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von Thomas Kögel Freitag, 28. Dezember 2007

gipfel_cover.jp 2007 könnte als das Jahr in die Comicgeschichtsschreibung eingehen, in der der deutsche Markt einen Meister aus Japan endgültig entdeckt hat: den Mangaka Jiro Taniguchi. Endlich, muss man sagen. Der inzwischen 60jährige veröffentlicht seit den siebziger Jahren und wurde international mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, doch erst jetzt trauen sich deutsche Verlage, seine Werke hier zu veröffentlichen.

Nach den großen Comicromanen Vertraute Fremde (Carlsen) und Die Stadt und das Mädchen sowie der Kurzgeschichten-Sammlung Der Wanderer im Eis (beide Shodoku) erscheint nun die erste längere Serie. Bei Gipfel der Götter, zuerst in der japanischen Zeitschrift Business Jump erschienen, fungierte Taniguchi allerdings "nur" als Zeichner; das Szenario stammt von Baku Yumemakura.

Gipfel der Götter ist ein alpines Drama, dessen die Hauptrolle eigentlich die Berge einnehmen. Die höchsten und schwersten Gipfel der Erde, die für den Menschen gleichermaßen Faszination, Herausforderung und Bedrohung darstellen. Der menschliche Hauptdarsteller ist Habu Yoshi, ein legendärer japanischer Bergsteiger, der die meisten wichtigen Berge bestiegen hatte, aber eines Tages spurlos verschwunden war.

 Der Alpinfotograf Fukamachi Makoto begegnet ihm kurz und zufällig in Nepal, und beginnt daraufhin, das Leben von Habu Yoshi zu erforschen. Er sucht zahlreiche ehemalige Gefährten des Bergsteigergenies auf und bittet sie, ihm ihre Erinnerungen an ihn mitzuteilen. So rekonstruiert Fukamachi, und mit ihm der Leser, mit Hilfe von Rückblenden Habus Karriere und seinen Weg in die Einsamkeit. Wie sich bald herausstellt, war Habu ein äußert schwieriger Zeitgenosse, der sich mit Menschen immer schwertat und erst an der Wand so richtig aufblühte. Dieser erzählerische Kniff macht aus Gipfel der Götter weit mehr als eine simple Abenteuergeschichte in den Bergen: die komplexe (fiktive) Biographie eines manischen Genies, der wir uns aus der Sicht eines Fremden (nämlich des Fotografen) nähern, verbunden mit einer spannenden, kriminalistischen Spurensuche als Rahmenhandlung.

Doch der Manga ist nicht nur clever erzählt, sondern hat auch fürs Auge viel zu bieten. Die immer wieder eingestreuten Bergsteigerszenen sind optische Leckerbissen und sowohl dramaturgisch als auch grafisch die Höhepunkte der Geschichte. Hier entfalten sich dramatische Szenen, in denen es oft genug um Leben und Tod geht. Jiro Taniguchi gelingt es, Bergpanoramen von erschütternder Schönheit aufs Papier zu zaubern, die nahe am Fotorealismus sind, aber durch viele verschiedende Blickwinkel eine Spannung erzeugen, wie es Foto- oder Filmaufnahmen kaum könnten. Auch wer noch nie an einer Steilwand hing, kann in diesem Manga die Mischung aus Schönheit und Schrecken spüren, die berüchtigte Berge wie die Eiger-Nordwand auszeichnen.

 Die lange Zurückhaltung deutscher Verlage bezüglich Jiro Taniguchi lag wohl auch daran, dass sein Stil zwar erkennbar japanische Wurzeln hat, aber ganz und gar nicht dem entspricht, was junge Mangafans erwarten. Für Manga-Verhältnisse hat Taniguchi einen ausgeprägt westlichen Stil, sein feiner, filigraner Strich legt auf detailreiche Hintergründe mindestens so viel Wert wie auf die handelnden Personen, statt pausenloser Action gibt es immer wieder sehr ruhige und zurückhaltende Szenen.

Ob das Thema Alpinismus wirklich genug hergibt, um eine Geschichte zu tragen, die auf fünf dicke Bände ausgelegt ist, wird sich noch herausstellen. Doch wenn Yumemakura und Taniguchi die Spannung halten können, die sie im ersten Band aufbauen, könnte es am Ende auf ein Meisterwerk hinauslaufen. Der zweite Band soll in Kürze erscheinen, man darf sich darauf freuen.


Gipfel der Götter 1
Shodoku bei Schreiber & Leser, Oktober 2007
Text: Baku Yumemakura
Zeichnungen: Jiro Taniguchi
Broschiertes Softcover; schwarz-weiß; 326 Seiten; 16,95 Euro
ISBN: 978-3-937102-71-9

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Bildquelle: schreiberundleser.de
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