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Ritter des verlorenen Landes 2 – Der Guinea Lord

 Im ersten Band des neuen Zyklus um das verlorene Land griff der fleißige Autor Jean Dufaux auf die irische Mythologie zurück, nun werden die Horrorelemente deutlich erhöht. Der Aspekt der Christianisierung wird etwas zurückgenommen, indem sich die Anführer der Ritter nicht scheuen, einen Dämonen zu beschwören.

Waren im Vorgänger “Morrigan“ schon gängige Elemente der Gothic Literature wie Ruinen, Sümpfe, Nebel, Adlige, böse Omen, verführerische Frauen, Friedhöfe, Gewitter, Totenschädel und tapfere Helden vorhanden, so werden diese in „Der Guinea Lord“ weitergetrieben. Der Horror wird stärker und härter, es gibt einige sehr blutige Szenen und zahlreiche Monster. Dass sich Elemente aus Geschichte, Fantasy, Mythologie und Horror nicht ausschließen, zeigt das Beispiel der Hexe (in diesem Comic die Morrigan): Aus der Historie kennt man die Hexenverbrennungen, in der Fantasy kommt sie auch häufig vor (nicht nur in Märchen, sondern auch bei Conan der Barbar), in der Mythologie sei Circe aus der Odyssee erwähnt und aus dem Horrorgenre ist sie gar nicht mehr wegzudenken. So gerät der Mix nie zum Selbstzweck, sondern die Elemente vermischen sich zu einem stimmungsvollen Ganzen.

Man kann „Der Guinea Lord“ auch gut lesen, ohne den vorherigen Band zu kennen. Die größte Verbindung der Alben besteht in demselben Personal. Eine kurze Liebesgeschichte bereichert nicht nur die Charaktere, sondern könnte auch als Verknüpfung zum angekündigten dritten Band dienen.

Phillipe Delabys Zeichnungen sind dynamisch, detailreich und vermögen es, wirklich jeder Person einen individuellen Charakter zu geben. In ihrer naturalistischen Art versetzen sie den Leser in die Zeit und in die Handlung und lassen ihn nicht mehr los.  Bleibt nur eine Frage offen: Was hat es mit dem Guinea Lord auf sich? Und was hat sein Name zu bedeuten? Im Englischen steht „Guinea“ für die gleichnamige Münze, und mit dem Suffix „-pig“ für Meerschweinchen. Ist der Bösewicht also ein Meerlordchen? Ein Grund mehr, auf den dritten Band gespannt zu sein.

Ritter des verlorenen Landes 2 – Der Guinea Lord
Splitter Verlag, August 2010
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro

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Die Bruderschaft der Krabbe 1


 Als Mael in einem Krankenhaus aufwacht, ist er umringt von drei weiteren Jungen. Sie weihen ihn in eine geheime Verschwörung ein: Alle Patienten der Klinik sind von Krabben infiziert, sie wachsen in Bauch, Kopf oder im Bein heran, wuchern oder zirkulieren in der Blutbahn des menschlichen Körpers. Bernardino, einem der Kinder, musste gar ein Fuss amputiert werden, weil sich eine Krabbe festgesetzt hatte.

Laut Bernardino, dem Initiator der „Bruderschaft der Krabbe”, sind die Beweggründe der „Entkrabber” in der Kinderklinik jedoch nur Fassade. Er vermutet, dass das Personal aus den herausoperierten Stücken eine riesige Monsterkrabbe formen will.

Allein diese Geschichte wäre für eine französische Comicserie bereits mehr als abenteuerlich, doch Mathieu Gallié geht in seinem dreiteiligen Werk noch ein ganzes Stück weiter. Ob tatsächlich eine Verschwörung existiert, ob Krabben in Menschen hausen könnten, das bleibt offen. Womöglich sind es Hirngespinste, die sich aus der Verängstigung der vier Kinder speisen. Noch bevor man darüber ausgiebig nachdenken kann, unterbricht Mathieu Gallié den Plot radikal. Während der Narkose bei einem operativen Eingriff im Krankenhaus werden die Vier in ein scheinbar verlassenes Schloss transferiert. Mit Ballons mit Krabbensymbol, die an ihren Handgelenken befestigt sind, durchforsten sie die unheimliche Szenerie und treffen glatt auf allerhand blutrünstige Horrorgestalten.

 Realität oder Einbildung? Oder soll man Die Bruderschaft der Krabbe eher als Allegorie für Kranksein/Alleinsein deuten? Die beiden Hälften dieses Albums passen jedenfalls auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammen. Richtig Sinn ergibt nur wenig. Trotzdem ist dieser Comic großartig. Das liegt an zwei einfachen Dingen: Spannung und Atmosphäre. Schon die ersten Seiten konfrontieren den Leser mit einer unglaublichen Geschichte. Erzählt mit den naiven Worten eines Kindes wird das Mysterium nur umso spektakulärer, sollte es tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Für die jugendlichen Protagonisten tut es das, nicht umsonst bilden sie als Protestbewegung eine Bruderschaft. Das ist der eigentliche Clou.

Jean-Baptiste Andreae, der auch für das ebenfalls bei Splitter veröffentlichte Werk Die mechanische Welt verantwortlich zeichnete, unterstützt mit seinem feinen Strich und vor allen Dingen mit der seichten Aquarellkolorierung perfekt die dichte Atmosphäre. Allein grafisch wäre dieser Comic bemerkenswert, in Einklang mit der überzeugenden Story ist er schlichtweg großartig. Und das begeisterte mich von der ersten Seite an.

Die kolportierten Schauermärchen erzeugen ein bedrohliches, unheimliches Gefühl. Als die Handlung dann hinüberschwappt in die Horrorwelt (so will ich sie mal nennen, denn es bleibt ungeklärt, wo und was dieser Ort ist), kann man die Spannung förmlich greifen und es überkommt einem beim Lesen der blanke Schauer.

Was man zu Beginn womöglich für eine Entwicklung in Richtung Fantasy hätte halten können, entpuppt sich urplötzlich als immens gruseliger Thriller. Der Augang ist völlig offen, sicher erscheint mir nur, dass man weitere große Überraschungen für die kommenden beiden Bände nicht ausschließen darf.

 

Die Bruderschaft der Krabbe – Erstes Buch
Splitter, September 2010
Text: Mathieu Gallié
Zeichnungen: Jean-Baptiste Andreae
56 Seiten, farbig, Hardcover; 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-169-6 

Gut

Starke französische Serie, zeichnerisch anspruchsvoll und unheimlich spannend geschrieben

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Abbildungen © Splitter Verlag

The Umbrella Academy 2 – Dallas


 Seit Erscheinen des ersten Storybogens, „Die Weltuntergangs-Suite“ dürfte feststehen: Wenn man nur einen einzigen unverzichtbaren Superheldencomic benennen müsste, dann wäre es The Umbrella Academy. Nicht umsonst wurde die noch junge Serie nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande mit Lob geradezu überhäuft.

Umso höher ist es Autor Gerard Way (Sänger der Band „My Chemical Romance“) anzurechnen, dass er die sicherlich bestehenden, hohen Erwartungen an seine zweite Erzählung mehr als erfüllen konnte. Ich möchte sogar so weit gehen zu sagen, dass „Dallas“ mich noch mehr beeindruckt hat als der erste Band. Way erweist sich hier abermals als brillanter Schreiber, der den Leser herausfordert und überrascht. An vielen Stellen geht er sogar noch radikaler und verworrener vor.

Die Mitglieder der Umbrella Academy sind dabei nicht als klassische Superhelden gekennzeichnet, sondern sind eigenbrödlerische Individualisten. Als Kinder wurden sie von einem schwerreichen Patriarchen adoptiert und als maskierte Einsatzgruppe gegen die globale Bedrohung augestellt. Jetzt, im Erwachsenenalter, sind sie verstreut, tragen keine einheitliche Kostümierung und kümmern sich nur noch bedingt um ihre Geschwister.

Zu Beginn von „Dallas“ scheint die Familie endgültig zersplittet. Doch dann schickt sie Gerard Way auf eine wahnwitzige Zeitreisemission: Einige Mitglieder der Umbrella Academy verschlägt es nach Vietnam, einen anderen in den Himmel und einer reist gleich doppelt nach Dallas, wo es darum geht, in das Attentat auf den US-Präsidenten John F. Kennedy einzugreifen. Doch die große Frage ist: Muss man die Geschichte ändern oder vielmehr sicherstellen, dass sie genauso abläuft?

Die Handlung ist mitunter verwirrend, dafür erfährt man einiges über die Hintergründe der Figuren. Durch eine Vielzahl von Nebenschauplätzen entfaltet sich ein skurriles Tableau an Erzählsträngen, die von Gerard Way gekonnt ins große Ganze eingepflegt werden. Zwei brutale Söldner mit quietschbunten Tiermasken, ein Mann mit gigantischem Affenkörper, ein sprechender Affe mit Punkfrisur und der gefährlichste Killer der Welt im Körper eines Grundschülers. Bei welcher anderen Comicreihe sind derartige Zutaten zu einem solch homogenen Brei vermixt?

The Umbrella Academy ist die Alternative zur breiten Masse an Superheldencomics. Die Serie besticht durch ausgereiftes Storytelling und Einfallsreichtum – fast könnte man meinen, Way wäre ein alter Hase im Comicgeschäft. Ist er aber nicht.

Nicht minder erwähnenswert sind seine Kollaborateure: Der brasilianische Künstler Gabriel Bá zaubert wunderbare Bilder (stlistisch irgendwo einzuordnen zwischen Eduardo Risso und Mike Mignola) und hat ein sehr gutes Gespür für die jeweilige Situation. Und mit Dave Stewart (u.a. B.U.A.P.) hat man einen der begehrtesten, und vor allen Dingen für diese Arbeit passendsten Koloristen verpflichtet.

Mithilfe dieser bewährten Kombination bewegt sich auch der zweite Band von The Umbrella Academy auf einem Topniveau. Die Story von „Dallas“ hat mir persönlich aufgrund ihrer Zeitreisekomplexität noch mehr als „Die Weltuntergangs-Suite“ gefallen.

 

The Umbrella Academy 2: Dallas
Cross Cult, September 2010
Text: Gerard Way
Zeichnungen: Gabriel Bá

192 Seiten, farbig, Hardcover; 22 Euro
ISBN: 978-3-941248-17-5

Gut

Brillante Story, paradox und verschachtelt, garniert mit bizzaren Einfällen und grafisch toll umgesetzt

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Angor 1 – Flucht

Wenn jemand oder etwas als „nett“ bezeichnet wird, kann dies mitunter synonym stehen für „mittelmäßig“ und „unoriginell“. Es kann aber auch „sympathisch“ und „ansprechend“ bedeuten. Was der auf Fantasystoffe abonnierte Autor Jean-Charles Gaudin (Marlysa, Die Seuche) und Newcomerkünstler Dimitri Armand mit dem ersten Band ihrer Serie Angor abliefern, ist nett – und zwar im Sinne von beiden obigen Bedeutungskategorien.

Die Hauptfiguren, drei Jugendliche, die gegen ihre von Kasten bestimmte Zwei-Klassen-Gesellschaft rebellieren, sind grundsympathische Identifikationsfiguren. Der Plot um ihre Flucht aus der abgeschotteten Heimat und ein geheimnisvolles Medaillon, das ihnen dabei in die Hände fällt, liest sich im vorliegenden ersten Band der Serie recht unoriginell, ist aber durchweg sauber erzählt. Die Zeichnungen sind eine ansprechende Mischung aus modernem frankobelgischen Stil und leichten US-Einflüssen mit kleinem Punktabzug für manche steife Gesichtsmimik.

Alles in allem ergibt das schnörkellose, wenn auch nicht besonders einfallsreiche Fantasyunterhaltung mit ordentlichen Schauwerten. Auf jeden Fall nett genug, um auch den zweiten Band lesen zu wollen. Und wer einen jugendlichen Leser gerne einmal mit einem frankobelgischen Comic beglücken will – Angor eignet sich in Sachen Geschichte und Optik wohl perfekt dazu.

Angor 1 – Flucht
Splitter Verlag, August 2010
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro

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Die Korsaren der Alkibiades 1 – Geheime Eliten


 Die große Kunst bei der Schaffung von Comics liegt darin, Lücken zu füllen. Und damit sind die Lücken zwischen den Bildern gemeint. Erst durch den Lesefluss des Betrachters werden die Bilder inhaltlich miteinander verknüpft und im Kopf des Lesers entsteht nicht nur eine zusammenhängende Story, sondern auch eine Dynamik, die im Kopf einen Film ablaufen lässt. Die Kunst der Schöpfer besteht unter anderem darin, Story und Dynamik adäquat zu gliedern. Warum diese allgemeine These, die eher zu einer theoretischen Abhandlung zu Comics gehört, hier in einer Rezension steht? Weil diese Lücken im ersten Band der Reihe  Die Korsaren der Alkibiades einen Tick zu groß geworden sind. Es holpert und stolpert an allen Ecken und Enden, wie eine Dampflok, die zu wenig Holz als Antrieb zu fressen bekommt.

Das ist insofern erstaunlich, da mit Eric Liberge und Denis-Pierre Filippi nun wirklich keine Neulinge am Werk sind. Liberge ist zu Recht mit seiner Serie Unter Knochen berühmt geworden und Filippi ist als Szenarist der Comics Träume, Ethan Ringler, Das Buch von Jack und Das Buch von Sam bekannt. Woran diese Holprigkeit nun liegt, kann nicht mit Sicherheit festgelegt werden. An Lustlosigkeit und damit verbundener Schlampigkeit jedenfalls nicht, dafür sind die Zeichnungen viel zu detailliert und filigran ausgefallen.  Manchmal sind die Panels sogar mit Details überfrachtet, so zum Beispiel an den Stellen, die in einem Labor spielen. Da verliert der Betrachter schon mal den Überblick. Die Panelanordnung an sich ist sehr dynamisch ausgefallen: Panorama- und Actionelemente werden in halbseitigen Panels gut zur Geltung gebracht. Wenngleich die Auswahl der Bilder manchmal erstaunt. So hätte man das große Bild einer Flucht auf Seite 41 durchaus gegen jedes andere auf der Seite tauschen können, das in einem größeren Format effektiver gewesen wäre.

Inhaltlich läuft es ähnlich paradox ab. Es passiert viel und gleichzeitig nichts. Die Steampunk-Geschichte berichtet von einem Auswahlverfahren von Elitejugendlichen, die für einen Geheimdienst geworben werden sollen. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Der ganze Band handelt von Tests, Finten und Fallen und die eigentlich spannenderen Aspekte, nämlich die Geheimdienstarbeit, kommen erst auf der letzten Seite vor. Das hinterlässt den Leser ziemlich unbefriedigt. Als wenn Rocky den ganzen Film über trainiert und der eigentliche Boxkampf nicht mehr gezeigt wird. Es werden viele Fragen gestellt und kaum welche beantwortet.

 Das kann durchaus die Phantasie anregen, aber in diesem Fall ist es nur frustrierend. Bedrohungen verpuffen im Wasserdampf, da sie eh nur wieder ein Test waren und die Story weist ziemlich große Lücken auf. Der Zeitsprung von Seite 29 auf Seite 30 ist zum Beispiel nicht nur überflüssig, sondern auch unlogisch. Die Befreiungsversuche an dieser Stelle hätten auch mehr Dramatik verdient gehabt. Allein dass man nicht erfährt, wie und warum die fünf Hauptcharaktere sich überhaupt dazu entschließen, dem Geheimdienst beizutreten, ist ein großes Manko. Ihre Vergangenheit wird ziemlich im Dunkeln gelassen und die außerordentlichen Fähigkeiten, die sie für den Geheimdienst interessant machen, werden leider viel zu kurz und stiefmütterlich behandelt. Es wird auch viel an Spannung verschenkt, zum Beispiel wenn der Diebstahl einer Waffe ganz nebenbei abgehandelt wird. Die Geschwätzigkeit tut noch ihr übriges dazu. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Insgesamt ist der Band nicht mehr als solides Stückwerk, welches über gute Ansätze nicht hinauskommt. Der Funke will nicht überspringen. Und das obwohl Profis am Werk waren.

Die Korsaren der Alkibiades 1 – Geheime Eliten
Ehapa Comic Collection, September 2010
Text: Denis-Pierre Filippi
Zeichnungen: Eric Liberge
Hardcover, 48 Seiten, farbig; 13,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3360-5

Nicht so prickelnd

Eine recht holprige, verwirrende und viele Fragen aufwerfende Abenteuergeschichte, die den Leser nicht sonderlich packt.

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Abbildungen © Splitter Verlag

Barbarella

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 Barbarella führe das Publikum fort vom kausalen Denken, fort vom Auflösen von Widersprüchen und fort vom Widersprechen. Die Möglichkeit zur Differenzierung der modernen Welt bleibe ausgeschaltet. Ein unreflektiertes Machtmodell. So schrieb der Literaturkritiker Fritz Raddatz im März 1967 in der Zeit.

Heute, 43 Jahre später, gibt es dem wenig Neues hinzuzufügen. Raddatz traf mit seiner Beschreibung ins Mark der halbnackten Heroine, die zunächst in Frankreich, dann in der ganzen Welt für Aufsehen sorgte. Aus seiner ablehnenden Haltung machte Raddatz dabei keinen Hehl. Ins Positive verkehrt, wenn man es denn unbedingt möchte, müsste man die Abenteuer von Barbarella als traumwandlerisch und irrational bezeichnen, eine Qualität, die vor allen Dingen aus dem Gefühl herrührt, immer und immer wieder „dei ex machina“ vorgesetzt zu bekommen. Ein Driften durch die Handlung stellt sich beim Lesen ein, eine Gleichgültigkeit gegenüber den Figuren, ein sanftes Hin und Her.

 Nichtsdestotrotz ist Barbarella ein Meilenstein der Comic-Geschichte. Die junge Frau mit den eleganten Kurven und dem Gesicht von Brigitte Bardot sorgte weniger wegen ihrer hanebüchenen Abenteuer für Aufsehen (solcherlei kannte man in Deutschland schon von Hansrudi Wäscher und Konsorten), sondern wegen ihrer sexuellen Freizügigkeit. Als 1966 beim Carl Schünemann Verlag in Bremen zum ersten Mal eine deutsche Fassung von Barbarella herauskam, zeigten sich die Sittenwächter auch hierzulande empört. Comics richteten sich an Kinder, und waren Schund, bestenfalls geduldet, jedoch nicht geachtet. Barbarella war neu, denn der Comic richtete sich unmissverständlich an Erwachsene. Geschlechtsverkehr wurde zwar nicht explizit gezeigt oder thematisiert, kam aber vor und die Figuren sprachen auch darüber.

 Bekannt ist noch heute der charmant-witzige Wortwechsel zwischen Barbarella und dem Roboter Viktor: „Viktor, ihr habt Stil!“ – „Madame sind zu gütig… Ich kenne meine Fehler… meinen Impulsen haftet immer etwas Mechanisches an!“ Barbarella als eine emanzipierte Frauenfigur zu bezeichnen, würde jedoch zu weit gehen. Sicherlich kollidierte sie Ende der 1960er Jahre mit etablierten Frauenbildern, immer wieder gibt es jedoch Textstellen, die heute so gar nicht mehr ernst genommen werden können. Bleibt die Frage, ob sie es damals wurden. Zeit-Autor Raddatz sprang auf den Zug der Sittenwächter jedenfalls nicht auf, seine Kritik gegenüber Barbarella hat bis heute Bestand.

 Nun hat der Carl Schünemann Verlag die Ausgabe von 1966  neu herausgebracht. Ein Hardcover-Album im DIN-A4-Format enthält jene ersten acht Episoden, mit denen vor über vierzig Jahren alles begann. Eine Neuübersetzung hat nicht stattgefunden, das Handlettering blieb erhalten, hin und wieder wirkt der Druck etwas schwach und dünn, wie nicht anders zu erwarten bei so altem Material. Jede Episode ist zurückhaltend mit wechselnder Schmuckfarbe koloriert. Insgesamt wirkt der Reprint-Band überzeugend.

 Fragt sich nur: Wer soll das lesen? Aus gleich dreierlei Gründen könnte die Wiederveröffentlichung für den Verleger zu einer glücklichen Entscheidung werden: Seit einiger Zeit gibt es Gerüchte über eine neue Barbarella-Verfilmung.Robert Rodriguez (Sin City, Planet Terror, Desperados) war eine Weile als Regisseur im Gespräch, nach dessen Absage wird jedoch Robert Luketic (21, Natürlich blond) für das Remake gehandelt. 2012 könnte der Film in die Kinos kommen, und spätestens dann könnten die Verkaufszahlen steigen und das breite Medieninteresse erwachen. Ein weiterer Grund könnte der Trend im Comic-Bereich hin zu den Siebziger Jahren sein. Cross Cult beispielsweise spielt derzeit mit Andrax, Warlord und anderen Serien aus diesem Zeitraum auf. Zu guter Letzt könnte der Reprint für Comic-Historiker von Interesse sein, denn immer wieder wird auf Barbarella verwiesen, wenn es um die Etablierung von Comics für Erwachsene oder um erotische Comics geht. Gut, wenn das nicht mehr nur geglaubt werden muss, sondern sich auch wieder nachlesen lässt.

Barbarella
Carl Schünemann, März 2010
Text und Zeichnungen: Jean-Claude Forest
88 Seiten, sw mit wechselnder Schmuckfarbe, Hardcover; 16,90 Euro
ISBN
978-3-7961-1945-3

Gut

Guter Nachdruck eines Klassikers

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Abbildungen © Schünemann Verlag

 

Roland, Ritter Ungestüm 2

 Teil 2 der Gesamtausgabe von Roland, Ritter Ungestüm liegt vor und präsentiert erneut drei Originalalben in einem Band. Nachdem ihm von König Artus das Lehen Rotteck entzogen wurde (siehe Band 1), stürzt sich Roland nun in Abenteuer fern der Heimat:

In „Das Nebelhorn“ kämpft er Seite an Seite mit einem Wikinger gegen die übermächtige Priesterin Elli. In „Die heilige Harfe“ ergreift Roland Partei für Iren, die von nordischen Besatzern terrorisiert werden. Und „Das Geheimnis des König Artus“ verwickelt den Titelhelden nach seiner Rückkehr schließlich in ein intrigantes Spiel rund um eine Doppelgängerin seiner angebeteten Gwendoline.

Erneut sorgt François Craenhals für 160 Seiten pure Unterhaltung. Das raue Papier dieser Gesamtausgabe tut dem feinen Strich des Belgiers und dem mittelalterlichen Ambiente wirklich gut. Inhaltlich wirken die drei Geschichten in diesem Band noch sicherer in ihrer Ausführung, zeichnerisch bewegen sie sich ohnehin auf einem überdruchschnittlichen Niveau. Man merkt, dass Craenhals zwar für sich stehende Einzelabenteuer konzipierte, Rolands Abenteuer sich jedoch in einem  kohärenten Rahmen bewegen. Auch deshab lesen sich die Erzählungen so spannend. Dank der Gesamtausgabe darf man ja auch immer drei Storys am Stück lesen, was sicher nicht verkehrt ist. Und auch das Rückenbild lässt sich nach bisher zwei vorliegenden Bänden erahnen. Auf weitere Forsetzungen des ambitionierten Projektes darf man sich also freuen.

Roland, Ritter Ungestüm 2
Cross Cult, August 2010
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 29,80 Euro

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Die Herberge am Ende der Welt


 Betrachtet man das ziemlich nichtssagende Cover, weiß man zunächst gar nicht, was einen erwarten mag. Die etwas altertümlich gekleidete junge Frau deutet auf eine historische Geschichte. Und da eine junge Frau das Cover beherrscht, liegt der Schluss nahe, dass auch Liebe eine nicht unerhebliche Rolle spielen wird. Nur was macht die Eule da?

Wer die beiden Schöpfer dieses Bandes kennt, kann sich auch nicht in Sicherheit wiegen, da die beiden gerne verschiedene Genres miteinander vermischen. Der Zeichner Patrick Prugne ist vor allem durch sein großformatig gemaltes Werk Canoe Bay bekannt und machte auch schon mit Fol auf sich aufmerksam. Beides Comics, die im historischen Genre angesiedelt sind. Autor Tiburce Oger hat sich mit Serien wie Gorn, Lady Gorge und Die Fährte der Dämonen auf historische Stoffe spezialisiert, die eine gehörige Prise Mystery beinhalten (mit Prugne hat Oger im Übrigen schon bei Canoe Bay zusammen gearbeitet). Und genau das ist hier der Fall. Eine in einem historischen Setting angesiedelte Mysterygeschichte, angerührt mit einer Liebesaffäre. Und man kann als Leser froh sein, dass der Splitter-Verlag diese Serie in seinem „Book“-Format veröffentlicht und somit alle Folgen gesammelt auf den Markt bringt. Denn man kann diesen Band einfach nicht beiseite legen.

 Dabei halten sich die Schöpfer relativ nah an die literarische Tradition der Gothic Novel, etwa indem sie vorgeben, dass ihre Erzählung auf dem Manuskript eines französischen Autors namens Edgar Saint-Preux basiert. Indem sie als Urheber eine angeblich existierende Person angeben, machen sie die Geschichte einerseits wahrscheinlicher, da es sich vermeintlich um einen Erlebnisbericht handelt, andererseits können sie sich hinter diesem, vermutlich fiktiven, Charakter verstecken. Ein beliebtes Stilmittel der Schauerliteratur. Viele Geistergeschichten wurden angeblich den Autoren von Augenzeugen erzählt und so wird die Wahrheit behauptet und gleichzeitig abgemildert. Dabei hätten Prugne und Oger dieses Spielchen gar nicht nötig. Ihre Geschichte folgt ganz der literarischen Tradition, wobei der zu Unrecht relativ unbekannte Autor W. H. Hodgson sie beeinflusst haben dürfte.

Manchmal läuft die Story jedoch etwas holprig ab. So ist der Stimmungswandel der Dorfbevölkerung gegenüber der Heldin Irena etwas abrupt. Auch die Rolle des Pfarrers und des Kapitalismus (ein bisschen Sozialkritik kann sich Oger nicht verkneifen) hätten noch stärker herausgearbeitet werden können. Dass dem nicht so ist, ist vor allem der Erzählperspektive geschuldet. Diese kleinen Makel werden aber dadurch wettgemacht, dass nicht alle Fragen beantwortet werden. Das ist aus zweierlei Gründen sehr geschickt: Erstens passt es zu der Erzählperspektive, da der Erzähler nicht allwissend ist. Zweitens hinterlässt dieser Aspekt zugleich ein Unsicherheitsgefühl, welches die Phantasie anregt und den Leser noch stärker in die Geschichte hineinzieht.

 Da die Splitter Books mehrere Einzelbände einer Serie zusammenfassen, kann man hier auch gut die Veränderungen im Stil des Zeichners nachvollziehen. Schließlich verging einige Zeit zwischen der Fertigstellung der Originalbände. Im ersten Band der Serie, also dem ersten Drittel der deutschen Ausgabe, sind die Zeichnungen noch recht detailreich, da dort die Arbeit mit der Tusche überwog und das Aquarell wohl hauptsächlich für die Kolorierung benutzt wurde. Später erstellte Prugne seine Bilder direkt mit der Aquarelltechnik, was auf Kosten der zeichnerischen Details geht, aber zu sehr stimmungsvollen Meer- und Landschaftszeichnungen führt. Auch die Lichtakzente sind sehr gut gesetzt und bauen geschickt die jeweilige Erzählatmosphäre aus. Gerade auch die Horrorszenen werden durch den Einsatz grüner Farbtöne verstärkt. Und da fast jedes Panel aus einem anderen Blickwinkel gezeichnet ist, gewinnt die Comicerzählung ein hohes Tempo und eine große Dynamik.

Die Herberge am Ende der Welt
Splitter Verlag, August 2010
Text: Tiburce Oger
Zeichnungen: Patrick Prugne
Hardcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten, farbig; 19,80 Euro
ISBN: 978-3-940864-08-6

Hervorragend!

Sehr spannende, einfühlsame und atmosphärische Mysterygeschichte, die den Leser nicht mehr loslässt und das Meer riechen lässt

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Abbildungen © Splitter Verlag

Comicmovie Datenbank: Adèle und das Geheimnis des Pharaos

 „Man muss akzeptieren, dass jede Adaption ein Betrug ist – nachdem ich selbst eine Reihe von Romanen in Comics umgeschrieben habe, weiß ich, wovon ich rede.“
Jacques Tardi

34 Jahre nach Erscheinen des ersten Albums von Jacques Tardis Comicreihe Adeles ungewöhnliche Abenteuer, die hierzulande leider längst nicht so populär ist wie in Frankreich, läuft nun der Film Adèle und das Geheimnis des Pharaos in den Kinos. Für Drehbuch und Regie ist Luc Besson (Léon der Profi, Das fünfte Element) verantwortlich, der damit nach längerer Pause wieder als Spielfilmregisseur zurückkehrt. Bei der Vorstellung des Films in München erzählte Besson, er habe Tardi sehr lange bearbeiten müssen, bis dieser die Filmrechte herausrückte. Tardi sei sehr skeptisch gewesen, doch nach der Premiere habe er die Hauptdarstellerin Louise Bourgoin geküsst und gefragt, wann der zweite Teil kommt.

Luc Bessons Film basiert auf Motiven aus den ersten vier Adèle-Alben, erzählt aber letztlich seine eigene Geschichte. Im Vergleich zu den Comics hat die Verfilmung eine weniger vertrackte Handlung, stellt ihre Heldin Adèle wesentlich deutlicher in den Mittelpunkt und ist insgesamt ganz klar darauf angelegt, massentaugliche Abenteuer-Unterhaltung für die ganze Familie zu bieten. Wogegen ja erst einmal nichts einzuwenden ist.

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Spunk


 Mit Spunk legt der israelische Künstler und Musiker Gabriel S. Moses seine erste Graphic Novel (so wird es auf dem Cover genannt) vor. Grob umrissen behandelt diese zwei Kernthemen:  Liebe und Punk. Im israelischen Städtchen Maccabim verliebt sich Fotograf B in das erst 15-jährige Punkmädchen JJ, beide sind Teil der örtlichen Hardcore-Punkszene. Kurz darauf begeht JJ Selbstmord.

Gabriel S. Moses versucht sowohl einen Eindruck von der israelischen Szene zu vermitteln als auch die Verzweiflung und die Auschweifung der jungen Menschen zu zeigen. In beständig wechselnden Violett- und Pinktönen erstreckt sich sein Comicwerk, das rein optisch als Mixed-Media-Projekt bezeichnet werden kann. Grafisch mal minimalistisch, mal eskapistisch, mal verschwommen, verstrickt sich Moses in einer wilden Mischung aus Streetart, Blogeinträgen und Photoshopbildern. Eine halbwegs durchgängig verlaufende Betrachtungsart existiert nicht, vielmehr folgen die Bilder dem Puls der Erzählung.

Das klappt mal gut, mal weniger. Das außergewöhnliche Arrangement dieses Bandes sorgt beim Lesen für reichlich Verwirrung, auch weil die Figuren nur angedeutet werden oder überhaupt gar nicht Bestandteil der Seitendarstellung sind. An vielen Stellen neigt der Comic auch dazu, die Texte zu stark von der Grafik zu separieren und Spunk wie ein zeichnerisch untermaltes Buch über Punkkultur wirken zu lassen.

 Die Geschichte an sich ist jedenfalls für sich genommen reichlich unspektakulär und langweilt mit ihrer vermeintlich überkorrekt adaptierten Jugendsprache schnell. Gabriel Moses hat einen unausgereiften Comic geschaffen, der allerdings an vielen Stellen derart zusammenhangslos ist, dass man über die Bezeichnung „Comic“ fast ins Grübeln kommen könnte.

Formal ist an dem Band nichts auszusetzen: Spotlackeffekte auf dem Cover lassen ihn äußerlich edel erscheinen, Begriffserklärungen und ein Interview im Innenteil sorgen zusammen mit der beiliegenden CD (ein Sampler israelischer Punkbands) für einen geglückten Extrateil.

Eine nette Idee ist übrigens diese Internetseite. Es handelt sich um die MySpace-Seite der verstorbenen (fiktiven) Titelfigur JJ, mit der man ihrer gedacht hat. Wie Gabriel Moses selbst sagt, steht der Charakter stellvertretend für jedes Mädchen, jedes MySpace-Profil, das der in Spunk geschilderten Figur JJs vergleichbar ist.


Spunk

Archiv der Jugendkulturen e.V., März 2010
Text und Zeichnungen: Gabriel S. Moses
96 Seiten, farbig, SC, 18 Euro
ISBN: 978-3-940213-55-6

Leseprobe (PDF)

Nicht so prickelnd

Konfuse Liebesgeschichte, verpackt in überambitionierte Schilderungen der Punkszene Israels

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Abbildungen: © Gabriel S. Moses