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„Streich auf Streich“ – Hannover zeigt die Vielfalt deutscher Comics aus 150 Jahren

Wilhelm Buschs berühmte Bildgeschichte Max und Moritz gilt als wichtiger Vorläufer und Wegbereiter der Kunstform Comic und Busch wird gerne als „Vater der Comics“ bezeichnet. Jetzt ist im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover eine Ausstellung zu sehen, die eine große Linie von Max und Moritz bis zum Schaffen heutiger Comickünstler im deutschsprachigen Raum zieht. Stefan Svik hat sie für uns besucht.

 

Das „Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst“ in Hannover zeigt vom 16. Februar bis zum 27. April 2014 eine Ausstellung anlässlich des 150. Jubiläums der Fertigstellung von Max und Moritz. Da Wilhelm Buschs damaliger Verleger von dem Werk nicht recht überzeugt war und Angst vor einem Flop hatte, erschien es erst 1865 und wurde in den kommenden Jahrzehnten äußerst populär, obwohl es gerade in den ersten Jahren von manchen Kritikern als pädagogisch fragwürdig eingestuft wurde.

Unter dem Motto „Deutschsprachige Comics von Wilhelm Busch bis heute“ zeigt die Ausstellung neben der kompletten Handschrift von Max und Moritz im Original zahlreiche weitere Exponate, die stellvertretend für die deutschsprachige Comicgeschichte stehen, die bei Busch ihre Ursprünge hat. Unter anderem sind zu sehen: Originalzeichnungen von Olaf Gulbransson (Simplicissimus) bis zu Jan Gulbransson (Die Ducks in Deutschland), Reinhard Kleist neben Ottifanten, Bilder von Ulli Lust und die Wormworld Saga, Nick Knatterton und Famany, Deutschlands Superheld von 1937.

Aus konservatorischen Gründen sind Buschs Originale nur in den ersten fünf Wochen ausgestellt. Der Rest bleibt weitere fünf Wochen im Museum und wird im Juni auf dem Comic-Salon in Erlangen zu sehen sein. Betreut wird die Schau durch Martin Jurgeit, den langjährigen Chefredakteur der Comixene, der vor der Wahl stand, welche Werke in den zwei Etagen des Museums zu sehen sein sollten. Ein wesentliches Kriterium dabei ist der Max-und-Moritz-Preis, der seit 30 Jahren verliehen wird und mit seinem Namen ebenfalls eine Traditionslinie von Wilhelm Busch zu heutigen Comics zieht. Auffällig ist, dass relativ wenig deutsche Manga zu sehen sind und außer Ulli Lust, Isabel Kreitz und Olivia Vieweg hauptsächlich Comics von mittelalten bis älteren Männern vertreten sind. Ein „Männerverein“ wie zu Simplicissimus-Zeiten ist die Comicszene heute nicht mehr.

Erster Stock, kurz vor der Eröffnung am Sonntag, so leer wars später nicht mehr Kurator Martin Jurgeit bei der ersten Führung am Sonntag
Erster Stock, kurz vor der Eröffnung am Sonntag, so leer wars später nicht mehr Kurator Martin Jurgeit bei der ersten Führung am Sonntag

Die Ausstellung wird von einem Rahmenprogramm begleitet, das möglichst viele Ziel- und Altersgruppen ansprechen soll. Generell ist diese Ausstellung sowohl für Gelegenheitsleser wie auch für Comicexperten äußerst ergiebig: Rechnet man den ersten Raum mit den Busch-Exponaten mit, sind 266 Comic-Originalzeichnungen in Form von Einzelblättern zu sehen, außerdem 111 Einzelzeichnungen aus insgesamt sieben Werken von Wilhelm Busch. Hinzu kommen noch Drucke, teils über 100 Jahre, teils erst wenige Jahrzehnte alt. Die ältesten Arbeiten in der Ausstellung sind zwei Original-Blätter von Rodolphe Töpffer aus Les Amours de Mr. Vieux Bois von 1839. Die jüngsten Exponate sind zwei Original-Comicseiten des Mosaik-Studios aus Mosaik 457 mit dem Titel Abrafaxe Down Under, das im Januar 2014 erschienen ist.  

In der Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung wies Museumsdirektorin Dr. Gisela Vetter-Liebenow darauf hin, dass die deutsche Comicgeschichte nicht nur aus sehr populären Werken wie denen von Walter Moers oder Manfred Schmidts Nick Knatterton besteht. Als ein weniger bekanntes Beispiel nannte sie den amerikanischen Zeitungsstrip The Katzenjammer Kids, der erstmals 1897 erschien. Der Comic von Autor und Zeichner Rudolph Dirks, der aus Schleswig-Holstein stammte, basierte mehr oder weniger direkt auf Max und Moritz und erzählte ebenfalls von den Streichen zweier frecher Lausbuben.

Seite aus Die Ducks in Deutschland von Jan Gulbransson Marvel Comics made in Germany von Nic Klein
Seite aus Die Ducks in Deutschland von Jan Gulbransson Marvel Comics made in Germany von Nic Klein

Auch die Katzenjammer Kids sind in der Ausstellung vertreten, deren Spektrum außerordentlich breit ist: Zeitungscomics, Alben, „Germanga“, deutsche Zeichner bei Marvel, Underground-Comix, Onlinecomics – all diese Themen werden behandelt. Wenn man sehr kritisch ist, kann man sagen, sie werden nur kurz angeschnitten, aber mehr Raum ist im Museum nicht vorhanden. Internationale Comics, in denen deutsche Figuren auftreten, etwa die Superheldenhefte aus dem Zweiten Weltkrieg, werden nicht thematisiert. Dafür ist der erste Auftritt von „Famany – Der fliegende Mensch“ ausgestellt. Der fand 1937 in der Gartenlaube statt, einem laut Museums-Pressesprecher Dr. Kai Gurski „unpolitischen Magazin“. Also eher kein Propagandawerk, obwohl mitten in der Nazizeit entstanden. Das erste Superman-Heft erschien 1938 – ist Famany also der erste Superheld der Welt? Eher nicht, da Superman bereits Anfang der 1930er Jahre entwickelt wurde. Hier gilt ähnliches wie beim Telefon oder der Erfindung anderer Geräte: Wichtig ist nicht nur, etwas zu erfinden, sondern es auch erfolgreich am Markt durchzusetzen. Anders als Superman war Famany nur eine kurze „Karriere“ beschert. Superman ist bis heute berühmt, sicher auch, weil er Menschen weltweit anspricht und nicht so „deutsch“ ist wie Famany, der „ein Eigenweg“ war, wie Gurski sagt.

Wie fühlt es sich an, wenn bereits zu Lebzeiten eigene Werke in einem Museum ausgestellt werden? Ich bat stellvertretend zwei Künstler per Mail um eine kurze Antwort. Beide hatten die Ausstellung noch nicht besucht, planen es aber fest ein. „Sehr gut. Das ist eine wirklich große Ehre.“ fasst es Simon Schwartz (Packeis) zusammen, was es für ihn bedeutet, neben Wilhelm Busch und anderen Legenden ausgewählt worden zu sein. Ulli Lust (Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens) formuliert es so: „Hoffentlich erhebend. Meistens schäme ich mich für meine armselige Zeichenkunst, wenn sie neben den großen Meistern hängt. Mal sehen.“. Hatte der Schöpfer von Max und Moritz Einfluss auf die eigene Arbeit? Schwartz sieht einen solchen Einfluss „möglicherweise, aber nicht direkt und nicht bewusst“. Ulli Lust ist da eindeutiger: „Busch hat keinen Einfluss auf meine Arbeit. Als Kind dachte ich, geschieht ihnen recht, den dummen Buben, in der Mühle zu enden. Die fromme Helene gefiel mir mäßig besser. Heute bewundere ich die Leichtigkeit und Virtuosität, mit der Busch seine Figuren bewegen konnte. Stilistisch inspiriert mich die Ära nicht, der er zugehörig ist. Ich verehre dagegen glühend die Zeichner des Simplicissimus, Karl Arnold, Olaf Gulbransson und andere.“

Simon Schwartz stellte Originalseiten aus “Packeis” zur Verfügung Die „Gartenlaube“ mit Famany
Simon Schwartz stellte Originalseiten aus „Packeis“ zur Verfügung Die Gartenlaube mit Famany

Zur Auswahl der gezeigten Bilder verriet Lust, dass Kurator Martin Jurgeit um eine zusammenhängende Szene gebeten hatte – naheliegend, da Comics eben fließende Bilder-Geschichten sind. Schwartz kommentiert ein Bild aus der gezeigten Serie so: „Das ausgestellte Blatt zeigt die für mich zentrale Szene in Packeis. Der Punkt, an dem die Handlung kippt und die zwei primären Handlungsstränge sich verbinden.“

Zum umfangreichen Begleitprogramm der Ausstellung gehörte ein großes „Museumsfest“ am ersten Wochenende. In drei gut einstündigen Sitzungen konnte man den Wahl-Berlinern Felix Pestemer und Stepan Ueding beim Live-Zeichnen zusehen: Sie begannen mit dem letzten Bild von Buschs Max und Moritz. Die frechen Buben hatten für ihre Streiche büßen müssen und waren zu Mehl verarbeitet worden. Wie könnte es nun weitergehen? Auf zwei Papierrollen zeichneten die beiden Künstler ihre Bildergeschichte mit Zombie-Gestalten und einer Kneipe namens „Zum vollen Busch“. Dabei wurde hochkonzentriert und schnell, aber auch mit vielen Lachern gearbeitet. Ob Felix Pestemers Kommentar „Ich hätte jetzt total Lust, das noch schön zu kolorieren“ ernst oder ironisch gemeint war, blieb offen [Mehr dazu im Interview mit Pestemer und Ueding bei der ComicRadioShow].

Ueding & Pestemer zeichnen ihre Version von Max und Moritz 2014 Felix war überrascht, wie voll es im Museum war
Ueding & Pestemer zeichnen ihre Version von Max und Moritz 2014 Felix war überrascht, wie voll es im Museum war

 

Pestemer war überrascht, wie früh das Museum bereits gut gefüllt war: „Wir wollten eigentlich noch etwas in Ruhe vorbereiten, bevor die Besucher kommen“. Der große Andrang (insgesamt über 1.500 Besucher an diesem Sonntag) sorgte dafür, dass es recht turbulent zuging und sich die verschiedenen Aktionen zwischenzeitlich etwas ins Gehege kamen. Das besserte sich bei der zweiten Zeichensession: Immer mehr Publikum schaute den Zeichnern zu, stellte Fragen oder bekam Lust, selbst mitzuzeichnen. Das Endergebnis dieser Aktion mit dem Titel Der allerletzte Streich kann man in Felix Pestemers Blog lesen.

Das Live-Zeichnen bleibt nicht die einzige Aktion im Wilhelm-Busch-Museum: In den nächsten Wochen finden Workshops für verschiedene Altersgruppen (u.a. mit Martina Peters und Titus Ackermann) ebenso statt wie Führungen und eine Comiclesung von Ulli Lust. Das komplette Rahmenprogramm ist auf der Website des Museums verfügbar. Bei Knesebeck ist ein umfangreicher Katalog zur Ausstellung in Vorbereitung, der ebenfalls den Titel Streich auf Streich trägt, aber bislang noch nicht erschienen ist.
 
Mit ihrem überaus breiten Spektrum, das von Zeitungsseiten über Comicalben und Manga bis zu Onlinecomics reicht, ist „Streich auf Streich“ eine äußerst ergiebige und höchst unterhaltsame Ausstellung. Hier hängt Brösels Werner neben Reinhard Kleists Cash und Ralf Königs Der bewegte Mann – Rolf Kauka, Hansrudi Wäscher, Abrafaxe, e.o. Plauen, Jimmy das Gummipferd von Roland Kohlsaat und viele mehr sind vertreten – ein reiches Angebot, mit dem man gut und gerne einen halben Tag verbringen kann.

Werner, oder was? Bildschirm mit digitalen Comics
Werner, oder was? Bildschirm mit digitalen Comics

 

Alle Fotos: © Stefan Svik

 

Links der Woche 7/14: Funky fresh dressed to impress

Unsere Links der Woche, Ausgabe 7/2014:

 

Lebensfenster
Flausen, Ulf Salzmann
Zum vierten Mal wird in diesem Jahr wieder der das “Lebensfenster – Der Kurt Schalker-Preis für grafisches Blogen” verliehen. In der Longlist der nominierten finden sich zehn deutschsprachige Webcomics, später soll die Liste auf eine Shortlist von vier Nominierten eingedampft werden.

Bechdel Reacts to ‚Fun Home‘ Controversy in So. Carolina
Publishers Weekly,
Nachdem Alison Bechdels Comic-Autobiographie Fun Home von einem College in Charleston, South Carolina auf eine Liste empfehlenswerter Bücher gesetzt und in größeren Mengen erworben wurde, will die Regierung des Bundesstaats der Hochschule nun das Budget kürzen. Konservative Abgeordnete mokieren sich darüber, dass in dem Buch “homosexuelle Lebensstile beworben” würden. Die Autorin schreibt in einem Statement, sie finde das “traurig und absurd”, schließlich gehe es in dem Buch genau darum, was solche Kleingeistigkeit im Leben von Betroffenen anrichtet.

#013 Cosplay
megamagisch, Arne, Sarah und Fionna
In der neuen Folge des Podcasts megamagisch ist (ab Minute 17) Cosplayerin Fionna zu Gast. Ein schöner Einblick in die Szene, vor allem für jene, die noch nicht so viel über das Thema Cosplay wissen. (MP3-Download, 1 Stunde, 34 Minuten)

IronMarkus
ironmarkus.wordpress.com, Markus
Markus baut sich ein aufwendiges Iron-Man-Kostüm und dokumentiert den Prozess, der mittlerweile schon ein Jahr andauert, in einem Blog.

The Comics Issue
Chicago Reader
Das kostenlose Stadtmagazin Chicago Reader hat eine Comicausgabe gemacht, gefüllt mit zahlreichen Kurzgeschichten, die von Eric Kirsammer, dem Betreiber von zwei Comicläden in Chicago ausgewählt wurden. Alle Beiträge kann man auch online lesen.

TUOMAS HOLOPAINEN – A Lifetime of Adventure (OFFICIAL VIDEO)
YouTube, Nuclear Blast Records
An der Schnittstelle zwischen Musik und Comics entstehen immer wieder interessante Projekte – das hier ist eines der kurioseren: Tuomas Holopainen, Kopf der finnischen Düsterrocker Nightwish, hat sich von Don Rosas The Life and Times of Scrooge McDuck (Onkel Dagobert – Sein Leben, seine Milliarden) zu einer orchestralen Rockoper inspirieren lassen, die im April als Album erscheinen wird. Vorab wurde diese Single veröffentlicht, in deren Videoclip auch Don Rosa persönlich auftritt. Von Rosa stammt auch das komplette Artwork zum Album.

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Justice League Dark Vol. 2 – The Books of Magic (US)

Cover Justice League Dark-Vol. 2Der zweite Band der DC-Reihe Justice League Dark (hier unsere Rezension von Band 1) beginnt wie ein aus den Fugen geratener Kindergeburtstag: Die Welt geht unter, Blitze zucken, Städte brennen, Untote und Vampire schweifen umher und nur John Constantine, Shade und die restliche Justice League Dark können die Welt retten. Und weil es sich um ein sogenanntes Crossover handelt, funken auch noch der Vampir Andrew Bennett aus I, Vampire und allerhand sonstige Superhelden mit. Irgendwie hat man das Gefühl, dass die eigentliche Handlung in den Parallelserien passiert, ahnt aber, dass auch diese Hefte nur ein aufgeblasener, hohler Kinderfasching sind. Arme Künstler, möchte man meinen, die von ihren Editoren verdonnert werden, sich ständig an solchen Kindereien beteiligen zu müssen.

Und trotzdem: Im letzten von Peter Milligan geschriebenen Einzelheft gibt es eine einzige wunderschöne Szene von traumhafter Poesie, für deren Verständnis es allerdings hilfreich ist, zu wissen, dass Milligan in den 90er Jahren Autor der überragenden Vertigo-Serie Shade the Changing Man war. Shade erliegt einem von seiner „Madness“-Jacke verursachten Zusammenbruch, die ihn aus der Realität direkt in die ihm vertraute Zone des Wahnsinns („Area of Madness“) katapultiert und ihn dort auf seine verstorbene Freundin Kathy treffen lässt. Das bedeutet nicht, dass Shade in dieser Szene stirbt: Shade-Leser aus besseren Comic-Jahrzehnten wissen, dass es sich hier um die für Shade durchaus typische Realitätsflucht handelt, der Zirkus wird ihm schlichtweg zu bunt. In der „Area of Madness“ nimmt Shade dann die Hand seiner geliebten Kathy und schlendert mit ihr in eine sorglose Zukunft ohne Probleme. „John Constantine, Zatanna, Madame Xanadu, Boston Brand“, fragt sie ihn besorgt nach seiner Justice League aus, „du warst doch in diesem ‚Team‘ , nicht wahr? Wirst du wieder dorthin zurückgehen?“ „Ich denke nicht“, erwidert Shade. „Es wird große Änderungen geben, Kathy. Änderungen jenseits unserer Vorstellungskraft. Ich denke nicht, dass in ihrem ‚Team‘ noch Platz für mich sein wird.“

Seite aus Justice League Dark-Vol. 2Die Änderung jenseits unserer Vorstellungskraft ist natürlich der Autorenwechsel von Milligan zu Jeff Lemire, und die Aussage, dass in ihrem „Team“ kein Platz mehr für ihn sein werde, trifft natürlich nicht nur auf Shade zu, sondern vor allem auch auf Milligan selbst. Schöner hat Milligan seine Identifikation mit der Figur Shade selten auf den Punkt gebracht, und allein, dass er das Wort „Team“ in Anführungszeichen setzt, lässt sich schon als Seitenhieb aufs DC-Management verstehen, denn deren launiger und willkürlicher Umgang mit Autoren und Zeichnern hat sowohl bei den Kreativen als auch bei Lesern in den letzten Jahren ja schon recht oft für Unmut gesorgt. Ja, Peter Milligan kann schon recht subversiv und witzig sein, und allein wegen dieser schönen Inszenierung ist es mir fast unmöglich, ein angemessen kritisches Urteil über das Buch zu fällen.

Nach dem Wechsel bringt Jeff Lemire, der neue Autor, zunächst durchaus etwas frischen Wind in die Reihe. Er bedient sich recht freimütig an bekannten Mystery-Motiven und es macht durchaus Sinn, John Constantine und seine Crew in ein Szenario zu werfen, das eine Mischung aus Jäger des verlorenen Schatzes, Hellraiser, Tanz der Teufel und Akte X ist. Auch die Verwendung des „House of Mystery“, dessen Zimmer sich ständig verändern, ist zunächst reizvoll und gut inszeniert. Lemire schafft es ganze zwei Hefte lang, eine halbwegs stilvolle Atmosphäre aufrechtzuerhalten, bis erneut die Hektik ausbricht. Anstatt Räume und Atmosphäre wirken zu lassen, beamt und teleportiert man sich schon wieder hektisch zwischen den Schauplätzen hin und her, und ehe man sich versieht, tummeln sich abermals die Gaststars des restlichen Heftchenuniversums. Das Konzept des New-52-Universums, das derzeit allen DC-Serien übergestülpt wird, wirkt in dieser Reihe wie eine Glocke, die alles Leben, das in den Figuren steckt, erstickt. Schade um die guten Figuren.

 

Wertung4 von 10 Punkten

Justice League Dark ist ein guter Beleg dafür, wie DC Comics derzeit das Potenzial von Figuren und Autoren verschleißt.

 

Justice League Dark Vol. 2 – The Books of Magic
DC Comics, Juli 2013
Text: Peter Milligan und Jeff Lemire

Zeichnungen: Mikel Janin, Lee Garbett et al.
224 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 16,99 US-$
ISBN: 978-1401240240

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © DC Comics 

Links der Woche 6/14: Questions of science, science and progress

Unsere Links der Woche, Ausgabe 6/2014:

 

Folge 1 – der comicTalk / aufgezeichnet.tv
MyVideo
aufgezeichnet.tv, ein Online-TV-Format zum Thema Comics, das sich schon mehrfach neu erfunden hat, wagt einen weiteren Anlauf: In ihrer neuen Form ist die Sendung eine Talkshow, die vor Publikum aufgezeichnet (höhö) wird, wobei sich die Teilnehmer nach dem Vorbild des Literarischen Quartetts über aktuelle Comics austauschen. Moderiert wird der Talk von Hella von Sinnen, zu Gast in der ersten Folge sind Kai Meyer, Ralf König und Daniela Winkler. Sie sprechen über Daytripper (Moon/Ba), Blau ist eine warme Farbe (Julie Maroh), Saga (Vaughan/Staples) und die Calvin und Hobbes Gesamtausgabe (Bill Watterson). Einen Bericht von der Aufzeichnung gibt es bei den Kollegen von micomics.

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Es gab immer viel Spargel
jetzt.de, Nadja Schlüter
Ein Porträt von Elias Hauck, der zeichnenden Hälfte des Comicmacher-Duos Hauck & Bauer (Am Rande der Gesellschaft) .

Professor Burrini
Zwerchfell Verlag
Im Rahmen des Projekts “Literaturcomic” an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität hielt Sarah Burrini (Das Leben ist kein Ponyhof) einen einstündigen Vortrag zum Thema Webcomics. Ein MP3-Audiomitschnitt (verpackt in einem ZIP-File) steht zum Download zur Verfügung. Abrufbar ist der Vortrag auch als “Video” bei YouTube. Video in Anführungszeichen, denn zu sehen gibt es dort nichts.

Gestorben: Marc Schnackers 
Comic-Report, Matthias Hofmann 
Am 12. Februar verstarb mit nur 47 Jahren Marc Schnackers, ein großer Comicfan und einer der treibenden Kräfte und Köpfe des Finix Comic Clubs, der seit seiner Gründung 2007 die fehlenden Bände von Serien auf den Markt bringt, deren Veröffentlichung in Deutschland vorzeitig abgebrochen wurde. Ein persönlicher Nachruf von Matthias Hofmann.

Klar soweit? No.1 – in zivil
Helmholtz Blogs, Frau Kirschvogel
Die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, in der zahlreiche namhafte naturwissenschaftliche Forschungszentren organisiert sind, bringt künftig in seinem Blog jeden Monat einen kurzen Comic, der aktuelle Wissenschaftsthemen aufgreift und zur Diskussion anregen will. Die Comics kommen von Veronika “Véro” Mischitz (Kleiner Vogel rot), die durch ein abgeschlossenes Biologiestudium selbst einen naturwissenschaftlichen Hintergrund mitbringt.

Es gibt nichts Gutes … 
myComics, Andreas Völlinger und Flavia Scuderi 
Ein Comic-Vierseiter, der in der aktuellen Ausgabe des österreichischen Magazins PRIDE erschien – ein Panel daraus ist auch das Covermotiv. Der Comic von CG-Redaktionsmitglied Andreas Völlinger und Zeichnerin Flavia Scuderi (Wagner) kommentiert die russische Gesetzgebung gegen sogenannte “homosexuelle Propaganda” und die weltweiten Reaktionen darauf.

Love Rocket Raccoon? Please consider donating to writer Bill Mantlo’s ongoing care!
Greg Pak
Letzte Woche ging der erste große Trailer für Marvels nächsten Superheldenfilm Guardians of the Galaxy online, verbreitete sich rasant und schürte überwiegend große Vorfreude. Millionen von Menschen lernen jetzt neue Figuren wie den außerirdischen Waschbär Rocket Raccoon kennen, und das nimmt die Comicszene zum Anlass, an dessen Mit-Erfinder Bill Mantlo zu erinnern. Der arbeitete in den 1970er und 1980er Jahren als Autor für Marvel, ehe er 1992 einen schweren Unfall beim Rollerbladen hatte, unter dessen Folgen er bis heute leidet. Sein Kollege Greg Pak ruft auf seinem Blog zu Spenden für einen Mann auf, der jeden Dollar sehr gut gebrauchen kann und von den voraussichtlich hohen Profiten, die Disney und Marvel mit dem Film machen werden, wohl nur sehr wenig sehen wird. Mehr dazu auch bei The Beat.

Frisch aus der Druckerei: Januar 2014

Es ist wieder Zeit für unsere monatliche Rückschau auf die interessantesten und wichtigsten neuen Comics, die in den letzten Wochen in die Läden kamen. Sorgfältig mit Links versehen, stellen wir neue Serien und Einzelbände aus allen Genres und Stilen vor.

 

HIGHLIGHT DES MONATS

Der WeltverbessererAls der Suhrkamp Verlag Ende 2011 seine Graphic-Novel-Schiene mit Nicolas Mahlers Interpretation des Thomas-Bernhard-Romans Alte Meister startete, konnte man kaum damit rechnen, dass gute zwei Jahre später schon der vierte Mahler-Band in dieser Reihe vorliegt. Nach Alice in Sussex (nach Carroll und Artmann) und Der Mann ohne Eigenschaften (nach Musil) widmet sich Nicolas Mahler nun abermals seinem Landsmann Thomas Bernhard und adaptiert das Theaterstück Der Weltverbesserer, das Bernhard 1978 für Bernhard Minetti geschrieben hatte. Die Beschreibung der Handlung klingt wie gemacht für Mahler, den Meister der lakonischen Hochkomik: Ein alter, schon recht hinfälliger Denker sitzt zuhause und wartet auf die Verleihung einer Ehrendoktorwürde, währenddessen tyrannisiert er seine Lebensgefährtin und Haushälterin. [Leseprobe]

EIGENPRODUKTIONEN

Der Hamburger Jan Bauer arbeitet professionell im Bereich Trickfilm und Illustration und legt beim Avant-Verlag seinen ersten Langcomic vor: Der salzige Fluss erzählt – autobiographisch – von einer langen Wanderung durch Australien, die der Autor allein beginnt, bei der er dann aber eine Frau kennenlernt. [Leseprobe]

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Ungeheuer nennt sich die kleine Serie von Weissblech Comics, die ausschließlich Kurzgeschichten von Zeichner Klaus Scherwinski enthält. Die neu erschienene Ausgabe 2 enthält neben Nachdrucken aus Horrorschocker, neuen Stories und Bonumaterial auch einen Comic, der für das Konsolenspiel Ryse: Son of Rome von Scherwinskis Brötchengeber Crytek entstanden ist. [Leseprobe]

AUS FRANKREICH UND BELGIEN

GrabenkriegKaum eine Buchhandlung, die derzeit nicht mindestens einen Büchertisch zum Ersten Weltkrieg aufgebaut hat. Dessen Beginn jährt sich zwar erst im Juni zum hundertsten Mal, aber Gedenkjahre beginnen in der Medienwelt nunmal allerspätestens im Januar. Dazu passend bringt die Edition Moderne Neuauflagen der beiden großen Weltkriegs-Werke von Jacques Tardi heraus: Elender Krieg: 1914-1919 ist die Gesamtausgabe der zuvor in zwei Bänden veröffentlichten Gemeinschaftsproduktion mit dem Historiker Jean-Pierre Verney [Leseprobe]. Während diese Arbeit aus den Jahren 2008/09 einen dokumentarischen Ansatz hat, erzählte Tardi in Grabenkrieg (1993) fiktive Episoden, direkt aus der Perspektive der Männer in den Schützengräben. [Leseprobe]

Noch bevor er sich dem Ersten Weltkrieg widmete, hatte sich Tardi mit Comicadaptionen der Kriminalromane von Léo Malet einen Namen gemacht. Die Nestor-Burma-Reihe wird mittlerweile von anderen Zeichnern fortgeführt, die sich aber stilistisch eng am Vorbild Tardis bewegen. Der neueste Band Nestor Burma: Stress um Strapse stammt von Nicolas Barral (Baker Street) und erscheint beim „noir“-Label von Schreiber & Leser. [Leseprobe]

Ekhö – Spiegelwelt 1Das italienische Zeichnerduo Alessandro Barbucci & Barbara Canepa (Sky Doll, Monster Allergy) arbeitet inzwischen auch getrennt voneinander. Nachdem bei Splitter kürzlich Canepas romantischer Gothic-Comic End erschien, gibt es beim gleichen Verlag nun eine neue Reihe mit Zeichnungen von Barbucci: Für Ekhö – Spiegelwelt hat er sich mit dem vielbeschäftigten Szenaristen Christophe Arleston (Lanfeust von Troy) zusammengetan. Gemeinsam erzählen sie von einer Parallelwelt, die der unseren sehr ähnlich ist, nur ohne Elektrizität und mit allerlei fantastischen Wesen bevölkert. [Leseprobe

Mit Mjöllnir kommt ein weiteres „Splitter Double“ auf den Markt, d.h. ein Albenzweiteiler, der auf Deutsch gleich gesammelt in einem Band herauskommt. Olivier Peru (Zombies) und Zeichner Pierre-Denis Goux spielen darin mit Motiven aus der nordischen Mythologie und lassen den Donnergott Thor als Zwerg nach Midgard kommen. [Leseprobe]

Noch mehr Fantasy gibt es in der neuen Serie Elfen: In insgesamt fünf in sich abgeschlossenen Bänden erzählen wechselnde Zeichner von unterschiedlichen Völkern in einer Welt, die sich Jean-Luc Istin (Die Druiden) und Nicolas Jarry (Götterdämmerung) ausgedacht haben. [Leseprobe]

Die fünfbändige Gesamtausgabe von Die Zehn Gebote von Frank Giroud ist nach Der Schrei des Falken und Das geheime Dreieck die dritte Säule der „Comic-Bibliothek“ im Verlag Comicplus.

AUS FINNLAND

Kalle Hakkola ist Journalist, Bibliothekar und Leiter der Finnish Comics Society, die seit 2011 das Finnish Comics Annual herausgibt, eine Anthologie, die die Vielfalt und Lebendigkeit der finnischen Comicszene zeigen möchte. Nach Ausgaben auf Englisch und Französisch erscheint mit dem Comic Atlas Finnland bei Reprodukt nun auch eine deutsche Version. Dank guter Pressearbeit und Kooperation mit dem Finnland-Institut fand das Buch gleich eine gute Medienresonanz, die vermutlich im Herbst noch einmal aufflammen wird, wenn Finnland das offizielle Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird. [Leseprobe]

AUS ASIEN

Sprite von Yugo Ishikawa ist eine neue Seinen-Reihe (also ein Manga für etwas ältere, männliche Leser) bei Carlsen Manga, die mit einem apokalyptischen Szenario beginnt: Zuerst fällt schwarzer Schnee vom Himmel, dann kommt eine regelrechte schwarze Wand auf Tokio zu. Dürfte für alle Freunde von Endzeit-Stories interessant sein, auch wenn sie sonst nicht so Manga-affin sind. [frz. Leseprobe]

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Mit dem Zweiteiler Mädchen am Strand baut Tokyopop die Werkausgabe mit Manga von Inio Asano (Solanin) aus. Dieser erschien in Japan im Magazin Manga Erotics F und enthält einige recht explizite Sexszenen, denn im Mittelpunkt steht ein Paar, das eine rein körperliche Beziehung führt. Im Kern geht es aber um das mentale Innenleben der Hauptfiguren. [Leseprobe]

Von Liebe und Intrigen in historischem Setting rund um die Dynastie der Borgias erzählt der Einzelband Cantarella – Eine unmoralische Liebe von Akira Sakamoto (Tokyopop) [Leseprobe]. Der Manga basiert auf einem Musical, das wiederum auf diesem Song von Kaito basiert, einem der in Japan ziemlich populären virtuellen „Sänger“, deren Stimme mit der Vocaloid-Software erzeugt wird: 

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Pocha Pocha Swimming Club von Ema Toyama (An deiner Seite, xx me!) ist ein Yonkoma-Manga (das japanische Pendant zum Zeitungsstrip mit je vier senkrecht angeordneten Panels), in dem es um ein Mädchen geht, das sich dem Schwimmclub seiner Schule anschließt, um abzunehmen. Auf Deutsch erscheint die Serie bei EMA. [jap. Leseprobe].

Ebenfalls bei EMA erschien Ruinenmärchen, ein Band mit Kurzgeschichten von Nao Tsukiji (Adekan), die alle in oder um Ruinen spielen.

AUS DEN USA

Suicide GirlsHat’s das schon mal gegeben? Eine Comicserie, die auf einer Erotik-Website basiert? Suicide Girls ist ein mehr oder weniger pornöses Unternehmen, das sich laut Wikipedia auf „alternative female models“ spezialisiert hat, was letztlich bedeutet, dass die sich hier entblößenden Models großflächiger tätowiert sind und lustigere und buntere Frisuren haben als ihre Kolleginnen. Im gleichnamigen Comic dürfen die Damen ihre Klamotten überwiegend anbehalten und als eine etwas punkigere Variante von Danger Girl auftreten (oder, wie es Chris Sims in einer sehr lustigen Rezension beschreibt: „What If Russ Meyer Was a Hipster?“). Interessanterweise hat der Verlag IDW für dieses Projekt, das Panini jetzt auf Deutsch herausbringt, sehr namhafte Profis verpflichtet: Das Skript stammt von Horror-Spezialist Steve Niles (30 Days of Night), die Zeichnungen von David Hahn (Bite Club), der vom Wahl-Berliner Cameron Stewart (Batman and Robin, Sin Titulo) getuscht wird. [Leseprobe]

Das nächste große Ding in Marvels Kino-Universum sollen die Guardians of the Galaxy werden, deren erster Film im August starten wird. Da der Bekanntheitsgrad dieser intergalaktischen Heldentruppe weit geringer ist als der von Kollegen wie Iron Man oder Captain America, wird es höchste Zeit, zumindest die Comicleserschaft schon mal mit den Guardians vertraut zu machen. Die im Rahmen der „Marvel Now!“-Aktion neu gestartete Serie von Brian M. Bendis, Steve McNiven und Sara Pichelli gibt’s bei Panini als Paperback-Serie mit jeweils vier US-Heften. [Leseprobe]

Von den fünf im letzten Sommer neu gelaunchten Marvel-Heftserien, die ich hier probegelesen habe, konnte mich Jonathan Hickmans Avengers am meisten überzeugen. Die erste Storyline gibt es nun auch gesammelt als Paperback oder Hardcover-Band. [Leseprobe]

Daredevil: Das Ende aller TageIn der Reihe 100% Marvel erscheint mal wieder eine jener Geschichten, in der das Ende eines Marvel-Superhelden beleuchtet wird. Für Daredevil: Das Ende aller Tage kehrt Autor Brian Bendis noch einmal zu der Figur zurück, deren Serie er lange Jahre geschrieben hat. Als Ko-Autor ist David Mack (Kabuki) mit im Boot, die Zeichnungen kommen von den Altmeistern Klaus Janson und Bill Sinkiewicz. [Leseprobe]

In dem Band Batman – Legenden des Dunklen Ritters: Der Schamane bringt Panini eine Storyline aus dem Jahr 1989 von Denny O’Neil, Ed Hannigan und John Beatty, derern Handlung an Frank Millers Klassiker Batman: Year One anschließt.

Und in der Reihe DC Premium erscheint der Band Shazam! mit einer Geschichte von Geoff Johns und Gary Frank, die in den USA als Backup-Comic in Justice League erschienen ist. Mit dieser Storyline wurde der 1939 geschaffene Superheld mit dem für DC immer etwas problematischen Namen „Captain Marvel“ offiziell in „Shazam“ umbenannt. Jetzt heißt er halt wie ’ne Smartphone-App. [Leseprobe]

AUS BRASILIEN

Das Stichwort „schwule Cowboys“, bisher den Jungs vom Brokeback Mountain vorbehalten, versucht der Brasilianer Adão Iturrusgarai in launigen Zeitungsstrips zu verarbeiten. Rocky & Hudson, auf Deutsch bei Diábolo Comics, ist dabei wohl sehr klischeehaft geraten. [Leseprobe, CG-Rezension]

AUS ENTENHAUSEN

Lustiges Taschenbuch HistoryLustiges Taschenbuch History ist die Nachfolgereihe von LTB Fantasy. Auch hier soll es wieder sechs Bände geben, die alle zwei Monate erscheinen und sowohl Nachdrucke als auch neue Geschichten enthalten, und zwar solche die Donald Duck und Co. in historische Settings versetzen. Dabei geht man chronologisch vor und startet im ersten Band mit den „Geheimnissen der Frühgeschichte“, die von der Steinzeit bis ins Alte Ägypten reicht. [Leseprobe]

 

Links der Woche 5/14: The art of rebellion

Unsere Links der Woche, Ausgabe 5/2014:

 

Über Comics lesen macht doof
comiks debris, Marc-Oliver Frisch
In einem langen Artikel beklagt Marc-Oliver Frisch (der auch für Comicgate schreibt) den Zustand der Comic-Kritik in Deutschland: Rezensionen erschöpften sich „in einem im Kuhglockentakt kopfnickenden Klatschpappentum“ ohne Haltung und kritische Distanz, Jurys von Comicpreisen seien überfordert und ahnunglos, und die Comiczeichner selbst „nicht immer darauf eingestellt, mit irgendwelchen Qualitätskriterien konfrontiert zu werden“. Außerdem wird hier schon mal vorausgesagt, welche Comics die nächsten Max-und-Moritz-Preise gewinnen werden.

Manga-Eigenproduktionen: The State of the (Germangaka) Art
Comic Report, Matthias Hofmann
Im Artikel „Die Manga-Rebellen“, der zunächst im gedruckten Tagesspiegel und später online erschien (siehe Links der Woche 4/2014), hatte Michel Decomain (der auch für Comicgate schreibt) davon berichtet, wie sich deutsche Manga-Eigenproduktionen von den etablierten Verlagen immer mehr in Richtung Self-Publishing verlagern. Im Anreißer des Artikels war vom „Versagen der großen Verlage“ die Rede. Der Comic-Report hat daraufhin Verteter der vier großen Manga-Verlage Carlsen, Tokyopop, EMA und Kazé zu diesen Vorwürfen befragt und lässt sie in ausführlichen Stellungnahmen zu Wort kommen.

In eigener Sache: Manga-Rebellen und ihre Folgen oder: Warum deutsche Manga-Großverlage nicht versagt haben
Animexx, roterKater
Darauf reagiert wiederum der Autor des Ausgangsartikels in seinem Blog, wo er u.a. klarstellt, dass einige provokante Formulierungen in dem Tagesspiegel-Artikel nicht von ihm selbst stammten.

“Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens” – Graphic Novels in Deutschland
Buchmesse Blog, Kathrin Grün
Die Frankfurter Buchmesse stellt eine Kollektion von Comics aus Deutschland vor, die weltweit auf verschiedenen Buchmessen präsentiert werden soll. Kuratiert wurde die Auswahl von 63 Werken von FAZ-Feuilletonist Andreas Platthaus. Der zweisprachige Katalog (deutsch/englisch) zu dieser Kollektion (mitfinanziert durch das Auswärtige Amt) ist als PDF verfügbar und enthält neben einer Vorstellung der einzelnen Titel auch einen einleitenden Artikel von Platthaus.

Die Rückkehr des Volker Reiche
Frankfurter Allgemeine, Andreas Platthaus
Drei Jahre nach dem Ende seiner Serie Strizz kehrt Volker Reiche mit einem Comicstrip zurück in die FAZ: Snirks Café erzählt von einem Mann, der in Frankfurt ein neues Beratungsunternehmen gründen will. Wie üblich sind die Strips, die viermal die Woche erscheinen, auch online verfügbar.

Comics and the Diminishing Role of Artists in a Visual Medium
Multiversity Comics, David Harper
In den letzten Jahren sind (zumindest im Superhelden-Mainstream der beiden großen US-Verlage) die Autoren immer wichtiger und die Zeichner immer zweitrangiger geworden, schreibt David Harper und versucht in diesem Artikel zu erklären, warum das so gekommen ist und welche Folgen es hat.

All Our Friends (AKA Is There A Marvel Tumblrwave?)
Freaky Trigger, Tom Ewing
Das soziale Netzwerk Tumblr eignet sich besonders gut, um Bilder zu teilen und „viral“ zu verbreiten, was dort auch mit Ausschnitten aus Comics ausgiebig gemacht wird. Vor allem ein paar der neueren Marvel-Serien wie Hawkeye oder Young Avengers sind auf Tumblr besonders populär. Tom Ewing (Bruder des britischen Comicautors Al Ewing, der u.a. die neue Loki-Serie für Marvel schreibt) hat das Phänomen genauer untersucht und stellt die Frage, ob und wie sich das auf Verlagsstrategien auswirkt.

Eric Gable’s BATMAN EVOLUTION Fan Film is Here!
ComicBookMovie.com, Eric Gable
Ein netter kurzer Batman-Fanfilm, der auf amüsante Weise den Stil der 1960er-TV-Serie mit Adam West mit dem modernen Stil der neuen Batman-Kinofilme von Christopher Nolan verknüpft.

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Jack the Ripper

jack1Ende des 19. Jahrhunderts trieb der Serienmörder Jack the Ripper im Londoner East End sein Unwesen. Die Identität des Täters ist bis heute nicht endgültig geklärt, weshalb sich Autoren seither immer wieder dazu inspiriert fühlen, Mythen und Theorien diesbezüglich in ihren Werken zu behandeln. Die beiden Franzosen Francois Debois und Jean-Charles Poupard greifen in ihrem Comic über den Ripper eine der schillernderen Theorien auf und erweitern diese in erheblichem Maße um eine freie Interpretation.

Die beiden Originalalben, die in dem Splitter-Double-Band enthalten sind, lassen sich inhaltlich in zwei Teile zerlegen: Die erste Erzählung spielt im Herbst 1888 und folgt der polizeilichen Aufklärung der Prostituiertenmorde durch den leitenden Inspektor Frederick Abberline. Autor Debois hält sich hier vage an die realen Fakten, liefert aber verblüffenderweise zum Ende dieses ersten Abschnitts bereits einen überführten Täter. Das zweite Kapitel setzt indes wenige Monate später, im Frühjahr 1889, ein. Abberline geht einer Mordserie nach, die der von Jack the Ripper ähnelt. Währenddessen stößt sein Kollege George Godley auf einen merkwürdigen Selbstmord, der mit einem Hypnose-Protokoll in Verbindung zu stehen scheint.

jack2Debois fährt im zweiten Teil die Ernte dessen ein, was er zuvor gesät hat. Abberlines Nähe zu den Ripper-Morden ließ bei Godley wie beim Leser schon zu Beginn zarte Zweifel aufkommen, ob nicht Abberline selbst der Ripper sein könnte. Aus diesem anfänglichen losen Verdacht entspinnt sich im Folgenden ein interessanter Thriller. Denn es ist unklar, ob es sich bei neuer neuerlichen Mordserie um die Taten eines Nachahmers handelt oder ob der wahre Ripper nicht doch noch frei herumlaufen könnte. Die Aufdeckung des Komplotts führt bis in höchste gesellschaftliche Kreise und Abberline wird vom Helden zur tragischen Figur.

Die Handlung weiß durchaus zu überzeugen, auch wenn die Auflösung im Nachhinein etwas befriedigender hätte ausfallen können. Dennoch ist die Frage, ob nicht Abberline als Ermittler mit Insiderwissen der Ripper sein könnte oder ob er sich nicht so stark in den Fall verstrickt hat, dass er zumindest der Nachahmer sein könnte, äußerst reizvoll.

Mit diesem thematischen Kern gelingt es den Machern, der Geschichte um Jack the Ripper eine weitere Theorie hinzuzufügen. Zudem sind die sehr stimmungsvollen Bilder von Jean-Charles Poupard passend für diesen Historienkrimi. Mit detailreichen Bildern und einem realistischen Setting erweckt er das viktorianische London glaubhaft zum Leben. Am Ende des Bandes gibt es sogar eine kommentiertes Skizzenbuch Poupards.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Ein spannender Comic, der den Mythos um Jack the Ripper um eine Facette erweitert

 

Jack the Ripper
Splitter Verlag, November 2013
Text: Francois Debois
Zeichnungen: Jean-Charles Poupard
Übersetzung: Thomas Schöner
112 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-694-3
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

 

Links der Woche 4/14: Back to that bar in Tokyo

Unsere Links der Woche, Ausgabe 4/2014: 

 

„Der Verlag ist gegen meinen Tod“
„Die Stadt stimuliert mich“
Der Tagesspiegel, Lars von Törne
Interviews mit japanischen Comickünstlern findet man hierzulande nur selten, jetzt gibt es gleich zwei auf einmal: Tagesspiegel-Comicredakteur Lars von Törne war in Tokio und hat dort mit Jiro Taniguchi und Yoshihiro Tatsumi zwei wichtige und anerkannte Manga-Künstler getroffen.

Die Manga-Rebellen
Der Tagesspiegel, Michel Decomain
Manga-Eigenproduktionen finden bei deutschen Verlagen nur noch in winzigen Mengen statt, von Nachwuchsförderung kann kaum mehr die Rede sein. Trotzdem existiert eine kreative und prdouktive Szene, deren Output sich überwiegend in Doujinshi niederschlägt, die im Web oder im Selbstverlag veröffentlicht werden. Michel Decomain (der auch für Comicgate schreibt) kommt zu dem Schluss: „Der deutsche Manga-Nachwuchs hat sich zunehmend von den Verlagen emanzipiert.“

Ninotaku TV
YouTube, ninotakutv
Ein neues, gut gemachtes wöchentliches Magazin über Anime, Manga und verwandte Themen, moderiert von Nino Kerl vom YouTube-Kanal High5. Der neue Channel, bei dem gerade die dritte Folge erschienen ist, erfreut sich vom Start weg sehr guter Klick- und Abonnentenzahlen.

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Schreckensvisionen und Lichtblicke
Neue Zürcher Zeitung, Christian Gasser
Nachberichte vom großen französischen Comicfestival in Angoulême: Für Christian Gasser war das Festival wie ein Traum, er ist sich nur nicht ganz sicher, welche Art von Traum: „Ein ökonomischer Albtraum? Eine künstlerische Vision? Ein hoffnungsvoller Wunschtraum oder schlicht eine surreale Phantasie?“ Als besonderes Highlight lobt er die Ausstellung mit Jacques Tardis Comics zum Ersten Weltkrieg.

Eine heruntergekommene Rockstar-Maus in einem Schlüpfer
Berliner Zeitung, Jutta Harms
Jutta Harms weist in ihrem Bericht aus Angoulême auf verschiedene Konflikte hin, die rund um das Festival ausgetragen wurden („So politisch war das Festival noch nie“). Außerdem erwähnt sie einen Messestand des sich in Gründung befindlichen Vereins „Comic Stiftung“ und beklagt die „wenig konstruktive Häme“, die dem von dieser Initiative vorgestellten Comicmanifest aus der deutschen Comicszene entgegenschlug. Harms gehört, was die Berliner Zeitung unerwähnt lässt, zu den Erstunterzeichnern des Manifests.

Aus Angoulême berichten auch Süddeutsche Zeitung und Berliner Morgenpost.

Nicht nach Auschwitz! Nicht nach Israel!
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Joann Sfar
Im Kunsthaus Dresden läuft bis Ende März die Ausstellung „Luftmenschen“ mit Werken von Joann Sfar als Teil des Projekts „Vot ken you mach?“ zu jüdischen Identitäten in Europa. Zur Eröffnung schaute der vielbeschäftigte Künstler kurz in Dresden vorbei, Andreas Platthaus hat ihn begleitet.

ONE.
graphic-lyrics.de, Markus Freise
Ein Crowdfunding-Projekt des Bielfelder Zeichners Markus Freise: Dieser plant ein Buch mit sogenannten „Graphic Lyrics“ – kurze Comics auf einer Seite und meist in einem Bild, die kleine Geschichten erzählen. Die Stichworte für diese Geschichten können von den Unterstützern selbst beigesteuert werden.

NOBODY – Forlorn TV (Ep.1)
YouTube, Forlorn Funnies
Paul Hornschemeier (Komm zurück, Mutter) startet eine neue Reihe von animierten Kurzfilmen auf YouTube. In Forlorn TV soll es wöchentlich kurze Trickfilme geben. Folge 1, in der ein (extrem minimalistisch animierter) Herr von seinen Erinnerungen an Behandlungen beim Hautarzt erzählt, zeigt ganz gut das Hornschemeier’sche Faible für den schmalen Grat zwischen Tragik und Komik:

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It goes on and on and on, Heaven and Hell – Mike Careys Hellblazer von 2002 bis 2006

Im siebten Teil unserer Serie zu Vertigos langlebiger Serie Hellblazer über den okkulten Trenchcoat-Detektiv John Constantine sind wir mittlerweile im Jahr 2002 angelangt, in dem Autor Mike Carey die Reihe für gut 40 Ausgaben übernahm.

 

Cover Hellblazer 175Keiner weiß mehr, wann es zum ersten Mal erwähnt wurde, aber wahrscheinlich lag die Tatsache einfach in der Luft, dass das Vertigo-Imprint sich mehr und mehr zum „HBO of Comic Books“ entwickelte. HBO, das ist der legendäre Pay-TV-Kanal, der Serien wie The Sopranos, Deadwood, Rome oder Boardwalk Empire am Fließband produziert. Spätestens nach 2000 bewegte sich Vertigo ebenfalls in diesen erzählerischen Strukturen und mitunter wirkte es sehr willkürlich, ob ein Stoff ein Comicbook- oder ein TV-Treatment bekam. Mitunter beschlich einen der Eindruck, als kämen in die Comichefte Stoffe, an denen die Fernseh-Produzenten kein Interesse hatten und manchmal wirkte es, als würden Autoren für Comics nur so lange arbeiten, bis sie den Absprung zu Film und Fernsehen schafften: Brian K. Vaughan oder Mark Millar wären hier als Beispiel zu nennen, wobei nicht vergessen werden sollte, dass beide nie aufgehört haben, auch Comics zu produzieren. Das Fernsehgeschäft hat eben auch seine Zwänge, außerdem sind die Fans über Comics wohl leichter zu bedienen.

Manchmal erwiesen sich diese sehr TV-affinen Comics durchaus als Glücksfall, denn Reihen wie Y: The last man, Scalped oder Fables sind jetzt schon moderne Klassiker, aber viele Vertigo-Serien machten auch den Eindruck, als wären sie der letzte Rest vom Kuchen – Material, das aus gutem Grund nicht realisiert worden ist und dem oft auch in Comicform kein Erfolg beschieden war. Der Vertigo-Leser wurde in den Jahren nach 2000 mit vielen Konzepten bombardiert, aber nur wenige Reihen schafften es über die Nr. 20 hinaus. Viele, vielleicht zu viele Reihen wurden als das nächste große Ding beworben und man hatte als Vertigo-Fan mit breitem Interesse oft das Gefühl, dass sowohl die Kreativität der Macher als auch die Geduld der Leser überstrapaziert und vorzeitig verschlissen wurde. Jamie Delano beispielsweise bezeichnete die Einstellung seiner Serie Outlaw Nation als „the waste of a lot of strong characters and creative energy“.2 Er dürfte nicht der einzige gewesen sein, der so dachte.

Mit dieser Dynamik des Imprints verlor sich sehr schnell die ursprüngliche Vertigo-Vision von erwachsenen Versionen bestimmter DC-Figuren. Hellblazer blieb dabei die Ausnahme von der Regel, man dachte wohl, dass das Imprint nur sicher sei, so lange die Flaggschiffreihe erscheine. Oder, um noch einmal Jamie Delano zu zitieren: „Ravens and the Tower of London, I reckon. Without Hellblazer, Vertigo falls“.3

Dabei war die Serie mitunter bemerkenswert konzeptlos, denn nahezu jeder neue Autor zog die Figur in eine völlig neue Richtung. Der sogenannte erwachsene Ansatz führte eben keineswegs zu einer Erdung der Serie, sondern machte sie zum Spielball der persönlichen Interessen der Autoren und die weitgehende Zurückhaltung von editorischen Vorgaben führte den klassischen Ansatz, Figuren unter wechselnden Autorenteams fortzuschreiben, vollends ad absurdum. Für derart autorenzentrierte Ansätze schien es naheliegender, eigene Serien zu kreieren. Aber man hing an Hellblazer und gab der Reihe ein ums andere Mal eine neue Chance. Nach Brian Azzarello übernahm nun der Liverpuddlian Mike Carey die Autorenschaft.

 

Hellblazer – Gratest Hits

Mike Carey gelang mit seinem Run so etwas wie die Quadratur des Kreises. Er schaffte es, viele Elemente seiner Vorgänger so zu verknüpfen, dass erstmals der Eindruck von Geschlossenheit innerhalb der Reihe entstand. Gleichzeitig ist sein Ansatz epischer und moderner und arbeitet mit einer Dramaturgie, die auch im modernen Fernsehen funktionieren würde und von der es schwer ist, sich zu lösen, bevor nicht alles fertig erzählt ist.

Die Story beginnt mit Johns Rückkehr nach Liverpool. Er besucht seine Schwester Cheryl, die unter prekären Umständen immer noch mit Tony Masters zusammenlebt, dem Mann, der seine Familie einst in eine radikale christliche Sekte einführte und der für John nur Verachtung übrig hat – was natürlich auf Gegenseitigkeit beruht.

Bild 1, Hellblazer 175 – High on Life (Carey, Dillon), DC Comics 2002

Carey verwendet hier bereits Elemente aus Jamie Delanos frühen Heften und entwickelt daraus einen Plot, der schnell weite Kreise zieht. Gemma, Johns Nichte, ist von zu Hause weggezogen, um als Fremdsprachenassistentin in Frankreich zu arbeiten, aber das stellt sich bald als Lüge heraus: In Wahrheit verkehrt sie in okkulten Zirkeln, um ihrem Onkel nachzueifern. Was John befürchtet und Gemma nicht weiß: Sie wird von ihren neuen Freunden nur missbraucht, um Druck auf John ausüben zu können, und ehe sich John versieht, ist er in einen Machtkampf der Londoner Magie-Logen verwickelt.

Ab hier greift Carey nun stark auf ein Repertoire von Nebenfiguren zurück, das Warren Ellis in „Haunted“ (siehe Hellblazer 1998-2001) eingeführt hat. Es treten auf: Clarice Sackville, eine einflussreiche Hexe des okkulten Londoner Tate-Clubs, Josh Wright, der perverse Magier und Map, ein mächtiger Zauberer, der über die komplette Londoner Infrastruktur herrscht und sich dort bewegt wie ein Geist (daher der Name Map, zu deutsch Stadtplan). Aber auch neue Figuren werden eingeführt, z.B. Domine Frederick, organisierter Verbrecherboss mit Connections zur Magierszene und Ghant, sein geheimnisvoller Berater, der seine Gefangenen foltert, indem er sie nach Belieben zur Hölle fahren lässt und dort gefügig macht.

Bild 2, Hellblazer 178 – Red Sepulchre (Carey, Frusin), DC Comics 2003

Bild 3, Hellblazer 178 – Red Sepulchre (Carey, Frusin), DC Comics 2003

 

Zauber und Gegenzauber

Es wird von Anfang an viel gezaubert in dieser neuen Hellblazer-Geschichte und Mike Carey legt erkennbar keinen großen Wert darauf, die Magie plausibel wirken zu lassen. Jederzeit kann am richtigen Ort in die Luft geworfener Staub den Weg weisen und auf den Körper oder auf Türen gemalte Symbole können böse Geister jederzeit bannen oder beschwören. Überhaupt gibt es keine dämonische Aktivität, die sich nicht durch ein magisches Artefakt oder ein Ritual stoppen lässt. Es ist eine Zauberei wie im Indiana-Jones-Film – („Schließ deine Augen, Marion und sieh nicht hin, egal was passiert“) – und sie hat oft die Funktion eines Deus ex Machina.4 Das wirkt oft willkürlich, ist aber geschickt und atmosphärisch erzählt. Nur – wie lange kann diese Herangehensweise in einer Erzählung funktionieren, bevor man die Beliebigkeit durchschaut? Carey löst dieses Problem, indem er einer Geschichte immer bereits das Problem für die nächste Storyline einpflanzt, so dass sich in jeder Geschichte eine neue Tür auftut, welche immer tiefer in ein Geflecht von Verheerungen mündet, die unentwirrbar miteinander verbunden sind. Magie mag zwar jederzeit ein Problem an der Oberfläche beheben, aber die tiefen Verflechtungen bleiben immer und ewig, und John wird trotz seiner vermeintlichen Überlegenheit mehr und mehr den Boden unter den Füßen verlieren, bis ihm außer dem ständigen Chaos nichts mehr bleibt.

Die Verkettung von ungeheuerlichen Ereignissen, die Mike Carey von seinem ersten Heft an betreibt, erinnert in ihrer konsequenten Entwicklung zum Schlimmeren an die Fernsehserie 24 mit Kiefer Sutherland, die ebenfalls mit einem Ausnahmezustand beginnt und danach gnadenlos die Spannungsschraube mit immer weiterer Eskalation anzieht. Aber bei Hellblazer sind es natürlich nicht Terrorismus und nuklearer Holocaust, die drohen, sondern Wahnsinn und Hölle.

Careys erster Zweiteiler, High on Life, wirkt zunächst wie eine beliebige Monster of the Month-Folge. John Constantine stößt im Wohnblock seiner Schwester Cheryl auf eine bösartige alte Hexe, die das Haus terrorisiert und besiegt sie am Ende mit Magie. Dass die Hexe im Dienst der Okkult-Gangster war, die Gemma in ihrer Gewalt haben, ist für diese Episode nicht von Belang und bleibt eine Randnotiz. Ebenso ist es in der Folgegeschichte Red Sepulchre, die vom Bandenkrieg der magischen Zirkel handelt und die mit der Befreiung Gemmas und der Zerschlagung des kriminellen Zirkels endet. Red Sepulchre funktioniert als weitgehend eigenständige Geschichte, aber aus irgendeinem Grund hat Domine Frederick, der Gangsterboss, Visionen von einem monströsen Hund, und natürlich liegt genau hier der Kern der nächsten Geschichte, die Ankündigung der Rückkehr des Shadow Dogs.

Bild 4, Hellblazer 180 – Red Sepulchre (Carey, Frusin), DC Comics 2003

Bis es soweit ist, muss Constantine sich allerdings noch mit einigen Vorboten des Unheils herumschlagen, z.B. einem Heer keltischer Geister, die über ein unachtsam geöffnetes Portal in unsere Welt eindringen und Besitz von den Bewohnern eines Dorfes ergreifen. Aber auch deren Totengötter treten sogleich auf, um diese Geister wieder einzusammeln – zum Unglück der Dörfler, die dabei ihr Leben lassen müssen. Die Zauberei erreicht in dieser Geschichte ihren absurden Höhepunkt: John Constantine treibt die Geister aus, indem er die Besessenen mit keltischer Heimaterde bewirft und schließt das Portal, indem er einen Totengott in den Schacht mit dem Portal wirft. Der ganze Unfug dient dann auch nur als eines von mehreren Omen, die die Rückkehr des bereits erwähnten Shadow Dogs ankündigen, einem monströsen Wesen, das Adam und Eva einst aus dem Paradies folgte, als diese vertrieben wurden. Aber ist dieser Hund wirklich das Wesen, dem Adam keinen Namen geben konnte? Denn genau davon geht die Gefahr aus: vom Unbekannten, das man nicht kennt und das keinen Namen hat.

Bild 5, Hellblazer 184 – Third Worlds (Carey, Frusin), DC Comics 2003

 

American Gothic Revisited

Carey greift mit dem Erzählmuster der unabhängigen Horrorgeschichten, die allesamt Omen einer größeren Bedrohung sind, das Rezept von Alan Moores Storyline American Gothic wieder auf, der klassischen Swamp Thing-Story, in der John Constantine seinen allerersten Auftritt hatte. So ist es auch kein Zufall, dass gerade jetzt das Swamp Thing seinen ersten Gastauftritt seit vielen Jahren in der Serie Hellblazer hat. John Constantine setzt das mächtige Sumpfmonster ein, um näheres über den rätselhaften Schattenhund herauszufinden und sammelt eine mysteriöse Andeutung nach der anderen ein.

Der letzte Zyklus vor dem großen Showdown mit dem Schattenhund besteht aus drei ineinandergreifenden Kurzgeschichten, die man sicher zu den Höhepunkten der Serie zählen kann. John Constantine reist nacheinander zum Amazonas, in den Iran und nach Tasmanien, um Vorbereitungen für sein letztes Gefecht zu treffen. Alle drei Episoden sind geheimnisvoll und exotisch und John Constantine darf hier eine Rolle spielen, die man vielleicht viel zu selten von ihm gesehen hat: Den Abenteurer und Weltenbummler, der er ja ursprünglich in American Gothic war, und dessen Umgang mit magischen Artefakten auch zum Vergleich mit einem gewissen Archäologen mit Schlapphut und Peitsche einlädt.5 Dazu passt, dass er in diesen Episoden mit seiner neuen Freundin unterwegs ist, der Magierin Angie Spatchcock, einer Art weiblichem Alter Ego unseres Helden, einer Frau, die John in jeder Hinsicht gewachsen ist. Und so sehen wir hier die seltene Variante von Hellblazer als (äußerst gelungenem) Fantasy-Abenteuercomic.

Bild 6, Hellblazer 185 – Third Worlds (Carey, Frusin), DC Comics 2003

 

Von nun an ging‘s bergab6

Und dann versammelt John eine Gruppe von Mystikern zur Seance mit dem Ziel, den Schattenhund zu beschwören, einzufangen und zu töten. Die Nerven liegen blank, aber mit vereinten Kräften gelingt es tatsächlich. Leider gelangt erst jetzt die Wahrheit ans Licht: Der einzige, der diesen Hund zu fürchten gehabt hätte, wäre der Namenlose Böse selbst gewesen, denn anders als gedacht, war der Hund nicht die Bedrohung, sondern der einzige Widersacher dieser Bedrohung. Das Böse hingegen war von Anfang an in der Gruppe der Helden eingebettet: Der kleine Bruder von Johns neuer Freundin Angie war besessen von ihm und der Hund attackierte die Gruppe nur, um das Böse zu verjagen. Das war sein gottgegebener Auftrag. Aber nun war der Hund tot und das Böse nistet sich offen ins kollektive Unterbewusstsein der Menschheit ein; und wie der Mensch an jedem Ort ähnliche Mythen und Archetypen hat, hat die Menschheit nun eine neue allumfassende Besessenheit. Eine weltweite Massenhysterie bricht aus. Man kann es die Hölle auf Erden nennen.

Bild 7, Hellblazer 192 – Staring at the wall (Carey, Frusin), DC Comics 2004

Was nun folgt, ist eine bedenkliche Lust am Untergang: Eine Kirchengemeinde kreuzigt ihren Priester, Passanten werden auf offener Straße angezündet, jeder Mensch kann jederzeit zum Sprachrohr des Bösen werden und weltweit bricht Chaos und Gewalt aus. Was folgt, ist ein großer, epischer Endkampf um das Höhere Unterbewusstsein der Menschheit. Die Ansage des Bösen, John bis zuletzt als Zeugen des Untergangs am Leben zu halten, unterläuft John, indem er sich die Pulsadern öffnet – ein bekanntes Motiv aus einem frühen Hellblazer-Heft. Und während seine Freunde, Angie Spatchcock, Gemma und das Ding aus den Sümpfen, Johns Körper am Leben halten, befindet sich Johns Geist in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod und kann so sein letztes Gefecht kämpfen.

Bild 8, Hellblazer 191 – Staring at the wall (Carey, Frusin), DC Comics 2004

Am Ende gelingt das scheinbar Unmögliche. Das Böse wird – natürlich – ausgetrieben und die Ordnung wiederhergestellt. Aber die Sache hat einen bösen Twist. Erstens hat John nach der Rückkehr in seinen Körper sein Gedächtnis verloren, die Strapaze war selbst für ihn zu viel. Zweitens – und das wiegt weitaus schwerer – ist fast alles, was John bisher in Careys aufregender Geschichte erlebt und erreicht hat, Makulatur. Ohne Johns Initiative wäre das Böse nicht in die Welt gekommen und die Welt hätte ihren gewohnten Gang genommen – nicht perfekt, aber gut genug. Damit erhalten auch die einfachen und teilweise unglaubwürdigen Auflösungen der vorhergegangenen Geschichten eine tiefere Bedeutung: Jede magische Handlung ist Show und Blendwerk, und selbst die letzte, verzweifelte Aktion diente nur dazu, den vorherigen Status Quo in beschädigter Form wiederherzustellen. Welchen Wert also hat Magie?

Bild 9, Hellblazer 193 – Staring at the wall (Carey, Frusin), DC Comics 2004

 

The Downward Spiral7

Es wäre interessant zu wissen, ob es sich um eine künstlerische Entscheidung handelte, genau an dieser Stelle den Zeichner Marcelo Frusin durch Leonardo Manco zu ersetzen, denn es ist ein krasser Stilbruch. Marcelo Frusins Stil ist comichaft, mit klarer Linie, klaren Konturen, klaren Flächen und harten Kontrasten, ideal geeignet zur Illustration des Fantasy-Abenteuers, das Mike Carey bis hierhin erzählt hat. Leonardo Manco dagegen zeichnet realistisch und detailiert, mit Verläufen und Graustufen. Und er zeigt Emotionen in Mimik und Gestik, während Frusin nur ein spärliches Repertoire an Gesichtsausdrücken hatte. Manco kam wie gerufen, um für die letzte Phase des Dramas die Bildregie zu übernehmen, seine Gabe, das nun folgende Grauen in Bilder zu fassen, ist wegweisend.

So ist schon Constantines Unbehagen fast zu greifen, als er durch ein London irrt, das noch stark mit den Folgen des vorhergegangenen Chaos beschäftigt ist. Und sogleich ereignen sich wieder blutige Ereignisse in seiner Gegenwart. Eine mysteriöse, dämonische Frau tritt auf, die ihm die Erinnerung verspricht, sollte er ihr nur 24 Stunden seines Lebens überlassen, aber Constantine ist misstrauisch. Er ahnt, dass diese Erinnerung ihm kein Glück bringen würde und lehnt ab. Er willigt erst ein, als er keine Wahl mehr hat und sein Leben davon abhängt, und sogleich nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn besagte 24 Stunden nutzt die dämonische Frau, um John falsche Erinnerungen einzupflanzen.

Bild 10, Hellblazer 196 – Out of season (Carey, Brunner), DC Comics 2004

In der ersten Erinnerung hat er mit Kit, seiner Freundin aus dem Ennis-Run, einen Sohn. Für John ist die Illusion perfekt, er glaubt tatsächlich, da angekommen zu sein, wo er herkommt, aber just an dem Tag, an dem die Geschichte einsetzt, wendet sich die Idylle. Mysteriöse Tode erschüttern seine vertraute Umgebung und sein kleiner Sohn zeigt sein wahres, dämonisches Gesicht. John verliert das Bewusstsein und findet sich in einer weiteren fingierten Realität, in der er ein Kind mit seiner ehemaligen Gespielin Zed hat. Auch hier entpuppt sich das Kind als Feind, und wieder werden Jahre glücklicher, aber niemals stattgefundener Erinnerung auf den Kopf gedreht. Und das Spiel wiederholt sich ein drittes Mal: Wieder ist John glücklich, diesmal mit Angie Spatchcock, und wieder ist sein Kind ein Monster in Menschengestalt, aber als John diesmal aus seinem Alptraum erwacht, sind die 24 Stunden um und er ist endlich wieder sein wahres Selbst. Allerdings ist seine Wahrnehmung inzwischen so oft auf den Kopf gestellt worden, dass er buchstäblich nicht mehr weiß, wo oben und wo unten ist.

Die dämonischen Kinder indes sind real. Die Dämonin Rosacarnis hat Constantine als würdig empfunden, ihre Kinder zu zeugen und verwendet diese nun als Mittel zum Zweck, den Vater zu zerstören, indem diese seine soziale Existenz vernichten. Die bösen Kinder machen sich sogleich mit Feuereifer daran, Johns alte Bekanntschaften auszulöschen, während dieser noch mit sich selbst beschäftigt ist.

Bild 11, Hellblazer 202 – Reasons to be cheerful (Carey, Manco), DC Comics 2005

Die Geschichte, die sich nun entspinnt, ist äußerst intensiv und spannend und konzentriert sich auf den innersten Kreis des Hellblazer-Mikrokosmos, auf engste Freunde und Familienmitglieder. In vielerlei Hinsicht sind sein Fahrer Chas, seine Nichte Gemma und seine Schwester Cheryl das Herz und die Seele der Reihe, denn ohne diese Bezugspersonen wäre John wohl nur eine Hülle seiner selbst. Nicht umsonst wurde in den besten Hellblazer-Runs stets Bezug auf die familiären Verflechtungen genommen. Ohne sie ist John als Figur austauschbar und uninteressant.

Ohne große Details der Handlung nacherzählen zu wollen werde ich nun nur die wesentlichen weiteren Entwicklungen nennen:

  • Chas wird von einem Dämon besessen und zeitweise durch diesen gelenkt. Als dieser den Wirtskörper wieder verlässt, bleibt die Seele von Chas zunächst vergiftet. Chas‘ niedere Instinkte und seine aufgestauten Aggressionen gewinnen zeitweise die Oberhand und er schlägt seine Ehefrau Renee, die ihn stets vor Constantine gewarnt hat. Später, als er wieder sein echtes gutmütiges Ich ist, wird er sich mit Grauen an die Befriedigung erinnern, die er beim Ausleben seiner inneren Triebe hatte. Renee verlässt ihn und Chas kündigt John endlich die Freundschaft auf.

    Bild 12,  Hellblazer 206 – Cross purpose (Carey, Camuncoli), DC Comics 2005

  • Gemma und Angie Spatchcock werden beide von den dämonischen Kindern gejagt. Beide Frauen wissen sich zu helfen und sie können entkommen, wenn auch knapp.
  • Böse hingegen geht es für Cheryl und Tony Masters aus. Tony Masters, dessen religiöser Eifer schon immer einherging mit der Hochmut, ein besserer Mensch zu sein als der Rest der Welt, erscheint ein Engel, der ihn in seinem Wahn bestätigt und diesen zementiert. Der Engel, natürlich ein Trugbild, befiehlt ihm, für seinen Gott seine Ehefrau zu opfern. Als John mit seinen Gefährten eintrifft, ist es bereits zu spät, Cheryl ist tot. Später wird Tony seine Verblendung erkennen, sich richten und selbst zur Hölle fahren.

Bild 13,  Hellblazer 205 – Reasons to be cheerful (Carey, Manco), DC Comics 2005

Bild 14,  Hellblazer 205 – Reasons to be cheerful (Carey, Manco), DC Comics 2005

Von hier ab kämpft Constantine um das Leben und die Seele seiner Schwester Cheryl. Er erhält Hilfe vom Dämon Nergal, der in Fehde ist mit Rosacarnis, die tatsächlich seine Tochter ist (auch in der Hölle gibt es Familien und – in diesem Fall – Dynastien). Nergal war es, von dem Chas zeitweise besessen war, und auch jetzt spielt er ein böses Spiel. Nergal überredet John, mit ihm in die Hölle zu ziehen, um Cheryls Seele einzusammeln. John ahnt nicht, dass es Nergal selbst ist, der Cheryls Seele vor ihm verbirgt.

Dieser letzte epische Zyklus über Nergals Machtkampf in der Hölle endet mit einer Intervention des Teufels höchstselbst. Der First of the Fallen tötet zunächst Rosacarnis und die bösen Kinder und zwingt Nergal dazu, Cheryls Seele freizugeben. Aber der Teufel ist kein Friedensstifter. Er nutzt seine Macht, um John ein letztes Mal zu demütigen, denn inzwischen hat er auch Tony Masters‘ Seele in seiner Hand. Also stellt er Cheryl vor die Wahl, entweder gemeinsam mit Tony die Ewigkeit in der Hölle zu verbringen, oder alleine zurück ins Leben zu gehen:

„This is a dream about hell. Just like the dream you used to have about being alive. […] True, if you stay here, you’ll be tortured forever in endlessly varied ways. That’s the down side. But whom God hath joined together, let no man put asunder. […] He died about an hour ago, if you’re interested. In despair, and with blood on his hands, so he’s mine twice. The bottom line? A trouble shared is a trouble halved. Stay with him, and I’ll divide his torments fairly between the two of you. Or leave him to his fate. Your choice.“8

Cheryl entscheidet sich für die Liebe.

Bild 15,  Hellblazer 212 – Down in the ground where the dead men go (Carey, Manco), DC Comics 2005

 

Aus und vorbei!

Johns Schwester zog es also tatsächlich vor, ihrem kranken und verwirrten Ehemann auch in schwärzester Nacht beizustehen und handelt damit völlig entgegen dem Lebensentwurf Constantines, der die Dinge stets zu seinem Vorteil hinbiegt. Und da auch das Verhältnis zu Gemma danach selbstverständlich zerrüttet ist und auch Chas nie wieder etwas mit ihm zu tun haben möchte, hat John wirklich alles verloren und ist tatsächlich nur noch eine hohle Hülle seiner selbst.

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?steht in der Bibel, und Careys Run wirkt tatsächlich wie ein fernes Echo dieses ewig gültigen Satzes.

Aber Careys Constantine-Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende erzählt: Als nächstes vernichtet er seine kompletten magischen Lagerbestände, danach willigt er ein, auf der Jubiläumsfeier vor den Zauberern des Londoner Tate-Clubs eine Festrede zu halten. Er ist angewidert von seinen Fans, die ihn cool finden und die sein möchten wie er, und so hält er in seiner Festrede eine klare (und ziemlich durchdachte) Absage an die Magie, weil sie stets lebensfeindlich ist und weil sie in ihrer Essenz stets den natürlichen und sinnvollen Weg der Dinge umdreht.

Es ist wohl Temperamentsache, ob man einer fiesen Dämonencomicserie wie Hellblazer tatsächlich Lebensweisheiten entnehmen möchte, aber eines muss man Careys Geschichten zugestehen: Die Gefühle der Figuren sind wahrhaftig und schlüssig ausgearbeitet, und wer gewalttätige Familienverhältnisse und Suchterfahrungen kennt, hat vielleicht am eigenen Leib erfahren, dass es Dämonen gibt, mit denen man unter Umständen ein Leben lang zu kämpfen hat. Es gibt Störungen, die sich der Ratio des gesunden Menschenverstandes entziehen und die auch weit über die betroffene Person hinaus ihrer Umgebung schaden und die Umwelt vergiften. Careys Hellblazer kann wie eine Chiffre solcher Zustände gelesen werden, ein Dark-Fantasy-Roman, der sowohl auf Text- als auch auf Metaebene funktioniert und alle Register zieht.

Am Ende beweist John den Mitgliedern des Tate-Clubs, dass alle Magie schädlich ist. Wohlwissend, dass er damit die allerletzten Brücken zu seiner Vergangenheit abbrennt, geht er ins ungewisse Dunkel, wo die Geister seiner alten Freunde stehen. Ein vertrautes Bild, denn sie sind seine ewigen Begleiter. Und dann beginnt es zu regnen, und natürlich ist die Nässe in seinen Augen keine Tränen. Ganz sicher nicht.

Carey hat das perfekte Ende für die Serie inszeniert. Selten war der Abschluss einer Serie durchdachter und besser ausgearbeitet – und irgendwie grenzt es schon fast an ein Sakrileg, dass schon einen Monat später ein neues Heft von einem neuen Autor erschien, was dem Schluss das entscheidende Moment nimmt. The show must go on würde ein Amerikaner wohl sagen, no rest for the wicked ein Engländer.

Sieben weitere Jahre sollte die Serie noch laufen.

Bild 16,  Hellblazer 215 – R.S.V.P. (Carey, Manco), DC Comics 2006

 



1 Überschrift des Artikels: Textzeile des Songs Heaven and hell, Ronnie James Dio, 1980.

2 „ […] die Vergeudung von vielen guten Figuren und einer Menge kreativer Energie.“ Zitiert von http://www.sequentialtart.com/archive/dec01/delano.shtml, 24.11.2013

3 „Ich denke, es ist wie mit dem „Tower of London“ und seinen Raben. Ohne Hellblazer fällt Vertigo.“ Zitiert von http://www.comicvine.com/profile/jonny_anonymous/blog/hellblazer-is-ending-what-the-writers-think/86338/, 24.11.2013

4 „Heute bezeichnet man mit Deus ex Machina – in Literatur und Alltag – meist eine unerwartet auftretende Person oder Begebenheit, die in einer Notsituation hilft oder die Lösung bringt.“ Zitiert von http://de.wikipedia.org/wiki/Deus_ex_machina, 24.11.2013

5 Indiana Jones, wer sonst.

6 Songtitel von Hildegard Knef, 1967

7 Songtitel von Nine Inch Nails, 1993.

8 „Dies ist ein Traum von der Hölle, genauso, wie du bisher schon dein Leben geträumt hast. […]

Natürlich, solltest du hier bleiben, wirst du bis in alle Ewigkeit auf unerdenklich vielfältige Weise gequält werden, das wird sich nicht vermeiden lassen. Doch was Gott zusammengeführt, das soll der Mensch nicht trennen. […] Er ist vor etwa einer Stunde gestorben, falls es dich interessiert, in Verzweiflung und mit Blut an seinen Händen, so dass er zweimal mir gehört. Unterm Strich aber bleibt geteiltes Leid immer halbes Leid. Bleibe bei ihm und ich werde die Qualen gerecht zwischen euch beide aufteilen. Oder überlasse ihn seinem Schicksal. Es ist deine Entscheidung.“, aus Hellblazer 212, Carey, Manco, DC Comics 2005

 

Zu Teil 1: Die Anfänge in Swamp Thing

Zu Teil 2: Die ersten Hellblazer-Hefte von Jamie Delano

Zu Teil 3: Die Garth-Ennis-Jahre

Zu Teil 4: Die Paul-Jenkins-Jahre

Zu Teil 5: Hellblazer 1998 bis 2001

Zu Teil 6: Der Sonderband All His Engines

Links der Woche 3/14: Lonesome Cowboy Bill

Unsere Links der Woche, Ausgabe 3/2014:

 

Bill Watterson – Grand Prix du Festival d’Angoulême 2014
bdangouleme.com
Gestern ging das größte europäische Comicfestival in Angoulême zu Ende. Der jährlich vergebenen Großen Preis der Stadt Angoulême, vergleichbar mit einem Lebenswerk-Preis, geht in diesem Jahr an Bill Watterson, den Schöpfer von Calvin & Hobbes. Nun ist man gespannt, wie der notorisch öffentlichkeitsscheue Zeichner mit der Angoulême-Tradition umgehen wird, dass der Grand-Prix-Gewinner im folgenden Jahr den Juryvorsitz und die Leitung des Festivals übernimmt.

Palmarès officiel 2014
bdangouleme.com
Neben dem Grand Prix gibt es in Angoulême natürlich auch Preise für einzelne Comics in diversen Kategorien. Als „Bestes Album“ wurde Come Prima von Alfred ausgezeichnet. Die offizielle Festival-Website listet alle Gewinner der „Palmarès“.

Angoulême krönt Bill Watterson zum Comic-König
Der Tagesspiegel, Thomas Hummitzsch
Thomas Hummittzsch liefert einen guten deutschsprachigen Überblick über alle Preisträger beim Tagesspiegel, wo in Kürze sicher noch ein ausführlicher Festivalbericht erscheinen wird.

Literaturcomic
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Website zur Fachtagung „Graphisches Erzählen – Neue Perspektiven auf Literaturcomics“, die Anfang März an der Uni Düsseldorf stattfinden wird. Auf dem begleitenden Seminarblog gibt es bereits einige interessante Aufsätze zum Thema zu lesen.

SUPERHEROES (1/3): Kampf für die Wahrheit
Arte, Michael Kantor
Eine dreiteilige TV-Dokureihe, die ursprünglich für das nicht-kommerzielle US-Sendernetwork PBS entstand, ergründet Ursprung und Herkunft des popkulturellen Phänomens „Superhelden“. Folge 1, die die Zeit von 1938 bis 1958 abdeckt, lief am Samstag und steht noch bis zum 8.2. bei Arte+7 zum Abruf bereit. Die weiteren Folgen laufen an den kommenden Samstagen um 22:00 Uhr.

Die Gewinner des Wettbewerbs „Empörte Generation“
Goethe-Institut Italien
Der europäische Comicwettbewerb von Goethe-Institut und Institut Francais in Italien ist abgeschlossen. Die Jury kürte Jann Klävers zur Siegerin und zeichnete Paul Hillebrandt und Julian Fiebach mit einer Erwähnung aus. Diese drei und weitere 39 Beiträge stehen in der Auswahl für den Publikumspreis, für den man noch bis Sonntag abstimmen kann.

Kuriose Batman-Fotos: Steht ein Superheld vorm Stripclub
Spiegel Online, Eva Thöne
Der französische Fotograf Rémi Noël macht mit Bildern von sich reden, auf denen er eine Batman-Figur an ganz alltägliche Plätze stellt und damit erstaunliche Effekte erzielt.

PG Tips – Best of 2013: An International Perspective Part 1
Paul Gravett, div. Autoren
Der britische Comicjournalist Paul Gravett sammelt bei seinen Kollegen aus aller Welt wieder Empfehlungen für die besten Comics des letzten Jahres. So entsteht ein sehr vielfältiges und buntes Bild mit Comics aus Argentinien, Neuseeland, Südkorea, der Schweiz und etlichen anderen Ländern.