Neueste Artikel

Die Chroniken von Wormwood 1


 Es ist jetzt gut 10 Jahre her, dass Garth Ennis sein Meisterwerk Preacher abschloss.  Für den irischen Autor offenbar lange genug, um sich dem Thema Religion mit Die Chroniken von Wormwood abermals zu widmen. Leider hat man bei seiner neuen Serie das Gefühl, dass Ennis' wildes Zerpflücken all dessen, was vom Christentum als heilig ausgerufen wurde, dem reinen Selbstzweck dient. Im Gegensatz zum verstrickten Preacher, sind hier Gewalt, Sex und Blasphemie allein dazu da, um die Story von einer vermeintlichen Frevelei in die nächste zu führen.

Danny Wormwood, Antichrist und Produzent umstrittener TV-Serien, befindet sich eigentlich auf der Erde um für seinen Vater Armageddon einzuleiten. Doch viel lieber hängt er in der Kneipe mit seinem Kumpel Jay (= Jesus) ab, der seinen angeordneten, zweiten Märtyrertod für die Menschheit ebenfalls verweigert. Zusammen mit dem sprechenden Hasen Jimmy begeben sich die beiden schließlich mit einem roten Cabrio auf einen Trip durch Himmel und Hölle. Dort nehmen Ennis' verquere Fantasien erst so richtig Formen an:

 Gott wird als sabbernder, unzurechnungsfähiger, alter Mann dargestellt, Jesus als zugekiffter Schwarzer und der Papst ist ein sexuell Perverser. Jimmy der Hase währenddessen terrorisiert Star-Wars-Fans auf Internetseiten und ahmt den Hitlergruß nach.

Ennis treibt es wahrlich auf die Spitze und lässt beinahe kein Tabu unangetastet. Zuweilen geschieht das eher plump, doch ich kann nicht behaupten, dass es mir beim Lesen keinen Spaß gemacht hätte. Die Chroniken von Wormwood lässt erzählerische Tiefe vermissen, wartet aber immer wieder mit kleinen absurden Ideen auf, die die durchschnittliche Story amüsant gestalten.

Sicher, wenn Wormwood dem Barmann seiner Stammkneipe eine Penisnase verpasst, mag das ein pubertärer Scherz sein, aber ganz ennistypisch zieht sich dieser dann auch durch den gesamten Band und lockert die Handlung regelmäßig als frivoler Running Gag auf.  So lassen sich viele der Begebenheiten in diesem Comic als übertrieben oder infantil verurteilen, letztlich muss man ihm aber zugestehen, dass er ohne die konsequente Grenzüberschreitung und den überbordenden Humor viel zu langweilig wäre. Der Reiz liegt hier im permanenten Tabubruch. Dadurch allein ensteht kein neues Meisterwerk, aber durchaus ansehnliche Unterhaltung.

Ob das geschmacklich noch vertretbar ist, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.


Die Chroniken von Wormwood 1
Panini Comics, Juni 2010
Autor: Garth Ennis
Zeichner: Jacen Burrows, Rob Stehen, Russ Braun, John McCrea
200 Seiten, farbig, SC, 19,95 Euro
Leseprobe

 

Ganz okay

 

Unterhaltsame neue Serie, die bewährte Ennis-Versatzstücke (Gewalt, Sex, Religion) noch mehr betont als bisher

Jetzt bei ComicCombo  anschauen und bestellen!

 

Onkel Dagobert – Aus dem Leben eines Fantastilliardärs


 Ursprünglich war der Band Aus dem Leben eines Fantastilliardärs von Ehapa als Antwort auf Don Rosas Comicbiografie Sein Leben, seine Milliarden angekündigt. „Dagobert Duck im Original“, so lautete die frühe Ankündigung. Immerhin läge es ja nahe, dass man alle Geschichten von Übervater Carl Barks, auf die sich Rosa stark bezieht, nun selbst in einem Band versammelt.

Leider hat man sich von dieser Ausrichtung schnell verabschiedet und die jetzt vorliegende Publikation lässt sich nunmehr „lediglich“ als ein Best-of von Barks' Dagobert-Storys bezeichnen. Dabei erübrigt sich selbstredend jegliches Mäkeln an der inhaltlichen Qualität, denn in der Tat findet man unter den 20 abgedruckten Geschichten viele ausgezeichnete.

Die Aufmachung ist ebenfalls zu loben, denn sie orientiert sich an der 2008 erweiterten Gesamtausgabe von Rosas Sein Leben, seine Milliarden. Man darf sich also einen weiteren dicken Hardcover-Brocken ins Regal stellen.

Wesentlicher liebloser erscheint da schon die redaktionelle Betreuung. Obgleich nicht alle enthaltenen Comics eine Vorlage zu Don Rosas späterer Dagobert-Biografie liefern, finden sich doch etliche Hinweise. Leider lässt man diese Bezüge völlig unkommentiert, ebenso wie Hintergründe zur Entstehungsgeschichte. Das zieht sich bis hin zu den Quellenangaben, die gleich komplett ausgeklammert werden. Wie, wann und wo die Erzählungen ursprünglich veröffentlicht wurden, darüber lässt man den Leser im Schatten.

Nicht ein Hauch ist zu spüren von der wunderbaren Betreuung, wie man sie in bereits genannter Edition zu Sein Leben, seine Milliarden erleben konnte. Streiten kann man sich sicherlich auch über Sinn oder Unsinn der Kapiteleinteilung. Die 20 Geschichten wurden sortiert in „Erinnerungen“, „Entenhausen“, „Rund um den Globus“ und „Auf Schatzsuche“. Thematisch wirkt das auf mich beim Lesen allerdings wirr und ein Stück weit willkürlich. Denn auch darüber, wie und warum man diese Auswahl für diesen Band getroffen hat, bleibt nur zu spekulieren. Diesbezüglich hat mir auch  ein einleitendes oder erklärendes Wort an der passenden Stelle gefehlt.

Stattdessen bekommt man auf ganzen sechs Seiten ein spitzfindiges und pfiffiges Intro von Journalist und Kolumnist Tillmann Prüfer vorgesetzt, welches mir irgendwie Fehl am Platze erscheint. Er beleuchetet darin Dagobert Duck als Geschäftsmann, bezeichnet ihn als „Antithese zum Investmentbanker“ oder „Kapitalist“. Prüfer schwadroniert über „Image-Shaping“, „Public-Relations-Berater“ und „Action-Unternehmer“. All das natürlich mit einem zwinkernden Auge und durchaus charmant. Nur über den fehlenden Bezug zum eigentlichen Inhalt des Bandes kann das nicht hinwegtäuschen. Ein kluger und witziger Text kann am falschen Platz eben doch manchmal arg befremdlich wirken.

Als einzigen Bonuspart in Aus dem Leben eines Fantastilliardärs ist ein doppelseitiges Organigramm des Duck-Trusts auszumachen. Die Begeisterung darüber dürfte sich nicht nur bei mir in Grenzen halten…

Natürlich besitzen die meisten Sammler ohnehin bereits alle in diesem Buch versammelten Geschichten (Nebenbei bemerkt erscheint seit kurzem bei Ehapa eine noch laufende Komplettreihe aller Dagobert-Storys von Barks). Trotzdem hätte man sich für diesen Best-of-Band mehr Mühe geben können: bessere redaktionelle Begleitung, Transparenz in der Auswahl, differenziertere Unterteilungen.

Was dennoch bleibt, ist eine verhältnismäßig günstige Publikation mit Top-Storys und die Garantie für viele unterhaltsame Stunden.

 

Onkel Dagobert – Aus dem Leben eines Fantastilliardärs
Ehapa Comic Collection, Juni 2010
Text und Zeichnungen: Carl Barks
416 Seiten, farbig, Hardcover; 29,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3384-1

Ganz okay

Tolle Comics in toller Aufmachung. Leider kann das redaktionelle Konzept so gar nicht überzeugen.

Jetzt bei ComicCombo  anschauen und bestellen!
Jetzt  bei amazon.de anschauen und bestellen!


 

Marvel Noir – Daredevil


 Seit einiger Zeit produziert Marvel Comics diverse Miniserien, in denen die bekanntesten Figuren des Verlags, wie Spider-Man oder Wolverine, in ein alternatives Setting versetzt werden. Hier sind sie keine Superhelden oder Mutanten, sondern Charaktere in Noir-Krimis, die die klassischen Zutaten der schwarzen Serie enthalten: düstere, dreckige Städte, gebrochene Helden, undurchschaubare Frauen und Verbrecher, die dem Gesetz immer einen Schritt voraus zu sein scheinen.

Das mag eine interessante Spielerei sein, wenn es sich um Marvel-Figuren handelt, deren reguläre Geschichten bunte, actionreiche Superheldenstories sind. Im Falle von Daredevil jedoch ist eine eigene Noir-Version im Prinzip völlig überflüssig – kein anderer Marvel-Comic bewegt sich derart nahe am Noir-Genre wie die Geschichten vom blinden Anwalt Matt Murdock, der nachts als kostümierter Held Verbrecher im schmutzigen New Yorker Stadtteil Hell's Kitchen jagt. Dies gilt für die von Frank Miller in den 80er Jahren geschriebenen Hefte ebenso wie für die Ausgaben der letzten Jahre, als Brian Bendis und später Ed Brubaker als Autoren am Ruder waren.

 Wer also einen Daredevil-Comic im Stile eines Noir-Krimis lesen möchte, muss nur eines tun: einen ganz normalen Daredevil-Comic kaufen. Eine eigene Noir-Version dieser Serie scheint etwa so sinnvoll wie die Ankündigung einer speziellen Milka-Edition in der Geschmacksrichtung Schokolade. Was also können Autor Alexander Irvine und Zeichner Tomm Coker dem „Mann ohne Furcht“ hinzufügen, was er in der regulären Reihe nicht hat?

Um es gleich vorwegzunehmen: fast nichts. Die Geschichte mit dem Titel „Blindes Vertrauen“ ist im New York der Prohibitionszeit angesiedelt, und Matt Murdock ist nicht Anwalt, sondern Gehilfe des Privatdetektivs Foggy Nelson (im „normalen“ Marvel-Universum haben die beiden Freunde eine gemeinsame Anwaltskanzlei). Ansonsten ist fast alles wie gewohnt: Matt ist zwar blind, hat seine anderen Sinne aber umso mehr geschärft, sein Vater, ein Preisboxer, wurde vor Jahren ermordet, was Matt immer noch ziemlich müde macht, und die Unterwelt wird beherrscht vom glatzköpfigen Wilson Fisk alias Kingpin. Selbst das Kostüm, mit dem Daredevil über die Dächer von Hell's Kitchen hüpft, sieht nicht wesentlich anders aus als sonst.

 In der Story geraten Murdock und Nelson zwischen die Fronten im Konkurrenzkampf zweier Gangs, die ein gutes Geschäft mit dem Handel von illegalem Alkohol machen. Dabei spielt eine schöne, geheimnisvolle Frau eine wichtige Rolle – die unvermeidliche Femme Fatale, die in keinem Noir-Krimi fehlen darf. Das ist leidlich spannend, aber nicht besonders originell oder innovativ. Zeichnerisch hingegen kann der Comic überzeugen: Tomm Coker bringt eine düster-schmutzige Welt zu Papier, voll von schwarzen Schatten und vielen kleinen Störungen wie Farbsprenkel und Kratzer, die an die Projektion einer sehr alten Filmkopie erinnern. Sein Artwork passt bestens zu dieser Geschichte und sorgt für eine finstere Atmosphäre.

Unterm Strich bleibt eine durchwachsene Daredevil-Story, die ohne große Änderungen ebenso in der Stammserie stattfinden könnte; nur ist dort die Qualität in der Regel deutlich höher. Das Projekt Daredevil Noir ist letztlich eine überflüssige Angelegenheit. Zeicher Tomm Coker jedoch kann sich gerne als regulärer DD-Zeichner bewerben, er wäre dort bestens aufgehoben.

Marvel Noir – Daredevil
Panini, Juni 2010
Text: Alexander Irvine
Zeichnungen: Tomm Coker
108 Seiten, Softcover, farbig, 14,95 Euro
Leseprobe bei MyComics

Nicht so prickelnd

Überflüssig, aber grafisch sehenswert

Jetzt bei ComicCombo  anschauen und bestellen!

Abbildungen: © Marvel Comics, Panini Comics

 

Der Zombie Survival Guide – Dokumentierte Angriffe

CoverMax Brooks hat mit den Büchern Zombie Survival Guide und World War Z (dt. Wer länger lebt, ist später tot) vor einigen Jahren zwei große Würfe im Zombiebereich getätigt. Der Clou daran war ihr Daherkommen als Sachbuch – das erste als Überlebenshelferlein, das zweite als Sammlung von Interviews mit Betroffenen. Im Zombie Survival Guide gibt es ein Kapitel, das „bewiesene“ Zombieangriffe auflistet.

Diese Sammlung ist nun die grafische Umsetzung zwölf dieser Angriffe, von 30.000 vor Christus bis 1992. Der Charakter einer Dokumentation wurde dabei strikt beibehalten. Die unterschiedlich langen Beiträge haben oft keine Pointe, erzählen keine packenden Geschichten, die nun mal oft von der Übertreibung und Fiktion leben. Es sind einfach „Fakten“, die Beispiele von „echten“ Zombiebegegnungen geben, die bis weit in die Geschichte der Menschheit zurückreichen und bei denen die Menschen mal die Konfrontation überleben, mal nicht. Wegen der kurzen Beiträge und der dadurch kaum möglichen Charakterisierung ist einem das Schicksal der Figuren aber herzlich egal. Dazu kommt noch die geringe Textmenge, die diesen Band rasch durchlesen lässt.

Ergötzen können sich Zombiefans wenn nicht am Inhalt, dann zumindest an den detailreichen Zeichnungen vom Brasilianer Ibraim Roberson, die in schwarz-weiß gehalten sind und vor Gore definitiv nicht zurückschrecken. Trotzdem ist mir nicht klar, welche Lesergruppe dieser Band anvisiert. Inhaltlich ist das Ganze bereits seit mehreren Jahren verfügbar und erhält keine neue Komponente durch die Verbildlichung, als alleinstehender Comic funktioniert es aufgrund des trockenen Charakters nicht. Wer sich ein Bild machen will, kann sich auf der Produktseite des Originalherausgebers Random House ein Video (das durch seinen schnellen Schnitt viel mehr Dynamik vorgaukelt, als sie der Band zu bieten hat) sowie ein Beispielkapitel anschauen.

Der Zombie Survival Guide – Dokumentierte Angriffe
Panini Comics, Juli 2010
144 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
16,95 Euro

Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen!Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Die lange Nacht von Saint Germain des Prés

CoverÜber mehrere Alben hinweg war es dem französischen Künstler Jacques Tardi vorbehalten, die Romane über die Fälle des Privatdetektives Nestor Burma (geschrieben von Léo Malet) als Comic zu adaptieren. Mittlerweile hat Tardi den Zeichenstift an Emmanuelle Moynot weitergereicht, von dem in Frankreich bislang drei Werke vorliegen. Das erste davon in deutscher Übersetzung fand jetzt Platz in der jüngst geschaffenen Noir-Reihe von Schreiber & Leser.

Dabei wird man den kreativen Wechsel beim Reinblättern in „Die lange Nacht von Saint Germain des Prés“ vielleicht gar nicht sofort bemerken. Moynot hält inhaltlich nicht nur an der Romanvorlage Malets fest, sondern kopiert Tardis Zeichenstil nahezu perfekt. Offenbar ist das auch ein erwünschter Aspekt, wird doch bereits auf dem Cover auf Tardis ursprüngliche Figurenentwürfe hingewiesen.

So schlendert auch im neuesten Comicband Nestor Burma mit Pfeife durch ein Viertel von Paris (diesmal ermittelt er im 6. Arrondissement Saint Germain des Prés), stolpert über Leichen, trifft sich mit Informanten und klärt ein Verbrechen auf. Ein klassischer Kriminalfall also, der sich auch im Kleinformat recht spannend liest und Jacques Tardis Arbeit gelungen fortführt. Im mehrseitigen Anhang werden die beteiligten Künstler aufschlussreich beleuchtet sowie die Schauplätze des Comics erläutert und auf einer gezeichneten Karte verortet.

Die lange Nacht von Saint Germain des Prés
Schreiber & Leser, Juni 2010
80 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 18,80 Euro

Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen! Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Der letzte Mohikaner


Cover von Der letzte Mohikaner „Schon wieder ein Indianer-Sezessionskrieg-Comic!“ könnte man denken, wenn man an die jüngsten Publikationen aus dem Hause Splitter denkt. Neben dem Splitter Book Canoe Bay sind zusammen mit dem ersten Band der Serie Bravesland erst vor kurzem zwei Comics erschienen, die sich mit dem England-Frankreich-Indianer-Sezessionskrieg in der Kolonialwelt Nordamerikas auseinandergesetzt haben. Mit Der letzte Mohikaner liegt nun nicht nur ein weiteres Buch in der Splitter-Books-Reihe vor, sondern ebenfalls eine weitere Arbeit, die sich diesem historischen Thema widmet.

Die Grundlage für Der letzte Mohikaner ist der gleichnamige Roman von Fenimore Cooper. Die französische Autorin Catmalou hat sich vom aufstrebenden und provokanten Comickünstler Cromwell (Anita Bomba) zunächst zu einer Mitarbeit beim Online-Magazin „El Coyote“ überreden lassen, woraus dann auch die Zusammenarbeit zu Der letzte Mohikaner entstanden ist. Gemeinsam haben sie die klassische Literaturvorlage als anspruchsvollen Comicroman adaptiert.

Kurz zusammengefasst geht es darum, dass sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts die verfeindeten Kolonialmächte Frankreich und England jeweils mit Indianerstämmen verbündet haben – die einen mit den Huronen und die anderen mit den Mohikanern. Die beiden Töchter des Kommandanten Oberst, Cora und Alice, wurden vom Huronen Magua entführt. Uncas, Chingachgook und Falkenauge brechen auf, um die Frauen aus der Gewalt Maguas zu entreißen.

Seite aus Der letzte Mohikaner Nun wird der klassische Stoff von Catmalou und Cromwell in Erzähltexte und Dialoge aufgebrochen und auf die Seiten oder Panels verteilt – was die beiden recht sperrig gelöst haben. Denn es gibt keine Textkästen und keine Sprechblasen. Die Texte, die sehr gewöhnungsbedürftig und ebenfalls sperrig gelettert wurden, stehen dadurch frei auf den kunstvollen Bildern. Die Dialoge sind dabei nicht immer durch Dorren bestimmten Handlungsträgern zugeordnet, wodurch es teilweise sehr schwer fällt, die jeweilige direkte Rede den entsprechenden Protagonisten zuzuordnen. Die Textauszüge sind ohnehin fragmentarisch und es wird dadurch sehr viel vom Leser abverlangt, wenn er das alles noch bewerkstelligen soll. Wenn man die Vorlage nicht kennt, ist es ein hartes Unterfangen, die Geschichte flüssig zu verfolgen.

Das ist umso mehr schade, da das Artwork phänomenal gestaltet ist. Die leicht skizzenhaften Zeichnungen werden von Cromwell (auf der Leinwand?) mit kunstvollen (Acryl-?)Farben koloriert, wodurch die Grafik stark expressiv und kraftvoll daherkommt. Die Bilder abwechselnd und phasenweise jeweils dreifarbig: schwarz, weiß und eine dritte Farbe (Ocker, Türkis, Magenta). Die dadurch düster gehaltene Grundstimmung erhält nur durch die jeweilige Farbwahl eine fast mystische Atmosphäre. Mit Spachtel und Pinsel hat Cromwell eine von Kratzern und Rillen durchfurchte Bilderwelt mit durch dick aufgetragene Farben erzeugten Strukturen geschaffen. Das ist nicht nur künstlerisch hochinteressant, sondern bietet auch ein Mehr an gestalterischen Möglichkeiten.

Die erzählerischen Mängel und die herausragenden Bilder halten sich insgesamt die Waagschale. Der letzte Mohikaner ist eine kunstvolle, innovative, provokative und anspruchsvolle Adaption. Vielleicht muss man dieses Werk auch einfach öfter als einmal lesen, damit sich der Text leichter erschließen lässt oder man sollte doch einmal einen Blick in die Vorlage werfen. Die Bilder sind ohne Zweifel eine herausragende Leistung, die dem Medium Comic den Wert als Kunstform einmal mehr unterstreicht.

Der letzte Mohikaner
Splitter, Juni 2010 (Leseprobe)
Text: Catmalou, Cromwell
Zeichnungen: Cromwell
Hardcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten, farbig; 19,80 Euro
ISBN: 9783868690996

Ganz okay

Grafisch hui – Erzählerisch pfui! Der sperrige und schwer zugängliche Text mindert das künstlerisch herausragende Artwork

Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen! Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © Cromwell, der dt. Ausgabe Splitter

Die Verwandlung


 Einen großen literarischen Klassiker in ein anderes Medium zu transportieren ist nicht immer leicht. Gerade Comickünstler, die ja unbebilderte Romane grafisch zum Leben erwecken müssen, laufen immer Gefahr, dass die Inhalte, die Atmosphäre und die Intentionen, die der Schrifsteller sich ursprünglich ausgedacht hat, durch eine Adaption in Comicform nicht korrekt erfasst oder gar trivialisiert werden. Auf der anderen Seite steht die Gefahr, dass am Ende ein Comicwerk entsteht, welches sich zu sklavisch an die Vorlage hält, der Künstler also nicht mutig genug ist, dem Stoff genügend Eigenständigkeit als Comic einzuräumen.

In der vorliegenden Adaption von Franz Kafkas berühmter Erzählung Die Verwandlung gelingt den Machern ein beeindruckender Spagat, der mich aber letztlich zwiespältig zurückgelassen hat. Der französische Szenarist Eric Corbeyran und der britische Zeichner Richard Horne halten sich nahe an der Vorlage, vor allem werden hier keine Experimente gewagt und auch beim Durchblättern erhält man bereits den (richtigen) Eindruck, dass die düstere, schwarzgeprägte Optik eine kafkaeske Stimmung erzeugen soll. Insofern kann von einer völlig freien Interpretation keine Rede sein und man merkt Recht schnell, dass ein solches Vorhaben wohl auch nicht funktioniert hätte.

 Eine spezielle künstlerische Freiheit stellte sich von selbst: Das Aussehen der Hauptfigur Gregor Samsa, der als „Ungeziefer“ (wie es Kafka in seiner Novelle nicht näher bezeichnet) in seinem Zimmer aufwacht, musste in irgendeiner Weise illustriert werden. Die Entscheidung fiel auf eine riesige Schabe. Sicherlich nicht das Verkehrteste, dies macht den Ekel und die Abneigung, die Gregors Familie ihm im späteren Verlauf entgegenbringt,  noch plausibler.

Die Verwandlung ist insgesamt ein sehr guter Comic geworden, der wohlgemerkt auch für diejenigen Leser interessant ist, die den zugrundeliegenden Stoff bislang nicht kennen. Die unerklärliche Verwandlung von Gregor Samsa und deren Nachwehen ergeben eine albtraumhafte Geschichte von Ausgrenzung, Abscheu und Angst. So gut es Corbeyran und Horne jedoch auch gelingt, einen tollen Comic vorzulegen, so schade ist es auch, dass das Gefühl der Angst, der Beklemmtheit, eben genau das, womit Kafkas Buch gekonnt spielt, sich bei dieser Adaption nicht so richtig einstellen will.

Paradoxerweise könnte man sagen, dass den beiden Künstler durch die Illustrationen automatisch ein Nachteil entsteht. Denn während sich Kafkas Leser seit Erscheinen des Buches stets nur in der subjektiven Vorstellung ausmalen konnten, wie Samsas Leidensweg als Ungeziefer aussehen könnte, bekommt man das Bild jetzt zugleich präsentiert. Ein Umstand, der diesen Klassiker natürlich ein wenig entzaubert.

 

Die Verwandlung
Knesebeck, August 2010
Szenario: Eric Corbeyran (nach den Texten Franz Kafkas)
Zeichnungen: Richard Horne
48 Seiten, farbig, Hardcover; 19,95 Euro
ISBN: 978-3-86873-266-5
 

Gut gezeichnete, eigenständige Adaption, die lediglich mit der Atmosphäre der Vorlage nicht ganz mithalten kann

Jetzt bei ComicCombo  anschauen und bestellen!
Jetzt  bei amazon.de anschauen und bestellen!


Abbildungen: © Knesebeck

 

Reiseführer Entenhausen


 Wo genau in Entenhausen befindet sich eigentlich Dagobert Ducks berühmter Geldspeicher? Wo steht das Geburtshaus des Stadtgründers Emil Erpel? Und welche Attraktionen darf man als Tourist sonst nicht verpassen? Für diese und viele weitere Fragen bedurfte es 13 Jahre akribische Forschung. Das Ergebnis ist der jetzt veröffentlichte Reiseführer Entenhausen.

Basierend auf den Comicgeschichten von Carl Barks ist dieses Kompendium schließlich entstanden. Jürgen Wollina hat jede Landschaft, jeden Hintergrund, jeden Hinweis einer Verortung in den rund 700 Barks-Erzählungen mühsam ausgewertet und anschließend versucht, die Stadt Entenhausen geografisch möglichst genau zu erfassen.

Der Reiseführer selbst ist tatsächlich genau im Stile eines solchen gehalten. Das mag sich seltsam anhören und war für mich beim ersten Aufschlagen eine echte Überraschung. Bereits auf Seite 1 wird man überschwenglich direkt angesprochen und zu einem Besuch Entenhausens animiert. In einem leidenschaftlichen Plädoyer wird da mit „monströsesten Monumenten“, „musealsten Museen“ oder „seidenweichsten Sandstränden“ geworben, sich immer wieder selbst überbietende Alliterationen, so als ob Barks-Übersetzerin Dr. Erika Fuchs höchstpersönlich diese frühen Zeilen verfasst hätte.

Jürgen Wollinas Zusammenstellung gliedert sich in mehre Themenbereiche, zum Beispiel Kunst, Sport, Zoologie. So sind die diversen Lokalitäten sind übersichtlich zusammengefasst und erläutert. Und das dürfte für Wollina alles andere als einfach gewesen sein. Denn natürlich hat Barks damals keinen großen Wert darauf gelegt, dass beispielsweise Dagoberts Geldspeicher immer am gleichen Platz steht. Kurzum hat Wollina also einen Hauptspeicher herausgestellt, während es für ihn in Entenhausen mehrere zweckdienliche Nebenspeicher gibt. So lässt sich dann vieles nachträglich mehr oder weniger plausibel erklären, auch warum es Donalds Haus zigfach gibt (er ist eben ganz häufig umgezogen).

Alle möglichen Sehenswürdigkeiten, Einrichtungen, Freizeitmöglichkeiten der Stadt sind so authentisch wie machbar beschrieben. Ganz wie bei einem realen Reiseführer sind hier in einer senkrechten Außenleiste zu den jeweiligen Absätzen entsprechende Stichwörter zu finden, um die schnelle Suche zu erleichtern. Eine nette Idee, die aber letztlich nur als optische Spielerei dient. Als eine weitaus größere Spielerei, aber auch eine extrem spaßige, ist der beiliegende Faltplan  von Entenhausen zu bezeichnen. Wollina ist es tatsächlich gelungen, eine stimmige Karte zu konzpieren, auf der alles in seinem Reiseführer Besprochene zu finden ist. Und eins kann ich sagen: Die Suche nach den einzelnen Stationen garantiert  einige begeisternde Minuten. Oder Stunden. Oder zumindest so viel Zeit, bis man beinahe an die Existenz Entenhausens glaubt.

Die authentische Zusammenstellung, ganz als ob es sich um reale Orte drehen würde, macht einen guten Teil dieses Bandes aus, ist aber zugleich auch ein wenig Fluch. Denn machmal wirkt Wollinas direkte Ansprache an den Leser etwas zu bemüht. Da  gipfelt zum Beispiel der Artikel über das Entenhausener Münster schonmal im Ratschlag, dass die Termine der Orgelkonzerte doch bitte der Wochenendausgabe des Entenhausener Amtsblattes zu entnehmen seien. Und auch dass 100 Kreuzer einem Taler entsprechen und dass es sich bei der Panzerknacker-Bande um eine Gaunerorganisation handelt, sind Informationen, die eher überflüssig erscheinen. Aber was heißt schon überflüssig bei einem Reiseführer, an dessen Realisierung man 13 Jahre gearbeitet hat; und das für eine fiktive Stadt.

Alles in allem ist allein schon die Arbeit, die hinter der Veröffentlichung dieses Werkes steht, wohlwollend zu honorieren. Überdies ist dem Autor eine runde Sache gelungen, die als Pflichtkauf für alle Duck-Fans zu bezeichnen ist.

 

Reiseführer Entenhausen
Ehapa Comic Collection, August 2010
Autor: Jürgen Wollina
48 Seiten, farbig, Softcover, 19,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3386-5 

Gut

Großartiges Sekundärwerk, liebevoll und charmant dargeboten

Jetzt bei ComicCombo  anschauen und bestellen!
Jetzt  bei amazon.de anschauen und bestellen!


 

Sky Hawk


 Der Mangawestern war ja bislang ein eher unerforschtes Gebiet. Mangaka Jiro Taniguchi, von jeher ein Bewunderer frankobelgischer Westerncomics (z.B Jean Girauds Blueberry), erfüllte sich mit seinem Buch Sky Hawk einen lange gehegten Traum: Er versetzt zwei Samuraikrieger mitten in den Konflikt zwischen Indianern und US-Armee.

Hikosaburo und Manzo, so die Namen der beiden Hauptfiguren, siedelten im Jahr 1869 nach Amerika über. Als Teil einer 40-köpfigen Gruppe sind sie die ersten japanischen Auswanderer. Taniguchis Werk nimmt diesen historischen Fakt als Ausgangspunkt für eine faszinierende Verquickung von japanischer und indianischer Kultur, Kampfkunst und Freundschaft.

Die Begegnung mit Crazy Horse, dem Häuptling der Oglala, lässt die beiden Hauptfiguren schließlich zu Stämmesbrüdern werden, aus Hikosaburo und Manzo werden Sky Hawk und Winds Wolf. Während sie die Lebensweise der Sioux schätzen lernen, lehren sie Bogenschießen und Ju-jitsu. In der Verteidigung der heiligen Black Hills vor den skrupellosen Weißen sind die Japaner gar eine tatkräftige Hilfe.

 Eigentlich ist Sky Hawk sehr durchdacht proportioniert worden. Man merkt, dass es Taniguchi nicht einfach darum ging, zwei Samurai mit Schwertern auf den amerikanischen Westen loszulassen Nein, er pflegt seine Figuren behutsam in den historischen Kontext ein. Das verleiht seiner Geschichte ein Stück weit Komplexität und lässt sie lebensechter erscheinen. Seine Geschichte ist der Widerstand der Sioux gegenüber der vorrückenden US-Armee, der in der Schlacht der Sioux gegen Leutnant George Custers Divison am Little Bighorn gipfelt. Als Randfiguren machen Hikosaburo und Manzo diesen Konflikt für uns Leser erst richtig nahbar. Ihre Perspektive ist allerdings bedauerlicherweise nicht die eines Außenstehenden, spätestens dann nicht mehr, als sie völlig in die Gemeinde der Oglala integriert sind.

Die hervorgehobene Bedeutung der beiden Japaner auf den Verlauf der Zeitgeschichte lässt Sky Hawk nicht immer gänzlich plausibel erscheinen. Zu sehr lässt Taniguchi auch seine persönliche Meinung durchsickern. Seine Figuren reflektieren ihre Erlebnisse dann in vermeintlich tiefgründigen Gesprächen oder referieren in pathetischer Weise über den Schrecken der Indianervertreibung und dass es, wenn es soweit komme, wohl keine Gerechtigkeit mehr gäbe.

Der sonst so kluge und ruhige Erzähler (der er hier größtenteils auch unbestritten ist) verlässt also ein Stück weit seine neutrale Position, was aus meiner subjektiven Sicht den wirklich guten Gesamteindruck trübt. Damit möchte ich das Leid, das den amerikanischen Ureinwohnern zu jener Zeit widerfahren ist, sicherlich nicht relativieren (das Ausbeuten der Goldvorkommen und die Vertragsbrüche der Amerikaner werden im Comic ja recht gut umrissen), aber diese Einteilung in simple Gut-Böse-Kategorien, wie es in Sky Hawk phasenweise betrieben wird, will mir irgendwie nicht behagen. Zumal mal man, völlig ungewohnt für den Autor, auf Missstände quasi mit der Nase gestoßen wird.

 Western und Manga, passt das also wirklich zusammen? Nach der Lektüre diese Bandes muss man schlichtweg trotz aller Kritik mit ja antworten. Sicher, Taniguchis Ausflug in dieses Mixgenre weist hier und da Schwächen auf, dennoch ist dessen Experimentierfreudigkeit zu begrüßen. Keines seiner Bücher war wohl von einer solchen Anzahl expliziter Gewaltszenen geprägt und keines war vermutlich von solch historischer Relevanz.

Das Ergebnis ist kein herausragender, aber immer noch ein überdurchschnittlicher Comic, der gewohnt grandios gezeichnet ist und auf seinen beinahe 300 Seiten in umgekehrter Leserichtung bestens unterhält. Bezeichnenderweise hat Sky Hawk mich emotional auch nicht annähernd so berührt, wie einige andere Taniguchi-Mangas. Ein Indiz dafür, dass die Akzente hier anders gesetzt wurden.

 

Sky Hawk
Shodoku bei Schreiber & Leser, August 2010
Text und Zeichnungen: Jiro Taniguchi
288 Seiten, schwarz-weiß, Softcover, 16,95 Euro
ISBN: 978-3-941239-36-4

Gut

Spannender, semi-authentischer  Samurai-Western mit Schwächen in der erzählerischen Struktur

Jetzt bei ComicCombo  anschauen und bestellen!
Jetzt  bei amazon.de anschauen und bestellen!

 

Abbildungen: © Schreiber & Leser


Vampire 1 & 2


 Im Jahr 2006 entstand in Frankreich Sable Noir, ein gemeinsames Projekt des Buchverlags J'ai Lu, der Spartensender Jimmy und CinéCinéma und der Produktionsfirma Cartel. Eine Reihe von Schriftstellern wurde beauftragt, kurze Horror- oder Mystery-Geschichten zu schreiben, die alle in dem kleinen Dorf Sable Noir spielen sollten, welches einmal im Jahr von einem bösen Fluch belegt wird. Diese Novellen wurden als Buch veröffentlicht und parallel als Miniserie fürs Fernsehen umgesetzt. Das Experiment war erfolgreich, ein paar Jahre später kam die Fortsetzung Vampyres: Sable Noir, bei der Vampire eine tragende Rolle spielen sollten. Diesmal nahm man als drittes Medium den Comic mit ins Boot: Die sechs Vampir-Novellen wurden nicht nur als halbstündige Filme fürs Fernsehen, sondern auch als 24-seitige Comics umgesetzt.

Die Comic-Adaptionen sind nun auch auf Deutsch in der Ehapa Comic Collection erschienen. Aufgeteilt auf zwei Alben bekommt man eine facettenreiche Comic-Anthologie mit sechs mittellangen Geschichten, die alle sehr eigenständig sind. Bis auf den Grundgedanken – ein Dorf, an dem einmal im Jahr Furchtbares passiert und in dem es Vampire gibt – hatten die Autoren freie Hand, so dass sechs sehr unterschiedliche Geschichten entstanden. Das gilt auch für die grafischen Stile der sechs Comiczeichner, die für das Projekt ausgewählt wurden. Die bewegen sich zwar größtenteils in der Nähe des frankobelgischen Mainstreams, trotzdem sind alle sechs Beiträge stilistisch klar voneinander zu unterscheiden. Die Bandbreite reicht vom sehr klassischen Artwork eines Patrick Laumond („Frisches Blut“) bis hin zu den sehr atmosphärischen, in Braun- und Rottöne gehaltenen Zeichnungen von Tommy Redolfi („Das Haus auf dem Hügel“), die an expressionistische Filme der 20er Jahre erinnern.

 Inhaltlich bewegen sich die Geschichten auf solidem Mittelmaß. Mal mehr, mal weniger originell wird mit dem uralten, vielleicht schon etwas zu oft beackerten Vampirmythos gespielt. Am effektivsten und interessantesten klappt das in „Mörderische Seelen“, bei dem der Ich-Erzähler ein krebskranker alter Mann ist, der gerade dabei ist, sich das Leben zu nehmen. Eher humorvoll versucht es „Das Wahre im Falschen“ (siehe Abbildung): Hier beobachten wir ein ehemaliges literarisches Wunderkind, das verzweifelt auf der Suche nach Material für einen neuen Bestseller ist. Als Satire auf den Literaturbetrieb bedient sich die Story jedoch allzu simpler Klischees. Mein persönlicher Favorit ist die oben bereits erwähnte Geschichte „Das Haus auf dem Hügel“ – ausgerechnet hier kommt kein einziger Vampir vor, eher handelt es sich um ein modernes Geistermärchen.

Tiefpunkt der Sammlung ist „Unter die Haut“. Was als erotischer Thriller gedacht ist, gerät zu einem fürchterlich sterilen Softporno, in dem Menschen mit ausdruckslosen Gesichtern und großen Brüsten weder Sinnlichkeit noch Grusel verströmen. Das aalglatte Artwork von Guillem March mit grellen Computer-Farbeffekten, das auch zu Comics aus dem Top-Cow-Verlag passen würde, macht es nicht besser.

 Einen wirklich großartigen Comic, der absolut überzeugt, findet man in keinem der beiden zeitgleich erschienenen Bände. Stattdessen fragt man sich, warum Ehapa diese Sammlung überhaupt veröffentlicht hat. Schließlich geht es bei dem Sable-Noir-Projekt auch um den multimedialen Ansatz. Da in Deutschland aber weder die Prosa-Geschichten noch die Film-Umsetzungen verfügbar sind, bleiben die Comics als Einzelteil übrig, das seinem Gesamtkontext entrissen wurde. Große Namen können es nicht gewesen sein, die den Verlag motiviert haben, denn kaum einer der Beteiligten dürfte hierzulande bekannt sein. Das gilt für die Autoren der Prosatexte ebenso wie für die Comic-Szenaristen und die Zeichner. Comicautor Denis-Pierre Filippi (Ethan Ringler) und Zeichner Steve Lieber (Whiteout) könnte man immerhin kennen, aber echte Zugpferde sind das nicht. Bleibt Dave McKean als prominentester Mitstreiter: Von ihm stammt die Coverabbildung, die über beide Alben verteilt ist und nebeneinandergelegt ein großes Bild ergibt.

Am Ende wird wohl das Thema den Ausschlag gegeben haben: Vampire sind eben gerade wieder sehr en vogue – ein Trendthema, an dem man gerne mitverdienen möchte.

Vampire
Ehapa Comic Collection, Mai 2010

je 96 Seiten, farbig, Hardcover; 19,95 Euro

Ansehnlich präsentierte, aber inhaltlich wenig überzeugende Horror-Anthologie

Band 1:
Frisches Blut. Szenario: Denis-Pierre Filippi nach einer Novelle von Brigitte Aubert, Zeichnungen:
Patrick Laumond
Das Haus auf dem Hügel. Szenario:
Sylvain Ricard nach einer Novelle von Ann Scott, Zeichnungen: Tommy Redolfi
Alizarine. Szenario:
Denis-Pierre Filippi nach einer Novelle von Colin Thibert, Zeichungen: Steve Lieber
ISBN: 978-3-7704-3374-2

Jetzt bei Comic Combo  anschauen und bestellen! Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Band 2:
Mörderische Seelen.
Szenario: Alcante nach einer Novelle von Pierre Pelot, Zeichnungen: Matteo 
Unter die Haut. Szenario: Philippe Thirault nach einer Novelle von Caryl Férey, Zeichnungen: Guillem March
Das Wahre im Falschen. Szenario: Jean-Paul Krassinsky & Marc Védrines nach einer Novelle von Thierry Jonquet, Zeichnungen: Michel Durand
ISBN: 978-3-7704-3375-9

Jetzt bei Comic Combo  anschauen und bestellen! Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © Ehapa Comic Collection