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Mind the Gap 16: Previews 10/2005

Wenn der ein oder andere Tipp euer Interesse weckt, könnt ihr den entsprechenden Comic vorbestellen, indem ihr den sogenannten Order-Code (angegeben in eckigen Klammern hinter jedem Titel) an den Comic-Händler eures Vertrauens weitergebt.

Vorbestellungen für Dezember 2005.

AMAZING FANTASY #16 [OCT05 1960]
Der Android Death’s Head ist ein intergalaktischer, zeitreisender Kopfgeldjäger, der in den Achtzigern von dem britischen Autor und Transformers-Guru Simon Furman für Marvel UK geschaffen wurde. Neben mehreren Gastauftritten in Serien wie Transformers oder Fantastic Four brachte es Death’s Head bis Anfang der Neunziger auch auf einige kurzlebige Solo-Reihen, bevor er schließlich ins Comic-Nirwana segelte. Für die fünfteilige Geschichte „Death’s Head 3.0,“ die ab der 16. Ausgabe in Amazing Fantasy erscheinen soll, hat man bei Marvel nun Furman selbst verpflichtet, der nach der unschönen Pleite seines Brötchengebers Dreamwave wohl das Kleingeld braucht. Gezeichnet wird „Death’s Head 3.0“ von James Raiz, der u.a. von Warren Ellis‘ Tokyo Storm Warning bekannt ist.
Marvel Comics, 32 Seiten, $ 2.99

BAD PLANET #1 (von 6) [OCT05 1704]
Die Horror-Serie über gefräßige Spinnenmonster aus dem Weltraum wird laut Beschreibung von Steve Niles (30 Days of Night) in Co-Produktion mit „Punisher“-Darsteller Thomas Jane geschrieben.  Für die Zeichnungen ist Lewis LaRosa verantwortlich, der vorher an Garth Ennis‘ Punisher arbeitete.
Image Comics, 32 Seiten, $ 2.99

BILLY THE KID’S OLD-TIME ODDITIES TPB [OCT05 0034]
Billy the Kid gegen Frankensteins Monster!  Warum eigentlich nicht? Es handelt sich hier um den Sammelband der 2005 erschienenen Miniserie im Taschenbuch-Format. Geschrieben wurde der Comic von Eric Powell, der für The Goon kürzlich einen Eisner-Preis einheimste. Gezeichnet hat Kyle Hotz (The Hood, The Agency), einer der interessantesten Künstler, die die US-Szene derzeit zu bieten hat, und dessen Stil für eine schräge Gruselkomödie genau richtig sein sollte. Man darf beste Unterhaltung erwarten. 
Dark Horse Comics, 104 Seiten, $ 13.95

DEMO COLLECTION [OCT05 2690]
Die zwölfteilige Serie Demo von Brian Wood und Becky Cloonan hat 2004 viel Lob geerntet und sich – wenn auch auf niedrigem Niveau – in den Verkaufscharts stetig gen Himmel gekämpft. Die zwölf Kurzgeschichten über gestresste Teenager kann man sich nun als kompakten Paperback ins Regal stellen. 
AiT/Planet Lar, 288 Seiten, schwarzweiß, $ 19.95

DUSTY STAR #1 [OCT05 1706]
Die Serie von Joe Pruett und Andrew Robinson wird als „ansprechender Mix aus Western, Science Fiction, Abenteuer und Komödie“ bezeichnet und kommt wohl nicht zufällig im Fahrwasser von Serenity daher. Ob es sich dabei um eine Fortsetzung des 1997 erschienen Materials handelt oder nur um dessen Wiederveröffentlichung, wird im Katalog leider nicht verraten.
Image Comics, 32 Seiten, $ 3.50

FALLEN ANGEL #1 (von 5) [OCT05 3029]
Nachdem die Reihe im Frühjahr bei DC mangels ausreichender Verkaufszahlen eingestellt worden war, geht Peter Davids Fallen Angel Ende Dezember bei IDW in die zweite Runde. Nebst neuer Startnummer und einem höheren Coverpreis bringt das auch einen Personalwechsel mit sich: Statt David Lopez schwingt von nun an J.K. Woodward den Bleistift.
Für die erste Ausgabe der Geschichte um böse Menschen, Sünde und Vergebung hat man sich im Hause David gleich die Enthüllung der geheimnisvollen Vergangenheit der Protagonistin vorgenommen. Das seinerzeit hartnäckige und vom Autor nicht ganz ungewollte Gerücht, dass es sich bei ihr um eine reinkarnierte Version von Supergirl (deren Serie David betreute, bis sie kurz vor dem Start von Fallen Angel eingestellt wurde) handeln könnte, sollte nach der endgültigen Ausgliederung aus dem DC-Universum ein für alle mal vom Tisch sein. Hoffentlich gewinnt die Serie dadurch mehr Leser als sie verliert. 
IDW Publishing, 32 Seiten, $ 3.99

THE FLYING FRIAR [OCT05 3178]
Rich Johnston, der ansonsten ja eher durch seine Klatsch-&-Tratsch-Kolumne „Lying in the Gutters“ für Wirbel sorgt, hat mit The Flying Friar eine neue Graphic Novel am Start, die von dem deutschen Duo Thomas Nachlik und Thomas Mauer illustriert respektive gelettert wird. In The Flying Friar geht es um eine Figur, die während eines mysterösen Meteoritenschauers geboren wird und mit außergewöhnlichen Kräften im ländlichen Italien des 17. Jahrhunderts aufwächst.  Als zusätzlichen Kaufanreiz bietet Johnston diese Woche eine Geld-zurück-Garantie an.  Details findet ihr in der jüngsten Ausgabe von Johnstons Kolumne, die zudem eine kleine Kostprobe von The Flying Friar enthält. 
Speakeasy Comics, 48 Seiten, schwarzweiß, $ 4.95

GLA: MISASSEMBLED TPB [OCT05 2033]
Der Sammelband zur GLA-Serie von Dan Slott (She-Hulk) und Paul Pelletier bringt auch gleich noch zwei ältere Geschichten mit: Der erste Auftritt der Great Lakes Avengers von John Byrne sowie die erste Squirrel-Girl-Story, die von keinem geringeren als Steve Ditko gezeichnet wurde.  Freunde traditioneller Superhelden-Stories mit viel Augenzwinkern sollten mit diesem Paperback voll auf ihre Kosten kommen. 
Marvel Comics, 144 Seiten, $ 14.99

GLX-MAS SPECIAL [OCT05 1966]
Und wem diese Dosis traditionsbewußten Schabernacks noch nicht reicht, der kann sich gleich noch das neue Weihnachts-Special der chaotischen Superheldentruppe aus Milwaukee mitbestellen.  Die Story stammt nach wie vor von Dan Slott, der zeichnerisch von den gestandenen Profis Matt Haley, Georges Jeanty, Mike Wieringo, Mike Kazaleh, Ty Templeton und Paul Grist (!) unterstützt wird. 
Marvel Comics, 48 Seiten, $ 3.99

GØDLAND #6 [OCT05 1736]
Zwar nicht neu, aber trotzdem uneingeschränkt empfehlenswert ist Gødland von Joe Casey (Automatic Kafka, Wildcats Version 3.0) und Tom Scioli (Freedom Force).  Die spacige, unter kreativer Hochspannung stehende Superhelden-Oper um Hauptfigur Adam Archer verkauft sich leider erbärmlich, ist aber weder eine blutarme Coverversion alter Kirby-Klassiker noch eine billige Verarsche derselben, wie man das auf den ersten Blick vielleicht vermuten könnte. 
Casey und Scioli spielen zwar bewußt mit der Ästhetik von Jack Kirby, Jim Starlin und dem frühen Barry Smith, sind aber mehr daran interessiert, deren schiere Energie einzufangen, als sie zu imitieren oder ins Lächerliche zu ziehen. Was dabei rauskommt, ist ein mutiger Comic, der wieder mal völlig anders ist als alles, was Casey vorher gemacht hat, und eine selten gesehene Freude an der Kunst aller Beteiligten versprüht. Wo sonst kriegt man schon einen Superhelden, der einen Samenerguß braucht, um sich in den kosmischen Verteidiger der Erde zu verwandeln? 
Gødland #6 erscheint – so Gott und die Leser wollen – am 14.12. und ist ein Geheimtipp für Anhänger von Grant Morrison oder Siebzigerjahre-Rauchschwadenproduzenten wie Steve Gerber, Steve Englehart oder Jim Starlin. 
Image Comics, 32 Seiten, $ 2.99

GRAVITY: BIG-CITY SUPERHERO DIGEST [OCT05 2029]
Ein junger Superheld vom Lande kommt nach New York City und versucht dort verzweifelt, eine Nische für seine Heldentaten zu finden und dabei ein normales Leben zu führen. Da er sich dummerweise ausgerechnet den Hauptknotenpunkt für Superheldenaktivität im Marvel-Universum ausgesucht hat, geht dabei natürlich einiges schief. 
Big-City Superhero ist die Taschenbuch-Version der Miniserie von Sean McKeever (Sentinel) und Mike Norton (Queen & Country).  Der Comic, der thematisch nicht zufällig an frühe Spider-Man-Abenteuer erinnert, hat sehr gute Kritiken bekommen, verkauft sich aber mangels bekannter Figuren und groß angelegter „Events“ mehr schlecht als recht. 
Marvel Comics, 120 Seiten, $ 7.99

HARD TIME: SEASON TWO #1 [OCT05 0250]
Wer letztes Jahr die „erste Staffel“ der vielgepriesenen Serie Hard Time verpasst hat, bekommt nun eine zweite Chance: Unterstützt durch Co-Autorin Mary Skrenes machen sich Steve Gerber (Howard the Duck) und Brian Hurtt (Queen & Country) erneut ans Werk, das Epos um den 16-jährigen Knastbruder Ethan Harrow fortzusetzen.  Der Schreiber dieser Zeilen kann sich die Frage nicht verkneifen, ob die Angelegenheit ohne Superkräfte nicht irgendwie prickelnder wäre, aber die meisten Kritiker haben die Serie ja durchaus mit Wohlwollen bedacht. 
DC Comics, 32 Seiten, $ 2.50

IN THE BLOOD #1 [OCT05 2858]
Wie das heute so üblich ist, wurden die Filmrechte an In the Blood, einem neuen Horror-Comic von Steve Niles und Josh Medors, bereits lange vor Erscheinen der Vorlage verscherbelt. Mit der fünfteiligen Miniserie will Niles sich den üblichen Genreklischees von „großen hundsköpfigen Viechern“ entgegenstämmen und sich stattdessen auf den Mann im Werwolf zurückbesinnen. 
Boom! Studios, 24 Seiten, $ 3.99

INTIMIDATORS #1 [OCT05 1708]
Unter der Regie von Jim Valentino, Neil Kleid und Miguel Montenegro wird Astroman, ein typisch naiver Superheld aus den Sechzigern, als Anführer eines zynischen und moralisch heruntergekommenen Heldenteams des 21sten Jahrhunderts auserkoren. 
Image Comics, 32 Seiten, $ 2.99

LOOKING GLASS WARS: HATTER M #1 (von 4) [OCT05 1709]
Geschrieben von Frank Beddor und Liz Cavalier und gezeichnet von Ben Templesmith (Fell) ist The Looking Glass Wars: Hatter M eine düstere Fantasy-Story, die im Paris des Jahres 1859 spielt. 
Image Comics, 40 Seiten, $ 3.99

MARVEL ZOMBIES #1 (von 5) [OCT05 1977]
Vom bewährten Zombie-Spezialisten Robert Kirkman (The Walking Dead) kommt die Serie Marvel Zombies, die an eine Ultimate-Fantastic-Four-Story von Mark Millar anknüpft.  Gezeichnet von Sean Phillips, spielt Marvel Zombies in einem Paralleluniversum, in dem – wer hätte das gedacht? – bekannte Marvelhelden als Zombies durch die Gegend gammeln.  Richtig brauchen tut das keiner, und besonders originell ist es mit Sicherheit auch nicht, aber wenn es halb so gut erzählt ist wie The Walking Dead, kann man sich den Sammelband schon mal auf den Einkaufszettel schreiben. 
Marvel Comics, 32 Seiten, $ 2.99

PENNY ARCADE: 1x 25 CENTS [OCT05 0013]
Bei Dark Horse Comics wird im Januar die erste Printausgabe des Gamer-Webcomics Penny Arcade von Jerry Holkins und Mike Krahulik erscheinen.  Um die Kundschaft körperlich und seelisch darauf vorzubereiten, kommt im Dezember erstmal ein kleiner Promo-Happen zum Kennenlernpreis raus. 
Dark Horse Comics, 24 Seiten, $ 0.25

PUNISHER: SILENT NIGHT [OCT05 1958]
Ein Weihnachtssonderheft der besonderen Art kommt von Andy Diggle (The Losers) und Kyle Hotz.  Wem der Nikolaus mit seinem scheinheiligen alten Sack schon immer reichlich suspekt vorkam, der sollte an dem Heft seinen Spaß haben. 
Marvel Comics/Marvel Knights, 48 Seiten, $ 3.99

PUNISHER: THE TYGER [OCT05 2016]
Ein weiteres, völlig anders gestricktes Punisher-Sonderheft kommt von Garth Ennis und Altmeister John Severin.  Als kleiner Junge erlebt der spätere Punisher Frank Castle den Selbstmord eines Klassenkameraden, was tiefgreifende Eindrücke bei ihm hinterläßt.  Da The Tyger auf Marvels Max-Label erscheint, wird es in dem Heft wahrscheinlich nicht besonders zimperlich zugehen. 
Marvel Comics/Max Comics, 56 Seiten, $ 4.99

VIMANARAMA TPB [OCT05 0328]
Ein Schmankerl kommt schließlich vom Vertigo-Label: In Vimanarama kreuzen Grant Morrison und Philip Bond eine urtypische Bollywood-Schnulze mit einer abgedrehten, kirbymäßigen Invasion außerirdischer Superhelden und ihrer Gegner.  Während die Erde vor ihrer Vernichtung steht und vor roher Energie knisternde Götter und Dämonen den Planeten verwüsten, muß das junge Pärchen Ali und Sofia in der tristen englischen Stadt Bradford zueinenander finden.  Unbedingt zu empfehlen für alle, die die Einzelausgaben verpaßt haben. 
DC Comics/Vertigo, 104 Seiten, 12.99

Und damit erstmal fröhliche Weihnachten. 

Kritik, Lob, Anregungen oder andere Kommentare sind herzlich willkommen; schaut einfach im Forum vorbei oder schickt eine E-Mail.

Das Komplott

In „Das Komplott“ geht der große Comicvisionär Will Eisner den so genannten „Protokolle der Weisen von Zion“ auf den Grund. Diese Protokolle sollen angeblich die Verschwörung der Juden zur Erlangung der Weltherrschaft beweisen. Sie sind seit 100 Jahren im Umlauf, und obwohl sie immer wieder als Fälschung entlarvt wurden, nicht totzukriegen.

Die ist die letzte Graphic Novel von Will Eisner, er verstarb 87-jährig im Januar dieses Jahres. Die Thematik war ihm ein besonderes Anliegen. Auf 152 Seiten zeigt Eisner ausführlich, wie die Protokolle entstanden sind und wie sie bis heute Einfluss ausüben.

Ihren Ursprung haben sie in einem Auftrag von russischen Aristokraten, die einen „Beweis“ für -angebliche – ehrgeizige jüdischen Pläne, die Welt zu erobern, benötigten. Zar Nikolaus II. wollte Russland modernisieren und sich dem Westen öffnen. Darunter hätte aber der Einfluss des Adels empfindlich gelitten. Mit den Protokollen, die 1905 erstmals veröffentlicht wurden, konnte man den antisemitischen Zaren leicht davon überzeugen, dass er damit den Juden Tür und Tor öffnen würde, und er nahm Abstand von seinen Ideen.

Danach verbreiteten sich die Protokolle rasend schnell und erschienen in diversen anderen Sprachen.

1921 wurde in der Times das erste Mal der Beweis geliefert, dass die Protokolle keine Mitschrift eines Treffens von jüdischen Verschwörern war, sondern eine umgeschriebene Kopie des Büchleins „Gespräche in der Unterwelt zwischen Machiavelli und Montesquieu“ von Maurice Joly. Dieses hat allerdings nicht die Juden zum Thema, sondern ist eine indirekte Kritikschrift an dem damaligen (1864) französischen Kaiser Napoleon III.
Der Fälscher und Autor der Protokolle, Matwej Golowinski, hatte damals das komplette Buch Jolys als Vorlage genommen und einfach Ausdrücke und Gesellschaftszustände Russland und der „Bedrohung durch die Juden“ angepasst.

Nach diesem eindeutigen Beleg, so sollte man denken, hätten sich „Die Protokolle der Weisen von Zion“ erledigt. Doch weit gefehlt. Als ob es nie die zahlreichen Beweise der offensichtlichen Fälschung gegeben hätte, wurden sie weiter verbreitet und gelesen – und zwar bis in die heutige Zeit hinein. Gerne werden sie von Regierungen ausgegeben und immer noch in der arabischen, asiatischen und europäischen Welt verlegt, wie Will Eisner in seinem Vorwort erläutert.

Und Umberto Eco ist in seiner Einführung der Ansicht, dass „trotz dieses mutigen Comics […] die Geschichte der Protokolle alles andere als vorüber ist“. Nachdem man Das Komplott gelesen hat, muss man ihm als Leser zögernd zustimmen. Es ist einem zwar völlig unverständlich, wie eine so offensichtliche Lüge immer noch als Wahrheit durchgehen kann.Dass sie es aber immer noch tut, auch das zeigt Eisner.

Das Komplott ist im wahrsten Sinne des Wortes eine bebilderte Geschichte, eine Graphic Novel. Die Zeichnungen sind nicht um ihretwillen da, sondern transportieren primär den Inhalt. So gibt es nicht viel Hintergrund, es wird sich auf die agierenden Personen konzentriert. Zwischendurch sind auch immer wieder erzählende oder erläuternde Textpassagen eingestreut. Zumindest bei mir funktioniert das Prinzip sehr gut, ich bin mir sicher, dass ich mir so mehr behalten habe, als wenn ich mir die Handlung nur durchgelesen hätte und keine Illustrationen vorhanden gewesen wären.

Man merkt Eisner sein Engagement, aber auch seine Souveränität auf jeder Seite an. Er muss keine offensichtliche Stellung beziehen; das Aufzeigen der Fakten reicht, um sprachlos zu sein vor solch weltweiter Ignoranz. Interessant ist auch, dass er, selber Jude, nie das jüdische Volk in den Vordergrund stellt, sondern sich auf die Untersuchung der Verbreitung einer Lüge beschränkt.

Am Ende des Buches stellt er sich dann selber als alten Mann dar, der in der heutigen Zeit Informationen über die Verbreitung der Protokolle hinterherjagt. Und an dieser Stelle empfinde ich Das Komplott als etwas belehrend. Vielleicht liegt es daran, dass man mit sehr viel Fakten konfrontiert wird, während es am Anfang eher ruhig zuging. Fast schon zu ruhig – ich hätte lieber etwas weniger über den Fälscher Golowinski erfahren und dafür am Ende mehr Luft gehabt.
Als erzählerischer Stolperstein erscheinen mir die 17 Seiten, auf denen die “Protokolle“-Abschnitte den entsprechenden der Vorlage „Gespräche…“ gegenübergestellt werden. Wenn dies nur zur  Beweisführung eingebaut wurde, hätten es sicherlich auch vier oder fünf Seiten getan. Technisch gesehen aber ist es natürlich geschickt, den Leser selber eine Meinung bilden zu lassen, indem er die Gelegenheit bekommt, persönlich Vorlage und Kopie vergleichen zu können.

Die deutsche Ausgabe macht einen hochwertigen Eindruck. Hardcover, satinierter Einband, dickes Papier, stimmige Übersetzung und Lettering, Vorwort, Anmerkungen, Literaturverweise und ein kurzes Künstlerporträt tragen allesamt dazu bei.
Das Vorwort von Umberto Eco empfehle ich übrigens erst nach dem Comic zu lesen, da man sonst etwas überfordert ist von den ganzen neuen Namen und geschichtlichen Verknüpfungen.

Das Komplott lege ich jedem ans Herz, der sich neben Comics auch für die reale Welt interessiert. Nicht nur, dass man „Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion“ erfährt, die auch heute, 100 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung, nichts von ihrer Brisanz verloren haben, man lernt „so nebenbei“ auch einiges über die politischen Umstände Frankreichs und Russlands Ende des 19. Jahrhunderts.

Das Komplott
Will Eisner
Deutsche Verlags-Anstalt
152 Seiten, Hardcover, schwarz-weiß; 19,90 Euro
ISBN:  3421058938

Animagic 2005

Spezialreport, Sonderberichterstatter Bonta 01

[Fragen zu Begriffen aus diesem Artikel? Einfach mal das Comicgate-Anime-ABC checken!]
 

Die Convention
 
Ein echter Treppenfeger – Schwarzer Magier aus „Yu Gi Oh“

Die Animagic findet bereits zum siebten Mal in Folge statt, und seit ihrer Premiere im Juli 1999 hat sich einiges getan. Zusätzlich zur Rhein-Mosel-Halle wurde das Koblenzer Schloß mit in die Con einbezogen – dort finden Ausstellungen, Diskussionsrunden und Autogrammsignierstunden mit den Ehrengästen statt. Seit zwei Jahren hat es sich zudem eingebürgert, dass dort der jährlich wiederkehrende Go-Workshop sowie die verschiedenen Fan-Clubs zu finden sind.

Zu den Highlights der Animagic gehören die japanischen Ehrengäste genauso wie die Showgruppen, das Cosplay und der extensive Händlerraum. Zahlreiche Videoräume, in denen Animes gezeigt werden, Ausstellungen, weitere Workshops, ein etablierter, hochklassiger Zeichenkurs und sogar Anime-Kinovorführungen machen die Animagic zu einem Event der Sonderklasse.
Unser Comicgate-Sonderberichterstatter – Bonta-kun!
 

 
 Bonta-kun recherchiert für Comicgate

Bonta-kun entstammt der Anime-Serie „Full Metal Panic Fumoffu“. Er ist ein mobiles, hochentwickeltes Kampfeinsatzgerät mit zahlreichen defensiven und offensiven Einsatzmöglichkeiten – jedenfalls ist er das in der Theorie. In der Praxis ist der Sprachverzerrer leider ausgefallen, weswegen Bonta-kun nur das titelgebende Wort „Fumoffu!“ von sich geben kann. Außerdem wird er trotz seiner erheblichen Zerstörungskraft nicht immer so ganz ernst genommen – entstanden auf der Grundlage eines Vergnügungspark-Maskottchens sieht er nämlich aus wie eine Kreuzung aus einem gigantischen Teddybären und einem Hamster. Gesteuert wird Bonta-kun von Sosuke Sagara, einem jungen Mann mit einer ausgedehnten Ausbildung in sämtlichen Kriegskünsten – leider hat er ansonsten von allem anderen aber so gut wie keine Ahnung.

Was dann auch einiges aus dem folgenden Bericht erklären dürfte.

 

Animagic-Sonderreport – Start!

Basis, bitte kommen! Reporter Sosuke Sagara, Codename Bonta 01, auf geheimer Mission in Koblenz! 
 
Basis, es folgt mein erster Report von der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz. Diese Veranstaltung, die sogenannte „Animagic“, macht bereits jetzt einen überprüfungswerten Eindruck auf mich. Direkt vor der Halle, auf einer großen Wiese, scheinen sich Tausende von verdächtigen Individuen zusammenzurotten. Leider kann ich nicht sagen, ob es sich hier um Zivilpersonen handelt oder nicht.

 
Preisträger „Skurrilstes Kostüm“: Beyond the Grave aus „Gungrave“ – von Einsargen kann hier wahrlich nicht die Rede sein!

Auf den ersten Blick wirken die meisten von ihnen harmlos, allerdings habe ich eine besorgniserregende Waffendichte bemerkt. Die meisten scheinen Schwerter oder sonstige Schneide-Waffen zu bevorzugen, stellen für mich und meine Standard-Bewaffnung also keine Bedrohung dar. Bei einigen anderen waffenähnlichen Gegenständen bin ich mir allerdings nicht so sicher. Einige von diesen merkwürdigen Stäben und Artefakten könnten mir unter Umständen gefährlich werden. Ich werde einen ausführlichen Gefährdungsbericht vorlegen, sobald es mir gelungen ist, eine genaue Analyse sämtlicher bedrohlicher Gegenstände vorzunehmen und empfehle bis dahin, dieser Mission Priorität Alpha A1 einzuräumen!

Der Zugang zur Halle stellt sich schwieriger dar, als unsere Informationsaquise im Vorfeld ergeben hat. Zurzeit sehe ich eine lange Reihe von Personen, die sich im Zeitlupentempo auf einige Tische zu bewegt. Offensichtlich ist hier irgendeine Art von Identitätsüberprüfung im Gange. Der Zugang zur Halle scheint streng überwacht zu werden. Ich werde mich unauffällig einreihen und versuchen, Zugang zur Veranstaltung zu erlangen. Ich melde mich wieder, sobald ich drin bin! Bonta01, over und aus!

Basis, bitte kommen! Hier ist Posten Bonta 01! Der Hamster ist gelandet, ich wiederhole: Der Hamster ist gelandet!
 
Ich befinde mich nun innerhalb der Rhein-Mosel-Halle, es ist mir gelungen, durch die strengen Sicherheitskontrollen hindurchzuschlüpfen. Diese Organisation verwendet  merkwürdige Identifizierungscodes, wie ich sie noch nie gesehen habe. Eine Art von Tätowierung nicht-permanenter Natur wurde auf den Handrücken meiner rechten Hand aufgebracht. Ich habe natürlich sofort Proben genommen und sie genauestens analysiert. Angesichts der herrschenden meteorologischen Umstände bin ich skeptisch, als wie wirkungsvoll sich dieses Verfahren herausstellen wird. Zurzeit herrschen konstante Temperaturen von etwa 28 Grad, die Luftfeuchtigkeit liegt bei ca. 80 %. Die Substanz, aus der die falsche Tätowierung besteht, beginnt bereits, sich aufzulösen. Ich sehe hier Probleme voraus, werde mich aber erst damit beschäftigen, wenn der Ernstfall eintritt. 
Soeben habe ich die letzten Sicherheitskontrollen passiert. Meine Waffen musste ich leider draußen lassen, sie wären sonst konfisziert worden. Jetzt mische ich mich unauffällig unter die Anwesenden und folge der großen Masse, um herauszufinden, was hier eigentlich vor sich geht.

 
Ein Blick in den Versorgungstr… äh… den Händlerraum

Das Gebäude scheint insgesamt aus drei Ebenen zu bestehen – meine taktische Analyse hat ergeben, dass das unterste Level eine Art von Basislager und Versorgungstrakt darstellen muss, während die mittlere Ebene einen Multifunktionsraum mit Verbindungscharakter beherbergt. Die erheblich verwinkeltere und mysteriöse Anlage auf der obersten Ebene muss ich erst noch erkunden. Zunächst wende ich mich nun der untersten Ebene zu. Soweit ich es sehen kann, wurde hier tatsächlich eine Art von Versorgungslager errichtet. An langen Tischen sind viele verschiedene Waren zu sehen, deren Natur sich mir teilweise entzieht. Ich stelle eine hohe Dichte an Informationsmaterial in Buchform und auf Datenträgern fest. Daneben scheint es jedoch auch andere Versorgungsgüter zu geben. Besonders der Zweck der kleinen, sehr detailgetreuen Figuren, die hier überall zu finden sind, erschließt sich mir nicht auf den ersten Blick. Anscheinend lösen sie jedoch bei den meisten Betrachtern hier eine sehr potente Art von Besitzreflex aus. Mehrfach habe ich gefährliche Konfliktsituationen mit hohem Gewaltpotential beobachtet! Dabei scheint es auf der höher gelegenen Ebene direkt über diesem Versorgungstrakt sogar eine Reihe von unbewachten Glasschränken zu geben, in denen diese kleinen Figuren sorgsam aufgebaut sind. Ich verstehe nicht, warum sich dort niemand einfach bedient. Ein weiteres Rätsel, das ich dringend zur Erforschung empfehle, denn ich kann nur vermuten, dass es sich bei diesen Figuren um eine Art von hochrangigen Statussymbolen oder möglicherweise sogar heiligen Reliquien handelt. Sie könnten möglicherweise einen Schlüssel zum Verhalten dieser merkwürdigen Kultur darstellen.

 

Report Bonta 01, Standort jetzt mittlere Ebene.

 
Cosplay – Zauberhafte Kreaturen allerorten

Ich habe jetzt den Versorgungstrakt verlassen und bewege mich auf der mittleren Ebene. Hier scheinen sich hauptsächlich einige paramilitärische Organisationen angesiedelt zu haben, die eindeutig auf der Suche nach neuen Rekruten sind. Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich eine Organisation namens „Panini“, eine weitere große Organisation namens „ADV-Films“ sowie einige kleinere, aber nichtsdestotrotz nicht weniger verdächtige Splittergruppen namens „Yaoi Germany“, „Zeichenworkshop“ und „Modellbauworkshop“ ausfindig gemacht. Außerdem wurde mir zugetragen, dass sich weitere Splittergruppen in der als „Schloss“ bezeichneten zweiten Anlage aufhalten sollen. Ich werde diese Organisationen zu einem späteren Zeitpunkt genauestens analysieren und gegebenenfalls infiltrieren müssen.

Der nächste Teil meiner Erkundungsaktion betrifft die oberste Ebene des Gebäudes.  Hier befinden sich anscheinend mehrere konspirative Zellen, die mit dem harmlos klingenden Namen „Videoräume“ gekennzeichnet sind. Außerdem habe ich soeben einen großen Saal entdeckt, in dem scheinbar Versammlungen abgehalten werden sollen. Sehr verdächtig finde ich den sogenannten „Spieleraum“. Hier gibt es ein hohes Potenzial an nicht auf den ersten Blick identifizierbarem elektronischem Equipment. Anscheinend ist dies eine Art von Trainingseinrichtung, denn hier werden nicht nur Kampfsimulationen und eine Art von Ausdauertraining durch Tanzbewegungen angeboten, sondern unzweifelhaft wird hier auch gezielt Koordinationsvermögen und Taktik geschult. Was allerdings die merkwürdige Vorrichtung bewirken soll, bei der vier Leute um einen Bildschirm stehen und im Takt auf Percussionskörper einschlagen, ist mir schleierhaft. Vielleicht eine neue Art von Agressionsbewältigung oder gar Folterausbildung?
 
Dieselbe scheint sich nahtlos in einem anderen Teil des Gebäudes fortzusetzen. Von dort ertönen regelmäßig unartikulierte Schreie und laute Musik, wie sie in barbarischeren Gegenden zur Willensbrechung durch Lärmbelästigung eingesetzt wird. Meine Investigationen haben ergeben, dass dies jedoch nicht, wie zunächst angenommen, der Gefängnistrakt ist. Vielmehr scheinen sich dort bestimmte Individuen zusammenzufinden, um gemeinschaftlich oder alleine mit voller Stimmkraft in ein Mikro zu brüllen. Angeblich nennt man das „Karaoke“. Ich empfehle dringend weitere Nachforschungen – dieses „Karaoke“ scheint ungeheures Potential zu besitzen. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass hier eine neue Generation von Schallwellen-Waffen erforscht wird!

 

Basis, hier wieder Bonta 01, diesmal von der oberen Ebene.
 
Langsam frage ich mich, ob diese sogenannte „Animagic“ nicht in Wirklichkeit der Deckmantel einer weltweit operierenden geheimen Organisation ist. Jedenfalls zeichnet sich eine deutliche Verbindung in den asiatischen Raum ab. Zum Beispiel habe ich viele asiatisch aussehende Schriftzeichen gesichtet. Soeben findet auch eine merkwürdige Versammlung im großen Saal statt. Eine große Menge von Zuschauern hat sich dort versammelt. Auf die Bühne trat sodann ein Mann, von dem ich zunächst dachte, dass er einen Bademantel trüge. Ich wurde jedoch von einem neben mir stehenden Zuschauer aufgeklärt, dass es sich um einen sogenannten „Kimono“ handele. Der Mann, der sich als Thomas, Chefredakteur der Animania, vorstellte, hielt eine feurige Rede, die das Publikum sichtlich wohlwollend aufnahm. Ich empfehle schärftens, diese ominöse „Animania“ einem genauen Sicherheitscheck zu unterziehen. Es scheint sich dabei um eine Art von Nachrichtendienst zu handeln. Eventuell können wir dort weitere wertvolle Informationen sichern!
 
Zurück zum aktuellen Geschehen: Soeben wird eine Reihe asiatisch aussehender Individuen vorgestellt, die jeweils mit frenetischem Applaus begrüßt werden. Diese Individuen firmieren hier unter der Bezeichnung „Ehrengäste“. Keiner von ihnen scheint es sich nehmen lassen zu wollen, eine Rede zu halten. Mein Universal-Übersetzungsmodul ist leider derzeit defekt, weswegen ich kein Wort verstehe. Damit scheine ich der einzige zu sein, denn alle um mich herum jubeln nach jedem unverständlichen Satz. Anscheinend sind hier alle Experten für fernöstliche Sprachen. Nach allem, was ich verstehe, könnte der Redner auch das Alphabet rückwärts aufsagen. Es ist zwar eine Übersetzerin anwesend,  ich bin allerdings nicht sicher, ob in dem, was die Ehrengäste tatsächlich sagten, nicht doch sublime Botschaften enthalten waren, die sich mir aus der Übersetzung nicht erschliessen. Sollen diese Leute tatsächlich nur harmlose Künstler sein? Anwesend sind laut dieser Darstellung unter anderem der Musiker Shinji Kakijima und die Sängerin CHINO, zwei bekannte Anime-Regisseure namens Ichiro Itano und Kôichi Ôhata sowie Tadashi Ozawa, ein bekannter Manga-ka und Charakterdesigner. Das alles erscheint mir schwer vorstellbar. Anscheinend handelt es sich hier schließlich um religiöse Lichtegestalten oder Kultoberhäupter, die mit frenetischem Applaus verehrt werden! Diese Personen sollten wir unbedingt im Auge behalten!

 
 

Hallo Basis, Bonta 01 meldet sich wieder von der Animagic. 
 
Ich habe nun den Versammlungssaal verlassen und sammele weitere Informationen. In den sogenannten Videoräumen wurden bereits einige dieser „Anime“ gezeigt, Filme, deren Inhalt anscheinend darauf angelegt ist, die versammelten Rekruten zu motivieren. Soeben fand zudem eine weitere merkwürdige Versammlung im großen Saal statt. Bei dieser wurden verschiedene Dinge auf der Bühne gezeigt und dann meistbietend unter den Anwesenden versteigert. Zu meiner Überraschung waren die meisten Artikel Fabrikate aus grell-bunten Stoffen mit merkwürdigen Aufdrucken, auf die irgendjemand etwas gekritzelt hatte. Angeblich handelte es sich um sogenannte „Con-T-Shirts“ mit Autogrammen. Ich persönlich glaube allerdings, dass es sich um eine spezielle Art von  Rüstungsteilen handeln muss, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand so viel Geld für ganz gewöhnliche T-Shirts ausgibt!

 

Basis? Hört mich jemand? Hier ist Bonta 01, ich berichte jetzt aus dem Schloss.
 
Ich habe es endlich geschafft, diese feindliche Bastion zu infiltrieren. Hier bin ich sofort auf allerlei verdächtige Organisationen gestoßen! Eine davon nennt sich „Go-Workshop“. Hier beschäftigen sich allerlei Individuen mit schwarzen und weißen Steinen. Ich habe den leisen Verdacht, dass diese Steine feindliche Einheiten darstellen und dass hier taktische Manöver durchgespielt werden, konnte diesen Eindruck aber noch nicht endgültig verifizieren.

In einem anderen Raum kommt es dagegen zu nahkampfartigen Situationen. Draußen dran stand „Bring & Buy“, aber ich muss gestehen, dass ich es nicht bis zur Mitte des Raums geschafft habe und daher nicht sagen kann, was genau da drinnen eigentlich vorgeht. Soweit ich aus der Ferne feststellen konnte, sind dort große Tische aufgebaut, auf denen verschiedenartige Waren ausgebreitet liegen – wegen der die Tische umgebenden Menschenmasse kann ich allerdings nichts genaues über die Natur dieser Gegenstände sagen. Ich habe allerdings zahlreiche Individuen beobachtet, die den Raum mit leeren Händen betraten und ihn eine halbe Stunde später mit vollen Armen und einem seligen, leicht abgehobenen Gesichtsausdruck wieder verließen. Sehr merkwürdig. Möglich, dass hier bewusstseinsverändernde Substanzen im Spiel sind!

 

 
Cosplayer-Gruppe aus „Yami no Matsuei“

Hier im Schloss findet sich auch eine Reihe weiterer paramilitärischer Organisationen, die hier ihre Zelte aufgeschlagen haben und anscheinend über ihre Ziele informieren sowie auf Mitgliedersuche sind. Der Sammelbegriff für diese Organisationen scheint „Fan-Clubs“ zu sein. Sie sind auf verschiedene Bereiche spezialisiert. Der größte, den ich so auf die Schnelle ausmachen konnte, war der sogenannte „Animexx“. Andere firmierten unter Namen wie „Anime no Tomodachi“ oder „Cosplay Heaven“. Die Tarnung dieser Organisationen ist genial. Sie wirken auf den ersten Blick alle samt und sonders harmlos und friedfertig. Ich kann nur vermuten, welche perfiden Pläne sie verfolgen, da ich auf die Schnelle keine dieser Organisationen ausspionieren konnte. Angeblich sind sie alle nur Zusammenschlüsse von Fans, die einträchtig einem gemeinsamen Hobby nachgehen wollen. Ja, schon klar. Die Leute, die hier rumlaufen, wirken alles andere als harmlos – fanatisch wäre eher das richtige Wort! Ich füge hier ein Sprachfile bei, das ich vor wenigen Minuten inmitten einer größeren Ansammlung aufnehmen konnte:

 

„… Sephiroth der einzig wahre Bishonen, oder wie siehst du…“

„… schon diese neue Serie gesehen? Waaas, noch nicht? Ja, bist du denn des Wahnsinns, wie kannst Du das nicht kennen…“

„… Inu Yasha und Kagome, ganz klar, und…“

„… das einzig wahre Pärchen, da lass ich mir nichts anderes sagen…“

„… das Artbook hab ich mir grade gekauft, war auch ganz billig, nur 129 Euro! Das ist doch…“

„… das ist Yaoi, das muss gut sein…“

„… guck mal, da ist Yami! YAAAMIIIIIII! WAIIIIIII!“

 

Habt ihr das störungsfrei empfangen? Diese Leute sollen harmlose Fans sein? Klar, und grüne Mambas sind die perfekten Kuscheltiere. Nun gut, ich mag zufällig Schlangen, aber ihr versteht schon, was ich meine. Niemand, nicht mal ein Befehl höchster Priorität, bringt mich noch einmal in diesen „Bring & Buy“-Raum! Das sind hier alles gefährliche Verrückte!
 
Ich habe mich erstmal in das obere Stockwerk des Schlosses geflüchtet. Hier ist die Dichte an diesen sogenannten „Anime-Fans“ nicht ganz so groß, außerdem ist die Atmosphäre etwas gemäßigter. Soweit ich mitbekommen habe, sollen hier irgendwo auch die zuvor schon erwähnten Ehrengäste zu finden sein. Hier werden nämlich Autogrammstunden und Diskussionsrunden veranstaltet. Ich denke, dass diese Diskussionsrunden so etwas wie Lagebesprechungen oder Briefings sein müssen. Natürlich interessiert mich das brennend, aber leider bin ich bisher aus jedem Saal wieder rausgeschmissen worden. Anscheinend sieht man es hier nicht so gerne, wenn jemand mittendrin in so etwas hineinplatzt und zudem konnte niemand mit meiner dringlichsten Frage – „Fumoffu?!“ – etwas anfangen. Verdammter Stimmverzerrer! Vielleicht haben die hier aber auch nur einfach meine Tarnung durchschaut, wer weiß.

 
Ein (sehr kleiner) Ausschnitt der Fanart-Ausstellung

Ich nutze die Zeit jedenfalls, und schlendere einmal kurz durch die hier aufgebaute Ausstellung. Die ausgestellten Bilder würden wie Zeugnisse längst vergangener Kulturen anmuten, wenn ich nicht auf einigen Namen und Figuren erkennen würde, die ich bereits zuvor gesehen habe, zumeist begleitet von Ausrufen wie „Aaaaah! Guck mal daaaa!“ oder „Wie süüüüüß!“. Diese Ausstellung firmiert unter dem Titel „Fanart-Ausstellung AnimaniA“ und ich bin trotz meiner Skepsis dieser ganzen Veranstaltung gegenüber beeindruckt von der Vielfalt der Themen und der Kunstfertigkeit, mit der einige der Gemälde angefertigt wurden.

 
 

Basis, hier Bonta 01, ich melde mich jetzt noch einmal aus der Rhein-Mosel-Halle.

Jetzt werde ich mich etwas weiter vorwagen und versuchen, einigen der Dinge auf die Spur zu kommen, von denen ich bisher nur gehört habe.

Dieser eine Saal zum Beispiel. Dort scheinen ständig große Versammlungen stattzufinden, da muss doch etwas dahinter stecken. Ich werde mich jetzt einige Zeit dort aufhalten und versuchen, herauszufinden, was es damit auf sich hat.

Basis, ich muss zugeben, dass ich leicht verwirrt bin. Auf derselben Bühne, auf der zuvor die Ehrengäste vorgestellt wurden und auf der auch diese ominöse Auktion stattfand, tummelt sich heute allerlei merkwürdiges Volk. Bis jetzt habe ich mindestens drei verschiedene Gruppierungen gezählt, die auf der Bühne irgendeine Botschaft an die versammelten Anwesenden bringen wollen. Die Art, die sie dazu wählen, erscheint mir allerdings eher ineffektiv. Anstatt einfach zu sagen, was sie wollen, wird hier anscheinend ein versteckter Code durch musikalische Darbietungen, rhythmische Tanzvorführungen und szenische Nachstellungen übertragen. Es ist mir inzwischen gelungen, eines jener Pamphlete zu beschaffen, dass anscheinend von der federführenden Organisation ausgegeben wurde, um hier den Ablauf der Veranstaltungen zu managen. Darin steht, dass es sich bei diesen Gruppen um verschiedene „Showacts“ handele. Das klingt wieder verdächtig harmlos, aber ich habe auch Beweise für meine Theorie gefunden, dass hier Arges im Busch ist: Eine der Gruppen heißt beispielsweise „Tsuki no Senshi“. Laut meinem internen Übersetzungsmodul bedeutet das soviel wie „Krieger des Mondes“ oder „Mondkrieger“. Hah! Wusste ich es doch!

 

Inzwischen hat das Publikum wieder einmal gewechselt, anscheinend steht ein weiterer Programmpunkt bevor. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hier übrigens sehr scharf. Der Eingang zum Saal wird nunmehr bewacht, und es werden nur noch abgezählte Gruppen eingelassen. Eine Sicherheitsmaßnahme, die mich nachdenklich stimmt. Wen genau will man hier eigentlich vom Eintritt abhalten? Da stimmt doch etwas nicht. Jetzt wird die nächste Vorführung angesagt. Aha, es heißt, hier findet jetzt das „Cosplay“ statt und zwar in der Kategorie Einzel und Paar. Das klingt interessant. Cosplay… Cos… Costume… Ah ja, es geht also um Verkleidungen, um Tarnungen sozusagen! Sehr interessant. Ich denke, hier werde ich mich einmal einschleichen und versuchen, direkt hinter die Bühne zu kommen! Ich weiß, diese Mission mag gefährlich sein, aber ich denke, dass sich das Risiko rentieren wird, denn ich werde mit Sicherheit wertvolle Einblicke in einige geheime Abläufe bekommen. Basis, ich gehe jetzt rein – wenn ihr in einer Stunde nichts von mir gehört habt, ist wahrscheinlich der Ernstfall eingetreten. Wünscht mir Glück!

 

Basis? Könnt ihr mich hören? Ich melde einen vollen Erfolg!

Ich befinde mich jetzt hinter der Bühne. Hier liegt noch allerlei Ausrüstung von der Gruppe herum, die zuvor aufgetreten ist. Allerdings stehe ich unter ständiger Beobachtung und kann daher nichts näher untersuchen. Es war unerwartet einfach, hier hereinzukommen. Anscheinend hält man mich für einen Teilnehmer dieses absonderlichen Wettbewerbes. Hier halten sich noch eine ganze Reihe weiterer sogenannter Cosplayer auf. Die meisten davon sind ziemlich blass und sehen aus, als ob auf der Bühne ein Erschießungskommando auf sie wartet statt der fünfköpfigen „Jury“, die soeben vorgestellt wurde. Das ganze macht mich langsam misstrauisch- vielleicht wissen diese Leute etwas, was ich nicht weiß? Leider waren alle meine Kommunikationsversuche bisher zum Scheitern verurteilt, da mein interner Stimmverzerrer noch immer defekt ist und hier anscheinend niemand mit einem energischen „Fumoffu!“ etwas anfangen kann. Sie zeigen immer nur auf mich und lachen. Irgendwie finde ich das ziemlich verunsichernd.

 
Gruppencosplay auf der Bühne am Sonntag – und ewig droht das Zeitlimit!

Oha, was passiert jetzt? Anscheinend beginnt die Show. Der Erste betritt die Bühne… ich kann gar nichts sehen, die Scheinwerfer sind so hell. Hm… soweit scheint alles in Ordnung zu sein. Der Cosplayer steht einfach nur in der Mitte der Bühne und erzählt was. Scheint ja doch harmlos zu sein. Es sieht aber so aus, als gäbe es irgendeine Art von Zeitbeschränkung. Das Publikum hat jedenfalls gerade begonnen, von zehn an rückwärts zu zählen. Ich frage mich, was passiert, wenn… Du lieber Himmel! Die Zeit ist gerade abgelaufen, und jetzt geht eine Art von Alarm los und eine Truppe merkwürdig gekleideter Gestalten springt auf die Bühne! Laut Ansage handelt es sich um die „Cosplay-Polizei“! Das klingt gar nicht gut… aber jetzt ist das Licht ausgegangen und ich kann nichts mehr sehen! Basis, das gibt’s doch nicht, der Cosplayer ist verschwunden! Was haben sie mit ihm gemacht?! Jetzt geht schon der Nächste auf die Bühne… ich muss hier weg, das ist eine Falle!

Was? Hey, lasst mich los! Was soll das heißen, „Startnummer 5, du bist dran“?! Ich will nicht! Basis, ich fürchte ich wurde entdeckt! Schickt keine Hilfe, ich bin sowieso verloren…

 
 

Basis? Hört ihr mich? Bonta 01 hier, noch immer am Leben, wenn auch nicht gänzlich unversehrt.

Anscheinend hatte ich die Situation falsch eingeschätzt. Ich wurde lediglich auf die Bühne geschubst, obwohl ich mich heftig wehrte. Danach nahm mich irgendjemand am Arm und ich wurde irgendwohin geführt und schließlich ging’s zurück hinter die Bühne. Eigentlich also ganz unspektakulär. Ich musste dann dort noch eine ganze Weile ausharren. Viel später drückte mir dann irgendwann jemand eine Tüte in die Hand, sagte mir, ich hätte was gewonnen und dann fand ich mich auch schon wieder vor dem großen Saal wieder. Eine merkwürdige Sache, dieses Cosplay, aber anscheinend keine Gefahr für Leib und Leben, höchstens für die Nerven.
Inzwischen habe ich weitere interessante Phänomene beobachtet. Anscheinen gibt es hier neben den Videoräumen sogar ein Kino. Außerdem habe ich von einem weiteren Veranstaltungsort namens „Circus Maximus“ gehört. Allerdings scheint dieser weniger mit antiker Geschichte als vielmehr mit einen Phänomen namens „J-Rock“ zu tun zu haben. An wieder anderer Stelle des Gebäudes werden anscheinend Gefechte unter wirklichkeitsnahen Bedingungen simuliert – das ganze nennt sich dann „Rollenspiel“. Und das ist noch längst nicht alles.
 
Preisträger „Bestes Kostüm“: Hajime Ryuudou und Tsuzuku Ryuudou aus „Souryuuden“ – dank ihrer Performance inzwischen besser als „die Milchschnitten“ bekannt

Ich kann gar nicht alles beschreiben, was sich hier abspielt, Basis. Das scheint hier eine komplette Welt für sich zu sein. Das einzige verbindende Element, das ich zwischen all diesen Leuten feststellen kann, ist das Gemeinschaftsgefühl, das sie anscheinend alle hier zusammenbringt. Es gibt hier so viele verschiedene Gruppierungen, und beinahe keine zwei scheinen sich völlig einig zu sein – anscheinend gibt es da gewaltiges Konfliktpotential, wenn sich „Subber“ und „Dubber“, Yaoi-Fans, Anhänger ganz bestimmter Genres oder sogar einer bestimmten, natürlich immer der „einzig wahren“, Serie treffen. Cosplayer und Visual Kei, Fanart-Künstler, Fanfiction-Schreiber, Autogrammjäger, Sammler, Modellbauer – alle diese Begriffe habe ich in den letzten Tagen in engem Zusammenhang gehört. Es erscheint mir fast unglaublich, dass sich so viele unterschiedliche Leute zusammentun. Trotzdem scheint es irgendwie zu funktionieren. Zwar hört man allerorten Klagen – über die bereits eingangs erwähnten Tatoos, über die Sicherheitsmaßnahme, über das Programm –, aber soweit ich es feststellen kann, herrscht trotzdem irgendwie Einigkeit, dass man nächstes Jahr wieder hierher kommen wird. Um ganz ehrlich zu sein – ich bin fasziniert.

 

 
Preisträger „Süßestes Kostüm“: Vivi aus Final Fantasy IX – klein, aber oho!

Basis, ich beschließe meinen Bericht daher mit folgender Feststellung: Vielleicht sind diese Anime- und Mangafans ja doch nicht so gefährlich, wie ich zuerst angenommen habe. Vielleicht sind sie ganz einfach nur eine Truppe unkonventioneller Leute, die sich zusammenfinden, um gemeinsam Spaß zu haben, so merkwürdig mir das auch erscheinen mag. Daher betrachte ich hiermit die Mission als abgeschlossen. Falls ihr mich jetzt nicht mehr brauchen solltet – ich bin dann im Händlerraum, da habe ich vorhin dieses wunderbare Artbook gesehen, und danach muss ich unbedingt noch diese eine Serie gucken und ich brauche auch unbedingt noch ein Autogramm, und…

 
Bonta 01, over and out!
 


 

Anime- und Manga-Magazin “AnimaniA”

Verein “Anime no Tomodachi”

Verein “Cosplay Heaven”
 
Riesenauswahl an Manga und Anime bei der ComicCombo                                 
                          

Zur Autorin:

Die Autorin dieses Artikel ist bereits seit 1999, also seit der ersten Animagic überhaupt, treue Besucherin dieser Convention – hat daher also schon so einiges gesehen. Sie ist selbst seit langem Anime-Fan und außerdem aktive Cosplayerin – wenn in diesem Artikel also versucht wird, einen augenzwinkernden Blick von „außen“ auf die Anime- und Mangaszene im Allgemeinen und die Animagic-Convention 2005 im Besonderen zu werfen, so fällt das unter das Stichwort der humorvollen Satire und ist keineswegs als Schmähung der ehrenwerten Fans japanischer Zeichentrickkunst zu verstehen.

100 Bullets 8: Der unsichtbare Detektiv

Als Milo Garret in den Spiegel blickt, muss er zugeben, dass er schon besser ausgesehen hat: Bandagen verdecken sein Gesicht, er gleicht einem überdimensionalen Pflaster mit Augen, Ohren und Mund. „Solch eine Visage würde nicht einmal eine blinde Mutter lieben“, stöhnt er. Die Hauptfigur in Brian Azzarellos Der unsichtbare Detektiv hat einen schweren Autounfall hinter sich. Als ein mysteriöser Agent ihm offenbart, dass er das Opfer eines Anschlags geworden ist, macht Garret sich auf die Suche nach den Tätern. Bald wird er seine Entscheidung bereuen. Denn er findet mehr heraus, als ihm lieb ist. 
Frustriert setzt sich Milo auf den Klodeckel und zündet sich eine Zigarette an. Nebenan auf dem Bürotisch liegt ein Stapel Akten. Bis vor wenigen Tagen war Milos Leben noch in Ordnung. Bis zu dem Unfall. Ein Schlagloch und ein Augenblick der Unaufmerksamkeit entpuppten sich als ein zu starker Cocktail für den Privatdetektiv. Die Motorhaube ging hoch und verdeckte die Sicht. Als letztes erinnert sich Milo an berstendes Metall und Glassplitter. Dann erwachte er im Krankenhaus.

Autounfälle passieren. Milo hatte Glück im Unglück. Abgesehen von seinem Gesicht ist er in bester Verfassung. Man kann versuchen, die Sache so zu betrachten. Akzeptieren, was geschehen ist. Zurück zum alten Leben, Weitermachen wie bisher.
Als ein Mann das Krankenzimmer betritt, dessen Antlitz aussieht wie eine Luftaufnahme der Wüste von Nevada, erfährt Milo jedoch, dass die Sache nicht so einfach ist. Agent Graves stellt sich kurz vor und legt einen Aktenkoffer auf den Tisch. In dem Koffer befinden sich Beweise, die belegen, dass der Unfall kein Unfall war, sondern ein abgekartetes Spiel.

Milo war an einem heißen Job dran, heißer, als er ursprünglich angenommen hatte. Der Kunsthändler Karl Reynolds wurde von einem seiner Handlanger gelinkt, der Privatdetektiv sollte ihn suchen. In Graves Koffer liegen nicht nur Beweise dafür, dass Reynolds für Milos Autounfall verantwortlich ist, sondern auch eine nicht registrierte 9mm-Pistole, inklusive einhundert Kugeln Munition. Alles ist clean. Nichts kann zurückverfolgt werden. Das perfekte Werkzeug für einen Mord.

So schnell, wie Agent Graves kam, so schnell verschwindet er auch wieder. Die Sache bleibt nebulös. Milo ist kein Killer, sondern Privatdetektiv, also von Beruf aus neugierig. Bevor er schießt, will er die Wahrheit wissen. Er legt die Pistole beiseite und geht zu Reynolds, um ihm ein paar Fragen zu stellen. Der wird jedoch nicht mehr viel beantworten können. Als Milo ihn findet, ist seine Leiche noch warm. Der Kunsthändler hat ein Loch mitten in der Stirn. Worin auch immer er verwickelt war – es hat ihn zur Strecke gebracht.

Milo Garret wird in ein Katz-und-Maus-Spiel verstrickt, in dem jeder mit verdeckten Karten spielt. Und mit einer Kanone unter dem Tisch. Aber wer spielt mit? Was ist der Einsatz, was der Gewinn? Wer spielt mit wem? Milo selber ist ein gnadenloser Hund, ein Schläger, Säufer und schlauer Kopf. Die Antworten, die er sucht, muss er sich erkämpfen. Oberflächlich betrachtet geht es in Der unsichtbare Detektiv um eine klassische Detektivgeschichte, sozusagen Humphrey Bogart in den 90ern mit einem Schuss Brutalität. Der Bissen, um den sich die Figuren prügeln, ist ein altes Gemälde aus Frankreich. Mit von der Partie sind der erbarmungslose Schläger Lono, der schmierige Kunstdieb Monroe Tannenbaum und die arrogante Managerin Megan Dietrich.

Obwohl sich der Weg des gestohlenen Gemäldes bis zum Ende des Bandes entschlüsselt und die Motive der Beteiligten größtenteils klar werden, bleiben für den Leser viele Fragen offen. Es lohnt sich, Der unsichtbare Detektiv zweimal zu lesen. Zwischen den Zeilen, hinter der vordergründigen Story, finden sich Hinweise, dass Milo Garret unter einem Trauma leidet. Er hat keine genaue Erinnerung an seine Vergangenheit. In seinem Kopf herrscht ein Tohuwabohu. Ist er der, der er zu sein glaubt?

Die Personen um ihn herum wissen mehr über seine wahre Identität, hüllen sich jedoch in Schweigen. Nichtzuletzt wegen dieser persönlichen Misere begibt sich Milo auf die Suche nach den Hintermännern seines Unfalls. Wie immer ist dabei am interessantesten, was nicht gesagt wird. Anspielungen deuten darauf hin, dass Milo einst zu einem Killerkommando namens »Minuteman« gehörte – was seine beachtliche Kondition und seine Nahkampf-Fähigkeiten erklären würden. Was Agent Graves und das Schlüsselwort »Croatoa« damit zu tun haben, bleibt ein Geheimnis.

Der Zeichner von 100 Bullets, Eduardo Risso, setzt den Band über Milo Garret und seine Widersacher mit harten Linien und viel Schatten in Szene. Häufige Perspektivenwechsel und eine dynamische Anordnung der Panels machen Der unsichtbare Detektiv zu einer Augenfreude. Eigenartig, wie es Risso gelingt, Stimmungen einzufangen, die für das Verstehen der Geschichte essentiell sind. Als Milo und die Diebin Echo Memoria durch ein Fenster gestoßen werden, ist da in seinem Gesicht nicht ein Hauch von Misstrauen zu erkennen? Bild und Text verschmelzen hier wie nur selten zu einer Einheit.

Brian Azzarello und Eduardo Risso verstehen ihr Handwerk. Der unsichtbare Detektiv macht Lust darauf, mehr von 100 Bullets zu lesen. Nicht grundlos gewannen Autor und Zeichner 2002 den Harvey and Eisner Award für die beste fortlaufende Serie. Wer Lust an Handlungen voller Gewalt, Sex und doppelten Böden hat, dem ist das in sich abgeschlossene Tradepaperback Der unsichtbare Detektiv nur zu empfehlen. Wann das große, die komplette Serie umfassende Geheimnis um die Minuteman und Agent Graves gelüftet wird, steht allerdings noch aus. Ungeduldigen sei die Recherche im Internet empfohlen, denn während man in Deutschland noch bei Ausgabe 36 der Originalserie steht, wartet man in den USA bereits auf Ausgabe 63.

 

Brian Azzarello/Eduardo Risso: 100 Bullets – Der unsichtbare Detektiv
Text: Brian Azzarello
Zeichnungen: Eduardo Risso
SPEED Comics (Verlag Thomas Tilsner), Bad Tölz 2004
(Erstausgabe DC Comics, New York 2003, #31-36)
144 Seiten, Softcover, farbig; 17,50 Euro
ISBN 3-936068-95-X

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Berlin 2323

Update vom 08.01.2006:
eine zweite Rezension (von Christopher)

Berlin im Jahre 2323 ist die Partystadt schlechthin. Die Einwohner und Besucher feiern im einen durch, aus dem Fernsehturm wurde ein Puff, und der Regierende Bürgermeister kam durch einen Putsch an die Macht.
Dirk Schulz und Robert Feldhoff nehmen uns mit auf eine Reise in ein gewagtes Bild der Zukunft Berlins…

Der eigentliche Bürgermeister, Deckname EINS und bestimmt nicht versehentlich ein pfeiferauchendes Abbild von Bill Clinton, ist Anführer der Untergrundgruppe Anti-Stasi und will erstens sein Amt zurück und zweitens verhindern, dass Berlin an Schwarzmagier ausgeliefert wird. Zumindest vermutet er, dass dieses Schickal der Stadt droht, wenn nicht sofort etwas unternehmen wird. Dummerweise scheint der Verdacht auf Magie nicht weit hergeholt zu sein, denn bereits dreimal konnte der Betrüger von dem Killer Ratte getötet werden – nur um kurz danach wieder in alter Frische aufzutauchen und seinen absonderlichen Bürgermeistervergnügungen nachzugehen.
Deshalb holt das Gruppenmitglied Scilla nun jemanden dazu, der sich mit Magie auskennt – den befreundeten Außerirdischen Indigo, der aber nicht wirklich von der Sache begeistert ist und sich erst durch eine gehörige Summe Geld überzeugen lässt. An ihm liegt es nun also, Berlin zu retten…

Es ist eine originelle und gewagte Idee, Berlin als zukünftige Partystadt und Sündenpfuhl darzustellen – und das von zwei Nicht-Berlinern, wie sie freimütig im interessanten, fünfseitigen Making-Of-Anhang bekennen. Akribisch haben Dirk Schulz und Robert Feldhoff die Stadt erforscht, sich mit ihr vertraut gemacht und versuchen nun, sie in einem sympathisch respektlosen Zukunftsszenario darzustellen. Real existierende Häuser und Bauten wie das Olympiastadion (nun die „Kanzler-Arena“) oder das Brandenburger Tor werden immer wieder in die mitunter atemberaubend farbgewaltigen Bilder eingebunden. Beeindruckend. Schön.

Naturgemäß flaut das Staunen aber irgendwann ab, und dann muss die Geschichte zeigen, was sie drauf hat. Und da mangelt es für meine Begriffe erheblich.
Am Anfang noch etwas betulich, wird im weiteren Verlauf ein ordentliches Tempo vorgelegt. Der Leser bekommt nicht wirklich eine Verschnaufpause – höchstens in den zwei kurzen Sexszenen, die mir aber ziemlich überflüssig vorkommen und die man hätte sicherlich mit etwas anderem besser füllen können. Nix gegen Erotik in Comics, aber dafür muss sie erst einmal überhaupt aufkommen. Dass sie es hier nicht tut liegt meines Erachtens daran, dass man nicht mit den Figuren mitfühlt. Sie wirken unnahbar und klischeehaft. Die toughe Widerstandskämpferin, der tumbe Killer, der sensible Brillenträger … Dazu noch ein klugscheißender, stets sonnenbebrillter Zwerg und ein knuffiger Hund als Sidekick. Och nö, die sind einem echt egal.
Doch nein, das ist gelogen. Die Protagonisten sind einem nicht egal, sie sind einem unsympatisch. Und das ist nicht gerade von Vorteil, wenn man die Leser mitnehmen will auf die Reise.
Dazu kommt noch, dass die Geschichte schrecklich vorhersehbar ist. Klar sind da ein paar Schlenker drin, aber keine, die man nicht zehn Meilen gegen den Wind gerochen hätte.
Ein paar originelle Details wie die wirklich gefährlich aussehenden Kampfgiraffen, rosenverkaufende Engel, amüsante Verweise auf  unsere Gegenwart oder der Werdegang von Hertha BSC entlocken einem so manchen Schmunzler, aber das reicht leider nicht, um den Comic mit dem befriedigenden Gefühl, dass man gut unterhalten wurde, wegzulegen.

Berlin 2323 ist im von Feldhoff und Schulz entworfenen Indigo-Universum anzusiedeln (umfasst momentan acht Bände), was ich aber erst nach dem Lesen des Comics erfahren habe. Der hochwertig anmutende Einzelband (Hardcover mit satiniertem Einband, angenehmes Kleinformat) kann und soll vermutlich aber auch alleine stehen, da ich nirgends einen direkten Hinweis darauf lesen und man auch ohne Vorwissen der Geschichte folgen konnte. fp
Die Zeichnungen retten die Bewertung


In einer fernen Zukunft. Berlin ist am Boden. DJs heizen der Menge auf den Straßen ein. 24 Stunden täglich Dauerberieselung. Der Rest besteht aus Hinterhöfen, Müll und Hundekacke. Über allem schwebt ein Tyrann, der den Stadtstaat an außerirdische Eroberer verschachern will.
Autor Robert Feldhoff will in seinem Comic Berlin 2323 richtig loslegen und ausflippen. Leider kommt er nicht einmal vom Start weg.

In Berlin ist die Hölle los. Die Zukunft hat der Hauptstadt übel mitgespielt. Im Jahre 2323 ist die Metropole zu einem überdimensionalen Karnevalverein verkommen. Die halbe Galaxis feiert hier ein munteres Stelldichein. Nach der Party wird unter der Siegessäule gebumst, wenn sich kein anderes Plätzchen findet. Und der amtierende Bürgenmeister – ein fetter Despot namens Quentin – schwebt in einer Sänfte über den Dingen. Er trägt zum allgemeinen Unwohlsein bei, indem er die Invasion der gefürchteten Schwarzen Magier vorbereitet. Von den Feiernden kümmert das allerdings niemanden so richtig.
 
Zum Glück gibt es Scilla und ihre Freunde. Die Blondine mit der großen Oberweite gehört zu einer Untergrundorganisation, die das fiese Stadtoberhaupt ausschalten will. Mit dabei ist Ratte, ein tätowierter Revolverheld, und Indigo, ein Pavian-Alien, der verflucht große Ähnlichkeit mit Klaus Meine von den Scorpions hat. Angeführt wird die Möchtegern-Guerilla-Truppe von dem rechtmäßigen Bürgermeister, der in den Untergrund fliehen musste und sein Amt zurückhaben will.
 
Die Fronten sind soweit geklärt. Was folgt, ist eine Hetzjagd vorbei an den Touristenmagneten der Stadt. Vom Brandenburger Tor geht es nach Schloss Sanssouci und weiter in den japanischen Garten. Weil wir aber einen Comic und keinen Reiseführer lesen wollen, wurden die Sehenswürdigkeiten für das Jahr 2323 billig aufgepeppt. Der Plenarsaal des Reichstages hat sich in ein Pornokino verwandelt, im Funkturm befindet sich ein Bordell, und das Stadion des Hertha BSC schwebt – getragen von mehreren Ballons – über dem Erdboden.
 
Carlsens neues Produkt macht optisch einiges her. Wie schon zuvor der französische Comic-Roman Jenseits der Zeit erscheint auch Berlin 2323 in einem neuartigen Format. Hardcover, dickes Papier, einhundert Prozent Farbe und eine handliche Größe (17,5cm x 24,5cm) lenken den Blick im Laden auf sich. Der Zeichner Dirk Schulz – Designer, Grafiker und Schöpfer von Indigo, Chiq und Chloe und Parasiten – beschert dem Leser abwechslungsreiche Seitenaufteilungen. Volle, runde Bildwelten und eine tolle Kolorierung zeichnen den Band aus.
 
Die optischen Qualitäten alleine machen Berlin 2323 leider noch zu keinem Lesevergnügen. Autor Robert Feldhoff, hauptberuflich Chef der SF-Romanreihe Perry Rhodan, hätte sich ein bisschen mehr ins Zeug legen sollen. Zusammenhanglos stehen die Elemente der Geschichte nebeneinander, nur verbunden durch einen harmlosen Plot, der nicht gerade vor Einfallsreichtum sprüht. Wie der Welt, so fehlt auch den Figuren ein ausgearbeiteter Hintergrund, der ihren Charakter formen und der Geschichte mehr Tiefe verleihen könnte. Stattdessen werden sie zu Stichwortgebern und Handlungstreibern degradiert. Eine Identifizierung seitens des Lesers bleib da selbstverständlich aus.
 
Offensichtlich sind auch Feldhoff diese Mängel aufgefallen. Statt einer gründlichen Überholung hat er jedoch einen schnellen Anstrich vorgezogen. Damit der Leser nicht ins Grübeln gerät und seiner eigenen Langeweile gewahr wird, wechseln sich die schnöden Themen des Bandes kontinuierlich miteinander ab: Sehenswürdigkeiten, Sex, Gewalt und Party. Herausgekommen ist ein geistloses Hochglanzprodukt von der Stange. Wem das reicht, der kann bei Berlin 2323 guten Gewissens zugreifen. Allen anderen sei geraten: Finger weg! cb
 
Zitate:
 
„Hmm. Riecht wie Pisse. Ich glaub, es ist Pisse.“
 
„Wolle Rose kaufe?“
 
„Siehst du die Hupen von der Tussi?“
Nee, hat nicht gefallen.

Berlin 2323
Carlsen Comics
Text: Robert Feldhoff
Zeichnungen: Dirk Schulz
96 Seiten, Hardcover, Kleinformat, farbig, 14 €
ISBN 3-551-74321-5