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Y: The Last Man 3 – Ein kleiner Schritt

y3Yorick, der letzte Mann in einer Welt voller Frauen, ist endlich zurück!

Die Erfolgsserie von Autor Brian K. Vaughan und Zeichnerin Pia Guerra wurde auf Deutsch ursprünglich von Speed Comics veröffentlicht. Nach zwei Sammelbänden war dann aber aufgrund der problematischen Situation dieses Verlags erstmal Schluss. Nachdem Panini letztes Jahr die kompletten WildStorm- und VERTIGO-Lizenzen eingekauft hat (wir berichteten), geht es nun direkt im Anschluss an die Speed-Veröffentlichungen mit dem dritten Band weiter (die ersten beiden Bände sind für Januar und Februar angekündigt).

Ein unbedarfter Jungzauberer ist nach einer weltweiten Seuche aus unerfindlichen Gründen der einzige noch lebende Mann in einer Welt voller Frauen. Außer seinem Affen Ampersand weiß man auch von keinem männlichen Tier, das überlebt hat.

Nun könnte diese Konstellation manche feuchte Männerträume erfüllen und/oder leicht ins Alberne abgleiten. Und so einfach man sich solche Szenarien vorstellen kann, so beeindruckender ist das, was Vaughan aus seiner Idee macht. Seine erdachte Welt lebt.

Lebt in Yorick Brown, dem so viel wohler wäre, wenn er nicht der letzte Mann auf Erden wäre. Denn eigentlich ist er nur der nette Junge von nebenan und keiner, der die Welt retten kann – wie auch immer das aussehen könnte. Und das weiß er auch. Er ist zwar tollpatschig, aber sicher nicht auf den Kopf gefallen.

Sie lebt in den Frauen, die versuchen, ihr Leben so gut es geht weiterzuführen, wie sie es gewohnt waren – die Wissenschaftlerinnen, die Kongressabgeordneten, die Geheimagentinnen, die Präsidentin. Was aber machen die Hausfrauen? Wie geht es in den Berufen weiter, in denen größtenteils Männer gearbeitet haben?

Sie lebt in den „Töchter der Amazonen“, die davon überzeugt sind, dass Mutter Erde sich bewusst der Männer entledigt hat und die nun hinter Yorick her sind. Und ausgerechnet Yoricks Schwester Hero ist dieser fanatischen Gruppe, jeweils erkennbar an dem Fehlen einer Brust durch Selbstamputation, beigetreten.

Sie lebt in den Frauen, die sich künstliche Bärte ins Gesicht kleben und männliches Gehabe annehmen, um damit Kundinnen anzulocken und so ihr Geld zu verdienen.

Yorick, die Genetikerin Dr. Mann (sic) sowie die zu seinem Schutz abgestellte Agentin 355 sind auf dem Weg zu Dr. Manns Labor in Los Angeles, nachdem ihr aktuelles Labor in Boston von einer israelischen Organisation zerstört wurde. Eigentlich will Yorick ja nur zu seiner Freundin, die sich am anderen Ende der Welt in Australien aufhält. Aber er konnte von seiner Mutter, einer Kongressabgeordneten, davon überzeugt werden, Dr. Mann für Untersuchungen zur Verfügung zu stellen, um die Fortpflanzung auf der Erde wieder in Gang zu setzen.
Im 3. Band erfahren sie von einer russischen Agentin, dass Yorick doch nicht der einzige noch lebende Mann ist – zumindest im Weltall gibt es noch zwei männliche Überlebende, die zusammen mit ihrer Kollegin aus technischen Gründen nun auf die Erde zurückkehren müssen. Der Landeplatz wird in der Nähe ihres aktuellen Aufenthaltortes sein. Yorick ist unendlich erleichtert, dass vielleicht bald die Last der Verantwortung von seinen Schultern genommen werden könnte. Allerdings gibt es da das Problem, dass die Israelis immer noch Yorick haben wollen. Und so entsteht ein Kampf um die letzten Männer, in der 355 zeigen muss, was sie drauf hat …

Außerdem enthält dieser Sammelband die von Gastzeichner Paul Chadwick eigenständige Geschichte „Kömodie und Tragödie“, in der der entführte Ampersand von einer Theatergruppe aufgegriffen wird. Dieses fahrende Volk ist angeödnet von den seichten Stücken, die das verstörte Publikum zur Ablenkung sehen will, und wird durch den männlichen Affen inspiriert, ein Stück über den letzten Mann auf Erden zu schreiben und aufführen – nicht ahnend, wie nah sie der Wahrheit sind. Das Stück trifft bei den Zuschauern auf geteilte Meinungen …

Die Konsequenz – gerade in den kleinen Details -, mit der Vaughan seine auf 60 Einzelfolgen (in jedem deutschen Band sind etwa fünf bis sieben Folgen gesammelt) angelegte Serie umsetzt, ist immer wieder erstaunlich. Alles scheint durchdacht zu sein, nichts wird dem Zufall überlassen. Und in den Kleinigkeiten ist Vaughan sowieso ganz groß. Allein schon der doppeldeutige Titel, „Y“ für das männliche Y-Chromosom, aber ausgesprochen auch als „Why“ – also „warum?“ – zu verstehen, macht bereits klar, wie sorgfältig Brian K. Vaughan vorgeht. Yorick z.B. wurde nach einem Hofnarr in Hamlet benannt, Dr. Mann hat sicherlich nicht umsonst ihren Namen, und wenn mal eine Wegkreuzung wie das Y des Logos aussieht, dann darf man auch eher von Absicht ausgehen. Dazu kommen noch kleine Witze und Anspielungen, von denen man sich bestens unterhalten fühlt. Und irgendwie ist es ja schon interessant, dass hier von USA-Verbündeten die Gefahr ausgeht, während die Gruppe um Yorick vom ehemaligen „alten Feind“ Russland unterstützt wird.

Pia Guerras Zeichnungen sind unauffällig, aber durch die Bank hinweg solide und gefällig. Allein die Farben von Pamela Rambo (hihi) sind für meinen Geschmack etwas zu einfach geraten.

Die Panini-Aufmachung ist sehr ordentlich. Eine stabile Ausführung, ein schönes, teils mit Glanzfolie versehenes Cover, eine Übersicht der Geschehnisse als Einleitung sowie die Abbildung aller Cover der Einzelausgaben vom wunderbaren J.G. Jones runden die Rückkehr von Yorick, Ampersand, Dr. Mann und 355 gut ab.

Das allererste Heft, auf Englisch, kann man sich übrigens legal von der offiziellen Website als PDF herunterladen.

[Ach so, und wer sich noch mehr für Vaughans Kunst der politischen Unterhaltung interessiert, dem sei Ex Machina wärmstens empfohlen, das Panini bereits angekündigt hat und die Politik als Thema ganz direkt angeht. Eine Serie, die mehr im „Jetzt“ spielt – bis auf die Tatsache, dass die Hauptperson, der Bürgermeister von New York, Superkräfte hat. Aber ansonsten ist alles, wie wir es gewohnt sind… Vaughan stößt dort einerseits aktuelle Fragen an, unterhält aber andererseits wieder meisterlich. Macht süchtig.]

Y: The Last Man 3 – Ein kleiner Schritt
Panini, Dezember 2006
Autor: Brian K. Vaughan
Zeichnungen: Pia Guerra
144 Seiten, Softcover, farbig; 16,95 Euro
ISBN: 3866072724

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Band 3:
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alle Bände:
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Bildquelle: Comiccombo.de

Smoke 1-3

smoke1London in naher Zukunft: Die Stadt befindet sich im fortdauernden Krisenzustand, die Regierung ist korrupt und intrigiert gegen das eigene Volk. Hintermänner ziehen die Fäden in einem Großbritannien, das finanziell am Boden liegt und sich dem moralischen Verfall ausgesetzt sieht. Im von einer Mauer begrenzten Londoner Stadtteil Soho leben überwiegend zwielichtige Gestalten und Außenseiter.

Ein eben solcher ist Rupert Cain, ein ehemaliger Soldat, der jetzt im Auftrag der Regierung Attentate verübt. Cain gerät zwischen alle Fronten, als ein ehemaliger Kollege aus Militärzeiten, Tim de Havilland, umgebracht wird. Denn Cain, Havilland und ein weiterer Freund, der seitdem im Rollstuhl sitzt, waren vor drei Jahren die drei einzigen Überlebenden einer Explosion. Cain glaubt nun nicht mehr an einen Zufall und verschreibt es sich herauszufinden, wer Tim de Havilland ermordet hat. Und warum.

smoke2 Zeitgleich erschüttert das krisengebeutelte London, „The Big Smoke“, die Entführung des zu Verhandlungsgesprächen angereisten OPEC-Präsidenten. In Geißelhaft der terroristischen „Recht-auf-Schönheit-Fraktion“ und ihrer skrupellosen, tätowierten Helferin sorgt dessen gewaltsame erzwungene Abwesenheit für zusätzlichen Sprengstoff in der unsicheren Gesellschaft.

Begleitet von der medialen Berichterstattung gerät Cain zusehends in den Sumpf aus Geheimnissen und Lügen und deckt die wahren Hintergründe der Entführung des OPEC-Präsidenten und die Ermordung Tim de Havilands auf. Denn bei beiden Fällen scheint nicht nur die eigene Regierung viel Dreck am Steck zu haben…

Mit der dreiteiligen Miniserie Smoke haben sich Alex de Campi und Igor Kordey eine sehr pessimistische Zukunftsversion einfallen lassen. Ihre Story schlussfolgert sich aus der Person des Attentäters Rupert Cain, der nicht nur wegen seines Aussehens (er ist ein Albino) besonderes Interesse weckt, sondern während seiner Ermittlung auch für ordentlich blutige Action sorgt. Der vermeintliche Held Rupert Cain ist zwar ein eiskalter Profikiller, kann aber in dieser harten Gesellschaft der Zukunft noch als einer der wenigen ehrhaften Männer bezeichnet werden.

smoke3Mit einigen subtilen Seitenhieben auf das Verhalten der Medien und der Regierung unserer Zeit inszenierte die für das Script verantwortliche de Campi einen Thriller, der die Frage nach den wahren Drahtziehern immer wieder neu aufwirft und damit für große Spannung sorgt. Smoke ist eine politische und rasante Comicserie, die auf jeden Fall als so anspruchsvoll und realistisch durchgeht, als dass man sie am besten am Stück liest, damit man nicht den Faden verliert. Die Zeichnungen von Igor Kordey machen richtig Spaß. Er findet immer den exakten Strich, ob von Kugeln durchlöcherte Körper, fette Terroristengruppen oder das eindrucksvolle Stadtbild einer alternativen Londoner Metropole. Dabei beweist er besonderes Gespür sowohl für breit angelegte Szenen als auch für ganz kurze Gags.

Smoke 1-3 (komplett)
Ehapa, 2006
Text: Alex de Campi
Zeichner: Igor Kordey
Drei Bände, je 56 Seiten, farbig, Softcover; je 7,- €

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Sin City 7 – Einmal Hölle und zurück

Doppelrezension von Christopher und Johnny.

Christopher

sincity7_cover Frank Millers Epos über den dunklen Großstadttraum Sin City geht in die letzte Runde. Überleben und Sterben liegen hier nah beieinander. „Einmal Hölle und zurück“, der siebte Band der Reihe, erschien im November 2006 bei Cross Cult, wie gewohnt in edler und robuster Aufmachung.

Sicherlich, Sin City ist ein Meisterwerk des amerikanischen Comics. Der hard boiled-Siebenteiler von Frank Miller wird viel gelesen und viel gelobt. Die Themen sind hinlänglich bekannt: Gewalt, Sex, Kriminalität, Korruption und nochmals Gewalt. Sin City ist nicht bloß eine Stadt, sondern ein dunkler Kosmos. Zahllose verlorene Gestalten ringen hier um Macht und Geld, immer nahe am Abrund der menschlichen Seele. Es tobt der ewige Kampf zwischen böse und noch böser. Aber was bleibt übrig, wenn man das mythische Setting einmal außer Acht lässt, die Oberfläche durchstößt?
 

  Die Handlung von „Einmal Hölle und zurück“ ist recht simpel. Der Kriegsveteran Wallace lernt die Schauspielerin Esther kennen. Er zeigt ihr sein Appartement, danach gehen sie zusammen etwas trinken. Es dauert nicht lange und die beiden verlieben sich ineinander. Eingefleischte Sin City-Leser wissen, dass Miller solche Sentimentalitäten gerne kurz hält. So überrascht es kaum, dass die Liebesgeschichte unmittelbar nach dem ersten Kuss auch schon wieder zu Ende ist. Wallace spürt einen Schmerz im Nacken und greift verwundert nach hinten. Er zieht einen Narkosepfeil heraus, bevor er kraftlos auf dem Asphalt zusammenbricht. Ein Krankenwagen braust heran. Mit verschwommenem Blick nimmt Wallace wahr, wie ein fieser Doktor und dessen muskulösen Handlanger aussteigen. Die beiden finsteren Gestalten packen Esther, schleudern sie in das Auto und verschwinden in der Nacht. Wallace lassen sie einfach liegen, leblos, aber nicht tot. Ein großer Fehler, wie sich bald herausstellen wird. Denn so kurz die Begegnung mit Esther war, so stark sind auch Wallaces Gefühle für sie. Hilfesuchend wendet er sich an die Polizei, um seine Geliebte wiederzufinden. Dass er jedoch von den Gesetzeshütern nicht viel erwarten kann, hatte er beinahe schon geahnt. Also muss er die Sache selbst in die Hand nehmen.
  Je weiter sich Wallace bei seinen Nachforschungen die Nahrungskette hocharbeitet, desto mehr stinkt die ganze Sache. Eine einfache Entführung ist das nicht. Eine Verschwörung ist im Gange, in die Polizei, Ärzte und einige verdammt attraktive Killerinnen verwickelt sind. Nur mit Hilfe alter Militärfreunde gelingt es Wallace, etwas Licht in diese finstere Angelegenheit zu bringen. Wenn er nur diese rosafarbenen Engelchen aus seinem Kopf kriegen könnte…

sincity7_denia Am Anfang der Geschichte ist nicht ganz leicht zu erkennen, ob sich Millers Augenmerk auf Wallace oder Esther konzentriert. Spätestens nach der Entführung jedoch ist klar, wer bei „Einmal Hölle und zurück“ im Mittelpunkt steht. Es ist Wallace, der Kriegsveteran, der kaum genug Geld hat, um seine Wohnung zu bezahlen. Die Zeiten, in denen es um Leben und Tod ging, glaubte er ein für allemal hinter sich gelassen zu haben. Bis er Esther kennen lernt. Ihrer Entführung folgt ein Faustkampf nach dem nächsten. Die Luft wird bleihaltig. Oberflächlich betrachtet ist Wallace einer von den Guten, wenn es sowas in Sin City überhaupt gibt. Er legt sich mit einem übermächtigen Feind an, widersteht den süßen Einflüsterungen formvollendeter Killerinnen und versaut sich's nebenbei kräftig mit der Polizei. Verliebt und völlig selbstlos gibt er alles für Esther auf und zieht in einen Krieg. Oder?

Man kann die Geschichte auch anders lesen. Es ist ein bisschen merkwürdig, warum Wallace sich für eine Fremde so ins Zeug legt, die er nur einmal geküsst hat. Denn die Suche nach der Entführten bedeutet zugleich Abschied von ruhigeren Zeiten. Seit Wallace auf das Abstellgleis geschoben wurde, dämmert er so vor sich hin. Der Krieg ist vorbei, hinter sich gelassen hat er ihn aber nicht. Das Kämpfen liegt ihm noch im Blut. Er lebt in dürftigen Verhältnissen und arbeitet als Zeichner. Er fertigt Nacktzeichnungen an für vulgäre Verleger, um irgendwie über die Runden zu kommen. Dafür hasst er sich selbst. Sein Orden liegt in einer Schublade, bloß ein Stück Blech. Vielleicht nimmt er Drogen, um die Nutzlosigkeit seines Daseins zu vergessen. Als Esther entführt wird, bietet sich ein willkommener Ausweg aus seiner Frustration. Fast müsste Wallace dankbar für die Entführung sein. Mit der Frau oder großer Liebe hat das nicht viel zu tun. Endlich hat er wieder einen Grund zu kämpfen. Er sucht seinen persönlichen Krieg und findet ihn. Als Gegner stehen ihm ein finsterer Pharmakonzern sowie ein Colonel und dessen Killerbrigade gegenüber. Das Schlachtfeld ist eröffnet, es kann losgehen.

 

Wer scharfe Kurven und bissige Dialoge mag, ist bei „Einmal Hölle und zurück“ genau richtig. Den Leser erwartet schnörkellose und knallharte Action, eine rasante Tour tief hinein ins Herz der Finsternis. Aber unter der Oberfläche der Handlung schlummert noch mehr als schnöde Schießereien und Kämpfe bis aufs Blut. Millers neuere Arbeiten lesen sich nicht nur deshalb so wunderbar, weil sie das Adrenalin auf Hochtouren bringen. Die ihnen anhaftende Faszination rührt von dem bewussten Umgang mit der dargestellten Gewalt her. Die stilisierte Brutalität macht es möglich, die Geschichte auch von einer anderen, kritischen Seite zu betrachten. Man könnte Wallace als einen Helden bezeichnen; sicherlich, das wäre einfach. Er könnte aber auch ein kriegssüchtiger Wahnsinniger sein, der bloß einen Anlass sucht, um mal wieder kräftig aufzuräumen. Nirgendwo spiegelt sich Millers Kunstfertigkeit besser wider als in dieser Ambivalenz. Vielleicht liegt hier auch das Geheimnis verborgen, durch das sich Sin City von der Masse zahlloser anderer Comics abhebt.

 

Sin City 7 – Einmal Hölle und zurück
Cross Cult, November 2006
Text und Zeichnungen: Frank Miller
320 Seiten, teilweise farbig, Hardcover; 35,- Euro
ISBN 3-936480-17-6

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Johnny

Jeder Autor hat seinen Fetisch: Für Garth Ennis sind es toughe, abgebrühte Typen mit noch viel tougheren, abgebrühteren Sprüchen. Bei Mawil sind es die genauen Gegenteile davon. Brian Azzarello hat eine Vorliebe für Knarren, die Straße und zwielichtige Schönheiten, wohingegen Gilbert Hernandez physisch gar nicht mehr in der Lage zu sein scheint, einen Comic abzuliefern, ohne eine Frau mit Lolo-Ferrari-Gedächtnis-Brustumfang darin einzubauen.
Aber niemand schlägt Frank Miller, wenn es darum geht, seine Fantasien in Comics auszuleben: er hat sie alle, die Weicheier und die harten Typen (meist vereint in einer Person), die Knarren und die Huren. Vor allem aber hat er eins: einen Haufen Schwarz und ein klein bisschen Weiß.

Wenn man einen Comicfan fragt, welche Autoren aus Superheldencomics erst ein „erwachsenes“ Genre gemacht haben, dann wird man genau zwei Namen hören: Alan Moore mit seinen Watchmen und Frank Miller mit Batmans „The Dark Knight Returns“. Dies ist in beiden Fällen zwar sehr richtig, in Millers Fall aber auch ein kleines bisschen falsch. Natürlich steckt im dunklen Ritter alle Achtziger-Jahre-Endzeit-Stimmung, wie sie auch bei Alan Moore vorhanden ist, und natürlich gibt es da diese Medien- und Gesellschaftssatire, an die sich die meisten Comicschaffenden selbst heute nicht trauen würden.
Aber schon damals hatte ich das Gefühl, dass Frank Millers Intention beim Geschichten erzählen eine andere war. Bei ihm gab es keine verwischten Grenzen zwischen Gut und Böse, wie sie bei den Watchmen allerorten zu finden waren, und seine Helden waren nie so spröde und realistisch wie Dan Dreiberg oder Rorschach. Sein Interesse war es nicht, Batman in die Realität zu beamen. Stattdessen führte er ihn an den Ort, von dem er gekommen war, den Ort, den Miller am meisten interessierte: Die Straßen der Pulp Romane der 30er und 40er, des L.A.s von Hammett und Chandler. Städte, in denen abgefuckte, aber aufrechte Idealisten die einzige Bastion gegen den Schmutz und den Abschaum der Welt darstellten, und die selbst dann für ihre Sache eintraten, wenn ein Erfolg mehr als aussichtslos erschien. Das ist nicht nur bei Batman Millers Thema. Dieses Motiv zog sich schon durch Ronin und 300, ja selbst bei Rusty & The Robot blitzt es hier und da auf. Und nirgendwo wurde es so deutlich wie bei Sin City.

In wuchtigen, bis an die Grenzen der Abstraktion überzeichneten Schwarz-Weiß-Zeichnungen erzählt er immer wieder die Geschichten von dem Underdog, der aus echter und reiner Liebe antritt gegen ein  Arsenal von Bösewichtern, die aussehen wie Dick Tracys Gegenspieler auf Crack, dabei mal sein Leben, mal seine Identität verliert, nie aber seine Würde. Die Geschichten, die unfassbaren genialen Machosprüche, die die Figuren von sich geben, sind so klar schwarz-weiß und graustufenlos wie Millers Zeichnungen, und dieser scheint sich dessen genauso bewusst wie gleichgültig gegenüber zu sein. Sin City war immer die pure Essenz von Frank Miller, und man konnte sich immer sicher sein, dass der Autor bei der Herstellung des Comics genau so viel Freude empfand, wie man selbst bei der Lektüre dessen.
Oder besser gesagt, so dachte man.

Um die Jahrtausendwende schien Miller dieser Essenz seltsamerweise ein wenig überdrüssig zu werden. Er lieferte eine Dark-Knight-Fortsetzung ab, die man bestenfalls als wunderlich bezeichnen konnte, in der Flash in ein riesiges Hamsterrad gesteckt wurde, und die Reagan-Karikatur des ersten Teils sich als Simulation von Lex Luthor entpuppte. Und kurz zuvor brachte er mit „Zur Hölle und Zurück“ den vorläufigen Abschluss der Sin-City-Reihe heraus, der wohl zu dem mit Obskursten gehört, was in ihr erschienen ist.

sincity7_putten Zuallererst muss man sagen, dass Einmal Hölle und zurück“ kein guter Comic ist. Die Story ist konfus, selbst für Schwarze-Serie-Verhältnisse, und aus Versatzstücken voriger Sin-City-Geschichten zusammengestoppelt. Wieder mal zieht ein tapferer Held los, um eine Liebe, die er kaum kennt, aus den Fängen missgestalteter Psychopathen zu befreien. Leider ist der Held, Kriegsheld und Zeichner (hör ich da wen Alter Ego rufen?)Wallace ein wenig blutleer geraten und schafft es zu keiner Sekunde, den Charme eines Hartigan oder Marv zu entwickeln. Auch beim Rest der Geschichte schien Miller ähnlich einfallslos wie bei der Ausarbeitung der Charaktere. Weder die Idee eines Menschenhandels-/Porno-/Waffenfabrikring zündet so richtig, noch haben Millers Sprüche die Strahlkraft früherer Tage. Man fühlt sich in ein lustloses Abhaken von Sin-City-Versatzstücken versetzt, und es wäre wohl schade um das Geld gewesen, wäre Miller im Laufe der Geschichte nicht einfach noch komplett durchgedreht.

Scheinbar im Gefühl, dass die alten Pfade langsam ausgetreten sind, baut er einige Ideen ein, die so noch nie in einem Sin-City-Comic vorkamen, ja teilweise wahrscheinlich gar nicht mal in einer Pulpgeschichte überhaupt. Angefangen von nymphomanen Femme Fatales und billigen Blow-Job-Witzen, einem etwas überflüssigen Comic in Comic, in dem ein Teenager von seiner Liebespein erzählt und die durchaus als Parodie auf die weinerlichen Autobiographie-Comics der Indie-Szene verstanden wrden kann, gipfelt die Story in einem Showdown, den es so in der Art wohl noch nie gegeben hat. Das Besondere ist nicht das Was – Wallace und sein Kumpel, der Colonel, ziehen los, um es den Bösewichtern zu zeigen, die Wallace gerade eben in den Arsch ficken wollten -, sondern das Wie. Wallace steht während der gesamten Schießerei unter halluzinogenen Drogen, die die Bösen ihm verabreicht haben – und Miller zeigt diese in einer komplett bunten (!) Szene aus seiner Sicht. Wann zuvor hat man jemals eine Schießerei gesehen, in denen Hägar der Wikinger eine Meerjungfrau erschießt, trashtalkende Putten und Elfen den Protagonisten nerven und Cadillacs durch eine Dr.-Seuss-Zeichnung brausen? Die Sequenz ist sicherlich mit Abstand das Highlight des Comics und zeigt, wie in guten Momenten eine unbändige Kreativität und schräger Humor über mangelnde Stringenz und Substanz an anderen Stellen hinwegtrösten können.

„Einmal Hölle und Zurück“ ist eher die MTV-Version eines Film Noir, und, obwohl zu durchwachsen, um wirklich weiter empfehlbar zu sein, in diesem Ansatz mal ein ganz spannendes Experiment. Das nächste Mal aber bitte wieder schwarz-weiß, coole Machosprüche und abgefuckte Superhelden, Herr Miller …

Sin City 7 – Einmal Hölle und zurück
Cross Cult, November 2006
Text und Zeichnungen: Frank Miller
320 Seiten, teilweise farbig, Hardcover; 35,- Euro
ISBN 3-936480-17-6

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Donjon Monster 1 und 2

 Seit im Jahr 1998 der erste Donjon-Band erschien, ist aus der kleinen Fantasy-Parodie von Joann Sfar und Lewis Trondheim ein wild wucherndes Universum geworden. Aufgesplittet in diverse Unterreihen, die von verschiedenen Zeichnern umgesetzt werden, wird die Geschichte des Donjon, der Heimat unzähliger Monster, aus verschiedenen Perspektiven und auf unterschiedlichen Zeitebenen erzählt.

Neben den drei Hauptreihen Morgengrauen, Zenit und Abenddämmerung schufen Sfar und Trondheim auch noch die Nebenserien Parade und Monster. Von letzterer sind die ersten beiden Bände frisch auf deutsch erschienen. Donjon Monster hat keinen Stammzeichner – hier wird jeder Band von einem anderen Künstler umgesetzt, und so bekommt jedes Album seinen ganz eigenen Charakter. Band 1 und 2, die gleichzeitig erschienen sind, machen dies sehr deutlich, denn die beiden Geschichten sind so verschieden wie Tag und Nacht.

Band 1, Hans-Hans der Schreckliche, erzählt von einem kuriosen Monster-Quintett, das in einer einsamen Gegend ein Gasthaus betreibt, deren Besucher selbst auf der Speisekarte landen. Weil aber kaum jemand vorbeikommt, sind unsere Monster hungrig und frustriert. Das ändert sich, als Guillaume de la Cour an ihre Tür klopft, ein Plappermaul und Geschäftemacher, dem es gelingt, einen Deal mit den Monstern zu machen. Wenn sie ihn nicht fressen, will er sie zum sagenumwobenen Donjon führen, dem Paradies für Monster.

Damit beginnt eine herrlich-schräge Reise, auf der gebrandschatzt und gemordet, gekämpft und gefressen wird, die aber immer unheimlich komisch bleibt. Die gastronomischen Monster sind nämlich sehr verschrobene und naive Typen, die sich ziemlich blöd anstellen. Sie neigen zur Brutalität, sind aber sehr liebenswürdig. Obwohl hier und da mal ein Kopf fliegt oder Blut spritzt, bleibt Hans-Hans der Schreckliche immer harmlos und witzig. Ein großer Spaß, der von Zeichner Mazan in ähnlicher Weise umgesetzt wurde, wie man sie von Trondheim und Sfar kennt.

 

 Ganz anders dagegen Band 2: Die Armeen der Tiefe schlägt einen vollkommen anderen Ton an. Die Geschichte spielt fast durchgehend unter Wasser, in einer surrealen Welt, die von bizarren Wesen der Tiefsee bevölkert wird. Hier herrscht Krieg zwischen verfeindeten Clans. Ein junges Mädchen namens Flossine erlebt mit, wie ihre Eltern von feindlichen Soldaten getötet werden. Ein Zufall hilft ihr, sich in die Reihen der Gegner zu schmuggeln, und ohne es zu wollen, macht sie dort Karriere.

Während Hans-Hans der Schreckliche stets leichtgewichtig und komisch bleibt, ist Die Armeen der Tiefe meist düster und beklemmend. Hier wird gemetzelt und vergewaltigt, gefoltert und gequält, Blut fließt in Strömen, ein Happy End gibt es nicht. Nur selten blitzt ein wenig Humor auf. Dass dieses Album trotzdem nicht abstoßend, sondern sehr faszinierend ist, liegt zum einen am zutiefst menschlichen, simplen Kern der Geschichte: Flossine ist eine von uns, für sie ist diese Welt fast so fremd und unheimlich wie für den Leser. Und sie bewahrt ein gutes Herz in all der Düsternis, die sie umgibt.

Was diesen Band aber besonders stark prägt, sind die Zeichnungen von Killoffer. Er bringt eine submarine Welt zu Papier, deren Detailreichtum und Wildwuchs fast die Seiten sprengt. Bizarre Wesen in bizarrer Umgebung, ein wildes Spiel mit Farben und Formen, so etwas war in dieser Form bisher nicht zu sehen. Diese Zusammenarbeit von Killoffer mit Trondheim und Sfar ergibt ein Treffen von Mainstream und Avantgarde, von Unterhaltung und Kunst, wie es nur ganz selten gelingt. Verstörend und faszinierend zugleich.

Dass diese beiden so unterschiedlichen Comics innerhalb der gleichen Reihe erschienen sind, zeigt, wie gut es Trondheim, Sfar und Konsorten gelingt, Grenzen zu sprengen und Konventionen zu brechen, und dabei ihre Leser immer wieder zu überraschen und perfekt zu unterhalten. Ob lustige Monster-Comedy wie in Hans-Hans, oder psychedelische Horrormärchen wie Die Armeen der Tiefe: Im Donjon ist alles möglich.

Donjon Monster 1: Hans-Hans der Schreckliche
Reprodukt, 2006  
Text: Joann Sfar und Lewis Trondheim
Zeichnungen: Mazan
48 Seiten, farbig, Softcover; 12 Euro
ISBN: 3938511761

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Donjon Monster 2: Die Armeen der Tiefe
Reprodukt, 2006  
Text: Joann Sfar und Lewis Trondheim
Zeichnungen: Killoffer
48 Seiten, farbig, Softcover; 12 Euro
ISBN: 3938511680

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Mädchen

 Nach Held und Sag was ist Mädchen nun schon das dritte mehr oder weniger autobiographische Werk von Flix. Auch hier ist der Ich-Erzähler Felix Görmann der Hauptdarsteller, und auch hier schöpft der Autor viel aus dem alltäglichen Leben. Während in Held noch ein ganzes Leben, von der Kindheit bis zum hohen Alter, verhandelt wurde, und Sag was von einer langen Liebesbeziehung (und deren Ende) erzählt, spielt sich die Handlung von Mädchen an einem einzigen Tag ab.

Felix ist (wie im wahren Leben) Comiczeichner und lebt in Berlin. Eines schönen Sommertags, als er eigentlich dringend einige Arbeiten abzugeben hätte, verliebt er sich spontan in ein hübsches Mädchen und verbringt mit ihr diesen Tag. Ein romantisches Sommermärchen also – einige Szenen könnten direkt aus einer Hollywood-Liebeskomödie stammen, eine andere Sequenz erinnert stark an den Film Nach fünf im Urwald. Felix übernimmt dabei den Part des tollpatschigen, unsensiblen Kerls, der gerne mal Freunde ausnützt oder anlügt, und der ein Talent dafür hat, stets im richtigen Moment das Falsche zu tun oder zu sagen.

Die Handlung wird hier meist von Zufällen angetrieben, die ein wenig zu gezwungen und konstruiert wirken, um als glaubhaft durchzugehen. Das stört nicht allzu sehr, denn Mädchen ist nie mehr als leichtgewichtige Unterhaltung. Das war in den ersten beiden Comics von Flix noch anders: da gelang es ihm immer wieder, einiges über die Befindlichkeiten seiner Generation zu erzählen, oder darüber, wie Menschen mit ihren Beziehungen umgehen. Das fehlt in Mädchen, so dass dieser dritte Band, der sich auch durch seine Aufmachung deutlich an die Vorgänger anlehnt, im direkten Vergleich schwächer abschneidet. Flix hat immer noch viel zu erzählen, aber nicht mehr so viel zu sagen.

Trotzdem bekommt man hier für günstige 10 Euro eine sehr sympathische und gut erzählte Geschichte. Grafisch hat Flix seinen Stil längst gefunden: Klare Linien, stilisierte Gesichter, viel Liebe zum Detail und immer wieder gute und effektive Ideen beim Seitenlayout.


Mädchen
Carlsen Comics, 2006  
Text und Zeichnungen: Flix
122 Seiten, s/w, broschiertes Softcover; 10 Euro
ISBN: 3551781818

 

 

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