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Interview mit Joachim Kaps

Dr. Joachim Kaps war sieben Jahre lang beim Carlsen Verlag beschäftigt, die letzten Jahre als Verlagsleiter von Carlsen Comics. Unter anderem hat er die Konzepte der Manga-Magazine „Banzai“ und „Daisuki“ mit aufgebaut, und unter seiner Leitung wurde Carlsen Comics der Comic-Marktführer in Deutschland.
Im Dezember 2003 hieß es dann, für viele sehr überraschend, dass Jo sich wegen unterschiedlicher Ansichten zu „Schwerpunktsetzungen im Programm und die Weiterentwicklung der Marktstrategien“ von Carlsen getrennt habe. Für einige Zeit hörte man nichts über seine berufliche Zukunft, bis er am 19. März 2004 in einer Presseerklärung zum „Managing Director“ der neu gegründeten Tokyopop GmbH, einem europäischen Ableger des bereits in Asien und den USA agierenden Tokyopop K.K., bekanntgegeben wurde.
Anfang bis Mitte März 2004 führten wir per eE-Mail dieses Interview, welches das erste nach seiner Zeit bei Carlsen ist und über das Jo sagte: „Ich glaube, das wird das ausführlichste Interview, das ich je gegeben habe.“ Bringt also ein bisschen Zeit mit, um etwas über seine Vergangenheit (z.B. bei der Comixene), seine Zeit bei Carlsen, seine Pläne für Tokyopop und einiges mehr zu erfahren…

Joachim KapsComicgate: Hallo Jo, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, unsere neugierigen Fragen zu beantworten! Wie fühlst Du Dich gerade?

Jo Kaps: Blendend! Nachdem ich in den letzten drei Monaten ja etwas abgetaucht war, um zunächst einmal für mich zu sortieren, wie (m)ein Leben nach Carlsen aussehen könnte, freue ich mich jetzt von ganzem Herzen darauf, weiter aktiv in meinem Lieblingsmedium mitmischen zu können.

CG: Ich würde gerne erstmal von vorne anfangen und ein bisschen zu Deiner Person erfahren. Du hast ja studiert und bist promoviert. Was genau hast Du studiert, und über welches Thema hast Du Deine Doktorarbeit gemacht? Wann war das?

JK: Ich habe seinerzeit in Marburg Europäische Ethnologie (dahinter verbirgt sich eine empirisch ausgerichtete Kulturwissenschaft), Neuere Deutsche Literatur und Grafik & Malerei studiert. Meine Promotion habe ich Ende 1990 in Europäischer Ethnologie mit einer Arbeit über „Erwachsenencomics in der BRD von 1945 bis 1990“ gemacht – aus heutiger Sicht eine arg trockene Arbeit, die ich inzwischen sicher anders angehen würde. Aber andererseits war das damals eine tolle Möglichkeit, sich quasi „von Berufs wegen“ durch die gesamte Primär- und Sekundärliteratur zum Thema zu lesen, wozu man sonst kaum die Zeit gefunden hätte.

CG: Hättest Du Dir auch einen anderen Beruf für Dich vorstellen können als sich mit Comics zu beschäftigen?

JK: Früher ja, heute würde mir diese Vorstellung ungleich schwerer fallen. Ganz zu Beginn wollte ich eigentlich mal Journalist werden und habe vor dem Studium auch fleißig für Lokalzeitungen in meinem Heimatraum geschrieben. Während des Studiums hat sich das dann zunächst in Richtung akademische Karriere verschoben, weil mir die Uni als eine der letzten Schutzzonen vor wirtschaftlichen Zwängen erschien, was man in dem Alter einfach spannend findet. Ich habe dann nach der Promotion vier Jahre lang als wissenschaftlicher Angestellter an der Uni Marburg gearbeitet und mich in dieser Zeit davon überzeugen dürfen, dass meine Annahme natürlich falsch war. Der akademische Bereich, gerade im europäischen Raum, hat sich anstelle der wirtschaftlichen Zwänge einen seltsamen Standeskodex erschaffen, der freies Denken viel stärker behindert als jedes andere System. Also habe ich dann mit 30 Jahren alles hingeworfen und mich nach neuen Möglichkeiten umgesehen. Wenn man an die jüngsten Ereignisse zurückdenkt, scheint sich in meinem Leben eine gewisse Tendenz abzuzeichnen, meine runden Geburtstage für grundlegende Änderungen zu nutzen. 🙂

CG: In dem Comicmetier sind Achtstundentage sicherlich nicht möglich. Ergibt sich für Dich überhaupt Freizeit, oder bist Du rund um die Uhr mit Comics beschäftigt? Nervt Dich das dann auch irgendwann mal?

JK: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich die richtige Besetzung für einen „9 to 5“-Job wäre. Wenn man seine Brötchen mit etwas verdient, was einem wirklich Spaß macht, kann man sich für meine Begriffe glücklich schätzen und sollte dann nicht meckern, wenn dabei auch mal ein Abend oder ein Wochenende geopfert werden müssen. Die Trennlinie zwischen Arbeit und Freizeit verläuft anders als bei Berufen, die man ausschließlich wegen des Geldes ausübt. Ist es wirklich Arbeit, wenn ich mit kreativen Autoren zusammenarbeiten darf? Ist es Arbeit, wenn ich heute dafür bezahlt werde, auf Messen zu fahren, die ich früher privat besucht habe? Ich wusste nie so recht, wo man da die Grenzen zieht, das war auch zu Zeiten der Uni schon so. Und eigentlich kann ich mir das für mich auch gar nicht anders vorstellen.
Was mein Privatleben angeht, ist mir eigentlich nur wichtig, dass genügend Zeit für meine Beziehung bleibt, da ich mit der wundervollsten Frau der Welt zusammenlebe und mir wünsche, dass das auch so bleibt. Aber zu meinem großen Glück ist sie auch die verständnisvollste Frau der Welt, die weiß, dass ich nicht glücklich wäre, wenn ich jeden Tag um 5 nach Hause gehen würde, dafür aber vorher acht Stunden lang etwas machen müsste, das mich nicht interessiert. Das ist auch der Grund dafür, warum ich für eine einzige Sache, die der Beruf mit sich bringt, kein Verständnis habe: nämlich Leute, die einen notorisch nur abends oder am Wochenende anrufen, weil ich der Meinung bin, dass so etwas unnötigerweise die rare Privatsphäre verletzt. Für so etwas gibt es E-Mails, da kann man sich wenigstens selbst aussuchen, wann man auf sie antworten will. 🙂

CG: Wann und wie bist Du überhaupt mit Comics in Kontakt gekommen?

JK: Ich zähle noch zu der Generation, die all ihre Liebe zu den Comics Rolf Kauka verdankt. Ohne „Fix und Foxi“, „Mischa“, „Pauli“, „Die Pichelsteiner“ und die in den Heften als „Pit und Pikkolo“ oder „Jo-Jo“ auftretenden Frankobelgier hätte ich meine kostbare Jugend bestimmt mit Fußballspielen oder dem Sammeln von doofen Autoquartetten vertrödelt. Aber Rolf Kauka hat das gottlob verhindert. Nachdem ich das erste „Fix und Foxi“-Heft gelesen hatte, war ich für alles andere verloren. Ich habe jede Woche aufs Neue nur dem Freitag entgegengefiebert, weil es dann das neue Heft gab, was ich nach der Schule sofort gekauft und mich darin vergraben habe. Bevor ich die neue Ausgabe nicht mindestens fünf mal von vorne bis hinten durchgelesen hatte, war ich auf nichts anderes ansprechbar. Diese Hefte waren pure Magie.

An der Stelle muss ich wirklich einmal eine Lanze für die Kauka-Produktionen brechen, über die viele Leute später die Nase gerümpft haben. Es mag ja sein, dass die Übersetzungen nicht immer werkgetreu waren und dass man nicht einfach irgendwelche Panels hätte umzeichnen sollen, aber hinsichtlich des editorischen Konzeptes, dass um die Comics herum aufgebaut wurde, war das Kauka-Team definitiv allen anderen Redaktionen, die der deutsche Comic je gesehen hat, meilenweit voraus. „Fix und Foxi“ und sein gesamtes Umfeld von Publikationen waren nicht „nur“ Comics, sondern ein eigenes Universum. Ohne diese Hefte hätte ich mich niemals dafür interessiert, dass hinter den Geschichten Menschen standen, die sich all diese Geschichten ausdenken. Mal ganz zu schweigen von so großartigen Marketingaktionen wie Postern, die man über einen Sommer hinweg sammeln musste, oder den Vorworten von „Onkel Rolf“, die einem das Gefühl gaben, Teil einer großen Familie zu sein. Das war Magie pur!
Und diese Magie bin ich nie wieder richtig losgeworden. Klar kamen dann später Zack, die Comixene und manches andere, was einem dann noch weitere Aspekte des Mediums nahegebracht hat, aber ohne Rolf Kauka wäre all das nicht möglich gewesen. Und es ist eine Schande, dass dieser Mann dafür nie den Max-und-Moritz-Preis erhalten hat. Ende der Werbeeinblendung! 🙂

CG: Wie hat es sich ergeben, dass Du einer der relativ wenigen Menschen in Deutschland bist, die mit Comics ihr Geld verdienen können?

Joachim KapsJK: Gute Frage! So richtig habe ich das nämlich selbst nie verstanden. 🙂
Nein, im Ernst: In den ersten Jahren der aktiven Auseinandersetzung mit Comics habe ich keine müde Mark damit verdient. Vom Leser zum „Macher“ bin ich ja auf dem Umweg über Sekundärmagazine wie Comic Forum und Comic Info gekommen, wo das Honorar in aller Regel aus wohlwollenden Worten und freundschaftlichem Schulterklopfen bestand. Das hat mich anfangs aber auch nicht wirklich gestört, weil ich zu der Zeit vor allem verstehen wollte, wie die Comic-Welt hinter den Kulissen funktioniert. Die unzähligen Interviews mit Zeichnern und Verlagsmachern waren mir da anfangs Honorar genug.

Das erste Geld habe ich, wenn meine Erinnerung mich nicht völlig täuscht, dann bei Jürgen Janetzky und seinem Splitter-Verlag verdient. Übrigens noch eine Person der deutschen Comic-Geschichte, die manch einer immer viel zu leichtfertig kritisiert hat. Jürgen war ohne Frage ein Rauhbein und ein Schlitzohr, aber er war – zumindest zu mir – auch immer fair. Ein Stück weit habe ich ihm auch den Übergang ins Profilager zu verdanken, weil ich in der Zeit nach meiner Tätigkeit an der Uni meine Miete vor allem mit freien Übersetzungen und Layoutjobs für Splitter bestritten habe. Zum Vollberuf wurde es dann wirklich erst mit dem Wechsel zu Carlsen 1996. Auch wenn ich da zu Beginn deutlich weniger verdient habe als zuvor als freier Redakteur, wollte ich das damals unbedingt machen, weil ich das Label einfach toll fand. Die Botschaft für junge Menschen lautet also: Harte, entbehrungsreiche Jahre sind die Voraussetzung für den beruflichen Einstieg. 🙂

CG: Du hast von 1994 bis 1996 sieben Ausgaben der Comixene (Nr. 51 bis 57) herausgebracht. Erzähl doch bitte mal, wie es dazu kam, schließlich war die alte Comixene bereits 1981 eingestampft wurden.
Was hielten die ehemaligen Herausgeber von der Idee? Was war Deine Motivation, wer arbeite alles mit?

JK: Puh… das sind viele Fragen auf einmal. Vor der Comixene hatte ich ja für Comic Forum und Comic Info geschrieben, dann zwei Ausgaben des Comic Almanach konzipiert und umgesetzt und dabei einfach Spaß an dieser Tätigkeit entwickelt. Mich hat einfach immer interessiert, was hinter dem Endprodukt Comic steht, welche Leute es gestalten und wie sie dies tun. Auf der anderen Seite dann aber auch die Frage, welche Comics „ihren Weg machen“, warum bestimmte Themen ein größeres Publikum erreichen als andere etc. Vielleicht schlägt da dann doch wieder der ehemalige Kulturwissenschaftler durch, wer weiß?

Wie auch immer: Ich war mit den damals exisitierenden Fachzeitschriften nicht so besonders glücklich, weil es im Grunde nur zwei Gruppen gab: Die eine Hälfte der Magazine hatte praktisch reinen Newscharakter, tauchte aber nicht sonderlich tief in die Themen ein, die andere Hälfte ging den behandelten Themen tiefer auf den Grund, wählte dabei aber für meinen Geschmack den Themenmix ziemlich willkürlich aus. Das, was die alte Comixene zu ihrer Zeit so einzigartig gemacht hatte, nämlich ein Konzept, das sich am Markt orientiert, dabei aber gleichzeitig tiefer in einzelne Themen vorstößt, gab es zu dieser Zeit einfach nicht. Die Idee, so etwas zu versuchen, hatte mich schon eine Weile umgetrieben. Dass es zur Umsetzung der Idee kam, war dann einem Abend in Hagen geschuldet, an dem Thomas A.T. Bleicher und ich feststellten, dass wir beide diese Idee mit uns herumtrugen. Als ich wieder nach Hause fuhr, hatten wir eigentlich schon beschlossen, dass wir das machen. Also haben wir uns bei Andreas C. Knigge die Erlaubnis für die Verwendung des Namens geholt, ein Team von freien Mitarbeitern zusammengestellt und einfach losgelegt. Andreas hat mir damals sehr viel Mut gemacht und zu den ersten Ausgaben ja auch Texte beigesteuert, was mir sehr viel bedeutet hat, da ich seine Arbeit immer enorm geschätzt habe. Auch viele andere sehr gute Leute, wie Reto Baer, Alexander Braun, Christian Gasser, Jens Nielsen, Uli Profröck oder Kai-Steffen Schwarz waren vom Start weg sofort mit dabei.
Die Arbeit an diesen Heften hat mir enorm viel Spaß gemacht, obwohl wir natürlich finanziell immer nur draufgelegt haben. Wir hatten den Anspruch, den Autoren zumindest ein Anstandshonorar für ihre Arbeit zu zahlen, was die anderen Magazine derzeit ja – nicht ganz ohne Grund – nicht gemacht haben.

Rückblickend betrachtet sind Thomas und ich aber beide wohl etwas unbedarft in die ganze Sache reingestolpert, weshalb es am Ende ja auch nicht lange gut gegangen ist. Aber ich habe diese Zeit nie bereut, weil ich durch die Comixene so enorm viele interessante Menschen kennenlernen durfte, mit denen mich zum Teil noch heute ein freundschaftliches Verhältnis verbindet. Hartmut Klotzbücher, Dirk Schulz und Delia Wüllner oder Dirk Rehm sind nur einige von ihnen…

Da man bei dem Projekt zudem Redakteur, Übersetzer, Layouter, Herstellung, Vertrieb, Marketing, Presse- und Poststelle in einer Person sein musste, wusste ich später bei Carlsen umso mehr zu schätzen, was die einzelnen Kollegen zu tun hatten. Ich glaube, dieses Grundverständnis für die Herausforderungen und Probleme einzelner Abteilungen fehlt leider vielen anderen Leuten, die in der Verlagsbranche arbeiten.

CG: Hast Du Gegen- oder Rückenwind für diesen Relaunch bekommen? Nachdem sie 13 Jahre flach gelegen hatte, war man sicherlich skeptisch und Du unsicher, oder? Wie war die Stimmung in der deutschen Comiszene bzgl. des Neustarts und Deiner betreuten Ausgaben?

JK: Die alte Comixene hatte nicht wirklich flachgelegen, sondern stand trotz des Umstandes, dass sie so lange nicht mehr erschienen war, für Insider immer noch als lebendiger Mythos im Raum, den nie wieder ein anderes Fachmagazin in seinem Anspruch eingeholt hatte. Zu bestimmten Themen findet man, ehrlich gesagt, noch bis heute die besten Artikel in diesen 42 von Andreas C. Knigge und Hartmut Becker gemachten Heften. Die damalige Mannschaft war in ihren analytischen Fähigkeiten einfach allen anderen weit voraus. Natürlich war das auch von einer Zeit geprägt, in der das Hinterfragen von Sachverhalten noch mehr zählte als heute. Wir haben ja generell seit dieser Zeit einen deutlichen Wandel der Medien hin zum reinen Aufzählen von Fakten erlebt, warum sollte sich die Welt der Comics da unterscheiden? Aber zurück zur Frage: Der Mythos des alten Heftes hat uns vor allem am Start durchaus geholfen, weil viele Leute einfach neugierig waren, wie uns der Relaunch gelingen würde. Nach den ersten zwei, drei Heften, die eigentlich sehr gut aufgenommen wurden, wurden wir dann aber – so hoffe ich zumindest – auch für unsere eigene Arbeit gelobt. Als wir merkten, dass wir uns bei all unseren Ansprüchen finanziell überhoben hatten und damit zunehmend Sand ins Getriebe des Erscheinens kam, gab es dann aber durchaus auch Kritik. Durchaus zu Recht, wie ich heute finde, auch wenn wir damals einfach keinen Weg gefunden haben, das grundsätzliche Problem Anspruch vs. wirtschaftliche Notwendigkeiten zu lösen.

CG: Die Comixene wurde also aus finanziellen Gründen wieder eingestellt?

JK: 1996 ist Thomas Bleicher aus dem Verlag ausgestiegen, weil ihm die finanziellen Belastungen zu heikel wurden. Dafür hatte ich durchaus Verständnis, blieb dann aber ob meines Starrsinns, das alles irgendwie doch noch weiterführen zu können, alleine auf den Schulden sitzen. Die endgültige Entscheidung, die Sache nicht fortzuführen, habe ich dann erst gefällt, als ich schon bei Carlsen war und nach und nach gemerkt habe, dass ich es zeitlich einfach nicht hinbekommen kann, neben dem Fulltime-Job dort auch noch das Heft zu machen. So ist dann die Ausgabe 58 schließlich unvollendet in meiner Schublade verschwunden, wo sie noch heute liegt. Und zur Strafe musste ich die ersten zwei Jahre bei Carlsen jede Mark, die damals nach Zahlung der Miete und der Brötchen übrig blieb, noch zum Abzahlen der Schulden aufbringen. Das hat den Traum vom Fachmagazin doch ein Stück weit kuriert… 🙂

CG: Du hast gerade von einer angefangenen Comixene Nr. 58 erzählt. Kannst Du Dich noch an ein paar Themen erinnern?

Ich weiß noch, dass „Mosaik“ die Titelgeschichte geworden wäre, weil die Kollegen damals ein sehr schönes Cover für uns angefertigt haben, aber bei allen anderen Themen müsste ich schummeln und die Sachen raussuchen. Ist einfach zu lange her…

CG: Rückblickend auf die zwei Jahre: was habt Ihr richtig, was falsch gemacht? Mit welchen Gefühlen denkst Du an die Zeit, betrachtest die Ausgaben 51 bis 57?

JK: Wenn ich die alten Hefte mal zur Hand nehme, was ehrlich gesagt heute natürlich nicht mehr so oft geschieht, bin ich mit dem Ergebnis an sich immer noch ganz zufrieden. Und vor allem bleiben einfach sehr viele schöne Erinnerungen, weil mit der Zeit ja zumeist das Schlechte verblasst und das Gute nur noch leuchtender erstrahlt. Zudem wäre ich ohne die „Comixene“ vermutlich nie bei Carlsen gelandet, was ja auch einen gewissen Wert hat. 🙂

So gesehen haben wir wohl schon manches auch richtig gemacht. Falsch gemacht haben wir das, was (fast) alle Kleinverlage falsch machen: Wir haben alle Gedanken auf die Ausgestaltung des Produktes konzentriert und viel zu wenig über seine Vermarktung nachgedacht. Aber rückblickend betrachtet war das ja auch ein „Learning“, wie es Neudeutsch heißt. Als ich später bei Carlsen mehr Verantwortung übernommen habe, habe ich durch den Crash mit der Comixene viel mehr über die wirtschaftliche Seite eines Verlags nachgedacht, als ich es vermutlich sonst getan hätte..

CG: Was hältst Du von der neuen Comixene unter Martin Jurgeit? Geht sein Konzept Deiner Meinung nach auf?

JK: Solche Fragen sind immer heikel, denn dank der Neuen Frankfurter Schule wissen wir ja: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche!“ Natürlich setzen andere Leute so ein Konzept inhaltlich anders um als man es selbst tun würde, das liegt in der Natur der Dinge.
Manche Bausteine sind mir einfach zu stark eine Auflistung von Fakten, die nicht wirklich hinterfragt werden. In der letzten Ausgabe war zum Beispiel die „Jahresvorschau 2004“ für mich so ein Fall. Da würde ich mir mehr Analyse des Marktes und weniger Namedropping wünschen, gerade in einem Jahr, wo der deutsche Comic meines Erachtens erneut vor einschneidenden Veränderungen steht. Andererseits ist mir aufgrund meiner Vergangenheit aber natürlich auch bewusst, unter welchen Bedingungen solche Artikel und überhaupt das ganze Heft entstehen. Und wenn man das bedenkt, muss man eigentlich den Hut davor ziehen, was da geleistet wird, was ich hiermit tue! Dies umso mehr, als Martin es auch wie kaum ein anderer schafft, das Heft wirklich regelmäßig erscheinen zu lassen. Comixene und Xoomic sind derzeit die einzigen beiden Magazine, die ich wirklich regelmäßig lese und nicht nur durchblättere. Das ist für jemanden, der nicht nur acht Stunden arbeitet, doch auch schon eine Aussage. 🙂

CG: Was genau meinst Du mit „einschneidenden Veränderungen“?

Wir befinden uns meines Erachtens gerade an einem neuen Wendepunkt für Comics in Deutschland. Dass Carlsen auf der Suche nach neuen Strategien ist, ist im Moment ja allen klar. Aber auch bei Egmont Manga und Anime und Panini mehren sich die Zeichen, dass dort ähnliche Diskussionen ins Haus stehen. Die Einstellung der Anime und der vertriebliche Umbau bei Egmont sowie das Zusammenstutzen des Programms bei Panini sind klare Indikatoren hierfür. Davon, dass beide Häuser „Print on Demand“ in Auflagen von ein paar hundert Exemplaren gerade als den großen strategischen Wurf anzusehen scheinen, mal ganz zu schweigen. Kurzum: Die drei großen Label stehen vor Veränderungen, so etwas will hinterfragt und nicht nur erwähnt sein.
Dazu hat sich die Situation im Handel drastisch verändert. Der traditionelle Buchhandel nimmt heute bei Manga eine bedeutsame Stellung ein, verweigert sich zugleich aber immer mehr dem Album. Zugleich kommen viele kleinere Fachbuchhandlungen zunehmend in Nöte, weil sie sich immer noch nicht auf den veränderten Markt eingestellt haben. Beides zusammen führt wiederum zu einer Schere, die auch die kleinen Verlage vor ganz neue Herausforderungen stellt.
Und zu all dem kommt hinzu, dass sich hinter den Kulissen – zum Teil noch sehr versteckt – neue Player aufstellen, die über kurz oder lang versuchen werden, in den Markt einzusteigen. All das wird dazu führen, dass Comic und Manga in Deutschland in zwei, drei Jahren ein ganz anderes Gesicht haben werden.

 

Teil 2: Die Zeit bei Carlsen

Comicgate: Kommen wir nun zu Deiner Zeit bei Carlsen.
Ein paar Antworten vorher hast Du geschrieben: „Zudem wäre ich ohne die Comixene vermutlich nie bei Carlsen gelandet, was ja auch einen gewissen Wert hat.“ Die haben Dich also quasi bei der Comixene „entdeckt“?
Wie war Carlsen damals überhaupt in der deutschen Comiclandschaft einzuordnen?

Jo Kaps: Carlsen, bzw. Andreas C. Knigge, auf dessen Initiative hin ich zu Carlsen kam, hat mich nicht direkt durch die Comixene entdeckt, wir kannten uns auch schon vorher. Ich glaube aber schon, dass ich mit der Konzeption des Magazins unter Beweis gestellt habe, dass mich die ganze Breite der Ausprägung des Mediums interessiert, und ein Verlag wie Carlsen brauchte und braucht solche Leute, die sich nicht nur für einzelne Nischen in der Nische interessieren.

Wie Carlsen damals einzuordnen war, kann ich nur sehr persönlich beantworten. Für mich war und ist Carlsen bislang der einzige Comic-Anbieter im deutschen Sprachraum, der es geschafft hat, Mainstream mit Innovation zu verbinden und zu beweisen, dass man damit auf lange Sicht wirtschaftlich überleben kann. Man möge mir die Ansicht in Berlin, Köln und Stuttgart verzeihen, aber mit Blick auf das Geschäft im Buchhandel hat Egmont in den letzten 15 Jahren eigentlich immer nur das kopiert, was Carlsen jeweils ein halbes Jahr vorher gemacht hat. Und Dino war – und hier sage ich sehr bewusst leider – eben nur ein recht kurzfristig aufflackerndes Licht.
Auch nach meinem Weggang bleibt Carlsen – zumindest bis Oktober 🙂 – mein All-Time-Favorit in Sachen Comics in Deutschland.

CG: Carlsen ging es dann bald nicht mehr besonders gut, war ein sinkendes Schiff, stand sogar kurz vor dem Aus. Es war noch nicht abzusehen, dass Mangas der nächste große Trend werden würden. Mit welchen Gefühlen und Gedanken verlief damals Deine / Eure Entscheidung, auf diese Karte (als erstes mit „Dragon Ball“) zu setzen?

JK: Danke für diese Frage, weil sie mir die Gelegenheit gibt, gegen ein Gerücht anzukämpfen, das anscheinend unzerstörbar ist, obwohl ich es schon ein paar Mal dementiert habe. Möge die Botschaft nun endlich alle erreichen, die sich für Comics in Deutschland interessieren:
Ich hatte nicht das Geringste mit der grundsätzlichen Entscheidung zu tun, dass und wie „Dragon Ball“ bei Carlsen gemacht wurde. Diese Entscheidung hatte Andreas C. Knigge bereits durch die Gremien gekämpft, bevor ich dort anfing. Ich war nur der Redakteur der ersten Bände und habe dann später zusammen mit der neuen Mannschaft das Programm nach „Dragon Ball“ aufgebaut.
Die Ehre, die Erfolgsformel für Manga-Taschenbücher unter 10,- DM in Deutschland eingeführt und damit das Geschäft mit Comics im Buchhandel gerettet zu haben, gebührt aber wirklich nur Andreas und sonst niemandem. Ich denke, dass ich aber auch in seinem Namen spreche, wenn ich sage, dass „Dragon Ball“ in der Tat eine Art „Last Exit“ für Carlsen war. Nur hat man diesem „Last Exit“ zum Glück eine gewisse Zeit gelassen, sich zu entwickeln, denn zu Beginn ist „Dragon Ball“ ja nicht gleich abgegangen wie eine Rakete, sondern hat sich für mehr als ein Jahr durchaus schwer getan.

CG: Ihr habt dann das Ruder komplett herumreißen können, entwickeltet Euch sogar zum Comic-Marktführer in Deutschland. Wie habt Ihr das hinbekommen? Staunst Du manchmal selber noch darüber?

JK: Über das Ausmaß des Erfolgs der letzten Jahre staune ich in der Tat immer noch. Dass Carlsen Comics 2002 alle früheren Rekordumsätze der über dreißigjährigen Geschichte um rund 300 % übertroffen hat, hätte anfangs keiner von uns für möglich gehalten. Ich glaube ehrlich gesagt auch, dass man eine solch extreme Entwicklung in seinem Leben vermutlich auch nur einmal erleben kann. Das lässt sich später prima mal den Enkeln am Elektrokamin erzählen, und sie werden Opa dann sicher „irgendwie cool“ finden. Darauf freu ich mich schon jetzt. 🙂

Aber im Ernst: Wie man das macht? Durch ein Teamplay, bei dem jedem einzelnen Spieler bewusst ist, wo seine persönlichen Stärken liegen und wie wichtig sein persönlicher Beitrag zum Gelingen des Ganzen ist. Nach außen wirken solche Erfolgsgeschichten immer so, als hätte irgendwer eben ein glückliches Händchen mit dem Programm gehabt. Das halte ich für kompletten Unsinn. Das Programm selbst macht bestenfalls 50 % des Erfolgs aus, wenn überhaupt. Viel wichtiger für den Erfolg war der Umbau der internen Strukturen, den wir von den meisten unbeachtet hinter den Kulissen vollzogen haben.

Carlsen Comics hatte zu Beginn die massive strukturelle Schwäche, dass es zwar eine Comic-Redaktion gab, alle anderen Arbeiten wie Herstellung, Vertrieb, Marketing und Pressearbeit aber in Abteilungen umgesetzt wurden, die allesamt für Comic und Kinderbuch gleichzeitig zuständig waren. Nun haben Comics und Kinderbücher ungefähr so viel gemein wie Kartoffeln und Handys, dadurch befanden sich die entsprechenden Leuten damals in einem täglichen Interessenspagat, der nicht aufzulösen war. An die angeblichen Synergieeffekte, die irgendwelche Planer sich am grünen Tisch aus solchen Strukturen versprechen, glaube ich dezidiert nicht.

Als Herr Humann, der damalige und heutige Verleger von Carlsen, mich nach dem Weggang von Andreas C. Knigge dann gefragt hat, ob ich mir vorstellen könne, die Leitung für den Comicbereich zu übernehmen, habe ich dem nur mit der Auflage zugestimmt, diese Strukturen ändern und Comic-Spezialisten in allen Bereichen benennen und anheuern zu dürfen, weil ich davon überzeugt bin, dass Leute einfach besser agieren können, wenn sie sich auf eine Sache konzentrieren können. So haben wir nach und nach einen „Verlag im Verlag“ aufgebaut, der am Ende auch ein eigenes Vertreterteam hatte – und damit kam der große Erfolg.

CG: Deinen Werdegang bei Carlsen kann man u.a. in dem älteren Comicgate-Interview aus dem Jahre 2001 nachlesen, das Fritz Saalfeld mal mit Dir geführt hat.
Ich hoffe, ich darf so frech sein und Dich bitten, das noch mal zu überfliegen. Könntest Du bitte kurz erzählen, was sich noch geändert hat und was anders gekommen ist, als Du es damals erwartet hast?

JK: Moment… bin mal kurz in meiner Leseecke… 🙂
[verschwindet für mehrere Stunden]
Hm… eines ist anders gekommen als erwartet. Trotz bestem Willen und enormem Engagement ist es uns ganz offensichtlich nicht gelungen, das Fantasy-Segment inklusive Magic Attack auf einem Level zu etablieren, den die Stoffe an sich verdient hätten. Finde ich immer noch schade…

CG: Hat man es eigentlich auch in der Comicszene, wenn man in der Position, in der Du warst, ist, mit Radfahrern (nach oben buckeln, nach unten treten) zu tun, oder geht da wirklich alles entspannter zu, wie man sich das vielleicht denken könnte?

JK: Auch wenn man es sich natürlich wünschen würde, unterscheidet sich die Welt der Comics gar nicht so sehr vom Rest der Welt. Radfahrer, Missgünstlinge, Hochstapler, Nörgler, Schlaumeier, Zuschaueraberniewasselbstmacher und andere unerfreuliche Menschen gibt es in der Comicszene genau so oft oder selten wie in allen anderen Bereichen, sogar innerhalb von Carlsen. Das finde ich an sich auch nicht ungewöhnlich, warum sollten Leute, die Comics machen, anders sein als alle anderen Menschen. Und die meisten dieser Menschen machen das ja nicht mal aus böser Absicht, sondern oftmals nur, weil sie sich ungeschickt anstellen.
Die Frage ist aber, wieviel Zeit man ihnen widmen möchte. Ich muss gestehen, dass meine Schmerzgrenzen sich da in den letzten Jahren deutlich verschoben haben, weshalb ich solchen Leuten, wo immer es geht, aus dem Weg zu gehen versuche, was ihnen dann wiederum die Gelegenheit gibt, mich arrogant zu finden. So sind am Ende alle glücklich. 🙂
Ich widme mich inzwischen eben lieber Leuten, die selbst etwas auf den Weg bringen wollen und dies auch aktiv betreiben, statt ihre Zeit damit zu vertrödeln, immer nur anderen zu erzählen, wie man es machen sollte. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder aus seinem Leben genau das machen kann, was er will und verdient hat, wenn er es ernsthaft anpackt und nicht rumjammert oder gar seine Zeit mit Intrigen verplempert, die am Ende ja doch auffliegen.
Klingt nach Sozialdarwinismus, meint aber vor allem, dass meines Erachtens zu viele Leute ihre Zeit mit Destruktion statt Konstruktion verbringen.

CG: Wenn Du auf Deine Zeit bei Carlsen zurückblickst: welche Entwicklungen tragen Deine persönliche Handschrift, um die Du vielleicht sogar kämpfen musstest? Haben sich welche im Rückblick als besonders glücklich oder unglücklich herausgestellt? Was lag Dir besonders am Herzen?

JK: „Persönliche Handschrift“ klingt wieder so, als könnte man irgendwas auf der Welt im Alleingang erreichen, woran ich nicht glaube.
Aber wenn es darum geht, wofür man mit anderen zusammenkämpfen musste, es den Kampf aber lohnte, sind es vor allem drei Sachen, an die ich gerne zurückdenke:

– der Aufbau einer eigenen Struktur für Comics im Verlag
– die Entwicklung der Magazinformel für Banzai und Daisuki, die inzwischen in vielen Ländern kopiert wird oder noch kopiert werden soll
– die konsequente Arbeit mit deutschen Zeichnern, auch wenn sich das vielleicht nicht immer auf den ersten Blick rechnet

Unglücklicherweise stehen zumindest zwei dieser drei Punkte für die Zukunft bei Carlsen in Frage, weil die Geschäftsführung für die kommenden Jahre andere Schwerpunkte setzen möchte, was – um auch das klarzustellen – ihr gutes Recht ist. Nur halte ich persönlich den neuen Kurs für falsch und bin deswegen ja auch gegangen.

CG: Diese „zwei Punkte“ sind sicherlich Nr. 1 und 3?

JK: Ja, das ist richtig.
Carlsen wird sicher auch weiterhin mit deutschen Zeichnern arbeiten, will sich aber offensichtlich auf die Autoren konzentrieren, die schnell zum Erfolg geführt werden können. Ich dagegen war immer der Meinung, dass man Geduld haben und in Kauf nehmen muss, dass man auch einige Fehlschläge produziert, bevor man Hits ernten kann.
Nicht alle Autoren haben das Glück einer Joanne K. Rowling, dass gleich der erste Versuch ein Megaseller wird. Akira Toriyama hat zum Beispiel eine ganze Reihe von Flops produziert, bevor er den meistverkauften Comic aller Zeiten gezeichnet hat. Hätte man ihn nach den ersten drei Versuchen bewerten wollen, hätte es „Dragon Ball“ nie gegeben.

CG: Zwei konkrete Fragen:
a) Flix hat sich, soviel ich weiß, sowohl mit „Radio Ohrgasmus“ wie auch mit „Held“ bei Carlsen vorgestellt. Letzteres wurde erst abgelehnt, um dann nach Veröffentlichung des ersten Bandes bei Zwerchfell doch noch als Gesamtwerk bei Carlsen zu erscheinen.
Kannst Du Dich noch an die Gründe der Absage erinnern, und wie kam es zu dieser Umorientierung?
b) Hast Du noch im Kopf, warum es 2001 keiner der „Teamwork“-Fantasycomics geschafft hat, Euer Interesse zu wecken?
War diese Aktion (an dieser Stelle ein Dankeschön, dass Ihr Euch überhaupt dafür interessiert habt!) ein Experiment, das schief ging und nicht wiederholt werden sollte, oder denkst Du, so ein bunt zusammengewürfeltes Team aus Deutschland könnte doch irgendwann seine Chance haben?

JK: zu a) Das ist sehr leicht zu beantworten: Als Flix „Held“ das erste Mal vorgestellt hat, wollte er gerne noch das Konzept der vier Heftchen umgesetzt sehen. Durch die Erfahrungen mit „Mabuse“ wussten wir aber, dass Carlsen für dieses Konzept der falsche Verlag war. Zudem haben wir uns wirklich immer bemüht, nicht unnötig in Konkurrenz zu anderen Verlagen, ob nun groß oder klein, zu treten. Also haben wir uns darüber gefreut, dass Zwerchfell das Projekt umsetzt und uns für „Radio Ohrgasmus“ entschieden.

Dann gab es aber Unstimmigkeiten zwischen Flix und Zwerchfell, zu denen man die beiden befragen sollte, und Flix stand wieder ohne Verlag für das Projekt da. Daraufhin sind wir dann mit dem Sammelband eingesprungen, weil es wirklich ein Jammer wäre, wenn dieser wundervolle Comic nicht verlegt worden wäre. Das war’s auch schon! 🙂

zu b) Der erste Anlauf, das seinerzeit umzusetzen, ist eigentlich aus zwei Gründen gescheitert: Bei den vorgestellten Konzepten stimmten aus unserer Sicht zwar immer einzelne Bausteine, aber sie waren noch nicht wirklich marktreif, das heißt, man hätte sehr viel Zeit investieren müssen, um die Konzepte noch zu verfeinern und weiter zu entwickeln. Genau in dieser Zeit waren wir aber leider auch chronisch unterbesetzt und haben einfach die Kurve nicht mehr gekriegt, diese Entwicklungsarbeit gleich mit mehreren Teams anzugehen, um herauszufinden, welches Konzept am Ende wirklich erfolgversprechend hätte werden können. Das war uns ehrlich gesagt ungemein peinlich und am Ende wohl auch für die betreffenden Autoren unbefriedigend.
Wenn man in dieser Art noch einmal einen Contest ausschreiben sollte, müsste man von vorneherein eine ganze Kraft einstellen, die das kontinuierlich betreuen kann, das habe ich aus der Aktion gelernt… Aber generell glaube ich fest daran, dass sich so etwas in Deutschland realisieren lässt und eines meiner letzten für Carlsen angeschobenen Projekte war (und ist) eine in Deutschland kreierte Studioproduktion, die nach meinem letzten Stand der Dinge tatsächlich auch in ganz Europa erscheinen wird. Vermutlich startet die Serie Anfang 2005, wenn alles so umgesetzt wird, wie es geplant war. An den Autoren wird es zumindest nicht scheitern, da bin ich mir sicher.

CG: Carlsen wurde immer mal wieder vorgeworfen, dass sie sich nur zögerlich dem deutschen Nachwuchs annehmen. Zwar immer mal wieder ein bisschen, aber nichts halbes und nichts ganzes. Richtig groß rausgekommen ist aus Deiner Zeit nur Robert Labs, oder? Wie siehst Du diesen Vorwurf?

Diesen Vorwurf habe ich nie verstanden. Carlsen hatte in meiner Zeit mit Abstand mehr deutsche Autoren unter Vertrag als alle anderen vergleichbaren Anbieter, auch wenn man sicher nicht alle als Nachwuchs bezeichnen kann. Und bei allen war seitens der Verlages die Bereitschaft da, alle Projekte mindestens über drei Bände hinweg zu, wie ich denke, fairen Konditionen umzusetzen und sie zu promoten, so gut es geht.
Ich zähle das gerne mal auf: Jin Baron, Harm Bengen, Tom Breitenfeldt, Eckart Breitschuh, Flix, Haggi, Jamiri, Katz & Goldt, die Greyhound Studios, Ole Könnecke, Isabel Kreitz, Robert Labs, Lutz Mathesdorf, Judith Park, Christina Plaka, Ralph Ruthe, Joscha Sauer, Kim Schmidt, Dirk Schulz, Christian Turk, Jan Velbinger, Nina Werner, Partick Wirbeleit, Delia Wüllner und Timo Würz – ich hoffe, ich hab jetzt niemanden vergessen…

Aber ich bin mit der Bilanz an sich ganz zufrieden. Zumal ich gerade am Ende meiner Zeit bei Carlsen gemerkt habe, dass nicht die Zahl der deutschen Zeichner alleine zählt, sondern viel stärker, wie man mit ihnen zusammenarbeitet. Wenn man es richtig machen will, kostet das sehr viel Zeit. Und dadurch sind der Menge dann einfach Grenzen gesetzt, weil auch für Comic-Redakteure, die ihren Job noch so lieben, der Tag eben nur 28 Stunden hat. 🙂

Speziell für den Nachwuchs haben wir zusammen mit der Leipziger Messe den Manga-Talentwettbewerb erdacht und umgesetzt, den ich für ein phantastisches Tool halte, um neue Talente zu entdecken. Und die dort entdeckten Zeichner und Zeichnerinnen sind und werden mit viel Trommelwirbel in hochauflagigen Magazinen einem großen Publikum vorgestellt und bringen auf den Signiertouren ganze Bahnhöfe zum Überlaufen. Was sollte man denn darüberhinaus noch machen…? O_o

Aber wenn jemandem was einfällt, ich nehme Tipps gerne entgegen.

 

Teil 3: Trennung von Carlsen, Zukunft bei Tokyopop

Comicgate: Im Dezember 2003 verlässt Du dann Carlsen (aus eigener Entscheidung, wenn ich das richtig verstehe). Laut Presseerklärung habt Ihr Euch nicht über die „Schwerpunktsetzungen im Programm und die Weiterentwicklung der Marktstrategien“ einigen können. Haben sich die Spannungen schon länger angedeutet, oder kam das eher spontan?
Hast Du lange überlegen müssen, ob Du diesen Schritt unternimmst? So eine Entscheidung tut ja sicherlich sehr weh.

Jo Kaps: Ja, diese Entscheidung hat sehr weh getan. Ich hing und hänge – so etwas verschwindet ja nicht einfach – an diesem Laden, seinen Mitarbeitern, den Projekten und Zeichnern. Deswegen fiel die Entscheidung auch nicht Knall auf Fall.
Die Geschäftsführung und ich haben ein gutes halbes Jahr mit uns gerungen und endlose Diskussionen darüber geführt, welche Wege wir in die Zukunft gehen wollen – und mussten am Ende feststellen, dass wir uns einfach nicht einig werden. Ich glaube, eine solche Position kann man nicht sinnvoll ausfüllen, wenn man nicht mehr hinter den Zielen des Hauses steht. Und die definiert nun einmal die Geschäftsführung.
Also habe ich die Konsequenzen gezogen und bin gegangen. Ich halte das noch immer für die einzig richtige Entscheidung in einer solchen Situation, weil unter einem ewig andauernden Richtungsstreit am Ende nur das Label und seine Mitarbeiter gelitten hätten. Und das wollte ich vermeiden. Nun können Herr Humann und Herr Kämpfe-Burghardt ihre Ideen umsetzen und den Comic bei Carlsen in ihrem Sinne gestalten. Ich drücke den beiden und allen verbleibenden Mitarbeitern die Daumen, dass die Konzepte aufgehen. Ich habe keinerlei Veranlassung, im Groll nach hinten zu schauen, die sieben Jahre waren eine wunderbare Zeit.

CG: Was heißt diese Erklärung jetzt konkret? Viele Leute gehen ja davon aus, dass der Verlag noch mehr auf Mangas setzen wollte, während Du – wie vorher auch – mal ein wenig über den kommerziellen Tellerrand schauen wolltest.

JK: Es ist immer wieder spannend zu sehen, was für Gedanken sich die Leute über solche Vorgänge machen und welche Gerüchte in Umlauf kommen, obwohl doch eigentlich recht klar gesagt war, wo unser Problem lag.
Es ging um die Zukunftsplanung – und damit nicht um irgend etwas, was man jetzt schon von außen sehen kann. Also ganz klar: Es ging nicht um die Frage Comic oder Manga oder Kunst gegen Kommerz – in diesen Fragen lagen wir gar nicht so weit auseinander.
Es ging eher um strukturelle Fragen wie z.B. ob ein Buchverlag ausschließlich Bücher verlegen muss oder ob die durchgeführte Strukturreform, von der ich oben sprach, auch für die Zukunft Bestand haben soll. Niemand würde eine solche Position aufgeben, weil er sich eine Manga-Serie mehr oder einen Schlumpf-Band weniger wünscht, das wäre Unsinn. So wurden auch keine Projekte abgelehnt oder gestoppt, so lange ich noch Verlagsleiter für den Comic war. Und nach all den Jahren wollte ich dann lieber gehen, bevor sich das ändert. 🙂

CG: Welche Gefühle hast Du nun gegenüber Carlsen? Dein Team weißt Du sicherlich noch immer sehr zu schätzen, aber bist Du auch verärgert oder verbittert? Schließlich hat es Carlsen Dir zu verdanken, dass sie heute der erfolgreichste Comicverlag am deutschen Markt sind, während sie noch vor ein paar Jahren beinahe dicht gemacht hätten.

JK: Das sehe ich anders. Die Erfolgsgeschichte von Carlsen Comics war ja nicht allein mein Verdienst, sondern eindeutig eine Teamleistung. Niemand kann so etwas alleine schaffen, auch wenn viele Leute in den Chefetagen das leider allzu oft vergessen.
Leitung, wie ich sie verstehe, ist am Ende eher eine Kraft, die das gesammelte Know How und die Ideen bündelt, sie aber nicht alleine schaffen muss. Die Mannschaft, mit der ich spielen durfte, hätte das sicher auch genauso gut ohne mich geschafft, aber zum Glück hat das keiner gemerkt. 🙂
Aber im Ernst: 35 Leute haben den Erfolg gebaut, und nun ist eben einer davon gegangen. Nicht mehr und nicht weniger ist passiert.

CG: Gibt es eigentlich Parallelen zu Deiner Trennung von Carlsen und des damaligen Weggangs von Andreas C. Knigge? Die Argumentation („keine Einigkeit über die Zukunft des Comic-Programms“) ist ja ähnlich.

JK: Als ich die Meldung das erste Mal zu Gesicht bekam, dachte ich auch, dass Carlsen die Formulierung anscheinend irgendwo als Textbaustein abgespeichert hat. 🙂

Aber im Ernst: Ich glaube, man sollte die Erklärungen in solchen Meldungen nicht allzu ernst nehmen, weil natürlich kein Unternehmen der Welt bei einer solchen Meldung ins Detail gehen würde, deswegen verwendet man dann solche Floskeln. Dennoch gibt es durchaus eine Parallele: Der Umstand, dass die Geschäftsführer bei Carlsen immer Leute waren, die sich stärker mit den Kinderbüchern als mit den Comics identifizieren konnten, macht jede leitende Funktion im Comic, ob sie nun Cheflektor oder Verlagsleiter heißt, zu einem schwierigen Unterfangen. Comics verkauft man an die jungen Leser selbst, Kinderbücher zumeist an ihre Eltern, Onkel und Tanten. Dadurch muss man, wenn man mit Comics erfolgreich sein will, fast alles anders machen als in einem Kinderbuchverlag. Und das führt anscheinend irgendwann zwangsläufig zu Konflikten…

CG: Mit welchen Gefühlen hast Du Andreas beerbt? Und wie ist Euer heutiges Verhältnis zueinander?

JK: Diese Formulierung mag ich nun so gar nicht. Man „beerbt“ niemanden, wenn man in einer Firma eine Position einnimmt, die zuvor ein anderer innehatte. Und ich hatte und habe viel zu viel Respekt vor den Leistungen von Andreas, als dass ich je vorgehabt hätte, sein „Erbe“ anzutreten. Zumal Andreas sich ja nicht in Luft aufgelöst hat, sondern noch immer aktiv im Comic mitmischt. Gerade wurden bei Europa und Gerstenberg wieder zwei neue Bücher von ihm angekündigt, auf die ich sehr gespannt bin. Also: Kein Erbe, sondern nur die Nachfolge in einer bestimmten Position.
Als Andreas damals ging, war Carlsen Comics ja zunächst auch etwa drei Monate „kopflos“, bevor ich gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, die Nachfolge anzutreten. Heute darf ich es ja auch gerne zugeben, dass ich die Hosen gestrichen voll hatte, als ich nach einiger Bedenkzeit diese Frage dann mit „Ja“ beantwortete, weil die Chancen 50:50 standen, dass ich ebensogut zum Totengräber meines Lieblingslabels hätte werden können, weil die Lage im Comic zu der Zeit wirklich nicht einfach war. Daran, dass ich Andreas und seine Arbeit schätze, hat sich für mich bis heute nichts geändert.
Persönlichen Kontakt haben wir allerdings keinen mehr. Ich glaube, da standen uns einfach die Abfolge der Ereignisse und eine Menge Missverständnisse im Wege, was ich noch immer bedaure. Aber ich muss natürlich akzeptieren, dass Andreas seine eigene Sicht der Dinge hat.

CG: In Verbindung mit Deinem Namen und dem Weggang von Carlsen hört man immer wieder die Stichworte „Einstellung „Monster Allergy““. Könntest Du Dich bitte zu dieser Serie – und wie sie gehandhabt wurde – äußern?

JK: Einen direkten Zusammenhang zwischen der Einstellung von „Monster Allergy“ und meinem Weggang gibt es nicht. Die Einstellung war nach dem schwachen Verkaufsstart auch meiner Meinung nach die richtige Entscheidung, weil sonst dem Thema unnötig Schaden zugefügt worden wäre. Auch die Kollegen von Red Whale in Italien waren mit uns der Meinung, dass ein Abbruch und – wie zumindest damals noch geplant – ein Neustart vernünftig ist.
Inzwischen steht nach meinen letzten Informationen aus Italien allerdings auch der Neustart in Frage, das hielte ich dann für einen Kardinalfehler. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass „Monster Allergy“ für den europäischen Comic ein bedeutsamer Schritt in die richtige Richtung ist, aber es kann eben auch vorkommen, dass man diesen Schritt einfach zu früh geht. Egmont kann davon mit Blick auf „Sailor Moon“ ja auch ein Liedchen singen.
„Monster Allergy“ wird noch ein Hit werden, davon bin ich überzeugt – ob nun bei Carlsen oder unter einem anderen Label. Worüber sich die Geschäftsführung von Carlsen bei solchen Projekten aber klar sein sollte, dass man Magazine nicht zum Erfolg führen kann, wenn man sie intern als Bücher mit einem niedrigen Verkaufspreis behandelt. Magazine folgen eigenen Gesetzen, brauchen andere Budgets, mehr Personal und einen längeren Atem, wenn man dieses Geschäft ernsthaft betreiben will.

CG: Hattest Du eigentlich nach dem Ende von Carlsen überlegt, ob Du Dich selbständig machen solltest oder aber aus dem Comicgeschäft zurückziehen möchtest?

JK: Als ich gegangen bin, hatte ich, ehrlich gesagt, überhaupt keinen Plan, was nun für mich folgen würde, da ich mich bis zur letzten Minute voll auf Carlsen Comics konzentriert hatte und immer noch hoffte, es würde sich ein Weg finden lassen, den alle gemeinsam gehen können. An sich wollte ich zuerst einige Wochen Auszeit nehmen, um in Ruhe zu überlegen, wie es weitergehen soll. Dann haben aber verschiedene Häuser sehr schnell Kontakt mit mir aufgenommen und mir konkrete Vorschläge unterbreitet, die ich sorgfältig geprüft habe. Dadurch habe ich dann recht schnell wieder nach vorne geschaut und Carlsen gedanklich hinter mir gelassen.

CG: Mit Deiner Aussage „Auch nach meinem Weggang bleibt Carlsen – zumindest bis Oktober 🙂 – mein All-Time-Favorite in Sachen Comics in Deutschland“ spielst Du sicherlich auf Deine Zukunft im Comicgeschäft an.
Was erwartet uns denn nun genau ab Oktober?

JK: Wie ich hoffe, der spannendste Comic-Verlag Deutschlands. Ich bin seit dem 1. März diesen Jahres Managing Director von Tokyopop Deutschland und bereite gerade den Aufbau des Verlags und den Launch des ersten Programms vor.

In den Vereinigten Staaten war Tokyopop in den letzten Jahren meiner Meinung nach DER entscheidende Impulsgeber im Comic-Markt, und ich bin stolz darauf, dass Stuart Levy und John Parker das Vertrauen in mich setzen, ihre phantastische Marke nun auch im deutschsprachigen Raum einzuführen.
Bei der Ausgestaltung dieses Ziels habe ich völlig freie Hand, das heißt, das Programm in Deutschland wird keine simple Kopie des amerikanischen Verlags, sondern kann auch ganz eigene Wege gehen.
Ich bin sehr glücklich darüber, dass mit Aranka Schindler, Stefanie Schnürer, Stefanie Schrader, Michael Schweitzer und Claudia Witt in den nächsten Monaten einige Leute zu Tokyopop wechseln werden, die in den letzten Jahren ganz entscheidende Beiträge zum Erfolg von Carlsen Comics geleistet haben. Zusammen mit ihnen und weiteren Mitarbeitern, deren Namen ich hier noch nicht alle nennen kann, wollen wir dem deutschen Comic-Markt entscheidende neue Impulse geben.

Der Oktober ist dabei ein wichtiges Datum, weil wir uns auf der Frankfurter Buchmesse erstmals der breiten Öffentlichkeit präsentieren und dem Publikum unser erstes Programm vorstellen werden. Wir starten mit acht bis zehn Titeln im Monat und bauen das Angebot dann Schritt für Schritt aus. Auch Eigenproduktionen sollen dabei ein wichtiger Bestandteil unseres Engagements werden.

CG: Du hast öfters betont, dass es nur ein Mann sei, der das Boot verlässt; das Team selber, das Carlsen zum Marktführer gebracht hat, bliebe ja bestehen. Nun erwähntest Du aber gerade diverse Namen (ehemaliger) Carlsen-Mitarbeiter, die mit Dir zu Tokyopop wechseln. Also ist das doch nicht so einfach, wie es vorher klang.
Wie kam es zu diesen Wechseln, und hast Du deswegen auch ein etwas mulmiges Gefühl gegenüber Carlsen?

JK: Mein Weggang von Carlsen und der nun einsetzende Wechsel einiger meiner besten Mitarbeiter von früher sind an sich zwei voneinander unabhängige Vorgänge, auch wenn dies seltsam klingt.

Drei Kollegen hatten bereits bei Carlsen gekündigt, bevor überhaupt feststand, dass es Tokyopop geben wird, weil sie wie ich mit dem neuen Kurs des Hauses unzufrieden waren. Erst nachdem sie bei Carlsen gekündigt hatten, habe ich Gespräche mit ihnen aufgenommen. Das wiederum haben die anderen beiden mitbekommen und sich dann ebenfalls zu diesem Schritt entschlossen.
Da ich mein gesamtes Team bei Carlsen, wie schon erwähnt, sehr geschätzt habe, hat mich das Interesse dieser Kollegen an meinem neuen Projekt aber natürlich mehr als gefreut. So kann Tokyopop vom Start weg mit einer Mannschaft arbeiten, die ein fundiertes Wissen über Manga hat und hohes Ansehen bei den japanischen Partnern genießt. Das ist ohne Frage ein echter Pluspunkt.
Ein mulmiges Gefühl gegenüber Carlsen habe ich nicht. Zum einen, weil solche Vorgänge in der deutschen Verlagswelt an sich nicht ungewöhnlich sind, zum anderen, weil ich davon überzeugt bin, dass auch Carlsen davon profitieren kann, wenn sich ein zusätzlicher Verlag in Deutschland für Comics und Manga stark macht.

CG: Ist auf dem deutschen Comicmarkt überhaupt noch Platz für neue Produkte?

JK: Auf jedem Markt ist Platz für neue Produkte, wenn sie gut gemacht sind und professionell vermarktet werden. Und in dieser Hinsicht darf man von Tokyopop durchaus einiges erwarten. Wir erhalten eine finanzielle und personelle Ausstattung, die sich sehen lassen kann. Und mit der wollen wir eine Menge neuen Schwung in den Markt bringen, von dem, so hoffe ich, durchaus auch die anderen Verlage profitieren werden.
Schon zu meinen Zeiten bei Carlsen habe ich mich darüber gewundert, wieso sich in Frankreich alleine 19 Verlage auf dem Markt tummeln, die Manga herausgeben, während es in Deutschland nur drei sind. Das Potenzial der Märkte ist dabei grundsätzlich miteinander vergleichbar, wenn es allen zusammen gelingt, die Aufmerksamkeit für das Medium Comic noch weiter zu steigern. Und dazu wollen wir unseren Beitrag leisten.

CG: Was ist Deiner Meinung nach das Besondere an den Comics, die Du von nun an betreust? Warum sollten sie die Leser interessieren?

JK: Über das konkrete Programm möchte ich an dieser Stelle an sich noch keine Details verraten, aber die Leser können sich auf ein wirklich spannendes, bunt gemischtes Programm freuen. Bislang ist in Sachen Manga ja nur ein winziger Bruchteil des Spektrums nach Deutschland gelangt, das japanischen Lesern zur Verfügung steht. Alleine da ist noch vieles zu erschließen.

Aber wie schon angedeutet wird unser Engagement nicht auf Manga beschränkt bleiben. Auch europäische und amerikanische Stoffe werden ihren Platz in unserem Programm finden, so lange sie sich an junge Zielgruppen wenden und ein modernes Gesicht haben. In den Staaten hat Tokyopop mit den Titeln zu Disney und Nickelodeon ja ebenfalls Stoffe im Programm, die nicht aus Japan kommen. Und neue Formen wie die Music-Manga, die in Kürze mit einem Buch über „Nelly“ an den Start gehen, sind ein nicht minder spannendes Format.

Ganz sicher wird im ersten Programm aber natürlich „Princess Ai“ vertreten sein. Wenn Courtney Love den Rahmen für eine Geschichte liefert, die mit DJ Milky ein amerikanischer Autor zur Serienreife bringt, dieses Konzept dann von einer japanischen Zeichnerin nach Charakter Designs von Ai Yazawa umgesetzt wird und das Ganze in Japan in „Wings“ zum Vorabdruck kommt, bevor die Bücher in Asien, den USA und Europa erscheinen, dann beschreibt ein solches Projekt für mich auf ideale Weise das Potenzial, das hinter Tokyopop steckt: kreative Ideen, die verschiedene Medien und Kulturen miteinander ins Gespräch bringen wollen. In solchen Themen liegt die Zukunft, davon bin ich überzeugt.

CG: Was gehört alles zu Deinem neuen Aufgabengebiet? Wieviel Verantwortung wurde Dir übertragen?

JK: Ich trage die komplette Verantwortung für das Geschäft im deutschsprachigen Raum. Natürlich wird die Mannschaft im engen Austausch mit unseren Büros in Los Angeles und Tokyo stehen, und ich glaube, wir können von diesem drei Kontinente verbindenden Netz auch alle sehr stark profitieren. Was am Ende in den einzelnen Ländern aber wie umgesetzt wird, wird jeweils dezentral vor Ort entschieden. Die Zeit der Verhandlungen auf dem Weg zur Gründung von Tokyopop Deutschland hat mir gezeigt, dass das auch keine leeren Sprüche sind, sondern gelebte Realität des Unternehmens ist. Und das macht die Gesamtstruktur in meinen Augen auch so stark.

CG: Es ist sicherlich spannend, noch einmal von vorne anzufangen. Worin siehst Du die besonderen Hausforderungen?

JK: Die größte Herausforderung besteht natürlich darin, in diesem Land zu dieser Zeit gegen den Strom des allgemeinen Jammerns anzutreten und unter Beweis zu stellen, dass Ziele sich erreichen lassen, wenn man es wirklich will. Erste Reaktionen aus dem Handel zeigen uns aber schon jetzt, dass der Mut, positive Signale gegen den Trend setzen zu wollen, alleine schon mit sehr viel Wohlwollen goutiert wird. Alle warten ja auf positive Zeichen – und wir wollen und werden für den Comic in Deutschland ein solches Zeichen setzen.

CG: Wie kam es zum Kontakt mit Deinen neuen Arbeitgebern, und wann kristallisierte sich diese neue Beschäftigung für Dich heraus?

Tokyopop hat mich genau zwei Tage nach meinem letzten Arbeitstag bei Carlsen angerufen und Gespräche vorgeschlagen. Seit diesem Tag waren wir in ständigem Kontakt. Parallel dazu gab es zu Beginn, wie schon erwähnt, auch Gespräche mit anderen Häusern, aber nach etwa vier Wochen zeichnete sich doch sehr klar ab, dass die Herausforderung des Neuaufbaus von Tokyopop Deutschland fast schon eine logische Folge meines bisherigen Weges ist. Unsere Vorstellungen über die Weiterentwicklung des Comic-Marktes liegen einfach enorm dicht beieinander, und ich bewundere die Energie und den Sachverstand des Teams in den Staaten und in Japan.
Den endgültigen Ausschlag hat dann ein Besuch im Büro in Los Angeles gegeben, weil mich das, was ich dort gesehen und erlebt habe, wirklich nachhaltig beeindruckt hat. Ich glaube, dass ich in der Zusammenarbeit mit den Kollegen auch für mich noch sehr viel lernen kann, was mich einfach reizt. Dieser Verlag ist so unglaublich rührig und entwickelt hinter den Kulissen derzeit so viele phantastische neue Projekte, dass ich unbedingt ein Teil des Unternehmens werden und meinen Beitrag zu seinem weiteren Aufstieg leisten wollte.
Und jetzt freue ich mich unbändig darüber, dass die aufregendste Zeit meines Lebens in der Welt der Comics zu meiner eigenen Überraschung vor und nicht hinter mir liegt. 🙂

CG: Danke für die ausführliche Beantwortung der Fragen, Jo!
Ich wünsche Dir und Deinem neuen Team alles Gute für Euren Start und die Zukunft.

JK: Danke! 🙂

Legg, Barnaby

Der britische Independent-Verlag “Flameboy Comics“ hat sich an ein heikles Thema gewagt: nicht nur wird die Lebensgeschichte eines real existierenden Menschen nacherzählt, bei dieser Person handelt es sich um den legendenumwobenen Nirvana-Sänger Kurt Cobain (Biografie), der sich 1994 im jungen Alter von 27 Jahren das Leben nahm.
Dabei hielten sich die Autoren nicht nur an Fakten, sondern flochten noch einige spekulative Punkte ein.

Das Risiko ist hoch: einerseits gibt es immer noch tausende von Nirvana- und Cobain-Fans, die argwöhnisch über ihr Idol wachen, andererseits liegt der Gedanke auf der Hand, dass man hier vielleicht einfach durch fragwürdige, dem Anstand widersprechende Methoden Aufmerksamkeit erregen will.

Um näheres über die Motivation und die Emotionen, die in diesem Projekt stecken, zu erfahren, baten wir den Zeichner Flameboy und einen der beiden Autoren, Barnaby Legg, um einige Stellungnahmen.

Comicgate: Wer hat alles an „Godspeed“ mitgearbeitet?

Barnaby Legg: Der Comic wurde von Jim McCarthy und mir geschrieben, Flameboy hat die Zeichnungen gemacht.

CG: Könnt Ihr uns ein bisschen über „Flameboy Comics“ erzählen?

Flameboy: Der Verlag wurde im Jahre 2000 von Steve Beaumont gegründet. Steve ist hauptberuflich für Storyboards zuständig. Ihm gefällt aber meine Arbeit so sehr, dass er „Flameboy Comics“ ins Leben gerufen hat, so dass ich meine Ideen präsentieren kann. Mittlerweile bin ich für den Verlag alleine verantwortlich.
Ich würde schon gerne mehr Zeit damit verbringen, Comics zu zeichnen und sie zu veröffentlichen, damit sie mehr Leute lesen und ihnen hoffentlich etwas Unterhaltung bieten können.

CG: Welche Bedeutung hat der Titel „Godspeed“?

BL: Für mich hat dieser Titel zwei Bedeutungen. Zuerst ist er natürlich Ausdruck des schmerzhaften Abschieds von Kurt (“Godspeed“=“Viel Glück!“) und seinem musikalischen Talent, das der Welt zu einem Zeitpunkt genommen wurde, an dem es schien, als dass er noch so viel mehr zu geben hätte.

 Die zweite, etwas subtilere Bedeutung ist eine Anspielung auf Kurts beinahe gottgleichen Status, den er bei manchen extremen Fans hat. Wie bereits John Lennon vor ihm, der fast eine religiöse Bedeutung für seine Fans oder „Anhänger“ hatte, so war auch Kurt auf einer Droge, an die wir Normalsterblichen noch nicht mal zum Ausprobieren rankommen: die der absoluten Beweihräucherung und Lobpreisung.
In diesem Sinne spielt der Titel (und das Titelbild, das Kurt als Engel, der am Ende seiner Kräfte ist, zeigt) auf „God Speed“, das überwältigende Rauschgefühl, wenn man der Sprecher einer ganzen Generation ist, an.
Eine Droge, mit der Kurt vielleicht nicht umgehen konnte.

CG: Seid Ihr denn überhaupt Nirvana-Fans?

BL: Und ob! Ich selber bin ein Fan der ersten Stunde, seit ich ihre erste Single „Love Buzz“ auf „Radio 1's John Peel Show“ gehört habe, Anfang der Neunziger.

CG: Was sind Fakten, was ist erfunden? Kann der Leser den Unterschied erkennen?

BL: Ich habe viel Zeit damit verbracht,den jeweils allgemeingültigen Versionen von Ereignissen nachzugehen und dabei diejenigen, die meiner Meinung nach Schlüsselmomente in Kurts Leben waren, herauszuarbeiten.
Als ich mit der sehr zeitaufwendigen Recherche begann, habe ich alles gelesen, was nicht schnell genug auf den Bäumen war; das heißt, ich habe mir so ziemlich jede Kurt-Cobain-Webseite und all die Bücher durchgelesen. Außerdem habe ich mich recht intensiv mit der weltweiten Fangemeinde auseinandergesetzt und in den Newsgroups oder ähnlichen Gemeinschaften relativ provokante Fragen gestellt, um ein Gefühl für die Empfindsamkeiten zu bekommen.
Auf diese Weise haben wir uns Stück für Stück dem Mythos genähert und ihn für uns definiert; er basiert sowohl auf Gerüchten aus Fankreisen wie auch auf Tatsachen.

Darüber hinaus ist der Comic in erster Linie Kunst, keine Biografie. Nachdem ich mir überlegte, dass die ganze Geschichte als eine Art Traum kurz vor seinem Tod an Kurts geistigem Auge vorbeiziehen könnte, wurde uns klar, dass wir genügend Freiheit hatten, um mit mehr symbolischen Ideen herumspielen zu können und so der Geschichte etwas besonderes zu geben.

CG: Wieviel Zeit ist zwischen der ersten Idee und dem fertigen Comic vergangen?

BL: Ich schrieb die erste grobe Zusammenfassung (darüber, wie wir meiner Meinung nach den Comic angehen sollten) Anfang 2002. Das endgültige Skript war im August 2002 fertig, und Flameboy hat in diesem Sommer seine Zeichnungen fertiggestellt.

CG: Flameboy, wie war es für Dich, „Godspeed“ zu zeichnen? War das nur „einer von vielen Jobs“?

FB: Am Anfang habe ich gezögert, den Auftrag für „Godspeed“ anzunehmen. Es gibt genug offensichtliche Gründe, um sich unsicher zu sein, ob das Projekt überhaupt eine gute Idee ist. Um ehrlich zu sein war ich knapp davor, das Ganze abzublasen. Ed Chartelier (einer der Hauptverantwortlichen, die das Projekt auf die Beine gestellt haben) hat mich schließlich überzeugt, mitzumachen. Ich schätze mal, dass ich mir Gedanken darüber gemacht habe, ob ich Kurt Cobain Unrecht tue. Ich hoffe, dass seine Fans das nicht von mir denken, das ist wirklich nicht meine Absicht gewesen.

 Nein, „Godspeed“ war nicht nur irgendein Job. Es war eine Herausforderung. Wenn ich versagt hätte, dann wäre das vielleicht die Besiegelung jeglicher Hoffnungen von mir gewesen, jemals in der Comicbranche erfolgreich zu werden.
So aber war es hilfreich, denn es hat mir auch persönlich geholfen, meine Vergangenheit, in der ich abhängig war und einen recht exzessiven, zerstörerischen Lebensstil geführt habe, zu verarbeiten. Das alles war eine sehr intensive Erfahrung für mich.

CG: Ich schätze mal, dass einige Leute „Flameboy Comics“ bezichtigen, dass Ihr Kurt Cobains Andenken missbraucht, nur um Aufmerksamkeit zu erregen. Was erzählt Ihr diesen Leuten?

BL: Das ist eine interessante Frage, denn meine erste Reaktion, die vermutlich wie die auch die vieler anderer Leute ausgefallen wäre auf die Idee, ob sie einen Comic über Kurt Cobain machen wollten, war, dass es zu früh ist. Die Narben sind noch nicht verheilt. Dass Kurts Selbstmord, relativ gesehen, noch nicht weit genug zurückliegt, um seine Geschichte neu zu erzählen, sie zu modifizieren und sie eher zu einem Kunstwerk zu machen denn die Fakten aufzulisten.
Schließlich aber dachte ich mir: „Warum? Warum ist es jetzt noch zu früh? An welchem Punkt ist solch ein tragisches Ereignis in genug Geschichte begraben, damit man darüber reden und es neu erforschen kann?“ Dann dachte ich „Scheiß drauf, das könnte richtig gut werden.“

Natürlich muss man das Thema „Kurt Cobain“ vorsichtig angehen. Schließlich behandeln wir hier reale Menschen und eine tatsächlich geschehene Tragödie und bringen trotzdem unsere eigenen Ansichten bis zu einem gewissen Grad mit ein. Dadurch, dass ich Kurt in erster Person die Geschichte erzählen lasse, versuche ich nicht, ihm Worte in den Mund zu legen, sondern den Leser mehr an den Menschen heranzuführen, der er war. Trotzdem war ich entschlossen, das Ganze auf eine neue Art und Weise zu erzählen. Als jemand, der so ziemlich alle Bücher über Cobain gelesen hat, wurde ich der immer gleichen Dinge überdrüssig.
Ich hoffe, dass der Comic den Leuten, die das gleiche wie ich über Kurts Geschichte denken, neu und erfrischend erscheint.

Ich glaube, dass es immer wieder die gleichen Reaktionen zu dem Comic gab. In vielen Foren wurde er von jemandem kritisiert, nur um dann von anderen Besuchern verteidigt zu werden.
Das ist eigentlich das, worauf wie gehofft hatten; die Leute scheinen den Comic entweder zu lieben oder zu hassen. Das einzige, was nervt, ist, wenn man hört, dass er „okay“ ist.

CG: Gab es eigentlich rechtliche Probleme?

BL: Bis jetzt noch nicht!

Ergänzung: Seit Februar 2004 gibt es Godspeed auch auf deutsch, verlegt vom Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag.

 

links

Flameboy Comics

Website von Flameboy

Artikel (Spiegel Online)

Webseite des dt. Verlags

Godspeed bei Amazon (dt.)

Godspeed bei Amazon (engl.)

 

Flameboy

Der britische Independent-Verlag “Flameboy Comics“ hat sich an ein heikles Thema gewagt: nicht nur wird die Lebensgeschichte eines real existierenden Menschen nacherzählt, bei dieser Person handelt es sich um den legendenumwobenen Nirvana-Sänger Kurt Cobain (Biografie), der sich 1994 im jungen Alter von 27 Jahren das Leben nahm.
Dabei hielten sich die Autoren nicht nur an Fakten, sondern flochten noch einige spekulative Punkte ein.

Das Risiko ist hoch: einerseits gibt es immer noch tausende von Nirvana- und Cobain-Fans, die argwöhnisch über ihr Idol wachen, andererseits liegt der Gedanke auf der Hand, dass man hier vielleicht einfach durch fragwürdige, dem Anstand widersprechende Methoden Aufmerksamkeit erregen will.

Um näheres über die Motivation und die Emotionen, die in diesem Projekt stecken, zu erfahren, baten wir den Zeichner Flameboy und einen der beiden Autoren, Barnaby Legg, um einige Stellungnahmen.

Comicgate: Wer hat alles an „Godspeed“ mitgearbeitet?

Barnaby Legg: Der Comic wurde von Jim McCarthy und mir geschrieben, Flameboy hat die Zeichnungen gemacht.

CG: Könnt Ihr uns ein bisschen über „Flameboy Comics“ erzählen?

Flameboy: Der Verlag wurde im Jahre 2000 von Steve Beaumont gegründet. Steve ist hauptberuflich für Storyboards zuständig. Ihm gefällt aber meine Arbeit so sehr, dass er „Flameboy Comics“ ins Leben gerufen hat, so dass ich meine Ideen präsentieren kann. Mittlerweile bin ich für den Verlag alleine verantwortlich.
Ich würde schon gerne mehr Zeit damit verbringen, Comics zu zeichnen und sie zu veröffentlichen, damit sie mehr Leute lesen und ihnen hoffentlich etwas Unterhaltung bieten können.

CG: Welche Bedeutung hat der Titel „Godspeed“?

BL: Für mich hat dieser Titel zwei Bedeutungen. Zuerst ist er natürlich Ausdruck des schmerzhaften Abschieds von Kurt (“Godspeed“=“Viel Glück!“) und seinem musikalischen Talent, das der Welt zu einem Zeitpunkt genommen wurde, an dem es schien, als dass er noch so viel mehr zu geben hätte.

 Die zweite, etwas subtilere Bedeutung ist eine Anspielung auf Kurts beinahe gottgleichen Status, den er bei manchen extremen Fans hat. Wie bereits John Lennon vor ihm, der fast eine religiöse Bedeutung für seine Fans oder „Anhänger“ hatte, so war auch Kurt auf einer Droge, an die wir Normalsterblichen noch nicht mal zum Ausprobieren rankommen: die der absoluten Beweihräucherung und Lobpreisung.
In diesem Sinne spielt der Titel (und das Titelbild, das Kurt als Engel, der am Ende seiner Kräfte ist, zeigt) auf „God Speed“, das überwältigende Rauschgefühl, wenn man der Sprecher einer ganzen Generation ist, an.
Eine Droge, mit der Kurt vielleicht nicht umgehen konnte.

CG: Seid Ihr denn überhaupt Nirvana-Fans?

BL: Und ob! Ich selber bin ein Fan der ersten Stunde, seit ich ihre erste Single „Love Buzz“ auf „Radio 1's John Peel Show“ gehört habe, Anfang der Neunziger.

CG: Was sind Fakten, was ist erfunden? Kann der Leser den Unterschied erkennen?

BL: Ich habe viel Zeit damit verbracht,den jeweils allgemeingültigen Versionen von Ereignissen nachzugehen und dabei diejenigen, die meiner Meinung nach Schlüsselmomente in Kurts Leben waren, herauszuarbeiten.
Als ich mit der sehr zeitaufwendigen Recherche begann, habe ich alles gelesen, was nicht schnell genug auf den Bäumen war; das heißt, ich habe mir so ziemlich jede Kurt-Cobain-Webseite und all die Bücher durchgelesen. Außerdem habe ich mich recht intensiv mit der weltweiten Fangemeinde auseinandergesetzt und in den Newsgroups oder ähnlichen Gemeinschaften relativ provokante Fragen gestellt, um ein Gefühl für die Empfindsamkeiten zu bekommen.
Auf diese Weise haben wir uns Stück für Stück dem Mythos genähert und ihn für uns definiert; er basiert sowohl auf Gerüchten aus Fankreisen wie auch auf Tatsachen.

Darüber hinaus ist der Comic in erster Linie Kunst, keine Biografie. Nachdem ich mir überlegte, dass die ganze Geschichte als eine Art Traum kurz vor seinem Tod an Kurts geistigem Auge vorbeiziehen könnte, wurde uns klar, dass wir genügend Freiheit hatten, um mit mehr symbolischen Ideen herumspielen zu können und so der Geschichte etwas besonderes zu geben.

CG: Wieviel Zeit ist zwischen der ersten Idee und dem fertigen Comic vergangen?

BL: Ich schrieb die erste grobe Zusammenfassung (darüber, wie wir meiner Meinung nach den Comic angehen sollten) Anfang 2002. Das endgültige Skript war im August 2002 fertig, und Flameboy hat in diesem Sommer seine Zeichnungen fertiggestellt.

CG: Flameboy, wie war es für Dich, „Godspeed“ zu zeichnen? War das nur „einer von vielen Jobs“?

FB: Am Anfang habe ich gezögert, den Auftrag für „Godspeed“ anzunehmen. Es gibt genug offensichtliche Gründe, um sich unsicher zu sein, ob das Projekt überhaupt eine gute Idee ist. Um ehrlich zu sein war ich knapp davor, das Ganze abzublasen. Ed Chartelier (einer der Hauptverantwortlichen, die das Projekt auf die Beine gestellt haben) hat mich schließlich überzeugt, mitzumachen. Ich schätze mal, dass ich mir Gedanken darüber gemacht habe, ob ich Kurt Cobain Unrecht tue. Ich hoffe, dass seine Fans das nicht von mir denken, das ist wirklich nicht meine Absicht gewesen.

 Nein, „Godspeed“ war nicht nur irgendein Job. Es war eine Herausforderung. Wenn ich versagt hätte, dann wäre das vielleicht die Besiegelung jeglicher Hoffnungen von mir gewesen, jemals in der Comicbranche erfolgreich zu werden.
So aber war es hilfreich, denn es hat mir auch persönlich geholfen, meine Vergangenheit, in der ich abhängig war und einen recht exzessiven, zerstörerischen Lebensstil geführt habe, zu verarbeiten. Das alles war eine sehr intensive Erfahrung für mich.

CG: Ich schätze mal, dass einige Leute „Flameboy Comics“ bezichtigen, dass Ihr Kurt Cobains Andenken missbraucht, nur um Aufmerksamkeit zu erregen. Was erzählt Ihr diesen Leuten?

BL: Das ist eine interessante Frage, denn meine erste Reaktion, die vermutlich wie die auch die vieler anderer Leute ausgefallen wäre auf die Idee, ob sie einen Comic über Kurt Cobain machen wollten, war, dass es zu früh ist. Die Narben sind noch nicht verheilt. Dass Kurts Selbstmord, relativ gesehen, noch nicht weit genug zurückliegt, um seine Geschichte neu zu erzählen, sie zu modifizieren und sie eher zu einem Kunstwerk zu machen denn die Fakten aufzulisten.
Schließlich aber dachte ich mir: „Warum? Warum ist es jetzt noch zu früh? An welchem Punkt ist solch ein tragisches Ereignis in genug Geschichte begraben, damit man darüber reden und es neu erforschen kann?“ Dann dachte ich „Scheiß drauf, das könnte richtig gut werden.“

Natürlich muss man das Thema „Kurt Cobain“ vorsichtig angehen. Schließlich behandeln wir hier reale Menschen und eine tatsächlich geschehene Tragödie und bringen trotzdem unsere eigenen Ansichten bis zu einem gewissen Grad mit ein. Dadurch, dass ich Kurt in erster Person die Geschichte erzählen lasse, versuche ich nicht, ihm Worte in den Mund zu legen, sondern den Leser mehr an den Menschen heranzuführen, der er war. Trotzdem war ich entschlossen, das Ganze auf eine neue Art und Weise zu erzählen. Als jemand, der so ziemlich alle Bücher über Cobain gelesen hat, wurde ich der immer gleichen Dinge überdrüssig.
Ich hoffe, dass der Comic den Leuten, die das gleiche wie ich über Kurts Geschichte denken, neu und erfrischend erscheint.

Ich glaube, dass es immer wieder die gleichen Reaktionen zu dem Comic gab. In vielen Foren wurde er von jemandem kritisiert, nur um dann von anderen Besuchern verteidigt zu werden.
Das ist eigentlich das, worauf wie gehofft hatten; die Leute scheinen den Comic entweder zu lieben oder zu hassen. Das einzige, was nervt, ist, wenn man hört, dass er „okay“ ist.

CG: Gab es eigentlich rechtliche Probleme?

BL: Bis jetzt noch nicht!

Ergänzung: Seit Februar 2004 gibt es Godspeed auch auf deutsch, verlegt vom Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag.

 

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Flameboy Comics

Website von Flameboy

Artikel (Spiegel Online)

Webseite des dt. Verlags

Godspeed bei Amazon (dt.)

Godspeed bei Amazon (engl.)

 

Flash-Cartoons in alter Tradition

Neue Wege der Satire bei der Netzeitung

Animierte Zeichnungen üben auf mehr Leute als nur Angehörige unserer Nischenspezies eine Faszination aus, hauchen sie den doch ansonsten starren Figuren Leben ein. Auch Karikaturen oder gezeichnete Satire, wie sie z.B. des öfteren in den großen Tageszeitungen zu finden sind, sind in unserer Gesellschaft anerkannt und werden, oft im Gegensatz zu Comics, auch gerne von Erwachsenen gelesen.
Was liegt also näher, als diese beiden Elemente miteinander zu verbinden?
Als das für eine derartige Umsetzung geeignetste und aktuellste Medium bietet sich sicherlich das Internet an, durch das sich z.B. mit dem Flash-Format viele Möglichkeiten ergeben.
Nur, wem fallen jetzt spontan aktuelle, die Politik und die Gesellschaft kritisch betrachtende animierte Satirecartoons ein?
Eben.

Aber es gibt so etwas. Und zwar schon seit mehreren Jahren. Wochentag für Wochentag.

Aktualisierung: Der Artikel stammt vom September 2003, die Flash-Cartoons der Netzeitung wurden Anfang 2007 eingestellt.

 

Still und klammheimlich hat die Netzeitung das größte deutsche Flashcartoon-Archiv aufgebaut. Und zwar nicht mit Hilfe von erfahrenen Karikaturisten, sondern mit Comiczeichnern, von denen der ein oder andere Name Euch vielleicht bekannt vorkommt. Mit dabei waren oder sind Timo Würz, Karsten Schreurs, Bernd Schifferdecker, Peng + Go, Jan Rieloff, Thomas Gilke sowie Elke Reinhart und Gerhard Schlegel von Laska Comix.

In diesem Special stellen wir Euch dieses interessante Projekt vor. Dazu haben wir alle momentan beteiligten Künstler interviewt, deren Antworten im Anschluss zu finden sind.

Zur Einführung haben wir mit Timo Wirth, dem zuständigen Redakteur, gesprochen.

Er ist seit Januar 2001 Mitarbeiter bei der Netzeitung, die er als „einzige general interest, internet-only Zeitung in Deutschland“ mit dem Ziel, „minütlich aktuell Qualitätsjournalismus im Internet zu betreiben“ beschreibt und dabei hauptsächlich für Benutzerführung, Navigation, Konzeption und HTML-Produktion zuständig ist. Das Projekt „politische Flashcartoons“ findet er aber so interessant, dass er es noch nebenbei mitbetreut.

Die Idee zu den Flashcartoons kam überraschenderweise direkt aus der Chefredaktion. So sollte eine alternative und künstlerische Komponente eingebracht werden, die „die Möglichkeiten des Mediums Internet ausnutzt“ sowie „politisch und satirisch ist“. So gingen die Cartoons direkt zusammen mit der restlichen Netzeitung an den Start. Das war im Oktober 2000.
Dabei hat sich Timo Würz als erster verewigt mit der Folge „Wer ist der neue US-Präsident: Warten auf der Wahlergebnis in den USA“.

Der Kontakt zu den anderen Künstlern kam komplett über Timo Würz zustande, der sie dafür interessieren konnte, die Flashprogrammierung zu erlernen. Die weitere Entwicklung gestaltete sich durch einen Prozess, der einerseits aus learning by doing und andererseits aus Feedback der Redaktion und der Leser bestand und natürlich auch noch besteht. Momentan sei das Team mit fünf Cartoonisten (Timo Würz, Karsten Schreurs, Laska Comix, Thomas Gilke und Jan Rieloff) gut eingespielt, so dass kein akuter Bedarf bestehe, aber prinzipiell seien neue Zeichner willkommen. Man habe sich bewusst für Comiczeichner entschieden, so Timo Wirth weiter, um eine chaotischere Alternative zu der politischen und strengen Karikatur zu erhalten. Trotzdem werden sie in der Tradition der klassischen Zeitungskarikatur gesehen, nur dass sie durch filmische und interaktive Möglichkeiten erweitert sind, die neue spielerische und satirische Ausdrucksformen ermöglichen.

„Die Themen ergeben sich aus der tagesaktuellen Politik- und Entertainment-Agenda“, erklärt er. „Bei der Auswahl und bei der Umsetzung haben die Cartoonisten völlig freie Hand. Ab und an gibt es Rückfragen von Cartoonisten, ob ein solches Thema interessant wäre oder der Cartoon zu anstößig sei. Manchmal schlage ich auch mal ein Thema vor.“ Und obwohl sich kein Zeichner auf bestimmte Richtungen festlegt, kristallisieren sich natürlich im Lauf der Zeit Vorlieben für bestimmte Stile oder aber auch Lieblingspolitiker heraus.

Wie ist das eigentlich, wurden auch schon mal Cartoons abgelehnt? „Klar. Allerdings kommt dies immer seltener vor. Ab und an wird mal noch was nachgebessert oder optimiert. Die Cartoonisten haben mittlerweile ein gutes Gefühl für politische Relevanz. Der brillante Mustercartoon ist tagespolitisch relevant, erzählt eine spannende Geschichte mit filmischen Mitteln, ist satirisch und hat einen überraschenden Schluss. Weitere Zutaten für mehr Raffinesse sind karrikierte Protagonisten und ein bisschen Interaktivität. Natürlich gibt es auch gute Cartoons, die gerade diese Kriterien nicht erfüllen.“

Mittlerweile findet man bereits um die 600 Flash-Cartoons im Archiv der Netzeitung. Das ansonsten „eher spärliche Angebot bei deutschen Nachrichtensites“ führt Timo darauf zurück, „dass in deutschen Printprodukten Comicstrips kein fester und etablierter Bestandteil ist. Außer, wenn es sich um Dilbert handelt.“ Im Ausland sähe das schon etwas anders aus. So gäbe es aus den USA Dutzende von Cartoonseiten. Timos Empfehlung: “Animation Express“ von Wired.

Und? Kommt das Konzept an? Wie reagieren die Leser auf die Flashcartoons der Netzeitung? „Die häufigste Frage momentan ist: Gibt es noch mehr Robbotodd-Cartoons von Laska? Außerdem nervt es viele Leser, wenn der Cartoon plötzlich unaufgefordert Sound von sich gibt und sie nicht wissen, woher er kommt. Ansonsten sind die Cartoons sehr beliebt. Viele Abonnenten haben den täglichen Cartoon auch in Ihrer E-Mail-Zeitung abonniert.“
Timos persönlicher Favorit war übrigens die Zeitungshundserie. Er vermisse den Hund, sagt er.

Direktlink zum Flashcartoon-Archiv der Netzeitung

Interviews mit den Zeichnern

Wir haben den momentan für die Netzeitung arbeitenden Flashcartoonisten acht Fragen gestellt (für Laska Comix antwortete Elke Reinhart). Außerdem findet Ihr durch Klicken des Namens eine Kurzbiografie inklusive einer Übersicht aller bis jetzt gezeichneten Cartoons. Weiter unten ergibt sich durch eine verlinkte Grafik jeweils ein Beispielcartoon.

Comicgate: Was macht Deiner Meinung nach einen guten Cartoon aus?

Timo Würz: Im NZ-Kontext sollte er tagesaktuell sein, witzig, und für Skurrilität bin ich immer zu haben.

 

 

Laska Comix: Hm … Inhaltlich: Dass am Ende etwas passiert, was man nicht erwartet hätte – im optimalen Fall etwas Lustiges. Je kürzer und reduzierter, desto besser.
Äußerlich: Er soll halt g'schmeidig ausschau'n!

 

 

Thomas Gilke: Naja, zuallererst mal, dass er „gut“ ist, also 'ne witzige Idee hat. Logisch. So richtig gut wird er dann allerdings nur, wenn er auch formal sowohl stimmig als auch interessant, bestenfalls überraschend ist … will meinen, es sollte auf jeden Fall schon rausgehen über einfaches von-Bild-zu-Bild-Durchklicken. Muss ja trotzdem keine Disney-Animation sein … 

Karsten Schreurs: Er kommt schnell und eingängig auf den Punkt, klärt komplexe Sachverhalte mit minimalsten Mitteln, kommentiert – und ist bestenfalls auch noch amüsant …

 

 

Jan Rieloff: Eine Situation herzunehmen und sie in einen überraschenden neuen Kontext zu setzen.

 


Kannst Du uns den Entstehungsprozess eines Cartoons von Dir beschreiben? Wieviel Zeit benötigst Du im Durchschnitt dafür?

TW: Wenn ich sage, wie lange (oder kurz) ich dafür brauche, wird mein Honorar gekürzt. :o)

LC: Hm … Extrem unterschiedlich:
Fall 1 (ideal): „Oh, ich habe eine Idee!“ – an den Rechner setzen – fertig = 2 Stunden.
Fall 2 (nicht so ideal): „Oh nein, schon wieder eine Woche um – mir fällt nix ein! Mir fällt nix ein! Hat irgendjemand eine lustige Idee?!?!?!“ – Immer noch nix – Immer noch nix – lustlose Web-Suche – schon mal mit der Intro-Nummerierung anfangen – immer noch nix … = 6 Stunden?

TG: Erstmal braucht es natürlich eine Idee (was ja manchmal fast das Schwerste ist). DANN geht's ins Netz, Recherche und Material zusammenklauben: ich mach ja eigentlich immer so Collage-Sachen. DANN das „Rohmaterial“ (aus-)sortieren und montieren, bis man alle einzelnen Elemente zusammen hat (Hintergründe, Köpfe, Arme, naja, was man halt von Fall zu Fall so braucht). DANN rein mit dem Ganzen in Flash, animieren. DANN ab zur Netzeitung.
Und die Frage mit der Zeit, die ist ehrlich gesagt ziemlich schwer zu beantworten… Ab wann sollte man die Zeit denn rechnen? Ab der Idee? Oder erst im Flash? Zumindest kann ich so viel sagen: manchmal gehts unglaublich flott, manchmal – Ihr werdet lachen – nicht.

KS: Hat man eine Idee, ist das Schlimmste schon vorbei: mit der Idee steht und fällt der Cartoon. Meistens mache ich mir schon am Vortag Gedanken über den Cartoon, denn leider ist es ja nicht so, dass man alles verwenden kann, was einem so zufliegt. Oft drückt man sich also was aus dem Hirn. Es passiert aber auch oft, dass man fünf Minuten vor dem ersten Strich plötzlich *den* Einfall hat.
Dann wird gezeichnet: komplexe Elemente wie Köpfe o.ä. skizziere ich auf Papier vor, scanne sie ein und zeichne sie in Flash nach. Weniger detaillierte Zeichnungen wie Hintergründe, Münder o.ä. werden dagegen direkt in Flash gezeichnet, dabei separiere ich Teile der Figuren schon so, wie ich später animieren möchte. Sind alle Elemente vorhanden, beginne ich mit dem Animieren, das im Schnitt genauso viel Zeit beansprucht wie das Zeichnen.
Ich brauch' für einen Cartoon locker bis zu fünf Stunden – ich bin da wohl auch etwas perfektionistisch, aber weil halt auch mein Name dabei steht, will ich da nichts hinrotzen…dafür machen mir die meisten Cartoons auch zuviel Spaß, als dass ich sie irgendwie runternudeln möchte.

JR: Erstmal halte ich mich die Woche über auf dem Laufenden, und zumeist entsteht dann eine kleine Idee während dieser Zeit. Dann wird sie hin und her gewälzt, ob sie machbar ist, wieviele Einzelteile zu zeichnen sind usw. Der tatsächlich messbare Arbeitsprozess liegt dann je nach Aufwand zwischen vier und fünf Stunden. Ich habe auch schon mal acht Stunden an einem gesessen, aber das ist eher die Ausnahme.


Was ist für Dich das Reizvolle an animierten Cartoons, und wo liegen die Nachteile?

TW: Ehrlich gesagt reizte mich an dem Projekt weniger das Cartoonmachen, sondern eher die Herausforderung, ein solches tägliches Animationsprojekt von Null ab innerhalb eineinhalb Wochen auf die Beine zu stellen und in der Zeit betriebsbereit zu kriegen. Hat ja geklappt. Danke an alle Zeichner nochmal. Und an Perikles! Das Projekt war vor allem am Anfang, in der Organisationsphase, eine gute Übung für weitere große Projekte, die ich jetzt mitbetreuen darf. Bei der Netzeitung durfte ich'n bissel üben. Hat ja auch alles toll geklappt, wie gesagt.

LC: Vorteil: Sie bewegen sich! Sie können quietschen! ICH bestimmte, wer was wann sieht (nicht wie beim Comic, bei dem wohlmöglich Leute das Ende zuerst lesen!!!!)
Nachteil – zeichnen geht manchmal schneller …

TG: Reizvoll ist vor allem, dass man – Wunder der Technik! – selbst in der Lage ist, Trickfilme zu „drehen“; wenn man sich mal überlegt, was das vor gar nicht mal allzulanger Zeit noch für ein Riesenaufwand gewesen ist. Für den Leser ist das, denk' ich mal, auch toll, einen Kurzfilm geboten zu kriegen. Man kann ja auch plötzlich filmische Effekte einsetzen, die im Comic so nicht möglich wären: Kamerafahrten, Sounds, so was eben, und natürlich Buttons, d.h. die Leser können teilweise mehr oder weniger aktiv in einen Film eingreifen.
Nachteile? Es ist ja nicht so leicht zu vergleichen, Animation und Comic ist ja dann doch nicht dasselbe. Vielleicht, dass manchmal eine Animation überhaupt nicht nötig wäre und eine Pointe fast besser in einem einzigen Bild funktionieren würde: sozusagen übers Ziel hinausgeschossen.

KS: Das Reizvollste für mich ist die enge Verwandschaft zum Trickfilm und dass ich mich da mit geringem Aufwand an filmischen Mitteln bedienen kann in einem Umfang, der für mich vor Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Es macht halt Laune, seine eigenen kleinen „Filme“ zu basteln, aus dem eher starren Korsett des Comics auszubrechen und ein diktatorisches Erzähl-Medium zu verwenden.
Der Nachteil liegt natürlich an dem damit verbundenen größeren Aufwand. Zuweilen wird ein Cartoon auch nur in der Erzählweise gestreckt, der als Einzelbild dann vermutlich besser funktioniert hätte.

JR: Das Reizvolle ist das Nachdenken über die nötigen Bewegungsprozesse und die Möglichkeit, filmische Techniken wie Schnitte, Zooms, erklärende Totalen oder Ähnliches anzuwenden. Es entsteht also tatsächlich jedesmal ein kleiner Kurzfilm. Der Nachteil liegt darin, dass es bei manchen Gags unnötig ist, einen Cartoon zu animieren, weil man alles, was er beinhaltet, auch auf einem gezeichneten Blatt wie in der gedruckten Tagespresse darstellen könnte. Dann muss die Idee durch Bewegung gestreckt werden, manchmal geht dabei etwas an Dichte oder „Scherztempo“ verloren.


Wie motiviert man sich, jahrelang jede Woche einen „Kurzfilm“ abzuliefern? Gehen Dir manchmal die Ideen aus?

TW: Ideen gehen mir nie aus. Hab eher zu viele.
Ich empfinde dies als tolle Möglichkeit, regelmäßig vor Publikum mit dem, was ich eh mache, meinen Senf zur Politik und zum Tagesgeschehen abzugeben.

LC: Motivation A: Aus Spaß an der Freud, aus Ergeiz, es jede Woche erneut zu schaffen.
Motivation B: Das Geld.
JA!

TG: Nun, man macht das Ganze ja nicht rein zum Spaß! Geld gibt's natürlich auch für die Cartoons. Dass man nicht immer gleich motiviert ist, ist auch klar. Aber bei welchem Job ist man das schon?
Besonders zäh wird's, wenn einem einfach nix einfallen will. Damit ist die Frage 2 wohl auch beantwortet: Ja. Mir gehen manchmal die Ideen aus. Bei manchen Cartoons merkt man, glaub ich auch, dass sie nur sehr krampfig entstanden sind … wirklich GAR NIX eigefallen ist mir bis jetzt allerdings noch nie was, Gott sei dank!

KS: Der finanzielle Aspekt spielt natürlich eine nicht unwichtige Rolle. Irgendwann entwickelt man aber auch so 'ne Art Routine bzw. Verantwortungsbewusstsein und macht sich schon eher automatisch an die Arbeit. Manche Cartoons machen auch weniger Arbeit, wenn einem die jeweilige Thematik liegt, dann geht's wie von selbst – andere Cartoons dagegen zicken mächtig rum. .. Diese Launen sind halt das Schlimmste … 😉

JR: Ich bin jung und brauche das Geld … Ich habe mich daran gewöhnt, einmal die Woche zu liefern, es macht Spaß, und immerhin haben alle NZ-Cartoonisten über die Jahre einen ganz schönen Backkatalog abgeliefert. Mich macht das stolz, die Liste zu sehen, es ist ein bisschen wie Tagebuch zeichnen.
Die Ideen gehen mir eigentlich nicht aus, aber es gibt eben gute und weniger gute, je nach Form. Zur Not kann man immer noch ein prominentes Gesicht verzerren.


Gibt es Themen, zu denen Dir nichts sonderlich Interessantes einfallen würde bzw. die Dich selber nicht interessieren, und die Du deshalb nie in Deinen Cartoons behandeln würdest?

TW: Boulevardklatsch törnt mich voll ab. Kein Boris und Effe bei mir!

LC: Eindeutig Politik – Leute karikieren ist nicht meine Sache, und ich rege mich über Politik zu sehr auf…

TG: Äh … weiß nicht … man sucht sich die Themen ja schließlich selber aus, von daher stellt sich das Problem nicht wirklich… mir fällt auf Anhieb gerade leider nichts Uninteressantes ein … vielleicht Aktienkurse? Mathematische Spezialfälle? Die Deklination von „Sauna“ im Schwedischen im Vergleich zum Alt-Persischen?

KS: Nein – ich hab' eigentlich zu allem 'ne Meinung. 🙂
Die einzige Schere im Kopf schnippelt aus Rücksicht auf die Netzeitung, die ja lieber ein großes Publikum bedienen als das TITANIC-Magazin-Klientel, also ist man da eher brav unterwegs. Nachvollziehbar, aber trotzdem bedauer' ich es zuweilen schon, keine Cartoons basteln zu können, die mal „weh“ tun …

JR: Wenn mir Bekannte ganz begeistert versichern, dass die Geschichte, die sie gerade erlebt haben, doch einen ganz tollen Cartoon abgeben würde, weil sie unheimlich witzig ist, dann fällt mir dazu garantiert nichts ein. Ansonsten muss man ja auch gewisse Geschmacksrichtlinien beachten, Witze über Jürgen
Möllemann wären jetzt z.B. unangebracht.


Verpflichtet man sich, für eine Mindestzeit für die Netzeitung zu zeichnen, oder läuft das alles nach Lust und Laune?

TW: Ausstieg nicht möglich. :o)
Mich trifft's ja besonders hart: Wenn jemand ausfällt oder irgendwas gaaaaanz schnell gemacht werden muss, krieg ich'n Anruf. Ist aber immer der grösste Spaß.

LC: Hm … Vom Timo hört man da fantastische Best-Zeiten, in dem ein Cartoon entsteht … Bei mir ist es eher so, dass ich etwas Bestimmtes machen möchte, was den Aufwand eigentlich nicht rechtfertigt, aber das ist mir egal, weil es meine generelle Arbeitsauffassung ist. Manchmal ist viel los und dann muss der Cartoon schnell, schnell gehen – meist ist das Ergebnis dann auch nicht so berauschend, manchmal bin ich dann doch überrascht, mit wie einfachen Mitteln ein akzeptabler Cartoon rauskommt – liegt glaube ich am Inhalt: Ist der Inhalt schwach, muss das Drumherum aufgebrezelt sein …

TG: Ach, ich bin eigentlich nicht der Ansicht, dass ein Cartoon nur dann gut sein kann (und darum sollte es ja gehen), wenn man mindestens soundsolang dran gearbeitet hat. Abgesehen davon kann ich gar nicht so schnell arbeiten, dass ich nur so kurz bräuchte, dass ich ein schlechtes Gewissen haben müsste.

KS: Im Grunde läuft das nach „Lust und Laune“. Aber die erwähnte Routine, das Team und die Netzeitung als Portal – das hält einen schon bei der Stange. 🙂

JR: Die Netzeitung lässt uns da freie Hand. Hauptsache, der Cartoon ist qualitativ und inhaltlich auf einem für die Zeitung vertretbaren Stand.


Hast Du schon mal Leser-Mails zu Deinen Cartoons bekommen? Wenn ja, für welchen Cartoon, und wie war diese Resonanz?

TW: Yup, öfters schon. Weiß aber nicht mehr auswendig, zu welchen.

LC: Nope … Doch, eine: Eine Beschwerde, dass, wenn man den Ton ausschaltet, die Geräusche im Film trotzdem noch kommen … Das stößt aber an die Grenzen meiner Flash-Erfahrung …

TG: Ja, hab ich … das war für einen Stoiber-Cartoon irgendwann, der hat gefallen, und einmal ein Lob für meine Serie zur Wahl, „Krieg der Kanzler“. Und dann nochmal für einen ziemlich bitteren Putin-Cartoon, als das Musical-Theater in Moskau von Tschetschenen besetzt wurde… dazu gab's auch positive Resonanz, der Schreiber war von irgendeiner Stadtzeitung (aus dem Ruhrgebiet, glaube ich) und hat meinen Cartoon nochmal „unter die Lupe genommen“, so was freut einen natürlich, wenn man merkt, dass jemand wirklich über einen Cartoon weiter nachdenkt!
Und dann gab's auch noch die von uns selbst angeforderte Resonanz in Form von „Lösemails“, als wir, Laska Comix, Timo Wirth und ich den Netzeitungshund entführt hatten, eine super Idee von der Elke übrigens!

KS: Das Feedback auf einzelne Cartoons hält sich bei mir eher in Grenzen. Ab und an möchte jemand eine kleine Zeichnung oder so – ich freu' mich aber immer wieder, wenn andere Websites wie www.perlentaucher.de einen meiner Cartoons verlinken.
Die größte Resonanz hab' ich mal zufällig beim Googlen entdeckt: auf einer Anti-Castor-Website hat man sich ziemlich über einen „primitiven“ Cartoon von mir aufgeregt, wo ein Castor-Gegner als Demo-Warm-Up versucht, einen ICE zu stoppen. Ich war schon erstaunt, dass ausgerechnet solche Leute wohl weniger Spaß verstehen als so mancher Politiker … 😉

JR: Zu zwei Cartoons habe ich aufgebrachte Leserkritiken bekommen. Die erste ist schon länger her: Da sitzt ein Skelett im Lehnstuhl und bekommt die Nachricht, dass die Zwangsarbeiterentschädigung endlich ausgezahlt wird. Das fand der betreffende Leser geschmacklos. Bei dem zweiten spielte Möllemann als Kind verkleidet mit einem Jojo, auf dem ein Hakenkreuz prangt, und bekommt von dem Jojo beim Hochrollen eine verpasst und geht zu Boden. Da ging es um das Flugblatt, das er herausgebracht hatte. Und man kann erraten, wie die Kritik lautete: geschmackloser Einsatz eines Hakenkreuzes an unpassender Stelle. Trotzdem war ich stolz auf die Resonanz, immerhin gab es jemand, der die Cartoons zur Kenntnis genommen hat und dass man immer noch anecken kann.


Hast Du einen persönlichen Lieblingscartoon (bei den eigenen und bei den Kollegen)?

TW: Ich habe festgestellt, dass die meisten Cartoons am Tag des Erscheinens am besten funktionieren (ist ja auch Sinn der Sache). Mit Abstand sind wenige relevant. Ich liebe Gurkes Sachen!

LC: Nope – über jeden Cartoon, in dem mir die Optik oder der Inhalt gefällt, freu ich mich! Außerdem bin ich auf die ganze Cartoonisten-Crew der NZ ziemlich stolz: so viiiiiiiiiiele Cartoons inzwischen! Und ich denke, wir sind alle ein Stück weiter gekommen und besser geworden!

TG: Ehrlich, da fällt mir jetzt kein spezieller Cartoon ein, aber es gibt natürlich immer wieder Lieblinge … ach doch, die neue
Gemeinschafts-Soap „So oder so ist das Leben“ finde ich spannend, weil die Geschichte sich so anarchisch entwickelt und unsere doch jeweils sehr unterschiedlichen Stile aufeinenderprallen.
Bei meinen eigenen Cartoons gibts natürlich auch Lieblinge, aber teilweise auch, weil ich irgendwas meiner Meinung nach technisch elegant gelöst habe… aber das ist für jeden anderen ziemlich langweilig.

KS: Ich mag' Slapstick in Cartoons sehr gerne – bei anderen und bei mir. Diese überraschenden und aktionsbetonten Momente funktionieren mMn in Flash besonders gut …

JR: Am besten hat mir die Zusammenarbeit mit allen anderen Cartoonisten an der Fortsetzungsgeschichte am Adventskalender 2002 gefallen. Das war wirklich herausfordernd, weil man den Nachfolgecartoonisten mit einem Cliffhanger völlig im Stich lassen konnte und sich einen gegrinst hat, wie der jetzt da wohl wieder herauskommen will. Es hat immer geklappt und es ist eine herrliche,teilweise zum Schreien komische, absurde Fortsetzungsgeschichte daraus geworden.

weiterführende Links:

Animation im Internet: riesige Fundgrube an Links (z.B. zu Flash-Tutorials) und Informationen, entstanden aus dem Hauptseminar „Animation im Internet“ des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig

Cinemawork: laut Webseite „die älteste Flashcomic-Werkstatt Deutschlands“, nämlich im Jahre 1997 vom Flashcartoon-Zeichner und Medienkritiker Timothy Speed ins Leben gerufen

Interview mit Timothy Speed: Dieses Interview hat das Magazin „Dr. Web“ vor etwa zwei Jahren mit Timothy Speed geführt. Aktualisierung: Interview ist nicht mehr online. Kurzzusammenfassung hier, Website des Künstlers hier.

Flash-Surftipps: interessante Links von Dr. Web

Die 50 besten Flash-Seiten: zusammengetragen von comic-surf


Marvels Nazi-Schurken

Allen, die sich weitergehend mit dem Thema des realen Zweiten Weltkrieg, beziehungsweise dem Dritten Reich, ausführlicher auseinandersetzen möchten, sei Ian Kershaws “Hitler” empfohlen, das einen sehr soliden Gesamtüberblick über diese Epoche gibt. Etwas stringenter geschrieben und nicht ganz so komplex sind die Bücher und TV-Sendungen Guido Knopps zu diesem Thema, insbesondere die “Hitlers Helfer” Bücher bieten einen guten Einstieg. In Comicform ist sicherlich “Maus” von Art Spiegelman lesenswert, das den Zweiten Weltkrieg, insbesondere den Holocaust, aus der Perspektive eines polnischen Juden darstellt, ebenso wie “Berlin” von Jason Lutes, das einen Blick auf das Alltagsleben in den letzten Jahren der Weimarer Republik wirft. Hierbei ist allerdings eine gewisse Vorbildung in Sachen deutscher Geschichte sicherlich empfehlenswert, da die historischen Ereignisse als Hintergrund der Handlung dienen und nicht genauer erklärt werden.


In the Beginning…

Das Superheldenzeitalter brach für Marvel im Oktober 1939 mit “Marvel Comics #1” an (auch wenn der Verlag zu dieser Zeit noch nicht Marvel Comics hieß, sondern die Comics als Timely Comics und später als Atlas Comics über die Ladentheke gingen. Der Einfachheit halber stelle ich diese hier unter den Begriff Marvel Comics). In “Marvel Comics #1” fanden zwei der wichtigsten Superhelden Marvels den Weg in die Comicwelt. The Torch, die erste Fackel (ein Android, der als Vorlage für die Fackel, die später bei den Fantastischen Vier vorkommen sollte, diente), ebenso wie Namor, the Sub-Mariner.

Bevor ich allerdings genauer auf diese beiden eingehe ein kleiner Abstecher um den Hintergrund etwas besser zu verstehen in welchen diese beiden Figuren hineingeboren wurden:
Zum Erscheinungstermin von “Marvel Comics #1” hatte sich in Deutschland (bzw. dem Deutschen Reich) der Nationalsozialismus bereits festgesetzt und seine Linie klar dargestellt. Zunächst hatte Hitlers NSDAP keine großen Veränderungen im politischen Status Deutschlands vorgenommen, seit 1935 revidierte jedoch Hitler den Versailler Vertrag schrittweise und öffentlich durch die Wiedereinführung der Wehrpflicht oder die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes (1936). Am meisten hatten jedoch bereits zu dieser Zeit die Juden unter Hitlers Politik zu leiden: das “Reichsbürgergesetz” und das “Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre” vom 15. September 1935 boten die rechtliche Grundlage für die Diskriminierung der Juden in Deutschland (“Ein Jude kann nicht Reichsbürger sein.”, wie dies eine Durchführungsverordnung vom 14. November 1935 klarstellte), die den nächsten Höhepunkt in der “Reichspogromnacht” (bzw. “Reichskristallnacht”, wie es zynisch genannt wurde) finden sollte, in der die SA auf Geheiß der NSDAP die Zerstörung jüdischer Geschäfte und Synagogen in ganz Deutschland durch das Volk organisierte und daraufhin die Juden für die Schäden finanziell aufkommen ließ und 30.000 Juden in Konzentrationslagern internierte (9./10. November 1938).

Während diese Rechtsbrüche primär im Inneren Deutschlands stattfanden, begannen sich bald auch in Hitlers Politik nach Außen hin seine Intentionen zu zeigen. Beim “Münchner Abkommen”, im September 1938, wurde das Sudetenland an Deutschland abgetreten, sofern Deutschland für die Sicherheit der Resttschechoslowakei garantierte. Der Garantie zum Trotz eroberte Deutschland im März 1939 eben diese. Im Zuge der Appeasement-Politik Großbritanniens (unter Premier Neville Chamberlain) blieb dies ohne Folgen – und die Wehrmacht marschierte am 1. September 1939 in Polen ein (kurz darauf marschierte die UdSSR von der anderen Seite her ein, was die UdSSR zuvor durch einen Nichtangriffspakt mit Nazideutschland vereinbart hatten). Frankreich und Großbritannien erklärten dem deutschen Reich den Krieg (allerdings ohne Polen militärisch beizustehen), die USA erklärten sich für neutral.

The Impact on Comics

Das deutsche Reich erfüllte also zum Erscheinungstermin von “Marvel Comics #1” bereits alle Voraussetzungen, um als weit mehr als ein bloßer “Schurkenstaat” zu gelten, und dies machte sich auch in den Comics bemerkbar. Superheldencomics waren zu dieser Zeit noch in ihren Krippenjahren; die meisten Aspekte des Superheldencomics, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. Storybögen, psychologische Leitmotive, echte charakterliche Tiefe… all das sollte erst im “Silver Age” der Comics zum Vorschein treten. Besonders auffällig an den Comics der späten 1930er/frühen 1940er Jahre ist das oftmalige Fehlen der traditionellen Superschurken (wobei einige Helden dennoch bereits eine Schurkengallerie aufbauten, so etwa Superman). Stattdessen zogen Superhelden oft und gerne in den Krieg. In dieser Hinsicht fällt auch auf, dass es das “Nicht Töten”-Leitmotiv, das später moralischer Anker für die meisten Superhelden werden sollte, hier nicht gab. Dass Superhelden Maschinengewehre oder Bazookas verwendeten war keine Seltenheit.

Das deutsche Reich bot sich als Gegner für die Superhelden demnach geradezu an. Allerdings hatten sich die USA für neutral erklärt, und dieser Erklärung folgten auch die meisten Comicschaffenden. Statt das deutsche Reich direkt als Gegner zu benennen, verwendete man oftmals Spottversionen, die allerdings schnell auf den wahren Hintergrund hindeuteten. Die Kämpfe, in denen die Superhelden mitmischten, fanden meist in Europa statt, DCs Superman trat gegen Panzer an, auf denen Kreuze zu sehen waren (wenn auch weiß und ohne Haken), und in Superman #10 (Mai/Juni 1941) erklärte der dukalianische Führer Karl Wolff auf einem Sportfest: „You have seen them perform physical feats, which no other human can. Proof, I tell you, that we Dukalians are superior to any other race or nation.”. Eine eindeutige Anspielung auf Hitler bei den olympischen Spielen 1936, wobei die Athleten von Hitlers Herrenrasse hier ironischerweise von Jesse Owens (einem Afro-Amerikaner, einem Mitglied einer – nach Nazitheorie – “minderen Rasse”) auf die hinteren Ränge verwiesen worden waren.

Viele jüdische Comicschaffende befanden sich in einer Zwickmühle. Einerseits wollten sie mit ihren Comics einen Bezug zu den unterdrückten Juden sowie zu den anderen Völkern, die unter dem deutsch-italienisch-russischen Militarismus zu leiden hatten, schaffen und diesen zumindest indirekt beistehen, andererseits war da immer noch die Sache mit der Neutralität. Hinzu kam das Problem, dass es durchaus einflussreiche Amerikaner, auch in führenden Positionen, gab, die mit Hitlers Politik und dem Nationalsozialismus liebäugelten (Henry Ford war einer davon, er schenkte Hitler zu dessen Geburtstag immer einen neuen Ford… bis zum Ende des Krieges, also selbst als die USA offiziell eingetreten waren) und die darum gegen jede Form der Kritik an Nazideutschland waren. Das vielleicht bekannteste Beispiel für diese Problematik lässt sich außerhalb der Comics in Hollywood finden: “Der große Diktator” von Charles Chaplin.

Chaplin, selber Jude, entschied sich, einen Film zu machen, mit dem er auf die Unterdrückung der Juden in Europa aufmerksam machen und Hitler sowie dessen Regime der Lächerlichkeit preisgeben wollte [zu diesem Zeitpunkt ahnte man noch nichts von dem wahren Ausmaß von Hitlers “Judenpolitk”]. Dies plante Chaplin 1939/40, also zu einer Zeit, als die USA offiziell noch neutral waren. Chaplin wurden beim Drehen des Filmes von obersten Stellen viele Steine in den Weg gelegt, da die Kritik am Nationalsozialismus zu deutlich sei und auch amerikanische Nazisympathisanten traf. Ihm wurde sogar angedroht, er würde nie wieder einen Job in Hollywood finden, machte er den Film.

Chaplin schaffte es zuletzt, seinen Film zu drehen und ging mit “Der große Diktator” endgültig in die Filmgeschichte ein. Aber auch er verwendete die Methode der, zumindest oberflächlichen, Verschlüsselung. Aus Adolf Hitler wurde Adenoid Hynkel, der Diktator von Tomanien, das unter dem Zeichen des Doppelkreuzes stand (ein englisches Wortspiel: “Double-Cross” = “doublecross” = betrügen, hintergehen). Wenn Chaplin, der sich in Hollywood immerhin einen Namen durch erfolgreiche Filme gemacht hatte (z.B. “City Lights” oder “Modern Times”), schon mit derartigem Druck zu tun hatte, wenn es um die Einbindung des Dritten Reiches ging, wie groß musste dann der Druck sein, der auf einem kleinen Comicschaffenden lastete?

Comics go to War

Die Stimmung in Amerika begann sich allerdings im Jahre 1940 zu ändern. Die USA selber hatten sich von ihrer Wirtschaftskrise und Schwächephase der späten 20er und frühen 30er Jahre längst erholt (dank Franklin Delano Roosevelts “New Deal”) und begannen nun ihre isolationistische Position, die sie 1918 nach dem Ende des ersten Weltkrieges wieder eingenommen hatten, aufzubrechen. Das lag auch an der Entwicklung des Krieges in Europa. Das deutsche Reich (inzwischen zusammen mit Japan und Italien zur Achsenmacht geworden) eroberte Luxemburg, die Niederlande, zwang Frankreich in den Besatzungsstatus und begann den “Battle of Britain” (Luftschlacht über England), welcher der Vorbereitung der Invasion in England dienen sollte. Hierbei wurde von deutscher Seite aus auch Bombardement gegen Zivilzentren vorgenommen. Die Auslöschung ganzer Ortschaften bezeichnete Propagandaminister Paul Joseph Goebbels damals nach der Zerstörung eines Großteil des Ortes Coventry höhnisch als “coventrieren”.

Diese Entwicklung des Krieges war ein Aspekt, der dafür sorgte, dass Timely Comics dem Deutschen Reich offiziell den Krieg erklärte. Der andere Grund lag an der Behandlung der Juden im Deutschen Reich… immerhin war ein großer Teil von Timely Comics Belegschaft jüdischen Glaubens. Herausgeber Martin Goodman beauftragte daraufhin Joe Simon und Jack Kirby (dessen richtiger Name Jacob Kurtzberg war) mit der Schaffung eines neuen Superhelden. Und am 20. Dezember 1940 (wobei das Heft auf März 1941 datiert war) erschien “Captain America #1”. Ein ungewöhnliches Vorgehen, denn normalerweise wurden Superhelden damals zunächst als Zweitserie in anderen Heften erprobt.

Und Captain America sollte das “Golden Age” offiziell einleiten. Fast alle bisher erschienenen Superhelden zogen nun gegen Nazideutschland in den Krieg, eine ganze Heerschar später erfundener Helden sollte es ihnen gleich tun. Timelys wichtigste “Weltkrieger” waren allerdings die Fackel, Namor (dessen Atlantis nun von Hitler bedroht wurde) und eben erwähnter Captain America. Der Comic hielt sich keineswegs so zurück wie das bisher der Fall gewesen war, sondern ging in die Offensive. Gleich auf dem ersten Cover durfte der Captain dem Führer – eindeutig zu erkennen, inklusive Hakenkreuzarmbinde und einer Karte auf dem Tisch, die die USA darstellte (!) – einen Schwinger verpassen. Der Comic wurde auch aufgrund seiner Verkaufszahlen zum Vorbild, fast 1.000.000 Hefte wurden von dieser Ausgabe verkauft.

Die Captain-America-Comics lebten vor allem von Kirbys Stil, auch wenn sie im Vergleich zu den heutigen Comics simpel wirken mögen. Das Schwarz-Weiß-Gut-Böse-Schema war klar, die Rollen verteilt. Die Nazischaren bestanden zumeist aus Stereotypen (der klassische Heinz oder Fritz Krautfresser, wenn man so will) oder seltsamen Monstrositäten in Naziuniform (wozu sicher auch der “Red Skull” zu zählen ist, der es schaffte, den Weltkrieg zu überdauern und zu Caps wichtigstem Feind aufzusteigen). Die Geschichten fußten zumeist darauf, dass der Captain dabei half, etwas “kriegsentscheidendes” zu tun, etwa eine Nazistellung zu zerstören, geheime Dokumente zurückzubeschaffen oder aber eine junge Dame – bzw. seinen Sidekick Bucky – aus den Fängen der Nazis befreien musste, die sich hier gerne verhielten wie klassische Schurken aus den Kino-Serials der 1920er und ihre Opfer in verschiedensten Fallen fesselten. Gleich in Captain America #2 retteten Captain America und Bucky einen britischen Bankier aus den Händen des Führers persönlich.

Allerdings waren Superheldencomics zu der Zeit, wie gesagt, noch jung und die klassischen Elemente der Superhelden-Oper existierten noch nicht. Zudem diente Captain America als eine Vorbildfigur, mehr als alle anderen in den Krieg ziehenden Superhelden. Der einzige legitime Vergleich wäre Superman, der ab September 1941 auch offiziell in den Krieg zog und – ebenso wie der Captain – eine Personifikation uramerikanischer Werte darstellte. Die Cover von Superman konzentrierten sich nun auch auf die Patriotismuswelle, egal ob Superman mit Adler auf dem Arm vor einem amerikanischen Schild posiert, Lois Lane, mit amerikanischen Soldaten (Sea, Air, Land) flanierte und zu diesen sagte: “You are my Supermen.” oder Superman in Überlebensgröße Hitler und Hirohito am Schlawitchen packt.

Superman hatte allerdings bestimmte Nachtteile. Anders als Captain America war er kein echter Amerikaner, sondern ein Außerirdischer. Zudem konnte Superman nicht aktiv in den Krieg eingreifen, dafür war er zu unverwundbar, zu mächtig. Superman hätte den Krieg binnen weniger Minuten beenden können (wie er es in einer “Was wäre wenn?”-Story auch tat, indem er Stalin und Hitler packte und sie dann vor den Völkerbund [der Vorläufer der heutigen U.N., obwohl ungleich wirkungsloser] zur Aburteilung brachte… dass das eine simplifizierte Ansicht des Problems “Krieg” war, ist klar). Darum ließ man bei DC Superman an der Heimatfront kämpfen. Seinen Eignungstest für die US Army verbockte Clark Kent, als er durch seinen Röntgenblick die falsche Tafel beim Sehtest las… nämlich die im nächsten Raum. Superman war somit 4-F (untauglich) und durfte weiterhin in Metropolis gegen seine klassische Schurkengarde antreten, deutsche Agenten in Amerika bekämpfen oder später als Techniker der Air Force (und damit den Lesern einen Einblick in die Tätigkeitsbereiche jenseits der Soldaten bieten) und Kriegsberichterstatter arbeiten.

Captain America hingegen war ein Soldat, der Seite an Seite mit den Soldaten kämpfte. Und so sollte sein Erfolg mit offiziellem Kriegseintritt der USA noch größer werden. Neben Rip-Offs von anderen Kompanien entstanden auch Spin-Offs der Serie, so kämpften die Sidekicks von Captain America und der Human Torch (Bucky und Toro), zusammen mit Whitewash (einem klischeehaft dargestelltem Afro-Amerikaner) ab 1941 als “Young Allies”. Noch vor Kriegseintritt allerdings feuerte man Kirby und Simon bei Timely Comics, nachdem Goodman erfahren hatte, dass sie nebenher für National Comics arbeiteten. Stan Lieber (Stan Lee), Goodmans Neffe, der in Captain America bereits seine erste eigene Geschichte veröffentlicht hatte, sollte sie nun in ihren Positionen ersetzen.

This means War

Am 7. Dezember 1941 bombardierten japanische Truppen ohne vorherige Kriegserklärung die amerikanische Flotte in Pearl Habour. Einen Tag später traten die USA offiziell in den Krieg ein, und die Comichelden hatten einen neuen Gegner. Hatte sich Captain America bisher auf Europa konzentriert, so kämpfte er nun an zwei Fronten, nämlich auch noch gegen die Japaner. Captain America #13 (auf April 1942 datiert) zeigte dies ebenso deutlich, wie Captain America #1 das mit den Nazis getan hatte. Ein überlebensgroßer Captain verpasste einem überlebensgroßem japanischen General (die Darstellung der Japaner in den Comics folgte, anders als bei den Deutschen, nicht nur inhaltlich, sondern auch zeichnerisch dem Klischee) einen Kinnhaken mit den Worten: “You started it! – Now, we’ll finish it!”.

Die USA schickten von nun an Truppen nach Europa und Asien, und bei diesen Truppen erfreuten sich die Comics großer Beliebtheit, auch weil die US-Regierung Comics im großen Stile zu den Truppenbasen verschiffte. Und die Comics änderten nun auch ihre Grundhaltung. Statt nur auf Patriotismus zu setzen, wurden sie ab dem Kriegseintritt der USA zu Propagandamaterial (man beachte dabei den Unterschied zur deutschen Propaganda dieser Zeit, und man bedenke, dass einer der größten Filmklassiker aller Zeiten auch als Propaganda gedacht war: this one’s looking at you… Casablanca, 1942). Dadurch, dass sie direkt zu den Truppen im Ausland geschickt wurden dienten sie der moralischen Erbauung der GIs (angeblich kauften rund 40% und lasen sogar rund 60% der US-Soldaten diese Comics).

Captain America kämpfte Seite an Seite mit den Soldaten gegen die Nazis (wobei beide Seiten nicht “the real McCoy” waren, weder die Nazis noch die Amerikaner… die Comics blieben weiterhin sauber, auch der Krieg wurde nicht als Gemetzel und in all seiner Grausamkeit dargestellt, da dies natürlich den Effekt der moralischen Unterstützung – den sie haben sollten – zerstört hätte). Als heroische Vorbildfigur für den amerikanischen Soldaten wäre es Captain America jedoch nicht bekommen, hätte er an einer Schlacht teilgenommen, die von den Alliierten verloren worden wäre. Captain America nahm also am Krieg aktiv teil, obwohl er immer eine gewisse Distanz zu diesem einhielt und das “Gut-Böse”-Schema auch zum Ende des Krieges nicht verändert wurde. Aus verständlichen Gründen wurden weder Alliierte Methoden hinterfragt, wie das Flächenbombardement als Antwort auf dieselbe Methode durch die Nazis in England oder Internierungslager für asiatische Amerikaner in den USA, noch wurden die Nazis umgestaltet, obwohl sich die echten Nazis – wie man zum Ende des Krieges immer mehr bemerkte – weit über “normale” Comicschurkerei (wie sie den Nazis bis dahin in den Comics zugeschrieben war) hinausgewagt hatten. Die am Wannsee ausgearbeitete “Endlösung” für die “Judenfrage” in Europa, der grausame Vernichtungskrieg im Osten, die Abwertung von bestimmten Gruppen (ethnische Minderheiten, Juden, demokratische oder linke Denker und Autoren)… all das ging weit über alles hinaus was man sich je für einen Comicbösewicht hätte ausdenken können.

In Amerika startete Timely derweil andere Maßnahmen zur Unterstützung der US-Regierung. 1943, in Captain America #33, gab man bekannt, dass man an “Club-Mitglieder” (es gab eine offizielle Fan-Club-Seite in den Cap-Heften) keine Metallabzeichen mehr ausgeben würde. Grund hierfür war die Metallknappheit, die der Krieg verursacht hatte. Metall wurde dringend für die Produktion von Waffen und Munition benötigt. Gleichzeitig empfahl man den Leser die Dimes (10 Cent-Stücke) die man bisher eingesandt hatte, um diese Abzeichen zu kaufen, an das US-Kriegsministerium zu schicken und dafür “War Saving Stamps” [in etwa “Kriegsanleihen”] zu kaufen, mit denen man die US-Armee unterstützte.

Allerdings begann das Golden Age langsam zu enden. Die Heldenflut, die Anfang der 40er eingesetzt hatte, war zum Erliegen gekommen, viele Superheldencomics wurden eingestellt, weil sie unrentabel waren oder das Papier von der US-Armee rationiert wurde, und als der Krieg 1945 endete und Comics nicht mehr im großen Stil an die Truppen in Übersee geliefert wurden- brach eine der wichtigsten Stützen weg. Die Superheldencomics verschwanden in der Versenkung, Mädchencomics, Tiercomics, Horrorcomics… aber auch “Kriegscomics” sollten in der Folgezeit ihre Rolle übernehmen.

War is over, if you want it…

Der Zweite Weltkrieg endete am 7. Mai 1945 in Europa mit der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands. Trotzdem waren die Nazis als Schurken in den verbleibenden Superheldenserien noch nicht abgemeldet. Einige Comickrieger führten den Zweiten Weltkrieg weiter. Immer mal wieder wurde auf diesen zurückgegriffen. So arbeitete man in “Young Men #24” [1953] das Ende des dritten Reichs auf, indem man den Tod Hitlers Revue passieren ließ und dabei erklärte, dass Hitler keineswegs Selbstmord begangen hatte, sondern von der “Human Torch” in seinem Bunker gestellt und getötet wurde, als er eine Bombe zünden wollte, die ganz Berlin zerstören sollte. Und damit verschwand Hitler aus dem Marvel Universum… oder?

Diese Art von Geschichtsaufarbeitung ist in Comics und anderen Medien keineswegs unbeliebt. Scheinbar ist es einfach ungerecht, dass der Mann, der soviel Elend über die Welt gebracht hat, sich dermaßen leicht selber aus der Affäre ziehen konnte, ohne seine gerechte Strafe zu erhalten. Der Tod Hitlers durch fremde Hand lässt sich ebenso in DCs “Unknows Soldier #268” finden, in welchem der Unknow Soldier Hitler erschießt, und die Möglichkeit, Hitler zu erschießen, machte sicher einen großen Teil des Reizes aus, den das Computerspiel „Wolfenstein 3D“ Anfang der 1990er auf tausende Spieler ausübte.

Anfang der 50er sah es für Superheldencomics jedoch schlecht aus, besonders, wenn diese sich auf eigentlich veraltetes Material verließen (der Zweite Weltkrieg war noch nicht lange genug vorbei, um Geschichten über ihn als Nostalgie durchgehen zu lassen), und so versuchte man bei Marvel die Superheldencomics wieder zu beleben mit neuen, zeitgemäßen Feinden. In schon erwähntem “Young Men #24” trafen sich also die drei Großen des 2. Weltkriegs wieder (Cap, Torch, Namor) und berichteten zunächst über das, was sie in den vergangenen sieben Jahren getan hatten (obwohl die Comics der drei erst 1949 eingestellt worden waren). In den folgenden Heften und Storylines stellten sich diese drei dann den neuen Bösewichten, den “Commies”, die hier einfach in die Rolle der Nazis aus den Golden Age Comics schlüpften (und einige Nazis wie der Red Skull wechselten einfach die Seiten und traten nun auf Seiten der Kommunisten an). Diese Comics entstanden auf dem Höhepunkt von Joseph McCarthys Kommunistenjagd in den USA (die unter anderem Künstler und Wissenschaftler wie Berthold Brecht, Arthur Miller oder Robert Oppenheimer betraf) und zeigten deutlich, dass Marvel (nun unter dem Signet “Atlas”) wieder versuchte, die Patriotismuswelle zu reiten. “Captain America #76” läuft unter dem Titel “Captain America… Commie Smasher”. Keine der drei Serien verkaufte sich sonderlich gut und alle drei Serien wurden noch im selben Jahr wieder eingestellt.

In der Nachbetrachtung wurde Marvel klar, dass dieser Teil der Geschichte des Captains, im Hinblick auf die Ungerechtigkeit, die während dieser Zeit unzähligen US-Bürgern widerfahren war, nicht stehen bleiben konnte, schon alleine, weil er die gesamte Figur des Captains als aufrechten Amerikaner ad absurdum führen würde. 1972 erklärten Steve Englehart und Roy Thomas in “Captain America #153”, dass der Captain der frühen 50er nicht der echte Captain America war (der laut Avengers #4 seit Ende des Zweiten Weltkrieges in Eis gefangen war), sondern ein verrückter Nachahmer. Selbiges galt auch für den kommunistischen Red Skull (wobei man darüber streiten darf, in wie weit es klug ist, von den “Commies” einen durchgeknallten Nazi-Kriegsverbrecher als Vorbildfigur für ihre Absichten auszuwählen… aber wenn die Kommunisten meinen, dass sie sich der Welt am Besten präsentieren, indem sie einen Nazi-Kriegsverbrecher als Vorreiter ihrer Ideologie aussuchen, bitte sehr. Aber das sind Comics, böse ist böse und insofern kann man hier wohl der Kommunistennazi-Verschwörung die Schuld geben).

Agenten sterben einsam

Der Krieg wurde in der Folgezeit in Kriegscomics verschiedenster Machart aufgegriffen. Hierbei konzentrierte man sich allerdings nicht primär auf den Zweiten Weltkrieg, sondern ebenso auf Ausflüge in den Koreakrieg, den ersten Weltkrieg oder den amerikanischen Bürgerkrieg. Zudem änderte sich die Darstellung des Krieges. Der Krieg war nicht mehr das große Abenteuer, das er in den Golden Age Comics darstellte. Die Geschichte hatte den Krieg als grausam und brutal dargestellt, und dies griffen immer mehr Hefte, zumindest im Ansatz, auf. Es wurde gelitten, geflucht und gestorben… der Krieg war in den Comics ein dreckiges Geschäft, das kaum noch an die Kriegscomics des Golden Age erinnerte, auch weil die Superhelden aus diesen Comics verschwunden waren und sich nun auf beiden Seiten echte Menschen gegenüber standen. Wobei, all der Gewalt zum Trotz, auch hier der Aspekt des Abenteuers und des “Gut gegen Böse” (besonders im Koreakriegscomic) im Vordergrund stand. Diese Comics waren definitiv “War Adventures” (wie ein Magazin hieß) und keineswegs “Anti-War-Comics”.

Der Krieg wurde im Jahre 1963, also nach dem Beginn des “Marvel Age of Comics”, wieder in den Comics thematisiert. Er bekam sogar eine eigene Serie: “Sgt. Fury and his Howling Commandos” (The War Mag For People Who Hate War Mags). Diese Serie machte inhaltlich einen Spagat zwischen den Formen des klassischen Kriegscomics, der Superheldengeschichte (wiederkehrende Oberschurken und Gastauftritte von Superhelden) und Kommandofilmen im Stile von ”Die Kanonen von Navarrone”.

Die frühen “Sergeant Fury And His Howling Commandos” (einigen wir uns auf Howlers) wurden von Stan Lee und Jack Kirby realisiert, die ja schon an Captain America während des Zweiten Weltkriegs zusammengearbeitet und später beide als GIs in Europa gedient hatten. Dies bezeichnete Jack Kirby auch als einen der Gründe für den Erfolg der Serie: „There was reality in the stories because of my own war experiences. Sgt. Fury had the essence of military life in it.”

In diesen Heften ging es nun also um die Abenteuer eines Alliierten Kommandounternehmens für quasi unmögliche Aufgaben. Ein Team, das in vielerlei Hinsicht gleich zu Beginn nach albernen Stereotypen aussah, dabei aber das Beste und das… nun, vielleicht nicht das Schlechteste, zumindest aber das Bizarrste des Silver Age miteinander verband. Denn die Howlers symbolisierten die multikulturellen Wurzeln Amerikas. “Dum-Dum” Dugan war Ire, der selbst in der Schlacht – in bester Dr. Watson Manier – seinen Bowler-Hut aufbehielt, “Junior” Jiper war Ivy-League Abgänger, der früh verstarb und durch Percival Pinkerton (Brite, eh?) ersetzt wurde [inklusive Bommel-Kappe], “Izzy” Cohen war der vielleicht erste Charakter in der Comic-Geschichte, der definitiv Jude war und Gabriel Jones war Afro-Amerikaner, der in Furys Platoon kämpfte, obwohl während des Zweiten Weltkrieges noch Segregation in der US-Army vorgeherrscht hatte. Dies war eine klare Stellungnahme in Hinblick auf die Diskussion über das Ende der Rassentrennung (separated but equal), die zu dieser Zeit in den USA geführt wurde.

Die Charaktere starteten als Stereotype, sollten sich aber bald entwickeln. Ein Vorteil der ersten wirklich großen “2. Weltkriegs-Serie” nach dem Weltkrieg war, dass der Weltkrieg vorbei war. Dadurch stand zwar einerseits das große Ergebnis des Krieges schon fest, andererseits konnten Lee und Kirby ihre Charaktere nun an echten historischen Ereignissen teilnehmen lassen, ohne deren Ausgang fürchten zu müssen, wie es in den 1940ern der Fall gewesen war. In Sgt. Fury #2 fanden sich die Howlers in einem Konzentrationslager wieder, in dem Kirby und Lee auch den Mord an den KZ-Insassen anschneiden und unter anderem eine Gaskammer darstellen. Viel weiter wollte man in dieser Richtung allerdings nicht gehen. In dem Moment, in dem man sich zu sehr mit dem Genozid befasst hätte, hätten die Hefte nicht mehr gewirkt, denn dann wäre Fury und seine Kommandos automatisch zu Verlierern des Krieges geworden, weil sie eben dieses nicht verhindern konnten (die Flucht am Ende des Comics hätten einen äußerst schalen Beigeschmack bekommen…) und die Nazis würden zu grausam, zu real, wirken, um sie als Schurken in einer Abenteuerserie auftreten zu lassen [die Vernichtungslager griff man bei Marvel wieder auf, als man den Hintergrund Magnetos entwarf, der ein Auschwitzüberlebender war).

Die Howlers sollten jedoch auf einige Prominente treffen, sowohl historische (in Heft #6 galt es für die Howlers, Feldmarschall Rommel zu entführen [und sich nebenbei mit dem Problem der Bigotterie auseinanderzusetzen, da ein Reservehowler, der Juden und Farbige hasst, die Mission verbockt und am Ende ausgerechnet von “Izzy” und Gabriel Jones gerettet wird], und in Ausgabe #9 war es die Aufgabe der Commandos, Hitler zu fangen) als auch fiktive (Captain America in Sgt. Fury #13 und Reed Richards in Sgt. Fury #4… im Gegenzug durfte Nick Fury bei den Fantastischen Vier auftreten, dazu weiter unten).

Man integrierte die Serie dadurch in das reguläre Marveluniversum und begann hiermit erstmals “Golden Age”-Geschichte zu schreiben, denn es war unklar, in wie weit die Geschichten der Timely- und Atlas-Hefte ins Marvel-Universum übernommen werden sollten. Immerhin waren bestimmte Charaktere einfach verschwunden und nie wieder erwähnt worden, dazu zählten auch die “großen Drei” (in den Fantastic Four wurde nicht erwähnt, dass es schon einmal eine “Human Torch” gegeben hatte).

Das Heft bekam aber auch die Attribute zugeschrieben, die das “Marvel Age” auszeichneten. In vielerlei Hinsicht war die Serie wegweisend. In Sgt. Fury #4 stirbt ein Howler und bleibt auch tot, was damals ein wirklich neues Konzept war und die Serie um ein vielfaches spannender machte, da es die “Scheinsuspense” gegen echte “Suspense” austauschte (dass ein Dauercharakter tot bleibt ist eigentlich auch heute noch ein revolutionäres Konzept, aber das nur am Rande). Sergeant Fury darf sich derweil in derselben Ausgabe verlieben, seine Liebe für sich gewinnen (und zwar ohne die übliche “versteckte Romanze”, die auch ein Archetyp in Comics ist) und sie in Heft #18 schon wieder durch den Krieg verlieren. All dies geschah Jahre vor der “Death of Gwen Stacy”-Storyline in Spider-Man.

Nick Fury bekam eine passende Nemesis zugeschustert. Baron Wolfgang von Strucker, preußischer Aristokrat, der felsenfest an die Herrenmenschen- Ideologie glaubte und später die “Blitzkrieg Squad” (sic!) – eine Naziversion der Howlers – führte, war der ideale Konterpart zum “all american hero” Nick Fury, der eine ethnisch gemischte Truppe führte und aus ärmlichen Verhältnissen (Hell’s Kitchen) stammte. Ebenso wurde in Sgt. Fury #8 Doktor Heinrich Zemo eingeführt, inklusive “Todesstrahler” (das waren die 60er, damals lief alles über Strahlen… dazu später mehr). Beide Schurken sollten auch weiterhin große Bedeutung im Marvel-Universum haben.

Fury derweil war dermaßen beliebt, dass er reguläre Auftritte im “aktuellen” Marvel-Universum hatte und dort sogar eine Zweitserie zugeschrieben bekam. In Anlehnung an die TV-Serie “The Man from U.N.C.L.E.” wurde ein älterer Nick Fury (der eine Augenklappe trug; der Vorfall, der hierzu führte, wurde in Sgt. Fury #27 erklärt, die Verzahnung der Serien funktionierte also) zu “Nick Fury, Agent of S.H.I.E.L.D.” (unterstützt von Gabe und Dum-Dum als S.H.I.E.L.D.-Mitgliedern) und bekam es mit der Terroristenorganisation Hydra zu tun, als deren Chef sich niemand anderes entpuppte als Wolfgang von Strucker.

Die Verknüpfung funktionierte also in beide Richtungen. Gleichzeitig kann man an Strucker und Hydra eines erkennen: Die Organisation Hydras kann darauf hindeuten, warum Nazis auch nach dem Zweiten Weltkrieg als Gegner so beliebt waren. Die Nazis waren die perfekte Schurkenorganisation.

Sie hatten einen megalomanischen Führer, eine hierarchische Struktur, ein System von für viele Leser faszinierender Uniformen und Abzeichen, eine Neigung zum Mystischen (beginnend mit der Übernahme alter keltischer Symbole und Indo- sowie Ur-Germanischer Mythen), ein Faible für Technik (am Anfang des Zweiten Weltkriegs war das deutsche Reich den anderen Staaten militärisch überlegen; im “Hoßbach-Protokoll” vom November 1937 wurde Hitler geraten, einen Krieg bis spätestens 1940 zu beginnen, da solange die technologische Überlegenheit noch gewährt sei… man hatte ziemlichen Respekt vor den deutschen Panzern und der deutschen Luftwaffe), und unzählige namenlose (okay, sie hatten Namen in den Comics… meist Heinz oder Fritz) Nazisoldaten, die dem Helden als Kanonenfutter dienten…

All das sind Vorraussetzungen die noch heute die meisten Superschurkenorganisation erfüllen, egal ob in Comics oder Filmen (man denke auch an die S.P.E.C.T.R.E.-Organisation, den langwierigen Gegenspieler von James Bond, angeführt von Ernst Blofeld, die sich unter anderem aus ehemaligen SS-Standarten rekrutiert hatte).

Wichtig in Hinblick auf die Nazis war allerdings, dass sie “Pappmaché- Gegenspieler” waren, deren reale Grausamkeiten zwar für zusätzlichen Kribbel beim Leser sorgten, ihm aber nie zu explizit dargestellt wurden, da dies die Struktur der Serien zerstört hätte. Auch wenn dies historisch nicht legitim und je nach Intention äußerst fragwürdig ist: es galt die Lebensraummaxime (Weltherrschaft… was insofern wie ein klassisches Comicschurkenziel wirkte) von einem Großteil der Schrecken, die dabei begangen wurden (Zivilbombardements, Massenhinrichtungen, der Holocaust), so weit wie möglich zu trennen. Die Comics sollten Spaß machen und nicht Geschichtsunterricht ersetzen, und so sind die Nazis der meisten Comics ebenso wenig real wie die Nazis aus “Indiana Jones”.

Während die “Agent of S.H.I.E.L.D.”-Serie schon nach 18 Ausgaben wieder eingestellt wurde, sollte die Sgt. Fury-Serie ein riesiger Erfolg werden und sich mit ihrem Konzept zwischen klassischem Kriegs- und modernem Superhelden-Comic insgesamt 18 Jahre halten [Sgt. Fury #167, Dezember 1981] und mit “Captain Savage and his Battlefield Raiders” (1968) eine – ziemlich erfolglose – thematische Bruderserie erhalten, in der Fury sogar Gastauftritte hatte…

Während der Sergeant-Fury-Zeit wurden auch “echte” Golden Ager wieder zum Serienerfolg erweckt. Captain America durfte mit den “Avengers” in der Gegenwart herumfuhrwerken, während er in “Tales of Suspense” Abenteuer im Zweiten Weltkrieg erlebte. 1975 sollte Roy Thomas dann endgültig die Geschichte des Zweiten Weltkrieges im Marvel Universum definieren, indem er “The Invaders” schrieb, eine Serie, die unter dem Signet “The Greatest Superheroes of Warld War II” den Captain, Namor, die erste Human Torch und einige andere vereinte. Und da, wo sich Sgt. Fury noch halbwegs zurückgehalten hatte, sollte es nun wiiiiirklich bizarr werden…

Ein goldenes Zeitalter

Mit dieser Serie wird zumindest in unseren Gefilden die Frage aufgeworfen: “Darf man das?” Darf man eine Serie über Superhelden im Zweiten Weltkrieg machen, mit den Nazis als ziemlich “normaler” Superschurkengalerie? Verharmlost man damit die Verbrechen der Nationalsozialisten und den Schrecken des Krieges nicht? Ist es legitim, wenn die Invaders gleich auf dem Cover des ersten Hefts in den “Battle of Britain” eingreifen?

Eine Antwort hierauf kann und will ich nicht geben. Ich denke, jeder muss für sich selber entscheiden, ab wann und in welchem Maße man schreckliche Ereignisse “entspannter” angehen darf.
Aber eines ist sicher. Eine Serie wie diese hätte es in Deutschland nicht gegeben, da man zur Erscheinungszeit das Thema “Nationalsozialismus” selbst in “Unterhaltungsform” [oder eben “Verharmlosung”] selbst dann lieber ausklammerte, wenn es aus den USA kam. Beispiele hierfür kann man bei “Kobra, übernehmen sie” oder “Raumschiff Enterprise” finden. Die Folgen “Echo of Yesterday” (in der das IMF-Team einen Coup zwischen einem Rüstungshersteller und der deutschen Neonazi-Bewegung verhindert, indem Rollin Hand [Martin Landau] verkleidet als Adolf Hitler auftritt) und “Patterns of Force” (in der Kirk und seine Mannen einen Planeten entdecken, auf dem der Nationalsozialismus [mit Uniformen, Symbolen und allem] als Staatsform eingerichtet wurde) wurden erst gar nicht für’s deutsche Fernsehen synchronisiert. Und auch Robert Harris’ brillanter Parallelwelt-Roman “Fatherland” (auf deutsch als “Vaterland” erschienen, verfilmt mit Rutger Hauer in der Hauptrolle) wurden verharmlosende Tendenzen unterstellt, da er hier ein Deutsches Reich zeigte, das den Zweiten Weltkrieg gewonnen und den Holocaust erfolgreich vertuscht hatte (ein erschreckender Gedanke, der im Buch aber wirklich nichts mit Verharmlosung zu tun hat).

Die in Amerika von 1965 bis 1971 produzierte Serie “Hogan’s Heroes” etwa (die in Amerika immerhin zwei Emmys abräumte und jahrelang Spitzenratings einfuhr), die vielleicht ein Musterbeispiel für den lockeren Umgang der Amerikaner mit der Nazizeit ist und die schlimmsten Seiten des Nazi-Regimes definitiv ignoriert, sollte erst 1992 zum ersten Mal auf einem deutschen Bildschirm erscheinen; bei SAT1 unter dem Titel “Stacheldraht und Fersengeld” [inzwischen wird sie hin und wieder als “Ein Käfig voller Helden” ausgestrahlt].

Dennoch: selbst heute ist der Umgang mit dem “Nationalsozialismus in der Populärkultur” in Deutschland ein heikles Thema. Man denke an das Darstellungsverbot von Hakenkreuzen jenseits historischer Darstellung (das auch die Bilder zu diesem Artikel betrifft, auf denen die Hakenkreuz wegretuschiert wurden, obwohl weder der Artikel noch die dargestellten Hefte Naziideologie bewerben sollen), das Zuschlagen übereifriger Staatsbeamter bei MAUS, die bewusst falsche Synchronisation von South-Park-Folgen (Episode 104: “I haven't seen a jew run like that since 1938.” wurde zu “Das letzte Mal, wo ein Kind so gerannt ist, war 1987 bei der Schlacht um den Pickelfrei-Cup.” Man bedenke: Matt Stone, Miterfinder South Parks, ist jüdischen Glaubens) oder die Diskussion über die Gefahren, die von Walter Moers “Adolf”-Comics ausgehen.

Roy Thomas, der für Marvel in den 70ern eine lange Zeit die “Avengers” Serie schrieb, hatte schon in dieser immer wieder alte und längst vergessene Timely Charaktere auftreten lassen, und betonte den Marvelschaffern gegenüber seinen Wunsch eine Serie über den Zweiten Weltkrieg schreiben zu dürfen, die allerdings kein typischer Kriegscomic sondern eine Remineszens an die Superhelden Comics jener Zeit sein sollte. Roy Thomas Bitte wurde schließlich bei Marvel akzeptiert, der Weg für “The Invaders” war frei.
Die zweite Frage, die man sich stellen kann, ist: “Wieso erscheint eine Hommage an die Comics des Golden Age ausgerechnet 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs?”.

Auch hierauf gibt es keine sichere Antwort. Fest zu stehen scheint einerseits, dass Roy Thomas eine unglaubliche Liebe und ein unglaubliches Wissen im Bezug auf die Comics der 1940er mitbrachte. Zudem hatte sich “Captain America” inzwischen wieder zu einer der erfolgreichsten Serien Marvels aufgeschwungen, so dass eine Serie mit dem Captain im Zweiten Weltkrieg (zusammen mit Namor) auf ein bereits bestehendes Fan-Potential aufbauen konnte.

Ein anderer Grund könnte allerdings auch in der Situation zu finden sein, in der sich die USA und seine Comics Mitte der 70er wiederfanden. Amerika befand sich im Jahre 1975 auf der Suche nach sich selbst. Und auch “Krieg” hatte damit zu tun. Während die USA sicher waren, im 2. Weltkrieg und auch im Koreakrieg richtig gehandelt zu haben, hatte der Vietnamkrieg das Selbstverständnis der amerikanischen Bevölkerung verändert. Der Krieg, der für die USA ab 1961 begann (wobei man schon 1955 zur offiziellen Schutzmacht Vietnams ernannt worden war) war im März 1973 für die Amerikaner verloren, das unterstützte Süd-Vietnam fiel im März 1975 endgültig. In der Bevölkerung, vor allem in der Jugend, der Protestbewegung der späten 1960er, wurde der Sinn dieses Krieges, der alleine auf US-amerikanischer Seite 57.000 GIs das Leben kostete (auf der Gegenseite starben circa 2.000.000 Vietnamesen), hinterfragt. Zudem war man auch in der Heimat dem Vorgehen der US-Truppen kritisch begegnet, besonders der großflächige Einsatz von Napalmbomben und Agent Orange-Entlaubungs- mittel ab 1967 hatte Proteste hervorgerufen. Aus diesem Grund wurde der Vietnamkrieg während seiner Zeit, als auch später, generell viel schonungsloser dargestellt als etwa der Zweite Weltkrieg (Filme: Apocalypse Now, Platoon, Die durch die Hölle gehen).

Sich der eigenen Sache außenpolitisch schon nicht mehr sicher, sollten die USA schließlich auch die größte innenpolitische Krise seit dem Bürgerkrieg erleben. Richard M. Nixon, der 1972 noch mit dem größten Vorsprung in der Geschichte der USA den Wahlsieg gegen seinen Herausforderer – den liberalen “Grassroots”-Politiker George McGovern – errungen hatte, nahm am 24. Juli 1974 im Zuge der “Watergate”-Affäre seinen Hut, um einem Amtsenthebungs- verfahren zu entgehen.
Sein Nachfolger, Gerald Ford [der in politischen Dingen als eher ungeschickt galt und keineswegs das verkörperte, was die Amerikaner von ihrem Präsidenten erwarteten], sollte Nixon einen Monat später begnadigen und somit vor strafrechtlicher Verfolgung bewahren. Nicht wenige Amerikaner witterten hier einen Kuhhandel.

Als die Invaders erstmals erschienen, befanden sich die Amerikaner also in einer Phase innen- wie außenpolitischer Unsicherheit, die sich auch in den Comics bemerkbar gemacht hatte. Spider-Man bekam es mit der Protestbewegung zu tun und verlor 1973 in Spider-Man #121 seine Geliebte Gwen Stacy durch die Hand des Green Goblin. Schon drei Jahre zuvor hatte DC unter der Federführung von Dennis O’Neil Green Lantern und Green Arrow als “Hard Traveling Heroes” auf eine Reise ins dunkle Herz Amerikas geschickt (Green Lantern/Green Arrow #76, Mai 1970). Die beiden Superhelden stellten sich Problemen wie sozialer Ungerechtigkeit, Drogen und der Diskriminierung von Farbigen (der berühmte Satz an Green Lantern gerichtet: “How you work for the the blue skins… and how on a planet someplace you helped out the orange skins… and you done considerable for the purple skins! Only there’s skins you never bothered with–! …The Black skins! It to know… how come?! Answer me that, Mr. Green Lantern.”).

Diese Serie zeigte aber auch das Problem zu starker Realitätseinbindung. Die Helden konnten zwar Planeten retten und Superschurken bezwingen, aber bei “realen” Problemen mussten sie passen. Dasselbe Problem, das auch besteht, wenn man den realen Zweiten Weltkrieg zu stark in die Serien (egal welche) eingebunden hätte. Im Angesicht von mehr als 50.000.000 Toten, davon über 6.000.000 Juden in den KZs der Nationalsozialisten, mussten die Helden automatisch wie Verlierer wirken.

Und auch in Captain America hielt die politische Grundstimmung der frühen 1970er Einzug. In “Captain America #175” fand der Captain heraus, dass der US-Präsident gleichzeitig Kopf einer Verschwörung (des “Secret Empire”) war. Als Cap ihn damit konfrontierte, beging der Präsident Selbstmord. In der Folgezeit wurde er durch einen Doppelgänger ersetzt und ein künstlicher Skandal herbeigeführt, um dieses Problem loszuwerden (Watergate).

Es ist also nur verständlich, dass man sich bei all diesem Negativen, bei all der Unsicherheit, in der Realität wie auch in den Comics, nach etwas “Althergebrachten” zurücksehnte. Und der Zweite Weltkrieg bot sich hier an. Nicht als akkurate Darstellung, sondern als Rückkehr zu den Wurzeln des Genre. Eine Hommage an das Golden Age. Als Männer noch Männer, die Amerikaner noch sicher im moralischen Recht, der Präsident noch vertrauenswürdig und die Bösen, hier also die Nazis, noch ganz eindeutig definiert waren. Und auf dieser Grundlage scheint die Veröffentlichung von “The Invaders #1” nicht so seltsam.

These wacky Nazis

“The Invaders” folgte den Grundlagen von Sgt. Fury, indem es dazu diente, die Geschichte des “Golden Age” im Marvel Universum neu zu definieren. Dies geschah, wie bereits angedeutet, dadurch, dass Avengers Autor Roy Thomas es – bei allen Referenzen auf die Timely-Hefte – ins aktuelle Marvel-Universum einband. So fanden sich immer wieder Verweise auf die andere große Kriegsserie (Sgt. Fury), aber auch auf aktuell laufende Marvel Serien wie “Thor”.

Warum ist diese Serie nun so bizarr?
Das beginnt bereits mit der Grundprämisse: Thomas wollte eine Hommage an das “Golden Age” schaffen, gleichzeitig aber auch die Strukturen des auslaufenden “Silver Age” in die Hefte einfließen lassen. Wo Sergeant Fury zumindest meistens noch eine Kriegsserie mit einem Bein in der Realität war, war “The Invaders” nichts anderes als eine “Superheldenserie” (à la “Fantastic Four” oder eher “The Avengers”) vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs.

Die vorher schon genannte Nationalsozialisten – Superschurkengruppen-Analogie wurde in diesem Comic nun noch deutlicher, was auch daran lag, dass die Serie nunmal mit Geschichte arbeitete. Der Zweite Weltkrieg war vorbei, die Nazis hatten verloren und somit blieb Adolf Hitler nichts anderes übrig, als am Ende jeder Story-Arc zu verlieren. Hitler wurde von der historischen Figur, zu einem “normalen” Comicsuperschurken (wobei diese Transformation schon vorher stattfand, dazu komme ich im folgenden Abschnitt), der eine vergleichsweise “normale” Superschurkentruppe (die Nazis) führte.
Die Invaders waren ein Team, das 1941 von Winston Churchill ins Leben gerufen wurde, um gegen die Achsenmächte anzutreten (ihr Schlachtruf [den nunmal jedes Team zu dieser Zeit brauchte… “Rächer! Sammeln!”] sollte “Okay Axis! Here we come!” werden). Ursprünglich bestand das Team aus Captain America, der ersten Human Torch, den Sidekicks der beiden [Bucky und Toro] und Namor, dem Sub-Mariner.
Und da der durchschnittliche “Comic-Kraut”, der ohnehin nicht viel mehr konnte als “Halt! Allied Schweinhund!” rufen, gebrochenes Englisch zu sprechen (“Ze Führer will be very erfreut.”) und sich dann effektiv besiegen zu lassen, diesem Superheldenteam nicht gewachsen war, brauchte man passendere Gegner. Die Nazis entwickelten sich zu einer Galerie der vielleicht bizarrsten Superschurken der Comicgeschichte:

Gleich im ersten Heft traf man auf das deutsche Gegenstück Captain Americas: Willi Lohmer, den Master Man (in etwa: Herrenmensch), den “perfekten Arier”, gegen den die Alliierten im Alleingang nicht ankamen, weshalb Churchill die Invaders ursprünglich gegründet hatte. Der Master Man überschätzte seine Kraft gegen die vereinten Invaders und wurde schließlich von Bucky besiegt.
In Ausgabe #3 (November 1975, Blitzkrieg at Bermuda) taucht Namors Widersacher “Meranno, the U-Man” auf, der neidisch darauf war, dass Namor zum Regent von Atlantis wurde und darum der deutschen Marine die Position Atlantis verriet, welches die Nazis auch gleich bombardierten. Namor verstieß ihn daraufhin aus Atlantis, und Meranno schloss sich den Nazis ein für alle mal an. Der Nazi aus Atlantis sollte nicht die einzige Monstrosität in brauner Uniform bleiben.

In Ausgabe #5 (März 1976, Red Skull in the Sunset) taucht der größte Widersacher Captain Americas zum ersten und einzigen Mal bei den Invaders auf, fängt Captain America, die Human Torch, Namor und Toro und sorgt via Gehirnwäsche dafür, dass sie Nazis werden, deren Ziel es ist amerikanische Denkmäler zu zerstören (sicherlich kriegsentscheidend)! Daraufhin gründet Bucky die “Liberty Legion”, um die amoklaufenden Invaders zu stoppen. Hier findet eine Veränderung von der “Golden Age”-Mythologie statt. Bucky, dessen Hauptfunktion es bisher war … nun, er war ein “Golden Age”-Sidekick, also hatte er keine große Funktion, außer den jungen Lesern als Identifikationsfigur zu dienen und sich in Gefahrensituationen zu begeben, aus denen Cap ihn retten musste. Mit “Invaders #6” löst sich Bucky nun von Cap und wird ein wirklich eigenständiger Charakter, der später die “Kid Commandos” (analog zur “Golden Age”-Serie) gründete.

In Heft #7 wurde es kompliziert, zwei wichtige Charaktere wurden eingeführt. Baron Blood und Union Jack. Union Jack wurde als Held aus dem ersten Weltkrieg vorgestellt (Lord Montgomery Falsworth) wohingegen sich Baron Blood als dessen Bruder entpuppte (Jason Falsworth), der während des ersten Weltkriegs nach Transylvanien reiste, um dort Kontrolle über Graf Dracula zu erlangen. Wie man aus unzähligen Dracula-Filmen weiß, ist das die wahrscheinlich schlechteste Idee, die man haben kann, und so wurde Jason von Dracula in einen Vampir verwandelt. Nachdem er als “Baron Blood” im ersten Weltkrieg gegen “Union Jack” gekämpft hatte, kehrte er nach Lodon zurück und gab sich als Montgomery Falsworths Neffe aus. Baron Blood wollte nun Rache dafür nehmen, dass er nicht zum Lord geworden war und Falsworths Tochter Jaqueline zum Vampir machen. Dieser Plan scheiterte, Union Jacks Beine wurden von Baron Blood zerquetscht, Baron Blood auf einem Stalagmit gepfählt und Jaqueline erhielt eine Bluttransfusion von der Human Torch, die sie zu Spitfire machte, dem ersten weiblichen Mitglied der Invaders.

Die Einführung von “Union Jack” zeigte derweil, was durch die Invaders mit dem Marvel Universum geschah: Roy Thomas begann damit, die gesamte Geschichte der Marvel Comics vor Fantastic Four #1 (also die Atlas- und Timely-Hefte) umzuschreiben beziehungsweise erstmals wirklich festzulegen.

Die Einbindung von Horror-Elementen in die “Invaders”-Stories setzte Roy Thomas fort. In Invaders #12 sollten die Invaders Jacob Goldstein aus dem Warschauer Ghetto holen (hier findet man wieder das Problem mit “too much reality”. Man kann nicht den ganzen Schrecken der Naziherrschaft in Polen zeigen, weil das den Grundton der Serie zerstören würde), damit sein Bruder “The Blue Bullet” nicht mehr erpresst werden konnte, für die Nazis zu arbeiten. Im Ghetto allerdings wurden die Invaders von einer Wehrmachtseinheit überrascht, die damit drohte, das Ghetto und alle Einwohner zu vernichten, würden sie sich nicht ergeben. Die Invaders kapitulierten und wurden von schließlich von Jacob Goldstein befreit, der -frei nach Rabbi Löw- einen Golem erschuf, um die Festung zu stürmen, in der die Invaders gefangen gehalten wurden. Goldstein blieb schließlich in Polen, um als Golem die jüdische Bevölkerung gegen die Nazis zu verteidigen.

In Heft #17 wurde der Charakter “Warrior Woman” [die sich im Heft als “Kriegerfrau” bezeichnet; kein Wunder, dass man Deutsch im Ausland für eine sehr elegante Sprache hält] eingeführt (außerdem sollte der GröFaZ hier sein Stell-dich-ein bei den Invaders geben), eine Nazispionin, die durch das “Supersoldaten”-Serum übermenschliche Kräfte erhielt und die Hitler schließlich mit Master Man verheiraten ließ, damit die beiden die ultimative Rasse arischer Supermenschen zeugten.
In Heft #20 wurde der Sohn von Lord Falston, der sich bisher Destroyer genannt hatte, Mitglied der Invaders (ein Verweis von Thomas auf einen echten “Golden Age”-Charakter selben Namens, eine Art Proto-Punisher) und übernahm den Titel seines Vaters “Union Jack”.

Ein interessantes Heft war #26 (“Day of Infamy… Day of Shame”, 1978), in dem Bucky die Internierungslager japanischstämmiger Amerikaner besuchte. Nicht nur, dass hier einer der erschreckenden Aspekte der Realität in die Serie eingebracht wurde, es war zudem noch ein Aspekt, der das Verhalten und das Denken der Amerikaner betraf. Ein ausgesprochen ungewöhnlicher und mutiger Vorstoß.

In der Folgezeit sollten die Hefte allerdings wieder zur bisherigen Seltsamkeit zurückkehren, die Schurkengalerie umfasste am Ende der Serie unter anderem “Agent Axis” (ein deutscher, italienischer und japanischer Agent, die durch einen Blitzeinschlag in ihr Flugzeug in eine Person verschmolzen wurden), den “Shark” (ein alter Feind Namors, den Hitler beauftragte, Namors Schuppenshorts zu beschaffen, damit er diese für seine Kampftaucher einsetzen konnte (“Invaders Annual #1”)), den “Teutonic Knight” (ein religiöser Verrückter, der sich als Inkarnation eines Kreuzritters aus dem Mittelalter sah und schließlich im Alleingang einen Bombenkrieg gegen England führte), die “Hyena” (ein alter Feind der “Human Torch”, der versuchte, eine Blutprobe von diesem für Hitler zu besorgen), “Iron Cross” (eine Art Nazi-Iron-Man), einem Gastauftritt von Baron Strucker (womit die Serie eine Verknüpfung zu “Sgt. Fury” geschaffen hatte), “Brain Drain” (einem Naziwissenschaftler, dessen Körper zerstört worden war und der nun als Gehirn mit Augen (!) einen Roboter-Körper kontrollierte) und “Frankensteins Monster” und “Thor”!

In Ausgabe #31 (“Heil Frankenstein”) trafen die Invaders auf den Neffen von Victor Frankenstein (aus Mary Shellys “The Modern Prometheus”), der für die Nazis als Wissenschaftler die Tat seines Großvaters noch einmal vollbrachte und nun plante, eine Armee von “Zombie-Nazis” zu erschaffen (wirklich!), die den Krieg gewinnen sollten. Wie sein Großvater wurde auch dieser Frankenstein zuletzt von seinem Monster in den Tod gerissen. Bemerkenswert seltsam ist definitiv das Cover des Heftes. Frankensteins Monster in Nazi-Offiziersuniform, das dem Captain einen Schlag versetzt.

Mit der Einbindung von Thor in die Serie erstellte Thomas die größte Verknüpfung zum aktuellen Marvel-Universum. Hitler hatte in Ausgabe #32 (“Thunder in the East”) einen norwegischen Wissenschaftler und dessen Helfer Hans zu sich berufen, um eine Maschine zu bauen, mit der er nordische Götter zur Erde holen konnte. Zumindest bei Thor klappte dies, und Thor kämpfte gegen die Invaders, bevor diese ihn davon überzeugen konnten, dass Hitler der wirkliche Schurke war (ein eher klassischer Plot, eh?). Thor kehrte nach Asgard zurück und niemand konnte sich an dieses Ereignis erinnern. Die Maschine derweil wurde von “Hans” zerstört, der in Wirklichkeit Victor von Doom war und der Hitler erklärte, dass er ein Zigeuner (“Gypsy”… ich weiß, dass der Term ‚Zigeuner’ nicht politisch korrekt ist) sei, einer jener Völkergruppen, die Hitler in den KZs vernichtete. Zudem hatte Josef Stalin einen Gastauftritt in dieser Ausgabe. In “Marvel Universe #2” (1998) griff man diese Geschichte nochmal auf und erklärte, dass Doom seine Zeitplattform genutzt hatte, um in die 40er zurück zu reisen.

1979 wurde die Serie dann nach 41 Heften mangels Erfolgs eingestellt (nachdem sie bereits von wöchentlicher auf ein- und dann zweimonatliche Erscheinungsweise zurückgestuft worden war) Dennoch hatte Thomas mit dieser Serie den Zweiten Weltkrieg für das Marvel-Universum definiert. Und was der Zweite Weltkrieg im Marvel-Universum war, das machten die letzten beiden Ausgaben nochmal deutlich, in denen die Invaders zunächst gegen ein Team bestehend aus Baron Blood und Merrano dem U-Mann antraten und zuletzt gegen die “Battle-Axis” kämpften. Eine Gruppe, die Thomas aus vergessenen “Golden Age”-Helden zusammensetzte, die nun auf Seiten der Nazis antraten (unter anderem Sky Shark, Volton und Dr. Death).

Der Weltkrieg der Invaders war mit Ausnahme des Kriegssettings eine relativ “normale” (für die 70er) Superheldenserie, die Elemente aus dem “Golden Age” einband, an die “besten Zeiten” der Amerikaner erinnerte und ansonsten fröhlich in den Gebieten der SciFi und Horror-Literatur wilderte. Nazi-Zombie-Armeen, ein britischer Nazi-Vampir, ein Nazi aus Atlantis, Gehirne in Robotkörpern… all das spricht eine relativ deutliche Sprache im Hinblick auf den “Trash Appeal” dieser Serie.
Dadurch, dass sie laut Thomas im Jahre 1942 endete, hatte man zudem dass Glück, dass man es umging, die Elemente “Totaler Krieg” und “Endlösung” in die Hefte einbringen zu müssen, die sich sicherlich nicht gut mit der Grundkonzeption der Serie vertragen hätten.

Und selbst wenn sie gestorben sind…

Die Nazis waren nun also ganz eindeutig zu nichts weiter als eine unter vielen Comic-Superschurkentruppen geworden. Und genau so sollten sie sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg verhalten. Denn auch in Heften, die nach eben diesem spielten, mischten die Nazis fröhlich weiter mit. Warum auch nicht, Nazis hatten sich als hervorragende Gegner für Helden aller Art erwiesen und bis heute kommen Deutsche, mit dem seltsamen Akzent, in Filmen (wegen der immer noch bestehenden gedanklichen Verbindung zu den Nazis) [Anm. d. Red.: die durch diese Filme weiter verbreitet wird. Ein Teufelskreis also.] bevorzugt als Schurken vor. Die James-Bond-Filme sind in der Kategorie “böse, eiskalte, deutsche Killer” weit vorne mit Gerd Fröbe als Auric Goldfinger, auch wenn dessen Akzent so schwer war, dass man ihn in den USA schließlich nachsynchronisieren musste [in Deutschland allerdings sprach Fröbe seine Rolle selber], Curd Jürgens in “Der Spion der mich liebte”, Klaus Maria Brandauer (gut, der Präzision halber… Brandauer ist Österreicher, aber diese Differenzierung verschwimmt öfter) als Emilio Largo in “Sag niemals nie” (dessen schwerer deutscher Dialekt perfekt zur Selbstironie des Filmes passt) oder zuletzt Götz Otto als Stamper in “Die Welt ist nicht genug”. Auch in anderen Filmen gaben Deutsche hervorragende Gegenspieler ab, man denke dabei an “Die Hard I & III” mit Alan Rickman, bzw. Jeremy Irons, als Hans und Simon Gruber.

Die Rolle des Deutschen in der Popkultur ist also klar auf den Bösewicht festgelegt. Wenn er dann noch Verbindungen zum Dritten Reich hat: umso “besser”. Und es sollte nicht lange dauern, bis die ersten Nazis wieder auftauchten. Dies wurde auch durch die Realität untermauert, neben jeder Menge Verschwörungstheorien über den Tod Hitlers (am beliebtesten ist die Idee, dass ein Doppelgänger starb, während Hitler nach Südafrika oder auf den Mond floh… … …das ist auch der Grund, warum die Amerikaner 1969 die Mondlandung fälschten, damit sie den Mondnazis nicht begegneten! Ganz sicher…) waren einige Nazibonzen dank der sogenannten Persilscheine schon wieder angesehene Mitglieder der deutschen Gesellschaft, während sich andere sicher (Dr. Mengele, der Todesarzt von Auschwitz, der Zeit seines Lebens nicht vor Gericht gestellt wurde und 1979 wahrscheinlich bei einem Badeunfall ums Leben kam, und Adolf Eichmann, einer der führenden Köpfe der Wannsee-Konferenz, den der Mossad 1960 aus Argentinien nach Israel entführte und vor Gericht stellte) oder vermutlich (Martin Bormann, wobei 1998 eine Genanalyse belegte, dass er im eingekesselten Berlin 1945 umkam) nach Südamerika abgesetzt hatten.

Und während 1964 Baron Strucker als Kopf Hydras wiederauftauchte und mit Captain America auch der Red Skull zurück kehrte, war ein höchst prominenter Nazi schon 1963 in Fantastic Four #21 zurückgekehrt. In diesem Heft stellten die Fantastischen Vier und Nick Fury einen Superschurken namens “Hate-Monger”. Dieser trat in einer Ku-Klux-Klan artigen Kutte auf (in geschmackvollem Flieder) und besaß einen “Hass-Strahler” (da ist sie wieder, die Liebe der 60er zu Strahlenwaffen aller Art) mit dem er Hass in jedem Menschen erzeugen konnte. Diesen Hass-Strahl konnte er auch von einer Orbitalplattform abschießen, um ganze Regionen in einen Hassrausch zu versetzen, was er auch im südamerikanischen “San Gusto” sogleich versuchte.

Die Fantastischen Vier und Nick Fury konnten diesen Plan verhindern, der Hate-Monger wurde von einem seiner eigenen Soldaten erschossen (nachdem dieser eine Dosis Hass-Strahlen abbekommen hatte). Und als man den Mann seine Kapuze abnahm, offenbarte sich die wahre Identität des Hate-Mongers: ADOLF HITLER!
Jawohl, schon ein Dutzend Jahre vor “The Invaders” hatte Hitler in dieser Storyline den Sprung vom verachtenswertesten Verbrecher der Geschichte (und ich wage hier zu werten) zum Comic-Superschurken geschafft. “Silver-Age” wackiness at its best…

Den Widerspruch, dass die Human Torch doch den Führer getötet hatte, löste Marvel später auf, indem man in “Super-Villain Team Up #17” (1980) erklärte, dass der deutsche Wissenschaftler Arnim Zola kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges den Körper Adolf Hitlers geklont hatte und der Führer nun in der Lage war, im Notfall seinen Körper zu wechseln wie andere Leute ihre Unterwäsche und der so auch dem Flammentod durch die Hand der Human Torch entgangen war. Und so durfte der Hate-Monger nun immer mal wieder auftauchen und möglichst effektvoll sterben… der kommt schon wieder. Eine eindeutiger “Abwertung”, Hitler war in dieser Hinsicht nichts weiter als ein typischer Comicschurke eben, der sogar eine Liga tiefer spielte als klassische Schurken wie Doc Ock, der Green Goblin oder der Red Skull (für den er zeitweise arbeitete). Allerdings sollte Hitler sein Körper-Wechsel-Dich- Spielchen zuletzt übertreiben: als kein neuer Klonkörper mehr vorhanden war, wurde Hitlers Geist in einem “Cosmic Cube” (einem von A.I.M. [eine Untergruppe von HYDRA]) konstruierten Allmachtsobjekt) gefangen.

Dass der Krieg fast ein halbes Jahrhundert vorüber war sollte die Marvel-Nazis nicht davon abhalten, auch weiterhin nach der Weltherrschaft zu streben. Nach der Wiedervereinigung der BRD mit der DDR tauchten zwei weitere “alte Bekannte” auf. Kurz vor Kriegsende ließ ein Herr Nacht “Warrior Woman” und “Master Man” kryogenisch einfrieren und erwähnte später gegenüber seinem Sohn, dass dieser die Aufgabe habe, die beiden wiederzuerwecken. Warrior Woman und Master Man blieben unter Berlin verborgen, bis sie in einer Geschichte von 1991, die in Namor #10 – 12 nachzulesen ist, wiedererweckt wurden, nachdem die beiden Nazis bisher durch die Berliner Mauer voneinander getrennt waren (Achtung, meine Interpretation: zum Hintergrund dieser Geschichte… ich denke, hier kann man zumindest im Ansatz eine gewisse Angst erkennen, die nach zwei Weltkriegen viele westliche Staaten immer noch hatten, als 1990 die BRD und die DDR wiedervereinigt wurden… weder der französische Präsident Francois Mitterrand noch Englands Noch-Premierministerin Margaret Thatcher waren von diesem spontanen Wandel im Status Quo sonderlich begeistert. Vielerorts kam zumindest unterbewusst die Angst auf, dass bald wieder ein militaristisches Deutschland den Frieden in Europa bedrohen würde). Der junge Nacht verliebte sich in “Warrior Woman”, betrog den alten “Master Man” so, dass dieser gegen Namor in einem Duell verlor, und machte sich selber zum neuen “Master Man”, der nun das Vierte Reich über die Menschheit bringen sollte. “Master Man I” nahm diesen Verrat als Anlass, das Labor in die Luft zu jagen; allerdings wurden weder die Leichen von “Master Man II” noch von “Warrior Woman” gefunden… [der Master Man sollte auch in “Heroes Reborn” zusammen mit dem Red Skull wieder gegen Cap antreten].

Es ist also mehr als wahrscheinlich, dass auch in Zukunft Comicnazis mit bizarren Namen versuchen werden, die Weltherrschaft an sich zu reißen…

Ein letzter “They never come back”-Widerleger tauchte in den West Coast Avengers #98 – 100 (1993) auf, und hier wurde ein real existierender Nazi zum Comicschurken gebogen, in ähnlicher Form, wie das mit Hitler 1963 geschah. Das heißt: dümmlicher Name und dümmliches Kostüm inklusive.

Heinrich Himmler, Reichsführer SS und einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust (ihm unterstanden die Totenkopfverbände der SS und die Organisation der KZs, die Heydrichs SD seit 1933 in Deutschland errichtet hatte). Verantwortlich für die “Germanisierung” der Ostgebiete (Ansiedlung von “Volksdeutschen” und Vertreibung oder Massenmord der dort ansässigen slawischen Bewohner) und die Umwandlung bestimmter Konzentrations- in Vernichtungslager, inklusive der Vergasung von Millionen von Juden [durch Zyklon B]. Himmler beging nach Ende des Zweiten Weltkrieges in britischer Gefangenschaft Selbstmord.

Im Marvel-Universum ist Himmler für all dies in der Hölle gelandet (alles andere wäre auch verwunderlich gewesen, eh?). Genauer: in einer Abteilung der Hölle, die der Dämon Mephisto kontrollierte. Hier stahl ein anderer Dämon, Satannish, die Seele Himmlers, damit dieser zusammen mit anderen Insassen der Hölle als “Lethal Legion” Rache an den Westküsten-Avengers nehmen konnte, die Satannish zuvor geschlagen hatten. Himmler wurde nun der Name “Zyklon” gegeben (an dieser Stelle wäre sicher ein Adenoid-Hynkel-Preis für die geschmackloseste Idee angebracht) und “Zyklon” war in der Lage, Giftgas aus seinen Handschuhen zu verschießen, um seine Feinde zu besiegen. Zu der Lethal Legion gehörte auch “Cold Steel”… die Seele Josef Stalins. Himmler, Stalin und der Rest der Lethal Legion wurden schließlich entmachtet, als Satannish ihnen die Fähigkeiten wieder entzog, um sich gegen Mephisto zu verteidigen.

Zis eevil Germans

Und zum Abschluss möchte ich noch ein Beispiel für böse Deutsche im Comic nennen, das zwar nicht von Marvel stammt, aber alle Eigenschaften des Comicdeutschen aufzeigt. Gnadenlosigkeit, Brutalität, Bösartigkeit und ein generell bedrohliches Auftreten. In “Elongated Man” #1 bis #4 (1992) trat Ralph Dibney gegen die Verbrecherorganisation “Eurocrime” an, deren Mitglieder sich als Landesspeisen verkleideten (sic!). Und die Erwähnung der deutschen Abteilung dürfte Angst und Schrecken in jedem noch so hartgesottenen Superhelden hervorrufen, nannte sie sich doch (in Anlehnung ans Dritte Reich… da haben wir wieder die Gedankenverbindung) “Wurstwaffe” [Heft #3 hieß dann auch treffenderweise “From Bad to Wurst”] und bestand aus so bedrohlichen Schurken wie Knackwurst, Blutwurst, Bockwurst und Leberwurst, die noch mächtiger wurden, wenn sie sich zusammenschlossen… Soviel dazu.

Und mit einem Zitat aus der Simpsons Episode “Cape Feare” beende ich dann diesen kleinen Exkurs: “No one who speaks German could be an evil man.”