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Flossen

Die Welt aus der Sicht von Aquarienfischen? Das hab ich zum letzten Mal bei Monty Pythons „Meaning of Life“ gesehen. Ein herrlich schönes Thema. Denn wenn Menschen am Sinn des Lebens zweifeln, könnte man ihnen forsch entgegnen: „Was sollen Fische dann erst sagen?“

Dass diese jedoch in nur einem Kubikmeter Lebensraum eine Menge erleben beweist Ralph Ruthe mit seinem neuesten Cartoonband, in dem sich alles ausschließlich um das Dasein der besagten Flossenträger dreht. Als besonderes „Gimmick“ befindet sich auf dem Cover tatsächlich ein kleines „Aquarium“,bestehend aus dicker Folie und echter (!) Flüssigkeit. Darin schwimmt gemütlich ein Plastikfisch mit Regenschirm…

Ein Fisch mit Regenschirm ?
Wer Ruthes Humor noch nicht kannte, der kennt ihn jetzt.

Ganze 120 Cartoons sind es geworden. Die ließen sich bei diesem einbegrenztem Thema wahrscheinlich kaum so einfach aus dem Ärmel schütteln. Darin könnte der Grund liegen, warum Flossen ein wenig schwächelt. Zu viele Pointen sind belanglos oder wollen nicht richtig zünden. Zu oft geht Ruthe nach dem üblichen Prinzip „Tiere in menschlichen Alltagssituationen“ vor. Da hätte ich etwas mehr Originalität erwartet…
Doch es sind auch viele gute und völlig skurrile Gags dabei. Bei einigen Kracherwitzen muss man lauthals lachen und fragt sich: „Wie kommt jemand auf so eine verrückte Idee?“ Was die Pointen angeht, so sind mir einige schlechte und viele gute Cartoons lieber als lauter mittelmäßige.

Textlich hat Ruthe wie immer ein geschicktes Händchen.“Kein Wort zuviel“ lautet sein Motto. Prägnante Punchlines, die er kein bisschen besser hätte formulieren können, sind seine Stärke. Sein knallbunter,einfach gehaltener Zeichenstil ist Geschmacksache. Ich persönlich finde ihn für Cartoons genau richtig. Schon mit einfachen zeichnerischen Mitteln gelingt es ihm, seinen Fischen menschliche Züge zu verleihen. So wird z.B. ein Fisch nur durch Hut und grimmigen Blick zum unverkennbaren Mafioso.

Fazit: Ruthefans und Aquariumsbesitzer sollten getrost zugreifen. Allen anderen sei vorher der Einstieg über seine Shit-Happens-Reihe, ebenfalls bei Carlsen erhältlich, empfohlen,denn die zeigt Ralph Ruthe in Bestform!

Flossen – Praktisch grätenfrei
Text und Zeichnungen: Ralph Ruthe
Carlsen Verlag
64 Seiten, komplett farbig, Hardcover mit Flüssigkeitskissen und schwimmendem Fisch; 10,- Euro
ISBN: 3551680019

Witchblade-Timeline

Diese Chronologie kann man sich entweder als Bilder online anschauen oder komplett inklusive des Vorworts als PDF herunterladen (39kb; Adobe Reader wird benötigt => hier herunterladen). 

Wer Hinweise und Tipps hat, kann diese auch gerne an Christian schicken
(bryan-sunshine(at)gmx.de).
Hier geht’s zum entsprechenden Thread im Forum.

Zum Gebrauch der Witchblade-Timeline (Stand: 15.04.2006)

1. 
In diese Timeline sollen alle Geschichten aufgenommen werden, die zum Universum der Witchblade-Comics (Image/Top Cow, deutsch bei Infinity; wie auch alle anderen aufgeführten Comics, wenn nicht anders beschrieben) gehören. Das ein oder andere Heft mag jetzt noch fehlen (Herrschaft des Teufels oder Painkiller Jane/Darkness), kann aber jederzeit eingefügt werden. Die Angaben der Heftnummern beziehen sich der Einfachheit halber auf die US-Nummern. In Klammern dahinter findet sich aber die deutsche Veröffentlichung. Sollte diese in gleicher Nummerierung erfolgt sein (z.B. Destiny’s Child 1-3), entfällt die Klammer. Um Platz zu sparen, fanden folgende Abkürzungen deutscher Hefte Verwendung:

WB = Witchblade Erste Serie
D = Darkness Erste Serie
D2 = Darkness Neue Serie
WneS = Witchblade Neue Serie
WBOb TPB = Witchblade: Obakemono Tradepaperback
TR = Tomb Raider (Infinity)
e-C = Tomb Raider Ehapa (e-Comix)
TRSaBa = Tomb Raider Ehapa Sammelband
A-SB = Ascension Sammelband
A = Ascension Heft
Ov = Witchblade/Darkness/Tomb Raider: Overkill
U = Universe
DC-CO = DC Crossover (Panini)

2.       
Die Timeline wollte ich so einfach wie möglich gestalten. Aus diesem Grund habe ich auf eine Vielzahl verschiedener Pfeilarten oder anderer Verweismöglichkeiten verzichtet. Die richtige Lesereihenfolge ergibt sich lediglich aus zwei verschiedenen Zuordnungen:

1) Nebeneinander stehende Hefte beanspruchen im weitesten Sinne Gleichzeitigkeit. Das ist natürlich relativ. So gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass sich Tomb Raider 1-24 parallel zu den Serien Witchblade oder Darkness ereignen. Wichtig war mir hierbei, dass die Serien Witchblade und Tomb Raider bis zum Zeitpunkt des Crossovers Endgame (US-WB 60 und US-TR 25) parallel laufen. Anders ist es bei Ascension. Die Hefte 9-14 handeln ganz offensichtlich parallel zu den nebenan stehenden Witchblade-Heften. Statt durch zusätzliche Pfeile das Gesamtbild zu komplizieren soll die Anordnung nebeneinander den Bezug herstellen. Nebeneinanderstehende Hefte sind also mit oder ohne Bezug zueinander „gleichzeitig“ zu lesen!
2) Pfeile markieren eine direkte zeitliche Aufeinanderfolge! Wenn man einer Serie (z.B. Darkness) den Pfeilen entlang folgt, hat man eine lückenlose, zeitlich korrekte Lesereihenfolge!
3.
Die zeitliche Anordnung (vor allem bei Crossovern) kann nie völlig wasserdicht sein. Eins meiner Kriterien war der Veröffentlichungszeitpunkt. Es zeigte sich aber beispielsweise, dass Sara Pezzini zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Witchblade/Tomb Raider-Crossover in ihrer eigenen Serie gar nicht im Besitz der Witchblade war. Dieses Problem war relativ einfach lösbar. Ebenso der Umstand, dass Ian Nottingham, während sein Special „Nottingham“ veröffentlicht wurde, lückenlos bei Witchblade zugegen war. Kompliziert wurde es eher durch Jackie Estacados Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm bei Darkness. In den Crossovern Overkill und Dark Crossings, die veröffentlicht wurden, während Jackie in seiner Serie durch Amerika reist, wird er als Sara Pezzinis Informant in New York vorgestellt, was er in seiner eigenen Serie nie war, aus anderen Gründen aber nur zwischen seiner Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm und seinem vorläufigen Ableben in Darkness 40 gewesen sein kann. Hier habe ich eine kurzfristige Rückkehr nach New York festsetzen müssen (nach Darkness 29-31, dem ersten Abenteuer außerhalb New Yorks), die in seiner eigenen Serie nie erwähnt wird, aber sämtliche Wiedersprüche beseitigt, die durch eine andere Einordnung entstanden wären. Er suchte in einer billigen Pension Unterschlupf, aus der ihn Sara Pezzini und Lara Croft während Dark Crossings abholen. Scheinbar verließ er New York wieder nach dem für ihn unbefriedigenden Ausgang der Mindhunter-Story. Auf diese Weise erfindet man bei Erstellung einer Timeline die Geschichte mit, was natürlich diskutierbar ist und sein muss. Ähnlich bin ich bei Tomb Raider: Journeys vorgegangen. Statt die Hefte umständlich in die monatliche TR-Serie einzubauen, habe ich sie schlicht zu „Jugendabenteuern“ erklärt, die nach dem Tod von Laras Eltern spielen. Dass sie sich in den Journey-Abenteuern sehr oft an Schulerlebnisse erinnert, half mir bei diesem Entschluss. Es steht jedem frei, sich einen x-beliebigen Zeitpunkt in der Monatsserie zu suchen und die Journeys dort einzubauen.

4.
Die Auswahl der aufgenommenen Serien ist diskussionswürdig. Fathom Vol. 1 wird komplett aufgenommen, obwohl es nur eine Schnittstelle gibt, nämlich „Vanas Revenge“ (Fathom 12-14) mit Sara und Lara. Genausogut hätte man auch Darkchylde komplett aufnehmen oder beide weglassen können. Ein Kriterium für meine Vorgehensweise war, dass Witchblade und Fathom Vol. 1 aus demselben Stall stammen, und zwar in USA (Image/Top Cow) genauso wie in Deutschland (Infinity). Letztlich war die Entscheidung absolut willkürlich. In meinen handschriftlichen Aufzeichnungen ist Darkchylde komplett aufgeführt. Das Witchblade/Darkchylde-Crossover spielt zwischen „Darkchylde: Legacy“ und „Dreams of the Darkchylde“. Ich hatte durchaus zwischendurch die Idee, das ganze Projekt völlig auszuweiten und sogar Spawn und das Chaos!-Universum mit einzubeziehen, was ich aber nach kurzer Überlegung als unübersichtlich und nicht zweckdienlich wieder verworfen habe.

5.
Bei den Vergangenheitsgeschichten (Tales of the Witchblade u. a.) gibt es leider viele Ungereimtheiten. Die Ägypten-Story aus Tales 7 und 8 spielt VOR Tales 5, in der die Witchblade von Außerirdischen zur Erde gebracht wird. Beide Geschichten wiedersprechen sich also. Die Ägypten-Story spielt aber in die Witchblade/Tomb Raider-Crossover hinein und die Außerirdischengeschichte ist für die Herkunft der Witchblade von Belang, deren außerirdische Herkunft in der monatlichen Serie mehrfach erwähnt wird. Ich habe es damit dokumentarisch gehalten und alle Episoden aufgenommen und chronologisch gelistet, ohne eine davon für „Out of Continuity“ zu erklären. Hier muss jeder selbst wissen, was davon er für offiziell erklärt und was er aus dem Witchblade-Kanon tilgt.

Ich wünsche viel Spaß mit der Timeline und bin für Anregungen und Ergänzungen gerne zu haben.

Christian Wetter (bryan-sunshine(at)gmx.de)

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Der Kri-Ticker #56

Diesmal mit dabei: Claire #1: Auf eigenen Beinen, Nachtaufnahmen, 2Pac Shakur: Death Rap, Panel #25, Sin City #5: Familienbande, Die Wellenläufer #1: Muschelmagie, Wenn mein Hund stirbt mach ich mir eine Jacke, Unheimlich – Lovecraftian Horror #1, Baobab #1, The Portent #1 und Punisher – Mütterchen Russland.
Besprochen von Frauke Pfeiffer (fp) und Benjamin Vogt (bv).

CLAIRE #1: AUF EIGENEN BEINEN
Epsilon 
Ganz klar ein Fall von „Don’t judge a book by its cover”! So altbacken die Aufmachung und die Farben des Umschlags rüberkommen, so erstaunter wird man sein, wie witzig und frisch die einseitigen Strips um die süße Claire und ihre Nachbarinnen Jutta, Typ Workaholic, und Brit, umweltbewusste Emanze, sind. Dass sie in den Neunzigern entstanden sind, kann man zwar dem Kleidungsstil der Damen entnehmen, ansonsten können die Themen (Männer, Mode, Aussehen, …) problemlos in unser Jahrzehnt übertragen werden – wobei diese wohl eher die weiblichen Leser interessieren wird. 
Leichtfüßige Unterhaltung, und die Pointen sitzen. Geheimtipp! fp

NACHTAUFNAHMEN
Avant-Verlag

Ein bemerkenswertes Deutschlanddebüt legt der Italiener Gipi (Gian Alfonso Pacinotti) beim Berliner Avant-Verlag vor. Sein  sechs Geschichten umfassender Sammelband „Nachtaufnahmen“ beeindruckt mit grafischer Pracht und herzhaftem Inhalt. Die Bilder entstanden für einen Comic auf nicht ganz alltägliche Weise, Gipi malte sie im alten Stile mit Ölfarben auf Leinenkarton. Die so konzipierte blau-gräulich, wasserfarbige Grundierung versetzte er mit schablonenartigen Menschen, die er auf einer weiteren Schicht als Kontrast zur dunklen Hintergrundstimmung einbaute (der Stil erinnert mich persönlich ein wenig an die Zeichnungen von Ben Templesmith, der eine ähnliche Art der Umsetzung verwendet). Insgesamt wirkt das Antlitz der Stories dadurch verstörend auf den Leser, ebenso wie die zwischendrin immer mal wieder auftauchenden Kugelschreiber-Kritzeleien, mit denen dann immer zu gegebener Stelle auf ein bestimmtes Gefühl oder eine Situation hingewiesen wird.
Der harte Strich der Personen hebt sich sehr hervor und lässt die menschliche Komponente in Gipis Gesamtgemälden auf jeder Seite zu etwas Besonderem heranreifen, zum hauptsächlichen Gegenstand des Albums werden.
Die Episoden in „Nachtaufnahmen“ regen stark zum Nachdenken an, Gipi verleiht ihnen stets eine persönliche Komponente, „Oleanderstraße“, die zweite Geschichte, erzählt auf eindringliche, aber letztlich nur angedeutete, Weise sogar von einem erschreckenden Erlebnis aus der Vergangenheit des italienischen Autors.
„Nachtaufnahmen“ ist ein wundervoller Band, der wohl derzeit als eines der schönsten europäischen Comicalben in deutscher Übersetzung gelten kann. bv

2PAC SHAKUR: DEATH RAP
Schwarzkopf & Schwarzkopf

Am 7. September 1996 wurde 2Pac bei einem Drive-by Shooting angeschossen und erlag sieben Tage später seinen Verletzungen. Genau wurde sein Tod nie aufgeklärt. Bis heute halten sich Gerüchte, dass Puff Daddy und Notorious B.I.G. am Anschlag beteiligt sein sollen. Tupac Shakur wurde nur 25 Jahre alt, trotzdem war er einer der erfolgreichsten amerikanischen Rap-Musiker, der auch über den Tod hinaus mit seinen Platten Erfolge verzeichnen kann. „2Pac Shakur: Death Rap“ erzählt vom Aufwachsen im Ghetto, vom Drogenkonsum und dem Konflikt mit dem Gesetz. Vor allem aber fußt die Geschichte auf 2Pacs Zitat „All die guten Niggas, alle Niggas, die die Welt verändern, sterben eines gewaltsamen Todes.“ Dementsprechend nimmt auch gar nicht die Musik des Gangstarappers den Hauptteil in diesem Comicbuch ein, vielmehr konzentrieren sich Flameboy, Barnaby Legg und Jim McCarthy auf die Rahmenbedingungen in 2Pacs Biographie. Sie zeigen den Mythos, begründen ihn mit 2Pacs Anfängen, seinen Kontakten mit anderen Rappern und bringen ihn in einen Kontext mit anderen bekannten farbigen Persönlichkeiten aus der Vergangenheit, die eines gewaltsamen Todes starben. Auch Tupac Shakur steht für deren Kampf.
Die drei Macher sind ja mit ihren Musiker-Biographien schon bekannt. Sie gestalteten zuvor die Bände „Kurt Cobain – Godspeed” und „Eminem – In my skin” (dt. beide bei Schwarzkopf & Schwarzkopf). Wer diese Ausgaben kennt, wird vom eher simplen Zeichenstil nicht sehr überrascht sein. Eher schon von der fast abschweifenden Geschichte, die zwar mit 2Pacs Jugend beginnt und mit seinem tragischen Tod endet, aber erstaunlich wenig über das musikalische Schaffen berichtet. Dafür wird immer wieder der Pathos eines farbigen Rappers beschworen, dessen Mythos Kernstück seiner eigenen Biographie wurde. Und das stellt „Death Rap” gar nicht so unüberzeugend dar. Für Musikfans sicherlich einen Blick wert. bv

PANEL #25
Edition Panel
Ambixious Comix zum 25sten. Glückwunsch zum Jubiläum. Dem Bremer Magazin gelang dafür wieder eine sehr gelungene Ausgabe, die die richtige Mischung aus etablierten Zeichnern und Newcomern nebeneinander zu präsentieren weiß. Unter anderem vertreten: Klaus Cornfield, Markus Grolik, Jens Harder, Haimo Kinzler, Elke Steiner.
Als besonders bemerkenswert erwies sich für mich der Comicbeitrag von Nic Klein, von dem u.a. auch wegen seinem baldigen Debütalbum noch einiges hören wird. Malerisch schön, sehr atmosphärisch dichter Zeichenstil.
Außerdem in Panel #25: Ein Wiedersehen mit Peter Pucks Figur „Rudi” und neues Futter für alle Fans von Ulf K. Tolles Aufgebot also mal wieder, auch im Zusammenspiel Comics + redaktionelle Beiträge (Rezensionen, News, Interna) ansprechend zu lesen. Gut angelegte 3 Euro. bv
 

SIN CITY #5: FAMILIENBANDE
Cross Cult
Etwas unspektakulärer und auch geringer im Umfang als die vorherigen vier Ausgaben behandelt der fünfte Band die Suche nach einem Mörder – warum, das ist die Pointe. Wer Dwight und Miho aus dem dritten Band mochte, der kommt hier voll auf seine Kosten. Die beiden sind ein effektives Killerteam, wobei es auch einen gewissen Sinn für Humor hat, dass die Geschlechterrollen vertauscht sind: der riesige Dwight schnattert wie am Band, während Miho kein Wort herausbringt und dafür immer die verlässliche Kraft im Hintergrund ist. Zumindest im Sin-City-Universum eine eher leichte Geschichte, die Hardcorefans vielleicht zu locker ist. Mir hat sie gefallen. fp

SIN CITY #5: FAMILIENBANDE
Cross Cult
Dwight und Miho (man kennt sie aus vorherigen Bänden) sind in der dunklen Nacht Basin Citys unterwegs um, so scheint es, dem Mordanschlag auf einen Politiker nachzugehen und die Wurzel des Übels ausfindig zu machen. Dabei hinterlassen die beiden natürlich eine blutige Spur, so wie man das von Sin City gewohnt ist. Doch was steckt wirklich dahinter? Autor und Zeichner Frank Miller lässt den Leser im Unklaren, keine Story aus Sin City war zuvor so zielgerichtet und folgte einer klaren Linie. Miller kommt ohne Umschweife zur Sache, führt seine beiden Protagonisten straight to the point, also zum Mafiapaten, der das Attentat ausführen ließ. Erst ganz zum Schluss wird die Katze aus dem Sack gelassen, der wahre Hintergrund aufgedeckt. Miller bleibt sich treu, er verändert nicht die bereits bekannte Handlungsweise seiner Figuren, die Geschichte selbst entpuppt sich, man kann es bei jedem Umblättern praktisch spüren, mal wieder als Drama mit Rachemotiv.
„Familienbande” ist kein großes Epos und das nicht nur wegen des verhältnismäßig geringen Umfangs. Was geschildert wird, ist nichts weiter als ein normaler Tag in der sündigen Stadt, mit all seinen gewaltgepeinigten Kämpfen und finsteren Moralvorstellungen.
Momentan schreibt Frank Miller an seiner Neuversion des Dunklen Ritters in „All Star Batman” (dt. bei Panini), darin ist seine Umsetzung des dynamischen Duos zu sehen. Batman und Robin so hart wie nie zuvor in einem Krieg gegen das Verbrechen. Auch mit Dwight und Miho, dem von den Prostituierten geduldeten Beinahe-Freund und der unscheinbaren tödlichen Killerin, schickt Miller auch zwei Menschen in die Schlacht. Und wie er beide in mehreren Episoden zuvor einführte, so kann er nun mit ihnen spielen, sie unbeschwert agieren lassen in einer Story, die das Duo auf ihrem Weg durch die Straßen der Stadt begleitet, nur heißt diese nicht Gotham City und das ist auch gut so. „Familienbande”, ein Band, der am ehesten als kurze Crimestory gesehen werden kann, der aber an Dialogen und Artwork zu den vorherigen Bänden in nichts einbüßt und zuvor gezeigte Umgebung und Personen nochmals unterstreicht. bv

DIE WELLENLÄUFER #1: MUSCHELMAGIE
Ehapa Comic Collection 
„Muschelmagie” ist der erste Band einer Comicumsetzung der Romantrilogie von Kai Meyer über die so genannten Wellenläufer. Dies waren Kinder, die zu Piratenzeiten in der Karibik über Wasser laufen konnten. Bis auf zwei, Jolly und Munk, sind 14 Jahre nach ihrer Geburt alle tot. Die beiden machen sich nun auf, ihren Ursprung zu erkunden und dem Geheimnis des Atlantik-Mahlstroms auf die Schliche zu kommen, welcher schreckliche Ungeheuer ins Meer schleudert.
„Muschelmagie” richtet sich definitiv nicht an eine erwachsene Zielgruppe, für ältere Kinder bzw. Teenager ist es bestens geeignet.
Nach „Berlin, Berlin – Zoe! Chaostage” ist dies der zweite Comic von Christian „Mana” Nauck für Ehapa, dessen Figuren wunderbar Emotionen transportieren können. Nur bei den Gesichtern hätte man sich gewünscht, dass er sich manchmal etwas mehr Zeit hätte gelassen. Absolute Neulinge bei einem Großverlag sind Kolorist Sven Strangmeyer und Skriptautor Yann Krehl, die beide für ihren Einstand eine sehr gute Arbeit vorweisen können. Einige kennen die drei sicherlich auch schon vom Onlinemagazin INKplosion, wo sie die erste Comicluft schnupperten.
Ein Extralob an Ehapa für die Nachwuchsförderung. Hier hat man gutes Gespür bewiesen. fp

WENN MEIN HUND STRIBT MACH ICH MIR EINE JACKE
Kiki Post
Mein interner Preis für den einfallsreichsten Publikationstitel der letzten Zeit geht dann wohl an Anke Feuchtenberger. Vor allem weil dieser so herrlich willkürlich ausgesucht scheint. Hinter der ominösen Breitwandschrift des querformatigen Werkes präsentiert sich dann auch kein zusammenhängender Comic und auch kein umfassender Schaffenskatalog der Hamburger Künstlerin, sondern ein Einblick in alltägliche Skizzen und Illustrationen, die zwischen 2003 und 2005 entstanden. In einer Sammlung narrativer Zeichnungen beweist die von einigen Comicveröffentlichungen (z.B. „Mutterkuchen”, „Somnambule”, „Die Hure H”) bekannte Feuchtenberger eindrucksvoll ihren Stellenwert in der Kunstwelt, in der sie mit ihrer einzigartigen Versinnbildlichung zwischen erzählter Geschichte und auf sich wirkenden Einzelbildern ihren Platz einnimmt.
„Wenn mein Hund stirbt mach ich mir eine Jacke” ist ihr erstes veröffentlichtes Buch bei Kiki Post, jenem Verlag, der auch für das „Orang”-Magazin (u.a. mit Beiträgen von Anke Feuchtenberger) verantwortlich ist. Die 120 querformatigen Seiten hinterlassen Eindruck, mit Kohle, Bleistift und Ölpastellkreide erweckt die Künstlerin eine Vielfalt an surreal anmutenden und variantenreichen Zeichnungen, die sich zuallerst mal jeder thematischen Einordnung widersetzen. Dennoch verliert sich nie die Haftung zur Realität, der Feuchtenbergers Bilder eigentlich immer zu entspringen versucht sind. Es scheint, so die Wirkung auf den Betrachter, als ob Gefühlszustände und Wahrnehmungen über eine traumähnliche Wirklichkeit reflektiert werden. Die eigenen oder die von Anke Feuchtenberger, das bleibt wohl ähnlich ungeklärt wie die Auswahl des Buchtitels. Wunderbare Arbeiten in einem klasse aufgemachtem Band, was will man mehr? bv

UNHEIMLICH – LOVECRAFTIAN HORROR #1
G-Comic
„Gespenster Geschichten” wird die Tage zu Grabe getragen, Zeit für einen neuen Horror-Comic. Prompt wird uns dieser in Form eines ambitionierten Projektes zweier deutscher Künstler präsentiert: Miguel Riveros und Alexander Fechner. Die beiden erschufen in Eigenregie ein recht interessantes Heft, das sich gleich mehrere Stile zu eigen macht. So erinnert Fechners Zeichenstil stark an den von Mike Mignola, geworben wird mit „Auf den Spuren von H.P. Lovecraft” und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich jedes Mal, wenn ich den Comic in die Hand nehme, auf den neuesten Band der B.U.A.P. blicke.
Geklaut? Hommage? Wohl eher clever. Denn es funktioniert. Alexander Fechner gelang im zweiten Teil des Heftes eine Geschichte, die in der Übergreifung der Panels, dem Einsatz von Schattierung und dezenter Farbgebung und auch im inhaltlichen Spannungsaufbau zu überzeugen weiß. Mit der unheimlichen Begegnung eines Astronauten in den Tiefen des Weltalls beweist Fechner zeichnerisches Geschick und weckt mit feinen Nuancen die Aufmerksamkeit des Lesers. So kommt Fechners eigene zeichnerische Identität zum Vorschein und der Vergleich mit einem Mignola gerät in Vergessenheit.
Eine zeichnerische Identität hat auch Miguel Riveros, der mit der ersten Geschichte im Heft quasi den Gegenpart bildet. Wo Fechner sich auf Melancholie und Gefühlszustände einließ, setzt Riveros auf Action und führt den Hauptcharakter Michael ein, der künftig wohl alle Einzelepisoden zusammenhalten soll. Immerhin ist „Unheimlich 1” nur der Auftakt einer größeren Story. Da Miguel Riveros‘ Zeichenstil (klare Linien, ausdruckstarke Farbe, einfache Bildaufteilung) sich stark von dem seines Kollegen absetzt, wirken beide Künstler in einem interessanten Kontrast zueinander. Gerade daraus bezieht das Projekt seinen interessanten Ansatz für mich. Es ist kein überwältigendes Comicheft, aber auf jeden Fall so interessant, dass es Lust auf mehr macht. Das Potential ist vorhanden und mit viel Engagement kann den beiden noch viel gelingen. Allerdings sollte man gerade im sprachlichen Bereich noch daran arbeiten, denn von den merkwürdig vielen Rechtschreibfehlern mal abgesehen (die im zweiten Heft nicht mehr vorkommen sollen, da ab diesem der Verlag Edition52 die Serie betreut) sind einige Dialoge und auch die erzählenden Textpassagen zu hölzern, zu flapsig oder rhetorisch zu schlicht geraten. Aber auch diese Tatsache soll von der guten Grundidee, der ansprechenden zeichnerischen Umsetzung und der gelungen Präsentation nicht ablenken.  bv 

BAOBAB #1
Avant-Verlag
Igort, der italienische Comickünstler der bereits mit seinen Graphic Novels „5 ist die perfekte Zahl” und „Fats Waller” zu beeindrucken wusste, ist Herausgeber der Kollektion Ignatz, einer Reihe gleichformatiger Alben, die als Anlaufstelle für Autorencomics dienen soll. Fortlaufend werden diese Alben vom Berliner Avant Verlag auch in deutscher Sprache präsentiert.
In der Nummer 3 gibt sich nun also Igort selbst die Ehre. „Baobab” zeichnet den Beginn einer zweigleisigen Geschichte, die zwei Menschen über 40 Jahre begleiten soll. Erst nach und nach, sprich in weiteren Ausgaben, wird die Handlung sich überschneiden und von größerer Bedeutung sein.
Zum einen lernen wir Hiroshi kennen, einen Jungen, der im traditionsreichen Japan lebt und sich gerne von der Großmutter Geschichten erzählen lässt, u.a. von einem alten Baobab-Baum, der mit Geistern in Verbindung steht. Gleichzeitig erleben wir im südamerikanischen Parador das Leben und Schaffen des passionierten Comiczeichners Celestino.
Die beiden Handlungen bleiben voneinander getrennt, es wird spannend sein zu sehen, wie Igort sie verknüpfen wird. Band 1 dieser grafischen Novelle besitzt deutliche Spuren der ruhigen Erzähltechnik der Mangas, von der der Künstler ja bekanntermaßen auch beeinflusst wird. Trotzdem wirken seine Comic immer noch eher europäisch, dementsprechend finden sich darin wieder die herrlichen Blautöne, die Igort auch in anderen Werken schon verwendete, um seine klaren Striche und die unbeschwerte Atmosphäre zu unterlegen.
Ein interessanter erster Blick in eine duale Fortsetzungsgeschichte, mit vielschichtigen Charakteren und vor bezaubernden Hintergründen.  bv

THE PORTENT #1 (US-Ausgabe)
Image Comics
Nach unserem großen
Interview mit „The-Portent”-Schöpfer Peter Bergting nun also der Comic selber. US-Hefte sind ja immer recht kurz (in diesem Fall 28 Seiten), insofern ist es nicht verwunderlich, dass sich zur Geschichte noch nicht viel sagen lässt.
In einer düsteren Welt kommt Milo, anscheinend ein Schwertkämpfer, aus (noch?) nicht näher definierten Gründen in ein Bergdorf, welcher außer ein paar Sehern verlassen ist. Diese erwarten ihn schon als den Retter, der ihnen prophezeit wurde, um das Ende der Welt zu verhindern, welches durch Mokkurkalve, ein uraltes wiedererwachtes Monster, ausgelöst werden soll. Nur dummerweise will unser Held nicht wirklich ein Held sein…
Es ist schwer abzuschätzen, wie sich die Serie entwickelt. Peter selbst erklärte, sie baue auf alten Mythen und Sagen auf; also mal abwarten. Die Stimmung hingegen ist schon eindeutiger zu definieren: melancholisch und geheimnisvoll. Durch eine begrenzte Farbauswahl, gekonnten Einsatz von Lichtquellen und reduzierte Zeichnungen zaubert er eine stimmungsvolle Atmosphäre auf’s Papier. Ein Blick in den Comic lohnt sich allein deswegen schon allemal. Ungewöhnlich schön. fp

U.a. zu bestellen bei blackdog.de

MARVEL MAX #9: PUNISHER – MÜTTERCHEN RUSSLAND 
Panini Comics/Marvel Deutschland
Ein neues Virus bedroht die Welt, doch dieses ist ausgerechnet in den Händen der Russen, für die es genau so hohen Stellenwert besitzt wie für die US-Militärs. Nick Fury, Leiter von S.H.I.E.L.D., schickt ausgerechnet den Punisher auf diese tödliche Mission, die sich spätestens dann als fast unmöglich erweist, als Frank nicht nur seinen Gefährten im Auge behalten muss, sondern das Virus auch in einem kleinen Mädchen vorfindet. Sich und das Mädchen aus einem von russischen Spezialkommandos belagerten Atombunker zu befreien, wird für ihn schließlich sogar zum fürsorglichen Kampf um das Kind.
Hier hat Garth Ennis mal wieder eine sehr schöne Storyline geschrieben. Zwar ist Furys Motiv, warum ausgerechnet der unberechenbare Frank Castle nach Russland geschickt wird, ähnlich merkwürdig wie dessen darauf folgendes Einverständnis, trotzdem tut es gut, die Hauptfigur mal wieder im engeren Kontext mit dem normalen Marvel-Universum zu sehen. Der Punisher wird hier sowohl als massenmordende Bestie und unaufhaltsamer Soldat, aber gleichzeitig ebenso von der menschlichen Seite gezeigt, wenn er das Mädchen vor aller Gewalt zu schützen versucht.
Frank sieht dank den Zeichnungen von Doug Braithwaite leicht verbraucht im Gesicht aus, und nach jedem Kampf sogar noch ein wenig mehr. Äußerst interessant zu sehen, wie diese Figur von Ennis charakterisiert wird und als ernste und bis zum Schluss kämpfende Person mit klarer Strategie und festen Leitsätzen von Braithwaite umgesetzt wurde.
Der Band gefällt mir nach dem enttäuschenden „Irisches Erbe” wieder richtig gut.  bv

Cherry Blossom Girl

In der Welt der Comics werden Frauen meistens aus der Phantasie von Männern geschaffen. Angesichts des prekären Standes von Comics in der Kulturindustrie wäre es aber falsch, wenn man das gesamte Medium als Vehikel für regressive Männerphantasien bezeichnet.
Man braucht sich nur einmal die Aufmerksamkeit des Feuilletons für erotische Bildbände anzuschauen und man ist im Bild. Helmut Newton, David LaChapelle und Nobuyoshi Araki werden gerne gefeaturet.
Jule K. trifft man im eigenständigen Comicjournalismus, in ELLE girl oder Allegra. Soviel zur Aufmerksamkeit für das visuell erzählende Medium Comic?

Cherry Blossom Girl ist eine Geschichte, die von dem bewegten Alltag einer neunundzwanzigjährigen Frau erzählt. Als Teenager hieß sie Nele, doch mit dem Verzehr von halb vergorenen Kirschen mutierte sie zum extrem cool aussehenden Cherry Blossom Girl.
Wie bei anderen Superhelden ist es ihre Aufgabe, schwere Verbrechen zu verhindern und Katastrophen aufzuhalten. Diese Katastrophen deuten sich allerdings auf einer alltäglichen sozialen Ebene an und sind keine Banktransporterüberfalle, Naturkatastrophen oder Weltverschwörungen. Nein, Cherry rettet Frauen davor, mit Liebeskummer, Eifersucht, dummen Anmachen oder peinlichen Situationen konfrontiert zu werden.

Sie wohnt in Hamburg, hat ihr Kunststudium abgebrochen und ist eng mit Biene und Susi befreundet. Sie geht gerne Partys feiern, flirtet und verliebt sich, doch gerät sie aufgrund von Arbeitslosigkeit, Depression, Geldmangel und Liebeskummer in eine existentielle Krise, in der sich ihr die ernste Bedeutung von Freundschaft zeigt. Es gibt eine Liebesgeschichte, doch wird diese unter romantischen Vorzeichen erzählerisch nicht besonders ernst genommen. Vielmehr geht es um die individuelle Entwicklung von Nele; ihre realen Ängsten und Hoffnungen als Frau um die dreißig, die ein Studium abgebrochen hat, sehr gerne Verantwortung für andere Mädchen als Cherry Blossom Girl übernimmt, weil sie, wie es scheint, dadurch die Ängste ihrer eigenen Evolution als Comicautorin verdrängen kann.

Jule K. weiß, wovon sie erzählt. So unnötig es ist, die Geschichte als Darstellung des eigenen Lebens der Autorin zu lesen, so sollte auf die wirklichen sozialen Probleme hingewiesen werden, mit denen es Comicautorinnen ihres Alters zu tun bekommen.
Jule K.s Protagonistin Cherry Blossom Girl ist wie sie selbst Illustratorin und Comicautorin.
Vor Cherry Blossom Girl ist wahrscheinlich Strange Girls die bekannteste Reihe der Autorin (Ego Verlag). Die 1974 geborene Hamburgerin veröffentlichte Comics hauptsächlich im Eigenverlag, in linken Tageszeitungen, Popmagazinen, Comicfanzines und -zeitschriften.

Nele führt ein Leben mit sehr wenig Geld. An einer Stelle der Geschichte bekommt Cherry den Bescheid, dass ihr die Sozialhilfe fristlos gestrichen wird. Sie muss sich einen Job als Reinigungskraft besorgen, um ihre Miete zahlen zu können. Gegen die existentielle Bedrohung durch das fehlende Geld setzt sie aber ihre eigene Arbeit als Comicautorin. Sie fängt an, künstlerisch tätig zu werden, redet und feiert mit ihren Freundinnen Biene und Susi.
Sie knüpfen zusammen Bündnisse gegen die wirtschaftliche Verelendung, denn Cherry und Biene gehen gemeinsam zu einem mit viel Geld dotierten Comicwettbewerb, bei dem sie schließlich beide gewinnen. Wenn etwas an dem Comic verdient, feministisch genannt zu werden, dann ist es die Geschichte, die zeigt, wie wichtig im Unterschied zu Sozialamt, Heirat, Superheldenjob und One-Night-Stands Freundschaften sind.

Cherry Blossom Girl wird in Schwarz-Weiß erzählt. Wenn man die Illustrationen und Comics der Künstlerin von ihrer Homepage kennt, enttäuscht es zunächst, dass dieser Comic nicht in Farbe veröffentlicht wird. Durch die Wahl der Schwarz-Weiß-Illustration wirken die Kontraste zwischen den Figuren und ihrer Umwelt streng. Die Leichtigkeit von Cherry Blossom Girl befindet sich im Kontrast zum Schwarz ihrer Lippen, ihrer langen Haare, den Kirschen auf ihrem Kleid, ihren Schuhen. Wie den Betrachter auch ständig die Augen der drei Freundinnen eindringlich angucken. Das erinnert Leser, die sich mit Malerei etwas auskennen, an die merkwürdigen Figuren auf den Bildern von Robert Zeppel-Sperl. Wenn auch das Vorwort durch den Hinweis auf die Beastie Boys einen Vergleich mit Daniel Clowes' Figuren und Erzählungen nahe legt, spricht der Comic von Jule K. eine andere Bildersprache. Clowes kann düster und albern sein. Seine Fortsetzungsgeschichten machen ein amerikanisches Dystopia auf, das oft sehr jungszentriert und nerdy ist. Es ist klar, dass Clowes' Ghost World einen Unterschied macht.

Die deutlich gezeichneten Augen von Cherry, Biene und Susi schauen direkt aus dem Panel zum Leser. Ihre Blicke wenden sich an den Leser, obwohl sie zu den anderen Figuren reden. Diese erzählerische Besonderheit, die eine eindringliche Wirkung hinterlässt, erfährt ihren Höhepunkt, als Cherry Blossom Girl plötzlich vor Publikum auf der Bühne steht, um das Ende der Geschichte anzukündigen. Sie blickt direkt zum Leser. Das erweckt das Vertrauen einer face-to-face Kommunikation.

Weil es aber immer überzeichnete, weit geöffnete Augen sind, erzählen sie in einer beunruhigenden Deutlichkeit, wovon „Cherry Blossom Girl“ handelt: Konfrontation, Freundschaft, Privatssphäre.   

Cherry Blossom Girl
Text und Zeichnungen: Jule K.
Edition 52
52 Seiten, schwarz-weiß, Softcover;. 6,- Euro
ISBN 3-935229-41-0


 

Klinsi in Not

Der Titel sagt eigentlich schon alles: dies hier ist ein Fußball-Weltmeisterschaftscomic – und es wird jeder verarscht, der nicht bei drei auf den Bäumen ist.
Unser aktueller Bundestrainer Klinsi ist völlig verzweifelt: die deutsche Nationalmannschaft verliert 5:0 gegen die Mannschaft von den Malediven – und die hatten nur Flip-Flops an! Es muss etwas getan werden, wenn wir noch Weltmeister werden wollen!

Klinsi beschließt kurzerhand, die Mannschaft bei sich zu Hause zu trainieren – in den USA. Doch da der Weg bekanntlich das Ziel ist, ist dies schon mal die erste Übung für unsere wackeren Helden…
Steine in den Weg bekommen sie natürlich auch gelegt, und zwar von der PRGM (Polit-Rentner gegen Merkel) in Form von Gerhard, Joschka und Otto. Die würde es nämlich gewaltig fuchsen, wenn ausgerechnet unter der Kanzlerin Merkel Deutschland Fußballweltmeister wird. Und so denken sich die Herren alles Mögliche aus, um Olli, Michi, Poldi, Kevin, Schweini und Co nicht zu einer guten Form kommen zu lassen.

Das klingt jetzt alles ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Und auch der Rest der Handlung macht keinen unbedingt logischen Eindruck. Aber darum geht es hier gar nicht. Denn auch bei diesem Comic ist der Weg das Ziel, sprich die ganzen kleinen Seitenhiebe, die unentwegt verteilt werden auf Politiker, Prominente (Beckenbauer als Kaiser Franz mit Krönchen, Nörgel-Netzer, der selbst mit einem 4:0 gegen Italien nicht zufrieden ist (“Man kann so ein Spiel auch ruhig mal achtnull gewinnen“), Klinsmanns USA-Jettereien) oder auf die verzweifelten Schönredereien nach katastrophalen Ergebnissen auf den Pressekonferenzen; dies alles wird konstant wie Maschinengewehrsalven abgefeuert. Im Vergleich dazu kommt unsere Nationalmannschaft selber gar nicht soo schlecht weg. Nur warum Olli Kahn sogar fast durchweg positiv dargestellt wird, ist mir ein Rätsel. Vielleicht ist selbst das als Parodie gedacht…
Kurz vor Schluss hält Klinsi auf einer Pressekonferenz sogar noch ein Wort der Kritik für uns bereit: als Erklärung, warum er so lange in der Kabine war (er musste Angela und Gerhard eine Standpauke halten), antwortet er, dass er, in aller Bescheidenheit, das Land vor dem Untergang bewahrt habe, „ein Land voller Kleinkrämer, Neider und übellauniger Besserwisser“. Ja holla, mit so etwas hätte man gar nicht gerechnet.
Am Ende siegt dann zumindest der ehrliche Sportsgeist, und trotzdem hält das Team von Klinsi in Not noch eine faustdicke Überraschung für uns bereit.
Eckart Breitschuh (“Lindenstraße“-Comics) schafft es mit wenigen Strichen, schon fast karikierend, unsere Promis zum Leben zu erwecken; man erkennt immer, meistens amüsiert, wer dargestellt werden soll. Trotz kleinerer, oftmals guter Gags in den Zeichnungen scheint er aber ziemlich unter Zeitdruck gestanden zu haben. Die Bilder haben meist keinen oder nur einen einfachen Hintergrund, sind manchmal doppelt zu finden (natürlich mit einem anderem Text) und machen den Eindruck, als seien sie locker-flockig aus der hohlen Hand entstanden. Das stört nicht; ein optisches, mühselig ausgearbeitetes Meisterwerk darf man aber nicht erwarten.

Es ist auch verständlich, denn Eile ist geboten. Zeit ist der größte Feind dieses Comics. Wie schnell kann er sich überleben (ich sag' nur 0:4 Deutschland:Italien; und wie gerade bekannt gegeben wurde ist Jens Lehmann und nicht Oliver Kahn Torhüter bei den WM-Spielen 2006) und spätestens nach der Weltmeisterschaft wird er nur noch Nostalgiecharakter haben und eine Momentaufnahme der deutschen Fußballgeschichte sein. Aber bis dahin (und für Vollblut-Fans darüber hinaus) ist er ein ideales Geschenk für alle Fußballbegeisterten.

Klinsi in Not
Agon Sportverlag (
mehr zum Comic)
Text: Thomas Kilchenstein, Jan Christian Müller (beide Sportredakteure bei der Frankfurter Rundschau)
Zeichnungen: Eckart Breitschuh
80 Seiten, komplett farbig, Hardcover; 9,95 Euro
ISBN: 3897842793

Interview mit Zeichner Eckart Breitschuh zu Klinsi in Not

Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit

“Seminarkabarett-Comic“ steht auf dem Umschlag. Drei Begriffe, die auf den ersten Blick unvereinbar scheinen. Dass „Seminar“ und „Kabarett“ zusammengehen können, beweist der Steyrer Bernhard Ludwig seit 1992 auf diversen Bühnen. Der gelernte Psychologe machte aus einem sexualtherapeutischen Seminar ein erfolgreiches Kabarettprogramm, das inzwischen auch als Kinofilm gezeigt wird. Der besondere Kniff bei jeder Vorführung: Das Publikum wird nach Geschlechtern getrennt, auch soll man möglichst nicht neben Freunden und Bekannten sitzen. Denn die Zuhörer sollen mit Summgeräuschen auf Ludwigs Fragen antworten und so unbefangen wie möglich sein. Der gleichermaßen komische wie erhellende Effekt dieser Publikumsbefragungen fällt natürlich bei einer Comicadaption flach. Kann der Transfer ins Medium Comic trotzdem gelingen?

Basierend auf Ludwigs Programm präsentieren Autor Günther Payr und Zeichner Tim Jost nun die gezeichnete Version des Seminars. Sie zeigen Bernhard Ludwig auf der Bühne, wie er Grafiken und Tabellen erklärt, mit dem Publikum spricht und die Summ-Fragen stellt. Gleichzeitig spricht der Referent auch den Leser direkt an. Stilistisch und zeichnerisch lehnt sich das sehr stark an Scott McClouds Comics richtig lesen an, was die Autoren auch nicht verhehlen wollen und sich gleich auf der ersten Seite in einer kleinen Hommage vor McCloud verbeugen.

Ludwigs Vortrag über die Sexuelle Unzufriedenheit beginnt mit den hinlänglich bekannten, ironisch-überspitzten Geschlechter-Klischees, die bereits bis zum Überdruss in Buchbestsellern (Warum Frauen nicht einparken können…), One-Man-Shows (Caveman) und Comedyprogrammen (Mario Barth und Konsorten) durchgenudelt worden sind. Das mag unterhaltsam und vielleicht sogar teilweise wahr sein, originell ist es längst nicht mehr. Glücklicherweise wird nicht zu lange auf dieser Ebene herumgeritten. Ludwig, Payr und Jost wenden sich zügig dem eigentlichen Thema zu: Es geht um Sex und all die Probleme, die damit einhergehen. Das Buch schafft es, sehr unverkrampft mit dem Thema umzugehen, sehr locker und ziemlich freizügig, aber nie ordinär.

Wenn unser Seminarleiter Ludwig zu Beginn sagt: „Das Lehrziel ist, dass Sie sich nach einiger Zeit nicht mehr ganz sicher sind, ob Sie ein Comicbuch lesen, oder ob Sie Teilnehmer der Vorstufe einer lösungsorientierten Kurzzeittherapie sind“, dann hat er damit nicht Unrecht. Die Anleitung ist keine zwanghaft auf witzig getrimmte Zotenparade. Vielmehr wird das Thema recht ernsthaft behandelt, aber mit einer Menge Gags humorvoll angereichert, so dass, Zitat Ludwig, „niemand merkt, was ernst gemeint ist und was nicht“. Die Comic-Variante kann sicherlich nicht den gleichen Effekt erzielen wie die Live-Teilnahme am Kabarettprogramm, dafür funktioniert sie immer dann sehr gut, wenn die zahlreichen Anspielungen und Gags bebildert werden.

Das Experiment ist also geglückt, die Mischung aus Humor, Wissenschaft und Comic macht Spaß. Und wer behauptet, dass das Thema uninteressant sei, ist sowieso ein Lügner.

Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit
Ueberreuter
von Bernhard Ludwig, Comicadaption von Günther Payr
Zeichnungen: Tim Jost
80 Seiten, s/w, Hardcover; 14,95 Euro
ISBN: 3800071576


Auch auf englisch erschienen (A Guide to Sexual Misery)
ISBN: 3800071797