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Didi & Stulle 6: Der Plan des Gott

 Kurt Krömer? Hat bis auf die Erfindung des Wortes Kackbratze noch nicht viel gerissen. Olli Dittrich? Ja ja, ganz toll und intelligent und so, aber wenn wir ganz ehrlich sind, auch ein bisschen langweilig. Mario Barth? Ach, hör mir auf mit. Nein, das größte komödiantische Talent, das dieses Land, achwasredich, diese Galaxie vorzuweisen hat, hockt in Berlin, hört auf den schönen Namen Fil und ist einigen wenigen Glücklichen durch seine in Berlin weltbekannte Fil-und-Sharkey-Show, Provinzlern wie mir durch seine Didi-&-Stulle-Comics bekannt. 

In der zweiwöchentlich im Berliner Stadtmagazin Zitty und seit 1998 auch im Reprodukt-Verlag erscheinenden Reihe über die Abenteuer der beiden Freunde Andreas Stullkowski und Dieter Kolenda begegnen einem schon mal Gott (Stulles Vater), der Teufel, seine Sekretärin, schrumpelbepeniste Sozialarbeiter, David Bowie oder Johnny Jeunesse und die Jugendlichkeitsliga , und das Ganze nicht selten innerhalb weniger Seiten. Was auf den ersten Blick wie ein Comic der Marke „höhö, die blöden Prolos“ in bester Tom-Gerhardt-Tradition erscheint, ist in Wahrheit nämlich nicht nur ein Stück ganz feiner Beobachtung Berliner Alltags, sondern auch immer ein kleines Meisterwerk gekonnter Abschweifung. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass Fil sich im stillen Kämmerlein zurückzieht, um dort die Geschichte akribisch durchzuplanen, es kann ihn eigentlich gar nichts anderes leiten als der Wahnsinn seiner Figuren und die Aufmerksamkeitsspanne eines MTV-Junkies, wenn er in seinen Storys  von Christian-Ziege-Vodoopuppen über Selbsthilfeseminare mit dem Rainer direkt in die Hölle kommt, wenn Didi & Stulle sich mitten in der Story in seitenlangen Gesprächen über die jeweilige sexuelle Orientierung des anderen auslassen, wenn Stulle zusammenhangslos die Geschichte von Jesus Kent (a.k.a. Jesus) erzählt und irgendein Hintergrundgag plötzlich wichtiger ist als der im Vordergrund. Didi und Stulle ist wohl das, was herausgekommen wäre, wenn Woody Allen und Helge Schneider in eine WG in Berlin gezogen wären und dort beschlossen hätten, ab jetzt Drehbücher für Ren und Stimpy zu schreiben. Wahrscheinlich ist es sogar besser als das.
 

Auch der neue Didi-&-Stulle-Band gibt uns wieder Fil auf der Höhe seines Könnens: Nach dem etwas schwächeren fünften Band Die Galgenvögel von St. Tropez strotzt der Neue wieder nur so von absurdesten Irrungen und Wirrungen, auf die so wohl kein anderer Künstler gekommen wäre. Zum Beweis eine kleine Zusammenfassung des Inhalts: Nach einer durchzechten Nacht mit Peter Struck müssen Didi und Stulle mit Entsetzen feststellen, dass sie von ihm klassisch shanghait wurden und nun in einem Flugzeug über dem Irak auf ihren Absprung warten. Beim Absprung folgt ein seitenlanges Streitgespräch, in dem Didi behauptet, Strucki sei sein bester Freund und nicht Stulle (Zitat Didi: „du weest dit strucki kickboxing masta is… ick war jahrelang mit ihn im verein und er war der einzje der ma umhaun konnte“…), was dieser nicht auf sich sitzen lassen kann. Er ruft seinen Freund Old Gott, der Didi beweisen soll, dass er in Wirklichkeit  sein bester Freund ist und nicht Strucki. Dieser ist allerdings wenig beeindruckt und verpasst dem lieben Gott erstmal eine. Daraufhin bittet Stulle Gott um Gnade („Oh Gott bitte zürne Didi nich! Er wusste nich watta tut“), doch dieser hat etwas anderes im Sinn: Er will Didi eine Lektion erteilen, die er nicht mehr vergisst, und ignoriert dabei, dass Didi eigentlich gar kein „klassischer Lektionenlerner“ ist…

An dieser Stelle breche ich das kleine Resümée ab, denn ich möchte niemandem die Überraschung verderben, wenn plötzlich Tomte hörende Saddam-Doppelgänger, identitätssuchende Hintergrundfiguren und Menschen mit gepunkteter Haut (weil das so schön zu Frau Stullkowskis Vorhängen passt) auftauchen. Es sei nur jedem, der mal irgendwo anders als bei Ausbilder Schmidt oder Bernd Stelter gelacht hat, gesagt, dass er sich bitte diesen verfluchten Comic holen soll, am besten drei-, wenn nicht sogar vierfach. Und wenn das nicht geht, dann könnt ihr ja, so wie ich, anfangen, Geld zu sparen für den nächsten Berlin-Trip zur Fil-und-Sharkey-Show …

Didi & Stulle 6: Der Plan des Gott
Reprodukt, November 2006
Text und Zeichnungen: Fil
48 Seiten, Softcover, farbig; 7,- Euro
ISBN 978-3-938511-64-0

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Bildquelle: www.reprodukt.com

Universal War One 1 und 2

uwone1Es ging Schlag auf Schlag mit der neuen Science-Fiction-Serie Universal War One von Splitter. Im Dezember kam der erste Band, im Januar nun schneit uns schon der zweite Band ins Haus. Und zu verdanken haben wir das einer Reihe von Problemen beim Verlag. Der für November angekündigte Band 1 wurde nämlich wegen eines Fehldrucks um einen Monat verschoben. Und der Band 2 wurde um einen Monat vorgezogen, weil der neue Band der Serie Marlysa noch nicht ausgeliefert werden konnte.
Unser einem soll’s recht sein, denn Universal War One entpuppt sich als mitreißende SF-Unterhaltung auf hohem Niveau, die Vergleiche mit der neuen Battlestar Galactica TV-Serie zulässt. Effektvolle Cliffhanger am Ende der Bände entfachen jeweils die Gier nach der Fortsetzung.

Wir schreiben die Zukunft: zwei Mächte beherrschen unser Sonnensystem, zum einen die Vereinigte Erde und zum anderen die ICC, die Industrial Colonies of Colonisation auf den Monden der äußeren Planeten. Da erscheint plötzlich „die Mauer“ zwischen Saturn und Jupiter, eine lichtlose Barriere, die der Erde Sorgen bereitet. Sonden, die die Mauer durchdringen, kommen nicht zurück. Die Mauer bleibt ein Rätsel und – so vermutet man – eine Bedrohung.

Mitglieder der Schwadron „Purgatory“ der United Earth Forces schießen eine Sonde durch die Mauer, die mit einem Kabel zurückgeholt werden soll. Zwar scheitert auch dieser Versuch, doch anhand der Computeraufzeichnungen über den Verlauf der Aktion kann der geniale Physiker Kalish einige Eigenschaften des Phänomens erhellen und eine Methode entwickeln, wie man sie unbeschadet durchdringen kann. Es stellt sich heraus, dass die Mauer gekrümmt ist und ihren Ursprung auf einem Uranusmond, dem Oberon, hat, also im Gebiet der ICC. Da Kalish zur Schwadron „Purgatory“ gehört, schenkt man seinen Entdeckungen allerdings zunächst nicht die nötige Beachtung. Denn diese „Fegefeuer“-Schwadron ist ein Haufen unzuverlässiger, undisziplinierter Männer und Frauen. „Purgatory“ wurde ins Leben gerufen, um den schwarzen Schafen der Flotte, die andernfalls vor dem Kriegsgericht stehen würden, eine Möglichkeit zur Bewährung zu geben.

Die Mitglieder dieser Schwadron sind die Hauptpersonen dieses Comics und sein großer Trumpf: einer ist ein hoffnungsloser Feigling, der andere ein verantwortungsloser Heißsporn, der durch seinen Wagemut ganze Missionen (und Menschenleben) gefährdet. Wieder ein anderer ist als Vergewaltiger bekannt, während der vierte (der Physiker!) zu exzessiven Schlägereien neigt. Amina ist in der Schwadron, weil sie einen Typen, der ihr zu nahe gekommen war, entmannt hat. Ein schönes Grüppchen liebreizender Individualisten also. Angeführt und im Zaum gehalten wird die Schwadron von Captain June Williamson, die ihrerseits diese Ehre durch Befehlsverweigerung aufgrund einer Gewissensentscheidung verdient hat. Nur Williamsons Assistentin hat scheinbar keinen Dreck am Stecken. Dafür ist sie die Tochter des Admirals, was Probleme genug mit sich bringt.

Wie schon gesagt, die allmähliche Charakterisierung dieser Figuren und ihre Interaktion machen den Hauptreiz der Serie aus. Doch ist deshalb die Story noch lange nicht uninteressant, im Gegenteil. Diverse Amokläufe verschiedener Mitglieder der besagten Schwadron führen schnell zu einer Zuspitzung der Situation, und Williamson entscheidet, die einzelnen Verbrechen der Mitglieder in der Gruppe bekannt zu machen. Nun weiß jeder vom anderen, weshalb er in der Fegefeuer-Schwadron ist.

Doch beendet das die Disziplinlosigkeiten leider nicht, im Gegenteil. Nachdem Kalishs Theorien letztlich doch Gehör fanden und alle Vorbereitungen zu einer geordneten Exkursion ins Jenseits der Mauer getroffen sind, brennen dem Heißsporn die Sicherungen durch und es kommt zu einer spontanen Chaosfahrt durch die Öffnung in der Mauer: die Schwadron ist voll im Einsatz.

 

uwone2 Hier endet der erste Band, und der angefixte Leser hat keine Ahnung, was sich hinter der Mauer zuträgt. Um das herauszufinden, muss er den zweiten Band lesen, in dem das Innere der Mauer erforscht wird und wo es zu ersten Kriegshandlungen gegen einen geheimnisvollen und übermächtigen Feind kommt. Die Schwadron wird dabei in ihrer Disziplinlosigkeit immer selbstbewusster und für die Admiralität unentbehrlicher, hat aber leider auch erste Opfer in diesem mysteriösen Krieg zu beklagen.

Es hat keinen Sinn, viel über den Inhalt des zweiten Bandes zu sagen, da man dabei unweigerlich spoilern müsste. Es muss reichen, zu sagen, dass die Stärken des ersten Bandes, der spannende, allmähliche Handlungsaufbau, der interessante Konflikt und vor allem die Interaktion der Figuren, im zweiten Band noch gesteigert und verdichtet zu Tage treten.

Es gibt meines Wissens derzeit kaum etwas Vergleichbares auf dem Schnittmengengebiet frankobelgischer Comic und Science Fiction. Universal War One ist klassische Space Opera mit einer deutlichen, aber gut verträglichen Military-Note und kommt ohne fantastische Zutaten aus (wenn auch nicht ohne pseudowissenschaftliche Theorien, die zum Funktionieren der Mauer und dergleichen freilich notwendig sind). Vergleiche mit der neuen TV-Version von Battlestar Galactica sind von daher (und auch, was die Figurenzeichnung angeht) gar nicht sonderlich abwegig.

Die Atmosphäre ist militärisch düster und rau, die Personen sind markant, manchmal etwas grob gezeichnet und allesamt keine Strahlemänner und -frauen. Das Layout ist klug und interessant, wie im allgemeinen die Zeichnungen auch keine Wünsche offen lassen. Und ganz großartig sind die „Außenaufnahmen“; ein Augenschmaus, wenn sich Raumschiffe vor dem Saturn tummeln und Monde kreuzen. Optischer Höhepunkt – einer von vielen – ist, wenn eine gigantische Explosion ein Loch in den Saturnring reißt. Da kann man sich ordentlich satt sehen!

 

Also: Wer keine Berührungsängste mit Science-Fiction hat, der bekommt hier einwandfreie Unterhaltung geboten, bei der alles stimmt: Story, Grafik und Figuren, alles mindestens tipptopp. Wohin sich die Dosis Military-SF entwickeln wird, ist noch nicht abzusehen (es sollen noch vier Bände folgen). Ob es ein so eindringliches, wichtiges und kritisches Werk wird wie die Adaption von Joe Haldemanns Roman „Der ewige Krieg“ von Marvano (drei Bände, 1991-1992 bei Carlsen erschienen) oder ob es bei Heldentum, Unterhaltung und Weltraumschlachten bleibt, das wird letztendlich über die Qualität des „Gehalts“ dieser Serie entscheiden müssen. Über den „Inhalt“ aber kann man alles andere als meckern.

Und Band 3 soll erst im Juni erscheinen? Na hoffentlich wird da wieder etwas umgestellt, damit das Warten nicht so lang wird! Wie wär’s mit Februar?

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Universal War One 1: Genesis
Splitter Verlag, Dezember 2006
Text, Zeichnungen und Farben: Bajram

48 Seiten, farbig, Hardcover; 12,80 Euro
ISBN: 978-3-939823-12-4

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Universal War One 2: Die Frucht der Erkenntnis
Splitter Verlag, Januar 2007
Text, Zeichnungen und Farben: Bajram

48 Seiten, farbig, Hardcover; 12,80 Euro
ISBN: 978-3-939823-13-1

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Bildquelle: comiccombo.de

Fables – Legenden im Exil

fablesMit Fables bringt Panini die erste neue VERTIGO-Serie heraus, seitdem sie die exklusiven Lizenzrechte für Deutschland des Unterverlags von DC besitzen.
Diese Wahl kommt nicht von ungefähr – Fables ist eine der meistgelobten US-Serien der letzten Jahre und mit fünf Eisner-Awards gesegnet.

Christopher und Frauke unterhalten sich über den 1. Band, „Legenden im Exil“.

Dem Titel kann man es schon entnehmen: Märchenfiguren spielen die Hauptrolle. Allerdings werden keine alten Kamellen nacherzählt, sondern von den Sorgen und Nöten von allseits bekannten Figuren wie Schneeweißchen und Rosenrot oder dem bösen Wolf im heutigen New York berichtet. Dorthin mussten sie nämlich fliehen, als ihre Welt von einer bösen Macht nach und nach zerstört wurde. Durch eine Generalamnestie starten alle am Punkt Null. Alte Feindschaften werden ignoriert, jetzt geht es nur noch um das Überleben.

So stellt der böse Wolf (“Bigby“) den Ordnungshüter der Gemeinschaft, während Schneeweißchen (auf Englisch und damit im Comic „Snow White“) die 2. Bürgermeisterin ist und den Laden schmeißt. Die toughe Dame hat sich schon vor langem von ihrem Prince Charming scheiden lassen und greift auch sonst knallhart durch. Nun aber ist ihre Schwester Rosenrot (“Rose Red“) verschwunden, und es sieht alles nach Mord aus. Zusammen mit dem Wolf in Menschengestalt macht sie sich auf, um ihre Schwester wiederzufinden. Eine klassische Suche nach dem potenziellen Mörder beginnt …

Frauke: Die Idee der Serie, Märchenfiguren ins heutige New York zu holen, hörte sich für mich erstmal ziemlich schwachsinnig und schwierig umzusetzen an. Erstaunlicherweise gewöhnt man sicher aber schnell an den Gedanken und es funktioniert beim Lesen ganz gut. Das mag auch daran liegen, dass nur menschlich aussehende Figuren in die Stadt ziehen durften, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Alle anders Aussehenden müssen auf einer Farm außerhalb von New York ihr Leben fristen. Auf diesen Aspekt wird, zumindest hier im ersten Band, nur kurz eingegangen, aber die Farmbewohner scheinen nicht unglücklich zu sein. Eigentlich sehe ich dort aber ein viel größeres Konfliktpotential, denn so viel Gegensätze auf einer einzigen Farm, das kann doch nicht gut gehen. Im Comic wird nicht explizit deutlich, warum genau die anderen in die Großstadt gezogen sind, wenn sie doch unbemerkt bleiben wollen. Aber eine interessante These wäre: man fällt in einer anonymen Stadt wie New York unter lauter Menschen weniger auf, als wenn alle auf der Farm leben würden. Könnte an meiner Idee was dran sein – hat Bill Willingham hier einen sozialkritischen Aspekt verpackt?

Christopher: Ich würde nicht so weit gehen und Willingham Sozialkritik unterstellen. Dafür fühlt sich Fables für mich zu sehr nach Mainstream an. Klar, ich habe auch als erstes an Animal Farm gedacht, aber ich glaube, das ist hier falsch. Die Grundidee – Märchenfiguren in New York – hat mir von Anfang an ganz gut gefallen. Gehört für mich in die inzwischen doch recht populäre Schublade Urban Fantasy. Halt ein Mix aus Magie und großstädtischem Alltag, in diesem Fall eben: Grimms Märchen in New York. Nicht umsonst ziehen die Herausgeber ja wohl auf dem Cover Sandman heran, um einen Kontext herzustellen. Die Bücher der Magie oder Courtney Crumrin gehören für mich auch irgendwie in diese Sparte. Allerdings fällt für mich das Ergebnis ein bisschen schwach aus. Aber bevor ich mich hier überschlage: Wie hat Dir denn die Handlung gefallen?

Frauke: Hm, vielleicht interpretiere ich da tatsächlich zu viel herein. Aber ich suche nach einer Antwort, was die in der Stadt wollen, während die komischen Gestalten draußen auf der Farm ihre Ruhe, zumindest vor den Menschen, haben. So richtig glücklich wirken sie in New York nämlich nicht.
Die Handlung hat mich größtenteils irgendwie … kalt gelassen. Das Einzige, bei dem ich dachte „na endlich geht's los“, war die Stelle, an der sich Bigby in seine ursprüngliche Wolfsform verwandelt. Das Suchspiel nach dem Täter fand ich etwas ermüdend und die Ermittlungsmethoden mindestens mal fragwürdig. Zum Beispiel an der Stelle, an der im Appartment unter Rose Reds Wohnung mittels Blutkonserven genau der Tatort mitsamt den verspritzten Blutmengen nachgestellt wurde, um zu ermitteln, ob die verschwundene Frau noch genug Blut im Körper hatte, um überleben zu können. Da stellen sich bei mir die Nackenhaare auf, das ist doch wissenschaftlich total schwachsinnig. Und dann kann mich so etwas auch nicht in einer fiktiven Geschichte über Märchenfiguren überzeugen.
Dazu kommt, dass mir die Personen immer fern bleiben. Man erfährt nichts Wesentliches über sie, baut dadurch weder Sympathie noch Abneigung auf. Und das ist immer Gift für eine Erzählung.

Christopher: Jepp, ging mir fast genauso. Die Figuren sind irgendwie unnahbar. Ich finde die Geschichte gut gebaut, aber irgendwie fehlte mir ein Kick, ein Punkt, an dem ich neugierig wurde und aufhorchte. Gerade weil Fables groß als die erste deutsche VERTIGO-Neuheit (nach Tilsner) angekündigt wurde, war ich dann beim Lesen etwas enttäuscht. Ein großer Wurf war das nicht, eher solides Mittelmaß. Die Idee, das Appartment mit Blut nachzustellen, fand ich ganz witzig. Es gäbe sicherlich einfachere Methoden, klar. Aber Du kannst Dich nicht ernsthaft darüber beschweren, dass man in einem Fantasy-Comic etwas „total Unwissenschaftliches“ liest, oder? Was diese Farm-Großstadt-Aufteilung angeht, habe ich das so verstanden: Einige Fabelwesen haben die Fähigkeit, sich eine menschliche Gestalt zu geben, andere nicht. Wer sich nicht verwandeln kann, muss draußen bleiben, der Unauffälligkeit wegen. Dass der Rest sich lieber ein schönes Leben in New York macht anstatt auf dem Land, kann ich gut nachvollziehen. Bars, Kino, Theater, noch mehr Bars…
Was sagst Du zu den Zeichnungen?

Frauke: Ei ja, natürlich kann ich mich darüber beschweren! 😉 Wenn's gut geschrieben ist, dann nehme ich einem Autor einen mit Elektronikgeräten kommunizierenden Bürgermeister (Brian K. Vaughans Ex Machina) eher ab als diese Blutabmessmethode hier.
Die Zeichnungen sind solide, aber auch hier wieder nichts, was mir im Gedächtnis bleibt. Sympathisch sind die Märchenzugeständnisse wie hier und da ein Kringelchen am Panel, was sich aber ziemlich in Grenzen hält. Zusammen mit den plakativen Farben kommen die Zeichnungen ein wenig altmodisch rüber. Sowieso sind die Farben von Sherilyn van Valkenburgh nicht mein Fall. Sehr wenig Schattierung, viele gedeckte Töne (Braun, Grau, Grün), dafür dann die Rückblendung umso knalliger in Pink. Pui …

Christopher: *gähn* Altmodisch, ja. Ich sehe da eigentlich nur langweilige Puppengesichter. Schade. Hätte ein großer Wurf sein können. So aber ist die erste Ausgabe von Fables für mich höchstens Durchschnitt. Die Cover der Einzelbände, die hier mit abgedruckt wurden, sind geil, aber sonst … Wahrscheinlich legt die Serie in den späteren Ausgaben noch einen Zahn zu. Die Eisner-Awards sind ja wohl auch nicht für die ersten Bände rausgegangen. Irgendwoher muss die Lobhudelei ja kommen.

Frauke: Wobei die Farben und die Zeichnungen vielleicht Leute mit anderem Geschmack Freudenschreie ausstoßen lassen …
Kommen wir doch zum Schluss noch zu der Übersetzung. Vom Grunde her gefällt sie mir sehr gut, weil sie nicht auffällt als Übersetzung. Ich nehme mal an, Gerlinde Althoff hat lange überlegt, ob sie die deutschen oder die englischen Namen der Märchenfiguren nimmt. Sie hat sich für die englische Variante entschieden, die, gut mitgedacht, auf der letzten Seite des Comics kurz erklärt werden.
Was hältst Du von ihrer Wahl?

Christopher: Beim Lesen ging der deutsche Text glatt durch. So sollte es sein. Ist schließlich nicht unwichtig bei einem Plot, der sich auf das Erzählen einer Geschichte konzentriert (und nicht auf das Aneinanderreihen von Action-Szenen mit bloß „Bam“ und „Pow“). Die englischen Namen gefielen mir auch, insbesondere Bigby Wolf alias Big B(ad) Wolf fand ich super. Und die kurze Aufschlüsselung am Ende hilft, auch die hierzulande weniger bekannten Märchenfiguren einzuordnen. Ich jedenfalls hätte mit Bluebeard und King Cole Probleme gehabt.

Frauke: Bei einigen Figuren kann ich es verstehen, bei Schneeweißchen und Rosenrot war mir aber schon etwas mulmig. Klar, „Snow“ als Vorname lässt sich eher entsetzt hinterherrufen denn „Schnee“, aber da man sie ursprünglich aus Grimms Märchensammlung kennt, wäre es doch eigentlich dem Ursprung angemessen gewesen, ihnen die deutschen Namen (wieder) zu geben.

Abschließend lässt sich wohl zusammenfassen: die Idee ist interessant, die Umsetzung dürfte aber gerne etwas flotter geraten.

Fables – Legenden im Exil
Panini, November 2006
Text: Bill Willingham
Zeichnungen: Lan Medina
144 Seiten, Softcover, farbig; 14,95 Euro
ISBN: 3866072694

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Bildquelle: Comiccombo.de

Rendezvous in Paris

rendezvous_in_paris Mit „Rendevous in Paris“ erscheint der dritte Band von Enki Bilals fantastischer Science-Fiction-Trilogie, die 1998 mit „Der Schlaf des Monsters“ ihren Anfang nahm. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die drei Waisen Nike Hatzfield, Leyla Mirkovic und Amir Fazlagic. Alle drei wurden zur Zeit des Bürgerkriegs in Sarajewo geboren. Seitdem verbindet sie auf geheimnisvolle Weise ein gemeinsames Schicksal.

In großen Panels und kurzen Episoden erzählt Bilal die Geschichte der drei Waisen weiter. Wir schreiben das Jahr 2027. Nike Hatzfield existiert inzwischen zweimal. Einmal ist er wirklich, einmal ist er das Replikat des wahnsinnigen Künstlers Optus Warhole. Eine Existenz von ihm liegt auf dem Mars, eine andere befindet sich auf der Erde. Bilals erzählerischer Fokus liegt auf dem irdischen Nike Hatzfield, wahrscheinlich das künstliche Duplikat. Er steht in den Diensten des wahnsinnigen Künstlers Holeraw, der wiederum ein jüngeres Replikat von Optus Warhole selbst ist.

Verwirrt? Es geht noch weiter.

 Leyla Mirkovic wird entführt und findet sich in der Gewalt der beiden Wissenschaftler Martha Saparadorn und Jeffrey Koulikov wieder. Gemeinsam mit Leyla wollen sie das Geheimnis der Adler-Stätte lüften, einer merkwürdigen Ruinenanlage, die schon im zweiten Band „32. Dezember“ eine wichtige Rolle spielte. Die Oberhäupter der Weltreligionen sind zum Jahreswechsel spurlos in diesen Ruinen verschwunden. Ein kosmisches Spektakel? Oder bloß eine verrückte Idee von Optus Warhole? Man war sich nicht sicher. Jetzt gibt es Hinweise auf den Verbleib der Vermissten, nämlich Leylas Träume. Saparadorn und Koulikov eröffnen ihr, dass sie ein Gehirnimplantat besitzt, mit dem sie Kamerasequenzen empfangen kann. Ihre Träume sind in letzter Zeit sehr greifbar, das war ihr auch schon aufgefallen. Sie träumte vom Mars und von ihrem alten Freund Nike Hatzfield. Eine Sonde überträgt Bilder von ihm direkt in ihre Träume. Im Hintergrund: Die beinernen Überreste der vermissten Religionsoberhäupter. Die Spur führt also zum roten Planeten.

Verwirrt? Es geht noch weiter.

 Bilals Vorrat an extravaganten Ideen geht offensichtlich nicht so schnell zur Neige. Bleibt noch Amir Fazlagic. Aus ihm wurde der dritte Torwart einer internationalen Fußballmannschaft, die auf einem umgerüsteten Flugzeugträger lebt und trainiert. Wo früher das Rollfeld war, präsentiert sich nun der Rasenplatz. Manager der Mannschaft ist der Unternehmer Branko. Er hat den Bürgerkrieg in Jugoslawien miterlebt und weiß von Nikes, Leylas und Amirs gemeinsamer Vergangenheit.

Soweit ein paar kurze Worte zum Inhalt von „Rendevouz in Paris“. Amirs mutierte Frau Sascha, der Todesrülpser über Bangkok oder die roten Spionfliegen des toten Warhole bleiben dabei noch unerwähnt. Aber, wie gesagt, extravagante Ideen gehen Bilal nicht so schnell aus.

 Für eingefleischte Fans von Enki Bilal ist „Rendevous in Paris“ sicherlich ein Muss. Immerhin zwei Jahre musste man hierzulande auf den dritten Teil der Trilogie warten. Allerdings ist damit noch nicht Schluss, die Reihe wird fortgesetzt. Ein vierter Band ist angekündigt. Wann er erscheint, steht in den Sternen. So bleibt das Ende von „Rendevouz in Paris“ offen, unabgeschlossener noch als „32. Dezember“. Eigentlich ist nichts geklärt. Wie Verlorene geistern die drei Hauptfiguren durch die öde und traurige Welt des Jahres 2027 auf der Suche nach – was eigentlich? Sie begegnen sich nicht, berühren sich nur irgendwie in weiter Ferne, da, wo alles diffus wird und man nichts mehr erkennt. Melancholie und Technik, ein kaltes und hartes Verständnis von Beziehungen und Kunst kreuzen sich und formen ein wirbelndes Episodenwirrwarr. Als Leser verliert man leicht den Überblick. Vielleicht bringen mehrmalige Lektüre und der vierte Band der Trilogie etwas Licht ins Dunkel. Nichtsdestotrotz wünscht man sich, Bilal würde es seinen Lesern ab und zu etwas leichter machen.


Rendezvous in Paris
Ehapa Comic Collection, Dezember 2006
Text und Zeichnun
gen: Enki Bilal
72 Seiten, Hardcover, farbig; 19,80 Euro

ISBN: 3770430565

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Bildquelle: ComicCombo.de