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Daddy

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Cover DaddyAuf dem Frontcover der Rücken eines Mannes, auf dem ein weinender Jesus am Kreuz martialisch eingeritzt wurde, auf dem Backcover eine kleine Skizze, die einen Priester zeigt, der einem gebückten Kind sein Glied entgegenstreckt. Keine Frage, das neueste Comicalbum von Matthias Schultheiss ist nichts für zarte Gemüter. Einige Menschen würden es gar als geschmacklos bezeichnen, denn was der deutsche Ausnahmekünstler hier vorlegt, geht weit über sanfte Kirchenkritik hinaus. Schultheiss zündet nichts weniger als ein blasphemisches Feuerwerk.

Gott hat Jesus zurück auf die Erde geschickt, damit er ihm die Gläubigen zuführt. Nur hat dieser einfach keinen Bock mehr, erneut den Märtyrer zu spielen und möchte den Menschen, insbesondere den Kindern, lieber auf seine Art helfen. Zur Strafe wird er von Gott geblendet und lebt als blinder, fetter Junkie auf der Straße, ohne dass jemand seine Identität kennt. Zur Seite gestellt wurde ihm von Gott ein Führer aus der Hölle, ein kleiner Gnom mit Narrenkappe, unverkennbarem Schnauzbart und Seitenscheitel, der fortan Jesu bester und einziger Kumpel wird und die Drogen für ihn ranschafft. Dass es sich bei diesem Gefährten um die Reinkarnation von Adolf Hitler handelt, wird im Comic zwar nie explizit erwähnt, liegt aber auf der Hand.

Seite aus DaddyGarth Ennis überzeichnete seinen Jesus erst vor kurzem in Die Chroniken von Wormwood als schwarzen, leicht debilen Typ mit Dreadlocks, der sich zusammen mit dem Antichrist dem Plan ihrer Väter widersetzte. Matthias Schultheiss‘ Version steht dem von seiner Radikalität her in nichts nach. Dabei ist Daddy kein blinder Rundumschlag oder der Versuch einer größtmöglichen Provokation, sondern ein gezieltes Aufrütteln. Das Album überspitzt, parodiert und geht eigentlich auf jeder Seite über die Grenze des guten Geschmacks hinaus.

Doch es wirft auch Fragen auf. Über die Rolle des Vatikans, über die Missbrauchsskandale oder über den veralteten Missionierungsgedanken des Christentums in unserer modernen Gesellschaft. Allerdings muss auch nicht jeder auf Religion beruhende Comic als reine theistische Diskussionsgrundlage herangezogen werden. Von daher kann man Daddy auch einfach als ein sehr unterhaltsames, eindringlich gezeichnetes Comicwerk betrachten.

Schultheiss beweist nach seinem Comeback im Jahr 2010 mit Die Reise mit Bill erneut, dass er einer der ganz großen deutschen Künstler ist.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Ein faszinierendes Album, provozierend und souverän erzählt

 

Daddy
Splitter Verlag, Oktober 2011
Text und Zeichnungen: Matthias Schultheiss
72 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-442-0
Leseprobe

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Abbildungen © Matthias Schultheiss/Splitter

Links der Woche: Mit Occupy, Österreichern und Gratis-Downloads

Unsere Links der Woche, Ausgabe 2/2012:

 

Trüge die Occupy-Bewegung Batman-Masken, würde Frank Miller sie lieben (Teil 1, Teil 2)
Telepolis, Twister (Bettina Hammer)
Telepolis arbeitet noch einmal die höchst unterschiedlichen Sichtweisen von Frank Miller und Alan Moore auf die Occupy-Protestbewegung auf, deren Teilnehmer gerne die Guy-Fawkes-Masken aus Moores V for Vendetta tragen, und stellt dabei interessante Bezüge zum jeweiligen Werk der beiden Comicautoren heraus: Der eine vertritt harte Law-and-order-Politik, der andere ist bekennender Anarchist.

V for Vendetta: the man behind the mask
Channel 4 News
Der britische TV-Sender Channel 4 wiederum hat mit Alan Moore einen Ausflug nach London unternommen, um dort ein paar Occupy-Protestanen an der St. Paul’s Cathedral zu besuchen. Im Video ist übrigens auch ein sehr hübscher Einbau von Interviewszenen in Comicseiten zu sehen:

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Panorama: Klassiker der Reportage
ORF TVthek
Das österreichische Fernsehen holt zunächst einen kurzen Beitrag aus dem Jahr 1961 aus dem Archiv, in dem Kinder ihre „Schundheftln“ gegen bessere Literatur eintauschen, und zeigt dann eine Reportage von 1981 über Comicsammler, die sich damals in „Tauschzentralen“ trafen. Als prominentes Beispiel für diese seltsame Spezies dient der Künstler Gottfried Helnwein. Danach werden unschuldige Schüler gezwungen, auf Latein (!) in die Kamera zu sagen, wie ihnen Asterix im Unterricht gefällt, bevor ein ältere Kulturbewahrer die „Primitivität dieser Kontrastfarben“ verurteilen darf. Ein tolles Zeitdokument!

Dupuis stoppt Auslieferung von »Gringos Locos«
Comic-Report, Volker Hamann
In Sachen Urheber- und Persönlichkeitsrechte sind Erben und Nachfahren manchmal strenger und unnachgiebiger, als es womöglich die eigentlichen Rechteinhaber selbst wären, wenn sie noch lebten. Ein neues Beispiel dafür liefert ein Fall aus Frankreich: Der erste Band der im Spirou-Magazin bereits vorveröffentlichten Serie Gringos Locos darf nicht veröffentlicht werden. Der Comic erzählt von den (mehr oder weniger fiktiven) Abenteuern der legendären Comicschöpfer Jijé, Morris und Franquin. Aber deren Erben haben etwas dagegen.

Textless „Vision Machine“ now available for remixers!
visionmachine.net, Greg Pak
Mit der Science-Fiction-Story Vision Machine haben Greg Pak (der vor allem als Autor zahlreicher Marvel-Serien bekannt ist) und R.B. Silva (Jimmy Olsen) letztes Jahr einen Comic unters Volk gebracht, der (finanziert von der Ford Foundation) kostenlos verteilt wird und unter einer Creative-Commons-Lizenz steht, die ausdrücklich sowohl das Weiterverbreiten als auch das Remixen des Comics erlaubt. Um letzteres zu erleichtern, stellt Greg Pak nun auch eine Version mit leeren Sprechblasen zum Download zur Verfügung. Na, wer macht die erste deutsche Übersetzung?

Diesel Sweeties Webcomics Ebooks
dieselsweeties.com, Richard Stevens
Richard Stevens, Schöpfer des langlebigen Webcomics Diesel Sweeties, verschenkt Volume 1 der Buchausgabe (mit den ersten Strips aus dem Jahr 2003) als DRM-freies PDF zum kostenfreien Download.

Polina

polina1Ein über 200 Seiten starkes Werk über Ballett stellt man sich im ersten Moment nicht unbedingt spannend vor. Zumindest geht es mir so, der mit der Thematik so rein gar nichts verbindet. Auf den zweiten Blick mag einem der Name des verantwortlichen Künstlers, Bastien Vivès, einen Hinweis darauf geben, dem Comic doch eine Chance zu geben.

Bastien Vivès hat für seine bereits auf deutsch vorliegenden Bände Der Geschmack von Chlor, In meinen Augen und Für das Imperium (alle Reprodukt) viel Lob geerntet und wurde vielerorts zu Recht als vielseitiges Riesentalent beschrieben. Mit Polina widmet er sich erneut einem ungewöhnlichen Sujet. Der Franzose beweist damit abermals eine grafische wie inhaltliche Wandelbarkeit und untermauert den Verdacht, dass man von seinen Werken, unabhängig von der Themenauswahl, einfach nicht enttäuscht werden kann.

Polina erzählt die (fiktive) Lebensgeschichte von Polina Ulinow, die als Kind in eine renommierte Tanzschule aufgenommen wird. Dort wird sie als großes Talent vom strengen Lehrer Nikita Bojinski persönlich in klassischem Ballett unterrichtet und sogar für ein eigens von ihm geschriebenes Stück ausgewählt. Doch Polina, die langsam zur jungen Frau heranwächst, leidet unter dem großen Druck. Ihr Weg führt sie schließlich ans Theater, wo Frau Litowski, die das moderne Ballett vermittelt, sie alles vergessen lassen will, was Bojinski sie gelehrt hat. Abermals bricht Polina aus und wird letztlich in Berlin zur Berühmtheit. Doch die Gedanken an ihren frühen Förderer Bojinski hat sie sich über die ganze Zeit hinweg bewahrt.

polina2Bastien Vivès betreibt in seiner Charakterstudie keinen großen grafischen Aufwand: Vor oftmals leeren beigen Hintergründen tanzen, kommunizieren, leben die Figuren, wunderbar eingefangen in einem zerbrechlichen Ensemble aus schwarz und weiß, die Striche mal krakelig, mal filigran, die Gesichter mal ausdrucklos, im nächsten Moment höchst emotional.

Wie in seinen anderen Werken fängt  Bastien Vivès die Leser ein und lässt sie bis zur letzten Seite nicht mehr los. Im Zentrum steht zwar das Verhältnis Lehrer-Schüler, ein Kernelement, das sich durch den gesamten Comic zieht, doch gelingt dem Franzosen diese Inszenierung dermaßen unaufdringlich und glaubhaft, dass man tatsächlich glaubt, eine reale Geschichte vor sich liegen zu haben. 

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Großartiger Comic über die Karriere einer großen Ballerina

 

Polina
Reprodukt, Dezember 2011
Text und Zeichnungen: Bastien Vives 
208 Seiten, zweifarbig, Softcover
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-941099-91-3
Leseprobe

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Abbildungen: ©  der dt. Ausgabe: Reprodukt

Nietzsche

nietzsche1Als wäre es nicht schon schwer genug, ein geistiges Großkaliber wie Friedrich Nietzsche in ein nur 128 Seiten langes Comicwerk zu zwängen, verspricht der Verlag auch noch vollmundig ein „ungewöhnliches und kraftvolles Nietzsche-Porträt für Kenner“ und eine „brillante Einführung für solche, die es werden wollen“.

An diesem Anspruch gemessen, wären Michel Onfray und Maximilien Le Roy gleich in zweifacher Hinsicht gescheitert. Und das ist mehr als schade, denn der Comic, der bei Nietzsches Kindheit anfängt und bei seinem Wahnsinn endet, wirkt nicht nur äußerlich sehr stimmig und professionell, es gibt auch viele äußerst gut umgesetzte Szenen. Für sich genommen sind viele einzelne Abschnitte, vor allem zeichnerisch, wunderschön gestaltet und Nietzsches Persönlichkeit im gleichen Zuge möglichst authentisch erfahrbar gemacht.

nietzsche2Im Gesamtbild scheitert Onfray, der in Frankreich ein vielbeachteter Philosoph ist, aber an dem Versuch, eine konsequente Nietzsche-Biografie zu schreiben. Das liegt letztlich auch an seinem Unwillen, die Einflüsse, Theorien und Kernideen, die die Arbeit des großen Denkers zeitlebens geprägt haben, wirklich ausführlich mit seinem Lebensweg zu verflechten. „Der Wille zur Macht“, der „Übermensch“, die „Ewige Wiederkehr“, all das wird angesprochen, aber wenig nachvollziehbar ausstaffiert. Nietzsches Krankheiten, sein Unglück mit Lou Salome oder der Zwist mit seiner Schwester Elisabeth sind ebenfalls Teil dieses Comics. Nur ein kohärentes Gefüge mag das im Ergebnis alles nicht ergeben. Oder zumindest keines, das wirklich überzeugt. Dazu sind die Themen auch zu schnell und oberflächlich aneinandergereiht.

Onfray und Le Roy legen ein Comicbiografie vor, die beileibe nicht schlecht ist, weder grafisch noch inhaltlich. Nur findet man dabei weder ein fundiertes und umfangreiches Porträt für Kenner, noch eine verständliche und nützliche Einführung in das Werk und Leben von Friedrich Nietzsche. Und damit ist eine Adaption in das Medium Comic, so schön manche Szenen auch sind, doch mehr oder weniger überflüssig.

Zumal sich einige Käufer nach dem Lesen des eingangs erwähnten Werbetextes wohl, wie ich auch, mehr erhofft hätten.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

Es gab schon wesentlich schlechtere Comicbiografien, nur schade, dass hier das vorhandene Potential nicht ausgenutzt wurde

 

Nietzsche
Knaus Verlag, August 2011
Text: Michel Onfray
Zeichnungen: Maximilien Le Roy
128 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3-8135-0430-9
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Knaus Verlag

Topcomics 2011 – Die Favoriten der Redaktion

Welche Comics aus dem vergangenen Jahr haben wir am besten in Erinnerung? Welche haben uns am stärksten beeindruckt, am tiefsten bewegt und am meisten Spaß gemacht? Comicgate-Redakteure blicken zurück und stellen ihre ganz persönlichen Lieblingscomics des letzten Jahres vor. Subjektiv und ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit – hier sind unsere Topcomics 2011!

Unsere Topcomics der Vorjahre: 2009 und 2010.

DIE TOP 3 VON MARC-OLIVER FRISCH

5000 Kilometer in der Sekunde3. Fünftausend Kilometer in der Sekunde
von Manuele Fior
Avant-Verlag
19,95 Euro

Die an Metaphorik und Farbensymbolik reiche, in sechs Episoden erzählte Kurzgeschichte des Italieners Manuele Fior enthält kein Gramm narratives Fett – und doch könnten Fiors Strich, seine Szenen und Bilder kaum eindringlicher sein. Man kann die Sehnsucht und das Bedauern der Figuren, deren Leben das Buch umspannt, geradezu schmecken.

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Asterios Polyp2. Asterios Polyp
von David Mazzucchelli
Eichborn
29,95 Euro

David Mazzucchellis „Erstlingswerk“ nach dreißig Jahren in der US-Comicszene zeichnet sich aus durch ein Höchstmaß an schöpferischer Kontrolle, in jeder erdenklichen Hinsicht. Von der Geschichte bis zur graphischen Umsetzung, vom Design des Buchumschlags bis zur Farbe des Stoffs, der den Einband säumt – Mazzucchelli hat buchstäblich nicht das Geringste dem Zufall überlassen. Die Tragödie des Architekten Asterios Polyp ist eins der wenigen Werke, die tatsächlich die Mittel des Comics ausschöpfen, um romanhafte Tiefe zu erzeugen.
[Rezension bei Comicgate]

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Der alltägliche Kampf1. Der alltägliche Kampf
von Manu Larcenet
Reprodukt
29 Euro

Mit den Mitteln des Comics romanhafte Tiefe erzeugen kann auch der Franzose Manu Larcenet, dessen Vierteiler über das Leben 2011 erstmals gesammelt auf Deutsch erschien. Doch Larcenets Geschichte um den jungen Fotographen Marco schafft vor allem, was Mazzucchelli seinem Asterios Polyp schuldig bleibt: Sie ist bereits vom Inhalt her ganz große Kunst. Larcenet traut sich etwas. Mit bestechender Beobachtungsgabe und einem verflucht sturen Humanismus hat er ein Werk geschaffen, das den Leser von der ersten bis zur letzten Seite mit der Authentizität seiner Figuren fesselt.  

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DIE TOP 5 VON MICHEL DECOMAIN

5.  Personal Paradise – Killer Kid IIPersonal Paradise – Killer Kid II
von Melanie Schober
Carlsen Manga
5,95 Euro

Der futuristische Jugend-Thriller Personal Paradise ist sicherlich eine Ausnahmeerscheinung unter den deutschen Manga. Über die fünf Bände der Serie hinweg hat sich die österreichische Mangaka Melanie Schober konstant gesteigert und ihren Stil weiter verfeinert. Im vorerst letzten Band, dem zweiten Teil des Killer-Kid-Arcs, gibt die Autorin noch einmal Vollgas und überzeugt mit temporeichen Action-Szenen und ihrer gewohnt hochdetaillierten und mit aufwendigen Schraffuren glänzenden Zeichentechnik. Schwächelte der erste Teil noch etwas unter der Last etwas zu ausschweifend erklärender Exposition, geht es im zweiten Band wesentlich flotter zur Sache, und der Leser fühlt sich Dank der sympathischen Figuren während des ganzen Bandes bestens unterhalten.

Dass Melanie Schober auch diesen Band wieder in einem etwas zu wohlwollenden Happy End auflöst, dass weder der Figurendramaturgie noch dem Setting so richtig gerecht werden will, hat man da schnell verziehen. Im Personal-Paradise-Universum bleiben jedenfalls auch nach diesem Band noch viele Anknüpfungspunkte für weitere Geschichten, und vielleicht hält die Zukunft ja noch eine Fortsetzung für uns bereit!

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Royal Lip Service

4. Royal Lip Service
von Marika Paul
Carlsen Manga
6,95 Euro

Dass Boys‘ Love auch weiterhin eines der Top-Genres unter heimischen Manga-Projekten bleibt, kann man sicher sehen, wie man will. An sämtlichen Diskussionen über kurzsichtige Verlagspolitik und Zielgruppenübersättigung vorbei lässt sich jedenfalls einfach nicht leugnen, dass auch dieses Genre hochwertige Comic-Erzählungen hervorbringt. Und das Highlight 2011 war da sicherlich Marika Pauls Royal Lip Service. Die Autorin mischt hier erotische Jungenromantik zwischen einem Kunststudenten und einem Band-Leader mit angenehm erfrischendem Dresdner Lokalkolorit inklusive heimischer Sehenswürdigkeiten und lustiger Dialekte. Zugleich überrascht sie mit ihrem außergewöhnlichen und angesichts kräftiger und ausdrucksstarker Inks für das Genre sehr untypischen Zeichenstil.

Dank des unterhaltsamen Erzählstils und der lebendigen Dialoge kommen hier nicht nur Freunde schön gezeichneter Männerkörper auf ihre Kosten. Wer noch keine Erfahrungen mit homoerotischen Manga gemacht hat, findet mit dem Einzelband sicherlich auch einen stilvollen Einstieg in das Genre.

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Frostfeuer 13. Frostfeuer 1: Herzzapfen
von Marie Sann und Yann Krehl
Splitter
13,80 Euro

Kai-Meyer-Adaptionen im Albenformat hat die deutsche Comic-Landschaft ja schon einige gesehen. Was diesen Band von seinen Vorgängern abhebt, ist die Mitwirkung der Berliner Zeichnerin Marie Sann. Hatte diese bereits in ihrem Vorgänger-Projekt Krähen zusammen mit dem alten Comic- Haudegen Guido Neukamm als Autor mit extrem hoher zeichnerischer Qualität geglänzt, überrascht hier zuerst der Stilwechsel: Alben-Comic statt Manga-Format, Vollfarbe statt Schwarz-Weiß, Digitalkunst statt Bleistift, Splitter statt Tokyopop. Auf den zweiten Blick bleibt Marie Sann aber weiter unverkennbar: hohe technische Qualität, wunderschöne Figurenzeichnungen, ebenso liebe- wie stimmungsvolle Hintergründe. Frostfeuer ist ebenso wie Krähen eine reine Augenweide!

Dazu kommt Yann Krehls grundsolide Adaption des Meyer-Stoffes, die den Leser gut in Figuren, Setting und die ebenso märchenhafte wie bedrohliche Atmosphäre der Geschichte einführt. Der Auftakt macht auf jeden Fall gespannt auf die zwei Fortsetzungen. Schöne Sache!

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Grimms Manga Sonderband2. Grimms Manga: Sonderband
diverse Autoren
Tokyopop
6,50 Euro

Als Kei Ishiyamas zwei Grimms Manga-Bände sich seinerzeit monatelang an der Spitze der Tokyopop-Verkaufscharts hielten, war man wohl auch im Hause des größten deutschen Manga-Indies überrascht über den Erfolg der unter japanischer Federführung inszenierten Eigenproduktion. So bekam die freche Neuinterpretation deutschen Kulturguts 2011 noch einen Tributband mit acht weiteren Adaptionen von bekannten und weniger bekannten Märchen spendiert, umgesetzt von sieben deutschen Nachwuchs-Zeichnerinnen und einer japanischen Gastkünstlerin.

Unter den heimischen Autorinnen gibt es unter anderem ein Wiedersehen mit einer stilistisch gereiften Nina Werner, etablierten Tokyopop-Zeichnerinnen wie Anike Hage oder Inga Steinmetz und Newcomern wie Luisa Velontrova. Die Beiträge überzeugen durchweg durch extrem hohe zeichnerische Qualität, die die individuellen Stile der Künstlerinnen schön zur Geltung bringt. Wahres Augenfutter liefern zum Beispiel der hervorragenden Tierzeichnungen von Anike Hage und Reyhan Yildirim, die einen fast an selige Disney-Zeiten erinnern. Die Umsetzungen sind mal sehr treu, mal nehmen sie sich originelle Freiheiten heraus. Insgesamt bleiben sie aber für Märchen-Freunde sogar ein besserer Einstieg als die recht abenteuerlichen Neuinterpretationen von Kei Ishiyama.

Zum Abschluss trumpft die japanische Gastautorin Misaho Kujiradou noch mit höchst originellem Seiten-Layout auf, das den Satzspiegel auf einen schmalen vertikalen Streifen in der Seitenmitte eingrenzt und dann frei darüber hinweg improvisiert. Ein weiterer höchst vergnüglicher Beitrag zum Thema Märchen meets Manga, bei dem Dank niedrigem Preis auch Quereinsteiger nicht viel falsch machen können.

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Steam Noir: Das Kupferherz 1

1. Steam Noir: Das Kupferherz 1
von Felix Mertikat und Benjamin Schreuder
Cross Cult
16,80 Euro

Nach zehn weiblichen Zeichnerinnen aus heimischen Landen zum Abschluss noch ein männlicher! (Für mich gibt es jedenfalls keinen Grund mehr zu zweifeln, dass der Nachwuchs der deutschsprachigen Comics – die hier vorgestellten Künstler sind im Schnitt Mitte 20 – mindestens ebenso weiblich wie männlich ist.)

Steam Noir ist derzeit fraglos das deutsche Comic-Projekt, das den höchsten Originalitätsgrad aufweist und diesen sowohl erzählerisch wie auch zeichnerisch auf absolut höchstklassigem Niveau umsetzt. Die von Steampunk und unheimlicher Fantasy geprägte Handlungswelt steht tatsächlich ganz für sich selbst. Zudem ist Benjamin Schreuder schlau genug, dem Leser nicht in ausschweifenden Expositionsdialogen die Eigenheiten von Landsberg vor die Füße zu werfen, sondern diese langsam und indirekt über die eigentliche Handlung Stück für Stück zu vermitteln. So wird die Neugier des Lesers lange am Leben gehalten, und man geht bei der Lektüre gleich ein bisschen mit auf Entdeckungsreise in die rätselhafte Ätherwelt.

Die Zeichnungen sind ebenso ansprechend und detailliert wie stimmungsvoll. In das Design wurde offensichtlich ebenso viel Mühe investiert wie Erzählung, und dies zahlt sich hier eindrücklich aus. Auch wenn Benjamin Schreuder dem Projekt als Autor leider nicht erhalten bleiben wird, hat er doch mit geholfen, den Grundstein für das wohl vielversprechendste deutsche Comic-Franchise dieser Tage zu legen, und ich fiebere den weiteren Bänden gespannt entgegen!
[Rezension bei Comicgate]

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DIE TOP 3 VON THOMAS KÖGEL

Orc StainOrc Stain Vol. 1 (US)
von James Stokoe
Image Comics
17,99 US-Dollar

Kein anderer Comic hat mir im letzten Jahr beim Lesen so viel Spaß gemacht wie der erste Sammelband von James Stokoes Heftserie Orc Stain. Auf den ersten Blick ist das zwar ein relativ simpler Fantasycomic, aber in der Ausführung alles andere als gewöhnlich. James Stokoe ist ein Meister des „world building“, der eine ganz eigene phantastische Welt schafft. Und was für eine Welt das ist: dreckig und schmutzig, voller mieser Typen vom hasserfüllten Weltenzerstörer bis zum gierigen Kleinkriminellen. Das Edle und Gute gibt’s hier nicht, selbst unser One-Eye genannter Held schaut zuallererst auf seinen eigenen Vorteil.

Das wertvollste und wichtigste, um das sich in James Stokoes Ork-Welt alles dreht, ist: der Gronch. Das männliche Genital. So ziemlich jeder Ork ist hinter dem Pimmel der anderen her. In Scheiben geschnittene Penisse dienen als Zahlungsmittel und die Höchststrafe für einen Ork lautet nicht „Kopf ab“ sondern „Schwanz ab“. Das klingt jetzt fürchterlich pubertär, pseudo-provokant, und eklig, wird aber so augenzwinkernd und selbstverständlich aufs Tablett gebracht, dass es einfach nur ein Riesenspaß ist.

Als würde die erfrischend originelle Welt voller kleiner und großer grotesker Ideen noch nicht reichen, haut uns Stokoe (der hier von den Zeichnungen über die Farben bis zum Lettering alles selber macht) auch noch ein Artwork um die Ohren, das die selbigen zum Schlackern bringt: Extrem detailreich, teilweise sehr witzig und wenn’s sein muss auch mal ziemlich blutig oder supersexy. Moebius meets Geof Darrow, wenn man so will. Dazu kommt eine Kolorierung, die – statt die Szenerie in dunkle Finsternis zu tauchen – die Seiten in Blau- und Rottönen zum Schillern bringt. Die Welt von Orc Stain sieht dadurch ungeheuer organisch aus, wie ein lebender Körper, der pumpt und atmet und jeden Moment vor Energie zu platzen droht. Eine deutsche Edition ist vorerst leider nicht in Sicht, die US-Ausgabe lohnt sich daher umso mehr.

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HabibiHabibi
von Craig Thompson
Reprodukt
39 Euro

Das ganz große Meisterwerk, als das es mancherorts gefeiert wurde, ist Habibi nicht, dazu hat es zu viele Schwächen (vor allem die kaum vorhandene Charakterentwicklung seiner beiden Hauptfiguren und der allzu verschwenderische Umgang mit Klischees). Ob der monumentale Comic von Craig Thompson in zehn Jahren noch als absolutes Muss gelten wird, ist eher zu bezweifeln. Aber im Jahr 2011 kam man um Habibi nicht herum. Schon durch sein Format (über 600 Seiten, mehr als sechs Jahre Entstehungszeit) und seine Ambitionen, die ganz großen Themen (Liebe, Sex, Religion und einiges mehr) abzuhandeln, nimmt der Comic eine Sonderstellung in der Flut der Neuerscheinungen ein und wurde zu Recht fast überall besprochen. Auch wenn es Habibi nicht auf die Liste meiner Lieblingscomics schaffen wird, ist es doch unbedingt lesenswert. Vor allem auf der grafischen Ebene überzeugt und überwältigt Craig Thompson mit Ideenreichtum, filigranem Handwerk und einer überbordenden Freude am Geschichtenerzählen. Wie er mit Kalligraphie, orientalischen Ornamenten und der Sprache des Comics spielt, ohne dabei auf die Nase zu fallen, sollte man gesehen haben. Und inhaltlich sorgt schon die schiere Menge an Themen, die Thompson hier reingepackt hat, für reichlich Stoff zum Weiterdenken und Weiterdiskutieren.
[Rezension bei Comicgate]

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Paying For ItPaying For It (US)
von Chester Brown
Drawn & Quarterly
24,95 US-Dollar

Ähnlich wie mit Habibi verhält es sich auch mit Chester Browns autobiographischen Bekenntnissen eines Freiers. Um ein echter Lieblingscomic zu werden, ist Paying For It und seine Botschaft zu problematisch. Trotzdem zählt das kleinformatige Hardcoverbuch mit den briefmarkengroßen Panels zu den bemerkenswertesten Comics des letzten Jahres. Ohne Scheu vor Peinlichkeiten breitet der kanadische Zeichner sein Sexualleben aus – und die dazugehörige, sehr eigenwillige Lebensphilosophie, die romantische Zweierbeziehungen ablehnt und in einer strikten Trennung von Liebe und (bezahltem) Sex besteht. Brown liefert einen betont sachlichen und nüchternen Blick in den unglamourösen Alltag von Prostituierten und ihrer Kundschaft. Und mit seinem wortreichen Anhang ist Paying For It nicht nur ein intimer Seelenstriptease, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den Moralvorstellungen der Gesellschaft und ein streitbares Plädoyer für eine Liberalisierung der strengen Prostitutionsgesetzgebung in Kanada. Eine deutschsprachige Version ist für 2012 beim Verlag Walde & Graf angekündigt.
[Eine längere Rezension steht im Comicgate-Magazin Nr.6]

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DIE TOP 3 VON BENJAMIN VOGT

The Unwritten 13. The Unwritten oder Das wirkliche Leben
von Mike Carey und Peter Gross
Panini
bisher zwei Bände, je 16,95 Euro

Mike Careys neue Vertigo-Serie dreht sich um einen Mann namens Tom Taylor, der als Vorlage für die Hauptfigur einer Fantasy-Romanreihe in einen literarischen Strudel gerät, als die Grenze zwischen Realität und Fiktion völlig verschwimmt. Careys The Unwritten ist spannend, mysteriös und anspruchsvoll und bewegt sich stilistisch irgendwo zwischen Sandman und Harry Potter.
[Eine längere Rezension steht im Comicgate-Magazin Nr.5]

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Asterios PolypIm Schatten keiner Türme2. Im Schatten keiner Türme
von Art Spiegelman
Atrium Verlag
34,90 Euro
Asterios Polyp
von David Mazzucchelli
Eichborn
29,95 Euro

Zwei allein schon optisch beeindruckende Werke. Während Art Spiegelman im erstgenannten die Geschehnisse rund um die Anschläge am 11. September 2001 als in New York lebender Künstler verarbeitet, widmet sich David Mazzucchelli mit Asterios Polyp einem zeichnerisch aufwändigen Projekt, welches das fiktive Leben eines egomanischen Architekten von hinten aufrollt.

Im Schatten keiner Türme:
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Betelgeuze GesamtausgabeDer alltägliche KampfAll Star Superman1. Die Gesamtausgaben von
Betelgeuze
von Léo
Epsilon
40 Euro
Der alltägliche Kampf
von Manu Larcenet
Reprodukt
29 Euro
und All Star Superman
von Grant Morrison und Frank Quitely
Panini Comics
24,95 Euro 

(Alle drei Gesamtausgaben sind 2011 erschienen, streng genommen handelt es sich jedoch um Sammelbände von Einzelausgaben, die in den Jahren zuvor bereits veröffentlicht wurden.)

In Betelgeuze eröffnet Zeichner Léo einen neuen Zyklus, der direkt an den Vorgänger Aldebaran anschließt. Es gilt, einen weiteren Planeten zu kolonisieren. Betelgeuze ist als abgeschlossene Serie qualitativ sogar noch höher einzustufen als Aldebaran, von dem ich auch schon begeistert war.   

 Ein Fotograf in der Midlife-Crisis ist die zentrale Figur in Manu Larcenets ursprünglich vierbändigen Geschichte Der Alltägliche Kampf. Viel lebensnaher, emotionaler und zauberhafter gezeichnet kann eine Comicerzählung nicht sein.

In All Star Superman darf sich der geniale Autor Grant Morrison mal wieder völlig frei an einem Superhelden austoben. Zusammen mit dem nicht minder brillanten Zeichner Frank Quitely gelingt dem Schotten dann auch prompt die wahrscheinlich beste Interpretation des Stählernen aller Zeiten.

Betelgeuze:
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All Star Superman:
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DIE TOP 3 VON DANIEL WÜLLNER

seed, toss, kick it overseed toss, kick it over (US)
von Warren Craghead III
Kostenloser Download auf craghead.com

Revolutionen beginnen meist im Kleinen. Manchmal genügt schon ein kleiner Funke, um Menschen mitzureißen. Zwar hat der kleine Minicomic seed toss, kick it over selbst keine solche ausgelöst, doch erzeugt er auf nur 12 Seiten ein Gefühl der Verbundenheit. Während der Arabische Frühling im Januar letzten Jahres in Ägypten seinen Anfang nahm, starrte der amerikanische Comickünstler Warren Craghead III wie gebannt auf seinen Fernseher. Immer neue Bilder vom Tahrirplatz strömten auf ihn ein und wie der Rest der Welt schwankte er beim Anblick zwischen Begeisterung, Angst und Hilflosigkeit.

Um dieses Gefühl der beginnenden Revolution, diesen Funken, einzufangen und das Feuer zu verbreiten, fotografierte Craghead die Bilder von der Mattscheibe mit seinem iPhone ab. Er bearbeitete sie und setzte sie zu einer zwölfseitigen Geschichte neu zusammen. Diesen Minicomic gibt es seit dem 4. Mai auf seinem Blog als Gratis-Download. Mit dem Herunterladen ist es aber noch nicht getan, denn jeder Leser muss seinen eigenen Comic selber falten, selber tackern und selber schneiden, um Teil der Revolution zu werden.

Craghead hat es mit seed toss, kick it over nicht nur geschafft, das Internet kreativ zu nutzen, sondern auch die Form des Minicomics auf eine neue Ebene zu heben.

StopptanzStopptanz
von Leo Leowald
Reprodukt
18 Euro

Um ehrlich zu sein, lese ich wirklich nur sehr selten Webcomics. Vielleicht zu selten, um hier ein objektives Urteil abzugeben. Ich lächele manchmal bei Joscha Sauers nichtlustigen Lemmingen und fühle mich bei Sarah Burrinis nostalgischen Guybrush-Threepwood-Anspielungen in meine Jugend zurückversetzt. Doch mit allen Sinnen unterhalten fühle ich mich nur bei Zwarwald. Leo Leowalds Online-Strips fordern und fördern mich.

Wie die meisten zeitgenössischen Kolumnisten beobachtet er den grotesken Alltag und spinnt das Gesehene grotesk weiter. Während Axel Hacke seinen Kühlschrank gegen Verschreiber auf Speisekarten eingetauscht hat und Harald Martenstein lieber über Literatur philosophiert, beobachtet Leowald weiterhin Menschen, Schilder, Emotionen und baut daraus seinen eigenen Gedankenstrip. In Stopptanz sind einige Meilensteine aus seinem virtuellen Tagebuch abgedruckt: die Jahresversammelung seiner vergangen Ichs, die Schweigeminute für Robert Enke oder die Brüste von Kate Winslet. Ohne zu zögern würde ich Leo Leowald gegen alle Kolumnisten unser Nation eintauschen. Allein gegen Max Goldt würde es nur für ein Unentschieden reichen.

Neulich fragte mich ein Kollege, ob eigentlich schon alle Menschen, denen Zwarwald gefallen würde, ihn bereits kennen. Kennt ihr alle schon zwarwald.de?

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Asterios PolypAsterios Polyp
von David Mazzucchelli
Eichborn Verlag
29,95 Euro

Der schönste Comic des Jahres 2011 erschien bereits 2009 auf Englisch. Zum Glück für die deutsche Leserschaft hat sich der Eichborn Verlag die Mühe gemacht, Asterios Polyp trotz der strikten Vorstellungen des Zeichners herauszugeben. David Mazzucchellis Meisterwerk wurde bereits so oft gelobt, dass Rezensenten sich mittlerweile bemühen müssen, um etwas Schlechtes an dem Band zu finden. Zwei Aspekte, die zwischen dem formal grandiosen Layout jeder einzelnen Seite, dem einzigartigen Lettering und der griechisch angehauchten Tragödie verloren gehen und nun herangeführt werden, um die Lobeshymnen ein wenig abzumildern, sind eine flache Handlung und eine nicht überzeugende emotionale Darstellung des Protagonisten. Um die höchste Bewertung wieder herzustellen, seien beide Kritikpunkte hier kurz widerlegt.

Natürlich lässt sich die Handlung auf einen Satz herunterbrechen: Der egoistische Architekt Asterios hat seine große Liebe und dabei sich selbst verloren und sucht nun nach seiner Katharsis. Und ebenso einfach ließen sich die großen Klassiker der Literatur, wie Romeo und Julia raffen: Ein Junge liebt ein Mädchen, obgleich ihre beiden Familien die Beziehung nicht tolerieren. Schließlich geht es bei einem Werk nicht nur um den Plot, sondern auch um die Form und die Verbindung aus beiden. Gerade durch Verbindung aus einfachem Inhalt und komplexer Form kreiert Mazzucchelli einzigartige Momente in Asterios Polyp: Das erste Zusammentreffen von Asterios und seiner Frau ist wohl die mit Abstand romantischste Comicszene aller Zeiten. Genauso wirkungsvoll ist der stream-of-consciousness, an dessen Ende Asterios erkennt, was ihm wirklich fehlt.

Zwar ist uns als Leser genau bewusst, was da vor unseren Augen passiert, doch um diese Mechanismen in Gang zu setzen, braucht es einen meisterlichen Comic-Architeken. Ein eben solcher ist Mazzucchelli.

 

 

DIE TOP 5 VON JONS MAREK SCHIEMANN

PolinaEs ist dieses Jahr nicht gerade einfach, eine Top-5-Liste zu erstellen. Vielleicht hatte ich ja auch einfach Glück, fast nur überzeugende Bände auf den Tisch bekommen zu haben. Eine Flop-Liste wäre jedenfalls schneller gegangen. Auch wenn hier nun deutlich mehr als fünf Titel aufgeführt werden, so kann ich doch keine Reihenfolge festlegen, welcher Band nun den ersten Platz für sich beanspruchen dürfte. Als einer der großen Kandidaten dafür gilt aber definitiv Polina von Bastien Vivès (Reprodukt, 24 Euro). Einfach ein großartiger Band. Es ist erstaunlich, wie sehr es Bastien Vivès schafft, ein auf den ersten Blick unspektakuläres Thema graphisch so grandios umzusetzen. Er braucht nicht viele Worte, um dennoch mit hoher emotionaler Wucht erzählen zu können. Und so gelingt ihm vielleicht sogar im Finale einer der besten Comicmomente überhaupt. Mit Sicherheit ist Polina aber eine der schönsten Graphic Novels des  Jahres.

 

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ScarletVon gänzlich anderer Art ist Scarlet von Brian Michael Bendis und Alex Maleev (Panini Comics, 16,95 Euro). Er ist der richtige Comic zur richtigen Zeit. Weltweit gehen die Menschen auf die Straße, um gegen die bestehenden Ungerechtigkeiten und Verhältnisse zu protestieren. Scarlet ist ein Comic, der dazu aufruft, hinter die Kulissen zu blicken und sich aktiv zu wehren. Dabei werden weder eine spannende Story noch gute Zeichnungen vergessen. Durch Verfremdungseffekte, die den Leser direkt ansprechen, gerät der Band etwas geschwätzig, liefert aber auch unterschiedlichste Perspektiven zu manchen kontroversen Passagen. Aber letztere provozieren wieder eine Diskussion, welche das Thema unterstützt. Hervorragend.

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Auch die Superhelden seien hier nicht vergessen: Supreme 1 und 2 von Alan Moore (Nona Arte, je 19,50 Euro) ist ein einziger großartiger Metatext über die Helden. Fast jedes Panel hat einen Verweis oder eine generelle Referenz nicht nur zu den Superhelden an sich, sondern auch zum Verlagswesen oder zur Geschichte der Veröffentlichungen. Über diese beiden Bände könnte man eine ganze Studie schreiben. Jedenfalls ein unterhaltsames wie intelligentes und vielschichtiges Vergnügen.
[Rezension bei Comicgate]

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Kraa von Benoît Sokal (Splitter, 19,80 Euro) ist dann wieder von einem ganz anderen Kaliber. Ein sensibler, spannender, bewegender und schockierender Band. Dennoch kann man sich dem Zauber dieses Abenteuers kaum entziehen, das auch wütend macht. Ich kann den zweiten Band kaum noch erwarten.
[Rezension bei Comicgate]

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Der 2011 neu aufgelegte Comicroman Stuck Rubber Baby von Howard Cruse (Cross Cult, 26 Euro) versteht es, mit der Kombination von Einzelschicksalen in einer gesellschaftlichen Entwicklung ein breites Publikum zu fesseln. Die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung (ihre Gründe, ihre Aktionen und ihre Erfolge) wird anhand von Einzelschicksalen in den USA der 1960er Jahre deutlich gemacht. Das ist informativ, spannend und bewegend. Ein ganz großer Wurf.
[Rezension bei Comicgate]

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Green WomanUnd manchmal wird man auch sehr positiv überrascht. Green Woman (Panini Comics, 16,95 Euro) ist eine Quasi-Adaption eines Romans von Peter Straub. Michael Easton und John Bolton erzählen eine weitere Geschichte von einer Figur Straubs. Große Namen erfüllen dabei große Erwartungen. Kongenial illustriert von John Bolton, schildert diese abgeschlossene Graphic Novel die Themen Schuld und Sühne und die Faszination von Gewalt. Spannend, unangenehm und faszinierend. Zugreifen.

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Und schließlich der Band, der sich mit Polina um den ersten Platz streiten mag: Gemma Bovery von Posy Simmonds (Reprodukt, 20 Euro). So müssen nämlich Adaptionen sein. Nicht nur wurde der klassische Stoff von Gustave Flaubert modernisiert und mit einer gesamtgesellschaftlichen Analyse der Moderne verbunden, sondern auch die Vorlage an sich wird thematisiert. Damit wird die Adaption auch zu einer respektvollen Hommage an das Buch insbesondere und an die Macht der Literatur allgemein. Vielleicht eine der besten Literaturadaptionen im Comic überhaupt.

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Annas Paradies 1Aber auch Nine Anticos Coney Island Baby (Edition Moderne, 26 Euro) mit seinen Reflexionen über Emanzipation, Feminismus und sexuelle Selbstbestimmung konnte faszinieren, ebenso wie die graphische Erzählweise eines der bemerkenswertesten Debüts des Jahres: nämlich Annas Paradies von Daniel Schreiber (Splitter, 13,80 Euro) .
[Rezension bei Comicgate]

Coney Island Baby:
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Annas Paradies 1:
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Generell kamen dieses Jahr wieder viele interessante und sehr gut gestaltete Bände auf den Markt. Und die Schwierigkeiten dabei, eine Top-Liste zu erstellen, spricht nur für die Entwicklung. Hoffentlich habe ich zur selben Zeit nächstes Jahr ebenso große Probleme, eine Auswahl zu erstellen

Links der Woche: Mit deutschen Comicforschern, japanischen Menschenmassen und indischen Ureinwohnern

Unsere Links der Woche, Ausgabe 1/2012:

 

Die Nachbarn kommen jetzt auch rein
Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau, Brigitte Helbling
Ein Artikel über die „neue Generation von Comic-Läden“, die nicht mehr dunkle Geekhöhlen, sondern helle und freundliche Buchläden für jede Art von Comicinteressierten sind.

Comicwissenschaft in Deutschland: Ein Einschätzungsversuch
Gesellschaft für Comicforsching, Daniel Stein
Die Website der ComFor veröffentlicht die deutsche Übersetzung eines englischsprachigen Aufsatzes über den Stand der hiesigen Comicforschung.

Die Braut trug Schwarz
Welt am Sonntag, Herrmann Weiß
Es muss nicht immer Reprodukt sein: Man kann als große Zeitung auch mal andere Comicverlage porträtieren, wenn man über das „Nicht mehr nur für Kinder“-Medium berichten will: Die WamS besucht Rossi Schreiber (Schreiber & Leser) in München.

Bloggen mit Pinsel und Zeichenstift
heute.de, Alfred Krüger
Die ZDF-Nachrichtenwebsite stellt deutsche Webcomics vor (u.a. Das Leben ist kein Ponyhof und Zwarwald). Nichts Neues für jene, die sich eh damit auskennen – aber immer erfreulich zu sehen, wenn ein „großes“ Medium mit vielen Lesern berichtet und Links streut.

Liste der Comics 2012
Forum des Gratis-Comic-Tags im Comicforum, Bernd Glasstetter
Die Liste der Comcis, die dieses Jahr beim Gratis-Comic-Tag im Mai verteilt werden, steht fest und wird im Comicforum verkündet, auch die Cover sind schon zu sehen. Die Anzahl der Titel wurde nach der letztjährigen Kritik seitens der Händler auf 30 zurückgefahren, es sind aber weiterhin auch Gratishefte von Klein- und Kleinstverlagen mit dabei.

Der DC-Relaunch und die Panini-Titel 2012
Paniniforum, Thorsten Kleinheinz
Der „New 52“-Neustart bei DC Comics wird sich ab Juni 2012 auf die deutschsprachigen Veröffentlichungen bei Panini auswirken. Mittlerweile steht weitgehend fest, welche Serien in welcher Form auf Deutsch erscheinen werden. Neben der aktuell laufenden Batman-Reihe wird es vier weitere Heftserien geben, außerdem zahlreiche Sonderband-Reihen (u.a. mit den hochgelobten Batwoman, Animal Man und Swamp Thing). Panini wird jedoch nicht alle 52 Serien auf den deutschen Markt bringen. 2013 könnte es evtl. Monster Editionen geben, die komplette Jahrgänge einer Serie enthalten.

Lieblingscomics 2012
satt.org
Verschiedene Autoren (Sven Jachmann, Klaus Schikowski, Thomas Vorwerk, Gerd Ruprecht, Nana Wallraff, Felix Giesa) stellen für satt.org Listen ihrer Lieblingscomics aus dem letzten Jahr zusammen, leider nur teilweise kommentiert.

The 50 best covers of 2011
Robot 6, Kevin Melrose
50 tolle US-Comiccover aus dem letzten Jahr, kurz kommentiert, schön untereinander und nicht als doofe Klickstrecke. Von A wie Abe Sapien bis Z wie Zatanna.

Ron’s List of the Worst Things in Comics in 2011
iFanboy, Ron Richards
Mal was anderes als die ewigen Bestenlisten: Was war letztes Jahr am schlimmsten auf dem US-Comicmarkt?

Five Predictions About The Immediate Future Of Comics
Warren Ellis
Ein paar (ziemlich pessimistische) Einschätzungen vom Comicautor Warren Ellis zur Zukunft des Comic-Business im kommenden Jahr.

Publish or Perish
Trip City, Dean Haspiel
Elaborierter und interessanter ist der Aufsatz seines Kollegen, des Autors und Zeichners Dean Haspiel.  der Überlegungen anstellt, wie man heutzutage als Kreativer im Comicmarkt ein halbwegs erträgliches Einkommen erzielen kann: „Veröffentliche oder gehe unter“

Time-Lapse Video Of Comic Convention Crowd Control Shows Japanese Discipline At Its Best
Rocket News 24
Ein Zeitraffervideo von der Comiket, Japans größter Manga-Convention, zeigt eindrucksvoll, wie gut organisiert man dort mit massiven Besucherströmen umzugehen weiß. Bis etwa 1:25 ist es zu dunkel, um etwas zu erkennen, danach wird’s interessant:

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Kushinagar
The Caravan, Joe Sacco
Das indische Magazin The Caravan veröffentlicht Joe Saccos neuesten Reportagecomic, der sich mit dem Leben der Dalit, der niedersten Kaste der „Unberührbaren“ in Indien, beschäftigt. Die Web-Ansicht benötigt Flash und ist leider sehr unkomfortabel zu lesen.

Stuck Rubber Baby

Cover Stuck Rubber BabyUnter dem deutschen Titel Am Rande des Himmels erschien dieses Werk schon einmal, 1996 beim Carlsen Verlag. 15 Jahre später hat sich die Comiclandschaft stark verändert – ein Comic, der teilweise autobiografisch auf über 200 Seiten von Rassismus und Homosexualität, Politik und Gesellschaft erzählt, muss längst nicht mehr als exotische Besonderheit gelten, sondern passt formal und inhaltlich hervorragend in die mittlerweile etablierte Marktnische der „Graphic Novels“. Grund genug für den Verlag Cross Cult, eine Neuauflage des vergriffenen Comics zu machen, diesmal unter dem englischen Originaltitel.

Dieser führt ein wenig in die Irre – zwar gibt es in Howard Cruses Comic tatsächlich ein Baby, dessen Empfängnis mit einem eingetrockneten Kondom („stuck rubber“) zu tun hat, dies spielt aber nur eine Nebenrolle. Im Zentrum steht die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den US-Südstaaten der Sechziger Jahre, angeführt von Martin Luther King. Der jedoch tritt an keiner Stelle persönlich auf, denn Cruse hat sich dafür entschieden, eine fiktionale Geschichte zu erzählen, mit erfundenen Figuren und Schauplätzen, die sich aber sehr nah an die tatsächlichen Ereignisse anlehnt.

Seite aus Stuck Rubber BabyGleich auf der ersten Seite wendet sich ein Ich-Erzähler direkt an den Leser: Toland Polk erzählt in Rückblicken aus seinem Leben, vor allem von den Jahren, als er Anfang 20 war. Auch Polk ist eine fiktive Figur, aber wie die anderen basiert auch auch er auf einer eine realen Person, nämlich dem Autor und Zeichner selbst. Man könnte Stuck Rubber Baby also als semi-autobiografischen Comic bezeichnen. Howard Cruses Alter Ego erzählt von seinen jungen Jahren in einer Kleinstadt im Bundesstaat Alabama, wo zu Beginn der Sechziger Jahre noch Rassentrennung herrscht, der Ku Klux Klan die schwarze Bevölkerung terrorisiert und die Schwarzen allgemein als Bürger zweiter Klasse behandelt werden. In Clayfield, dem Heimatort von Ich-Erzähler Toland, formiert sich Widerstand der Schwarzen, die gewaltlos protestieren, Geschäfte boykottieren und regelmäßige Versammlungen abhalten.

Toland hat mit all dem eigentlich nicht viel zu tun, er gehört zur privilegierten Rasse der Weißen. Er kämpft vor allem mit sich selbst und seinen homosexuellen Neigungen und ist sich unsicher, ob er diese verdrängen oder akzeptieren soll. Über seine Mitbewohner lernt Toland junge, liberale Weiße kennen, die die Bürgerrechtler unterstützen und sich regelmäßig mit ihnen treffen. Unter ihnen sind der draufgängerische, schwule Sammy und die politisch engagierte Sängerin Ginger, die beide wichtige Bezugspersonen für Toland werden. Mit Ginger entwickelt sich eine enge Freundschaft, und Toland hofft, dass daraus mehr werden könnte. Vielleicht ist er ja doch nicht schwul, könnte Ginger heiraten und würde in der konservativen Südstaatengesellschaft nicht als Außenseiter auffallen.

Seite aus Stuck Rubber BabyMit Ginger als Bezugspunkt gerät Toland so unversehens mitten in den Kampf der Schwarzen um ihre Bürgerrechte. Obwohl er unpolitisch und alles andere als ein Draufgänger ist, nimmt er an Kundgebungen und Protestmärschen teil, besucht schwarze Clubs und lernt Pfarrer Harland Pepper kennen, die Führungsfigur des schwarzen Widerstands. Als teilnehmender Beobachter, der immer nahe dran ist, aber stets eine sehr passive Rolle einnimmt, erlebt er Höhen und Tiefen der Bürgerrechtsbewegung mit.

Die Figur des Toland Polk wirkt dabei zutiefst glaubwürdig. Er ist eben kein edler Freiheitskämpfer mit hohen Idealen, sondern ein sehr normaler Mitläufer. Er schließt sich der Bewegung an, aber nicht aus purer Überzeugung, sondern weil es gerade zu seiner Situation passt. Seine persönlichen Sorgen und Nöte sind im Zweifel immer wichtiger als die große Politik. Ein Typ, wie es sie vermutlich in allen größeren Protestbewegungen gibt und damit eine ideale Identifikationsfigur für den Leser. Auch der Kunstgriff, reale Personen zu fiktionalisieren, wirkt sich positiv aus: Würde Martin Luther King als Martin Luther King auftreten, würde man ihn automatisch als die große Ikone wahrnehmen, die jedes Kind als Friedensnobelpreisträger und Märtyrer der Bewegung kennt. So aber ist Reverend Pepper zunächst wirklich nur ein charismatischer, unscheinbarer Pfarrer.

Während Autor und Zeichner Cruse hierzulande kaum bekannt ist, hatte er sich in den USA zumindest in der homosexuellen Subkultur bereits vor Stuck Rubber Baby einen Namen als Comiczeichner gemacht. Sein komödiantischer Strip Wendel lief von 1983 bis 1989 im schwul-lesbischen Magazin The Advocate. Für seinen Comicroman (hier passt der Ausdruck tatsächlich mal sehr gut!), an dem er fünf Jahre lang arbeitete, änderte er seinen Zeichenstil: kam Wendel noch sehr cartoonig daher, legt Stuck Rubber Baby sehr viel mehr Wert auf Realismus, ohne dabei Cruses zeichnerische Wurzeln, die Underground-Comix von Robert Crumb und Co., zu verleugnen. Auffälligstes Stilmittel sind die überaus filigranen Schraffuren: Mit klitzekleinen, feinen Linien und Pünktchen bringt er eine erstaunliche dreidimensionale Tiefe in seine Schwarz-Weiß-Zeichnungen.

Seite aus Stuck Rubber BabyAuf den ersten Seiten wirken die mit Details vollgestopften Panels und die große Menge an Text und Sprechblasen noch ungewohnt und irritierend. Aber Cruse versteht sein Handwerk als Erzähler, so dass man sehr schnell in den Flow der Erzählung gerät. Er führt den Leser elegant durch seine Geschichte, die sowohl lockere und fröhliche Momente als auch sehr tragische, finstere Szenen enthält. Und mit seinen sehr lebensnahen, klischeefreien Figuren umschifft er auch die Gefahren, die entstehen, wenn Probleme von Minderheiten aus der Sicht von Personen geschildert werden, die dieser Minderheit gar nicht angehören (ein Vorwurf, der zuletzt dem Film The Help gemacht wurde).

Stuck Rubber Baby verknüpft erstaunlich unangestrengt die Themen Rassismus und Homophobie. Dem Comic gelingt es, ein wichtiges historisches Thema auf eine sehr persönliche Ebene zu bringen, fühlt sich niemals nach Geschichts- oder Gemeinschaftskundeunterricht an, sondern funktioniert als spannendes und auf seine Art auch unterhaltsames Drama. Und vermittelt nebenbei die zeitlos aktuelle Botschaft, dass jede Veränderung der der Gesellschaft beim Einzelnen anfangen muss.

Die Neuausgabe enthält, wie bei Cross Cult üblich, ergänzendes Material: Neben einem Vorwort von Alison Bechdel gibt es ein kleines Making-Of, ein interessantes Glossar und einen Artikel von Übersetzer Andreas C. Knigge, der aus dem Nähkästchen plaudert und nicht ohne Stolz erzählt, wie er als Programmmacher des Carlsen-Verlags 1995 den Comic entdeckt und die erste deutsche Ausgabe herausgebracht hat.


Wertung: 9 von 10 Punkten

Starkes Paradebeispiel für einen anspruchsvollen Comicroman

Stuck Rubber Baby
Cross Cult, Oktober 2011
Text und Zeichnungen: Howard Cruse
240 Seiten, schwarz-weiß Hardcover
Preis: 26 Euro
ISBN: 978-3942649-28-5
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Cross Cult

Unter dem deutschen Titel Am Rande des Himmels erschien dieses Werk schon einmal, 1996 beim Carlsen Verlag. 15 Jahre später hat sich die Comiclandschaft stark verändert — ein Comic, der teilweise autobiografisch auf über 200 Seiten von Rassismus und Homosexualität, Politik und Gesellschaft erzählt, muss längst nicht mehr als exotische Besonderheit gelten, sondern passt formal und inhaltlich hervorragend in die mittlerweile etablierte Marktnische der „Graphic Novels“. Grund genug für den Verlag Cross Cult, eine Neuauflage des vergriffenen Comics zu machen, diesmal unter dem englischen Originaltitel.

Dieser führt ein wenig in die Irre — zwar gibt es in Howard Cruses Comic tatsächlich ein Baby, dessen Empfängnis mit einem eingetrockneten Kondom („stuck rubber“) zu tun hat, dies spielt aber nur eine Nebenrolle. Im Zentrum steht die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den US-Südstaaten der Sechziger Jahre, angeführt von Martin Luther King. Der jedoch tritt an keiner Stelle persönlich auf, denn Cruse hat sich dafür entschieden, eine fiktionale Geschichte zu erzählen, mit erfundenen Figuren und Schauplätzen, die sich aber sehr nah an die tatsächlichen Ereignisse anlehnt.

Gleich auf der ersten Seite wendet sich ein Ich-Erzähler direkt an den Leser: Toland Polk erzählt in Rückblicken aus seinem Leben, vor allem von den Jahren, als er Anfang 20 war. Auch Polk ist eine fiktive Figur, aber wie die anderen basiert auch auch er auf einer eine realen Person, nämlich dem Autor und Zeichner selbst. Man könnte Stuck Rubber Baby also als semi-autobiografischen Comic bezeichnen. Howard Cruses Alter Ego erzählt von seinen jungen Jahren in einer Kleinstadt im Bundesstaat Alabama, wo zu Beginn der Sechziger Jahre noch Rassentrennung herrscht, der Ku Klux Klan die schwarze Bevölkerung terrorisiert und die Schwarzen allgemein als Bürger zweiter Klasse behandelt werden. In Clayfield, dem Heimatort von Ich-Erzähler Toland, formiert sich Widerstand der Schwarzen, die gewaltlos protestieren, Geschäfte boykottieren und regelmäßige Versammlungen abhalten.

Toland hat mit all dem nicht viel zu tun, er gehört zur privilegierten Rasse der Weißen. Er kämpft vor allem mit sich selbst und seinen homosexuellen Neigungen und ist sich unsicher, ob er diese verdrängen oder akzeptieren soll. Über seine Mitbewohner lernt Toland junge, liberale Weiße kennen, die die Bürgerrechtler unterstützen und sich regelmäßig mit ihnen treffen. Unter ihnen sind der draufgängerische, schwule Sammy und die politisch engagierte Sängerin Ginger, die beide wichtige Bezugspersonen für Toland werden. Mit Ginger entwickelt sich eine enge Freundschaft, und Toland hofft, dass daraus mehr werden könnte. Vielleicht ist er ja doch nicht schwul, könnte Ginger heiraten und würde in der konservativen Südstaatengesellschaft nicht als Außenseiter auffallen.

Mit Ginger als Bezugspunkt gerät Toland so unversehens mitten in den Kampf der Schwarzen um ihre Bürgerrechte. Obwohl er unpolitisch und alles andere als ein Draufgänger ist, nimmt er an Kundgebungen und Protestmärschen teil, besucht schwarze Clubs und lernt Pfarrer Harland Pepper kennen, die Führungsfigur des schwarzen Widerstands. Als teilnehmender Beobachter, der immer nahe dran ist, aber stets eine sehr passive Rolle einnimmt, erlebt er Höhen und Tiefen der Bürgerrechtsbewegung mit. 

Die Figur des Toland Polk wirkt dabei zutiefst glaubwürdig. Er ist eben kein edler Freiheitskämpfer mit hohen Idealen, sondern ein sehr normaler Mitläufer. Er schließt sich der Bewegung an, aber nicht aus purer Überzeugung, sondern weil es gerade zu seiner persönlichen Situation passt. Seine persönlichen Sorgen und Nöte sind im Zweifel immer wichtiger als die große Politik. Ein Typ, wie es sie vermutlich in allen größeren Protestbewegungen gibt und damit eine ideale Identifikationsfigur für den Leser. Auch der Kunstgriff, reale Personen zu fiktionalisieren, wirkt sich positiv aus: Würde Martin Luther King als Martin Luther King auftreten, würde man ihn automatisch als die große Ikone wahrnehmen, die jedes Kind als Friedensnobelpreisträger und Märtyrer der Bewegung kennt. So aber ist Reverend Pepper zunächst wirklich nur ein charismatischer, unscheinbarer Pfarrer.

Während Autor und Zeichner Cruse hierzulande kaum bekannt ist, hatte er sich in den USA zumindest in der homosexuellen Subkultur bereits vor Stuck Rubber Baby einen Namen als Comiczeichner gemacht. Sein komödiantischer Strip Wendel lief von 1983 bis 1989 im schwul-lesbischen Magazin The Advocate. Für seinen Comicroman (hier passt der Ausdruck tatsächlich mal sehr gut!), an dem er fünf Jahre lang arbeitete, änderte er seinen Zeichenstil: kam Wendel noch sehr cartoonig daher, legt Stuck Rubber Baby sehr viel mehr Wert auf Realismus, ohne dabei Cruses zeichnerische Wurzeln, die Underground-Comix von Robert Crumb und Co., zu verleugnen. Auffälligstes Stilmittel sind die überaus filigranen Schraffuren: Mit klitzekleinen, feinen Linien und Pünktchen bringt er eine erstaunliche dreidimensionale Tiefe in seine Schwarz-Weiß-Zeichnungen. 

Auf den ersten Seiten wirken die mit Details vollgestopften Panels und die große Menge an Text und Sprechblasen noch ungewohnt und irritierend. Aber Cruse versteht sein Handwerk als Erzähler, so dass man sehr schnell in den Flow der Erzählung gerät. Er führt den Leser elegant durch seine Geschichte, die sowohl lockere und fröhliche Momente als auch sehr tragische, finstere Szenen enthält. Und mit seinen sehr lebensnahen, klischeefreien Figuren umschifft er auch die Gefahren, die entstehen, wenn Probleme von Minderheiten aus der Sicht von Personen geschildert werden, die dieser Minderheit gar nicht angehören (ein Vorwurf, der zuletzt dem Film The Help gemacht wurde). 

Stuck Rubber Baby gelingt es, ein wichtiges historisches Thema auf eine sehr persönliche Ebene zu bringen, fühlt sich niemals nach Geschichts- oder Gemeinschaftskundeunterricht an, sondern funktioniert als spannendes und auf seine Art auch unterhaltsames Drama. Und vermittelt nebenbei die zeitlos aktuelle Botschaft, dass jede Veränderung der der Gesellschaft beim Einzelnen anfangen muss.

Die Neuausgabe enthält, wie bei Cross Cult üblich, ergänzendes Material: Neben einem Vorwort von Alison Bechdel gibt es ein kleines Making-Of, ein interessantes Glossar und einen Artikel von Übersetzer Andreas C. Knigge, der aus dem Nähkästchen plaudert und nicht ohne Stolz erzählt, wie er als Programmmacher des Carlsen-Verlags 1995 den Comic entdeckt und die erste deutsche Ausgabe herausgebracht hat.

Schnecksnyder 1 & Mechaniko 1

Cover Schnecksnyder 1Mit Schnecksnyder und Mechaniko bringt der noch junge Independent-Verlag Skydog gleich zwei unterschiedliche Serien parallel an den Start. Die Comics stammen hauptverantwortlich aus der Feder des geborenen Franzosen Yves Ker Ambrun (YKA), der in Sachen Comics kein unbeschriebenes Blatt ist. Nach Stationen in den USA und Kanada zeichnete er in den 90ern als Chefzeichner für Disney in Deutschland verantwortlich. Seit einigen Jahren lebt er nun in Darmstadt und hat nach seiner Disney-Zeit das Skydog-Studio ins Leben gerufen, aus welchem schließlich der gleichnamige Verlag resultiert.

Schnecksnyder ist ein verstörender Stilmix, ein Funnytitel mit realen Winkelzügen, ein Erzählfluss, als würde man eine Donald-Duck-Geschichte in ein Spirou-Setting versetzen, das Ganze vielleicht noch garniert mit einem Schuss Wahnsinn. Man merkt Yves Ker Ambrun seine Herkunft, seine Einflüsse an, auch zeichnerisch. Mit dicken, schwarzen Tuschelinien umrandet, wirken die Personen in diesem Comic wie überdrehte Cartoonfiguren mit oftmals überzeichneter Mimik. Dem gegenüber setzt Ambrun eine Handlung, die aufgrund ihrer eigentümlichen Verschrobenheit und phasenweise beachtlichen Tiefe so gar nicht in das Schema eines Funnytitels passen will:

Seite aus Schnecksnyder 1Wolfgang Schnecksnyder, ein schnauzbärtiger, nadelstreifenanzugtragender Journalist, leidet unter einer Schreibblockade. Um diese zu lösen und damit die nächste Deadline einhalten zu können, begibt er sich in die Hände des Psychiaters Aloysius Tarr. Doch als er anfängt, Dr.Tarr von seinen Alpträumen zu berichten (es geht um das große Leid und die Ungerechtigkeit in der Welt), zerbricht dieser kurzerhand am verdichtet übermittelten Weltschmerz. Als Tarr unzurechnungsfähig in der Stadt Amok läuft, erklärt sich Schnecksnyder spontan bereit, dessen Platz einzunehmen. Doch die ersten Patienten, darunter die kleine Alice (ein Mädchen mit verblüffender Ähnlichkeit zu Carrolls Alice im Wunderland), machen es dem Schreiberling nicht gerade leicht. Und dann gilt es ja auch noch, Dr. Tarr wieder irgendwie hinzukriegen.

Man fragt sich schon, warum ein Journalist gedenkt, sich therapieren zu können, indem er mal eben selbst zum Therapeuten mutiert. Letztlich spielt das keine Rolle, Wolfgang Schnecksnyder ist Dreh-und Angelpunkt dieses Comics, ein sympathisch-verrückter Allrounder, der unplanmäßig in skurrile Situationen geworfen wird. Dieser Anarcho-Charakter des Erzählens zeigt sich unterdies auch in den beiden ebenfalls in diesem Album enthaltenen Kurzgeschichten, die nicht minder absurd sind.

Cover Mechaniko 1Ein Stück weit geradliniger ist da schon das zweite Projekt Mechaniko geraten, ein Sci-Fi-Comic, der ebenfalls von Yves Ker Ambrun gezeichnet wurde. Das kann an gleich mehreren Tatsache liegen: Erstens ist hier nicht Ambrun selbst, sondern die Literatin Antonia Pont für die Dialoge zuständig, was keinen qualitativen Unterschied erkennbar macht, aber die Texte etwas erdiger erscheinen lässt.

Zum anderen kommt Mechaniko, anders als Schnecksnyder, mit seiner ersten Ausgabe gerade mal auf 22 Comicseiten; beinahe wie ein klassisches amerikanisches Superheldenheft. Und tatsächlich wirkt die Erzählung um einen fliegenden Roboter, der von einem Wissenschaftler im Kundenauftrag gebaut wurde, wie eine typische Origin-Story mit Cliffhanger am Ende. Mechaniko fühlt sich an wie die Geburtsstunde eines frankobelgischen Iron Man. Im Vergleich zu Marvels Kreationen wird hier allerdings deutlich mehr Gewicht auf Funnyelemente gelegt.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Zwei gefällige Serien, von denen ich in Zukunft noch gerne mehr lesen würde

 

Schnecksnyder 1: Es darf doch nicht wahr sein
Skydog, Juni 2011
Text und Zeichnungen: Yves Ker Ambrun
80 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 13,95 Euro
ISBN-13: 978-3-00-034513-5
Leseprobe

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Mechaniko 1: Mechaniko wird erschaffen
Skydog, Juni 2011
Text: Antonia Pont
Zeichnungen: Yves Ker Ambrun
24 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 6,95 Euro
Leseprobe
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Abbildungen: © Yves Ker Ambrun

Supreme – The Story of the Year 1&2

Cover Supreme – The Story of the Year 1Dem Comicfan noch Alan Moore vorzustellen, wäre ungefähr so, als ob man Sand in die Sahara exportieren würde. Moore zählt zu den besten Comicautoren aller Zeiten, viele halten ihn sogar für den besten. Auch wenn man mit Superlativen sparsam umgehen sollte, ist es unbezweifelbar, dass Moore so einige Meisterwerke und Allzeitklassiker des Mediums geschaffen hat. Dazu zählen natürlich allen voran Watchmen, From Hell, V wie Vendetta und Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen. Dabei wird häufig außer Acht gelassen, dass sich Moore auch im Strumpfhosensektor getummelt und sich so mancher Helden angenommen hat. So schuf er sowohl für Superman mit „Whatever Happened to the Man of Tomorrow?” als auch für Batman mit “The Killing Joke” zwei unverzichtbare Stories, die mit zu den besten gehören, die je für die Helden geschrieben worden sind.

Ende der Neunziger Jahre, nach seinem Mammutprojekt From Hell, wechselte Moore zu Image Comics und dürfte bei vielen für Überraschung und Verwirrung gesorgt haben, da er sich dort wieder der Superhelden annahm. Seine Strecke bei den Wildcats und Miniserien wie Voodoo dürften dann auch nicht so bekannt sein wie die Hauptserien. Zuvor jedoch kümmerte er sich um den von Rob Liefeld entwickelten Helden Supreme. Er übernahm die Serie mit Heft Nummer 41 (August 1996) und schrieb etwa zwei Dutzend Ausgaben. Die erste große Storyline „The Story of the Year“ aus den Heften 41 bis 52 liegt nun in zwei Bänden auch auf Deutsch vor.

Seite aus Supreme – The Story of the YearAuf den ersten Blick und beim ersten Durchblättern mag einen der Comic etwas stutzig machen. Denn die Ähnlichkeiten zu Superman sind so offensichtlich, dass man meinen könnte, DC Comics hätte Image wegen eines Plagiats verklagen müssen. Wenn man nun aber die Bände zu lesen beginnt, wird man schnell entdecken, dass es um sehr viel mehr geht. Natürlich ist Supreme ein Alter Ego von Superman – Bekannte, Freunde, Gegner, Herkunft und Ansichten des einen weichen nur minimal von denen des anderen ab. Und das ist natürlich voll beabsichtigt. Denn was Moore in dieser relativ kurzen Strecke schafft, ist, kurz gesagt, genial. Er schildert nicht nur die Abenteuer eines Superhelden, sondern unternimmt gleich einen ganzen Streifzug durch die Comicgeschichte. Zeichner und Autoren kommen ebenso vor wie die Comicverlage und ihre vom jeweiligen Zeitgeist geprägten Revisionen. Was es ihm übrigens gleich mehrfach ermöglicht, mit einem großen Augenzwinkern auf seine eigene berufliche Laufbahn und den Einfluss englischer Autoren auf den US-Comic zu verweisen (und Freunde und Kollegen wie Neil Gaiman namentlich zu erwähnen). Zu diesem Zweck lässt Moore seine Hauptfigur nicht wie Superman als Reporter, sondern als Comiczeichner bei Dazzle Comics (abgekürzt natürlich: DC!) arbeiten, und Diana Dane, das Äquivalent zu Lois Lane, ist Comicautorin.

Seite aus Supreme – The Story of the YearNachdem Supreme im All unterwegs war, um den Sinn des Lebens und existenzielle Antworten zu finden (passenderweise brach er dazu Ende der Sechziger Jahre auf), gerät er in eine merkwürdige Welt voller Supremes. Alles sind Inkarnationen seiner selbst aus den unterschiedlichsten Zeiten, die aufgrund von Revisionen aus den Comics herausgeschrieben wurden. Crisis on Infinite Earths lässt grüßen. Nachdem Supreme klar wurde, was geschah, muss er aus Pflichtbewusstsein zur Erde zurück, wo ihm aber mehrere Jahre fehlen und er sich nur an wenig erinnern kann. Seine Fahrten, Abenteuer und Begegnungen mit alten Freunden und Feinden ermöglichen es ihm, seine Vergangenheit nach und nach zusammenzusetzen.

Letzteres ist ein genialer Kniff von Alan Moore, da er dadurch einen Streifzug durch die gesamte Geschichte der Superhelden unternehmen kann. Passend dazu werden die Rückblenden ganz im Stile der jeweiligen Epoche, inklusive nachempfundener Cover, gezeichnet. Auch die Stories haben den passenden Ton. Das ist mal eine liebevolle Parodie wie etwa die Verballhornungen von Krypto (Supermans Hund) und Bathund, da Radar, der Supremehund, durchaus sprechen kann und für einigen Witz sorgt. Somit bekommt der Leser nicht nur nostalgische Abenteuer, sondern auch eine Parodie auf alles, was zu der jeweiligen Zeit lächerlich war. Vor allem die Sprache parodiert mit einem inflationären Gebrauch von Alliterationen die Dialoge der Helden (etwa „Tochter der Tugend“ oder „Bezwinger des Bizarren“).

Seite aus Supreme – The Story of the YearAber auch die Krisen kommen zur Sprache. Als etwa in den 1950er Jahren die Horrorcomics des EC-Verlages von William Gaines die Comiclandschaft veränderten, wirkten die Superhelden, die in albernen Science-Fiction-Stories verharrten, vergleichsweise altbacken. Hier nutzt Moore, in Anspielung auf die drei Geister der Weihnacht aus Charles Dickens‘ berühmter Erzählung, drei „Cryptkeeper“ wie aus den EC-Comics, um die Helden einer Allianz wie der Justice League nach Gainesville (!) zu führen und sie dort mit den gesellschaftlichen Veränderungen zu konfrontieren. Die Helden müssen erkennen, dass die Zeiten komplexer geworden sind als noch zu Kriegstagen und sie nicht gegen Drogen, Rassismus, verlorene Tugenden und wandelnde Moralvorstellung antreten können. In der Konsequenz löst sich diese Allianz der Superhelden auf!

Alan Moore hat mit seinem Run für Supreme also einen einzigen großen, äußerst vielschichtigen Metatext über Superheldencomics, ihre Geschichte, deren Einflüsse und ihr Verlagswesen geschaffen. Insofern ist diese Strecke ein Pendant zu Watchmen, aber mit einem großen Unterschied. Schilderte Watchmen die Zukunft der Helden, so ist Supreme eine Bestandsaufnahme und eine Reise in die Vergangenheit. Auf jeder Seite sind Verweise zu entdecken, deren Aufschlüsselung und Bezüge ein ganzes Buch füllen könnten. Das dürfte vor allem Leser ansprechen, die sich in der Welt der Superhelden etwas auskennen und auch vergangene Epochen vor Augen haben. Aufgrund des Humors und der Action kann man die Bände aber auch für Neueinsteiger empfehlen, die sie jedoch aufgrund des jeweils zitierten Stils manchmal als etwas altbacken empfinden könnten. Woran sie allerdings selbst schuld wären, denn diese Storyline von Alan Moore untermauert mehr als deutlich seinen Status. Diese beiden Bände sind durchweg genial zu nennen.

Wertung10 von 10 Punkten

Ein Geniestreich von Alan Moore, ein einziger Metatext über die Geschichte der Superhelden

 

Supreme: The Story of the Year
Nona Arte, August 2011
Text: Alan Moore
152/168 Seiten, farbig, Softcover
Preis: je 19,50 Euro

Band 1
Juli 2011
Zeichnungen: Joe Bennett, Richard Horie, J.J. Bennett, J. Morrigan, Rick Veitch, Keith Giffen, Dan Jurgens

ISBN: 978-88-97062-10-3

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Band 2
August 2011
Zeichnungen: Mark Pajarillo, J. Morrigan, Rick Veitch, Chris Sprouse, Norm Rapmund, Jim Mooney, Al Gordon

ISBN: 978-88-97062-11-0

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Abbildungen aus der US-Ausgabe, © Checker Books Publishing

 

Disclosure/Offenlegung: Die deutsche Ausgabe von Supreme – The Story of the Year wurde von CG-Redakteur Marc-Oliver Frisch übersetzt.

Asterios Polyp

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aterios1Ein Unwetter zieht auf. Unrasiert und deprimiert liegt Asterios Polyp in seinem Bett in einem schmuddeligen Apartment. Plötzlich kracht es fürchterlich, ein Blitz hat eingeschlagen und brennt das Zuhaue des 50-jährigen, desillusionierten Architekten nieder. Ohne Obdach und vom Regen durchnässt kauft sich Asterios vom letzten Bargeld ein Busticket in die Kleinstadt Apogee.

Es ist ein Neustart, eine tour de force hin zu einem besseren Ich. Statt Vorlesungen als Architekturprofessor zu halten, heuert er in einer Autowerkstatt an und wohnt bei seinem neuen Chef und dessen Frau.

Dazu muss man wissen, dass Asterios Polyp in seinem früheren Beruf zwar hoch angesehen, aber letztlich recht erfolglos war. Nicht einer seiner Entwürfe wurde jemals realisiert. Vor der Midlife-Crisis, bevor ihn seine Frau verlassen hat und seine Wohnung abgebrannt ist, konnte man ihn mit Fug und Recht als egozentrischen, arroganten Mistkerl bezeichnen, der niemandem außer sich selbst im Rampenlicht duldete. Doch das war, wie erwähnt, vor seinem Ausbruch aus der Großstadt und nach dem Niedergang seines alten Lebens.

Den Weg dorthin dokumentiert Autor David Mazzucchelli über Rückblenden. Er setzt stilistische Fragmente aus dem Leben des Mannes mit dem merkwürdigen Namen und dem markanten Profil zu einem symbolschwangeren Arrangement zusammen. Mazzucchellis Aufarbeitung der Vergangenheit des Titelhelden ist ein intellektuelles Gemetzel aus Illusion, Kunst, Farbenspiel, Mythologie und architektonischen Versatzstücken. Ein mitunter wirres und nicht ganz so leicht zu dekodierendes Unterfangen für den Leser.

Dazu kommt, dass der Künstler mit seinem Buch eine optische Explosion auf die Comicwelt loslässt. Ein Umstand, der beim ersten Durchblättern nicht auffällt, aber garantiert bei der genaueren Lektüre. Akribisch exploriert er grafische Stile, schiebt wissenschaftliche Exkurse ein, lässt Asterios‘ verstorbenen Zwillingbruder Ignazio als geisterhafte Hülle durch die Bilder wandern.

asterios2Mazzucchellis Detailbesessenheit geht sogar so weit, dass er für jede Figur eine eigene Schriftart und dazu passend gleich eine eigene Sprechblasenform entwickelt hat. Und auch die Verwendung der weitflächigen Farben (zumeist gelb, blau oder rot) spielt hier eine Rolle, da deren Verbindung zu den Figuren und den Schauplätzen von symbolischer Bedeutung ist.

Kein Wunder also, dass Mazzucchelli nach zehn Jahren Arbeit an dem Werk und aufgrund seiner perfektionistischen Ader auch Bedingungen an die Verleger ausländischer Lizenzausgaben stellte. Unter anderem musste das Buch äußerlich exakt der amerikanischen Vorlage entsprechen, es musste auf japanischem Recyclingpapier und aufwendig mit unüblichen Sonderfarben gedruckt werden und auch die übersetzten Texte wurden vom Autor persönlich auf ihren individuell korrekten Stil hin kontrolliert. Mehr zu diesem Thema erläutert der deutsche Lizenznehmer Eichborn in seinem Blog.

Mehrere Eisner- und Harvey-Awards sowie ein Spezialpreis der Jury in Angoulême sprechen für sich. Und auch Kritiker und Journalisten sämtlicher Feuilletons überschlagen sich geradezu und würdigen Asterios Polyp als absolutes Meisterwerk der Comichistorie.

Nach dem Lesen des umfangreichen Bandes kann ich diese Meinungen einerseits nachvollziehen, möchte die Euphorie aber ein wenig einschränken: Keine Frage, Asterios Polyp ist ein sehr guter Comic mit vielen innovativen Ideen. Blendet man diese jedoch für kurze Zeit aus, verbirgt sich dahinter eine relativ profane Handlung: ein Mann, der sein Leben bereut und seiner großen Liebe nachtrauert. Und diese in der Gegenwart ablaufende Ebene der Erzählung lässt mich am Ende, nüchtern betrachtet, unbefriedigt zurück.

Dennoch bleibt zu hoffen, dass man auf das nächste abgeschlossene Projekt von David Mazzucchelli nicht erneut so viele Jahre warten muss.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Einzigartiger Comic, der die grafischen Grenzen auszuloten versucht

 

Asterios Polyp
Eichborn Verlag, August 2011
Text und Zeichnungen: David Mazzucchelli
344 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 29,95 Euro
ISBN: 9783821861302

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Abbildungen: © David Mazzuchelli, der dt. Ausgabe: Eichborn