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Berlin

Cover BerlinHinter dem schlichten Titel „Berlin“ verbirgt sich die Comic-Trilogie des belgischen Künstlers Marvano (i.e. Mark van Oppen), die im Original in drei Einzelalben veröffentlicht wurde, bei Ehapa jedoch mittlerweile in einem umfangreichen Komplettband erschien. Berlin ist hier nicht nur als Ort des Geschehens der Dreh- und Angelpunkt der miteinander verbundenen Stories, sondern überhaupt erst der Grund für das Werk von Marvano.

Porträtiert wird die deutsche Hauptstadt in drei Etappen, die für historisch turbulente Zeiten stehen: 1943, inmitten des Zweiten Weltkrieges, fliegen unentwegt britische Flieger von Südengland aus Angriffe auf deutsche Städte. Unter ihnen ist David Auberson, der als Teil der Staffel mit dem Namen „Snowwhite“ Bomben abwirft. Auberson bekommt von einem Mädchen eine Puppe als Glücksbringer, kurz danach wird er vermisst. Jahrzehnte später wird sich das Schicksal, das den Piloten ereilte, schließlich aufgeklärt.
1948 steht Roy Stuart, das letzte Mitglied der Snowwhite, zwischen den Fronten des geteilten Berlins. Die Allierten Mächte stehen sich gegenüber, Westberlin wird durch die Sowjetische Blockade isoliert. Durch die Luftbrücke versorgt auch Stuart die Stadt schließlich auf dem Flugwege mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Aber er lässt sich überdies auch als Schmuggler anheuern, für versprochenes Nazi-Gold und die heimliche Ausreise seiner geliebten Helena.
1961 steht der Bau der Berliner Mauer kurz bevor. Roy Stuart hat Helena aus den Augen verloren, aber weiß, dass sie sich in der DDR aufhalten muss. Daraufhin versucht er sie in den Westen zu holen.

Seite aus Berlin Die drei Geschichten in diesem Band bauen, wie man der der Inhaltbeschreibung unschwer entnehmen kann, lose aufeinander auf. Verbunden sind sie durch persönliche Biografien der britischen Piloten, zuerst David Auberson, dann Roy Stuart. Da beide der siebenköpfigen Snowwhite-Staffel angehörten, teilen sie ähnliche Erlebnisse. Gerahmt werden ihre Erlebnisse durch die zeitgeschichtlichen Umwälzungen rund um Berlin.

Marvano benutzt für jede der drei Stories eine eigene Erzählstruktur. Das vergrößert die Perspektive, mit der der Leser auf das Geschehen blickt, zum anderen wird damit eine umspannende Kontinuität erschaffen. So wird die erste Geschichte teilweise über den Abdruck eines Briefes erzählt, die dritte Story benutzt hierfür Tonbänder und berichtet noch indirekter über die eigentlichen Hauptprotagonisten. Der zweite Teil verzichtet auf die retrospektive Parallelhandlung, dafür blendet Marvano immer wieder Artikel ein, die aus heutiger Sicht über den historischen Gesamtkontext Aufschluss geben.

Alles in allem ist das von dem belgischen Künstler sehr ambitioniert gestaltet. Da überrascht es nur, warum Marvano seinen Zeichenstil nach dem ersten Teil so radikal geändert hat. Der Band beginnt mit sehr feinen Linien, vielen Details und matten Farben (ganz so wie in Marvanos Der ewige Krieg), die beiden weiteren enthaltenen Alben warten mit einer wesentlich groberen und leider auch etwas zu glatten Bebilderung auf. Hier hätte ich mir einen einheitlichen Stil gewünscht, der die Atmosphäre des Comics besser unterstützt.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Eine starke Trilogie, die auf eindringliche Weise deutsche Geschichte thematisiert

 

Berlin
Ehapa Comic Collection, September 2012
Text und Zeichnungen: Marvano
Übersetzung: Bernd Leibowitz
176 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 30 Euro
ISBN: 978-3-7704-3600-2
Leseprobe (PDF)

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection

Die Frau ist frei geboren – Olympe de Gouges

Cover Die Frau ist frei geborenDer Autor Jose-Louis Bocquet und die Zeichnerin Catel Muller haben vor nicht allzu langer Zeit schon mit Kiki de Montparnasse (Carlsen Verlag) Aufsehen erregt. Ihr neues Werk Die Frau ist frei geboren – Olympe de Gouges hat einige Gemeinsamkeiten mit dem Vorgänger. Die beiden Comics sind sich nicht nur aufgrund der hohen Qualität ähnlich, sondern auch darin, dass hier wie dort eine starke und außergewöhnliche Frau portraitiert wird. Dabei sind beide, Kiki de Montparnasse und Olympe de Gouges, hierzulande wenig bekannt, aber offensichtlich in Frankreich ein Begriff. Angesichts der zwei Comicbiographien kann man das auch gut verstehen, denn beide haben nicht nur spannende Leben geführt, was sie natürlich für eine Biographie schon an sich prädestiniert, ihre Leben sind auch untrennbar mit den sozio-historischen Gegebenheiten verknüpft.

Was besonders in der hier vorliegenden Biographie von Olympe de Gouges deutlich wird. Ihr ganzes Wirken ist untrennbar mit der französischen Geschichte verknüpft. Geboren 1748 als uneheliches Kind einer Bürgerlichen und eines Adligen, was eine Heirat der Eltern aufgrund der Standesunterschiede unmöglich machte, lernt sie aus erster Hand die Machtlosigkeit der Frau unter den damaligen Verhältnissen kennen. Was an sich noch nichts Besonderes ist, da es jeder Frau so erging. Als Olympe früh zur Witwe wird, nutzt sie eine neue Bekanntschaft, um nach Paris zu ziehen. Und hier beginnt das Besondere: In der Hauptstadt lernt sie nämlich viele berühmte und ihre Epoche prägende Menschen kennen. Olympe beginnt selber zu schreiben, wird aber immer wieder auf ihr Frausein reduziert, was in ihr das Bedürfnis weckt, für die Rechte der Frauen zu kämpfen. Allerdings bringt ihr Kampfesmut sie während der Französischen Revolution ein ums andere Mal in Gefahr und mit Robespierre gewinnt sie einen gefährlichen Feind.

Seite aus Die Frau ist frei geborenMit dem 480 Seiten starken Comic legt der Splitter Verlag seinen bislang dicksten Band vor, welcher aber immer noch zu kurz ist – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Einerseits zu kurz, weil man immer weiterlesen möchte, andererseits zu kurz, weil so manche Figuren und historische Rahmenbedingungen unklar bleiben. Dadurch fällt dem Leser ein ums andere Mal die historische Einordnung schwer. Vor allem, wenn man in der französischen Historie nicht sonderlich firm ist, auch was Literaturgeschichte und Philosophie betrifft. Da ist es auch nicht gerade hilfreich, dass die vielen, vielen Figuren manchmal zumindest graphisch nicht auseinanderzuhalten sind (dafür sind die angehängten Biographien eine schöne Ergänzung). Diese beiden Aspekte sind jedoch die einzig negativen.

Natürlich ist es schwierig, ein so prall gefülltes Leben wie das der Olympe de Gouges in einer Biographie zusammenzufassen. Da muss man verdichten und verzichten, verknappen und manches nur anreißen. Wenn es aber ansonsten gelingt, macht man damit Lust auf mehr und das ist hier der Fall. Denn Olympe de Gouges stand in direkter Verbindung zu der damaligen Politik, mischte sich ein, war im Literaturbetrieb tätig und geriet in die direkten und gefährlichen Wirren der Politik. Man hätte sich jetzt allein auf die Fakten konzentrieren können, aber dabei belassen es Bocquet und Muller nicht, sondern schildern auch den Charakter dieser mutigen, bisweilen zur Leichtsinnigkeit neigenden Frau und wie sie zu der wurde, die sie war.

Seite aus Die Frau ist frei geborenDamit geben sie auch Erklärungen, die sich aber glücklicherweise jeglicher platter Psychologisierung enthalten, und stellen eher Schlüsselmomente dar. Mit dieser Herangehensweise schaffen es die Autoren, dass sich der Leser der Protagonistin nahe fühlt. Die Schöpfer plakatieren nicht, sondern bringen uns in ihrer Auswahl die Person Olympe de Gouge näher. Da wird etwa faktisch eine Begebenheit geschildert und dann reicht oftmals ein Bild, um aufzuzeigen, was die Episode für Olympe bedeutet hat. Zudem halten sich die Autoren auch in der politischen Richtung zurück und so ist das Portrait einer frühen Feministin kein feministisches Pamphlet geworden, sondern schildert vielmehr die Umstände, unter denen der Feminismus entstand.

Zwar war Olympe in mancherlei Hinsicht durchaus privilegiert, was ihr einen recht angenehmen Status verschaffte, um ihren Kampf aufzunehmen, aber nur so hatte sie auch Zugang zu einflussreichen anderen Menschen. Hier liegt eine wahrlich gelungene Biographie vor, die nicht aufdringlich deutet, sondern durch die graphischen Mittel Deutungen anregt, während der Text eher faktenorientiert bleibt, was dem Leser Raum für eigene Meinungen gibt. Und der Comic macht deutlich, dass eine individuelle Biographie nicht von der Historie und den sozialen Umständen losgelöst betrachtet werden kann.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Ein prall gefülltes Leben ist in einer Biographie immer schwer zu greifen, aber hier gelingt das Kunststück

 

Die Frau ist frei geboren – Olympe de Gouges
Splitter Verlag, Januar 2013
Text: Jose-Louis Bocquet
Zeichnungen: Catel Muller
Übersetzung: Resel Rebiersch
480 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover mit Schutzumschlag
Preis: 36,80 Euro
ISBN: 978-3-868

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Der Hartmut macht was iem gefellt

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hartmut7Mit dem Hartmut ist es ein bisschen wie mit mancher Band: In den frühen 1990ern wurde das sympathische Strichmännchen aus der Feder von Zeichner Haggi als „Schnapsidee“ geboren, kam bei den Lesern diverser Stadtmagazine aber so gut an, dass 1998 ein Sammelband beim Kleinverlag Heinzelmännchen erschien. Danach kam Hartmut beim Comic-Major Carlsen unter, wo zuerst in Heft-, dann in Taschenbuchform zwischen 2000 und 2005 insgesamt neun Hartmut-Ausgaben, teils auch mit längeren Geschichten, erschienen. Hartmut wurde so etwas wie das Verlagsmaskottchen, Merchandise erschien in Form von T-Shirts, Kaffeetassen, einem Kartenspiel, einem Bastelbogen und sogar eines Online-Sammelalbums, ein neuer Hartmut-Strip zierte wöchentlich die Verlagshomepage. Sogar die Bezeichnung „Kultfigur“ fiel öfters mal.

Der Hartmut hatte es geschafft. Doch dann kam der Absturz: der jahrelange Drogenmissbrauch hatte seine Spu… – na ja, nicht ganz. Offenbar entschied man bei Carlsen (vermutlich nach einem strengen Blick auf die Verkaufszahlen), dass Hartmuts Zeit im Großverlag abgelaufen war und Haggis Schöpfung wurde wieder „Indie“ und kam bei Gringo Comics unter. Dort sind seit 2008 bereits sechs Hefte mit Hartmut-Strips herausgekommen; online erscheinen die Abenteuer des Orthografie-Verbiegers nach einem Zwischenspiel bei mycomics.de nun monatlich im Gringo-Verlagsblog. Mit dem vorliegenden siebten Hartmut-Band ist man vom Heft mit 32 Seiten zu einem kleineren, handlichen Softcover-Format mit 56 Seiten gewechselt, was den Comics gut und besser im Regal steht.

Inhaltlich geändert hat sich in all den Jahren aber nichts: Im Strichmännchen-Look nimmt Hartmut aus seiner scheinbar kindlich-naiven Perspektive noch immer Alltagssituationen und Popkultur-Phänomene auseinander und kommentiert deren Abstrusität in einer wunderbar falschen Rechtschreibung. Der Umstand, dass das Kindliche, Simple und Falsche hier augenzwinkernd und sehr gekonnt zum Stilmittel erhoben wird, ist nach wie vor entwaffnend charmant und macht den Großteil des Reizes dieses Comics aus. Der andere Teil entsteht durch das Skurrile, das Haggi im Alltagsleben, der Medienwelt und unserer Kultur findet: Unter anderem begegnet Hartmut Vampiren, erklärt den Turmbau zu Babel und geht mit seiner klamottensüchtigen „Tannte“ einkaufen. Neben ein paar humoristischen Perlen und ein paar eher durchschnittlichen Strips, die nicht so richtig zünden, fallen die meisten von Hartmuts Erlebnissen in die Kategorie „nette Schmunzler“ und entfalten ihre Wirkung am besten in kleinen Lektüre-Dosen. 56 Seiten im Hartmut-Stil am Stück zu lesen, könnte des Guten nämlich zu viel sein und ist wohl eher etwas für eingefleischte Fans.

Dass Haggi zeichnerisch natürlich viel mehr drauf hat, beweist – neben zahlreichen anderen Comics aus den letzten zwei Jahrzehnten – übrigens der Strip auf der letzten Seite, eine gelungene Calvin & Hobbes-Hommage.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Funktioniert auch im neuen Format mit bewährter Orthografiefeindlichkeit und dem altbekannt-charmanten Strichmännchenlook

 

Der Hartmut macht was iem gefellt
Gringo Comics, 2012
Text & Zeichnungen: Haggi
58 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 7,90 Euro
ISBN: 978-3-940047-79-3

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Abbildungen © Gringo Comics und Hartmut Klotzbücher

Links der Woche 4/13: Career opportunities, the ones that never knock

Unsere Links der Woche, Ausgabe 4/2013:

 

Interview mit Verleger Johann Ulrich
micomics, Tiberius „Spiri“ Tarante
Der Avant-Verlag feierte gerade ein ungewöhnliches Jubiläum: 11 Jahre, 11 Tage und 11 Sekunden. Im Interview spricht Verlagsgründer Johann Ulrich ausführlich über Ursprünge, Vergangenheit und Zukunft von Avant, der sich im letzten Jahrzehnt zu einem der wichtigsten deutschen Verlage für anspruchsvolle Comics gemausert hat.

„Wir werden dem eigenen Anspruch nicht mehr gerecht“
tagesspiegel.de, Lars von Törne
Letzte Ausgabe von »Orang«!
Page, Claudia Gerdes
Zwei Interviews mit Sascha Hommer, der vor zehn Jahren die studentische Comic-Anthologie Orang gegründet hat. Gerade ist die zehnte Ausgabe erschienen. In den Gesprächen erklärt Hommer, warum die zehnte auch die letzte Ausgabe sein wird.

Abgedreht! – Diese Woche : Comic-Spezial
Arte
Die wöchentliche Arte-Sendung „Abgedreht!“, ein unkonventionelles Kulturmagazin, dreht sich diese Woche um Comics. Im Fernsehen läuft sie heute um 15:55 Uhr (Wiederholungen am 28.01 um 09:05 und am 02.02 um 06:30). Inhaltlich gibt es eine bunte Mischung von Barbarella über Comic-Auktionen bis zu einer Analyse eines Eminem-Videos. Auf der verlinkten Seite lassen sich die einzelnen Beiträge auch ansehen.

When to Give Up
First Second Blog, Calista Brill
In der Rubrik „Behind the Scenes“ auf dem Blog des US-Verlags First Second schreibt Calista Brill, die dort als „Senior Editor“ fungiert und vielen Comickünstlern, die sich bei ihr bewerben, absagen muss, über die schwere Entscheidung, wann es besser ist, die erhoffte Karriere im Comicbereich aufzugeben. Ein Artikel, der durchaus kontrovers diskutiert wurde. Und während ich diese Ausgabe der „Links der Woche“ schreibe, geht gerade ein Interview beim Comics Reporter online, in dem er Calista Brill noch einmal ausführlich zu diesem Thema befragt.

Hellboy in Hell: Print vs. Digital
Jim Rugg
Jim Rugg (Street Angel, Afrodisiac) vergleicht die gedruckte Ausgabe des ersten Hefts der neuen Hellboy-Serie mit der digitalen Ausgabe und stellt fest: „I found the digital copy stunning in comparison.“ Vor allem die Farben und Kontraste überzeugen ihn in der Digitalversion wesentlich mehr als im gedruckten Heft. Interessanter Artikel, der auch Bildbeispiele und Erläuterungen zu den praktischen Schwierigkeiten des Buchdrucks enthält.

Properties
Kyle Baker
Freudige Überraschung der Woche: US-Comickünstler Kyle Baker (auf Deutsch zuletzt mit Deadpool Max zu sehen) stellt auf seiner Website den Großteil seiner „creator owned“-Comics kostenlos zur Verfügung. Dazu gehören preisgekrönte Werke wie Why I Hate Saturn oder You Are Here. Sehr lesenswerte Comics, leider eher weniger lesefreundlich präsentiert. Wer keinen großen und augenfreundlichen Bildschirm hat, wird sich eher schwer tun, und auf Geräten wie dem iPad lassen sich die Comics auch nicht lesen. Aber zumindest zum Reinschnuppern taugt Bakers Angebot allemal.

Exclusive: Rob Liefeld’s ‘Icons’ Screenplay About the Rise of Image Comics and Casting Picks
DreamMovieCast
Immer für eine Überraschung (und einen Lacher) gut: Rob Liefeld. Letzte Woche erschien auf der Website DreamMovieCast, wo vor allem Castinggerüchte und Wunschbesetzungen für ungedrehte Filme publiziert werden, Auszüge aus einem Drehbuch namens Icons, in dem er seine Karriere, vor allem die legendäre Gründung von Image Comics, an der er maßgeblich beteiligt war, verarbeitet. Und sein Wunschcasting schickte Liefeld auch gleich noch mit.

Carving the Comics
Mel Birnkrant, Charles Ponstingl
Der Spielzeugsammler Mel Birnkrant präsentiert fantastische Holzschnitzarbeiten von Charles Ponstingl, der seit vielen Jahrzehnten Bilder aus Trickfilmen und Comics in Form von detaillierten, dreidimensionalen Schnitzereien interpretiert. Sehr sehenswert!

Winzling 3 – Das Chaos

Cover Winzling3Mit dem dritten Band erfährt die ungewöhnliche Comicadaption des Dschungelbuchs ihren Abschluss. Die Reihe wurde von Crisse und Marc N’Guessan geschaffen und versetzt Rudyard Kiplings bekannte Tierfiguren wie Balu, Baghira oder Shir Khan als Menschen in eine postapokalyptische Alternativwelt.

N’Guessan selbst wird im dritten Band von Zeichnerkollege Guy Michel abgelöst, der sich gut ins optische Gesamtbild des Werks einfügt. Nur im direkten Vergleich mit den Alben seines Vorgängers fällt auf, dass Michel nicht ganz so kontrastreich und detailliert arbeitet. Insofern ist der Zeichnerwechsel im letzten Drittel der Serie schon sehr schade.

Die Handlung steuert auf die Zusammenkunft der Rebellen zu, die den inzwischen aufgestiegenen Despoten Shir Khan in der großen Stadt stürzen wollen. Dementsprechend verlagert sich die Szenerie in die urbane Region, von wo aus, zwischen den zerstörten Überbleibseln des Krieges, die menschliche Zivilisation gesteuert und unterdrückt wird. Im Untergrund der Stadt gruppiert sich heimlich eine Gruppe aufständischer Kinder, angeführt von Mowgli.

Seite aus Winzling 3Autor Crisse löst sich mit zunehmenden Fortschreiten der Story immer weiter von der literarischen Vorlage, mit der sein Comic außer einigen netten Anspielungen (Aussehen und Verhalten der Figuren, grundsätzliche Charakterisierung) ohnehin wenig gemeinsam hatte. Dennoch, wo zu Beginn auch in Winzling Natur- und Dschungelfeeling vorherrschten, sind nun Straßen und Häuserschluchten zentrale Handlungsorte.

Der Stil ändert sich also ein Stück weit, der Ton ist aber nach wie vor sehr rau und brutal. Insgesamt verliert sich die Serie in der Nachbetrachtung etwas und vergisst dabei, die Geschichte um Mowgli und seine Freunde zu einer runden Sachen zu gestalten. Was bleibt, ist eine wirklich unterhaltsame, abenteuerliche Comicserie. Das Dschungelbuch für Erwachsene, das muss nicht jedem gefallen. Ein Blick in die Bände ist jedoch in jedem Fall zu empfehlen.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Winzling ist auch mit einem zeichnerisch etwas schwächeren Abschluss eine bemerkenswerte Albenserie

 

Winzling 3 – Das Chaos
Finix Comics, November 2012
Text: Crisse
Zeichnungen: Guy Michel
Übersetzung: Oriol Schreibweis
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 9783941236592
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Finix Comics

Lulu – Die nackte Frau

Cover Lulu – Die nackte FrauAuch wenn der Titel des neuen Splitter Books Lulu – Die nackte Frau den Anschein erwecken mag: Mit Erotik oder gar Pornographie hat der Band rein gar nichts zu tun. Vielmehr bezieht sich das „nackte“ im Titel auf das Lösen von allen Verstrickungen und Verpflichtungen. Das Loslassen, alles einfach mal sein lassen: Das hat sich wohl jeder einmal erträumt. Und genau dies ist das zentrale Thema dieses leisen und poetischen Bandes.

Nach einem unerfreulich verlaufenden Vorstellungsgespräch hat Lulu keine Lust nach Hause zu fahren. Schließlich hat ihr das Gespräch deutlich gemacht, dass sie nicht mehr die Jüngste ist und die letzten Jahre am Leben vorbei verbracht hat. So bleibt sie einfach fern von Zuhause, geht eine Affäre ein und trifft die merkwürdigsten und lustigsten Leute. Währenddessen sind ihre Kinder, ihr Mann und ihre Freunde von ihrem Verhalten etwas befremdet. Zunächst jedenfalls, denn so einige beginnen nun über ihr eigenes Leben nachzudenken.

Lulu ist eine Frau in der Midlife Crisis, wobei nicht jeder Leser dasselbe Alter erreicht haben muss, um mit der Figur die Sehnsucht nach Freiheit zu teilen. Die Frau gönnt sich einfach eine Auszeit. Um sich zu finden, sich über einiges klar zu werden, die Langeweile des Alltags zu bekämpfen und sich generell darüber bewusst zu werden, dass sie die ganzen letzten Jahre eigentlich überhaupt nicht richtig gelebt hat. Sie hat sich nur für die Kinder und für ihren Mann aufgeopfert und ihre Träume und Pläne vernachlässigt. Nun hinterfragt sie alles und macht sich emotional gänzlich nackt. Sie trägt zwar ihre Kleider, aber sonst kaum Besitztümer mit sich (schließlich war das Fernbleiben ein spontaner Impuls) und lässt sich für eine gewisse Zeit auf keinerlei Verpflichtungen ein, denn auch die neuen sozialen Kontakte sind nur auf Zeit angelegt. Dafür sind sie umso intensiver, denn da jeder weiß, dass der Kontakt befristet ist, sehnt man sich danach, jede Minute miteinander auszukosten und so kann das Miteinander nicht durch den Alltag abstumpfen, sondern wird immer das Besondere behalten.

Seite aus Lulu – Die nackte FrauLulu hält ihr bisheriges Leben nicht mehr aus. Schön ist, dass dies nie in ein Selbsthilfeprogramm mit esoterischem Anstrich ausartet. Dazu gehört auch der Pluspunkt, dass die Reaktionen von Lulus Umgebung geschildert wird. Neid, Unverständnis, aber auch viel Respekt vor dem Mut von Lulu, sowohl eine eine gewisse Feindlichkeit als auch Wohlwollen ihre gegenüber macht sich breit. Und auch folgenschwerer Zorn. Unglauben und Angst halten sich da oft die Waage. Dabei zeigt sich, dass man auch Freunde oftmals weniger kennt, als man geglaubt hat, und man fragt sich als Leser, ob man selber den Mut aufbringen würde, wie Lulu zu handeln, und wie man Freunden gegenüber reagieren würde, die sich so wie die Heldin verhalten. Auch wenn man vielleicht selbst mit seinem Leben nicht mehr so sehr zufrieden sein sollte: Würde man selber so handeln? Manchmal ist das Wissen, dass man so handeln will, sich aber nicht traut und demnach zwischen Angst und Sehnsucht zerrissen wird, erst recht schmerzlich.

Viele verschiedene Erzählperspektiven erlauben nicht nur mehrere Blickwinkel auf die Geschehnisse und die Frau, sondern erlauben es dem Autor Étienne Davodeau, jeweils einen neuen Tonfall zu finden, was die ganze Geschichte zusätzlich interessant macht. Besonders ein früher Hinweis auf ein folgenschweres Ereignis macht den Band sehr spannend, wobei die Auflösung überraschend ist. Dieser wage Hinweis verleiht dem Comic einen gewissen unheilvollen Grundton, wobei das Ende mehr als versöhnlich ausfällt. Es macht den Leser nachdenklich und zugleich ist die Erzählung romantisch, dramatisch und lustig. Und Davodeau gelingt es in seinen Zeichnungen, die schönen ruhigen Szenen gänzlich frei von Kitsch oder Postkartenidyll zu gestalten. Ein schöner Band, der dazu einlädt, das Leben zu feiern. Bei jeder Gelegenheit, die sich einem bietet.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Ruhiger und nachvollziehbar erzählter Comic über eine Midlife-Krise, die zum Nachdenken und Träumen anregt.

 

Lulu – Die nackte Frau
Splitter Verlag, November 2012
Text und Zeichnungen: Étienne Davodeau
Übersetzung: Tanja Krämling
160 Seiten, farbig, Hardcover mit Schutzumschlag
Preis: 24,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-560-1
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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Fresh Fish

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Cover Fresh FishDie in Erlangen lebende Comicbloggerin Lisa Neun veröffentlicht ihre autobiografischen Comicepisoden normalerweise regelmäßig in digitaler Form auf ihrem Blog. Daneben war sie u.a. bereits in den Anthologiereihen Panik Elektro und Jazam! vertreten. Im Dezember vergangenen Jahres publizierte sie schließlich in Eigenriege ihr erstes gedrucktes Buch. Fresh Fish heißt das Werk und beinhaltet laut seiner Schöpferin neben einem Best-of der Comics einen nicht unbeträchtlichen Anteil „Katzencontent“ sowie einen Hidden Track. Diese dreist lancierten Kaufsargumente sollte man allerdings nur insoweit wortwörtlich verstehen, als man der Aussage Glauben schenken darf, der Band würde exakt 9,99 Euro kosten, weil die Autorin eben Neun heißt.

Kurioserweise steckt der beste Gag des schmalen Büchleins bereits im Vorwort. Lisa Neun bildet darin mit ganz simplen Mitteln sich selbst ab, wie sie an einer Bar sitzt, daneben ein Goldfischglas und eine Uhr an der Wand, deren Zeiger auf 9 Uhr stehen (weil die gute Frau nun einmal Neun heißt). Weiter unten dann das gleiche Szenario als Dead-Fish-Version, Fisch und Mensch als Skelett). Fast schon philosophisch führt Lisa Neun dazu aus, dass sie hier die Dualität des Seins darstellen möchte und: „Die Fliegen symbolisieren den Teufel, der uns aber nicht holen wird. Weil rechts, da ist ein Spinnennetz, und da wird er sich früher oder später verfangen.“

Seite aus Fresh FishDas ist absurder Humor, wie er im weiteren Verlauf des Bandes, wenn die eigentlichen Comicseiten anfangen, leider kaum mehr auftaucht. Überhaupt verbirgt sich in diesem Punkt das Dilemma der abgedruckten Stories: Lisa Neun berichtet aus ihrem Alltag. Wie in einem Tagebuch hält sie eher die kleinen Ereignisse und Begebenheiten ihres Lebens fest, sei es der Ärger mit ihrer Katze, der Mann-Frau-Konflikt zuhause oder Dinge, die ihr während der Arbeit als Ingenieurin auffallen. Einigen der zumeist ein- bis zweiseitigen Episoden fehlt durch diesen spontanen Charakter schlicht die Substanz. Nicht jede Alltagsbegebenheit ist am Ende auf dem Papier so spannend oder witzig für den Leser, wie man es sich als Künstler vorher im Kopf ausmalt. In einigen Comics gelingt ihr das sehr gut, in manchen wartet man auf die letzte Pointe, die Absurdität, die das gerade Geschilderte zum Schluss nochmal aufwertet. So wie es beispielsweise im Vorwort anklang (in etwa Richtung Nicolas Mahler).

Unterm Strich ist das Buch eine Zusammenstellung von sichtbar liebevoll gestalteten Comicgeschichten. Optisch fühle ich mich an die Strips von Leo Leowald erinnert. Auch in Fresh Fish sind die Zeichnungen nicht wahnsinnig aufwändig, dafür brilliert Lisa Neuns Stil mit einer variantenreichen und erklärenden Bildsprache abseits des eigentlichen Geschehens (Hinweispfeile, Gedankenblasen, Röntgenblicke). Das passt hervorragend zum Realitätsbezug, der dadurch spielerisch aufgelockert wird.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

Unterhaltsam, lustig, aber manchmal springt der Funke nicht über

 

Fresh Fish
Eigenverlag, Dezember 2012
Text und Zeichnungen: Lisa Neun
68 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 9,99 Euro
ISBN: 978-300-040180-0

Direktbestellung (mit Signierwunsch!) per eMail: L9@lisaneun.com
Weitere Bezugsquellen stehen hier.

Abbildungen: © Lisa Neun

Missi Dominici 3 – Jelami

Cover Missi Dominici 3Mit dem dritten Band „Jelami“ liegt nun das Finale der Serie Missi Dominici vor. Ein wesentlicher Bestandteil der Serie besteht darin, dass, wie so oft in dem Genre, wahre historische Tatsachen mit Fantasy vermischt werden. Hier geht es – vor der historischen Leinwand der Christianisierung des Ostens mit Waffengewalt durch den Deutschritterorden – um sich streitende Gruppierungen mit magischen Kräften.

Das sogenannte Kind des Tierkreiszeichens, der titelgebende Jelami, welches besondere Kräfte hat, führt die Stämme der osteuropäischen Ureinwohner an, welche sich gegen die christlichen Invasoren und die Christianisierung wehren. Die Reiter der Apokalypse, ebenfalls mit besonderen Kräften ausgestattete geheimnisvolle Krieger, bringen Tod und Verderben in das Land und machen somit ihrem Namen alle Ehre, während zwei Ritter der Missi Dominici aus noch unerfindlichen Gründen sich ebenfalls auf die Suche nach dem Kind machen.

Im Finale kommt es, wie es immer in einem Finale kommt: Es gibt Action zuhauf und so einige Figuren segnen das Zeitliche. Die Missi Dominici sitzen gefangen im Kerker der Mathgrebs und werden von einem der geheimnisvollen Reiter, Krieg, gefoltert, während die Burg von dem durch Novo gelenkten Jelami belagert wird. Draußen und drinnen fließt Blut und persönliche Wahrheiten werden enthüllt, welche nun aber gegen Ende keine neuerlich großen Wendungen ergeben können. Einzig die letzte Entscheidung Jelamis ist überraschend und leider argumentativ schwach. Denn seine Begründung hätte eher zur entgegengesetzten Entscheidung gepasst. Dennoch ein genremäßig überraschendes, weil ungewohntes Ende.

Seite aus Missi Dominici 3Durch die viele Action und den hohen Blutzoll ist das Erzähltempo sogar noch höher als im zweiten Band. Leider zu hoch, denn die Handlung ist bisweilen arg sprunghaft ausgefallen und es wirkt manchmal, es fehlten einige Panels. Wenn etwa die geflohenen Ritter von den Männern Jelamis gefangen werden, so ist davon rein gar nichts zu sehen.

Die magischen Kräfte werden überhaupt nicht mehr erklärt, obwohl dieser Aspekt im letzten Band angedeutet wurde. Der Zusammenhang zwischen Magie und dem ausgewogenen Umgang mit dieser Macht und wofür sie eingesetzt werden soll, wird zwar zur Sprache gebracht, aber letztendlich nicht ausgeführt, so dass hier etwas an Potential verschenkt wird.

Optisch passt sich diese Erzählebene hervorragend an die eigentliche Story an, denn sie ist ebenso sprunghaft. Zwar sind die Zeichnungen gut, aber manchmal leider etwas zu unübersichtlich. Man kann die Dynamik auch übertreiben. Letztendlich sieht auf der Oberfläche alles gut aus, aber eine richtige Stringenz und ein festgelegtes Thema hätten der ganzen Serie gut getan. So wird zwar vieles abgehandelt, aber alles nur sehr oberflächlich. Das macht Spaß zu lesen und ist kurzweilige Unterhaltung. Ein großer Wurf ist Thierry Gloris mit seinem Dreiteiler jedoch nicht gelungen, und auch zu einem Genreklassiker reicht es nicht.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

Vieles wird nur angerissen, die Handlung bleibt sprunghaft und die Zeichnungen teils unübersichtlich.

 

Missi Dominici 3: Jelami
Ehapa Comic Collection, Juli 2012

Text: Thierry Gloris
Zeichnungen: Benoit Dellac
Übersetzer: Marcel Le Comte
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,00 Euro
ISBN: 978-3-7704-3534-0

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Abbildung aus der frz. Originalausgabe, © Vents d’Ouest

King City (US)

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Cover King CityDer US-Verlag Tokyopop, der mittlerweile (im Gegensatz zu seinem deutschen Ableger) nur noch sehr eingeschränkt aktiv ist, brachte zu seiner Hochzeit nicht nur aus Asien importierte Mangaserien heraus, sondern produzierte auch viele eigene Stoffe, die als sogenannte OEL Manga (Original English Language Manga) vermarktet wurden. Darunter waren ein paar hochinteressante Comics, die stilistisch wenig mit klassischen Mangaklischees zu tun hatten, sondern vielmehr eine ganz eigene Mischung aus östlichen und westlichen Einflüssen präsentierten. Im Zuge von drastischen Sparmaßnahmen das OEL-Programm 2008 fast komplett gestoppt und viele Serien wurden nie fortgeführt.

Brandon Graham, von dessen King City bei Tokyopop nur ein Band veröffentlicht worden war, konnte daraufhin einen Deal zwischen Tokyopop und Image Comics einfädeln, der ihm erlaubte, seinen Comic unter dem Banner „Tokyopop presents“ noch einmal als Heftserie bei Image herauszubringen und weiterzuführen. 2009 und 2010 erschienen dort 12 Hefte, und Anfang 2012, fast fünf Jahre nach der ersten Veröffentlichung, lag dann endlich die hier besprochene Ausgabe vor: ein 424 Seiten dicker Sammelband der kompletten Serie.

Auf der Rückseite warnt ein Hinweisschild: „Dieser Comic verursacht Schwangerschaft, Durchfall, Lepra, ranzige Fürze, Laserblick und den Dritten Weltkrieg.“ Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht, aber diese Ansage bietet bereits eine kleine Ahnung davon, was den Leser in King City erwartet: nämlich ein zügelloses Spiel mit dem Medium Comic, ein bunt zusammengewürfelter Mix verrückter Ideen, wilde Science-Fiction mit schrecklichen Bedrohungen, skurrilen Szenarien und Pupswitzen.

Seite aus King CityIn der futuristischen Welt von King City gibt es Alienbordelle, drogensüchtige Kriegsveteranen, mafiöse Machtkartelle, streng geheime Locations im Untergrund, zwielichtige Agenten und noch allerlei mehr Unannehmlichkeiten. Klingt erst mal nach einer finster-dystopischen SF-Geschichte, in der ein zynischer Bastard mit lässigen Sprüchen für Recht und Ordnung sorgt. Doch weit gefehlt, denn Brandon Graham ist kein Epigone von Garth Ennis oder Warren Ellis. Seine Hauptfigur mit dem simplen Namen Joe ist ein lässiger, schluffig-sympathischer Typ Anfang Zwanzig, der eher an Scott Pilgrim erinnert als an Figuren wie Spider Jerusalem. Genau wie der Slackerheld Scott Pilgrim läuft auch Joe mit Jeans,-T-Shirt und Sneakers herum, trägt schlecht geschnittene Haare, neigt zu Liebeskummer – und hat besondere Fähigkeiten, um die er aber nicht viel Aufhebens macht.

Im Fall von Joe ist es die Tatsache, dass er ein „Cat Master“ ist, eine Art Geheimagent mit Spezialausbildung, dessen Superwaffe eine hochintelligente Katze ist, die im wahrsten Sinne des Wortes zu allem fähig ist. Zuammen mit dieser Katze kehrt Joe auf den ersten Seiten des Comics nach längerer Abwesenheit zurück nach King City, wo er eher unfreiwillig in einen mysteriösen Bandenkrieg hineingerät, an dessen Ende die ganze Stadt von einem riesigen Tentakelmonster bedroht wird.

Seite aus King CityAutor und Zeichner Brandon Graham packt extrem viel in sein Szenario: Hyperintelligente Katzen, mächtige Dämonen, sexy Frauen, futuristische Architektur, wilde Kämpfe, philosophische Gespräche. Kaum eine Idee ist ihm zu abwegig, und auch formal ist Graham extrem verspielt. Da werden Kreuzworträtsel, Bastelbögen, Stadtpläne und Infokästen eingebaut, und beim Seitenlayout gleicht kaum eine Seite der anderen. Außerdem hat der Autor einen starken Hang zum Wortspiel und kann der Versuchung, hier und da noch einen kleinen Wortwitz einzubauen, selten widerstehen. Dieser Einfallsreichtum macht sehr viel Spaß und führt dazu, dass man auch bei mehrmaligem Lesen immer Neues entdeckt – der Story tut es jedoch nicht immer gut. Was die Dramaturgie angeht, fehlt es King City an Stringenz, denn Graham wechselt nicht nur ständig die Erzählperspektive, sondern neigt auch zum Abschweifen und droht mehr als einmal den roten Faden zu verlieren. Das macht es mühsam, der Handlung zu folgen und es fällt nicht leicht, die Hauptfiguren wirklich ins Herz zu schließen.

Doch immer wenn der Plot mal wieder in allzu viele Einzelteile zu zerbrechen droht, wird er geerdet durch eine schöne Liebesgeschichte: Bevor Joe die Stadt verlassen hatte, war er mit Anna Greengables (da! schon wieder ein Wortspiel!) zusammen, die er nicht vergessen kann und die mittlerweile bei dem Kriegsveteranen Max lebt, der gerade eine schwere Zeit durchmacht. Dieser überraschend realistische Handlungsstrang schmeckt eher nach einem Independentfilm als nach durchgeknallter Science-Fiction und liefert einen angenehmen Kontrast zum Rest des Comics. Graham zeigt hier, dass er nicht nur abgedreht, actionreich und witzig erzählen kann, sondern auch leise und einfühlsam.

Seite aus King CityUnd dann sind da natürlich noch die Zeichnungen, die King City zusammenhalten. Ein äußerst sehenswerter, sehr moderner Stilmix mit hohem Wiedererkennungswert, der viele Einflüsse in sich vereint: In Grahams Strich stecken Zeichentrick- und Mangaelemente ebenso wie Graffiti und Streetart, Anleihen bei Moebius und Miyazaki, gepaart mit großer Verspieltheit und einer unbändigen Lust am zeichnerischen Herumphantasieren.

King City war Grahams erstes großes, aber noch lange nicht sein letztes Werk: Zur Zeit beeindruckt er die Kritiker mit einer für unmöglich gehaltenen Neuinterpretation von Rob Liefelds Neunziger-Jahre-Trash Prophet, den er als Autor mit verschiedenen Zeichnern umsetzt, parallel schreibt und zeichnet er die Serie Multiple Warheads, eine poppig-verspielte Science-Fiction-Variante, die ihren Ursprung in einem Pornocomic hat. Da kommt noch einiges auf uns zu!

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Wilde SF-Geschichte, getragen von überbordendem erzählerischen und zeichnerischen Einfallsreichtum

 

King City
Image Comics, März 2012
Text und Zeichnungen: Brandon Graham
424 Seiten, davon 15 farbig, Softcover
Preis: 19,99 US-Dollar
ISBN: 978-1-60706-510-4

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Abbildungen: © Brandon Graham / Tokyopop / Image Comics

Links der Woche 3/13: Faces come out of the rain

Unsere Links der Woche, Ausgabe 3/2013:

 

Ein sehr seltsamer Doktor von BSV
Williams-Marvel-Comic-Archiv, Bernd Tezeden
Wie hätten die Titelbilder ausgesehen, wenn der Bildschriften-Verlag, der in den 1960er/70er Jahren die ersten Marvel-Comics auf Deutsch veröffentlichten, auch Doctor Strange herausgebracht hätte? 25 „Cover-Ideen im schönsten, plumpen Bildschriften-Stil“.

Berliner Kulturpreis für Reinhard Kleist
tagesspiegel.de, Lars von Törne
Die Berliner Boulevardzeitung B.Z. (nicht zu verwechseln mit der Berliner Zeitung!) vergibt einmal pro Jahr mehrere „Berliner Bären“ an Künstler und Kulturschaffende aus der Hauptstadt. Dieses Jahr war mit Reinhard Kleist zum ersten Mal ein Comiczeichner dabei.

durchgeblättert 002: Django Unchained 1
micomics, Tiberius Tarante
Die Comic-Website micomics versucht sich an einem neuen Videoformat, dessen erste zwei Teile diese Woche erschienen sind. In der zweiten Folge geht es um die bei Vertigo erscheinende Comicadaption des neuen Tarantino-Films. Teil 1 beschäftigt sich mit der Marvel-Sammelreihe am Kiosk, die der Verlag Hachette gerade gestartet hat. Man merkt, dass die Kollegen noch am Üben sind, aber grundsätzlich gibt es brauchbare Videoformate über Comics in deutscher Spache noch viel zu selten.

Everything you EVER wanted to know about THE AVENGERS movie
The Beat, Todd Alcott
Drehbuchschreiber Todd Alcott nimmt in einer seeehr ausführlichen Analyse Joss Whedons Drehbuch zum Avengers-Film unter die Lupe.

Anonyme Zeichner 2013 / Teilnahme
Anonyme Zeichner
Im März findet in Berlin wieder die Ausstellung „Anonyme Zeichner“ statt. Noch bis zum 31. Januar kann man sich bewerben und eigene Zeichnungen einsenden.