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Der alltägliche Kampf 2

Die Nummer 1 von Manu Larcenets „Der alltägliche Kampf“ wurde schon sehr viel gelobt. Zu Recht. Die Reihe des Franzosen entpuppte sich als einfühlsames Melodram mit einer leicht nörgelnden, doch sympathischen Hauptfigur.

Bei diesem handelt es sich um den knubbelnäsigen Fotografen Marco, der zwischen Angstattacken und Depressionen in einer tiefen Lebenskrise steckt. Am Ende von Band 1 lässt Larcenet seiner Figur Marco scheinbar wieder ein wenig Glück zukommen, eine erfreuliche Perspektive, etwas Mut. Sprich, Marco findet seine Traumfrau. Doch noch kommt er nicht zur Ruhe, zu selbstzweifelnd ist Marco immer noch, über zu viele Dinge muss er sich noch Gedanken machen. Denn das Leben ist und bleibt ein alltäglicher Kampf und bietet genug Stoff für einen zweiten Band.

Glücklicherweise liefert uns Reprodukt diesen Nachfolger mit dem Untertitel „Belanglosigkeiten“ recht schnell. Und auch dabei wird man als Leser nicht enttäuscht werden, der Comic bietet dasselbe Ambiente wie zuvor und hinterlässt einen wunderbaren Eindruck. Marco wird eingeladen, seine Bilder zusammen mit Fabrice Blanc, einem seiner Vorbilder, auszustellen. Doch Marco ist nicht zufrieden, gleichsam nagt der Gesundheitszustand seines Vaters und der Druck der Wohnungssuche zusammen mit seiner Freundin an ihm. Marco ist unschlüssig, wie er auf diese Dinge reagieren soll, bis ihm schließlich bewusst wird, dass man das Leben genießen sollte und auch die unangenehmen Dinge, die dazugehören, akzeptieren muss.

Diese unheimlich melancholische Erzählweise, die wachsende Selbsterkenntnis des Protagonisten, die Manu Larcenet mit „Der alltägliche Kampf“ vorzuweisen vermag, ist traumhaft. Und obwohl auch hin und wieder humorige Szenen vorkommen und die Personen nicht immer ganz realistisch gezeichnet sind, gelingt es dem Künstler, ein ordentliches Mischverhältnis beizubehalten, das gleichsam berührt wie amüsiert.
Ein erstklassiger Comic mit einer tiefgründigen Geschichte und herrlichen Bildern.

Der alltägliche Kampf 2: Belanglosigkeiten

Reprodukt
Autor/Zeichner: Manu Larcenet
64 Seiten; 13,- €

französisches Glanzstück

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Blotch #1

So muss das sein! Man hat Spaß am Comiczeichnen, sammelt Freunde um sich herum, kratzt Geld zusammen und veröffentlicht einfach mal die Nr. 1 seiner eigenen Comicreihe, anstatt nur davon zu träumen.
Kompliment!

Gabor Racsmany ist der Hauptverantwortliche bei Blotch. Er zeichnet sich unter anderem für die grafische Umsetzung von Elmar Vogts Ideen verantwortlich. Von ihm gibt es drei einseitige Cartoons, eine mit vier Seiten abgeschlossene ernste Geschichte aus dem Mittelalter (“Miséricorde“), und den ersten Teil von „Karamagic“, als Manga verpackt. Das alles ergibt eine sehr abwechslungsreiche Mischung.
Obwohl „Karamagic“ den Hauptteil dieses Hefts ausmacht, ist sie für mich die schwächste Geschichte. Inhaltlich kommen so einige Klischees zusammen (zwei clevere Schüler retten die Welt…), und Gabor scheint nicht wirklich mit dem klarzukommen, was für ihn den Mangazeichenstil ausmacht. Die Zeichnungen sind nicht wirklich schlecht, aber die Umsetzung der Figuren wirkt des öfteren unausgegoren und aufgesetzt. Besser wird es schon beim realistisch angehauchten “Miséricorde“ (das im Gegensatz zu „Karamagic“ angenehm ernst daherkommt), wobei aber bei beiden Stilen die öfters verzogenen Gesichter eines der Mankos darstellen. Schade ist auch, dass es so gut wie keine Hintergründe gibt, die den Bildern etwas mehr Tiefe hätten verleihen können. Deutlich wohler scheint sich Gabor Racsmany dann bei den Cartoons zu fühlen. Die Zeichnungen kommen entspannt, charmant und stimmig daher, wobei die Pointen einen nicht unbedingt vom Hocker reißen können.

Mein Highlight des Hefts habe ich bis jetzt unterschlagen: Walter „Ghepetto“ Pfau liefert mit „In uns“ eine nachdenkliche Geschichte mit interessanten Perspektiven und reduzierten, schön lebendig getuschten Zeichnungen im Graffitistil ab. Bis auf die mir persönlich arg zu dicken Augenbrauen der Damen einen Riesendaumen hoch für die grafische Umsetzung!

Ich bin gespannt, was uns der bald erscheinende zweite Band zu bieten hat. Der Grundstein ist gelegt, und die Basis erscheint solide. Jetzt gilt es, darauf aufzubauen.

Auf jeden Fall meinen Respekt, dass hier einfach so aus Spaß an der Freude ein Projekt mit viel Fleiß angefangen und offenkundig auch weitergeführt wird.
Viel Erfolg!

Mehr über Blotch (Macher, Downloads, Skizzenbuch, Zeichenkurs, Bestellmöglichkeiten) gibt es übrigens auf der offiziellen Website.
Und bei INKplosion (Info > News > 01.08.05) gibt es ganz aktuell ein interessantes Interview mit Gabor Racsmany.

Blotch #1
Gabor Racsmany, Autor Elmar Vogt und Walter „Ghepetto“ Pfau
48 s/w Seiten; 6,- Euro
Website:
www.blotch.de

Usagi Yojimbo #14

usagi_14.jpg“Usagi Yojimbo“ ist eine Comicserie, die nur schwer einzuordnen ist. Die dort beschriebene Welt wird von sich wie Menschen verhaltenden Tieren bevölkert, dementsprechend ist Usagi selbst auch ein Hase und sein bester Freund ein Nashorn.

Und nicht nur diese beiden leben in Stan Sakais Comic mitunter von ihren witzigen Dialogen. Dass Sakais Werk nicht zu sehr in den Bereich der Funnies abdriftet, verdankt es dem brillant inszenierten Hintergrund, vor dem die Personen dann doch ernsthaft und so menschlich wie nur möglich agieren können. „Usagi Yojimbo“ erinnert mich in manchen Szenen an Dave Sims Mammutprojekt „Cerebus“, in manch anderen fühle ich mich dann wiederum wie in einem Sketch von Sergio Aragones. Hört sich unvereinbar an, trotzdem funktioniert es hier, ohne zu arg gekünstelt oder gar abgekupfert zu wirken. Scheinbar mit Leichtigkeit erschafft  Sakai ein kleines Samurai-Epos, das als solches einfach glaubhaft wirkt, auch wenn der Held ein Fell, lange Ohren und hervorstehende Zähne hat.

Die Geschichten um den umherwandernden Ronin Usagi präsentieren sich in dem nun beim Schwarzen Turm vorliegenden 14. Band abwechslungsreich. Zuerst gibt es einen Dreiteiler, in dem Usagi ein Dorf gegen Ninjas verteidigt. Besonderer Clou ist hierbei das Team-Up mit den allseits beliebten Teenage Mutant Ninja Turtles. Eine schöne Geschichte, in der Sakai die Charaktere mit ein paar Seitenhieben und viel Charme aufeinander reagieren lässt. Dann kommt ein Fill-In, der ohne viel Worte auskommt und Panel für Panel aus ein und derselben Perspektive erzählt wird. Interessant ist dabei, was im Hintergrund in der dargestellten Zeitspanne vor sich geht. Schließlich sehen wir am Ende des Bandes noch den Beginn eines Mehrteilers, der konzeptionell  dem vorherigen mit den Turtles gar nicht so unähnlich zu sein scheint. Auch hier spielt Usagis Drang nach Befreiung eines tyrannisierten fernöstlichen Dorfes eine Rolle.

Alles in allem ist auch Band 14 mehr als kurzweilig und beweist zeichnerisch wie inhaltlich mal wieder eine ganz eigene Art der Comicerzählung. Nicht bierernst, aber schon gar nicht kindisch, der lockere und flüssige Genuss eines Stan Sakai-Comics eben.

Usagi Yojimbo #14
Schwarzer Turm
Text und Zeichnungen: Stan Sakai
116 Seiten; 12€
Indie-Klassiker
 

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Eagle (Band 1 bis 11)

Hunter S. Thompson hat die Natur von Präsidentschaftswahlen einmal als „von Grund auf bösartig“ bezeichnet, gleichzeitig aber anerkannt, dass sie auch eine „wilde und aufregende Zeit für Politikjunkies“ seien. Das ist eine Position, die ich vollkommen teile. Präsidentschaftswahlen sind in der Realität dermaßen spannend und dreckig, dass es schwer ist, eine ähnliche Dramatik in einer fiktiven Geschichte zu schaffen. Genau dies versucht Kaiji Kawaguchi allerdings in den 11 Eagle-Bänden.

Im Kern der Geschichte steht Takeshi Jo, ein kleiner Journalist für eine japanische Tageszeitung, der erfährt, dass der japanischstämmige US-Präsidentschaftskandidat Kenneth Yamaoka sein Vater ist. Er beginnt, Yamaoka im Wahlkampf zu begleiten, verliebt sich in dessen Adoptivtochter und muss außerdem herausfinden, was es mit dem Selbstmord seiner Mutter auf sich hat.

Jo ist ein eher schwachbrüstiger Hauptcharakter, der mir persönlich zu selbstmitleidig ist. Das scheint Herr Kawaguchi auch so gesehen zu haben, denn nach wenigen Bänden Eagle beginnt Jo mehr und mehr im Hintergrund zu verschwinden, und der Fokus wird stärker auf Senator Yamaoka gelegt.

Das Familiendrama funktioniert manchmal, an anderen Stellen wirkt es aber einfach nur künstlich. Und genau das kann man auch über die politischen Teile von Eagle sagen. Es gab Kapitel, bei denen ich wirklich gepackt wurde: Nach einem rassistischen Übergriff der Polizei wird die Unterstützung des afro-amerikanischen Bürgermeisters von New York plötzlich für die angehenden Kandidaten unglaublich wichtig. Was dieser natürlich weiß und zu seinem eigenen Vorteil ausschlachten möchte. In Szenen wie dieser oder in den Szenen, in der der amtierende Präsident versucht, seine Ehefrau für eine zukünftige Präsidentschaftskandidatur zu postieren, ist Eagle dann ein wirklich fesselndes Stück politischer Fiktion.

Leider wird das Ganze an anderer Stelle wieder ausgehebelt. Dass die noch amtierende First Family die Namen Bill und Ellery Clyton und der amtierende Vizepräsident den Namen Al Nore tragen, fand ich irgendwie störend. Figuren nach realen Charakteren zu modellieren ist eine Sache, aber wenn man ihnen dann auch noch derart ähnliche Namen gibt, dann wirkt das schon ein wenig kindisch. Zudem merkt man dem Comic sein Alter an. Die Politik, die Yamaoka vertritt, muss schon 2000 schwer zu schlucken gewesen sein. In Zeiten, in denen islamistischer Terrorismus zum Alltag gehört, in denen Asien sich zum Pulverfass entwickelt, und in Zeiten in denen ein Karl Rove und ein Dick Cheney die politischen Geschicke der USA leiten, wirkt die Politik Yamaokas leider komplett unglaubwürdig.

Wenn man erlebt hat, wie in den USA aus Senator John Kerry ein unwählbarer Liberaler gemacht wurde, dann erscheint es doch mehr als optimistisch, dass Yamaoka die Farmer in Texas mit einer einzigen Rede davon überzeugen kann, dass Waffenkontrolle nötig und ein geringeres Budget fürs Pentagon angemessen sei. Oder dass ihm ein ein uneheliches Kind angehängt wird, aber weder die Presse noch die Konkurrenz diese Affäre nach ihrer Aufklärung weiterhin gegen den Kandidaten Yamaoka verwenden. (Man vergleiche in der Realität den Skandal um John McCains „uneheliches Kind“.) Solche Situationen gibt es einfach zu häufig: Problem taucht auf, wird in einer flammenden Rede gelöst, und alle schlucken es. Das ist mir auf Dauer einfach zu simpel.

Das viel gelobte Insiderwissen von Herrn Kawaguchi kann ich in diesen Situationen nicht entdecken. Es ist ehrenwert, dass er allen seinen Figuren unterstellt, sie würden mehr oder weniger moralisch handeln, aber es passt nicht zur Realität von Präsidentschaftskampagnen. Insgesamt scheinen mir die politischen Details doch eher Oberflächenschmuck zu sein. Der Begriff „scorps“ für das Pressekorps ist, meines Wissens nach, kein klassischer Politikslang, sondern erst in Joe Kleins Primary Colors eingeführt worden. Hier kann ich mich aber auch irren.

Eines der schwerwiegenderen Probleme bei Eagle ist, dass es außer Yamaoka eigentlich kaum wirklich ernstzunehmende Charakter gibt. Sein Hauptkonkurrent Al Nore geht in diese Richtung, aber ansonsten fällt es schwer, wirkliche Tiefe in den Figuren zu entdecken. Das nimmt dem Drama ein wenig die Spannung. Besonders, wenn es in den letzten Bänden zum Duell zwischen Yamaoka und seinem republikanischen Konkurrenten Grant kommt, fällt auf, dass der eigentliche Wahlkampf viel zu kurz abgehandelt wird (gut drei Viertel der Serie drehen sich um die demokratischen Vorwahlen) und dass es Grant einfach an Charakter mangelt (erwarteter Kalauer: wie bei jedem guten Politiker). Dementsprechend ist das Duell zwischen den beiden Kandidaten nicht wirklich packend. Außerdem driftet man in den letzten anderthalb Bänden von der Politik weg und wendet sich einem Murder Mystery zu, was nicht unbedingt nötig gewesen wäre, nachdem zu dem Zeitpunkt schon die Politik und nicht mehr Takashi Jo im Mittelpunkt stand.

Unterm Strich ist Eagle sicher die beste Politikserie, die ich in Comicform kenne, aber als Konkurrenz fiele mir auch nur das frühe Transmetropolitan und der (sehr wohl lesenswerte) Superheldenbastard Ex Machina ein. Wenn sich Eagle mit politischer Fiktion wie etwa den ersten drei Staffeln von The West Wing oder mit Wag the Dog messen muss, dann sieht es schon schlechter aus. Da ist die Serie dann im Vergleich doch zu nett, zu optimistisch und zu oberflächlich. Und an die Dramatik einer realen Wahl kommt sie auch nie wirklich heran. Wenn man seine Dosis Politik unbedingt in Comicform haben möchte, dann ist Eagle – trotz, oder vielleicht auch weil es nicht zu tief geht – keine allzu schlechte Wahl. Ansonsten würde ich eher zu realen Wahlpublikation raten, zur Newsweek Campaign Edition 2004, zu James Carvilles und Mary Matalins All's Fair oder zu Thompsons Fear & Loathing on the Campaign Trail '72. Denn das Ziel, die Dramatik einer realen Wahl einzufangen, hat Kawaguchi leider nicht erreicht. Vielleicht ist es 2008 an der Zeit, dass ein echter Comicjournalist von den realen US-Präsidentschaftswahlen berichtet.

Eagle 1 bis 11
Ehapa Manga & Anime
Text und Zeichnungen: Kaiji Kawaguchi
pro Band: ca. 215 Seiten; 6,50 Euro

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Orang 5

Eine zweite Rezension von Christopher Strunz findet Ihr weiter unten.

Benjamin Vogt:

Eine für mich überraschend positiv gelungene Anthologie präsentiert sich uns in der mit einem ansprechend bilderbuchartigen Cover von Nele Kehrwieder bedachten frisch erschienenen Ausgabe des Hamburger Comicmagazins „Orang“.

Ein Dutzend Künstler durften sich dort diesmal zum Thema Interieur/Exterieur auslassen und die Vorgabe weitläufig und größzügig umsetzen. Neben einigen bekannten und noch nicht so bekannten einheimischen Künstlern geben sich sogar je ein Zeichner aus China, Italien und der Schweiz ein Stelldichein in dem 112 Seiten starken quadratischen Band. Die Palette der durchgängig schwarz-weißen Geschichten umfasst ein breites Spektrum und reicht somit von Bildergeschichten über realistische Landschaften, symbolbehaftete Storys bis hin zum Vorstadtliebesdrama. Bemerkenswert auch die Zeichenstile, die unterschiedlicher kaum sein könnten: cartoonhaft, malerisch, skizzenhaft, abstrakt. Hierbei sieht man auch den Vertretern aus dem Ausland nicht immer deren Herkunft an, was des öfteren für belebende Beiträge innerhalb der Sammlung führt. Meine beiden Favoriten des insgesamt qualitativ sehr hoch anzusiedelnden Samplers von Orang 5 sind zum einen Anke Feuchtenbergers „Berliner Zimmer“, sozusagen eine poetische Bleistift-Großstadtmär in Berliner Dialekt (wundervoll), sowie Pascal Bohrs „Das Liebesleben der Insekten“, welches scheinbar ein hintergründiges, aber zusammenhanglos wirkendes Bilderrätsel darstellen soll. Bei letzterem versuche ich auch jetzt noch, hinter den genauen Sinn zu kommen, was entweder dafür spricht, dass Pascal sein Ziel erreicht hat, oder ich nicht besonders helle bin. Auf jeden Fall finde ich derlei innovative Ideen witzig und interessant.

Und da Orang 5 zu einem nicht zu verachtenden Teil nicht rein deutsch, sondern international ist, wurden alle Comics darin in ihrer Originalsprache abgedruckt. Allerdings gibt es am unteren Bildrand immer die jeweilige Übersetzung, nicht nur ins Deutsche, auch die deutschen Beiträge lesen sich wahlweise in englischer Sprache. Somit steht dem Lesegenuss dieses äußerst ansprechendenden Comicmagazins nichts mehr im Wege.

kleines Prunkstück

Christopher Strunz (05.06.2006):

Wie ein böser Traum etwas Gutes hat

Das Magazin „Orang“ zeigt völlig seltsame Comic-Strips. Es überrascht, dass sie sehr gut sind.

Anke Feuchtenberger ist in der Welt der Comics ein Name. Sie steht für Bildergeschichten, die surreale Qualitäten über Weiblichkeit und Adoleszenz entfalten. Feuchtenberger arbeitet an einer Schnittstelle zwischen Kunstakademie und Kulturindustrie, für ihren Fall nicht Rundfunk, Popmusik, Fernsehen oder Literaturmarkt, sondern Comicindustrie.
Für das israelische Comic-Kollektiv Actus Tragicus hat sie als Gast die graphic novella „The Crossing“ und die Kurzgeschichte „Old Rose“ produziert. Andere Publikationen von ihr kann man auf www.feuchtenbergerowa.de angucken oder genauso gut „Wenn mein Hund stirbt mach ich mir eine Jacke“ lesen.  
 
An der Schnittstelle zu werkeln heißt, dass sie als Lehrende an der Akademie der bildenden Künste in Hamburg tätig ist sowie als Autorin von eigenen Geschichten, Übersetzerin und Organisatorin von Anthologien und Magazinen – wie Orang. Sie ist nicht die Herausgeberin, sorgt aber mit ihrem Namen in der Redaktion, als Übersetzerin und Autorin dafür, dass der Stoff bekannter wird.
Man kann erwarten, dass einige Comicleser Feuchtenberger kennen und auf sie stehen. Aber wer in Hamburg, Köln, Bayreuth, München oder Freiburg im Breisgau hat schon den fantastischen Yan Cong, den schaurig abgründigen Pascal D. Bohr oder die unheimliche Amanda Vähämäki gelesen?

Als Herausgeber von Orang No. 5 „Interieur/Exterieur“ zeichnet sich ebenjener Bohr aus. Es gibt kein erklärendes Vorwort, keine heranpirschende Einleitung, keinen erläuternden Klappentext…

Stopp, doch, den gibt es! Es ist das Cover von Nele Kehrwieder, das eine Frau in der Küche bei der Hausarbeit zeigt. Sie rührt Brei oder Teig. Aus dem Radio kommt rosafarbene Liebesmusik mit Herzen, auf ihrer Schulter sitzt ein grüner Vogel und singt eine Note, im Ofen backt ein Kuchen, auf dem Herd dampft ein Topf voll Wasser, aus dem Kühlschrank kommt ein Fisch auf die mit ausgestreckter Zunge dasitzende Katze zu und durch das Fenster fliegt ein orangefarbener Vogel hinein. Ein roter Vogel sitzt im Käfig, ein grüner Vogel scheint einem Ei entsprungen zu sein und pickt auf der Arbeitsfläche der Frau Krümel auf. Die Frau hat eine Spüle mit zwei Waschbecken. Es könnte sein, dass sie jüdisch ist, denn jüdische Familien benutzen im Haushalt oft solche Spülen für die Trennung von milchigen und fleischigen Speisen, soviel ich weiß.
Die Hausfrau in der Küche. Das wirkt schlicht traditionell kleinbürgerlich, was die selbstverständliche Arbeit der modernen Frau betrifft, wären auf dem Bild nicht die vier Vögel, drei sogar frei, der sich selbstständig machende Fisch und die für eine deutsche Publikation ungewöhnliche Spüle mit zwei Waschbecken. Okay, die gibt es auch in normalen Kneipen für Biergläser. Aber nicht in deutschen Küchen!
Bis auf die kurzen biographischen Angaben zu den Autoren ist das der konsequent visuelle Umschlag der Geschichten. „Orang. Comic Magazin No. 5 Juli 2005. Interieur/Exterieur“.

Von der in warmen Farben gehaltenen Einladung in die Küche geht es zum ersten und, wie ich finde, besten Strip im ganzen Magazin, Yan Congs „Lazybones“. Darum stelle ich ihn im Besonderen vor. Yan Cong wurde 1982 in Zhijang, China, geboren. Er studiert jetzt an der Central Academy of Fine Arts in Beijing und steht auf die folkloristische und traditionelle Kunst Chinas und anderer Länder. Soweit die biographische Einleitung.
„Lazybones“ fängt damit an, wie ein kindlicher Teenager mit Punkfrisur und coolem T-Shirt in seinem Zimmer einschläft und auf sein Bett fällt. Man könnte meinen, jetzt wird der Traum des Eingeschlafenen erzählt. Die narrative Entwicklung der Geschichte zeigt, dass diese Annahme kontrolliert unterlaufen wird.
Im Traum befindet er sich vor einer chinesischen Gebirgslandschaft, im Stil von folkloristischen Darstellungen mit extrem runden Hügeln, die man manchmal in asiatischen Imbissbuden zu sehen bekommt. Davor sind lauter schwarze Vögel, sowie eine Art Wolken mit Tropfen und Punkten darin, wie Regen und Schnee. Im nächsten Bild kommt Licht durch das Zimmerfenster und man sieht wie der Teenager, „Lazybones“, im darauf folgenden Panel erwachend auf der Kante seines Betts sitzt. Er sieht stark verändert aus, weil er plötzlich lange helle Haare und einen Bart bekommen hat. Er schaut mürrisch zur Seite und ruft aus: „Grown old!“, geht zum Fenster und zur Tür seiner Wohnung und freut sich lächelnd über den Sonnenschein.
Draußen sitzen auf den Ästen eines Baumes zwei identisch aussehende Figuren mit nacktem Oberkörper, schwarzer Hose und Hähnchenköpfen. Sie rufen dem Teenager zu und fordern ihn auf, zu ihnen auf den Baum hochzuklettern. Er tut es und sie geben ihm einen Apfel mit einem Wurm darin! Vom Hochsitz des Baumes kann Lazybones sehen, wie seine Eltern als junge Leute ihr Haus verlassen. Sie gehen um den Baum, sehen den Ball ihres Jungen im Hauseingang, weinen und sind traurig, weil sie ihren Sohn nicht finden können. Man kann sehen, wie die Eltern in einer schnellen Folge von Panels von jungen Leuten zu einem middle aged Ehepaar und letztlich alten Menschen werden.  Einer der Hähnchenmänner sagt Lazybones, dass es kein zweites Seil gibt, mit dem seine Eltern auf diesen Baum kommen könnten. Also springt er vom Baum und läuft zum offenen Haus, wo er seine alten Eltern beobachtet, die ihn als toten kindlichen Teenager, auf dem Bett liegend, mit dem Aussehen des ersten Panels beweinen. Der alt gewordene langhaarige Teenager Lazybones muss auch weinen, als er seine Eltern traurig und sich tot sieht. Das letzte Bild der Geschichte zeigt, wie die zwei geheimnisvollen Hähnchenmänner auf einer Wiese an einem Bach stehen und gerade einen Apfel in das fließende Wasser geben.
Wahrscheinlich ist der junge Mann gestorben. Er hat Selbstmord begangen oder die falsche Dosis halluzinogene Drogen genommen. Der Leser könnte in dieser Interpretation den psychischen Todeskampf als ein Gleichnis lesen. Der Teenager stirbt, während er in der zunächst angenehmen Welt seines Traumes diese unwirklich unheimlichen Hähnchenmänner trifft und das Älterwerden seiner Eltern schnell an ihm vorbeigleitet. Es heißt oft, daß es das eigene Leben ist, was vor dem inneren Auge schnellt, wenn man meint zu sterben. Das ist in dieser Geschichte nicht der Fall. Ich interpretiere das Ganze so, dass sich der rotbäckige junge Mann mit der modernen Punkfrisur das Leben genommen hat. Soviel Negativität muss sein und lässt der Strip zu. Es geht um eine unheimliche teenage suicide Zwischenwelt, die an den melancholischen Strukturen, die sie zwischen Eltern und Kind vorführt, die traditionelle chinesische Gesellschaft treffen soll. Darum die folkloristisch asiatische Ikonographie und der spielerische Horror von Menschen mit Hähnchenköpfen, die man sonst vielleicht von den Schreckensfiguren im „Jüngsten Gericht“ des Hieronymus Bosch kennt. Es ist eine teenage hell im China der Gegenwart von der hier eindringlich, fantastisch gezeichnet, in einer gelassenen und dennoch entsetzlichen Bildersprache erzählt wird.
Yan Cong, bitte merken!

Von einer Frau, die alleine in einer ihr vertrauten Wohnung ankommt und wie nach einem Meeting oder einer Party fragt „Wo sind denn alle?“ erzählt „Interlude“ von Verena Braun. Die Wohnung ist voller Bücher, in Regalen und auf Stapeln. Sie ist schrecklich genervt von dem fürchterlichen Chaos in der unaufgeräumten Wohnung, „Wie sieht’s hier überhaupt aus!“, „Als hätte der Blitz eingeschlagen.“ Sie blättert in einem Text und liest „Ach Mist – ist ja alles auf italienisch.“ „Zum Kotzen.“ Plötzlich tritt eine Hausfrau mit dem Aussehen des bösen Wolfes und einem Staubsauger ein. „MÖÖÖÖ!!“ macht die Maschine. Die Wolfshausfrau trägt eine Brille. Sie sagt der ersten Frau, dass die Geschichte schon lange aus sei und sie jetzt den Dreck weg machen darf, „Ein Sauhaufen ist das!“
Die genaue und gewissenhaft arbeitende Dienstleistende saugt sodann, während sie mit der jüngeren Frau spricht, alles weg, Bücherregale, das ganze Interieur der Wohnung und somit des gewohnten Bildes, in dem die Protagonistin angekommen ist. Der Hintergrund wird hellgrau und zuletzt saugt sie sich selbst auf und meint „Ordnung ist das halbe Leben, min Deern.“ „Au Mann.“ sagt die jüngere Frau, nimmt das Gerät in die Hand und wird prompt aufgesaugt. Sie sitzt plötzlich in einem Park auf einer Bank und auf der nächsten sitzt die Wolfshausfrau. „Schätzchen!“, „Du spionierst mir doch nicht nach?“, „Was – hä? Nein!!“, „Gut.“
Ende. Verena Braun hat damit einen Comic Strip geschrieben, der zeigt, wie man im Kopf zwischen Buchdeckeln befangen und allein sein kann und durch den Comic, ein eigenständig visuell erzählendes Medium, die Welt in anderen Schemen intellektuell, so dass es etwas mit einem anstellt, wahrzunehmen. Schlau.

Amanda Vähämäkis Comicstrip „Le preoccupazioni di un padre di famiglia“ ist unheimlich, weil er die vertraute Umgebung eines jungen Mannes, der in den Bergen wohnt, „un padre di famiglia“, als etwas Abgründiges zeigt. „The cares of a family man“, wie der Titel auf Englisch übersetzt heißt, zeigt einen unrasierten Mann mit Brille, HipHop-Wintermütze, Handschuhen, einer klobigen Tasche und T-Shirt, der seine Wohnung am Hang mit den Worten (übersetzt) aufschließt „Recently, I got the impression that this house doesn’t belong to me anymore.“ Der schwarz-weiße Vogel mit spitzem Schnabel in der Mitte des zweiten Panels kommentiert diese Bildunterschrift mit „Ha Ha Ha“.  Der Mann hat auf dem Markt Katzen und Mäuse, die wie helle Ratten aussehen, gekauft. Er kündigt an, etwas mit den Tieren vor zu haben. Er lässt sie dann aber allein, weil sie ja Tiere sind und setzt sich mit verschränkten Armen in seine Abstellkammer und wartet. Diese „Ankündigung“ kann als Teil eines Monologes verstanden werden. Es gibt bis dahin keine Sprechblasen in der Geschichte.  „Oh No“ sind die ersten Wörter von ihm im Bild. Die Tür geht auf. Von den ist nur noch eine fette Ratte da, welche die Lebewesen gefressen zu haben scheint. Sie redet mit dem Mann. Er sagt, dass es ihn ekelt, sie als Haustier zu halten, doch sie schmiegt sich ihm an und sagt „You have to“ und „I’m not the only pet you’ve got, don’t you remember?“ Das ist richtig, denn in seinem überfluteten Bad schwimmen lauter Kaulquappen und ein sehr großer Frosch guckt ihn aus dem Klo an. Es gibt auch einen Fuchs und ein Vogelnest mit Eiern in seinem plattformartigen Appartement am Rand der Berge. Der ungepflegt Aussehende schaut in den Badezimmerspiegel und entscheidet sich, nach draußen in eine einfache Bar zu gehen, wobei die dicke Ratte ihn an der Haustür theatralisch, wie die besorgte Ehefrau aus der Familienserie, fragt, warum er sie verließe und dass sie wisse, wohin er gehe.
In der Kneipe erzählt ihm der Barkeeper, dass er noch nicht einmal hier sicher sei, weil ein schwarzes Tier draußen in der Nacht umgeht. Man sieht, wie das Tier, was wie ein dunkler Fuchs aussieht, in des Mannes Abstellkammer die Eier aus dem Vogelnest schlürft.
Es sind Sätze und Szenen, die aus Klischees bestehen. Es könnte nur für zwei Panels das Zitat irgendeines Edgar-Allan-Poe-Movies sein. Es könnte sich um „Die Lindenstraße“ handeln, als die Ratte zu dem Mann spricht. Das ist das Unheimliche. Amanda Vähämäki setzt potenziell kulturell Abstoßendes grotesk an die Stelle des Erwartbaren. Ein sehr großer Frosch im Klo. Eine Ratte, die einer Katze in die Kehle beißt und als Haustier und Ehefrau zum Mann redet. „Le preoccupazioni di un padre di famiglia“ handelt von einem Schauer, der im Alltag lauert. Die eigene Wohnung ist fremd geworden; es sind die Tiere, die sich selbstständig machen, der menschlichen Macht entziehen, reden und sogar drohen. Man kann sich daran ethische Fragen stellen. Wie steht es um die Tiere in der modernen Gesellschaft? Dringender, woher kommt dieser schwer einzuordnende Horror, den man empfinden kann, wenn man die Tiere in der nahen Umgebung bei diesen Tätigkeiten in Badezimmer, Kammer und Arbeitszimmer sieht? Komisch, dass sich ein Mann nur um so ungewöhnliche Tiere zu Hause kümmert und sonst so gut wie allein zu leben scheint.
„Un padre di famiglia“, der Titel ist super! Normaler Wahnsinn. Wie Normalität hergestellt wird, zum Beispiel verantwortungsvolle Familienvaterschaftlichkeit mit diesen kleinen realen Monstern drumherum, die in dieser Geschichte unpassend, groß und grotesk werden. Das ist der Horror.  
 

Der Comicstrip von Pascal D. Bohr (Sascha Hommer) „The Lovelife of Insects“ spielt in Suchbildern: „Finde jeweils das Objekt, das nicht im Bild zu sehen ist!“ Man sieht einen Jungen, der den Kopf eines imaginären Insektes hat und mit anderen niedlichen Mutantenkindern zur „Grundschule Schwarzbach“ geht – über dem Eingangstor des Schulhofes steht „Lernen macht Spaß!“. Pascal hat einen Papa, der Zigarre raucht und Anzug trägt.Es ist ein gehoben bürgerlicher Haushalt, wie es scheint. Er nimmt eine Pistole aus der Vitrine seiner Eltern und erschießt eines Panels seine menschlich aussehende Lehrerin. Für diese Gewalttat verliebt sich eine Klassenkameradin in den Insektenboy. Das Verliebtsein wird durch ein Herz in einer Denkblase gezeigt. Zerschossenes Lehrerinnengesicht, zerbrochene Brille, verliebtes Mädchen. Im letzten Panel gibt es Ärztespielchen zwischen den zweien und diesmal ist es das Porträt des Papas, das als Objekt fehlt.
In die geschützte Sphäre kindlicher Niedlichkeit setzt Bohr einen drastischen Ausdruck struktureller Gewalt in ganz normalen tief unzufriedenen latent aggressiven deutschen Familienstrukturen. Erfurt weht einmal zügig durch den Comic. In ihrer niedlichen Unschuldigkeit wird etwas extrem Alltägliches und Mörderisches gezeigt. Die mit Gewaltbereitschaft signalisierte Potenz des Vaters, verkörpert durch die Waffe im Schrank, wird im Alter der erlernten Sexualität, was es für den Insektenboy heißt, ein Mann zu sein, übertragen. Es ist aber kein klassischer Krimi. Man soll nicht fragen, wieso er das getan hat. Viel aufregender ist das letzte Panel, ganz gelassen, beim Ärztespielchen, das Bild des bedrohlich wirkenden Vaters ist fort, girl und boy untesuchen sich gegenseitig im Kinderzimmer. Ruhige Gelassenheit ist angesagt. „The Lovelife of Insects“ sollte an der Oberfläche der Bilder gelesen werden; was da dann irgendwann aus ihnen an Gewaltpotential genommen wird, abrupt. Das macht sie als Effekt für Comicfans seicht im Unterschied zur gewaltigen Schußaction.

Mit dem Jungen Pascal ist übrigens seit Mai 2006 ein komplettes Album namens “Insekt“ bei Reprodukt erhältlich.

Orang 5 ist bereits im Juli 2005 bei KIKI Post erschienen. Man sollte es auch im Sommer 2006 lesen. Neu, zum ersten Mal, wieder.
Orang 6 ist für den September 2006 angekündigt.

Orang 5 Interieur/Exterieur
Kiki Post, Hamburg Juli 2005
Herausgeber: Pascal D. Bohr
Künstler: Yan Cong (Peking), Lionel Keller (Luzern),
Johannes Kiesselbach, Till Thomas, Anke Feuchtenberger,
Line Hoven, Pascal D. Bohr, Verena Braun, Klaas Neumann,
Michelangelo Setola (Bologna), Amanda Vähämäki (Bologna),
Arne Bellstorf
112 Seiten, 9,90 € / 15,- SFR
ISBN: 3-9809769-1-2
www.kikipost.de
www.orang-magazin.net

Bildquelle „Insekt“: reprodukt.com