Hinter dem schlichten Titel „Berlin“ verbirgt sich die Comic-Trilogie des belgischen Künstlers Marvano (i.e. Mark van Oppen), die im Original in drei Einzelalben veröffentlicht wurde, bei Ehapa jedoch mittlerweile in einem umfangreichen Komplettband erschien. Berlin ist hier nicht nur als Ort des Geschehens der Dreh- und Angelpunkt der miteinander verbundenen Stories, sondern überhaupt erst der Grund für das Werk von Marvano.
Porträtiert wird die deutsche Hauptstadt in drei Etappen, die für historisch turbulente Zeiten stehen: 1943, inmitten des Zweiten Weltkrieges, fliegen unentwegt britische Flieger von Südengland aus Angriffe auf deutsche Städte. Unter ihnen ist David Auberson, der als Teil der Staffel mit dem Namen „Snowwhite“ Bomben abwirft. Auberson bekommt von einem Mädchen eine Puppe als Glücksbringer, kurz danach wird er vermisst. Jahrzehnte später wird sich das Schicksal, das den Piloten ereilte, schließlich aufgeklärt.
1948 steht Roy Stuart, das letzte Mitglied der Snowwhite, zwischen den Fronten des geteilten Berlins. Die Allierten Mächte stehen sich gegenüber, Westberlin wird durch die Sowjetische Blockade isoliert. Durch die Luftbrücke versorgt auch Stuart die Stadt schließlich auf dem Flugwege mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Aber er lässt sich überdies auch als Schmuggler anheuern, für versprochenes Nazi-Gold und die heimliche Ausreise seiner geliebten Helena.
1961 steht der Bau der Berliner Mauer kurz bevor. Roy Stuart hat Helena aus den Augen verloren, aber weiß, dass sie sich in der DDR aufhalten muss. Daraufhin versucht er sie in den Westen zu holen.
Die drei Geschichten in diesem Band bauen, wie man der der Inhaltbeschreibung unschwer entnehmen kann, lose aufeinander auf. Verbunden sind sie durch persönliche Biografien der britischen Piloten, zuerst David Auberson, dann Roy Stuart. Da beide der siebenköpfigen Snowwhite-Staffel angehörten, teilen sie ähnliche Erlebnisse. Gerahmt werden ihre Erlebnisse durch die zeitgeschichtlichen Umwälzungen rund um Berlin.
Marvano benutzt für jede der drei Stories eine eigene Erzählstruktur. Das vergrößert die Perspektive, mit der der Leser auf das Geschehen blickt, zum anderen wird damit eine umspannende Kontinuität erschaffen. So wird die erste Geschichte teilweise über den Abdruck eines Briefes erzählt, die dritte Story benutzt hierfür Tonbänder und berichtet noch indirekter über die eigentlichen Hauptprotagonisten. Der zweite Teil verzichtet auf die retrospektive Parallelhandlung, dafür blendet Marvano immer wieder Artikel ein, die aus heutiger Sicht über den historischen Gesamtkontext Aufschluss geben.
Alles in allem ist das von dem belgischen Künstler sehr ambitioniert gestaltet. Da überrascht es nur, warum Marvano seinen Zeichenstil nach dem ersten Teil so radikal geändert hat. Der Band beginnt mit sehr feinen Linien, vielen Details und matten Farben (ganz so wie in Marvanos Der ewige Krieg), die beiden weiteren enthaltenen Alben warten mit einer wesentlich groberen und leider auch etwas zu glatten Bebilderung auf. Hier hätte ich mir einen einheitlichen Stil gewünscht, der die Atmosphäre des Comics besser unterstützt.
Wertung: ![]()
Eine starke Trilogie, die auf eindringliche Weise deutsche Geschichte thematisiert
Berlin
Ehapa Comic Collection, September 2012
Text und Zeichnungen: Marvano
Übersetzung: Bernd Leibowitz
176 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 30 Euro
ISBN: 978-3-7704-3600-2
Leseprobe (PDF)
Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection

Der Autor Jose-Louis Bocquet und die Zeichnerin Catel Muller haben vor nicht allzu langer Zeit schon mit Kiki de Montparnasse (Carlsen Verlag) Aufsehen erregt. Ihr neues Werk Die Frau ist frei geboren – Olympe de Gouges hat einige Gemeinsamkeiten mit dem Vorgänger. Die beiden Comics sind sich nicht nur aufgrund der hohen Qualität ähnlich, sondern auch darin, dass hier wie dort eine starke und außergewöhnliche Frau portraitiert wird. Dabei sind beide, Kiki de Montparnasse und Olympe de Gouges, hierzulande wenig bekannt, aber offensichtlich in Frankreich ein Begriff. Angesichts der zwei Comicbiographien kann man das auch gut verstehen, denn beide haben nicht nur spannende Leben geführt, was sie natürlich für eine Biographie schon an sich prädestiniert, ihre Leben sind auch untrennbar mit den sozio-historischen Gegebenheiten verknüpft.
Mit dem 480 Seiten starken Comic legt der Splitter Verlag seinen bislang dicksten Band vor, welcher aber immer noch zu kurz ist – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Einerseits zu kurz, weil man immer weiterlesen möchte, andererseits zu kurz, weil so manche Figuren und historische Rahmenbedingungen unklar bleiben. Dadurch fällt dem Leser ein ums andere Mal die historische Einordnung schwer. Vor allem, wenn man in der französischen Historie nicht sonderlich firm ist, auch was Literaturgeschichte und Philosophie betrifft. Da ist es auch nicht gerade hilfreich, dass die vielen, vielen Figuren manchmal zumindest graphisch nicht auseinanderzuhalten sind (dafür sind die angehängten Biographien eine schöne Ergänzung). Diese beiden Aspekte sind jedoch die einzig negativen.
Damit geben sie auch Erklärungen, die sich aber glücklicherweise jeglicher platter Psychologisierung enthalten, und stellen eher Schlüsselmomente dar. Mit dieser Herangehensweise schaffen es die Autoren, dass sich der Leser der Protagonistin nahe fühlt. Die Schöpfer plakatieren nicht, sondern bringen uns in ihrer Auswahl die Person Olympe de Gouge näher. Da wird etwa faktisch eine Begebenheit geschildert und dann reicht oftmals ein Bild, um aufzuzeigen, was die Episode für Olympe bedeutet hat. Zudem halten sich die Autoren auch in der politischen Richtung zurück und so ist das Portrait einer frühen Feministin kein feministisches Pamphlet geworden, sondern schildert vielmehr die Umstände, unter denen der Feminismus entstand.
Mit dem Hartmut ist es ein bisschen wie mit mancher Band: In den frühen 1990ern wurde das sympathische Strichmännchen aus der Feder von Zeichner Haggi als
Mit dem dritten Band erfährt die ungewöhnliche Comicadaption des Dschungelbuchs ihren Abschluss. Die Reihe wurde von Crisse und Marc N’Guessan geschaffen und versetzt Rudyard Kiplings bekannte Tierfiguren wie Balu, Baghira oder Shir Khan als Menschen in eine postapokalyptische Alternativwelt.
Autor Crisse löst sich mit zunehmenden Fortschreiten der Story immer weiter von der literarischen Vorlage, mit der sein Comic außer einigen netten Anspielungen (Aussehen und Verhalten der Figuren, grundsätzliche Charakterisierung) ohnehin wenig gemeinsam hatte. Dennoch, wo
Auch wenn der Titel des neuen Splitter Books Lulu – Die nackte Frau den Anschein erwecken mag: Mit Erotik oder gar Pornographie hat der Band rein gar nichts zu tun. Vielmehr bezieht sich das „nackte“ im Titel auf das Lösen von allen Verstrickungen und Verpflichtungen. Das Loslassen, alles einfach mal sein lassen: Das hat sich wohl jeder einmal erträumt. Und genau dies ist das zentrale Thema dieses leisen und poetischen Bandes.
Lulu hält ihr bisheriges Leben nicht mehr aus. Schön ist, dass dies nie in ein Selbsthilfeprogramm mit esoterischem Anstrich ausartet. Dazu gehört auch der Pluspunkt, dass die Reaktionen von Lulus Umgebung geschildert wird. Neid, Unverständnis, aber auch viel Respekt vor dem Mut von Lulu, sowohl eine eine gewisse Feindlichkeit als auch Wohlwollen ihre gegenüber macht sich breit. Und auch folgenschwerer Zorn. Unglauben und Angst halten sich da oft die Waage. Dabei zeigt sich, dass man auch Freunde oftmals weniger kennt, als man geglaubt hat, und man fragt sich als Leser, ob man selber den Mut aufbringen würde, wie Lulu zu handeln, und wie man Freunden gegenüber reagieren würde, die sich so wie die Heldin verhalten. Auch wenn man vielleicht selbst mit seinem Leben nicht mehr so sehr zufrieden sein sollte: Würde man selber so handeln? Manchmal ist das Wissen, dass man so handeln will, sich aber nicht traut und demnach zwischen Angst und Sehnsucht zerrissen wird, erst recht schmerzlich.
Die in Erlangen lebende Comicbloggerin Lisa Neun veröffentlicht ihre autobiografischen Comicepisoden normalerweise regelmäßig in digitaler Form
Das ist absurder Humor, wie er im weiteren Verlauf des Bandes, wenn die eigentlichen Comicseiten anfangen, leider kaum mehr auftaucht. Überhaupt verbirgt sich in diesem Punkt das Dilemma der abgedruckten Stories: Lisa Neun berichtet aus ihrem Alltag. Wie in einem Tagebuch hält sie eher die kleinen Ereignisse und Begebenheiten ihres Lebens fest, sei es der Ärger mit ihrer Katze, der Mann-Frau-Konflikt zuhause oder Dinge, die ihr während der Arbeit als Ingenieurin auffallen. Einigen der zumeist ein- bis zweiseitigen Episoden fehlt durch diesen spontanen Charakter schlicht die Substanz. Nicht jede Alltagsbegebenheit ist am Ende auf dem Papier so spannend oder witzig für den Leser, wie man es sich als Künstler vorher im Kopf ausmalt. In einigen Comics gelingt ihr das sehr gut, in manchen wartet man auf die letzte Pointe, die Absurdität, die das gerade Geschilderte zum Schluss nochmal aufwertet. So wie es beispielsweise im Vorwort anklang (in etwa Richtung Nicolas Mahler).
Mit dem dritten Band „Jelami“ liegt nun das Finale der Serie Missi Dominici vor. Ein wesentlicher Bestandteil der Serie besteht darin, dass, wie so oft in dem Genre, wahre historische Tatsachen mit Fantasy vermischt werden. Hier geht es – vor der historischen Leinwand der Christianisierung des Ostens mit Waffengewalt durch den Deutschritterorden – um sich streitende Gruppierungen mit magischen Kräften.
Durch die viele Action und den hohen Blutzoll ist das Erzähltempo sogar noch höher als im
Der US-Verlag Tokyopop, der mittlerweile (im Gegensatz zu seinem deutschen Ableger) nur noch sehr eingeschränkt aktiv ist, brachte zu seiner Hochzeit nicht nur aus Asien importierte Mangaserien heraus, sondern produzierte auch viele eigene Stoffe, die als sogenannte OEL Manga (Original English Language Manga) vermarktet wurden. Darunter waren ein paar hochinteressante Comics, die stilistisch wenig mit klassischen Mangaklischees zu tun hatten, sondern vielmehr eine ganz eigene Mischung aus östlichen und westlichen Einflüssen präsentierten. Im Zuge von drastischen Sparmaßnahmen das OEL-Programm 2008 fast komplett gestoppt und viele Serien wurden nie fortgeführt.
In der futuristischen Welt von King City gibt es Alienbordelle, drogensüchtige Kriegsveteranen, mafiöse Machtkartelle, streng geheime Locations im Untergrund, zwielichtige Agenten und noch allerlei mehr Unannehmlichkeiten. Klingt erst mal nach einer finster-dystopischen SF-Geschichte, in der ein zynischer Bastard mit lässigen Sprüchen für Recht und Ordnung sorgt. Doch weit gefehlt, denn Brandon Graham ist kein Epigone von Garth Ennis oder Warren Ellis. Seine Hauptfigur mit dem simplen Namen Joe ist ein lässiger, schluffig-sympathischer Typ Anfang Zwanzig, der eher an Scott Pilgrim erinnert als an Figuren wie Spider Jerusalem. Genau wie der Slackerheld Scott Pilgrim läuft auch Joe mit Jeans,-T-Shirt und Sneakers herum, trägt schlecht geschnittene Haare, neigt zu Liebeskummer – und hat besondere Fähigkeiten, um die er aber nicht viel Aufhebens macht.
Autor und Zeichner Brandon Graham packt extrem viel in sein Szenario: Hyperintelligente Katzen, mächtige Dämonen, sexy Frauen, futuristische Architektur, wilde Kämpfe, philosophische Gespräche. Kaum eine Idee ist ihm zu abwegig, und auch formal ist Graham extrem verspielt. Da werden Kreuzworträtsel, Bastelbögen, Stadtpläne und Infokästen eingebaut, und beim Seitenlayout gleicht kaum eine Seite der anderen. Außerdem hat der Autor einen starken Hang zum Wortspiel und kann der Versuchung, hier und da noch einen kleinen Wortwitz einzubauen, selten widerstehen. Dieser Einfallsreichtum macht sehr viel Spaß und führt dazu, dass man auch bei mehrmaligem Lesen immer Neues entdeckt – der Story tut es jedoch nicht immer gut. Was die Dramaturgie angeht, fehlt es King City an Stringenz, denn Graham wechselt nicht nur ständig die Erzählperspektive, sondern neigt auch zum Abschweifen und droht mehr als einmal den roten Faden zu verlieren. Das macht es mühsam, der Handlung zu folgen und es fällt nicht leicht, die Hauptfiguren wirklich ins Herz zu schließen.
Und dann sind da natürlich noch die Zeichnungen, die King City zusammenhalten. Ein äußerst sehenswerter, sehr moderner Stilmix mit hohem Wiedererkennungswert, der viele Einflüsse in sich vereint: In Grahams Strich stecken Zeichentrick- und Mangaelemente ebenso wie Graffiti und Streetart, Anleihen bei Moebius und Miyazaki, gepaart mit großer Verspieltheit und einer unbändigen Lust am zeichnerischen Herumphantasieren.