Es ist jetzt gut 10 Jahre her, dass Garth Ennis sein Meisterwerk Preacher abschloss. Für den irischen Autor offenbar lange genug, um sich dem Thema Religion mit Die Chroniken von Wormwood abermals zu widmen. Leider hat man bei seiner neuen Serie das Gefühl, dass Ennis' wildes Zerpflücken all dessen, was vom Christentum als heilig ausgerufen wurde, dem reinen Selbstzweck dient. Im Gegensatz zum verstrickten Preacher, sind hier Gewalt, Sex und Blasphemie allein dazu da, um die Story von einer vermeintlichen Frevelei in die nächste zu führen.
Danny Wormwood, Antichrist und Produzent umstrittener TV-Serien, befindet sich eigentlich auf der Erde um für seinen Vater Armageddon einzuleiten. Doch viel lieber hängt er in der Kneipe mit seinem Kumpel Jay (= Jesus) ab, der seinen angeordneten, zweiten Märtyrertod für die Menschheit ebenfalls verweigert. Zusammen mit dem sprechenden Hasen Jimmy begeben sich die beiden schließlich mit einem roten Cabrio auf einen Trip durch Himmel und Hölle. Dort nehmen Ennis' verquere Fantasien erst so richtig Formen an:
Gott wird als sabbernder, unzurechnungsfähiger, alter Mann dargestellt, Jesus als zugekiffter Schwarzer und der Papst ist ein sexuell Perverser. Jimmy der Hase währenddessen terrorisiert Star-Wars-Fans auf Internetseiten und ahmt den Hitlergruß nach.
Ennis treibt es wahrlich auf die Spitze und lässt beinahe kein Tabu unangetastet. Zuweilen geschieht das eher plump, doch ich kann nicht behaupten, dass es mir beim Lesen keinen Spaß gemacht hätte. Die Chroniken von Wormwood lässt erzählerische Tiefe vermissen, wartet aber immer wieder mit kleinen absurden Ideen auf, die die durchschnittliche Story amüsant gestalten.
Sicher, wenn Wormwood dem Barmann seiner Stammkneipe eine Penisnase verpasst, mag das ein pubertärer Scherz sein, aber ganz ennistypisch zieht sich dieser dann auch durch den gesamten Band und lockert die Handlung regelmäßig als frivoler Running Gag auf.
So lassen sich viele der Begebenheiten in diesem Comic als übertrieben oder infantil verurteilen, letztlich muss man ihm aber zugestehen, dass er ohne die konsequente Grenzüberschreitung und den überbordenden Humor viel zu langweilig wäre. Der Reiz liegt hier im permanenten Tabubruch. Dadurch allein ensteht kein neues Meisterwerk, aber durchaus ansehnliche Unterhaltung.
Ob das geschmacklich noch vertretbar ist, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.
Die Chroniken von Wormwood 1
Panini Comics, Juni 2010
Autor: Garth Ennis
Zeichner: Jacen Burrows, Rob Stehen, Russ Braun, John McCrea
200 Seiten, farbig, SC, 19,95 Euro
Leseprobe
Unterhaltsame neue Serie, die bewährte Ennis-Versatzstücke (Gewalt, Sex, Religion) noch mehr betont als bisher

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