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Mind the Gap 20: Previews 02/2006

Previews für April 2006

ANNIHILATION: SILVER SURFER #1 (von 4)
ANNIHILATION: NOVA #1 (von 4)
ANNIHILATION: SUPER-SKRULL #1 (von 4)
ANNIHILATION: RONAN #1 (von 4)

Marvel Comics | je 32 Seiten | je $ 2.99 | FEB06 2005/FEB06 2003/FEB06 2006/FEB06 2004

Nach dem One-Shot Annihilation: Prologue im März folgen im April vier Miniserien, die später in die siebenteilige Reihe Annihilation münden, aber auch unabhängig voneinander genießbar sein sollen. Will sagen: Bei Marvel geht die „Big-Event“-Saison nach den Eröffnungssalven von „Planet Hulk“ und „Civil War“ in die nächste Runde. „Annihilation“ ist dabei den „kosmischen“ Figuren des Verlags gewidmet und soll vorerst – ähnlich wie „Planet Hulk“ – nix mit „Civil War“ zu tun haben.

Vorerst, wohlgemerkt. Das Ganze riecht momentan etwas so, also wolle man auf den für DC Comics sehr erfolgreichen und bei Hardcore-Fans sehr beliebten Crossover-Zug aufspringen, ohne dabei zu sehr die Eigenständigkeit der verschiedenen Serien aufs Spiel zu setzen, die ja wiederum in den letzten fünf Jahren geholfen hat, Marvels Paperback-Programm in Schwung und in die Buchläden zu bringen. Ob dieser Spagat – das für Gelegenheitsleser abschreckende Image eines Crossovers ohne die bei den Langzeitkonsumenten beliebte Verwobenheit verschiedener Serien – auf Dauer funktioniert, bleibt natürlich abzuwarten.

Aber egal. Als Flaggschiff von „Annihilation“ dient Annihilation: Silver Surfer von Keith Giffen (der auch Prologue und Annihilation selbst schreibt), gezeichnet von Renato Arlem: Gejagt von einer neuen Gruppe kosmischer Unholde, genannt Seekers, muß der ganzkörperverchromte Kahlschädel die ehemaligen Herolde des Milchstraßenfeinschmeckers Galactus vereinigen, wenn er nicht von der sogenannten „Annihilationswelle“ weggespült werden will.

Annihilation: Nova, geschrieben vom ewigen Briten-Duo Andy Lanning und Dan Abnett und illustriert von Kev Walker, begibt sich dann schon zielstrebig aus der zweiten in die dritte Reihe der Marvel-Figuren, und bei Annihilation: Super-Skrull und – man lese und staune – Annihilation: Ronan fängt dann der Zeiger der Obskuritätsanzeige langsam aber sicher an, diverse Ehrenrunden zu drehen. An den Autoren liegt’s nicht: Super-Skrull stammt aus der Feder von Javier Grillo-Marxuach, dessen eigene Comic-Reihe The Middleman zwar weniger bekannt ist, der aber hauptberuflich als einer der Schreiberlinge der Endlos-TV-Serie Lost arbeitet. Ronan schließlich wird geschrieben von Simon Furman, der seit Mitte der Achtziger für an die öchtzig verschiedene Transformers-Serien bekannt ist, aber auch Sachen wie Alpha Flight oder Death’s Head gemacht hat. Die Zeichnungen für Super-Skrull und Ronan stammen von Newcomer Greg Titus und Stil-Schleuder Jorge Lucas, respektive. Die Titelbilder aller vier Serien werden von dem Italiener Gabriele dell’Otto illustriert.

Natürlich steht man vor so einem Projekt erstmal wie ein Ochse vor’m Berg. Giffen, Abnett & Lanning, Furman und der Typ von Lost – das kann alles prächtig werden, mag aber genausogut in die Hose gehen; immer vorausgesetzt, man kann mit dem „kosmischen“ Subgenre der Superhelden überhaupt was anfangen. Ansonsten sollte man sich das Geld lieber gleich sparen.

CHECKMATE #1
DC Comics | 32 Seiten | $ 2.99 | FEB06 0263

Prinzipiell macht die Ankündigung eines Spionage-Thrillers von Greg Rucka (Queen & Country) und Jesus Saiz ja durchaus Lust auf mehr. Was dann aber wieder mehr als stutzig macht, ist die Tatsache, daß Checkmate nicht nur im DC-Universum spielt, sondern auch noch eine direkte Konsequenz des Infinite Crisis-Spektakels darstellt. Das mag zwar für all diejenigen furchtbar spannend klingen, die ihr Diplom in DC-Kunde gemacht haben, alle anderen müssen allerdings damit rechnen, daß die Serie gar nicht erst die Chance bekommen wird, auf eigenen Füßen zu stehen, weil ständig irgendwelche Crossovers dazwischenpfuschen.

EX MACHINA SPECIAL #1 (von 2)
DC Comics/WildStorm | 32 Seiten | $ 2.99 | FEB06 0313

Dieser Zweiteiler von Ex Machina-Schöpfer Brian K. Vaughan und Zeichner Chris Sprouse (Ocean) soll in New Yorker Bürgermeister Mitchell Hundreds Vergangenheit als Superheld spielen und Aufschluß über seinen Gegner Jack Pherson geben.

Warum man dafür in eine eigene Miniserie ausweichen muss statt die Story einfach in der regulären Reihe zu bringen (die ja auch regelmäßig mit Flashbacks aufwartet) ist nicht ganz klar; es ist ja verständlich, wenn Vaughan und Co-Schöpfer Tony Harris, der Ex Machina normalerweise zeichnet, niemand anderen an ihr Baby ranlassen wollen, aber das tun sie hiermit ja sowieso. Der einzig merkliche Unterschied zwischen Ex Machina und Ex Machina Special wird im Endeffekt vermutlich sein, dass Letzteres sich um ein paar Tausend Exemplare schlechter verkaufen wird als es das als Bestandteil der Mutterserie getan hätte, und das kann ja wohl nicht im Sinne des Erfinders liegen.

Chris Sprouse ist nicht ohne Grund ein beliebter Partner von Autoren wie Alan Moore oder Warren Ellis; der Mann hat einen ähnlich feinen, auf ästhetische Gefälligkeit bedachten Strich wie Harris und ist technisch eher noch besser, also darf man hier qualitativ getrost – wie üblich – ganz großes Tennis erwarten. Wer bisher noch nicht dazu gekommen ist, diesen mit Polit- und Krimielementen gewürzten, frischen Superhelden-Thriller abseits der üblichen Klischees anzutesten, der sollte sich von dieser Debütnummer dazu verleiten lassen, auch wenn’s nicht wirklich ein neuer Start ist.

FELL #7
Image Comics | 24 Seiten | $ 1.99 | FEB06 1777

Mit dieser Reihe hat Autor Warren Ellis seine übliche Herangehensweise in vielerlei Hinsicht komplett auf den Kopf gestellt: Der Protagonist von Fell ist nicht der für Ellis-Werke typische Misanthrop, der sich eine Kippe nach der anderen ansteckt, als ob er gegen die Erdatmosphäre ein Gegengift bräuchte und morgens mit einer Flasche Whisky bewaffnet aus einem Müllcontainer steigt und zur Arbeit fährt. Ganz im Gegenteil. Der Polizist Richard Fell ist ein vollkommen klassischer Held: ein sympathischer, rechtschaffener Typ mit kühlem Kopf und ohne Allüren, der in seinem neuen Einsatzgebiet, der heruntergekommenen und offenbar von urbanen Mythen vereinnahmten Stadt Snowtown, eine Insel der Normalität zu sein scheint.

Auch strukturell ist alles neu. Anstatt eines 22-seitigen Geschichten-Fragments ohne Kopf oder Schwanz, welches man in drei Minuten durchgelesen hat und deshalb am besten erst dann in die Hand nimmt, wenn es als Bestandteil eines Sammelbandes auch einen Sinn ergibt, bietet Fell in jeder einzelnen Ausgabe eine ultradichte, 16-seitige Geschichte, die einen in sich abgeschlossenen Krimi aus dem Leben der Hauptfigur erzählt. Dazu werden als Beilage noch acht Seiten Leserbriefe oder Anmerkungen des Autors gereicht, zum angenehm schmalen Preis von $ 1.99.

Das alles wäre natürlich ein völlig witzloses Experiment, wenn die Qualität nicht stimmen würde. Aber Fell ist locker das beste, was Ellis seit langer, langer Zeit produziert hat, und auch Zeichner Ben Templesmith läuft zu einer erstaunlichen Hochform auf. Das ergibt insgesamt ein Paket, das honoriert werden sollte – nicht aus blankem Idealismus (obwohl richtige Vor- oder Umdenker in der US-Mainstream-Szene rar gesäht sind; da fallen einem noch Morrison und Casey ein, und dann war’s das), sondern weil man ein klasse Stück Unterhaltung für sein Geld bekommt, das länger vorhält als das Gros der um ein oder gar zwei Dollar teureren Konkurrenz.

LITTLE STAR (Paperback)
Oni Press | 160 Seiten | schwarzweiß | $ 19.95 | FEB06 3203

Little Star dreht sich um den jüngst Vater gewordenen Simon Adams, der verzweifelt versucht, Pipi, Puh-Puh, Privatleben und Karriere unter einen Hut zu bringen. Autor und Zeichner ist Andi Watson, der mit – unter anderem – Love Fights, Geisha, Breakfast After Noon oder Slow News Day schon jede Menge Lorbeeren sammeln durfte. Auch wenn die Beschreibung gezielt junge Väter anpeilt, sollte der Band durchaus auch andere Leser überzeugen können.

LOADED BIBLE: JESUS VS. VAMPIRES (One-Shot)
Image Comics | 48 Seiten | $ 4.99 | FEB06 1761

Hand aufs Herz: Ob dieser Comic irgendwas taugt kann ich beim besten Willen nicht sagen, und wenn ich raten müsste, dann wäre ich da eher skeptisch. Alleine schon des wurmstichigen Titels wegen hat sich das Gerät aber seinen Ehrenplatz in dieser Kolumne redlich verdient.

Loaded Bible spielt in einer „nahen Zukunft,“ in der die Vereingten Staaten – mal wieder – von Vampirhorden regiert werden. Der Einzige, der die blutsaugende Brut noch stoppen kann: Jesus Christus! Geschrieben wird der zweifelhafte Schwurbel von Tim Seeley (G.I. Joe: Weißnitwattfürndingen), illustriert von Nate Bellegarde (Hector Plasm) und Mark Englert (diverse Savage Dragon-Backups und -Spinoffs).

Gerüchte, wonach eine Fortsetzung namens L. Ron Hubbard vs. Godzilla bereits in Planung sein soll, wurden von Image Comics bisher weder bestätigt noch dementiert.

LOVELESS VOL. 1: A KIN OF HOMECOMING (Paperback)
DC Comics/Vertigo | 128 Seiten | $ 9.99 | FEB06 0333

Die Produktbeschreibung des ersten Sammelbandes von Loveless, Brian Azzarellos neuer Westernserie mit Zeichner Marcelo Frusin, fällt zunächst mal dadurch auf, dass sie die Schnauze verdammt voll nimmt: Als Vergleich wird (neben dem obligatorischen Sergio Leone) die zurecht über den grünen Klee gelobte Fernsehserie Deadwood bemüht.

Der traditionell kleine Preis des Einstiegsbandes, soviel muss man DC zugestehen, dürfte die Hemmschwelle, der Serie eine Chance zu geben, wesentlich senken. Ob man sich andererseits aber einen Gefallen damit tut, die qualitative Messlatte selbst gleich von Anfang an so hoch wie möglich anzusetzen, wage ich zu bezweifeln.

SEVEN SOLDIERS #1 (One-Shot)
SEVEN SOLDIERS OF VICTORY VOL. 3 (Paperback)

DC Comics | 32 Seiten/176 Seiten | $ 2.99/$ 14.99 | FEB06 0290/FEB06 0291

In einer Branche voll von Holzfällern, Tischlern und Hobbyschnitzern pflanzt Grant Morrison vor Kraft und Saft strotzende Bäume. Einer der mächtigsten davon heißt Seven Soldiers und erreicht seine endgültige Größe im April mit der Veröffentlichung von Seven Soldiers #1, welches nach dem Prolog-Heft Seven Soldiers #0 im Februar 2005 und den nachfolgenden sieben Miniserien den krönenden Abschluß des 30-teiligen Mega-Crossovers bildet. Zeichner ist – wie schon beim grandiosen Auftakt – das stilistische Multitalent John H. Williams III (der momentan ganz nebenbei auch noch in Warren Ellis‘ Desolation Jones neue Standards setzt).

Zur Erinnerung: Mit Seven Soldiers erfinden Morrison und sein Team handverlesener Ilustratoren sieben DC-Superhelden aus der zweiten (Zatanna) und vornehmlich dritten (Guardian, Shining Knight, Klarion, Mister Miracle, Frankenstein und Bulleteer) Liga neu, wobei man sich auf eine der stärksten Tugenden des Genres besonnen hat: seine Fähigkeit, als Collage unzähliger anderer Genres, Legenden, urbaner Mythen oder auch Verschwörungstheorien zu fungieren. Diese werden von Morrison zu einem minutiös verästelten, immer wieder überraschend querverbundenen Gesamtkunstwerk verwoben.

Ebenfalls im April erscheint der dritte und vorletzte Sammelband der Story, dessen Protagonisten Mister Miracle, Zatanna, Klarion, Bulleteer und Frankenstein heißen, und der Zeichnungen von Paschalis Ferry, Ryan Sook, Frazer Irving, Yanick Paquette, Doug Mahnke, Billy Dallas Patton, Mick Gray und Michael Bair enthält.

TALENT #1 (von 4)
Boom! Studios | 32 Seiten | $ 3.99 | FEB06 2920

Nicholas Dane, ein 34-jähriger College-Professor, ist der einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes, der sich nach der Katastrophe plötzlich im Besitz der Fähigkeiten eines seiner Mitpassagiere befindet. Soviel zum Konzept.

Talent, geschrieben von Chris Golden und Tom Sniegowski und gezeichnet von Paul Azaceta, will sich als Thriller in der Machart von Lost verstanden wissen, aber ansonsten lässt sich anhand der Beschreibung noch nicht viel darüber sagen, worum es eigentlich geht. Die Namen der Autoren deuten jedenfalls auf eine Mystery-Story mit Hang zum Übernatürlichen hin, und bei Boom! Studios handelt es sich um einen der vielversprechendsten jüngeren Comic-Verlage der USA. Die X-Files-Fraktion sollte sich den Titel also vielleicht mal vormerken.

THE TOURIST (Graphic Novel)
Image Comics | 104 Seiten | schwarzweiß| $ 9.99 | FEB06 1767

The Tourist ist eine weitere neue Produktion von Autor Brian Wood, der momentan für die Serien Local (Oni Press) und DMZ (Vertigo) gute Kritiken einheimst. Wenn die Qualität von The Tourist ähnlich überzeugend ist wie die der beiden genannten Serien, dann wäre das eigentlich schon Grund genug, den Band, illustriert von Toby Cypress, schleunigst auf den Einkaufszettel zu kritzeln.

Die Previews-Beschreibung: Ein ehemaliger US-Elitesoldat bezieht sein Domizil in einem abgelegen Küstendörfchen im Norden Schottlands, wo er einen Drogendeal durchziehen will und dabei die Sicherheit der Gemeinde aufs Spiel setzt. Daraus entstehen natürlich Gewissenskonflikte, die auch die Beziehung zu seiner großen Liebe nicht unberührt lassen.

Die Erwartung für The Tourist lautet also auf bodenständiges Action-Kino mit Herz, vor einer für amerikanische Verhältnisse geradezu exotische Kulisse. Wenn hier nix Grundlegendes schiefgeht, könnte das ’ne feine Sache werden.

WOLFSKIN #1 (von 3)
Avatar Press | 32 Seiten | $ 3.99 | FEB06 2876

Conan, alte Wikingersagen und Samurailegenden, alle gebündelt zu „einer  Erzählung voll seltsamer Geschichte und apokalyptischer Gewalt,“ so beschreibt man im Hause Avatar die neue Serie von Warren Ellis und Juan José Ryp. So so.

Wer mit dem üblichen Avatar-Programm vetraut ist und deshalb auf ein farbenfrohes Gemetzel ohne viel Federlesens tippt, der scheint richtig zu liegen, wenn diese Vorschau-Seiten einen repräsentativen Eindruck vermitteln; gegen Meister Wolfskin schein der gute alte Conan eher ein Warmduscher zu sein.

Wie bei den meisten seiner über Avatar veröffentlichten Arbeiten (von den Apparat-Sachen mal abgesehen) scheint Ellis hier mal wieder ein Ventil für seine hässliche und eklige Seite gefunden zu haben. Das muss zwar nicht schlecht sein, ist aber natürlich nicht jedermanns Sache, von daher würde ich Wolfskin nicht uneingeschränkt empfehlen, auch wenn man die DC-, Marvel- oder Image-Sachen des Autors mag.

WOLVERINE: ORIGINS #1
Marvel Comics | 32 Seiten | $ 2.99 | FEB06 2055

Weil es offensichtlich noch nicht genügend Comics gibt, die vermeintliche Szenen aus Wolverines Vergangenheit servieren, die sich dann im Nachhinein aber meistens als widersprüchlich oder falsch erweisen (Gedächtnis-Implantate, hossa!), widmet Marvel ab April dieser beliebten Wolverineschen Subspielart der Superheldenkultur ihre eigene Serie. Das ist so unspektakulär, dass es schon wieder sensationell ist.

Der Name des Autors hilf nicht: Daniel Way, der sich darauf spezialisiert hat, den Schreibstil von Garth Ennis schlecht und in Zeitlupe zu kopieren, zeichnet sich mittlerweile am ehesten dadurch aus, dass Marvel ihn in Ermangelung sowohl kommerzieller als auch kritischer Erfolge seit Jahren aus unerfindlichen Gründen immer wieder beschäftigt. Einzig die Tatsache, daß kein geringerer als Steve Dillon die Serie zeichnet, lässt da noch kurz aufhorchen. Ob das reicht, muß jeder selber wissen.

Der Bücher-Wurm: Weitere US-Comics im April

+++A.L.I.E.E.E.N. von Lewis Trondheim+++ASTONISHING X-MEN VOL. 1 von Joss Whedon und John Cassaday+++THE AUTHORITY: THE MAGNIFICENT KEVIN von Garth Ennis und Carlos Ezquerra+++CARGO: COMIC JOURNALISM FROM ISRAEL/GERMANY von Jens Harder, Tim Dinter et al.+++CONAN VOL. 3: THE TOWER OF THE ELEPHANT AND OTHER STORIES von Kurt Busiek, Cary Nord und Michael Wm. Kaluta+++CONCRETE VOL. 5: THINK LIKE A MOUNTAIN von Paul Chadwick+++EVERY GIRL IS THE END OF THE WORLD FOR ME von Jeffrey Brown+++THE FATE OF THE ARTIST von Eddie Campbell+++IRON MAN: DEMON IN A BOTTLE von David Michelinie, Bob Layton et al.+++JOHN SABLE: FREELANCE: BLOODTRAIL von Mike Grell+++LEGION OF SUPER-HEROES VOL. 2: DEATH OF A DREAM von Mark Waid, Barry Kitson et al.+++NEXUS ARCHIVES VOL. 3 von Mike Baron und Steve Rude+++SANDMAN MYSTERY THEATRE VOL. 4: THE SCORPION von Matt Wagner, Steven T. Seagle und Guy Davis+++THE SILENCERS: BLACK KISS von Fred van Lente, Steve Ellis und Dae Lim Yoo+++SKELETON KEY VOL. 1: BEYOND THRESHOLD von Andi Watson+++THE TICKING von Renée French+++WARREN ELLIS‘ SCARS von Warren Ellis und Jacen Burrows+++Y: THE LAST MAN: PAPER DOLLS von Brian K. Vaughan, Pia Guerra und Goran Sudzuka+++YOUNG AVENGERS VOL. 1: SIDEKICKS von Allan Heinberg und Jim Cheung+++

Anregungen, Lob oder Kritik sind wie immer herzlich willkommen. Schaut einfach im Forum vorbei oder schickt eine E-Mail.

Interview mit Hansi Kiefersauer


Comicgate: Wie sind Sie zum Comic gekommen?

Hansi Kiefersauer: Dadurch, dass ich selbst gerne Comics gelesen habe als Kind – und geguckt natürlich, die Bilder waren ja sehr wichtig. Und das hat dazu geführt, wie glaub ich bei vielen Kindern, dass man halt zeichnet und wenn man zeichnet, auch Comics zeichnet. Und dieses Interesse an Comics hat sich bei mir über die ganzen Jahre erhalten. In meiner Kindheit gabs ja nicht sehr viele, es gab natürlich Micky Maus, diese Piccolos und diesen Krempel, sag ich mal ein bisschen abfällig, aber auch Prinz Eisenherz oder Robinson.

Und es hat sich erhalten. Zum Glück gabs dann später ja den amerikanischen Underground, der viele aus meiner Generation angespornt hat wieder Comics zu zeichnen und uns gezeigt hat, dass man mit Comics auch andere Inhalte transportieren kann als nur lustige Geschichten.

Ganz konkret dazu gekommen bin ich später, als ich in München beim Blatt angefangen hab zu arbeiten. Gerhard Seyfried, der damals dort für die Comics zuständig war und fürs Layout (das war die eigentliche Aufgabe), der ging ja nach Berlin. Dann bin gefragt worden, ob ich eben Layout-Arbeiten machen möchte.

Und bei der Gelegenheit konnte ich auch meine Comics einfach reinsetzen. Also es war recht ungezwungen und das wiederum hat dazu geführt, daß ich Kollegen kennen gelernt hab, andere Comiczeichner in München. Da entstand dann die Idee ein eigenes Comicheft zu machen, das war das Zomix – von dem’s dann insgesamt elf oder zwölf Ausgaben gab, über ein paar Jahre verteilt.

Ja und dann ging das los – die Überlegung, damit weiter zu machen und es zum Beruf zu machen hat sich natürlich auch langsam erst entwickelt. Die Möglichkeiten Comics zu veröffentlichen waren ja damals auch gering und sind es heute noch. Also mussten wir erstmal das Geld anderweitig verdienen, sprich Layout-Arbeiten; ich habe lange Lettering gemacht, für den Carlsen-Verlag und den Volksverlag. Und so hat sich das dann langsam entwickelt, bis man dann irgendwann festgestellt hat, jetzt ist man plötzlich Comiczeichner.

CG: Haben sie denn eine Grafikausbildung gemacht?

HK: Nein, überhaupt nicht, ich bin reiner Autodidakt.

Ich hab studiert, ich hab auch einen Lehrberuf gemacht, also ich war mal Dekorateur, aber das hatte alles mit Zeichnen nix zu tun. Das hab ich auch alles recht bald wieder aufgegeben. Sondern ich hab lange Jahre Musik gemacht – und gezeichnet und gejobbt.

Damals gab’s im Comic-Bereich keine Ausbildung. Das Einzige, das man machen konnte – das wusste ich gar nicht – war bei Kauka (Fix & Foxi), der ein paar Zeichner beschäftigt hat. Ansonsten weiß ich über diese damalige Szene auch recht wenig eigentlich. Ich war da recht naiv und wär auch gar nicht auf die Idee gekommen.

Später wollte man dann nicht mehr, da war man dann dran Autorencomics zu machen, also selbst alles zu regeln. Wir haben die Sachen selber organisiert, selber drucken lassen, einen Vertrieb aufgebaut und solche Geschichten. Das war ganz interessant und hat viel vom Hintergrund des Comiczeichnens gezeigt, mit dem man als Zeichner sonst eigentlich gar nichts zu tun hat. Ich fand das ganz schön.

Aber schwierig wurde es dann, wenn man gemerkt hat, man kann nicht davon leben.

Ich hab mich dann mehr aufs Zeichnen konzentriert und versucht, da eben mein Geld zu verdienen und da waren die verschiedenen Stadtzeitungen relativ hilfreich, denn da konnte man recht einfach Cartoons oder Comics unterbringen. Gutes Geld gabs nicht, aber mit 20, 25 oder auch 30 macht’s halt viel weniger aus noch mit wenig Geld auszukommen. Ich weiß offen gesagt nicht mehr wie die jungen Leute das heute machen, aber damals konnte man mit ein paar hundert Mark im Monat gut auskommen. Es gab ja auch die Wohngemeinschaften, die dazu beigetragen haben, dass viele Leute mit sehr wenig Geld gelebt haben.

Aber klar, die Ansprüche steigen, auch bei mir, da kommt Familie dazu usw., dann muss mehr Geld her, und das ist relativ schwer im Comicbereich.

Weiter ging es mit Zomix, mit Rad ab hier in Berlin, ich hab übers Blatt auch den Detlef Surrey kennengelernt, mit dem ich immer noch Hand in Hand hier im Studio arbeite. Und mit dem und noch ein paar anderen Kollegen zusammen, der Harald Juch und der Fuchsi, hatten wir die Idee, Kalender und Cartoon-Postkarten zu fabrizieren und da ergab eines das andere. Ich hab in Berlin immer mehr Zeichner kennengelernt – auch den Gerhard Seyfried später – und wir haben zusammen Bücher, Kalender, Kataloge und Ausstellungen gemacht. Ich hab auch für U-Comix was gezeichnet, Hugos Comiczeichen-Kurs. Ein anderer Band ist mehr zufällig entstanden, der erste Bubi-Livingston-Comic bei Alpha. Das waren eigentlich Blätter aus meinen Skizzenbüchern, davon gab’s eine Menge, damit konnte ich dann ein Buch machen.

CG: Damals ist doch auch im Semmel-Verlag das eine mit Gilbert Shelton und so erschienen …

HK: … die Mixed Pickles? Genau, da war ein Versuch von mir, nicht nur meine eigenen Sachen zu verlegen, sondern auch anderes. Es hat mir seit Zomix-Zeiten immer Spaß gemacht, Heftchen zu machen. Das hab ich mit Mixed Pickles auch versucht, war aber leider nicht sehr erfolgreich.

CG: Wie hoch war denn die Auflage?

HK: Das weiß ich nicht mehr, das werden wenige tausend Stück gewesen sein.

CG: Das ist ja doch schon relativ viel, wenn man das mit anderen Comicheftchen vergleicht…

HK: Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung, was so die Auflagen sind. Von diesen Alben scheint sich einiges im unteren Tausenderbereich bewegt zu haben. Zwei-, dreitausend waren dann wohl schon gut, aber das erscheint mir nach wie vor sehr wenig. Das ist wohl für den Verlag kein großes Geschäft und für den Zeichner noch weniger – davon kann ja kein Mensch leben.

Überhaupt, bei diesen Comicalben: Die Verlage haben ihre Politik glaube ich auch geändert. Ich kümmere mich nicht mehr darum, weil ich selbst sehr viel Arbeit hab und meine Sachen mehr verfolge. Aber 'ne Zeitlang war das ja schon so, dass Verlage versucht haben, deutsche Zeichner zu etablieren und haben Alben mit ihnen gemacht. Ich fand das immer fragwürdig, weil sich ein Zeichner in der Regel besser verkauft wenn er irgendwo regelmäßig erscheint, in einer Zeitung oder einem Comicmagazin. Und diese regelmäßigen Veröffentlichungsmöglichkeiten gibt es eben kaum.

Bei diesen Albengeschichten haben sich Leute dann viel Arbeit gemacht, 50 Seiten, oft in Farbe, und wenn dann 2000, 3000 Stück verkauft werden kommt nix bei rüber.

CG: Diese Berliner Zeichengruppierung ist ja dann auseinandergefallen. Mit Detlef Surrey arbeiten Sie ja noch im Studio zusammen, aber Fuchsi ist gestorben …

HK: … ja, Seyfried ist weggezogen. Aber das ist vielleicht ein falscher Eindruck. Es gab und gibt ja eine Zeichnerszene und Gruppen, die sich treffen, insgesamt ist das ja doch sehr lebendig. Das heißt man arbeitet vielleicht für Projekte zusammen, oder für Heftchen oder eine bestimmte Zeit. Aber man macht ja Verschiedenes und hat verschiedene Kontakte, das ist fließend. Und wenn man in den Beruf reinwächst wie ich und irgendwann sehr viel Arbeit hat, gehen diese „schönen Sachen“ wie Heftchen machen nicht mehr. Man muss sich auf die Sachen konzentrieren. Man hat Verpflichtungen und Deadlines, da bleibt dann wenig Spielraum für gemeinsame Aktivitäten. Das ist einerseits schade, andererseits ist man heilfroh, wenn man davon leben kann. Und die gemeinsamen Aktivitäten beschränken sich dann darauf, abends ein Bier zu trinken und über das Geschäft zu reden.

Die „Kopf-Hoch-Gruppe“, das waren der Detlef Surrey, Harald, der Fuchsi, der Peter Petri und ich. Und wir haben sieben, acht Jahre zusammen einen Kalender gemacht. Irgendwann war dann der Dampf raus. Dann haben wir 'ne Zeitlang das Rad Ab-Heftchen gemacht, das war wieder ne andere Gruppe. So formieren sich halt Gruppen, ich glaube, das ist heute nicht anders.

Ich hab zu jungen Zeichnern inzwischen relativ wenig Kontakt, ich bin ja nun auch ein alter Kerl im Geschäft, so gesehen. Die Leute, die ich noch persönlich kenne, das ist – ich sag immer so die nächste Generation, also Fil, Andreas Michalke, Oliver Naatz. Aber es gibt ja schon wieder neue Zeichner noch und nöcher. Wenn ich in einen Comicladen gehe fühle ich mich inzwischen völlig überfordert. Ich hab lange Jahre wirklich viele Comics gelesen, auch gerne, lese jetzt aber relativ wenig. Ich glaube das kommt durch zwei Sachen, erstens bin ich den ganzen Tag damit beschäftigt und will am Abend nicht noch Comics lesen, und zweitens ist es ja so, dass Comics oft von jungen Männern gemacht werden mit ihren eigenen Ideen oder so, und mich interessiert vieles einfach vom Inhalt nicht mehr. Auch diese autobiographischen Comics, die ich eine Zeit lang auch gerne gelesen hab, und Kindercomics sowieso nicht.

Ich selbst mache ja inzwischen Kindercomics und bin auch sehr froh darüber, denn ich fühle mich dabei tatsächlich unabhängiger als bei den eigenen Sachen, weil ich dabei nicht auf irgendwelche Moden oder sowas gucken muss. Ich mache das zusammen mit den Kollegen, die die Geschichten schreiben. Das ist für Blaubär der Ralph Ruthe …

CG: Blaubär auch?! Ich dachte nur bei Bubi Livingston …

HK: Nee, da hatte Ralph mir seit langen Jahren die Skripts geschrieben. Immer wo Ruthe drunter steht ist auch Ruthe drin. Im Moment mach ich die Bubis wieder selber, weil ich mehr Zeit und Lust habe, aber die Blaubär-Hefte macht der Ralph. Die Weeklys macht zur Hälfte der Ralph und zur Hälfte der Peter Petri. Ich fühl mich da wie gesagt etwas freier und kann mit Ralphs Geschichten sehr gut was anfangen und mir macht es richtig Spaß das Zeug zu zeichnen.

CG: Bei den Birne-Comics, die im Mike-Heft ( „Mike der Taschengeldexperte“) von der Volksbank erschienen, machen Sie da noch etwas?

HK: Das mach ich seit drei oder vier Jahren jetzt nicht mehr. Das habe ich gerne gemacht.

Aber ich hab durch den Blaubär doch recht viel zu tun und möchte meine eigenen Sachen auch noch machen, sprich den Bubi weiter zeichnen, das eine oder andere Kinderbuch illustrieren. Das hab ich in den letzten Jahren angefangen und es macht mir großen Spaß. Ich musste halt ein paar Sachen aufgeben, darunter die Birne.

CG: Gibt es etwas, das Sie gerne machen würden, aber noch nicht gemacht haben, weil die Zeit fehlt?

HK: Ja, so ein paar Ideen hat man immer im Kopf, aber im Moment wünsch ich mir Kinderbücher zu illustrieren. Es gibt jetzt zwei Stück, die Hermann Stange geschrieben hat, die bei Betz erschienen.

Es ist halt auch ne andere Arbeit als Comics zu zeichen. Comics zeichnen empfinde ich als persönlich als Knochenarbeit. Es macht einerseits Spaß, ist andererseits auch hart.

CG: Wieviele Stunden arbeiten Sie so täglich?

HK: Im Studio hier bin ich ungefähr neun Stunden, und davon zeichne ich etwa zwei Drittel der Zeit.Das andere Drittel geht für Gespräche, Telefonate und Rechnungen drauf.

CG: Wie kam es dazu, dass Sie die Blaubär-Comics zeichnen?

HK: Ich bin von Walter Moers gefragt worden, der hat mal angerufen und gefragt, ob wir – sprich das Honk-Studio – Interesse hätten, Blaubär-Comics zu zeichen, also die Weeklys. Das war für uns selbstverständlich eine hochinteressante Sache, weil es 'ne regelmäßige Geschichte ist, weil es Figuren von Walter Moers sind und die sind sowieso toll, wie ich finde.

Und für mich hat sich dann herausgestellt dass es nicht nur um die Weeklys ging, sondern auch im diese Lizenzgeschichten, also Merchandisingsachen. Und das war ziemlich rasant, das hat Ravensburg damals angefangen und ich bin da kopfüber reingestürzt und musste vom ersten Tag an auf die Schnelle ein paar T-Shirts und so erledigen und bin dann weiter reingekommen. Das mach ich jetzt auch schon zehn Jahre, oder so.

CG: Ist das quasi auch das Haupteinkommen?

HK: Na ja, so fifty-fifty. Blaubär macht relativ viel aus natürlich, aber ich versuche meine eigenen Sachen weiter zu machen, zum einen weil ich sie gern mache, zum anderen weil ich nicht von einer einzigen Sache abhängig sein will. Deshalb erledige ich die Blaubär-Arbeiten mit Kollegen zusammen, mit Textern wie Ralph Ruthe, Peter Petri und nach Bedarf auch mit weiteren Zeichnern oder Koloristen. Und dadurch geht auch sehr viel Geld wieder weiter.

CG: Gibt es irgendwelche Fehler, die junge Zeichner vermeiden sollten?

HK: Ein Ratschlag gleich vorab bei Heftchen: Sich mit Kollegen zusammentun, mit Freunden zusammentun und irgendwas produzieren. Und sei es in Miniauflagen, aber nur so kann man ja auch lernen. Die Wenigsten sind von Anfang an so gut, dass sie irgendwo professionell veröffentlichen können. Es gibt ja Ausnahmen, Leute, die fantastisch sind und bei denen es gleich klappt. Aber bei den meisten ist es so, dass sie doch erstmal auch viel lernen müssen, aber man kann's auch lernen.

Und dann ist mir aufgefallen, dass Leute, die uns Sachen geschickt haben für Zomix oder Rad Ab gleich unheimlich lange Geschichten angefangen haben, und das halt ich für einen schweren Fehler, weil da gehört 'ne enorme Energie dazu, gleich aus dem Stand 20 bis 30 Seiten zu machen. Und da ist die Chance, die veröffentlicht zu bekommen, minimal. Es ist immer besser erstmal kürze Sachen zu machen, Einzelbilder, Kurzgeschichten, Strips – oder im Grunde einfach zeichnen, zeichnen, zeichnen, egal was.

Sonst wüsste ich nicht, was man falsch machen kann. Wenn man das Zeichnen mag, dann zeichnet man. Natürlich ist es so, dass man erstmal für die Schublade zeichnet. Aber heute gibt’s ja vielleicht auch bessere Möglichkeiten an Hochschulen, Kunstschulen, an Zeichenkursen teilzunehmen. Und dazu würde ich raten, wenn man die Möglichkeiten hat.

CG: Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Honk-Studios

M. Magenbitters Website

Gerrit Arndts Website

Bildquellen: Foto ruthe.de, Blaubär honk.de

neue Webcomicserie von Lapinot

Bastian 'Lapinot' Baier (24, Stier), wohnhaft in der Nähe von Bamberg, Zeichner und Mitautor der Albenserie „Der Schicksalsgnom“ (Achterbahn Verlag) sowie Mitinitiator von flyarts.

Mein bisheriges Leben kurz umrissen: Nach der Realschule absolvierte ich die Fachoberschule, verschwendete kostbare Monate bei der Bundeswehr und studierte vier Semester Informatik, bevor ich 2003 eine Ausbildung zum Mediengestalter begann, die dieses Jahr ihren Abschluss finden wird.

Lewis Trondheim, Sergio Aragones oder auch Jim Davis haben mich wohl am meisten beeinflusst, geprägt und begeistert. Mit Mad und Garfield bin ich quasi aufgewachsen. Trondheim hingegen habe ich erst sehr spät entdeckt – ich glaub so vor vier Jahren.
lapinot_logo.gifAls 'Lapinot' versuche ich mich als Solokünstler, da zuvor – bis auf ein paar wenige Ausnahmen – alle Arbeiten immer in Kooperation entstanden. Das bedeutet: Überall, wo 'Lapinot' drauf steht, ist auch zu 100% 'Lapinot' drin. 😉

Lapinot hieß der Held in Trondheims Erstlingswerk „Lapinot et les carottes de patagonie“, auf deutsch wurde er mit „Herr Hase“ übersetzt.

Wenn man so will versuche ich somit Trondheim zu danken, aber auch irgendwie zu huldigen.

Zu danken, da er eigentlich hauptverantwortlich dafür war, dass ich immer noch fasziniert von Comics bin und auch noch versuche, welche zu machen.
Ich hatte mir damals, aufgrund einer Rezension in einem Lobo-Heft, sozusagen blind bei Amazon „Walter“ und „Verflucht“ bestellt – meine ersten Comicalben.
Ich war total begeistert. Die Folgen: ich kaufte Album um Album, entdeckte den Comic abseits des Mainstreams, beschäftigte mich mit dem Drumherum und wollte einfach auch meinen Teil beisteuern.

Und huldigen, weil seine Arbeiten einfach immer anders sind. und mit dem zehnten Band von „Herrn Hases haarsträubende Abenteuer“ hat er sowieso das beste Album geschaffen, welches ich bisher gelesen habe.

links.gif

Lapinots erster Cartoon aus seiner Reihe „Freitag?“

Gesamtübersicht unserer Webcomics

Lapinots Website

Lewis Trondheims Website

Courtney Crumrin und die Gilde der Geheimnisse

Endlich setzt Eidalon diese tolle Serie fort und veröffentlicht den zweiten Band über ein Mädchen, das nicht so recht zu den anderen Kindern passt – sie würde es aber auch gar nicht wollen.
Seit sie mit ihren Eltern zu ihrem geheimnisvollen Großonkel Aloysius gezogen ist, lernt die eigensinnige Courtney eine Welt neben der „normalen“ kennen; besiedelt von den geheimnisvollen Wesen der Nacht, Hexen, Magiern und sprechenden Katzen.

Meine Erwartungen waren nach dem ersten Band hoch geschraubt – aber sie wurden nicht enttäuscht.
Wiederum gelingt Ted Naifeh die Balance zwischen Horror, Humor, Sozialkritik und Wärme ausgezeichnet – und zeichnen kann der Mann auch noch.

Den ersten Band muss man nicht unbedingt gelesen haben, er erklärt aber so einiges, auf das hier nicht mehr gesondert eingegangen wird.
Diesmal geht es um ungeklärte Morde, das zu Unrecht verdächtigte Wesen Skarrow, denen die Crumrins Schutz gewähren, und Onkel Aloysius' Kampf um dieses Wesen in der Gilde der Geheimnisse, eine Art magischer Rat. Wie alles zusammenhängt erfährt man im Lauf der Geschichte, denn Courtney hat es sich zum Ziel gemacht, den wahren Täter zu finden und so den sanften Skarrow zu retten.

Dabei ist Courtney keineswegs eines dieser altklugen Kinder, die alles viel besser als die Erwachsenen können und damit den Lesern ziemlich schnell auf die Nerven gehen.
Sie ist zwar altklug, aber sie kann eben nicht alles besser. Und so geht sie zwar trotzig ihren eigenen Nachforschungen nach, macht aber auch Fehler. Nicht alles funktioniert so, wie der Dickschädel es gerne hätte, was diese Serie unter anderem positiv herausstechen lässt aus anderen, in denen Kinder als Hauptfiguren agieren. Naifeh liebt Courtney und ihre Welt, lässt sie ihrem Herzen folgen, vergisst aber nie, dass sie eben doch noch ein Kind ist.

Diesmal bekommt Courtney übrigens eine ebenso sturköpfige Lehrerin gegenübergestellt, die die Kleine gut zu durchschauen mag und es auf Konfrontation anlegt (es dabei eigentlich aber gut mit ihr meint), was immer wieder für ein paar Extraschmunzler sorgt. So muss Courtney, für die Schule nur eine Horrorveranstaltung ist, einmal ein Gedicht im Rahmen des Kurses „Kreatives Schreiben: Nur weil Du es erlebt hast, ist es noch längst nicht interessant“ laut aufsagen. Allein für die Darstellung dieses täglichen Spießrutenlaufens und die Parodie des üblichen Schulunterrichts gehört Naifeh schon geknutscht.
Ihrem geduldigen, weisen Großonkel ist Courtney sowieso unterlagen, er kennt all ihre Tricks. Aloysius lässt sie viel ausprobieren, ist aber oft rechtzeitig zur Stelle, wenn sie mal wieder ein wenig übermütig wird und sich in Gefahr bringt. Eine wunderbare Beziehung zu einem Erwachsenen, wie sie sich vermutlich viele Kinder wünschen.
Am Ende erschien mir ein Aspekt unlogisch, aber da könnte es durchaus noch zu einer Auflösung im dritten Band kommen. Mal schauen.

Die deutsche Übersetzung ist an sich schön zu lesen. Manche Wörter finde ich nicht so passend, aber so etwas ist Geschmackssache. Überaus gelungen empfand ich die nach Wortwitzen wohl fieseste Klippe  für Übersetzer: es gibt hier ein paar Reime und Zaubersprüche, die ja 1.) Sinn ergeben müssen, 2.) sich reimen sollen und 3.) auch noch in die recht kleinen Sprechblasen passen müssen. Das wurde durchweg gut gelöst. Als etwas übertrieben erschien mir der Slang von Butterworm, da wäre manchmal weniger mehr.
Auch die sonstige Aufmachung hinterlässt einen angenehmen Eindruck. Gutes Lettering, mattes Papier, satinierter Einband, angenehme handliche Größe. Meinen Geschmack hat's auf alle Fälle getroffen.

Meine Lobhudeleien für den ersten Band kann ich hier nur fortführen.

Ted Naifeh zelebriert Individualismus, liebt Gegen-den-Strom-Schwimmer, ermuntert zum eigenen Denken. Er weiß dabei auch um die Gefahren und zeigt in diesem Band, dass man Acht geben muss, um nicht zu einem unsozialen Einzelbrötler zu werden.

Naifeh ist ein intelligenter Autor und Erzähler, der in seinem Gruselmärchen gekonnt seine ermunternde Botschaft über Eigenständigkeit zu transportieren und dabei gleichzeitig wunderbar zu unterhalten vermag. Dabei driftet er nicht in romantische Schwärmereien ab, sondern bleibt trotz seiner Fantasiewelt in einer angenehmen Weise auf dem Teppich.
Naifeh ist aber ebenso auch ein begnadeter Zeichner, der mit sicherem und trotzdem anmutigen Strich seine liebevoll in Szene gesetzten Figuren präsentiert und dabei mitunter geschickt mit den Schwarzflächen spielt.

Wer Tim Burtons Stil oder Emily The Strange in sein Herz geschlossen hat, der kann hier sowieso bedenkenlos zugreifen. Aber auch alle anderen, die einen Sinn für schwarzen Humor haben und bereit sind, sich in eine etwas andere Welt als unsere zu begeben, sollten mal einen Blick riskieren.

Für mich eine Perle. Absolute Kaufempfehlung!

Courtney Crumrin und die Gilde der Geheimnisse (2. Band der Courtney-Crumrin-Reihe)
Eidalon (achtseitige Leseprobe)
Autor und Zeichner: Ted Naifeh
136 Seiten, schwarz-weiß, Softcover; 9,90 Euro
ISBN:  3936686750

Bildquellen: Comic Combo (Cover), eidalon.de (Probeseite)

Interview mit Peter Puck

peterpuck_portraitComicgate: Hallo Peter! Alle paar Jahre einen neuen Rudi herauszubringen wird Dir sicher nicht den Lebensunterhalt sichern. Verdienst Du Dir hauptsächlich mit Illustrationen Dein Geld? Wenn ja, gibt es Beispiele, die uns als Werbe-Zielgruppe schonmal irgendwo begegnet sein könnten?

Peter Puck: Auftragsarbeiten und Rudi ist ungefähr so 50:50, aber im Verhältnis zum Aufwand bringen die Illuaufträge natürlich viel mehr Geld…und da gibt es relativ wenig, was an die Öffentlichkeit geht, also im klassischen Werbesektor…die meisten Cartoons, die ich mache, sind hauptsächlich für die Interne Kommunikation großer Firmen wie Hewlett-Packard, Agilent, AOL, Bosch etc.

CG: Ob man da wohl mal ein Beispiel sehen könnte?
 
PP: Theoretisch ja … ich habe Tonnen von dem Zeug hier rumliegen (und mit meinem Analogmodem ist es schwierig, da was Eingescanntes mitzuschicken), aber im Weltnetz fällt mir gerade nix ein, wo man das sehen könnte … Das meiste erscheint in analoger papierbasierter Form oder in Intranetzen … Gerade ist bei Piper ein Buch erschienen, das ich mit kleinen Cartoons illustriert habe: „Timmerbergs Reise ABC„. Und mein Netzmeister möchte eine kleine Galerie auf peter-puck.de aufbauen …

CG: Du bist nach 20 Jahren zu Ehapa gewechselt und hast eine Kolorierung der Strips angestrebt, weil Du es (lt. Zack-Interview) leid warst, immer noch Geheimtipp zu sein. Fühltest Du Dich von Deinem alten Verlag Heinzelmännchen zu wenig unterstützt, oder war da einfach nicht mehr drin?
Und kommt diese Überlegung nicht etwas sehr … verzögert?

peterpuck_erlangen2004PP: Ha ha, „verzögert“ ist gut! Was sind schon 20 Jahre für einen Unsterblichen! Ich denke eben in großen Zeiträumen! … Ich bin nicht zu Ehapa gewechselt, weil ich dachte, dass ich dort schlagartig den „ewigen Geheimtipp“-Status verliere, das kann dort genauso bleiben … sondern weil Heinzelmännchen seine verlegerischen Aktivitäten ziemlich runtergefahren hat. Aber ich hoffe natürlich schon, dass bei Ehapa wegen der Größe und der Marktposition mehr drin ist als früher! Wobei man das auch nicht überschätzen darf, Ehapa kann weder Millionenbeträge ins Marketing stecken noch die Leute zwingen Rudi zu kaufen …

CG: Ist nun auch die Auflage gestiegen? Weißt Du, wie hoch sie ist?

PP: Ist nicht gestiegen. Der neue Rudi startet mit 7000, die Neuauflage der alten mit 5000.

CG: Wie viel Freiheit lässt man Dir bei Ehapa – Du bist ja ein alter Hase im Geschäft und Rudi ist komplett auf Deinem Mist gewachsen. Musst Du nun mit dem Verlagswechsel irgendwelche Kompromisse eingehen?

PP: Keine!
Also gut … ein paar … Ich bin z.B. vertraglich verpflichtet, die Maybachs der Geschäftsleitung regelmäßig zu waschen und so paar kleinere Hausmeistertätigkeiten im Verlag … aber nichts Schlimmes.

CG: Was würde passieren, wenn jetzt tatsächlich die Nachfrage nach Rudi immens steigen würde – würdest Du es schaffen (und wollen!), mehr als alle vier Jahre einen Band herauszubringen?

PP: Erstens sind es alle drei Jahre, nur der letzte war vier und zweitens: Weder schaffen noch wollen! Auch wenn die meisten das vielleicht nicht bemerken: In Rudi steckt derartig viel Denk- und Arbeitsaufwand, Zeit und Energie und (Herz-)Blut, Schweiss und Tränen … ich kann mir nicht vorstellen auf dem gewohnten inhaltlichen und zeichnerischen Niveau die Produktion signifikant zu steigern!
Und ich bin natürlich auch zu faul und zu langsam …

CG: Wie hat eigentlich Dein bisheriger Verlag Heinzelmännchen auf diesen Umzug reagiert?

PP: Heinz Herrmann hat schon immer gesagt, dass er mir, falls ich mal woanders hin möchte, keine Steine in den Weg legen würde. Insofern ging das relativ unspektakulär über die Bühne …

CG: Sind die Arbeitsbedingungen (Heinzelmännchen/Ehapa) sehr unterschiedlich?

PP: Bis jetzt merke ich überhaupt keine Unterschiede (bis auf das mit dem Autowaschen …); Ehapa kommt mir in allem sehr entgegen, alles wird so gemacht wie ich es will, ich habe die totale künstlerische Kontrolle … (Hä hä, das wird sich wohl bald ändern, wenn die Verkaufszahlen nicht die Erwartungen erfüllen! 😉 )

CG: Der neue Band ist erstmals farbig, und auch die alten Bände sollen bei ECC in Farbe neu aufgelegt werden.
Ist die Kolorierung komplett auf Deinen eigenen Wunsch geschehen, oder hatte das auch etwas mit dem Verlagswechsel zu tun?
[Dazu muss ich sagen, dass eigentlich alle Rudi-Leser in meinem Bekanntenkreis eher verhalten auf die farbigen Strips reagieren … Eine Neuauflage finde ich übrigens prinzipiell gut, da einige unserer Rudis schon nach zweimal Lesen auseinandergefallen sind.]

rudiPP: Was hast Du denn für einen Bekanntenkreis?!
Ich hoffe mal, die sind nicht besonders repräsentativ!! … Ist klar, dass einige verknöcherte Erzkonservative, die 20 Jahre Rudi in schwarz-weiß gewöhnt sind, sich auf ihre alten Tage nicht mehr umgewöhnen können … 😉

Aber im Ernst: Rudi ist für die meisten Fans ein klassischer Schwarz-Weiss-Comic und in Farbe eher ungewohnt, aber
1). tut die Kolorierung gerade den sehr unübersichtlichen und überfüllten Seiten sehr gut, man wird optisch nicht mehr erschlagen und die Texte wirken leichter lesbar und
2.) erhoffen wir uns von der Farbe, vielleicht an neue Lesermillionen ranzukommen, die Rudi in schwarz-weiß nicht so attraktiv fanden….und
3.) habe ich mit André Kurzawe aus Berlin einen kongenialen Koloristen gefunden, der die Seiten sehr sensibel und überlegt koloriert. (Nachdem meine russischen Bekannten mal ein klärendes Gespräch mit ihm geführt haben!)
 

CG: Nun ja, die Leute in meinem Bekanntenkreis sind so um die 30, sehr verknöchert sehen die noch nicht aus. 😉
Zur Erschließung neuer Leser: ich wünsche es Dir, dass der Plan aufgeht, aber es gibt ja durchaus Leute, die gerade das Schwarz-Weiß geschätzt haben. Hoffen wir mal, dass die sich mit der Zeit dran gewöhnen.

PP: (Seufz) Also gut, wenn’s genug von Euch Hardcore-s/w-Fundamentalisten geben sollte und Ihr dem Verlag mit Selbstmordattentaten droht, bringen die bestimmt noch eine schweineteure Liebhaberkomplettausgabe in schwarz-weiß raus … Bei uns ist der Leser König! … Ehrlich, Du! Ohne Scheiß! Ich schwör!
(Übrigens: man kann auch um die 30 schon verknöchert sein und die heutige Jugend altert sowieso schneller als wir damals! …)

CG: Jahrelang konnte man den monatlichen Online-Rudi auf lift-online lesen. Warum ist er nun nur noch auf peter-puck.de zu finden?

PP: Weil Lift nicht viel davon hat, das Zeug kostenlos ins Internet zu stellen.
 

CG: Außer höhere Zugriffszahlen. 😉

PP: Ja, aber das scheint sie nicht zu reizen….

CG: Ups, und ich Schelm ging bis jetzt immer davon aus, Du hättest ihnen den Hahn zugedreht…

 

Wie sehr bist Du eigentlich bei peter-puck.de involviert?

PP: Das ist eigentlich eine Fanpage von HaJo Netzlaff, einem Rudi-Fan und Computerprofi. Beim vanity googeln bin ich zufällig auf sie gestoßen und habe mich bei ihm gemeldet. Es hat sich rausgestellt, dass er nur paar Kilometer weg wohnt…Er macht sich sehr viel Mühe mit der Seite und betreut sie sehr zuverlässig und ich liefere halt ab und zu paar Infos und bisschen Material.
Ich habe weder Zeit noch Lust noch das Know-How, eine eigene Seite zu unterhalten und bin heilfroh, dass das jemand aus lauter Menschenfreundlichkeit für mich macht und mir so ne Menge Arbeit und Zeitaufwand abnimmt….!
DANKE, HaJo!
 

CG: Vanity googeln … Ein schöner Ausdruck, den kannte ich noch gar nicht.
 

PP: Kannst Du auch nicht, den habe ich extra für die Antwort erfunden. Klingt aber sehr „Profi-Surfer-Slangmäßig“, gell?*

 
CG: Doch ja, gut angetäuscht.

Bekommen wir denn eigentlich noch einen Schlussgag für den November-Rudi? 😉
 

PP: Eine zweite Seite ist schon als Anhang zur Story erschienen….Ist aber nicht direkt ein Schlussgag …

CG: Stimmt, der streckt das Ganze ja eher noch.

Ich bin vor zehn Jahren durch die Bielefelder Ultimo auf Rudi gestoßen. Werden eigentlich immer noch Folgen in Stadtmagazinen abgedruckt, oder hast Du das eingestellt?

PP: Rudi erscheint weiter regelmäßig in verschiedenen Stadtmagazinen, unter anderem im Ultimo … aber soviel ich weiß leider nur in der Münsteraner Ausgabe….Und von wegen eingestellt: Ich würde Rudi gerne in noch viel mehr Stadtmagazinen veröffentlichen!

CG: Werden alle Online-Rudis in die Alben aufgenommen? Und gibt es exklusive Folgen, die nur im Album zu finden sind?

PP: Wie der Name sagt sind die Alben Sammelbände aller erschienenen Rudis, im neuen Band gibt’s kein Exklusivmaterial und was mal online war, ist auch im Album, aber nicht alles aus dem Album war mal online, glaub ich … Soweit alles klar? 😉

CG: Öhm … nö. Aber Du wirst schon wissen, was Du tust.

Wie lange brauchst Du in etwa für Deine normalen einseitigen Strips?

PP: Ca. zwei Wochen.
 

CG: Was ist denn zuerst da – Text oder Zeichnungen? Und wie oft formst Du dabei den Text um, bis er endlich in die Sprechblasen passt?
 

PP: Das ist jedesmal verschieden und geht oft sehr durcheinander. In der Regel aber zuerst der Text… Und an dem wird ewig rumgebastelt und gefeilt und versucht zu straffen. Und dann fällt mir beim Lettern noch ein Halbsatzgag ein und den quetsche ich dann auch noch irgendwie rein….

 
CG: Selbst das Lettering ist bei Dir ja noch Handarbeit – arbeitest Du also komplett „analog“?
 

PP: Gottseidank! Das erspart mir definitiv jede Masse Zeit und Ärger!!
Aber in letzter Zeit mache ich doch auch einiges mit dem Rechner, visuelle Effekte, Typo u.ä.

 
CG: Du setzt häufig Stereotypen ein – so sind die Sachsen oft prollig und/oder Neonazis, Bayern sind simpel gestrickte Dörfler. Kennst Du solche Leute wirklich, oder bedienst Du Dich da einfach bei den jeweiligen Klischees?
 

PP: Das sind platteste Klischees, die durch diesen bewussten Einsatz aber auch wieder parodiert und damit als Klischee kenntlich werden sollen. Und trotzdem haben Klischees ja auch immer ihren realen (Hinter)grund…

 
CG: Werden wir eigentlich noch mal Alfi mit einer wichtigen Rolle in einer Geschichte  zu Gesicht bekommen – und Rudis Schwester (außer auf dem Cover eines Herrenmagazins)?alfie
 

PP: Die beiden und viele andere sind „Funktionsfiguren“, die kommen dann vor, wenn man sie für die Geschichte oder einen Gag braucht, sie sind recht eindimensional … Alfi z.B. ist „nur“ das ländliche, naive, positiv-optimistische, unverdorbene, ungekünstelte Gegenstück zum urbanen, desillusionierten, miesepetrigen, abgeklärten Zyniker Rudi. Die möglichen Gags mit Alfi habe ich alle schon gemacht; wenn er wieder auftaucht hat das eher den Charakter des Selbstzitats.

 
CG: Zum ersten Mal erfahren wir im neuen Band etwas mehr über Rudis Hintergründe  – er ist Langzeitstudent, und wir bekommen seine Eltern zu Gesicht. Hast Du diesen Teil seines Lebens vorher bewusst weggelassen?
 

PP: Das ist wie in Entenhausen: Wenn für die Geschichte ein riesiger Berg gebraucht wird, hat Entenhausen einen riesigen Berg. Eine Insel im Meer vor der Stadt? Entenhausen liegt am Meer und vor der Küste eine Insel. usw. Das sind keine fertigen, definierten Welten. Die werden je nach Bedarf geschaffen. Wenn aber nochmal Rudis Eltern auftauchen sollten, sind sie jetzt bereits in Aussehen und Charakter vorgegeben und ein Teil der Rudiwelt geworden. Vielleicht brauche ich für eine Story plötzlich einen Bruder Rudis – und ZACK! Schon hat er auch noch einen Bruder! Wieder ein Mosaiksteinchen im Rudi-Universum … 😉

 
CG: Du parodierst viele bekannte Comicfiguren, u.a. Die Schlümpfe und  Asterix. Gibt es da nicht Probleme mit dem Urheberrecht?

PP: PSSST!!!! Nicht so laut!!!!!

CG: Jaja, ich bin ja schon still …

Setzt Du Dir selber Deadlines? Arbeitest Du regelmäßig oder produzierst Du die Strips eher stoßweise?

PP: Pro Monat eine Seite, die Deadline wird vom Redaktionsschluss von lift vorgegeben, die ich aber aus verschiedenen Gründen manchmal nicht einhalten kann und dann meine berüchtigten „Notseiten“ machen muss …
Ich habe seit 20 Jahren nichts auf Vorrat ‚in der Schublade‘. Und wenn ich mir selber Deadlines setzen könnte, wäre jetzt gerade mal der zweite Band erschienen …

CG: Längere Geschichten gibt es bei Dir eher selten. Warum?

PP: Weil ich eben primär für die Stadtmagazine produziere und da sind Einseiter vorgesehen, daher auch die brutale Dichte der Seiten. Ich erzähle Geschichten, die man gut auf vier Seiten erzählen könnte, auf einer.
 

CG: Ist das dann nicht eine sehr einzwängende Arbeitshaltung? Bist Du der Erscheinungsform der Stadtmagazine so verbunden?
 
PP: Ich bin froh, wenn ich die eine Seite fertig habe … Auf Mehrseiter bin ich gar nicht so scharf ….

CG: Hast Du nach all den Jahren nicht auch irgendwann mal die Schnauze voll von Rudi und würdest gerne was komplett anderes zeichnen?

PP: Das ist tatsächlich seit einiger Zeit mein Problem! Jeden Monat bis zu einem bestimmten Termin eine gute Seite hinzubekommen wird nach 20 Jahren nicht leichter, sondern immer schwieriger. Vor allem der Termindruck macht mir sehr zu schaffen. Und Rudi ist nun mal sehr aufwendig, die Rudi-Leser sind anspruchsvoll und ein hohes Niveau, z.B. bei der Gagqualität und –dichte gewöhnt. Da ich immer mehr Aufträge bekomme, die ich schon aus finanziellen Gründen annehmen muss, habe ich oft für Rudi einfach zu wenig Zeit. Eine Rudigeschichte auszuarbeiten braucht Muße, Zeitdruck ist da eher blockierend … Obwohl ich sehr an meinem Freund Rudi hänge, hängt er mir manchmal wie ein schwerer Klotz am Bein. Deshalb habe ich den neuen Band übrigens auch ‚Immer Ärger mit Rudi‘ genannt, das bezieht sich nämlich auf mich…
 

CG:Und? Gibt es denn konkrete Pläne, Dich mal inhaltlich von Rudi zu befreien? Und wäre es interessant für Dich, auch mal in einem anderen Stil zu zeichnen?

PP: Ich kann nur für Dich hoffen, dass Rudi dieses Interview nie zu Gesicht bekommt! Der nimmt solche Frageformulierungen sehr persönlich!! …“Von Rudi BEFREIEN“!!!
Wenn der das liest, bist du tot, Baby!
 

CG: Das war dann wohl eher ein „nein“… 😉

Wie viel Kontakt hast Du eigentlich zu den Rudi-Lesern? Bekommst Du viel Resonanz?

 
PP: Wenn ich morgens aus meinem Atelierfenster schaue, stehen immer ein paar Dutzend vor dem Haus und singen Choräle für mich. Könnte man das als „Resonanz“ bezeichnen? Ansonsten besteht unser „Kontakt“ darin, dass die Rudi-Leser meinen Lebensunterhalt finanzieren, wofür ich ihnen an dieser Stelle auch mal ernsthaft danken möchte. Ich bekomme aber übers Weltnetz immer mehr Ansprache (sogar aus Dänemark und Argentinien), und am ehesten lerne ich meine Leser bei (seltenen) Signierterminen kennen. Ich bin manchmal überrascht, welche Leute alles Rudi lesen …

CG: Gibt es Zeichnerkollegen, von denen Du Fan bist oder die Du für irgendetwas bewunderst?

PP: Viele. Ich bewundere viele Zeichner für ihre zeichnerische Brillianz, vor allem für ihre Bildaufteilung und Bildökonomie, ihren narrativen Zeichenstil usw. Als Comiczeichner im Sinn visuell-sequentiellen Erzählens bin ich alles andere als gut … aber das versteht jetzt sowieso keiner.
Und einige beneide ich um ihre Schnelligkeit und Produktivität.
 

CG: Och, viele unserer Leser sind zeichnerisch interessiert. Bitte erzähl doch mal genauer, was Du denn an Problemen bei Dir siehst, die Deiner Meinung nach andere elegant lösen.

PP: Ich habe wenig gezeichnete Räume und Atmosphäre, wenig Hintergründe. Wenig Figuren im Raum. Meist nur ‚Talking Heads‘. Ich erzähle nicht mit Bildern, sondern mit Worten. Ich habe kaum Sequenzen. Wenig Bewegung. Wenig Perspektiven und ungewöhnliche ‚Kamera‘einstellungen. Das wären alles sehr comicspezifische Sachen.
Wenn andere Comics Filme sind, ist Rudi eher Kleinkunstbühne …
 

CG: Liest Du selber Comics? Gibt es einen absoluten Liebling von Dir?

PP: Ich lese wenig Comics und bin auch nicht sonderlich gut informiert, was es gerade so gibt … meine Favoriten sind eigentlich die Comics meiner Kindheit und Jugendzeit, die mich auch geprägt haben: Donald, Asterix, Lucky Luke, Gaston (Jo-Jo), Spirou (Pit & Pikkolo), später Freak Brothers, Calvin & Hobbes …

CG: Neben Deinen Zeichentätigkeiten bist Du ja auch als DJ tätig – so hast Du z.B. beim letzten Comic-Salon 2004 aufgelegt.
Ist das nur ein Hobby, oder betreibst Du es ernsthafter? Seit wann machst Du das schon, und welche Stilrichtung(en) bevorzugst Du?

PP: Das ist ein ernsthaft betriebenes Hobby! Djing macht mir brutal Spaß! Ich mache das sporadisch seit den 80ern und in den letzten Jahren intensiver. Meine Spezialgebiete sind: 70er, 70erPunk Rock, Elektro … aber vor allem Türkischer und Orientalischer Pop und Dancefloor.Vielleicht bin ich sogar der einzige Deutsche, der T-Pop auflegt. Ich habe inzwischen eine amtliche Sammlung, hunderte von türkischen CDs …. Ich finde die Fusion aus westlicher und orientalischer Musik absolut faszinierend – und ich glaube, ich habe ein gutes Händchen (und Öhrchen) beim Auflegen …
 

CG: Wie bist Du denn überhaupt in Kontakt mit T-Pop gekommen? Hast Du auch schon mal in der Heimat dieser Musik aufgelegt?

PP: Leider nein … das wäre ein Traum, tagsüber am Strand und abends in ’ner Open-Air-Disse auflegen! In meinem ersten Türkeiurlaub habe ich mir interessehalber mal zwei CDs gekauft und dann festgestellt, wie genial die Musik ist. Dann habe ich hier in Türkenramschläden angefangen, ohne jede Vorkenntnis CDs zu kaufen ..n nach Cover, alles was irgendwie bisschen moderner aussah, ohne die Interpreten zu kennen. Dabei hatte ich die ganze Zeit die Befürchtung, dass ich da gerade die CD vom türkischen Roland Kaiser oder Heino toll finde, aber der musikalische Instinkt trügt eben nicht, man hört tatsächlich auch bei völlig fremdartiger Musik, ob sie „gut“ ist oder nicht
Dann habe ich mich immer mehr eingearbeitet, sogar an der Uni Türkisch gelernt … und irgendwann mal gewagt, für ein türkisches Publikum aufzulegen. Das hätte gut in die Hose gehen können, war aber erfolgreich … und so weiter. Inzwischen kann ich auch für ein gemischtes Publikum aus Türken, Griechen, Arabern und Deutschen Musik machen.

CG: Als letzte Frage: Gibt es etwas, das Du noch unbedingt in Deinem Leben erreichen willst?
 
PP: Mein größtes Lebensziel habe ich heute erreicht: Ich durfte Comicgate ein Interview geben!

CG: Du bist aber ganz schön frech für Dein Alter!
 
PP: Vielleicht noch das: Ich möchte morgen früh aufwachen und wieder Nichtraucher sein.
Und ich möchte nicht mehr älter werden.
Und ein paar Millionen Oiro hätte ich auch gern, das würde mir einige Probleme lösen helfen.
Und eine 9mm MP5A3 von Heckler&Koch, mit der ich ungestraft einige Leute erschießen könnte … und dann noch einen … Wie? Interview zu Ende? … Och, schade!

CG: Danke für die Beantwortung der Fragen und alles Gute für Dich (und natürlich Rudi)!

*lt. einem Hinweis gibt es zumindest den Begriff „vanity search“ allerdings schon … 😉 s. z.B. hier.

links

unsere Rezension zu „Immer Ärger mit Rudi“

Peter Pucks Website mit dem monatlich neuen Online-Rudi

Ehapa Comic Collection

Portrait Peter Puck bei Spiegel Online (Reihe „Neue deutsche Comics“)

Ausschnitte eines Interviews mit dem Magazin Zack

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Bildquellen:
Fotos (c) comicgate.de (Comic-Salon 2004), sonstige Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von Peter Puck (peter-puck.de)