsequenzen ziehen aus den kritischen Gedanken nicht. Was mit denen passiert, die es doch wagen (oder aber auch gar nichts Unrechtes getan haben), sieht man im Epilog. Dort erzählt einer der Insassen des Sonderarbeitslagers SNK5184, einer Eishölle, dass man ihn als politischen Verbrecher gegen den Staat vor acht Jahren festgenommen habe und er bis heute nicht wüsste, was er Verbotenes getan haben soll.

Im Interview meint Christian Gossett zu „unserer“ Sicht: „Wir hier im Westen neigen zur Bemerkung, 'diese armen Russen hatten unter den despotischen Kommunisten zu leiden', doch wir begreifen nicht, dass diese selbstgerechten Mitleidsbekundungen uns nur dazu bringen, unsere eigenen patriotischen Fußfesseln nicht zu bemerken. Mayas Loyalität, die sie ihre Individualität kostet – für dieses Prinzip sind wir Menschen allesamt anfällig. Nach dem Fall der Sowjetunion ist es nunmehr unsere eigene hurrapatriotische Verblendung, die wir bemitleiden sollten. Wir hoffen, dass wir die Leser durch das Ergründen dieser Themen so aufscheuchen, dass die historische Lektion profund wird.“

So sehr sich Gossett mit der Historie auseinandergesetzt und sich seine eigenen Gedanken dazu gemacht hat, so wenig mag mich bis jetzt The Red Star in den Ansprüchen, die er in dieser Hinsicht an seinen Stoff hat, überzeugen. Unreflektiert wird einfach nur erzählt; sich auf die Seite der Soldaten gestellt, ohne ihnen wirklich nahe zu kommen. Trotz allem kann ich diesen Comic aber nur empfehlen. Zu wuchtig die Aufmachung, zu beeindruckend die Bilder, zu bedacht die Übersetzung und zu liebevoll die Zusammenstellung des Bandes mit sehr vielen Extraseiten wie Glossar, Skizzen, Entwürfen, Vorwort von Brian Michael Bendis, Interviews und Literatur, als dass man beim Kauf irgendwas falsch machen könnte. Einzig negativ aufgefallen ist ein doppelseitiger Zeitungsauschnitt, da ein kleiner Teil des Textes nicht lesbar ist durch die Bindung. Der zweite Band ist für August 2007 angekündigt, vielleicht wird mir dann die Richtung klarer, in die der Autor uns führen will.

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Christopher:
The Red Star 1Wie man weiß, ist der Kalte Krieg vorbei. Mit dem Ende der UdSSR zerfiel ein Großreich, das über ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke der Welt mitbestimmte. Solch ein Zusammenbruch kann nicht ohne Folgen bleiben. Auf künstlerischer Ebene darf man The Red Star als eine dieser Folgen betrachten, als ästhetische Auseinandersetzung mit der UdSSR und ihrem Untergang. Ein historischer Comic ist The Red Star jedoch nicht. Vielmehr spielen die Autoren mit Historie und Fantasie. Es bleibt dem Leser überlassen, wie er die Einzelteile deutet und zusammensetzt.

Statt der UdSSR begegnet man in The Red Star den VRRS, den Vereinigten Republiken des Roten Sterns. Das Großreich liegt in seinen letzten Zügen. Die Provinz Al'Istaan hat die Gunst der Stunde genutzt und sich für unabhängig erklärt. Doch noch hat die VRRS genug Kraft, um zurückzuschlagen. Der Ausreißer soll zurück ins Glied geprügelt werden. So macht sich eine gigantische Armada von futuristischen Luftschiffen (so genannten „Wolkenbrütern“) auf, um dem aufsässigen Bergvolk klar zu machen, wer in der Republik das Sagen hat. In einem engen Tal kommt es schließlich zur entscheidenden Schlacht.

Beschrieben wird das Kriegsspektakel von der Magierin Maya Antares. Sie sitzt in einer Schwebebahn und unterhält sich mit dem Veteranen Vanya über die Schlacht vor Kar Dathras Tor, die inzwischen neun Jahre zurückliegt. In einem Rückblick erfährt der Leser von dem Angriff des Flagschiffs RSS Konstantinov, zu dessen Besatzung Maya damals gehörte. Die Isolatoren-Kammern feuerten Energiestrahlen, danach schoss aus den Kielbrütern ein Inferno auf den Feind. Zu diesem Zeitpunkt sah es so aus, als wären die Separatisten besiegt und als hätten die Vereinigten Republiken noch einmal ihren Herrschaftsanspruch durchgesetzt. Doch es sollte anders kommen. Der Hohepriester Kar Dathra der Ewige erhob sich und holte zu einem vernichtenden Gegenschlag aus.

Während Maya in einem Wolkenbrüter das Spektakel erlebte, kämpfte ihr Ehemann Markus als Kapitän einer Infanterie-Einheit am Boden. Er gilt seitdem als tot, gefallen in der Schlacht. Seine Leiche wurde jedoch niemals gefunden. Möglich, dass ihm etwas anderes widerfahren ist, etwas Übernatürliches. Mit der Schwebebahn fährt Maya am Jahrestag der Schlacht zu einem Soldatenfriedhof, um ihrem Ehemann zu gedenken.

Seite aus The Red Star 1 Die Geschichte, die Christian Gossett und sein Team dem Leser erzählen, präsentiert sich in einer fabelhaften Mischung aus 2D-Zeichnungen und 3D-Computerkunst. Nicht nur die bildgewaltigen Wolkenbrüter, auch Panzer, Flammen und das Innere der Schwebebahn fügen sich wunderbar mit den Zeichnungen zusammen, ohne dass ein Bruch entsteht. Mit ein Grund dafür ist sicherlich die Ausgewogenheit der beiden Techniken und die gelungene Gesamtkolorierung. Cross Cult veröffentlicht den ersten Teil von The Red Star in einem dicken Band, im Format irgendwo zwischen amerikanischem Heft und franko-belgischem Album angesiedelt. Zu den ersten vier Kapiteln der Geschichte gesellt sich der One-Shot „A Worker's Tale“ sowie eine Menge Zusatzmaterial (Lexikon, Skizzengalerie, Interviews).

Pompös in der Form, pompös im Inhalt. The Red Star ist als Saga geplant, als opulente Geschichte, die Größe will und Größe sucht. In den Bildern, in der Sprache und in der Thematik schlägt sich dieses Vorhaben nieder. Im Prinzip lässt sich der Inhalt von The Red Star reduzieren auf das schwierige Verhältnis zwischen Mensch und System. Maya Antares steht als einzelne Person einem Staats- und Gesellschaftssystem gegenüber, dem sie nur noch bedingt loyal gesonnen ist. Sie ist tief im Inneren zerrissen. Auf der einen Seite ist sie von Herzen Patriotin, auf der anderen Seite hat das System ihrem Mann den Tod gebracht. Hätte man Al'Istaan nicht auch einfach friedlich aus dem Staatenbund entlassen können? Ihr Ehemann würde dann sicherlich noch leben.

Noch ist The Red Star nicht abgeschlossen. Mayas Entscheidung steht noch aus, ebenso das Schicksal der Vereinigten Republiken. Im August 2007 kommt der zweite Band „Nokgorka“ heraus. Dann erst lässt sich wirklich sagen, worauf die Geschichte mit ihren großen Gesten abhebt. Soviel ist jedoch jetzt schon klar: Die Autoren haben neben künstlerischen Ambitionen ein politisches Sendebewusstsein, mit dem sie westliches Lesepublikum erreichen wollen. Insofern ist The Red Star nicht nur eine Auseinandersetzung mit der untergegangenen UdSSR, sondern auch mit der danach allein zurückgebliebenen USA. Und ein Kommentar zur Weltordnung nach dem Kalten Krieg. Christian Gossett formuliert seine These so: „Die größte Ironie des 20. Jahrhunderts ist, dass sich die USA durch das Überdauern der Sowjetunion nicht etwa von irgendeinem Kampf befreit hätten, sondern nur ihre eigene tyrannische Natur offenbart haben.“ Es scheint fast so, als hätte da ein amerikanischer Comiczeichner starke Gefühle für die untergegangene Sowjetunion entwickelt, was ihn dazu bringt, Kritik am eigenen Land zu üben. Diese politische Intention ist momentan natürlich in bestimmten Kreisen schwer angesagt. Aber nicht vergessen: Abseits dieser großen, ausufernden Themen kann The Red Star auch einfach nur als Action-Comic gelesen werden.

The Red Star 1 – Die Schlacht vor Kar Dathras Tor
Cross Cult, Januar 2007
Text: Christian Gossett, Bradley Kayl
Zeichnungen: Christian Gossett, A.D. Coulter
Farben: Snakebite
168 Seiten, Hardcover, farbig; 26,- Euro
ISBN: 3936480494

Leseprobe auf Cross Cult
Special auf Splashcomics (Interviews, weitere Bilder, Gewinnspiel)

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Bildquellen: Cover ComicCombo.de, Seiten aus der Leseprobe bei cross-cult.de

Der Dieb der Zeit

dieb_coverWer kennt Alice im Wunderland nicht? Kleines Kind stolpert in Traumreich und erlebt Abenteuer. Seit Lewis Carroll wurde dieses Thema vielfach kopiert und variiert. Der kürzlich bei Ehapa erschienene Band Der Dieb der Zeit ist im Prinzip darauf zurückzuführen. Die dazugehörige Pressemitteilung möchte der Geschichte zwar gerne nachsagen, dass sie das Fantasy-Genre revolutioniere, aber das ist eindeutig zu hoch gegriffen. Dennoch: Der Dieb der Zeit ist keine langweilige Kopie, sondern eine interessante Variation eines altbekannten Themas. Und irgendwie hat schließlich alles seine Vorgänger.

Anstelle von Alice begegnet dem Leser der zehnjährigen Harvey Swick. Er steht nicht vor einem Kaninchenbau, sondern vor einer Mauer. Den Weg hierher hat ihm der ominöse Rictus gezeigt, ein hagerer Kerl mit Zwicker, Taschenuhr und Zylinder. Er sagt, dass hinter der Mauer ein Paradies für Kinder läge, in dem alle Wünsche wahr werden und jeder Tag ein Fest sei. Als Ausweg aus seinem langweiligen Leben kommt Harvey diese Gelegenheit sehr recht.

dieb_rictus Harvey macht einen Schritt nach vorne, dringt durch die Mauer und findet sich in einem Traumreich wieder. Was er sieht, entspringt allerdings nicht seiner eigenen Phantasie, sondern der eines anderen. Mister Hood ist der Erbauer und hat hier ein Ferienhaus allererster Güte errichtet. Nachdem Harvey die beiden Kinder Lulu und Wendell und die Köchin Mrs. Griffin kennen gelernt hat, merkt er schnell, dass mit dem Traumreich etwas nicht in Ordnung ist. Was bei Alice die Spiegelung ihres Innenlebens und Unterbewusstseins war, wird bei Der Dieb der Zeit zu einem Instrument des Bösen. Alles ist Blendwerk. Mister Hood und sein Monster-Quartett Rictus, Jive, Marr und Carna verfolgen finstere Pläne, denen seit Jahrhunderten ahnungslose Kinder zum Opfer fallen. Harvey will daran etwas ändern.

dieb_carnasVielleicht liegt hier der größte Schwachpunkt der Geschichte. Was als wunderbare reflexive Spiegelung beginnt, endet schließlich in einem schnöden Kampf Gut gegen Böse. Harvey streitet gegen Hood, und wir ahnen schon, wer gewinnen wird. Nicht, dass das keinen Spaß machen würde, aber ein wenig flach kommt es einem trotzdem vor. Ein weiterer Schwachpunkt liegt in der Feinarbeit bei der Gestaltung des Plots. Die Geschichte läuft rund, aber vielleicht ein wenig zu glatt. Liebevolle Einzelheiten wie die blaue Katze oder Carnas Reißzähne gibt es zwar, doch sie werden nicht als Träger der Handlung verwendet. Die Details sind austauschbar, nur Kolorit, kein essentieller Bestandteil der Geschichte. 

 

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Die Folge ist eine gewisse Distanz zwischen Leser und Geschichte. Das ist schade und hätte nicht sein müssen, zumal die grafische Umsetzung von Gabriel Hernandez so exzellent ist, dass ein entsprechender Inhalt dazu gepasst hätte. So hat die Geschichte von Clive Barker ihre Stärken und Schwächen. Irgendwie lesenswert, aber nicht unbedingt empfehlenswert.

Wer sich selber einen Eindruck machen will: auf der Verlagsseite wurde eine Leseprobe (PDF) zur Verfügung gestellt.

 

Der Dieb der Zeit
Ehapa Comic Collection, Januar 2007
Text: Clive Barker
Zeichnungen: Gabriel Hernandez

176 Seiten, Hardcover, farbig; 19,- Euro
ISBN 3770430581

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Comicmovie Datenbank: Moebius Redux

moebiusredux_teaserEine ungewöhnliche neue Besprechung in unserer Comicmovie Datenbank:
Regisseur Hasko Baumann drehte einen Dokumentarfilm über den Comicpionier Jean Giraud, vermutlich besser bekannt unter seinem Künstlerpseudonym Moebius. Mit Werken wie Leutnant Blueberry und John Difool sowie als Mitgründer der Zeitschrift „Métal Hurlant“ prägte er das europäische Comicgeschehen entscheidend.
Am 30. Januar wurde der Film „Moebius Redux – A Life In Pictures“ als nichtöffentliche Vorbesichtigung in Berlin gezeigt. Dieses Ereignis haben wir uns nicht entgehen lassen und berichten in der CMDB über diese besondere Dokumentation.