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Marvel Exklusiv 68: Daredevil – Dekalog

 Daredevil hat seinen Erzfeind, den Kingpin, der die kriminelle Szene im New Yorker Viertel Hell's Kitchen beherrscht, geschlagen und sich selbst zum neuen Kingpin erklärt. Seitdem ist ein Jahr vergangen, und diese Storyline soll erzählen, was in der Zwischenzeit passierte. Die Rahmenhandlung spielt im Keller einer Kirche, wo sich eine Art Selbsthilfegruppe von Leuten trifft, die mit Daredevil zu tun hatten. Da ist der Sohn eines Gangsters, der wegen Daredevil im Knast sitzt, da ist eine Frau, die Zeugin wurde, wie DD ihren Dealer-Freund aufmischte, da ist die Gattin eines Serienmörders und eine, die beinahe dessen Opfer wurde. Und da ist die Frau, die Trauzeugin bei Matt Murdocks Hochzeit war.

Sie alle berichten in Rückblenden von ihren Erfahrungen mit dem Superhelden. Und nur in diesen Rückblenden sehen wir, sparsam eingesetzt, kleine Action-Einlagen mit Kostümen. Diese kurzen Actionszenen spielen sich völlig „geräuschlos“ ab, also ohne Dialoge und Soundwords, was einen interessanten Verfremdungseffekt ergibt.

Ansonsten besteht „Dekalog“ zum Großteil aus „Talking Heads“, also aus langen Gesprächen zwischen den Protagonisten, mittlerweile ein Markenzeichen des Kreativteams Brian Michael Bendis und Alex Maleev. Wer sich daran stört, dürfte sich ohnehin längst von der Daredevil-Reihe verabschiedet haben. Der Rest weiß die Tatsache zu schätzen, dass er hier Superhelden-Kost der etwas anderen Art bekommt.

Die Storyline, deren Kapitel mit fünf der Zehn Gebote überschrieben sind, beginnt zunächst in kleinen, in sich abgeschlossenen Episoden, die in dem oben erwähnten Gesprächskreis erzählt werden, aber schon bald verknüpfen sich diese Erzählungen auf sehr spannende Weise. Im Mittelpunkt steht ein geheimnisvoller Dämon, eine Mischung aus Giftzwerg und Baby. Dieses übernatürliche Element passt leider nicht recht zu dieser Serie, deren Hauptmerkmal eigentlich ein realistisches Neo-Noir-Feeling ist. Auch die Verbindung zu den Zehn Geboten (Autor Bendis berief sich in Interviews auf sein großes Vorbild, den Filmemacher Krzysztof Kieślowski und dessen Dekalog-Zyklus) wirkt eher gezwungen. Außer auf den Titelbildern werden die Zehn Gebote nie erwähnt, und dort auch nur deren fünf.

Über diese kleinen Schwächen tröstet jedoch das hervorragende Storytelling hinweg. Bendis versteht es perfekt, Spannungsbögen aufzubauen, lange Dialogszenen mit knackigen Actionszenen abzuwechseln und eine beklemmende Atmosphäre der Angst und Unsicherheit, ja sogar ein gewisses Horror-Feeling zu erzeugen. Unterstützt durch den schroffen Strich von Alex Maleev und die düstere Farbgebung von Dave Stewart entsteht ein spannender, stimmungsvoller Mysterythriller, für den die Bezeichnung „Superheldencomic“ eigentlich total irreführend ist. Bendis und Maleev setzen damit ihren Daredevil-Run, der nun schon seit 45 (US-)Heften läuft, in den USA allerdings inzwischen beendet ist, konsequent fort.

Marvel Exklusiv 68: Daredevil – Dekalog
Marvel Deutschland/Panini Comics, Juni 2007
Text: Brian Michael Bendis
Zeichnungen: Alex Maleev
140 Seiten, farbig, Softcover; 16,95 Euro
Auch erhältlich als Hardcover; 25,- Euro

Eher düsterer Krimi als Superhelden-Story, echt lesenswert

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(Anmerkung: Die Rezension beruht auf der Lektüre der US-Originalausgaben)

Jonny Double

 Kurze, knackige Krimis zu besprechen, ist immer eine knifflige Angelegenheit: Sobald man anfängt, etwas über die Handlung zu erzählen, entsteht daraus ziemlich schnell eine Rutschpartie, auf der der Leser Spannung verliert. Man läuft schlicht und einfach Gefahr, beim Erzählen zu viel zu verraten. Der Leser reagiert verärgert, vollkommen zurecht, weil er die Geschichte selber lesen, weil er selber gerne überrascht werden möchte. Mit dem neuen Einzelband Jonny Double aus der Lizenzschmiede Cross Cult verhält es sich eben genau so.

Jonny Double ist ein spannender Krimi mit überraschenden Wendungen, über dessen Inhalt nicht zu viel verraten werden sollte. Das durch die Thriller-Serie 100 Bullets bekannte Duo Azzarello und Risso legte mit dieser Geschichte sein Debüt vor. Erschienen ist sie zum ersten Mal 1998, in vier Heftchen bei DC Comics.

Vielleicht ist es ja eine gute Lösung, über etwas anderes als die Handlung zu sprechen. Vielleicht lohnt es sich, eine interessante Nebensächlichkeit näher zu betrachten, die das ganze Szenario durchzieht, aber vielmehr zum Stil, zur Atmosphäre als zur Handlung beiträgt. Bei Jonny Double gibt es zum Glück solche Nebensächlichkeiten, die letzten Endes auch der Grund dafür sein dürften, warum man die Geschichte mehrmals liest.

Beim groben Blick über die Handlung fallen zwei verschiedene Gruppen auf, um die das ganze Geschehen kreist. Eine Gruppe vertritt dabei das Heute, die andere das Gestern. Jonny Double gehört zur letzteren. Um ihn herum gruppieren sich seine Kumpanen, Nebenfiguren, verkorkst, arm und kurz vor dem Ende. Zu nennen wären da Henry der Säufer oder Koo der Kiffer. Auch Larry der Barkeeper oder Otis der Hotelbesitzer gehören dazu. Jonny passt gut in diesen Kreis, vom Leben hat er nicht mehr viel zu erwarten. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Die Mitglieder der zweiten Gruppe sind beträchtlich jünger, noch fern der Dreißig, selbstbewusst und frech. Dexter, der freundliche Kiffer von nebenan, sitzt da am Tisch, gemeinsam mit dem Hacker Angel, der Sexbombe Faith und noch einigen anderen.

Damit die Geschichte ins Rollen kommt, beginnt natürlich eine Annäherung zwischen den beiden Gruppen. Der Fokus liegt dabei auf der Hauptfigur, auf Jonny. Zunächst sieht er sich bei der jüngeren Gruppe nur um, zieht sich wieder zurück und überschreitet schließlich aber eine Grenze. Er erinnert sich an die Zeit, als er noch jung war. Er sinniert, möchte vielleicht vergessen, dass er auf dem Abstellgleis des Lebens gelandet ist. Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger, da gab es noch Gemeinschaftssinn. Man wollte damals sein Bewusstsein erweitern und die Welt zu einem besseren Ort machen. Zu langsam realisiert Jonny, dass seine Zeit vorbei ist. Auf einer illegalen Party wird er Zeuge, wie junge Leute sich heutzutage amüsieren. Man nimmt Reißaus vor einer untergehenden Welt, in der nichts zählt und nichts mehr Bestand hat. Gemeinschaftssinn goodbye.

Jonny Double kämpft darum, etwas zurückbekommen, was es längst nicht mehr gibt. Als Leser wittert man intuitiv von Anfang an die Fallstricke, über die er am Ende stürzen wird. Die Sache kann einfach nicht gut gehen. Aber die Hauptfigur ist in ihrer Idee gefangen, und man kann sie nicht warnen. Bleibt nur Zugucken bis zum bitteren Ende. Und da steht bei solch einer Geschichte immer eine Entscheidung: Entweder stirbt die Hoffnung oder man stirbt selbst. Pointierter kann eine Crime-Noir-Story nicht sein.

Jonny Double
Cross Cult, Mai 2007 (Leseprobe)
Text: Brian Azzarello
Zeichnungen: Eduardo Risso
100 Seiten, vierfarbig, Hardcover; 14,80 Euro
ISBN: 9783936480566

Extrem spannende Crime-Noir-Story

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Rex Mundi 2 – Der unterirdische Fluss

 Wenn man bei Dark Horse stöbert, fällt einem schnell auf, dass sich dort Vieles um Horror dreht. Hellboy, Buffy und andere geben sich bei dem US-Verlag ein Stelldichein. Seit August 2006 veröffentlicht Dark Horse auch die Serie Rex Mundi. Das ist zwar weniger Horror und mehr Verschwörungsthriller, aber wer weiß diese Grenze im Angesicht von Dämonen und fanatischen Klerikern schon genau zu bestimmen?

Rex Mundi ist in diesem Jahr auch auf deutsch erschienen, und zwar in der Ehapa Comic Collection. Die ersten beiden Bände Der Wächter der Tempels und Der unterirdische Fluss sind inzwischen erhältlich. Es handelt sich dabei um Übersetzungen der ersten beiden US-Paperbacks, die in den USA noch bei Image erschienen waren. Jenseits des Atlantiks gibt es bereits zwei weitere, und zwei sollen noch folgen. Mit insgesamt also sechs Paperbacks soll die Serie in naher Zukunft abgeschlossen werden.

Rex Mundi ist ein Verschwörungsthriller mit christlich-religiösem Hintergrund, der in einem alternativen Frankreich des Jahres 1933 spielt. Hauptfiguren sind die zwei jungen Ärzte Dr. Julien Saunière und Dr. Genevieve Tournon. Sowohl Julien als auch Genevieve versuchen, in dem von der katholischen Kirche beherrschten Staat über die Runden zu kommen. So ergeben sich zwei Handlungslinien, die das grobe Erzählgerüst von Rex Mundi bilden. Julien und Genevieve kennen sich von früher. Offensichtlich verbindet sie eine einstige Liebesbeziehung, die beide nicht wieder aufflammen lassen möchten. Sie geben sich Mühe, bloß noch Freunde zu sein.

Julien und Genevieve bewegen sich auf unterschiedliche Art und Weise in König Ludwigs Frankreich. Genevieve pflegt ein gutes Verhältnis zu dem ehrgeizigen Herzog von Lorraine, der sich in offenem Streit mit dem König befindet und Herrschaftsansprüche auf das Heilige Land geltend machen will. Ob sie Lorraine wirklich gern hat, ist ungewiss. Sicher jedoch wäre ihr ein gesellschaftlicher Aufstieg, den eine Heirat nach sich zöge. Während Genevieve also eher auf eine Annäherung an die herrschende Klasse baut, setzt Julien auf Konfrontation. Der Auslöser dafür ist der Mord an seinem langjährigen Freund Pater Gérard Marin. Auf der Suche nach seinem Mörder stößt Julien auf allerlei Rätsel und Geheimnisse, die seit Jahrhunderten unter der Oberfläche der Macht schlummern. Anscheinend treiben die Tempelritter seit dem Mittelalter in Europa ein verborgenes Ränkespiel.

Was im ersten Band sehr verheißungsvoll begann, verliert im zweiten Band etwas an Fahrt. Das Gefühl einer unmittelbaren Bedrohung wurde in Band 1 vor allen Dingen vorangetrieben durch einen mysteriösen Killer, der Julien auf den Fersen war. In Band 2 fällt diese Figur fort. Stattdessen dominieren in Der unterirdische Fluss Rätsel, Beziehungen und Machtverhältnisse. Die Geschichte verdichtet sich. Am Ende sind alle Klarheiten beseitigt, zum Glück, denn ein allzu absehbares Ende wäre dem zweiten von sechs Bänden schließlich auch nicht zu wünschen gewesen.

Drei Dinge sollen zum Abschluss hervorgehoben werden, die bei Rex Mundi außerordentlich positiv hervorstechen. Zum einen ist da die Handlung. Obwohl man gelegentlich spürt, dass der Autor noch kein Veteran ist, und verschiedene Stellen etwas unübersichtlich, inhaltsschwer und trocken ausfallen, steht man doch beeindruckt vor seiner Leistung, was das Universum von Rex Mundi betrifft. In welchem anderen Comic findet man solch eine detaillierte und glaubwürdige Alternativ-Wirklichkeit?

Zum anderen sind da die Zeichnungen. Die Bildwelten des EricJ fallen weder besonders glatt noch dynamisch aus. Recht so, schließlich ist Rex Mundi kein Superhelden-Comic. Mit einer deutlichen Vorliebe für Einzelheiten und Schatten trifft er den Grundton der Geschichte außerordentlich gut. Manchmal wirken seine Figuren leider etwas hölzern, aber darüber lässt sich hinweglesen.

Dritter und letzter Punkt ist die hervorragende Aufmachung, die Ehapa Rex Mundi hat angedeihen lassen. Während herkömmliche Paperbacks gerne schnell aus dem Leim gehen, stimmt hier alles: Hardcover, ordentliche Bindung, dickes Papier. Keine Sorge, dass man bald einzelne Blätter in den Händen hält. So lässt sich Rex Mundi getrost mehrmals lesen. Wer Thriller mag, sollte sich diesen Spaß gönnen.

Rex Mundi 2 – Der unterirdische Fluss
Ehapa Comic Collection, April 2007
Text: Arvid Nelson
Zeichnungen: Eric Johnson
184 Seiten; vierfarbig; Hardcover; 20,- Euro
ISBN: 377046611X

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Rex Mundi – Offizielle US-Website

Toller Verschwörungsthriller

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676 Erscheinungen von Killoffer

 Es beginnt mit einem Traum: Patrice Killoffer, französischer Comiczeichner und Mitbegründer des Verlages L'Association, schließt, nachdem er von seiner Montrealreise zurückkehrt, seine Pariser Wohnung auf. Mit Angstschweiß auf der Stirn tritt er dem unerledigten und schmutzig zurückgelassenen Geschirrberg in seiner Spüle entgegen. Und das Geschirr… ja, es nimmt Besitz von ihm und lässt durch eine Art mutagenen Verschmelzungsprozess Killoffers Kopf eine Vielzahl kleiner Köpfe entsteigen.

Im Traum passiert das sogar bildlich, aber ohne sich übertrieben mit Traumanalyse beschäftigt zu haben, kann man zweifelsfrei das Besitzergreifen mit dem schlechten Gewissen des Träumenden gleichsetzen, dem der Abwasch einfach nicht aus dem Kopf gehen will. Aber um von der Situation, die Killoffer zu Beginn des Bandes so beschäftigt, wegzukommen, wäre es interessant, die vielen kleinen Köpfe zu thematisieren. Sie stehen für seine innere Zerrissenheit, seine vielschichtige Persönlichkeitsstruktur oder die unterdrückten Triebe. Und sie stehen für den Beginn eines wilden Psychotrips, auf den uns Killoffer mitnimmt. Der Franzose reflektiert auf kreative und sehr unkonventionelle Weise seine innere Befindlichkeit, fortan wird die Geschichte brutal, triebgesteuert, zynisch, aber auch tiefschürfend und ehrlich.

Im Restaurant, beim Einkaufen, in der U-Bahn, plötzlich sind Menschen nur noch anhand schemenhafter Umgrenzungen sichtbar und allein die zu erobernden weiblichen Geschöpfe sehen real aus. Killoffer analysiert durch Textabdrucke sein Verhalten, dabei begleiten ihn Duplikate seiner selbst, die ihm vorleben, was hätte sein können, wenn er sich hier und da anders entschieden hätte. Wäre er seinem Lustgefühl nachgekommen, womöglich hätte irgendeine Frau ihn heute nach Hause begleitet, so muss er sich halt stattdessen einen Pornofilm ansehen.

 Und plötzlich bevölkert eine Vielzahl von Killoffers die Wohnung, sie rauchen, trinken, ficken, kotzen. Als ob der Zeichner seine ansonsten unterdrückten schlechten Eigenschaften mal alle auf einmal ausleben und alle Konventionen vergessen will. Doch seine ungezügelten Trieb-Klone nehmen nicht nur überhand, sondern überfluten mit ihrer Dominanz Killoffers Wesen. Die Selbstbetrachtung endet im blutigen Gemetzel, das die Orgie abrupt beendet und einen aus dem Kompromiss der Persönlichkeiten hervorgehenden, normalen Killoffer überleben lässt.

Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer ist ein hervorragendes Album, das sehr hart über den Macher selbst urteilt. Es offenbart alle auffindbaren Aspekte eines menschlichen Geistes, indem sie ihnen zur gleichen Zeit freien Lauf lässt. Die Spaltung der eigenen Persönlichkeit dürfte in Comicform wohl ein Novum darstellen, gerade das macht diesen Comic als vorsätzliche Rebellion gegen die Zunahme an autobiografischen Comics und als Denkanstoß für ungewöhnlichere frische Erzählungen so interessant.

Killoffer inszeniert seine Idee clever, indem er seine menschlichen Duplikate hart miteinander konkurrieren lässt, nur um den innerpsychischen Kampf im Alltag zu versinnbildlichen. Letztlich war alles nur Imagination, Gedankenspiel, und der Protagonist steht wieder daheim vor seinem Abwasch, dem normalen Horror des Alltags. Ein großes Thema also, das mit dem Medium Comic in mehr als einer Hinsicht spielt und auch grafisch fasziniert, berührt und Ekel erzeugt. Ein viel größeres Kompliment kann man einem Zeichner wohl auch kaum machen. Einer der 676 Killoffers wird mir da schon Recht geben…

Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer
Reprodukt, März 2007
Text/ Zeichnungen: Killoffer
48 Seiten, schwarzweiß, Klappenbroschur, 12,00 Euro
ISBN 978-3-938511-33-6

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Die Legende der Drachenritter 2 + 3

Die Legende der Drachenritter 2 Eigentlich müsste die Serie nicht Die Legende der Drachenritter heißen, sondern „Die Legenden…“, denn in jedem Band wird eine andere, in sich abgeschlossene Geschichte um die Figuren aus dem Jungfern-Kriegerorden erzählt, die mit den anderen zwar verknüpft ist, aber nicht in einem solchen Maße, dass man ihr nicht mehr folgen könnte, wenn man den Vorgänger nicht kennt. Das ist ein sympathischer Vorteil der Reihe, weil man nicht zum Komplettismus gezwungen wird und auch in der Mitte einsteigen kann.

Wissen muss man für jeden Band nur das, was auf dem Rückcover steht: Dass niemand weiß, woher die Drachen kommen, aber dass sie, wenn sie irgendwo auftauchen, das schreckliche „Übel“ verbreiten, das Menschen und Tiere, ja sogar die Landschaft auf monströse Weise verändert. Gegen das „Übel“ und den Spürsinn eines Drachen gefeit sind einzig Jungfrauen. Und darum werden im Orden der Drachenritter Jungfrauen zu ebenso fürchterlich gut aussehenden wie tödlichen Kriegerinnen ausgebildet, um die Drachen dort, wo sie sich tummeln, zu töten.

In meiner Rezension zum ersten Band der Serie habe ich dieses Grundkonzept gehörig moniert, und zwar weil dahinter ja eine frauenfeindliche Denktradition steht, die unter anderem zu so grässlichen Sachen wie Hexenverbrennungen geführt hat. Denn der Jungfrauen-Drachen-Komplex leitet sich im Abendland ganz wesentlich aus dem Christentum ab (zum Beispiel aus phantasievollen Deutungen von Offenbarung 12). Wir bewegen uns mit den bösen Drachen und den reinen Jungfrauen also im Milieu von Sünde, Erlösung, Gut und Böse, und warum man als Frau keinen Sex haben soll, weil da nämlich immer gleich der Teufel seinen Schwanz mit reinsteckt.

In der durchaus spannenden Abenteuerhandlung des ersten Bandes wurde dieses Konzept einfach mal so in den Raum gestellt. In einer nicht-christlichen Fantasy-Welt gab es da halt das Böse, gegen das nur unbefleckte Frauen ankommen. Keine Erklärung, warum das da so ist. Und dass ausgerechnet die Frauen, die sexuell enthaltsam sind, mit den aufreizendsten Outfits und entblößten Busen in die Schlacht ritten, das wollte so ganz ohne nähere Erläuterung nicht einleuchten.

 Dafür gibt es aber nun den zweiten und dritten Band. Nicht bis in die hintersten Winkel religiöser und tiefenpsychologischer Implikationen, sondern ganz locker flockig werden hier Ansätze und Motivationen geliefert, die wunderbar in ein Fantasy-Abenteuer mit Drachen passen. Nicht erschöpfend und philosophisch, aber unterhaltsam und gut.

Und das sieht so aus: Akanah, die Titelheldin des Bandes, ist jenes Mädchen, das Jaina und Ellys im ersten Band gerettet haben. Mittlerweile ist sie Knappin und zusammen mit ihrer Kollegin Eleanor als Begleitung von Ritter Oris unterwegs zum Dogen von Pierrano. Das Luftschiff macht in Ishtar übernacht halt, die Knappinnen treiben sich verbotenerweise in den Straßen herum, liefern sich Kneipenschlägereien mit zudringlichen Männern und seufzen die Sterne an. Das Schiff nimmt den jungen Jan von Aeris, Priester und Kartograf des Ordens von Aman, auf. Jan besitzt ein Amulett seines Ordens, das ihn vor dem „Übel“ schützen soll.

Zwischen Drachenrittern und Amanpriestern besteht eine herbe Konkurrenz, was Akanah und Jan aber nicht hindert, sich nach anfänglichen Sticheleien ineinander zu verlieben. Ein Drache, der von einem anderen Ritter getötet werden soll, verbreitet sein „Übel“, das Pierrano bereits erreicht hat. Der Doge ist mutiert, weshalb die Reise umsonst war. Der frustrierte Jan schlägt sich allein in die nächtlichen Gassen und landet in einem Etablissement, das kleine Mädchen feilbietet. Denn der Aberglaube sagt, wer mit einer Jungfrau Verkehr hat, der bleibt sieben Tage vom „Übel“ verschont. Jan ist entrüstet und schlägt einen Freier zusammen. Da wird die Situation brenzlig, doch Akanah taucht im letzten Moment rettend auf, und danach verloben sich die beiden.

Oris beschließt, selbst gegen den Drachen zu kämpfen, nachdem ihre Kolleginnen versagt haben. Im spektakulären Endkampf klärt sich die Frage, ob denn das Amulett des Aman-Ordens nun wirkt oder nicht. Der Drache wird bezwungen, doch danach kommt so manches anders, als gedacht.

Die Handlung an sich ist weniger spannend und geradliniger als die des ersten Bandes, aber dafür transportiert sie sehr viel Hintergrund und faszinierende Details zu der Welt, in der die Legende der Drachenritter spielt. Politik, Glaube und Aberglaube werden beleuchtet, die Figuren bekommen Raum, um wichtige Nebensächlichkeiten ihres Charakters zu zeigen. Und das Drachenrittertum wird eingehender dargestellt. Wir erfahren, dass die Ritter sich nicht als Teil der Gesellschaft empfinden. Sie heiraten nicht, sie handeln nicht, sie herrschen nicht, aber wahrscheinlich sterben sie jung. Aus diesem Wissen heraus entwickeln sie eine Carpe-Diem-Mentalität und eine gehörige Portion Arroganz. Sie fühlen sich nicht an die herkömmliche Moral gebunden und sehen in ihrer freizügigen Kleidung einen Ausdruck ihrer Emanzipiertheit. Aus dem leichtfertigen Abenteuer des ersten Bandes wird in der Fortsetzung eine komplexere Welt, von der man mehr erfahren möchte.

So erfreulich die Entwicklung der Story ist, so zwiegespalten werden die Reaktionen zur Grafik sein, denn Philippe Briones hat einen eigenwilligen Zeichenstil, der ganz andere Wege geht als Varanda. Seine Figuren sind eigentümlich eckig und in die Länge gezogen. In den Hintergründen, vor allem den großen Stadtpanoramen verzichtet er teilweise auf eine perspektivisch korrekte Abbildung. So wirkt vieles ein bisschen krakelig, auch und besonders die Actionszenen, wo Formen genauso zu zersplittern scheinen wie die Knochen Erschlagener. Die Bilder stellen insgesamt also keine Augenweide dar, haben aber dennoch eine ungeheure Wirkung.

 

Die Legende der Drachenritter 3Optisch nochmal ganz anders kommt der dritte Band daher. Sylvain Guinebaud zeichnet sehr weiche, warme Konturen mit liebevoll gestalteten Fachwerkhäusern und Interieurs. Was die Erzählweise angeht, ist er sehr traditionell, viel weniger virtuos und effektvoll wie Varanda. Aber seine mitunter idyllischen Bilder sind sicher mit Abstand die Gefälligsten, das eine oder andre Augenpaar fällt beinahe in die Kitsch-Kategorie.

Die Reise in die faszinierende Welt der Drachenritter wird fortgesetzt. Mara wird in ein Dorf im Norden gerufen, um zu untersuchen, ob die dort grassierende Krankheit etwas mit dem „Übel“ zu tun hat. Ihr Weg führt sie durch Melina, wo sie einem Mädchen begegnet, das in ihr eine eigenartige Sehnsucht weckt. In besagtem Dorf geht die Pest um, aber Mara findet einen Hinweis, dass im unbewohnten Teufelsschlund im Lumak-Delta schon seit Jahren ein Drache hausen könnte. Sie beschließt, das Tier zu erlegen, bevor es eine Katastrophe gibt.

Wie so eine Katastrophe aussieht, zeigt der Beginn des Albums, wo die Schwestern der Rache in Aktion treten. Wenn die Drachenritter versagen, praktizieren diese geheimnisvollen Wesen ein Ritual, das alles Leben im Bereich des „Übels“ für tausende Jahre auslöscht. Das nennt man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, eine schöne Idee, die der Serie noch zusätzlichen Reiz verleiht.

 Parallel wird die Geschichte des Mädchens erzählt, das mit seinem Vater und Onkel Hairin Expeditionen unternimmt. Der Onkel und die blinde Saira sind nett zu ihm, aber seine Eltern machen ihm das Leben zur Hölle. Deswegen träumt es von Mara und ihren Abenteuern. Die Familie unternimmt schließlich eine Expedition zu den Minen im Lumak-Delta, doch nach einem Schiffbruch werden sie ausgerechnet in der Zone des „Übels“ an Land gespült. Bis auf die Kleine verwandeln sich alle Familienmitglieder in Monster, indem sie einfach nur ehrlich sind und sagen, was sie schon immer gedacht haben. Als der Drache auftaucht leben nur noch Hairan und seine Nichte, doch der Kampf mit dem Ungeheuer ist bei weitem nicht so spannend wie die Eskalation der familiären Tragödie davor.

Der Schwerpunkt des Albums liegt ganz auf dem Thema Familie, so sehr, dass die Drachenhatz eigentlich zur dekorativen Dreingabe verblasst. Hut ab, denn das gibt es in Fantasy-Abenteuercomics nun wahrlich nicht oft, dass psychologische Dramen so sehr die Oberhand gewinnen. Das heißt nun aber nicht, dass Action und Drachenjagd nicht nach wie vor spannend wären. Bis hin zu unwichtigen Nebenfiguren wird der Blick auf einzelne Charaktere vertieft. Und so wird die Phantasiewelt immer greifbarer, komplexer und überzeugender. In der letzten Sprechblase erfahren wir, dass wir das Mädchen schon aus Band zwei kennen. Eine saubere Pointe.

Trotz anfänglicher Nörgelei entwickelt sich die Legende der Drachenritter zu einer lohnenden und unterhaltsamen Lektüre und einer der besten ernsthaften, frankobelgischen High-Fantasy-Serien, die man hierzulande zurzeit bekommt. Ihr größter Trumpf sind und bleiben die Drachen, die aufgrund des „Übels“ einfach verdammt cool sind. Und schön, dass sich die Autoren zu dieser Grundidee immer bessere und differenziertere Geschichten einfallen lassen. Weiter so!

Gute Stories mit unterschiedlicher Optik

Die Legende der Drachenritter 2: Akanah
Splitter, März 2007
Text: Ange
Zeichnungen: Philippe Briones
Farben: Stéphane Paitreau
48 Seiten; farbig; Hardcover; Euro 12,80
ISBN: 978-3-939823-34-6

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Die Legende der Drachenritter 3: Das leblose Land
Splitter, Mai 2007
Text: Ange
Zeichnungen: Sylvain Guinebaud
Farben: Stéphane Paitreau
48 Seiten; farbig; Hardcover; Euro 12,80
ISBN: 978-3-939823-35-3

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Torpedo 2

 Torpedo – das ist zugleich ein Spitzname und ein Meisterwerk. Der Titel wurde geboren aus Angst und Schrecken. Er ziert Luca Torelli, seines Zeichens Auftragsmörder der Mafia. Schnell, hart und gewissenlos – so schlägt Torpedo zu. Die von Enrique Abuli und Jordi Bernet geschaffene Figur ist einer der markantesten Killer der Comic-Geschichte. Er treibt im New York der dreißiger Jahre sein Unwesen und erscheint seit 2006 bei Cross Cult in einer fünfbändigen Gesamtausgabe. Im Mai 2007 erschien Band 2. (Hier gehts zur CG-Rezension von Band 1.)

Neulich konnte man irgendwo lesen, dass es bei Torpedo keine Moral gäbe. Aber stimmt es wirklich, dass die Serie frei von Moral ist? Man kann Moral als ein Wertesystem verstehen. Das moralische System einer bestimmten Gruppe orientiert sich an gewissen Vorstellungen, was gut und was böse ist. Es fällt leicht, den Killer Torpedo als unmoralisch zu bezeichnen. Man signalisiert damit, dass man sich nicht zu seiner Gruppe rechnet bzw. dass man sich an einem anderen Wertesystem orientiert als er. Kunststück. Denn welcher Leser muss sich schon als harter, gnadenloser Killer auf der Straße durchschlagen?

 Aber gibt es im Leben von Luca Torelli wirklich keine Moral, keine Gut-Böse-Koordinaten? Wer den eigenartigen Sog erklären will, den Torellis grausame Welt auf den Leser ausübt, könnte sich mit dieser Frage genauer beschäftigen. Und Antworten finden sich in jeder Episode, zum Beispiel wenn Torpedo sich an einer Frau vergreift, einem Informanten eine Kugel verpasst oder einen Widersacher in Flammen setzt. In Torpedos Welt sind Gewalt, Rücksichtslosigkeit und Hinterhältigkeit legitime Mittel, um zu erreichen, was man will. Die Ziele des Killers sind klar und einfach: Es geht um Dollars, schöne Frauen und um Rache. Dumm ist, wer unbewaffnet auf die Straße geht oder anderen Vertrauen schenkt. Ein Kumpane, der den Gewinn schmählert, gehört erschossen. So ist das bei Torpedo eben.

 Natürlich soll Torpedo kein Vorbild sein. Die Serie will auch nicht die Wirklichkeit zeigen. Die Geschichten werfen den Leser hinein in ein moralisches Koordinatensystem, das anders sein dürfte, als alles, was er gewohnt ist. Insofern ist Torpedo ein ausgesprochen moralischer Comic, eben nur mit einer Definition von Richtig und Falsch, die dem gewöhnlichen Leser schwer im Magen liegt. Der unglaublich dynamische Strich und die zynischen Texte tragen ihr Übriges dazu bei, der Welt des Auftragsmörders Leben einzuhauchen.

In Bertolt Brechts Dreigroschenoper wimmelt es von berühmten Zitaten. Eines davon kommt aus dem Mund des Ganoven Mackie Messer, der unserem Torpedo gar nicht so unähnlich ist. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ sagt er an einer Stelle. Die Moral – das sind hier bürgerliche Vorstellungen von Gut und Böse. Aber das Fressen hat eben eine eigene Moral. Es ist die Moral des Gnadenlosen, des Gewalttätigen. Luca Torelli lehnt immer mit dem Rücken an der Wand, wie ein in die Enge getriebenes Tier. Er beißt wild um sich, um zu überleben. Und die Leser? Wir sind bloß Schaulustige mit vollen Bäuchen, die amüsiert zugucken.

Torpedo 2
Cross Cult, Mai 2007
Text: Enrique Sánchez Abuli
Zeichnungen: Jordi Bernet
152 Seiten; schwarzweiß; Hardcover; 18,- Euro
ISBN: 9783936480450

Schnell, hart und dreckig – Ein grandioser Comic für Erwachsene

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