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Renaissance
Paris im Jahre 2054: Die junge Wissenschaftlerin Ilona Tasuiev verschwindet aus ungeklärten Umständen. Ihr Arbeitgeber Avalon, ein multinationaler Großkonzern, der Gesundheit, Schönheit und ewiges Leben propagiert, versucht sie ebenso ausfindig zu machen wie Karas, ein impulsiver Polizist, der mit Hilfe Ilonas Schwester Nachforschungen betreibt. Nach und nach eröffnen sich die wahren Gründe für die Entführung, die mit der aktuellen Arbeit Tasuiev, der Suche nach einem Heilmittel für Progerie (eine Krankheit, bei der Kinder zu schnell altern und früh sterben), zu tun haben. Doch das tatsächliche Ausmaß der Verschwörung und die Tragweite der wissenschaftlichen Erkenntnisse werden dem Leser erst später bewusst …
Renaissance ist die Umsetzung des gleichnamigen Films, der mit spektakulärer Optik aufwartet und in innovativer Comicmanier daherkommt. Ich kenne zwar bislang nur den Trailer desselbigen, aber allein daraus kann man ablesen, dass es konsequent von den Machern war, den Stoff quasi 1:1 in einen gedruckten Comic zu übertragen. Die Adaption von Julien Renoult und Greg Newman gelang zwar nicht schlecht, aber die Mischung aus Computeranimation und s/w-Fotografie erscheint für meine Begriffe etwas zu starr, Charaktere und Umgebungen zu schematisch. Ein Adjektiv, das überhaupt für die Story an sich passend erscheint.
Die Geschichte lehnt in ihrer stilistischen Umsetzung und der Machart, insbesondere der gelungenen Perspektiven, sehr an Sin City an, nur hat man mit der Verlagerung in eine einfallsreiche Pariser Großstadt der Zukunft den Plot europäisiert und einen Schliff Tech-Noir verpasst. Das funktioniert und ist interessant für den Leser zu verfolgen, aber viel Neuartiges darf man dabei nicht erwarten. Schließlich krankt die Erzählung vor allem daran, dass Stereotypen bedient werden, die man bereits aus zahllosen Hollywood-Produktionen kennt: Böser Konzern, Forscherin stolpert über brisantes Material und wird mundtot gemacht und der harte Cop versucht sie zu retten. Grafische Details werden dabei zwar im Grunde sehr gut zur Geltung gebracht, aber transferieren den Kontrast zwischen glatten Strichen (z.B. in Gesichtern) und breit angelegtem Szenario (z.B. Umgebung der Stadt) und zwischen hell und dunkel nicht immer optimal. Eine kurzzeitige Unüberschaubarkeit, die sich auch auf die Handlung überträgt.
Alles in allem sollte man in diesen Band ruhig mal reinschauen, schließlich ist das komplett in schwarz getauchte Paris bei allen kritischen Anmerkungen immer noch nett anzusehen (tatsächlich bot sich hier das Albumformat an) und bietet solide Kost für Action- und Crimefans, ein Meisterwerk der Comickunst darf man aber beim Kauf nicht erwarten.
Renaissance
Cross Cult, Februar 2007
von Christian Volckman
Text-Adaption: Greg Newman
Illustrations-Adaption: Julien Renoult
56 Seiten, Hardcover, 21 x 28 cm, sw mit einigen Farbseiten, Euro 12,-
ISBN 978-3-936480-39-9

Film-DVDs Renaissance bestellen (erscheinen 22. März 2007):
The Fountain
Auf den ersten Blick sieht The Fountain ein bisschen aus wie Dave McKeans Cages. Offene Formen, unruhige Panels, eine unübersichtliche Erzählstruktur. Und auch wie bei Cages weiß man als Leser zunächst nicht, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Aber das ist noch kein Minuspunkt, im Gegenteil. Erst auf den letzten Seiten von The Fountain begreift man die Komplexität des Werks. Plötzlich fügen sich die Teile zusammen.
The Fountain gliedert sich in drei Erzählstränge, die man aufgrund der drei männlichen Hauptprotagonisten als „Tomas“, „Tom“ und „Tommy“ überschreiben könnte. Im ersten Erzählstrang ist Tomas ein spanischer Conquistador in der Neuen Welt, der einen Maya-Tempel sucht. Im zweiten Erzählstrang ist er ein nackter Mann, der mit einem Baum und einer Frau durch das Weltall treibt. Im letzten Erzählstrang ist Tommy ein Arzt, der nach einem Mittel gegen Krebs forscht. Die drei Erzählstränge sind zeitlich festzumachen: Tomas spielt 1535, Tom spielt 2463 und Tommy spielt 2005. So teilen sie sich auf in Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Alle Erzählstränge hängen irgendwie zusammen.
Wenn man den Schwerpunkt auf „Tommy 2005“ setzt, kann man ungefähr folgende Geschichte erkennen:
Der Arzt Dr. Tommy Creo und seine Frau Isabel sind ein Traumpaar, verliebt und wie füreinander geschaffen. Doch plötzlich erschüttert ein furchtbares Unglück ihr Leben. Izzi hat Krebs. Trotz etlicher Therapien will die Krankheit nicht von ihr lassen. Inzwischen hat sie keine Haare mehr. Temperaturunterschiede fühlt sie kaum noch. Das Ende ist absehbar. Ihr Ehemann Tommy stürzt sich wie ein Besessener in seine Arbeit, um nach einem Heilmittel zu suchen. Er will sie nicht einfach dem Tod überlassen. Izzi ist Schriftstellerin und schreibt währenddessen an ihrem letzten Buch. Sie würde gerne mehr Zeit mit Tommy verbringen, kann ihn aber nicht halten. Jede freie Minute verbringt er im Labor. Also schreibt sie. Von einem Conquistador und seiner glücklosen Liebe zu Isabella von Spanien. Von seiner Suche nach dem ewigen Leben. Sie möchte ihrem Ehemann auf diese Weise helfen, Abschied zu nehmen. An die Ewigkeit zu glauben.
The Fountain handelt von einer tödlichen Krankheit und von einer unglücklichen Liebe. Diese kleine, außerordentlich gefühlvolle Geschichte steht jedoch außerdem in einem größeren Zusammenhang. Darren Aronofsky verwendet sowohl die Mythologie des Christentums und der Mayas als auch seine eigene Phantasie, um all das zu einem interessanten Amalgam zu verschmelzen: Sternennebel, Maya-Priester, der Baum des Lebens … Dem Ganzen gewinnt er eine kraftvolle Geschichte über die Ewigkeit, den Tod und die Liebe ab. Was am Anfang nach einem Wirrwarr aussah, entpuppt sich am Ende als reine Poesie. Eine sensible Geschichte, bemerkenswert klar und vielfältig.
The Fountain
Panini, Januar 2007
Text: Darren Aronofsky
Zeichnungen: Kent Williams
176 Seiten, Softcover, farbig; 19,95 Euro
ISBN: 9783866073371
Horst und sein Pony 23
300
Dreihundert Männer folgen König Leonidas in die Schlacht. Ihr Zuhause werden sie nie wiedersehen. Im dreckigen Staub der Thermopylen werden sie ihr Leben lassen. Frank Millers 300 zeigt die schrecklichen Mechanismen, die hinter Heldentod und Kriegsenthusiasmus stecken.
Spartas König Leonidas ist bei seinem Volk schon zu Lebzeiten eine Legende. Besonders bei seinen Soldaten genießt er hohes Ansehen. Immer wieder erzählen sie von früher, als der junge König, bloß mit einem spitzen Stock bewaffnet, einen Wolf zur Strecke brachte. Eines Tages kommt ein persischer Bote nach Sparta. Er wurde von dem Gottkönig Xerxes entsandt, der sich mit seiner gewaltigen Armee Griechenland nähert. Im Namen seines Herrn fordert der Bote Leonidas auf, sich zu unterwerfen. Der König weigert sich, stößt den Boten in ein tiefes Loch und rüstet sich für den Krieg. Da ihm aber die Priester verbieten, in den Krieg zu ziehen, bricht Leonidas nur mit seiner kleinen Truppe von 300 Leibwächtern auf. Sein Ziel sind die Thermopylen, eine Landenge im Norden des Landes. Leonidas hofft, dort den Persern trotz ihrer Übermacht große Verluste beibringen zu können. An einen Sieg glaubt er jedoch nicht. Er plant, mit seinen Männern als Märtyrer in die Geschichte Griechenlands einzugehen, als Verteidiger der richtigen Lebensweise, als Opfer für Vernunft und Freiheit.
Die Geschichte von der Schlacht bei den Thermopylen findet sich zum ersten Mal im siebten Buch der „Historien“ von Herodot. Ob sie wahr ist, weiß niemand. Möglich, dass Herodot sie nur erfunden hat. Inzwischen ist die Schlacht bei den Thermopylen eingegangen in den abendländischen Kulturkreis. Ihr Wahrheitsgehalt interessiert höchstens noch Althistoriker, vielen anderen geht es um den Symbolwert der Geschichte. Barbarei und Zivilisation treffen dort hart aufeinander, und – wie könnte es anders sein? – die Zivilisation triumphiert. Denn trotz der Niederlage Spartas siegen letzten Endes Freiheit und Gerechtigkeit. Unter der Knechtschaft Persiens erheben sich die griechischen Völker, eingedenkt jener heroischen Schlacht vergangener Zeiten. Der Mut und die Entschlossenheit der toten Spartaner werden beschworen. Ihr Märtyrertod soll nicht umsonst gewesen sein.
Auch die amerikanische Comic-Legende Frank Miller hat sich der Schlacht bei den Thermopylen angenommen. Seine fünfteilige Serie 300 erschien 1998-1999 bei Dark Horse. Auf deutsch wurde sie erstmals von Schreiber & Leser veröffentlicht. Längst ist der Band vergriffen. Zum Glück erschien bei Cross Cult im Juni 2006 eine Neuauflage (Leseprobe). Die Geschichte präsentiert sich in einem großformatigen Hardcover (Querformat 22,5×28,5cm), wie es für die zahlreichen Splash Pages (komplette Seite mit einem Panel) angemessen ist. So entfaltet 300 eine beeindruckende optische Wirkung und liest sich wie ein Comic im Breitwandformat.
Nicht nur durch die üppige Verwendung von Splash Pages sticht 300 im Gesamtwerk von Frank Miller hervor. Offensichtlich scheint ihn die Schlacht bei den Thermopylen schon länger beschäftigt zu haben. So findet sich in Sin City 3 – The Big Fat Kill (1994-1996) bereits ein Verweis auf dieses Motiv (Kapitel 5). Wahrscheinlich ließ Miller die Geschichte von Leonidas und seinen Soldaten einfach nicht mehr los. Aber wer will so eine Geschichte lesen? Da gibt es keine Superhelden wie Batman, Daredevil oder Wolverine, die ihre treue Fangemeinde im Schlepptau haben. Da sind keine Zaubersprüche, keine Raumschiffe, keine Verfolgungsjagden. Da ist nur die Schlacht zweier antiker Heere. Dass Dark Horse schließlich ein solch ungewöhnliches Thema akzeptierte, hängt wahrscheinlich mit der Reputation von Frank Miller zusammen. Wenn schon nicht das Thema, so sollte doch wenigstens sein Name für eine gewisse Abnahmezahl sorgen.
Es ist anzunehmen, dass Miller von der Schlacht bei den Thermopylen fasziniert war. Sie ist offensichtlich eine Metapher, die ihn reizt und herausfordert. Dass er bereit war, bei den Verlegern für sein ungewöhnliches Thema Überzeugungsarbeit zu leisten, lässt vermuten, dass er mit 300 etwas Wichtiges mitteilen wollte. Wenn man sich Meinungen über diesen Comic durchliest, dann wird dieses Detail anscheinend von manchen Lesern übersehen. Als würde es sich nur um harmlose Unterhaltungsliteratur handeln. Viele interessante Fragen, die man an 300 richten könnte, bleiben auf der Strecke (wenn sie überhaupt gestellt werden). Manches liest sich dann etwa so: „480 v. Chr. fand die Schlacht bei den Thermopylen statt. König Leonidas verteidigt Griechenland gegen die übermächtigen Perser. Bildgewaltig und ziemlich brutal. Geile Heldenstory. Ist ein teurer Comic, macht sich aber extrem gut im Regal.“ Da wird über historical correctness geredet, über den Keim zum Sieg des Ganzen, über eine Ode an die Hoffnungslosigkeit, über Kanonenfutter und den Galgenhumor der Spartaner.
Frank Miller ist aber kein Historiker, sondern Comiczeichner. Unwahrscheinlich also, dass er mit 300 eine Lehrstunde in Geschichte erteilen wollte. Warum auch? Was interessieren ihn ein paar antike Gestalten, die sich vor über zweitausend Jahren in einer griechischen Landenge geprügelt haben? Höchstens interessiert ihn das Symbol. Miller ist schließlich ein Künstler und kein Wissenschaftler. Sicherlich kennt er einige Fakten der Schlacht bei den Thermopylen. Er wird Herodot gelesen und die Hintergründe recherchiert haben. Was aber letztendlich seiner Arbeit entspringt, ist eine kreative Darstellung der Ereignisse. Sein Werk ist ein Kunstwerk – und kein Sachtext. Was für eine Kurzsichtigkeit offenbart sich, wenn einer nach der Lektüre immer wieder mit der historischen Überlieferung wedelt. Man fühlt sich, als würden da Birnen mit Äpfeln verglichen.
Hinzu kommt, dass König Leonidas nur selten kritisch reflektiert wird. Es erfordert nicht viel Gehirnschmalz, um auf seiner Schulter Platz zu nehmen und es sich bequem zu machen. Kurzerhand erklärt man ihn zum charismatischen Helden, der bloß das Gute im Sinn hat. Dabei schlüpfen einem wichtige Nuancen durch die Finger, die Millers 300 in ein ganz anderes Licht rücken, fort von den Superhelden. Leonidas ist nicht Superman. Trotz des Unterhaltungswerts von 300 handelt es sich um einen hochgradig politischen Comic. Miller erzählt keine Geschichte über Helden, sondern eine über Krieg. Leonidas und Xerxes führen Krieg und dienen als Symbole für zwei unterschiedliche Ideen, die miteinander konkurrieren. Das erkennt man am besten daran, dass die beiden Anführer dem Leser nie als lebendige, vertraute, persönliche Menschen entgegentreten. Es sind Kopfgeburten, Figuren, die auf das Wesentliche reduziert sind. Beide sind Kriegstreiber und stehen für unterschiedliche totalitäre Systeme. Das Ziel ist die Unterwerfung bzw. die Vernichtung des anderen.
Trotz der Ähnlichkeit der Kontrahenten ist es wichtig, dass Leonidas auf eine gewisse Art und Weise moderner ist als Xerxes. Nicht ohne Grund ist er der Erfolgreichere. Hier schlummert der Kern der Geschichte: Er verwendet statt einer Peitsche eine Ideologie. Leonidas braucht keine Gewalt, um seine Soldaten in die Schlacht zu treiben. Stattdessen verführt er seine Männer mit der Vorstellung, sie seien frei und aufgrund ihrer Wertevorstellungen überlegen. So schöpft er ihre maximale Kampfkraft aus. Gewissermaßen wirtschaftet Leonidas effektiver mit seinen Soldaten als Xerxes. Sie sind entschlossener, todesmutiger. Dabei bleibt zu beachten, dass er sie, ohne mit der Wimper zu zucken, in den Tod führt. Millers Leonidas ist kein charismatischer Held, sondern ein gnadenloser, zu allem entschlossener Feldherr. Folgendes Gespräch zwischen dem jungen Soldaten Stelios und dem König macht seinen Standpunkt deutlich: „Wir begleiten euch, Herr, bis in den Tod.“ – „Das war keine Bitte. Die Demokratie überlassen wir den Athenern.“ Eine dritte Partei, die den Krieg ablehnt, taucht nicht auf. Die Option, sich den Persern zu ergeben, wird nicht diskutiert.
Die hier beschriebenen Techniken der Reduktion und der Gegenüberstellung von Figuren sind bei Frank Miller nicht selten. Er verwendet sie gerne. Schon in The Dark Knight Returns treten Batman und Superman als die Streiter zweier unterschiedlicher Systeme auf. Ebenso wären Hartigan und der junge Roark (Sin City 4: That Yellow Bastard) oder Miho und Vito (Sin City 5: Family Values) zu nennen, obwohl es dort nicht um Politisches geht.
300 ist ein gutes Beispiel für einen Comic, der intelligenter scheint als manche seiner Leser. Das Thema Krieg ist hier zentral. Insbesondere beschäftigt Frank Miller die Frage, mit welchen Mechanismen man freie Männer dazu bewegt, ihr Leben auf dem Schlachtfeld zu lassen. In seiner Aktualität ist 300 beinahe unheimlich. Denn ob Krieg nun mit Speeren oder mit Panzern ausgetragen wird – es bleibt Krieg. Wer von diesem Comic als Millers Heldenepos schwärmt, hat den Autor und Zeichner vermutlich nur äußerlich begriffen. Die recht einfache Auflösung in Gut und Böse funktioniert hier nicht. Man muss vorsichtig sein und aufpassen, um die brillante Nüchternheit und Kritik wahrzunehmen, die unter der Oberfläche von 300 schlummert. Dann erst entfaltet sich die ganze Kraft dieses beeindruckenden Bildwerkes.
Am 5. April 2007 kommt die Verfilmung von 300 in die deutschen Kinos. Es bleibt abzuwarten, wie Regisseur Zack Snyder (Remake Dawn of the Dead) mit der tiefgründigen Vorlage zu Werke geht. Erste Eindrücke (Trailer, Making Of, Wallpaper u.m.) gibt’s schon unter 300themovie.warnerbros.com (englisch) und auf der deutschen Seite von Warner Bros. zu sehen.
Und wer sich nicht an den Bildern sattsehen kann: Das Buch 300 – The Art of the Film ist vor kurzem erschienen, ebenfalls bei Cross Cult.
300
Text und Zeichnungen: Frank Miller
Cross Cult, Juni 2006
92 Seiten, Hardcover, vierfarbig; 29,80 Euro
ISBN 3936480303

Bildquelle: Leseprobe bei cross-cult.de
still life: silly
Daredevil: Father
Für diese Miniserie hat Marvel-Chefredakteur Joe Quesada selbst zu Stift und Papier gegriffen und die Story sowohl geschrieben als auch gezeichnet. Offenbar hat er dabei den Zeitaufwand gewaltig unterschätzt, denn die Erscheinungsweise der Einzelhefte in den USA war katastrophal: zweieinhalb Jahre lagen zwischen dem ersten und dem sechsten Heft, was man wahlweise peinlich, lustig oder unprofessionell finden kann.Dem deutschsprachigen Leser kann das egal sein, er bekommt die Geschichte in einem Rutsch, gesammelt im Paperback 100% Marvel 25. (Anmerkung: der Rezensent hat die US-Originalhefte gelesen, allerdings auch in einem Rutsch).
Quesada erzählt eine relativ klassische Daredevil-Geschichte, die ihren Ausgang wie so oft in einem Fall nimmt, den der Anwalt Matt Murdock übernimmt, und die mal wieder davon erzählt, wie und warum dessen Alter Ego Daredevil sein Viertel Hell's Kitchen vor dem Verbrechen schützen muss. Diesmal hat es Daredevil mit einem Serienkiller zu tun, außerdem wird er von einem bisher unbekannten Superheldenteam namens Santerians belästigt.
Quesada hat diesen Comic seinem Vater gewidmet und so spielt auch das Thema Vater-Sohn-Beziehung eine wichtige Rolle in der Geschichte. Wenn Superheldencomics versuchen, tiefsinnig und bedeutsam zu werden, bieten sie am Ende meistens doch nur oberflächliche Küchenpsychologie, und so ist es auch hier. Quesadas Rückblenden, wenn sich Daredevil an seine Anfänge, seinen Vater und an den Unfall erinnert, der ihn zum Superhelden machte, wirken aufgesetzt und beginnen ziemlich schnell zu nerven. Vor allem, weil Quesada dazu immer wieder die exakt gleichen Bilder benutzt, die ständig wiederholt werden, bis man sie kaum noch sehen mag.
Daredevil: Father ist eine solide Superheldengeschichte, die durchaus lesbar und spannend ist, die den Leser zwischendurch auf falsche Fährten lockt und eine halbwegs überraschende Auflösung bietet. Sein großes Vorbild Frank Miller, dem Quesada hier sichtlich nacheifert, kann er allerdings nicht erreichen, weder zeichnerisch noch erzählerisch. Die Story liest sich nicht wie aus einem Guss; hier merkt man eben doch, dass es viele Pausen in der Produktion der Serie gab. Die eingeflochtene Nebenhandlung mit dem jugendlichen Heldenteam Santerians ist völlig überflüssig, trägt nichts relevantes zur Geschichte bei und dient einzig dazu, die Serie künstlich aufzublasen und ihr ein paar zünftige Actionszenen zu verpassen.
Und Quesadas Zeichnungen waren auch schon mal besser. Hier neigt er gerne zu grotesk verzerrten Perspektiven, Gesichtsausdrücken und Körperproportionen. Normalerweise kein Problem in einem Superheldencomic, aber eher unpassend, wenn man versucht, eine möglichst realistische, urbane „Down-to-earth“-Atmosphäre zu kreieren.
Die selbstgesteckten Ambitionen, eine sehr persönliche und bedeutsame Daredevil-Story zu erzählen, erreicht Joe Quesada hier nicht. Man verpasst nicht viel, wenn man Father nicht liest. Daredevil-Fans sind mit der laufenden Ongoing-Serie viel besser bedient: Dort liefern die Kreativteams (Bendis/Maleev und deren Nachfolger Brubaker/Lark) spannende und intelligente Noir-Krimis. Und die erscheinen auch noch pünktlich.
100% Marvel 25: Daredevil: Father
Panini Comics/Marvel Deutschland; Februar 2007
Text und Zeichnungen Joe Quesada
Tusche: Danny Miki
Farben: Richard Isanove
172 Seiten; 16,95 Euro

US-Ausgabe:
Daredevil: Father
Marvel Comics
192 Seiten; Hardcover; 24,99 US-$
Bildquellen: paninicomics.de, www.milehighcomics.com/firstlook/marvel/ddfather/
Freitag? Anfängerfehler
Horst und sein Pony 22
Interview mit Ralph Ruthe
Ralph Ruthe, Jahrgang 1972, wurde durch seine langjährigen Veröffentlichungen im MAD-Magazin und seine Cartoonreihe Shit Happens bei Carlsen bekannt, für die er 2005 und 2006 den Sondermann-Preis der Frankfurter Buchmesse in der Kategorie „Cartoon“ erhielt.
Dabei ist er schon viel länger im Geschäft: bereits im zarten Alter von 14 Jahren textete er für das Kundenheft MIKE, wodurch er auch den Zeichner Hansi Kiefersauer kennen lernte und sich später für dessen Honk-Studios Käpt'n Blaubär-Geschichten ausdachte.
Ralph Ruthe hat bis jetzt an weit mehr als 5.000 Cartoons und Comicseiten mitgearbeitet. Seine Cartoons erscheinen regelmäßig in diversen Tagesezeitungen und werden auch als Sammelbände herausgegeben. Frauke Pfeiffer unterhielt sich für unser 1. Printmagazin im April 2006 mit dem gelernten Schriftsetzer, der sich 2001 selbstständig machte. Nun könnt Ihr das Interview auch online lesen.
Comicgate: Hallo Ralph, wie ich gelesen habe, wohnst Du in der Stadt, die es nicht gibt. Mir gefällt die Bielefelder Gegend von den Leuten her ja sehr. Schöner trockener Humor.
Ralph Ruthe: Für mich ist es einfach Heimat. Ich bin ja glücklicherweise in der Situation, fast jederzeit immer überall hin zu können, wo ich sein möchte, also Freunde in anderen Städten wie Hamburg und Berlin besuchen zu können. Da ist es mir aber ein mal mehr wichtig an einem Ort zu leben, wo ich mich richtig zu Hause fühle. Und das ist Bielefeld. Hier habe ich einen über Jahre gewachsenen Freundeskreis und sehr tolle Kontakte zu den lokalen Medien und der Künstlerszene. Hier entwickeln sich viele Dinge etwas natürlicher und direkter als zum Beispiel einer Stadt wie Berlin. Und das macht mir viel Spaß!
In Bielefeld leben für die Größe der Stadt ja jetzt nicht gerade wenige Comiczeichner (Dirk Schulz, Detlef Henke). Die kenne ich auch. In den letzten Jahren haben sich meine Kontakte innerhalb der Künstlerszene aber eher in die Richtung Humor und Comedy entwickelt. Ich bin zwar zuallererst Comiczeichner, aber mein Antrieb ist es, Menschen mit meiner Arbeit zum Lachen zu bringen.
CG: Bei Carlsen werden Du, Joscha Sauer und Flix als eine Art Cartoon-Dreigestirn gehandelt. Dabei bist Du ja schon reichlich länger im Comicgeschäft als die beiden, oder?
RR: Richtig. Mein erstes Buch Schweinskram erschien vor mittlerweile zehn Jahren (unglaublich, wenn ich darüber nachdenke). Allerdings sind wir drei
1.) sehr gut befreundet und transportieren diese Tatsache mit gemeinsamen Aktionen auch gerne nach draußen und
2.) ist es ja auch für einen Verlag von Vorteil, wenn das Programm eine gewisse Dichtheit und einen Zusammenhalt widerspiegelt. Diese Dichte entsteht durch die Vernetzung von uns drei Cartoonisten und die merkt man unseren Arbeiten schon an. Viele Leute merken zum Beispiel allein anhand unserer Gags, dass Joscha und ich viel Austausch und Kontakt haben. Davon abgesehen schustern wir uns untereinander immer mal wieder Gags zu. Da kann man in der Tat schon von einem Cartoon-Dreigestirn sprechen.
Wobei Flix ja eigentlich viel mehr großartiger Erzähler und Zeichner ist. Ein-Bild-Gags waren nie seine (wie er sagen würde) „Kernkompetenz“.
Carlsen hat aber noch mehr neue Künstler in der Pipeline, die demnächst mit neuem Material in unserer Richtung loslegen werden, zum Beispiel Martin Zak und auch Adam. Mit den beiden sind wir übrigens auch befreundet.
CG: Na ja, Carlsen wird da sicher auch nichts gegen haben, dass Ihr Euch gerne gemeinsam präsentiert. Ist ‘ne gute PR und eine Art Sicherheit, dass nicht der ein oder andere spontan abwandert.
Ich habe es damals schon Flix gefragt: so etwas wie Konkurrenzdenken oder Angst vor einer Überflutung des Cartoon-Marktes gibt es also nicht? Ich denke da an Trends (z.B. in der Musik), die so lange ausgekostet werden, bis sie irgendwann niemand mehr sehen respektive hören will. Was man vielleicht durch ein behutsameres Vorgehen hätte retten können.
RR: Ich empfinde den beiden gegenüber kein Konkurrenzdenken. Zunächst mal ist unsere Freundschaft viel zu fruchtbar für uns alle, als dass man sich da was neiden könnte. Wir haben alle was davon, dass wir uns untereinander austauschen und können voneinander lernen. Natürlich haben wir mit unseren Sachen unterschiedlich großen Erfolg. Wir schätzen aber gegenseitig die jeweiligen Qualitäten der Arbeit des anderen. Ich finde keinen von uns besser oder schlechter als den anderen im eigentlichen Sinne. Unsere Arbeiten sind für sich jeweils auf einem hohen Niveau. Joschas trifft momentan halt am meisten den breiten Geschmack. Das gönn ich ihm aber sehr!
Was die Überflutung betrifft, hab ich absolut keine Angst. Menschen wollen immer gut unterhalten werden und lachen. Und so lange wir uns alle weiter so viel Mühe geben wie bisher und auch selbst weiter Spaß dabei haben, wird es immer ein Publikum für unsere Bücher geben.
Bestimmte Trends sterben ja auch nicht pauschal aus, nur weil sie gehyped werden, sondern weil in diesem Zusammenhang oft die Qualität nachlässt. Wenn jetzt zum Beispiel alle Filmstudios mit einem Mal 3D-Animation machen, ist das grundsätzlich nichts Schlimmes. Schlimm ist nur, wenn darunter die Inhalte der Stories und die Animation selber leiden. Die guten Filme werden sich trotzdem immer durchsetzen, egal, wie viel Dreck zusätzlich produziert wird. Für das Publikum wird es halt etwas schwieriger, die Perlen rauszufinden. Da mach ich mir aber nicht so viel Gedanken drum. Ich kann ja nicht mehr tun als so gut sein wie möglich. Den Rest entscheiden die Leser!
Allerdings sag ich bei Carlsen schon meine Meinung zu neuen Projekten. Wenn die einen Titel bringen wollen, den ich scheiße finde, dann sage ich das auch. Die machen letztendlich natürlich trotzdem, was sie wollen.
CG: Für Deine Carlsen-Reihe Shit Happens erhieltest Du letztes Jahr (aktualisierende Anmerkung für die Online-Version: 2005 und nun auch 2006 – d. Red.) auf der Frankfurter Buchmesse den Publikumspreis „Sondermann“ in der Kategorie „Cartoon“.
Hattest Du Dir Chancen ausgerechnet und was bedeutet Dir das für Deine Arbeit?
RR: Ich hatte mir sehr gewünscht, den „Sondermann“ zu bekommen. Ob ich eine ernsthafte Chance hatte war mir nicht klar, bis ich ihn dann in der Hand hielt! Die Auszeichnung bedeutet mir sehr sehr viel. Er ist ein Publikumspreis. Wer ihn bekommt, entscheidet somit keine elitäre Jury, sondern die Fans selber. Und zu wissen, dass sich mehrere tausend Leute dafür eingesetzt haben, dass man eine Auszeichnung bekommt, das ist schon toll! Außerdem zieht sowas natürlich immer Medieninteresse nach sich, was der Popularität der Serie gut tut.
Ich hab ja schon sehr viel im Cartoon- und Comicbereich ausprobiert in den letzten Jahren. Da waren auch Werke bei, die ich aus heutiger Sicht alles andere als brillant finde. Ich war definitiv immer mit ganzem Herzen dabei und es war bei jedem neuen Buch mein oberstes Ziel, viele Menschen mit meiner Arbeit zu erreichen und Comics zu einem Thema zu machen, das auch Leute außerhalb der Fanszene begeistern kann. Dafür habe ich mich auf einige Kompromisse eingelassen, gerade bei den Ruthe-Report-Bänden, die bei DINO erschienen sind. Wir haben da viel am Reißbrett geplant, weil wir dachten, es sei der richtige Weg . Aber ich bereue diese Phase nicht, sie hat viel Spaß gemacht und ich habe daraus massenhaft gelernt. Vor allem, dass man Erfolg nicht planen und konstruieren kann.
Mit Shit Happens bin ich visuell und inhaltlich so nah bei mir und mache jetzt absolut nur das, was ich persönlich 100%-ig gut finde, ohne Einflüsse von einer Redaktion. Wenn das dann nicht nur kommerziell erfolgreich ist, sondern auch noch durch einen Preis ausgezeichnet wird, das macht einen schon sehr glücklich! Danke nochmal an alle, die für mich gestimmt haben!
CG: Wie bist Du eigentlich auf diese verrückten Cover von Deinen Cartoonbänden gekommen? Wird es die jetzt als „Markenzeichen“ immer geben?
RR: Das verdanke ich Jo Kaps, dem damaligen Cheflektor bei Carlsen (heute TOKYOPOP).
Nachdem ich die Idee zu dem Hasenmann-Cover vom ersten Shit Happens-Band hatte, fragte er mich, ob ich mir einen Plüschdruck vorstellen könnte. Im Verlag waren alle von dem Buch begeistert und wollten ihm durch diese Besonderheit noch eine Zusatzchance darauf verschaffen, in der Buchhandlung aufzufallen. Das hat gut funktioniert! Von da an hab ich mir für jedes nachfolgende Cover was Neues einfallen lassen. Aktueller Höhepunkt ist bisher für mich der Flossen-Titel. Die Serie entstand bereits vor sieben Jahren und schon damals habe ich von einem Gelkissen-Aquarium auf dem Buch geträumt. Irre, dass man es jetzt genau so auch wirklich kaufen kann!
So lange, wie mir die Ideen da nicht ausgehen, wird es dieses Special weiterhin geben. Außer bei dem Frühreif-Band, der im Herbst kommt (aktualisierende Anmerkung für die Online-Version: gemeint ist Herbst 2006, der Band ist also mittlerweile erhältlich – d. Red.). Aber das ist ja auch ein richtiger Comic – andere Liga.
CG: Das Aquarium von Flossen ist wirklich eine witzige Sache. Die Cartoons fand ich manchmal etwas holzhammermäßig …
RR: Ja, mit den Flossen-Gags ist das natürlich wie bei allem: man kann unmöglich jeden Humor treffen. Ich sag immer, wenn du nur bei einem Drittel wirklich lachen musstest, bin ich schon echt zufrieden. So eine hohe Trefferquote erreichen bei mir die allerwenigsten Comedy-Sendungen.
CG: Hast Du eigentlich noch Kontakt zu Jo Kaps?
RR: Jo und ich sind nach wie vor befreundet. Wenn ich in Hamburg bin, treffen wir uns in der Regel auch, essen zusammen und quatschen ein paar Stunden. Viel mehr Kontakt ist auch schon fast nicht drin, weil dieser Mann einfach permanent arbeitet.
CG: Worum geht es in Frühreif, und wie unterscheidet es sich von Deinen sonstigen Arbeiten?
RR: Frühreif ist ja meine älteste Serie. Erste Seiten davon hab ich gemacht, als ich 16 war. Erste Strips sind in Zeitungen erscheinen vor elf Jahren. Seit mittlerweile sieben oder acht Jahren läuft die Serie in der WAZ. Inzwischen sind noch drei weitere Zeitungen dazu gekommen.
Frühreif ist meine Vorstellung von einem witzigen Jugendcomic. Sie handelt vom Alltag meines Alter Ego mit dem Namen Ralfi.
Die meisten Serien in diesem Genre handeln von Kindern, die ihren Eltern und Lehrern Streiche spielen, Fußball bolzen und einen hochintelligenten Professor in der Bande haben, der aberwitzige Erfindungen macht.
So war meine Kindheit absolut nicht. Mich haben als Kind vor allem Mädchen interessiert – und Abhängen mit Kumpels, wobei stundenlang sinnlos rumphilosophiert wurde. Und so gehts auch Ralfi. Der ist aber natürlich noch viel zu klein, um von irgendwas eine Ahnung zu haben. Außerdem wächst er mit Eltern auf, deren Rollenverteilung in der Ehe nicht den Standardklischees entspricht, tritt in Fettnäpfchen bei seinen Kontakten mit ausländischen Mitschülern, versagt beim Klavierunterricht und jammert beim Schulpsychologen.
Von meinen anderen Arbeiten unterscheidet die Serie sich vor allem durch den konsequenten Einsatz von festen Figuren und die Erzählform Comic. Frühreif gibt es als Drei-Panel-Strip und Vier-Panel-Onepager. Für mich eine schöne Abwechslung zu den Ein-Bild-Cartoons.
Das Buch wird sehr schön. Es enthält ein Best Of aus den bisher erschienen vier Alben, allerdings alles neu gezeichnet, neu koloriert und inhaltlich chronologisch geordnet. Das heißt, Figuren und ihre Charaktere erklären sich jetzt viel besser und werden nachvollziehbarer. Es wird Zeit, dass dieses Buch endlich kommt, denn die Frühreif-Alben lagen weit hinter dem, was die Serie sein könnte. Mit dem kommenden Buch setze ich meiner Meinung nach da eine neue Marke. Wird ein richtig schöner, sehr lustiger Comicband.
CG: Also geht das in Richtung Autobiographie? Wobei aber der Grundtenor wieder Humor ist, nehme ich an?
RR: Ja, es ist ein Gagstrip. Und er ist insoweit autobiografisch, als dass die Figur an meinen Charakter angelehnt ist, als ich noch Kind war. Das dient aber einfach nur als Stütze, weil ich die Figur dann in bestimmten Situationen besser einschätzen und agieren lassen kann. Ralfis komplettes Umfeld ist aber fiktiv und streift nur hier und da die Realität.
CG: Was gibt es von der geplanten Verfilmung zu berichten?
RR: Die Arbeiten an der Fernsehserie liegen seit etwa einem Jahr auf Eis. Es gibt einen etwa achtminütigen Piloten, den der WDR finanziert hat. Mit diesem Piloten waren eigentlich auch der Produzent (Hahn Film), der Sender und ich recht zufrieden. Allerdings waren dem WDR die Produktionskosten mit einem Mal zu hoch. Wir saßen zusammen in Köln um einen Tisch, als der Unterhaltungschef sagte: „Ja, schöne Sache. Aber Animation ist zu teuer. Lasst uns das Ganze doch mit Schauspielern machen.“ Da bin ich dann aufgestanden und gegangen.
Wie kurzfristig ist das denn bloß gedacht? Die Figuren müssten von Kindern gespielt werden. Und die werden älter! Die Serie wäre also in spätestens drei Jahren tot. Davon abgesehen hatte ich die Frühries niemals als Realverfilmung vor Augen. Viele Gags funktionieren nur als Trickfilm.
Also aktuell keine Fortschritte. Das macht mir aber nichts, weil mich meine anderen Projekte sehr ausfüllen. Außerdem fahre ich morgen nach Berlin, da ich von einer Produktionsfirma eingeladen worden bin, mit ihnen gemeinsam ein komplett neues TV-Animations-Konzept für Nickelodeon zu entwickeln. Das find ich interessant. Es geht also weiter, aber erst mal ohne Frühreif …
(aktualisierende Anmerkung für die Online-Version: eine erste animierte Frühreif-Folge ist nun hier zu finden – d. Red.)
CG: Wie darf man sich eigentlich die Herstellung von so einer Animationsserie vorstellen?
RR: Bei Frühreif war es so, dass Character-Designs, Hintergründe und Drehbücher von mir waren. Teilweise auch die Storyboards. Anschließend wurde alles von CGI-Animatoren als 3D-Modelle nachgebaut und animiert.
Mir schweben neben Frühreif auch ein, zwei Inhalte vor, die sich für längere Erzählungen eignen und nicht per se reine Comedy sind. Ich weiß aber noch nicht, ob ich die als Comic umsetzen werde oder direkt zu Drehbüchern verfasse. Mal schauen …
CG: Genau das würde mich mal interessieren – ob Dir das ewige Gagschreiben nicht zu einseitig wird und Du kein Interesse daran hast, mal „ernstere“ Inhalte anzusprechen, eventuell dafür auch den Zeichenstil zu wechseln?
RR: Ich arbeite ja nicht im Humorgenre, weil ich es muss, sondern, weil mein Kopf voll ist mit Gags und ich einen Riesenspaß daran habe, mir absurde Situationen auszudenken und diese in Szene zu setzen. Ich hab mir das Gagschreiben also freiwillig ausgesucht und fühle mich damit sehr wohl.
Eine längere Erzählung mit mehr Tiefgang reizt mich trotzdem sehr! Und, ja: dafür würde ich meinen Zeichenstil wohl auch etwas modifizieren. Viel Spielraum gibt es nicht. Ich bin kein begnadeter Grafiker. Meine Stärken kenne ich aber sehr gut – Mimik, Gestik, plakative Inszenierung. Und die sind ja auch in einer längeren Story mit interessanten Hauptdarstellern von Vorteil.
Bevor ich ein solches Projekt in Angriff nehme, muss ich aber völlig von meiner Geschichte überzeugt sein. Und da hab ich noch sehr viel Arbeit vor mir. Die Zeit der Schnellschüsse ist bei mir vorbei.
CG: Neben Carlsen veröffentlichst Du schon seit acht Jahren Arbeiten im MAD-Magazin. Wo liegt da der Unterschied für Dich – kann man sich da Sachen erlauben, die bei Carlsen nicht möglich wären?
RR: Eher andersherum. Bei meinen Büchern und auf meiner Homepage bin ich völlig frei.
Die MAD-Jungs dagegen müssen schon sehr an ihre Zielgruppe denken, denn das Heft liegt jeden Monat am Kiosk und muss sich verkaufen.
Inzwischen bin ich aber recht frei und die Redaktion lässt mich dankenswerterweise soweit eigentlich machen, was ich möchte. Früher musste ich themenbezogener arbeiten: Promiverarschungen, TV-Show-Parodien etc. Das fand ich irgendwann furchtbar und habe darum gebeten, mein Ding machen zu können. Und das darf ich jetzt zum Glück. Mittlerweile mache ich bei MAD vor allem Onepager, die meist ohne Text funktionieren. Auch da kann ich schön meine Neigung zum Darstellerischen, Schauspielerischen ausleben. Das macht mir viel Spaß und kommt auch bei den Lesern an.
CG: MAD will ja bewusst mitunter derbe sein. Ich dachte halt, dass so etwas vielleicht nicht bei Carlsen möglich wäre.
RR: Mir geht es bei meinen Sachen nie um Provokation. Von daher ist der „was ist bei dem Verlag möglich“-Faktor für mich nicht so relevant. Bestimmt gibt es immer wieder Arbeiten von mir, an denen manche Menschen Anstoß nehmen. Aber das ist nicht mein Ziel, sondern liegt einfach an der unterschiedlichen subjektiven Wahrnehmung von Humor.
MAD ist grundsätzlich schon derbe, richtig. Vor allem, was Ekelgrenzen und bestimmte Gewaltdarstellungen betrifft. Vieles von dem, was im deutschen MAD veröffentlicht wird, ist absolut nicht mein Humor. Trotzdem ist es für mich immer noch eine gute Veröffentlichungsmöglichkeit, natürlich auch eine regelmäßige Einnahmequelle und definitiv ein Türöffner bei vielen beruflichen Kontakten. Als „MAD-Zeichner“ hat man bei vielen Redaktionen, Produktionsfirmen und Fernsehsendern oft sofort einen gewissen Status.
Ich möchte bei aller inhaltlicher Kritik von meiner Seite aber noch betonen, dass ich mit der MAD-Redaktion privat gut befreundet bin. Ich mag die Bande menschlich unheimlich gerne und das ist natürlich auch immer ein wichtiger Faktor für Zusammenarbeit. Wir ham reichlich Spaß!
CG: Werden Deine Sachen dann auch in fremdsprachigen MAD-Magazinen aufgenommen? Oder sind die sehr auf Deutschland zugeschnitten?
RR: Die Sachen, die ich fürs deutsche MAD mache, erscheinen nicht im Ausland. Allerdings gibt es Sachen von mir im ausländischen MAD!
Denn sowohl Flossen als auch Shit Happens erscheinen in ausländischen MAD-Versionen. Ich glaube, in Polen, Schweden und noch irgendwo. Das läuft aber alles über meine Lizenzagentur Bulls, daher weiß ich es leider gerade nicht so exakt.
CG: Bekommst Du eigentlich Leserresonanz, merkst also, was besser ankommt und was schlechter?
RR: Leserresonanz bekomme ich viel per E-Mail, ja! Eigentlich vergeht kein Tag ohne elektronische Leserpost oder Gästebucheintrag. Ich find das super, wenn ich weiß, was wie ankommt!
CG: Schaffst Du es , auf die Leserbriefe zu antworten?
RR: Ja, ich beantworte jede E-Mail!
CG: Sehr beliebt sind ja auch Deine Anzeigenverarschen „Ruthe reklamiert“. Ich habe gelesen, dass die sogar bei den verulkten Firmen meist gut ankommen. Aber trotzdem: begibt man sich da nicht in Gefahr von Urheberrechtsverletzungen? Oder lasst Ihr es drauf ankommen?
RR: Was wir in MAD machen läuft alles unter Satire. Dieser Bereich ist im als so oft humorlos gescholtenen Deutschland ziemlich gut abgesichert. Ich kann also parodieren was ich möchte, kein Problem!
Wenn die Firmen wollten, könnten sie mit Sicherheit klagen. Nur bringen würd‘s nix.
CG: Reden wir noch ein bisschen allgemeiner über Dich. Welcher war der letzte gute Comic, den Du gelesen hast?
RR: Ich bin im Abo vom Reprodukt-Verlag. Dadurch bekomme ich nicht gerade selten gute Comics direkt ins Haus (sehr zu empfehlen). Ich mochte sehr gerne den zweiten Teil von Manu Larcenets Der alltägliche Kampf. Sehr gut gefallen hat mir auch der aktuelle Monsieur Jean von Dupuy/Berberian und beim letzten Herr Hase von Trondheim hatte ich einen Kloß im Hals. Klasse war wie immer der neue ZITS, um auch was aus dem Humorbereich zu nennen. Und The Black Beach von Robert Labs hat mir ebenfalls gefallen. Robs Zeug ist schon ein bisschen wirr, aber er ist ein geiler Zeichner und hat teilweise sehr schöne, bekloppte Ideen.
Ach, ich sollte ja nur einen nennen. Tschuldigung.
Blankets (Speed Comics) habe ich übrigens auch noch verschlungen. Wunderschön!
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CG: Welcher ist Dein persönlicher Lieblingscartoon (von Deinen eigenen und von anderen)?
RR: Oh, schwierig! In meiner Cartoon-Top-10 der Cartoons von Kollegen ist Perscheid mit seinen „Frauenparkplätzen“ sehr weit oben. Gary Larson hat reichlich tolle Sachen abgeliefert und Joscha hatte außerdem mal das wunderbare Ding mit dem Jungen, der Axt und der kleinen Katze gemacht, wo die Mutter den Raum verlässt und sagt: „Mach keine Dummheiten“, oder so ähnlich. Super, weil alles Weitere dem Betrachter überlassen wird.
Einer meiner persönlichen Besten dürfte der mit der Kissenschlacht und dem Fakir in der Jugendherberge sein. Aber ich muss gestehen, dass ich von mir fast alle mag. Sonst hätte ich sie nicht gezeichnet!
CG: Wie siehst Du momentan die deutsche Comicszene, soweit Du das mitbekommst? In der letzten Zeit hat sich ja doch einiges getan (zum Beispiel Zurückfahren der Frankobelgier bei den großen Verlagen).
RR: Das kann ich so gar nicht sagen. Ich lese und kaufe nach wie vor gerne Comics und für mich sind auch immer wieder tolle Sachen dabei. Mich persönlich lässt es kalt, wenn Blaue Boys oder ähnliche staubigen Serien nicht oder nur noch bei kleinen Verlagen weiter laufen.
Entwicklungen sind normal, gehören zu jedem Medium dazu. Und wenn heute keiner mehr die klassischen frankobelgischen Sachen und Superhelden lesen will, dann ist das eben so. Stattdessen tut sich in der deutschen Szene ja recht viel. Neue Stile, neue Erzählweisen und neue Veröffentlichungsformen (Internet). Ich bin sehr optimistisch, aber ich war und bin ja mit meinem Cartoon- und Strip-Material sowieso immer der Funny-Mainstream-Bereich. Und der hat ja in Deutschland eigentlich noch nie einen sonderlich schweren Stand gehabt.
CG: Macht Dir das Schreiben genauso viel Spaß wie das Zeichnen? Schließlich musst Du Dir ja viele Lügengeschichten für Käpt‘n Blaubär ausdenken … Werden die eigentlich von Walter Moers abgesegnet?
RR: Ja, sowohl das Schreiben als auch das Zeichnen hasse/liebe ich gleichermaßen. Je nach Tagesverfassung und Laune das eine mehr und das andere weniger. Soweit ich weiß hat Moers bei Blaubär fast nichts mehr zu sagen.
CG: Wenn Du Dir jemand aussuchen könntest, dem Du eine Frage stellen dürftest (ob tot oder lebendig), wer wäre das und was würdest Du fragen?
RR: Fragen habe ich keine, an niemanden!
CG: Kein Vorbilder, keine Personen, die Du bewunderst?
RR: Doch, absolut! Große Vorbilder waren/sind für mich Franquin, Marcel Gotlib, Matt Groening, Goscinny und Jerry Seinfeld.
Ich würde mit jedem von denen auch gerne ein langes Gespräch führen. Trotzdem gibt es nicht die eine Frage, die ich ihnen stellen möchte. Sie kennen zu lernen, erleben zu dürfen – das wäre aber natürlich ohne Zweifel großartig!
CG: Du bist auch ein sehr musikbegeisterter Mensch. Welche CD befindet sich gerade in Deinem CD-Player, und welche sind die drei peinlichsten Lieder in Deiner MP3-Sammlung?
RR: In diesem Augenblick läuft das Album von David Kitt. Ich höre sehr gerne Singer/Songwriter-Sachen, aber auch viel Elektronisches. Am liebsten noch Gruppen, bei denen sich diese Genres überschneiden, zum Beispiel Bran Van 3000 – sensationell.
Die drei peinlichsten Lieder auf meinem MP3-Player sind übrigens:
– „Du trägst keine Liebe in dir“ von Echt
– „L‘amour toujours“ von Gigi D‘Agostino
– „I believe“ von BroSis
Mein Gott, die gehen echt ganich!!!
CG: Zum Abschluss: was gibst Du interessierten Zeichenanfängern mit auf den Weg? Irgendwelche Tipps für Einsteiger ins Comicgeschäft?
RR: Üben, üben, üben! Wenn Ihr wirklich Comiczeichner werden wollt, dann werdet Ihr es auch!
CG: Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für uns genommen (und unser Printmagazin sehr unterstützt) hast, Ralph!
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www.ruthe.de
www.ruthe-reklamiert.de (Ruthes Werbeparodien für das MAD-Magazin)
www.die-fruehreifen.de (Website zu Frühreif mit momentan über 150 Comicstrips)
www.carlsen.de
www.madmag.de
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Foto Ralph Ruthe: Copyright Wolfgang Holm
Zeichnungen: Copyright Ralph Ruthe
